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Gastkommentar
Warum der Nationalstaat nicht verschwindet: Die Grenzen der Globalisierung

Özgür Çelik: Warum Nationalstaaten trotz Globalisierung bestehen bleiben und welche Rolle kollektive Identität und Religion dabei spielen.

(Symbolfoto: nex24)
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Ein Gastbeitrag von Özgür Çelik

Im Zentrum der Nationalismusdebatten standen lange Zeit zwei grundlegende Annahmen. Die erste davon besagt, dass Nationen historisch nur dann politische Unabhängigkeit und dauerhafte Existenz erlangen können, wenn sie eine bestimmte ökonomische und demographische Schwelle überschreiten.

In dem von Marx und Hobsbawm geprägten Ansatz wird die Nation als eine Einheit definiert, die über eine der modernen kapitalistischen Ökonomie entsprechende Bevölkerungsgröße, ein hinreichendes Territorium und einen funktionsfähigen Binnenmarkt verfügt.

Politische Unabhängigkeit galt nur dann als sinnvoll, wenn sie mit wirtschaftlicher Selbstgenügsamkeit einherging; kleinere Nationen, die diese Kriterien nicht erfüllten, wurden entweder als Hindernisse der kapitalistischen Entwicklung oder als marginale Elemente des historischen Prozesses betrachtet.

Dieses Verständnis erschien insbesondere für den Kapitalismus des neunzehnten Jahrhunderts, der auf Schwerindustrie, große Reservoirs ungelernter Arbeitskräfte und großskalige Produktionseinheiten angewiesen war, als schlüssig. Die Nation wurde in diesem Zusammenhang als ein weit gefasster territorialer Markt gedacht, der den Umlauf von Kapital, Arbeit und Waren ermöglichte und historische Legitimität in dem Maße erlangte, in dem sie eine zentrale Rolle in der internationalen Arbeitsteilung spielte.

Nationalismus wurde aus dieser Perspektive als ein Phänomen verstanden, das den Fortschritt des Kapitalismus begleitete oder gar als dessen strukturelle Spiegelung erschien; politische Unabhängigkeit wurde als eine vorübergehende Phase der Integration in das globale Wirtschaftssystem interpretiert.

Wandel der ökonomischen Souveränität

Dieser Ansatz weist jedoch einen erheblichen Reduktionismus auf, da er die historischen Transformationen des Kapitalismus unzureichend berücksichtigt. Seit dem letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts beruht der fortgeschrittene oder postindustrielle Kapitalismus weniger auf Schwerindustrie und massenhafter ungelernter Arbeit als vielmehr auf Dienstleistungssektoren, hochspezialisierter Arbeit und entwickelten Informationstechnologien.

Flexible Spezialisierung, netzwerkbasierte Produktionsformen und wechselseitige Abhängigkeitsverhältnisse haben die klassische Verbindung zwischen ökonomischer Größe und politischer Souveränität erheblich geschwächt. In diesem neuen Kontext hat wirtschaftliche Leistungsfähigkeit weitgehend ihre Bedeutung als absolute Selbstgenügsamkeit verloren; vielmehr ist deutlich geworden, dass kleinräumige politische Einheiten durch die Einbindung in globale Netzwerke ein hohes Wohlstandsniveau erreichen können.

Von Island bis Singapur, von der Schweiz bis Taiwan haben zahlreiche kleine Staaten trotz begrenzter Bevölkerungszahlen und natürlicher Ressourcen ihre politische Unabhängigkeit bewahrt und diese sogar in einen Vorteil zur Erweiterung ihres wirtschaftlichen Handlungsspielraums verwandelt.

Diese Beispiele zeigen, dass Größe und Maßstab in der heutigen Welt ihre zentrale Bedeutung innerhalb der moralischen Ökonomie verloren haben, während politische Autonomie sowohl für kleine Nationen als auch für ethnische Gemeinschaften weiterhin einen grundlegenden Wert darstellt.

Diese Entwicklung macht zugleich deutlich, dass Hobsbawms Analyse des Nationalismus nur eine historisch begrenzte Gültigkeit besitzt. Die auf den Erfahrungen des neunzehnten Jahrhunderts beruhenden ökonomisch-reduktionistischen Annahmen neigen dazu, die inneren Dynamiken von Kulturen und politischen Einheiten zu vernachlässigen.

Kultur und Politik als eigenständige Kräfte

Die Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts haben hingegen gezeigt, dass teleologische Ansätze, wonach kulturelle Einheiten sich zwangsläufig bestimmten ökonomischen oder politischen Entwicklungsstufen anpassen müssten, wenig überzeugend sind. Während wirtschaftliche Organisationen in Bezug auf Maßstab, Technologie und Tätigkeitsfelder wachsen, sind politische und kulturelle Einheiten nicht gezwungen, sich in gleicher Richtung und im gleichen Tempo zu transformieren.

Kultur und Politik verfügen über eigene Prozesse und Rhythmen, die sich nicht vollständig mit der ökonomischen Sphäre decken. Die Ausbreitung der Massenmedien und technologische Entwicklungen haben paradoxerweise sowohl die ökonomische Zentralisierung beschleunigt als auch die soziale Dichte kleinräumiger kultureller Netzwerke und ethnischer Gemeinschaften erhöht. Aus diesem Grund lässt sich kein direkter und notwendiger Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Wachstum und dem Aufstieg ethnischer Nationalismen herstellen.

Die Rolle der Religion und kollektive Unsterblichkeit

Eine weitere wichtige Dimension der Nationalismusdebatte betrifft die Rolle der Religion in der modernen Welt. Die Rückkehr der Religion oder religiöser Symbole ausschließlich als Reaktion auf Angst, Wut oder den Zerfall traditioneller Werte zu interpretieren, verkennt die Komplexität der globalen Realität. Religiöse Mythen und Symbole bieten aufgrund ihrer langfristigen gemeinschaftsbildenden Kapazität sowohl Individuen als auch Eliten in Zeiten raschen Wandels und der durch die Moderne erzeugten Unsicherheiten mächtige Sinnressourcen.

Religion fungiert nicht nur durch das Versprechen individueller Erlösung, sondern auch durch die Vorstellung kollektiver Unsterblichkeit. Diese Vorstellung verbindet sich über Mythen der Erwähltheit mit einer diesseitigen Erwartung von Erlösung, die die historische Kontinuität einer Gemeinschaft über zukünftige Generationen hinweg absichert.

Der moderne Nationalismus hat es verstanden, dieses religiöse Erbe mit ethno-historischen Erinnerungen und der Idee eines historischen Vaterlandes zu verknüpfen und ihm so eine politische Dimension zu verleihen. Auf diese Weise sind das Versprechen individueller Unsterblichkeit und das Ideal kollektiver, diesseitiger Kontinuität ineinander übergegangen.

Der Staat als Instrument des nationalen Willens

Nationalismus wird häufig als eine politische Bewegung definiert, die Nation und Staat miteinander zu identifizieren versucht. Nach dieser Auffassung würde der Nationalismus ohne ein staatliches Ziel auf ein bloß folkloristisches Interesse reduziert bleiben. Auch wenn diese These einen gewissen Wahrheitsgehalt besitzt, greift es zu kurz, das Wesen des Nationalismus allein auf das Ziel der Staatsgründung zu reduzieren.

Das zentrale Anliegen des Nationalismus besteht vielmehr darin, den Staat dem Willen der Nation unterzuordnen und die politische Macht als Ausdruck der Interessen und Werte einer kulturell definierten Gemeinschaft zu gestalten. In diesem Sinne vertritt der Nationalismus die Vorstellung, dass die höchste Loyalität des Individuums der Nation gelten sollte; diese Loyalität muss jedoch nicht zwangsläufig die Form eines vollständig souveränen Staates annehmen.

Wie die Beispiele Schottlands oder Kataloniens zeigen, können auch föderale oder besondere politische Statusformen mit nationalistischen Forderungen vereinbar sein. Der Staat ist aus dieser Perspektive weniger ein Zweck als vielmehr ein Mittel: eines der wirksamsten Instrumente, um der Nation eine Stimme zu verleihen und ihren Willen umzusetzen, jedoch nicht das einzige.

Die Beständigkeit des Nationalstaats in einer globalisierten Welt

Gleichwohl zeigt die historische Erfahrung, dass der Nationalstaat die verbreitetste und effektivste Form zur Verwirklichung der Ziele des Nationalismus darstellt. Der Nationalstaat bezieht seine Kraft und Kontinuität aus einem ethno-historischen Kern sowie aus einem Geflecht gemeinsamer Mythen, Erinnerungen und Symbole. Der kulturelle Rahmen, den seine Bürger im öffentlichen Raum teilen, ist trotz innerer Vielfalt hinreichend umfassend und verbreitet. Diese kulturelle Gemeinsamkeit stärkt sowohl den inneren Zusammenhalt als auch die äußere Abgrenzbarkeit.

Selbst in mehrsprachigen und multiethnischen Beispielen wie der Schweiz oder den Vereinigten Staaten besteht die nationale Identität fort, indem sie sich um eine gemeinsame öffentliche Kultur und eine dominante historische Erzählung organisiert. Dieses wechselseitige Verhältnis von Staat und Nation ist einer der Hauptgründe dafür, dass der Nationalstaat auch in der modernen Welt der zentrale politische Akteur geblieben ist.

Großräumige Integrationsprojekte wie die Europäische Union sind ebenfalls in diesem Rahmen zu betrachten. Sie können einerseits als ambitionierte Versuche gesehen werden, die Nation zu ersetzen, andererseits als neue und noch nicht ausgereifte Formen politischer Gemeinschaft. Historisch betrachtet haben menschliche Gemeinschaften stets in einem Zyklus von Vereinigung und Auflösung existiert.

Der Aufstieg und Zerfall großer Imperien sowie Phasen feudaler Zersplitterung und erneuter Zentralisierung sind Ausdruck dieses Musters. Moderne Gesellschaften haben diesen Zyklus nicht aufgehoben, sondern ihn durch kulturelle Politisierung und massenhafte Mobilisierung vielmehr komplexer gestaltet. Globale Interdependenz beseitigt kulturelle Unterschiede nicht, sondern macht sie sichtbarer und fördert damit die erneute Politisierung ethnischer und kultureller Identitäten.

Abschließend lässt sich festhalten, dass das destruktive und gewaltträchtige Potenzial des Nationalismus nicht zu leugnen ist, Nation und Nationalismus jedoch weiterhin einen konkurrenzlosen soziokulturellen Rahmen in der modernen Weltordnung bieten. Nationale Identität stellt für viele Menschen ein starkes Bedeutungsfeld dar, das Bedürfnisse nach kultureller Erfüllung, Sicherheit, Verwurzelung und Solidarität befriedigt.

Die ethno-historischen Grundlagen der Nationen machen sie zu weitreichenden und widerstandsfähigen Gemeinschaften und bewahren sie davor, bloße vorübergehende politische Projekte zu sein. Daher ist es wenig realistisch anzunehmen, dass der Nationalismus in naher Zukunft verschwinden oder die Nation überwunden werden wird.

Die globale Kultur scheint nicht über die notwendige Bedeutungstiefe zu verfügen, um die kollektiven Glaubens- und Unsterblichkeitsversprechen zu ersetzen, die Religion oder ethnischer Nationalismus bieten.

Unter den sich rasch wandelnden Bedingungen der modernen Welt liegt der eigentliche Grund für die fortdauernde Existenz von Nationen und Nationalstaaten nicht allein in ökonomischem oder politischem Nutzen, sondern in ihrer Fähigkeit, gegenüber Tod und Vergessen ein kollektives Versprechen irdischer Unsterblichkeit zu formulieren.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


 Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland.


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