Türkei-Besuch
Polnischer Präsident Nawrocki auf Türkisch: „Merhaba Asker!“

Beim Staatsbesuch in Ankara sorgt Polens Präsident für ein virales Video. Der Hintergrund ist eine faszinierende, 600-jährige gemeinsame Geschichte.

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Ankara – Ein sympathischer Protokollbruch sorgt derzeit in den sozialen Netzwerken für Begeisterung: Beim offiziellen Staatsbesuch in Ankara begrüßte der polnische Präsident Karol Nawrocki die türkische Ehrenwache auf Türkisch.

Was wie ein moderner Social-Media-Hit wirkt, ist in Wahrheit Ausdruck einer tiefen, über sechs Jahrhunderte alten Verbindung zwischen beiden Nationen. Neben neuen milliardenschweren Wirtschaftszielen stand vor allem eine historisch beispiellose Solidarität im Mittelpunkt.

Es war der Moment des zweitägigen Staatsbesuchs, der sofort viral ging: Als der polnische Präsident Karol Nawrocki vom 23. bis 24. Juni 2026 in der türkischen Hauptstadt empfangen wurde, schritt er traditionell die Front der Ehrengarde ab.

Doch statt der üblichen Übersetzung rief Nawrocki der Presidential Guard mit kräftiger Stimme ein fehlerfreies „Merhaba Asker“ entgegen – zu Deutsch: „Hallo Soldaten“. Die sichtlich erfreute Reaktion der Soldaten und die anschließende Dynamik in den Netzwerken zeigten sofort, dass dieser Besuch weit über die übliche, steife Staatsdiplomatie hinausging.

Zuvor war Nawrocki mit einer feierlichen Zeremonie am Präsidentschaftskomplex empfangen worden, eskortiert von Kavallerie-Einheiten und begleitet von den Nationalhymnen beider Länder sowie 21 Ehrensalutschüssen. Neben den aktuellen politischen Delegationen waren auch Soldaten in historischen Uniformen vertreten, die symbolisch für die 16 historischen türkischen Staaten standen.

Neue wirtschaftliche Horizonte und die NATO-Allianz

Hinter den herzlichen Bildern stecken jedoch handfeste geopolitische und wirtschaftliche Interessen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan zog eine äußerst positive Bilanz der bisherigen Zusammenarbeit.

Nachdem das ursprünglich gesetzte Ziel von 10 Milliarden Dollar Handelsvolumen erfolgreich geknackt wurde, vereinbarten beide Staatschefs nun eine neue Zielmarke von 15 Milliarden Dollar. Insbesondere polnische Investitionen in der Türkei und das Engagement türkischer Bauunternehmer in Polen – die dort aktuell Projekte im Wert von rund 9 Milliarden Dollar umsetzen – bilden das Fundament dieser Partnerschaft.

Darüber hinaus wollen beide Länder im Rahmen der sogenannten „Drei-Meere-Initiative“, einer strategischen Infrastruktur-Plattform im Bereich Transport und Energie, noch enger kooperieren. Als zwei der wichtigsten Säulen der europäischen Sicherheits- und Verteidigungsarchitektur betonten die beiden NATO-Partner zudem die Notwendigkeit, die Zusammenarbeit in der Rüstungsindustrie massiv zu stärken.

Neben dem Ukraine-Krieg und regionalen Sicherheitsfragen sprach Erdoğan auch die Lage im Nahen Osten an und betonte die Erwartung, dass Polen seine Unterstützung für eine dauerhafte Zweistaatenlösung und die Anerkennung eines palästinensischen Staates fortsetzt.

Als Polen von der Landkarte verschwand: Die unerschütterliche Treue des Sultans

Was in Westeuropa heute kaum jemand weiß: Die Fundamente für dieses tiefe Vertrauen wurden bereits vor Jahrhunderten gelegt. Die Türkei und Polen blicken auf eine der beständigsten diplomatischen Freundschaften der Weltgeschichte zurück.

Als Polen am Ende des 18. Jahrhunderts durch die absolutistischen Monarchien Russland, Preußen und Österreich dreimal aufgeteilt und schließlich komplett von der Landkarte ausradiert wurde, zeigte das Osmanische Reich eine historisch beispiellose Haltung: Die osmanischen Sultane waren die einzige Großmacht der damaligen Welt, welche die völkerrechtswidrige Aufteilung Polens niemals anerkannten.

Die Osmanen lehnten die imperiale russische Einflussnahme in Polen strikt ab und gingen sogar so weit, dem Russischen Zarenreich den Krieg zu erklären, um sich aktiv mit den polnischen Freiheitskämpfern und dem aufständischen Adel zu solidarisieren.

Aus dieser Zeit stammt auch eine legendäre diplomatische Anekdote: Bei offiziellen Empfängen im Sultanspalast zu Istanbul wurden die ausländischen Diplomaten einzeln ausgerufen. Kam die Reihe an Polen, blieb der Platz leer, und der osmanische Protokollchef rief laut in den Saal: „Der Gesandte aus Polen ist noch nicht eingetroffen.“ Damit signalisierte das Reich der gesamten Welt, dass Polen für die Osmanen weiterhin als freie Nation existierte.

Ein polnischer Freiheitsheld wird zum osmanischen Pascha

Diese tiefe Verbundenheit führte dazu, dass das Osmanische Reich im 19. Jahrhundert zu einem sicheren Hafen für Tausende polnische Flüchtlinge, Intellektuelle und Militärs wurde. Das faszinierendste Beispiel für diese Schicksalsgemeinschaft ist die Lebensgeschichte von General Józef Zachariasz Bem.

Geboren 1794 im polnischen Tarnów, kämpfte Bem zunächst im napoleonischen Russlandfeldzug und später als gefeierter Kommandant im polnischen Novemberaufstand von 1830 gegen die russische Besatzung. Als 1848 die ungarische Revolution gegen die Habsburger ausbrach, stellte er sich erneut in den Dienst der Freiheit und wurde zu einem der fähigsten Generäle der Revolutionsarmee.

Nach der blutigen Niederschlagung der Revolution durch österreichische und russische Truppen war Bem im eigenen Land des Todes. Er floh ins Osmanische Reich, wo ihm der Sultan sofort Asyl und Schutz vor der Auslieferung gewährte. Bem konvertierte zum Islam, nahm den Namen Murad Tevfik Pascha an und stieg in der osmanischen Armee schnell zum General auf.

Schließlich wurde er zum Gouverneur von Aleppo im heutigen Syrien ernannt. Bis zu seinem Tod im Jahr 1850 modernisierte er die dortigen Verteidigungsanlagen und schützte die Region erfolgreich vor Aufständen – ein polnischer Nationalheld, der als osmanischer Pascha bleibende Spuren hinterließ.

Das virale „Merhaba Asker“ von Präsident Nawrocki in Ankara war somit weit mehr als eine gelungene PR-Aktion. Es war eine direkte Hommage an eine Jahrhunderte alte Brücke zwischen Istanbul und Warschau, die bis heute trägt.

 

 

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