Anschlag in Hanau
Türkischer Botschafter: Neonazis werden Türkeistämmige nicht vertreiben

Der türkische Botschafter in Deutschland, Ali Kemal Aydin, erklärte nach dem Anschlag von Hanau in einem Interview, dass für viele Türkeistämmige Deutschland inzwischen eine neue Heimat geworden ist und sie sich von Neonazis nicht vertreiben lassen würden.

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Berlin – Der türkische Botschafter in Deutschland, Ali Kemal Aydin, erklärte nach dem Anschlag von Hanau in einem Interview, dass für viele Türkeistämmige Deutschland inzwischen eine neue Heimat geworden ist und sie sich von Neonazis nicht vertreiben lassen würden.

„Ich möchte menschenfeindlichen, rassistischen Neonazis etwas mit auf den Weg geben: Wenn ihr glaubt, dass ihr uns Türken durch solche feigen Anschläge so verängstigt, dass wir das Land verlassen, dann habt ihr euch getäuscht. Vor 60 Jahren wurden wir eingeladen zu kommen und Deutschland ist für viele, viele Menschen in diesen Jahren eine neue Heimat geworden. Egal, was ihr auch tut, die türkische Gemeinschaft wird ein Teil Deutschlands bleiben!“, sagte Aydin in einem Interview mit Hurriyet.de.

Gleichzeitig betonte der Botschafter, dass er die Bemühungen und Unterstützung durch die deutschen Politiker, und insbesondere der Bundeskanzlerin Angela Merkel, sehr schätze. Er glaube daran, dass sie auch weiterhin notwendige Schritte ergreifen würden.

Die Ankündigung durch Innenminister Horst Seehofer (CSU), Moscheen künftig stärker zu schützen, sehe Aydin als positiven Schritt in die richtige Richtung. So eine Maßnahme zeige, dass die Regierung die Situation ernst nimmt.

Zugleich betonte Aydin, dass noch viel getan werden müsse, was den Umgang mit Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie und Diskriminierung angeht. „Jetzt ist es an der Zeit, „Halt!“ zu sagen und die Lehren aus den letzten Vorkommnissen zu ziehen“, so Aydin. Es müssten Fehler „eingestanden und alte Mechanismen und Maßnahmen überdacht werden“. Eine ständige negative Berichterstattung über das Land, aus dem man komme oder die Religion, an die man glaube, könne verletzen. Man müsse zudem akzeptieren, dass Islamophobie in Europa mittlerweile ein mindestens genauso großes Problem sei wie Antisemitismus.

Der türkische Botschafter erinnerte auch an weitere türkeistämmige Opfer rechter Gewalt in Deutschland, wie etwa 1988 in Schwandorf mit drei Toten, 1992 in Mölln mit drei Toten, 1993 in Solingen mit fünf Toten und 2008 in Ludwigshafen mit neun Toten, sowie die Opfer des NSU.

Auch in einer Pressemitteilung der Botschaft äußerte sich Aydin zu dem Anschlag in Hanau:

Der gestern Abend in Hanau, Deutschland verübte niederträchtige Anschlag ist ein neuer und schwerwiegender Ausdruck des zunehmenden Rassismus und der Islamfeindlichkeit.
Wir sprechen den Familien der Verstorbenen, insbesondere unseren Staatsbürgern, unser Beileid aus und wünschen den Verletzten eine rasche Genesung.
Diese Vorfälle kann man nicht als einzelne Angriffe betrachten. Die Gleichgültigkeit gegenüber dem Kampf gegen die zunehmende Fremdenfeindlichkeit in Europa, führt Tag für Tag zu neuen Angriffen.
Es ist an der Zeit, diesen Angriffen ein Ende zu setzen. Andernfalls können Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ein noch ernsteres Ausmaß erreichen und uns in eine gefährliche Lage versetzen.

Die Lösung zur wirksamen Bekämpfung von Rassismus, Fremden- und Islamfeindlichkeit liegt vor allem darin, diesem ermutigenden Ansatz zu entgehen und wirksame Maßnahmen dagegen zu ergreifen.

Jetzt ist es an der Zeit, dass sich alle europäischen Länder gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zusammenschließen und mit einer Stimme sprechen.

Wir sind entschlossen, die notwendige Zusammenarbeit auf bilateraler und internationaler Ebene bei der Bekämpfung aller Arten von Rassismus aufzuzeigen, und werden unsere aufrichtigen Bemühungen in dieser Richtung fortsetzen.

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