Mit dem siebenbändigen Großprojekt „Der Islam – Aus den Überlieferungen“ hat die Abteilung „Übersetzung und Edition“ der DITIB-ZSU GmbH ein umfassendes Standardwerk ins Deutsche übertragen. Im NEX24-Interview spricht Abteilungsleiter Dr. Ahmet Inam über die Herausforderungen der Übersetzung prophetischer Überlieferungen, die Wissenslücke im deutschsprachigen Raum und die Ziele des Mammutprojekts.
Herr Inam, könnten Sie sich kurz vorstellen?
Gerne. Mein Name ist Ahmet Inam und ich bin 1976 in Herne geboren. Ich bin verheiratet, habe drei Töchter, einen Schwiegersohn und eine Katze.
1995 habe ich mein Abitur abgeschlossen und 1997 mein Studium an der Ruhr-Universität Bochum begonnen.
Bis zum Jahr 2000 studierte ich Sozialwissenschaften, doch da mich dieser Studiengang nicht wirklich erfüllte, wechselte ich zu Islamwissenschaften und Orientalistik mit dem Nebenfach Politikwissenschaften. Politikwissenschaften gab ich ebenfalls später auf und wählte den Studiengang Religionswissenschaften. Islamwissenschaften/Orientalistik und Religionswissenschaften schloss ich mit meinem Bachelor ab. Anschließend studierte ich Islamwissenschaften im Master.
Einige Jahre später schloss ich meine Promotion zum Themenbereich „Sünde im Koran” an der Goethe-Universität in Frankfurt ab. Ich war zwei Jahre lang wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und übernahm 2017 die Verantwortung der neu gegründeten Abteilung „Übersetzung und Edition“ bei der DITIB-ZSU GmbH.
Und aus dieser Abteilung kam das Werk „Der Islam – Aus den Überlieferungen“ unter Ihrer Leitung heraus?
Richtig, zusammen mit Übersetzern und hervorragenden Redaktionskollegen.
Warum wurde „Hadislerle İslam“ bzw. „Der Islam – Aus den Überlieferungen“ ins Deutsche übersetzt?
Das siebenbändige Werk „Der Islam – Aus den Überlieferungen“ ist nicht nur in der Türkei, sondern aufgrund der vielen Übersetzungen in andere Sprachen auch international bekannt. Es wurde von der Diyanet, also dem Präsidium für Religionsangelegenheiten, herausgegeben.
An diesem Werk haben über 80 Wissenschaftler mitgewirkt, die hauptsächlich Experten im Bereich der Hadîswissenschaften sind. Allein dieser Aufwand, die große Beteiligung von mehreren Hadîswissenschaftlern und die sehr breit gefächerten Themen waren Grund genug für eine Übersetzung.
Ein weiterer Grund ist die Absicht hinter diesem Werk. Es soll den Menschen nicht nur die Hadîse näherbringen, sondern sie auch aus den Überlieferungen, der zweiten Hauptquelle, heraus über den Islam informieren. Das Werk schlägt eine Brücke zwischen klassischem, universalem Religionswissen und den praktischen Herausforderungen der Gegenwart.
Und um diesem Anspruch gerecht zu werden, wurde bewusst auf eine rein wissenschaftliche Fachsprache verzichtet. Der Stil ist so gewählt, dass er wissenschaftlich fundiert, aber dennoch für die Allgemeinheit leicht verständlich und nachvollziehbar bleibt.
Und warum besteht im deutschsprachigen Raum Bedarf für ein solches Werk?
Weil die islamische und insbesondere die wissenschaftliche Literatur in Deutschland, die die islamische Perspektive einnimmt, nicht nur sehr spärlich ist, sondern sich auch auf bestimmte Themen beschränkt. Ein Werk, das alle wichtigen Themen des Islam miteinbezieht, sich mit aktuellen Themen befasst und zum Denken anregt, gibt es in dieser Form nicht.
Ist die Übersetzung eines Hadîs lediglich eine Übertragung von Wörtern in eine andere Sprache, oder geht es dabei auch um die Vermittlung von Bedeutung und kulturellem Kontext?
Es ist eine untrennbare Synthese aus beidem. Die präzise, wortwörtliche Übertragung einer Überlieferung ist in den Hadîswissenschaften von fundamentaler Bedeutung, da es sich um die Worte des Propheten Muhammad (s.a.s.) handelt. Auf die Relevanz dieser Genauigkeit wiesen nicht nur die Prophetengefährten (Sahâba), deren Nachfolger (Tâbiʿûn) und spätere Hadîsgelehrte hin, sondern der Prophet selbst.
Da es um das Fundament der Religion ging, warnte er Fälscher und jene, die in seinem Namen lügen, eindringlich vor den Strafen des Höllenfeuers. Eine fundierte Einführung in die Hadîswissenschaften (ʿUlûm al-Hadîs) bietet die Muqaddima (Einleitung) des besprochenen Werkes, verfasst von Prof. Dr. Mehmet Görmez, dem international anerkannten Gelehrten und ehemaligen Präsidenten des türkischen Präsidiums für religiöse Angelegenheiten (Diyanet).
Doch die alleinige, wortwörtliche Übertragung reichte natürlich nicht aus. Es liegt in der Natur des Menschen, die Worte geliebter Personen, in diesem Fall des geliebten Propheten, nicht nur zu lesen, sondern in ihrer Tiefe richtig zu begreifen. Dieses korrekte Verständnis ist die Voraussetzung dafür, das prophetische Wissen in die Praxis umzusetzen und den zeitgenössischen Herausforderungen sowie (gute und schlechte) Neuerungen im Einklang mit Koran und Sunna zu begegnen.
Diese tiefgehende Sensibilität und die Hingabe an das prophetische Wort formten die islamische Geistesgeschichte. Aus diesem Impuls heraus entstand bereits in der Frühzeit die islamische Jurisprudenz (Fiqh). Diese Wissenschaft befasst sich mit allen Facetten des religiösen, weltlichen, öffentlichen und privaten Lebens und schöpft ihre Normen primär aus dem Koran und den Hadîsen.
Und aus diesen genannten Gründen – der bestmöglichen Bewahrung des exakten Wortlauts einerseits und der Vermittlung der lebendigen, praxisorientierten Botschaft andererseits – wurden über die Jahrhunderte hinweg zahlreiche methodische Ansätze entwickelt, um Hadîse nicht nur sprachlich zu übersetzen, sondern sie für nachfolgende Generationen und andere Kulturkreise im vollen Umfang ihres Kontextes verständlich und anwendbar zu machen.
Diesen Anspruch verfolgt auch das vorliegende Werk. Durch eine innovative Methodik bereitet es die zentralen Themen des Islam – von Glaubensgrundlagen und ritueller Praxis über Gesellschaft, Tugendhaftigkeit bis hin zum Jenseits – systematisch auf. Es möchte den nachfolgenden Generationen genau jene Lebendigkeit und Dynamik weitervermitteln, die die prophetische Tradition seit jeher auszeichnet.
An wen richtet sich dieses Werk und wer kann davon profitieren?
Es richtet sich sowohl an die breite Bevölkerung als auch an Akademiker. Wie bereits erwähnt, ist der Stil des Werkes einfach und leicht verständlich. Es werden nicht nur Angaben zu den Koranversen und Hadîse gemacht, sondern auch Gelehrtenmeinungen mit Quellenangaben miteinbezogen. Profitieren wird jeder, der das Werk liest – selbst jene mit Vorbehalten.
Was möchten Sie einem Muslim, der dieses Werk auf Deutsch liest, oder einem deutschsprachigen Leser, der den Islam kennenlernen möchte, mit auf den Weg geben?
Es ist kein Buch, das man einfach in einem Rutsch durchliest. Immerhin sind es sieben Bände. Wer dies dennoch möchte, kann es natürlich machen. Viel besser ist es, nach einem Kapitel innezuhalten, die Gedanken schweifen zu lassen oder – das wäre mein ganz besonderer Tipp – sich mit Freunden oder der Familie in einem kleinen Lesekreis darüber auszutauschen.
Egal, ob der Leser selbst Muslim ist oder sich einfach nur für den Islam interessiert: Man muss beim Lesen dieses Werks nicht jedem einzelnen Punkt zustimmen. Mein Rat ist es aber, dass man unvoreingenommen an das Werk herangeht und es als großes Gesamtbild betrachtet.
Wenn man sich darauf einlässt, wird jeder Leser – ganz unabhängig vom eigenen Hintergrund – die Kernbotschaften, die Schönheit und die tiefen Lehren des Islam wunderbar verstehen und für sich mitnehmen können.
Was ist das nächste Ziel? Welche Werke werden derzeit übersetzt?
Derzeit übersetzen wir verschiedene Bücher und Werke. Es gibt Bücher für Kinder, von denen einige in den nächsten Monaten erscheinen sollten. Darüber hinaus werden in den nächsten Monaten ein rein wissenschaftliches Werk über die Geschichte des Hadîs sowie zwei Werke über den geliebten Propheten Muhammad (s.a.s.) erscheinen. Aktuell übersetzen wir Biografien über die vier sogenannten rechtgeleiteten Kalifen.
Auch ein Buch des international anerkannten Experten für osmanische Geschichte Halil Inalcik wurde übersetzt und lektoriert. Es fehlen derzeit nur noch die letzten Kontrollen.
Für mich von großer Bedeutung ist außerdem eine Tafsîr, also eine Koranexegese-Übersetzung. Sie besteht aus fünf Bänden und wurde ebenfalls vom selben Präsidium herausgegeben. Auch hier gibt es nicht nur einen Autor, sondern vier namhafte Wissenschaftler und Theologen aus der Türkei. Der erste Band ist bald fertig und wenn Allah will, dürfte das Gesamtwerk in zwei bis drei Jahren fertig sein.
Das Interview führten Dursun Atak und Mehmet Çevik
Zum Autor
Dr. Ahmet Inam ist Islam- und Religionswissenschaftler. Er promovierte 2015 an der Frankfurter Goethe-Universität am „Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam“ mit dem Titel „Die theologischen, juristischen und sozialen Dimensionen der Sünde im Koran“. Er ist Autor des Buchs „Der Islam – Eine Binnenperspektive“ (Ditibverlag, 2020).


