Balkankriege
Srebrenica: Albrights und Soros‘ Kampf für die Muslime

Wenn die Weltöffentlichkeit am heutigen Jahrestag des Massakers von Srebrenica der Opfer gedenkt, blickt sie auf eine Geschichte zurück, die bis heute polarisiert.

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Wenn die Weltöffentlichkeit am heutigen Jahrestag des Massakers von Srebrenica der Opfer gedenkt, blickt sie auf eine Geschichte zurück, die bis heute polarisiert.

Vor allem in der muslimischen Welt werden die ehemalige US-UN-Botschafterin Madeleine Albright und der Milliardär und Philanthrop George Soros oft kritisch gesehen – meist geprägt durch die spätere westliche Außenpolitik der späten 1990er-Jahre oder geopolitische Debatten der Gegenwart.

Doch ein weitgehend vergessenes, historisch dokumentiertes Kapitel des Bosnienkriegs (1992–1995) zeigt ein völlig anderes Bild: Jahre bevor die internationale Gemeinschaft nach jahrelangem Zögern endlich eingriff, führten Albright und Soros einen erbitterten, oft einsamen Kampf gegen die ethnischen Säuberungen an bosnischen Muslimen. Ihre eindringlichen Warnungen blieben ungehört – ein historisches Versäumnis, das das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg hätte verhindern können.

Eine gelähmte Weltordnung

Als 1992 der Krieg in Bosnien und Herzegowina ausbrach, reagierte die internationale Gemeinschaft mit einer Mischung aus Überforderung und kollektiver Lähmung. Nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens begannen ultranationalistische bosnisch-serbische Truppen unter der Führung von Radovan Karadžić und General Ratko Mladić mit der systematischen Vertreibung und Ermordung der bosniakischen (muslimischen) Bevölkerung.

Die Europäische Union und die Vereinten Nationen setzten primär auf Diplomatie, Verhandlungen und ein striktes Waffenembargo gegen die gesamte Region. Was theoretisch wie eine Friedensmaßnahme klang, entpuppte sich in der Praxis als Todesurteil für die bosnischen Muslime: Während die serbischen Truppen über die massiven Waffenbestände der ehemaligen Jugoslawischen Volksarmee (JNA) verfügten, waren die Verteidiger Bosniens kaum bewaffnet und von jeglichem Nachschub abgeschnitten.

Die UN errichtete zwar sogenannte „Schutzzonen“ – darunter auch Srebrenica –, verweigerte den dort stationierten Blauhelmsoldaten jedoch das robuste Mandat, diese Zonen auch militärisch effektiv gegen Angriffe zu verteidigen.

Madeleine Albrights Kampf gegen das Pentagon: Der „Powell-Doktrin“-Konflikt

In Washington war die Clinton-Regierung in den Anfangsjahren tief gespalten. Auf der einen Seite stand das mächtige Pentagon unter der Führung von General Colin Powell, dem Vorsitzenden der Joint Chiefs of Staff. Powell vertrat die nach ihm benannte „Powell-Doktrin“:

Die USA sollten militärisch nur dann intervenieren, wenn vitale nationale Sicherheitsinteressen auf dem Spiel standen, ein klares politisches Ziel existierte und eine überwältigende militärische Übermacht eingesetzt werden konnte. Ein humanitärer Einsatz in Bosnien passte nicht in dieses Schema.

Auf der anderen Seite stand Madeleine Albright, die frisch ernannte US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen. Als Geflüchtete, die vor den Nationalsozialisten und später vor den Kommunisten aus der Tschechoslowakei geflohen war, sah Albright im Zögern des Westens eine moralische Bankrotterklärung. Sie lieferte sich im Lagezentrum des Weißen Hauses legendäre, hitzige Wortgefechte mit der Militärführung. In ihren Memoiren hielt sie ihren berühmten Ausspruch an Powell fest:

„Wozu haben wir eigentlich dieses großartige Militär, von dem Sie immer sprechen, wenn wir es nicht einsetzen können?“

Albright argumentierte leidenschaftlich, dass die Androhung und der gezielte Einsatz von NATO-Luftangriffen der einzige Weg seien, um die serbische Belagerung von Städten wie Sarajevo zu brechen und die Zivilbevölkerung vor dem Genozid zu schützen. Während westliche Diplomaten in Genf und New York endlose Resolutionen verfassten, warnte Albright unmissverständlich, dass das Zögern des Westens wie ein Freifahrtschein für Massenmorde wirke.

Sie wurde in dieser Phase von Kritikern oft als „Kriegstreiberin“ beschimpft – doch die Geschichte sollte ihr auf tragische Weise recht geben.

Aus den Fehlern und dem quälend langen Zögern in Bosnien zog Albright später radikale Konsequenzen: Als US-Außenministerin setzte sie sich Ende der 1990er-Jahre im Kosovokrieg von Beginn an vehement für eine kompromisslose NATO-Intervention ein, um ein „zweites Srebrenica“ an der albanisch-muslimischen Bevölkerung im Kosovo im Keim zu ersticken.

Sie trieb die 78-tägige NATO-Bombardierung Jugoslawiens im Jahr 1999 ohne UN-Mandat voran. Kritiker und Medien nannten den Kosovokrieg damals sogar ganz offiziell „Madeleines Krieg“ (Madeleine’s War).

31. März 1999: US-Präsident Bill Clinton wird von Außenministerin Madeleine Albright, CIA-Direktor George Tenet, dem Vorsitzenden der Joint Chiefs of Staff, General Hugh Shelton, und weiteren Beratern zur Lage im Kosovo informiert.Foto: William J. Clinton Presidential Library

Die private Intervention: George Soros’ 50-Millionen-Dollar-Rettungsanker

Während Albright im bürokratischen Apparat Washingtons und der UN durch die militärische Führung blockiert wurde, handelte der Milliardär und Philanthrop George Soros auf rein humanitärer Ebene.

Schockiert über die Tatenlosigkeit der westlichen Regierungen, entschied sich Soros im Dezember 1992 zu einem für eine Einzelperson beispiellosen Schritt: Er stellte 50 Millionen Dollar aus seinem Privatvermögen zur Verfügung, um ein exklusives Nothilfeprogramm für die belagerte Bevölkerung in Bosnien aufzubauen.

Unter den Bedingungen der grausamen Belagerung von Sarajevo, bei der die serbischen Truppen die Wasser-, Gas- und Stromzufuhr der Stadt komplett gekappt hatten, reichte Geld allein nicht aus. Soros’ Stiftung, die Open Society Foundations, transportierte unter Lebensgefahr Ingenieure und hochkomplexe Bauteile in die belagerte Stadt.Das Herzstück dieser Hilfe war der Bau einer Wasserfilteranlage, die bombensicher geschützt in einem ehemaligen Luftschutzbunker von Sarajevo installiert wurde.

Diese Anlage war imstande, zehntausende Bürger täglich mit sauberem Trinkwasser zu versorgen, ohne dass sie sich an den von serbischen Scharfschützen ins Visier genommenen öffentlichen Brunnen in Lebensgefahr begeben mussten. Darüber hinaus finanzierte die Stiftung Generatoren für Krankenhäuser, reaktivierte Gasleitungen im bitteren Winter und unterstützte die unabhängige Zeitung Oslobođenje, damit die freie Berichterstattung in der belagerten Stadt nicht erstarb.

Laut dem Almanac of American Philanthropy belegen die Daten rückblickend eine historische Tatsache: Soros’ schnelles, unbürokratisches und rein privat finanziertes Eingreifen in Bosnien in den kritischen Wintern von 1992 bis 1994 rettete mehr zivile Leben als die logistischen Bemühungen aller westlichen Nationalstaaten zusammen.

Parallel zu dieser Logistik nutzte Soros seine globale mediale Reichweite und veröffentlichte flammende Essays in der New York Times und der Washington Post. Soros, der als Kind den Holocaust im besetzten Budapest überlebt hatte, zog direkte Parallelen zu den 1930er-Jahren. Am 18. Dezember 1992 erklärte er öffentlich:

„Mein Herz ist bei den Menschen, die vergewaltigt, geplündert und ermordet werden – nur weil sie bosnische Muslime sind. Die zivilisierte Welt muss sie beschützen, wenn wir selbst zivilisiert bleiben wollen.“

George Soros im Gespräch mit Ingenieuren und Arbeitern, die im November 1993 die Gasleitungen für die belagerte Bevölkerung von Sarajevo (Bosnien und Herzegowina) instand setzten – eine Maßnahme im Rahmen seines 50-Millionen-Dollar-Hilfsprogramms während des Krieges. (Foto: Screenshot/Open Society Foundation/B.Vuco)

August 1995: Die Aufklärungsbilder, die das Schweigen brachen

Die Tragödie gipfelte im Juli 1995. Die UN-Schutzzone Srebrenica fiel kampflos, während die dort stationierten niederländischen UN-Blauhelme von den serbischen Truppen überrannt wurden.

Innerhalb weniger Tage wurden über 8.000 bosniakische Männer und Jungen systematisch exekutiert.In den ersten Tagen nach dem Fall versuchten die Täter, die Spuren des Massenmords zu verwischen, indem sie die Leichen mit Bulldozern in improvisierten Massengräbern verscharrten und die Weltöffentlichkeit belogen.

Hier nutzte Albright die Kapazitäten der US-Geheimdienste und forderte die Freigabe von hochauflösenden Aufklärungsaufnahmen an.

Am 10. August 1995 trat Madeleine Albright vor den UN-Sicherheitsrat. In einer dramatischen, internen Sitzung zeigte sie den Mitgliedern geheime Satellitenbilder, die unter anderem Gefangene auf einem Fußballfeld zeigten. Gleichzeitig präsentierte sie freigegebene Aufnahmen von U-2-Spionageflugzeugen, auf denen die frisch aufgewühlte Erde über den Massengräbern deutlich zu erkennen war.

Vor den Weltmedien erklärte sie unmittelbar nach der Sitzung unmissverständlich:

„Es gibt überwältigende Beweise dafür, dass in dieser Region großflächige Gräueltaten an wehrlosen Zivilisten abseits des Schlachtfelds begangen wurden… Dies ist ein Fall, der eindeutig vom Kriegsverbrechertribunal untersucht werden muss.“

Dieser Moment brach die jahrelange diplomatische Lähmung im Westen. Die Bilder ließen keinen Raum mehr für Ausflüchte. Sie zwangen die Clinton-Regierung und die NATO schlussendlich zu den massiven Luftangriffen („Operation Deliberate Force“), die Albright und Soros bereits drei Jahre zuvor gefordert hatten.

Die Militäroperation zwang die serbische Führung an den Verhandlungstisch und führte schließlich zum Abkommen von Dayton – doch für die Opfer von Srebrenica kam dieses Einsehen Jahre zu spät.

In Bosnien und Herzegowina ist ihr damaliger Einsatz bis heute unvergessen.„Aufgrund ihrer eigenen Lebensgeschichte war sie eine wahre Kämpferin für die Gerechtigkeit; sie konnte Ungerechtigkeit einfach nicht ertragen. Sie verstand zutiefst, dass Bosnien bitteres Unrecht widerfahren war, und sie suchte unermüdlich nach Wegen, dieses Unrecht zu korrigieren. Sie wurde in jenen dunklen Jahren zu unserer Stimme in der Welt“, so der damalige bosnische Außen- und Premierminister Haris Silajdžić im Jahr 2022, als Albright verstarb.

Ein Tag gegen das Vergessen

Die Aufarbeitung dieses Versagens reicht bis in die unmittelbare Gegenwart. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat eine historische Resolution verabschiedet, die den 11. Juli offiziell zum „Internationalen Tag des Gedenkens an den Völkermord von Srebrenica“ erklärt.

Diese Resolution ist ein entscheidender Schritt im Kampf gegen den bis heute in Teilen des Balkans verbreiteten Revisionismus und die Leugnung des Genozids.

Der historische Rückblick zeigt eine fundamentale Lektion: Geschichte ist selten schwarz-weiß. Auch wenn spätere politische Weichenstellungen dazu geführt haben, dass beide Figuren im Nahen Osten und in Teilen der islamischen Welt heute höchst kritisch gesehen werden.

So eckte Soros im jüdischen Staat selbst immer wieder an, da er die israelische Politik gegenüber den Palästinensern wiederholt scharf kritisierte und seine Stiftung die Blockade sowie das militärische Vorgehen im Gazastreifen offiziell als völkerrechtswidrige „kollektive Bestrafung“ der Zivilbevölkerung anprangerte. Dennoch bleibt die historische Wahrheit auf dem Balkan unumstößlich.

Als Bosniens Muslime vor der existenziellen Vernichtung standen und die mächtigsten Staaten der Erde wegschauten, waren es eine US-Diplomatin und ein Milliardär, die zu ihren lautesten, entschlossensten und effektivsten Verteidigern wurden. Am heutigen Gedenktag von Srebrenica bleibt diese Allianz eine mahnende Erinnerung daran, dass politisches Zögern im Angesicht von Menschenrechtsverbrechen niemals neutral ist – es trägt immer einen verheerenden menschlichen Preis.

 


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