Bosnien
31 Jahre Srebrenica: Warum das Gedenken heute wichtiger ist denn je

Im Sommer 1995 verübten bosnisch-serbische Truppen unter den Augen der Weltöffentlichkeit den schwersten Völkermord auf europäischem Boden seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

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Morgen am 11. Juli 2026 jährt sich das Massaker von Srebrenica zum 31. Mal. Im Sommer 1995 verübten bosnisch-serbische Truppen unter den Augen der Weltöffentlichkeit den schwersten Völkermord auf europäischem Boden seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Über 8.300 bosnisch-muslimische Männer und Jungen wurden innerhalb weniger Tage systematisch exekutiert. Mehr als drei Jahrzehnte später ist das Trauma in Bosnien und Herzegowina unvergessen und die damaligen Ereignisse senden brandaktuelle Warnsignale in das Europa der Gegenwart.

Das kollektive Versagen der Weltgemeinschaft im Jahr 1995

Die Tragödie von Srebrenica bleibt untrennbar mit dem Versagen der internationalen Staatengemeinschaft verbunden. Im Frühjahr 1993 hatten die Vereinten Nationen die ostbosnische Enklave offiziell zur UN-Schutzzone erklärt. Tausende geflüchtete Bosniaken suchten im Vertrauen auf dieses Versprechen Schutz im Stützpunkt Potočari, der von niederländischen UN-Blauhelmsoldaten bewacht wurde.

Als die Einheiten der bosnisch-serbischen Armee unter General Ratko Mladić am 6. Juli 1995 den Angriff begannen und die Stadt unter Dauerbeschuss nahmen, blieb die dringend angeforderte Luftunterstützung der NATO aus. Am 11. Juli fiel die Enklave kampflos.

Was folgte, war eine logistisch geplante Vernichtungsaktion: Frauen und Kleinkinder wurden unter Zwang deportiert, während Männer und Jungen im Alter zwischen 13 und 78 Jahren systematisch selektiert, abtransportiert und in den umliegenden Wäldern und Fabrikhallen ermordet wurden. Bis heute sind nicht alle Opfer identifiziert, da die Täter die Massengräber später mit Baggern aushoben und die Überreste auf weit entfernte Gebiete verteilten, um das Ausmaß des Verbrechens zu vertuschen.

Hasan Hasanovic und das Zeugnis gegen das Vergessen

Hinter den abstrakten Opferzahlen stehen tausende Einzelschicksale, die das Grauen greifbar machen. Eines davon ist das des Überlebenden Hasan Hasanović. Als die serbischen Truppen Srebrenica einnahmen, floh er gemeinsam mit seinen Brüdern Hajro und Hasib in die umliegenden Berge, um das freie bosnische Territorium zu erreichen. Es war ein tagelanger Todesmarsch durch unwegsames Gelände, belagert von serbischen Jagdkommandos.

Beide Brüder verloren auf der Flucht ihr Leben. Hasanović hielt jedoch ein Versprechen, das er seiner Mutter gegeben hatte: Mindestens zwei Söhne sollten die Freiheit erreichen. Er ließ den Leichnam seines getöteten Bruders Hasib nicht zurück, sondern trug ihn über 20 Kilometer weit durch die Wälder bis in die sichere Zone. Hasib wurde später das erste namentlich erfasste und begrabene Opfer des Genozids.

Seine bewegende Geschichte hat Hasanović im Buch „Srebrenica. Kein Vergessen. Kein Vergeben“ festgehalten. Dieses Werk ist ein unverzichtbares Zeugnis über die Geschehnisse zwischen 1992 und 1995 und bietet Erzählungen aus erster Hand. Für Hasanović ist das Schreiben ein Akt des Widerstands gegen die Normalisierung von Hass. Er mahnt eindringlich, dass das Erinnern an die Opfer nicht nur eine historische Pflicht ist, sondern eine notwendige Abwehrhaltung gegen heutige Ideologien, die sich in antimuslimischem Rassismus und rechtsextremer Hetze manifestieren.

Genozid-Leugnung als politische Waffe im Jahr 2026

Obwohl internationale Strafgerichte die Massaker unmissverständlich als Genozid eingestuft und die Hauptverantwortlichen zu lebenslanger Haft verurteilt haben, ist der Frieden auf dem Westbalkan im Jahr 2026 extrem fragil. In Serbien und im serbischen Teil Bosniens, der Republika Srpska, wird der Völkermord von den politischen Eliten bis heute geleugnet oder systematisch verharmlost.

Diese Weigerungshaltung spiegelt sich auch im Bildungssystem wider, wo das Thema aus den Lehrplänen verbannt wird. Verschärft wird die Situation durch anhaltende separatistische Bestrebungen radikaler Nationalisten, die eine Abspaltung von Bosnien-Herzegowina vorantreiben und dabei moralische Rückendeckung von rechtsextremen Gruppierungen aus ganz Europa erhalten. Die Spaltung der Gesellschaft verfestigt sich dadurch im Alltag der nachfolgenden Generationen.

EU verurteilt Genozid-Leugnung scharf

Unterstreichend für diese anhaltende Problematik verurteilte die Europäische Union am Freitag vor dem Jahrestag offiziell jegliche Form der Leugnung. In einer gemeinsamen Erklärung der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas und der Erweiterungskommissarin Marta Kos hieß es unmissverständlich, dass es in Europa keinen Platz für Genozid-Leugnung, Revisionismus oder die Verherrlichung verurteilter Kriegsverbrecher gebe.

Die EU-Vertreterinnen bezeichneten das Massaker als eines der dunkelsten Kapitel der europäischen Geschichte und erinnerten an den Beschluss der UN-Generalversammlung vor zwei Jahren, den 11. Juli als internationalen Gedenktag zu verankern. Gleichzeitig riefen sie die politischen Führer der Region dazu auf, Verantwortung statt Spaltung und den Dialog statt der Konfrontation zu wählen.

Von Srebrenica bis Christchurch: Die Kontinuität des Hasses

Das Gedenken an Srebrenica besitzt im Jahr 2026 eine globale Relevanz, die weit über den Balkan hinausreicht. Ideologische Muster des antimuslimischen Rassismus, die damals zur Entmenschlichung der bosnischen Muslime führten, finden sich heute in den Manifesten moderner rechtsextremer Terroristen weltweit wieder.

So beriefen sich die Attentäter von Christchurch und Utøya in ihren Schriften explizit auf die serbischen Nationalisten der Balkankriege und verherrlichten die verurteilten Kriegsverbrecher von damals. Auch in Deutschland zeigen die rassistisch motivierten Anschläge von Halle und Hanau, wohin eine ungebremste gesellschaftliche Hetze und die Normalisierung von Hass führen können.

Das Erinnern an den Völkermord von Srebrenica ist daher kein Blick zurück in die Historie, sondern eine dauerhafte Mahnung für die Gegenwart, antimuslimischen Verschwörungstheorien und rechtsextremer Ideologie in einer offenen Gesellschaft entschlossen entgegenzutreten.

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