Arn Strohmeyer
Kommentar: Zum Tod von Felicia Langer

Von Arn Strohmeyer Wenn es einen Satz gibt, der das Leben und Wirken von Felicia Langer in wenigen Worten zusammenfasst, dann ist es der Titel eines ihrer Bücher: „Lasst uns wie Menschen leben!“ Das war der kategorische Imperativ ihrer Arbeit als Rechtsanwältin in Israel und später als Publizistin in Deutschland: sich unermüdlich und mit aller Kraft für die Rechte der unterdrückten Palästinenser einzusetzen. Solidarität mit und Kampf für die Entrechteten, Geschundenen und Vertriebenen – das war ihr ganzer Lebensinhalt. „Sich fügen heißt Lügen!“ hat sie in diesem Zusammenhang oft gesagt. Auch dieser Maxime ist diese außergewöhnliche Frau kompromisslos gefolgt, was in Konsequenz zum völligen Bruch mit dem zionistischen Israel führen musste, das für sie – je mehr sie dessen Realität verstand – zur Inkarnation eines Unrechtsstaates wurde. Eine wunderbare, sehr mutige Frau und große Humanistin Die Legitimation für ihr Handeln und Denken hat sie aus dem Holocaust gezogen, indem sie die einzig mögliche Schlussfolgerung aus diesem Mega-Verbrechen ableitete: „Meine Lehre aus dem Holocaust war und ist, angesichts jeglichen Unrechts und Verbrechens nicht zu schweigen, sondern alle Formen von Rassismus und Antisemitismus zu bekämpfen und die Würde und Rechte der Menschen zu verteidigen.“ Damit wollte sie sich von all jenen absetzen, „für die die Lehre des Holocaust Hass, Grausamkeit und Gefühllosigkeit gegenüber dem Nachbarvolk (den Palästinensern) bedeutet.“ Sie wusste, wovon sie sprach, und schrieb, wenn sie auf den Holocaust einging, denn sie selbst musste als Jüdin vor dem Nazi-Vernichtungs-Terror in die Sowjetunion fliehen. Ihr Mann Mieciu hat fünf NS-Todeslager überlebt. Und so wurde sie mit ihrer Lehre aus dem Holocaust und ihrer Kritik an Israels verbrecherischer Besatzungs- und Okkupationspolitik eine wichtige Repräsentantin des „anderen“ Israel, das sich einem humanistischen Universalismus verpflichtet wusste und nicht der partikularistisch-chauvinistischen Ideologie eines Unrechtsstaates, der Millionen Menschen hinter Mauern und Zäunen in Geiselhaft hält und ihnen jedes Menschenrecht verweigert. Und sie verfügte nicht nur über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, sondern auch über eine Eigenschaft, die den meisten Israelis heute gegenüber ihren palästinensischen Nachbarn völlig abgeht: Empathie – also mitleiden können mit den Unterdrückten und Entrechteten. (Wenn die Israelis nur eine Spur von Empathie hätten, gäbe es den Konflikt mit den Palästinensern gar nicht.) Dieses Mitfühlen-Können war neben ihrem Gerechtigkeitssinn die Quelle für ihr ganzes Schaffen, ihren Einsatz für eine bessere Welt – vor allem in Palästina! Nach ihrem Bruch mit Israel ist sie ins Land der Täter gezogen. Womit sie kein Problem hatte. Sie hat das so begründet: „Wir haben kein Recht, als Opfer von gestern Täter von heute zu sein und die Schuldgefühle der anderen, insbesondere der Deutschen, zu instrumentalisieren, um sie, was unsere Taten angeht, zum Schweigen zu bringen. Man muss klar sagen, dass die Instrumentalisierung des Holocaust zur Rechtfertigung unserer Taten gegen die Palästinenser unzulässig ist.“ Dass ihr politisches Wirken mit dem Alternativen Nobelpreis belohnt wurde, belegt, dass ihre Arbeit weit über Deutschlands Grenzen hinaus anerkannt und gewürdigt wurde. Ihre Zivilcourage, ihr Mut und ihre kompromisslose Aufrichtigkeit sollten für uns alle, die wir uns für einen wirklich gerechten Frieden in Palästina einsetzen, stets ein großes Vorbild sein. Aber Felicia hatte auch erbitterte Feinde – etwa den Schriftsteller Ralph Giordano (der das ihm verliehene Bundesverdienstkreuz zurückgab, als Felicia Langer es auch bekam): Anfang der 90er Jahre veröffentlichte dieser einen bösen Aufsatz über sie: „Ihr Feind heißt – Israel. Gedanken zur Nahost-Pathologie der Felicia Langer“. Der Titel dieses Textes sagt schon aus, dass Giordano in einer Hass-Pathologie gegen diese Frau befangen war. In diesem Aufsatz warf der Schriftsteller Felicia Langer vor, nicht nach den Gründen zu fragen, warum Israel im Krieg von 1967 das Westjordanland und den Gazastreifen besetzt haben. Und diese“ Gründe hielt er für durchaus stichhaltig sowie moralisch und politisch für in Ordnung. Erschreibt: „Nach Felicia Langer sind die Gebiete offenbar besetzt, weil es einer israelischen Mehrheit Spaß macht (oder weil die Moralistin sie für so ‚schlecht‘ hält), über rund zwei Millionen Menschen regieren zu wollen, die ganz offensichtlich nicht israelisch regiert werden möchten. Indes die einzig plausible historische Erklärung dafür, bestärkt durch den Golfkrieg [1991], doch nur sein kann, dass sich diese [israelische] Mehrheit ohne die Besetzung noch bedrohter fühlte als mit ihr. Und das natürlich nicht durch die Palästinenser, sondern durch die arabischen Militärmächte!“ Felicia Langer kannte im Gegensatz zu Giordano die „einzig plausible Erklärung“ sehr gut, warum Israel die „Gebiete“ besetzt hat und auch nicht bereit ist, sie für einen Frieden mit den Palästinensern wieder herzugeben. Es ist das unumstößliche zionistische Dogma: möglichst viel Land zu erobern mit möglichst wenig Arabern bzw. Palästinensern darauf. Wenn Giordano Felicia Langer in seinem Aufsatz zudem „notorische Täuschung des Publikums über Totalität und Kausalität des Nahostkonflikts und ideologisch bedingte Einseitigkeit und Teilung der Humanitas“ vorgeworfen hat, dann fällt dieses vernichtende Urteil auf ihn selbst zurück. Die Behauptung von der Bedrohung Israels durch die arabischen Militärmächte war immer ein Scheinargument, um die aggressive Politik dieses Staates zu verschleiern und zu rechtfertigen. Von der arabischen Bedrohung redet heute niemand mehr und ob der Iran wirklich eine Bedrohung für Israel ist, sei dahingestellt. Und die Besatzung im größten „Gebiet“ – dem Westjordanland – ist inzwischen für Israel zu einem solchen Problem geworden, dass die Zukunft und Existenz des Staates gefährdet sind. Der Gang der Geschichte hat Felicia Langer und nicht Ralph Giordano Recht gegeben.
Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.

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– Buchrezension – Klaus J. Bade – vom armen Jungen zum Pionier der Historischen Migrationsforschung

Prof. Klaus J. Bade hat die Migrationsforschung und den Migrationsdiskurs in Deutschland bestimmt wie kein anderer – pointiert, kritisch und mit Weitblick. In seinem neuen Buch nimmt er den Leser mit auf eine autobiografische Zeitreise.

Klaus J. Bade – vom armen Jungen zum Pionier der Historischen Migrationsforschung

Arn Strohmeyer
Arn Strohmeyer wurde 1942 in Berlin geboren. Aufgewachsen ist er im Osten Deutschlands, später in Soest in Westfalen. Das Abitur machte er in Göttingen und hat dann dort und in Bonn Philosophie, Soziologie und Slawistik studiert und 1972 das Magisterexamen abgelegt. Darauf folgten Tätigkeit als Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen und einer politischen Monatszeitschrift. Heute lebt und arbeitet er in Bremen.
Arn Strohmeyer: Ist Antizionismus gleich Antisemitismus? Eine Antwort auf Kritiker meines Buches Antisemitismus – Philosemitismus und der Palästina-Konflikt. Hitlers langer verhängnisvoller Schatten, Gabriele Schäfer Verlag Herne, ISBN 978-3-944487-48-9, 16,80 Euro

24. Juni 2018: Türkei vor Richtungswahl
Journalist Klaus Jurgens: Der türkischen Bevölkerung geht es besser

Von Klaus Jurgens Die türkische Bevölkerung scheint sich ihrer großen Herausforderung bewusst zu sein: Wird ihr stolzes Land am Morgen des 25. Juni in eine Periode der Unsicherheit zurückgeworfen, oder kann es den Weg, der vor rund 15 Jahren begann und der kurz gesagt daraus besteht, ihr Land in eine natürlich immer zu verbessernde Zukunft zu führen, fortsetzen? Denn genau das ist seit vielen Jahren der Eindruck, den dieses Land bei seinen Beobachtern hinterlässt: Die Zukunft wird nicht als statisch betrachtet, sondern als etwas, was immer Veränderungen mit sich bringt. Die Zukunft wird natürlich als etwas Schönes, Neues, Modernes angesehen, aber eben auch immer als etwas, was sehr stark mit der Geschichte und Tradition der Türkei verbunden ist. Vor vielen Jahren hatte man auch in Europa diesen Sprung in das zuerst Ungewisse gemacht. Ich erinnere mich an Willy Brandt, der den Satz über ‚mehr Demokratie wagen‘ prägte. Deutschland und Europa waren selbst auf dem Weg in die Zukunft, auf dem Weg in eine friedvolle, multikulturelle europäische Zukunft. Diesen Aspekt werde ich in einem weiteren Artikel näher beleuchten, da es in jüngster Zeit große Zweifel an der wirklichen Bereitschaft Europas gibt, diesen mutigen Schritt, der vor über vierzig Jahren begann, auch fortzusetzen. Zurück in die Türkei – und man wird einfach mitgerissen von der Wahlkampflaune der Kandidatinnen und Kandidaten. Manche in Europa übersehen entweder gewollt oder unbewusst die Tatsache, dass eine sehr gut funktionierende Demokratie wie die Türkei, gepaart mit einer ebenso voll funktionierenden Marktwirtschaft auch Bewerberinnen und Bewerber vieler verschiedener Parteien aufzubieten hat. Es gibt die Regierungspartei, die große Oppositionspartei, kleinere und größere alternative Kräfte – genauso wie in jeder anderen Demokratie auch. Jedoch ist es wohl nur natürlich, dass antidemokratische Tendenzen nicht gerade zur Teilnahme aufgefordert werden. In diesem Zusammenhang halten Sie als unsere verehrten Leserinnen und Leser doch einfach einen kurzen Moment inne und stellen sich vor, eine Bewegung, die offiziell das Ende des Vereinigten Königreiches, Frankreichs oder Deutschlands verteidigen würde und um ihr Ziel zu erreichen, zum bewaffneten Kampf inklusive Putschversuch aufruft – ich könnte mir kaum vorstellen, dass solche Personen, die sich klar außerhalb des demokratischen Spektrums bewegen, eine Zulassung zu welcher Wahl auch immer erhalten würden. Nichts anderes haben die türkischen Behörden vorab geprüft. Internationale Kommentatoren sollten sich immer mit Meinungen über Wahlen zurückhalten, da es ja in der Tat um die Entscheidung des Souveräns, also des Volkes eines anderen Staates geht. Wenn man jedoch als ‚eingeheirateter‘ Ausländer mehr als nur ein überfliegender Gast in diesem schönen Lande ist, darf man eventuell diese Grundsätze einmal etwas liberaler auslegen. Mit aller höflichen Vorsicht gemeint, ich glaube daher, dass die große Mehrheit der türkischen Wählerschaft sich zwar weiterhin auf die Zukunft freut, aber eben nicht auf eine ungewisse Zukunft. Die türkische Mittelschicht, die beinahe alles im Lande mitbestimmt und die es ja erst seit rund einem Jahrzehnt gibt, will vor allem Stabilität und Berechenbarkeit und keinerlei Experimente im negativen Sinne. Was ich aus Berichten und vor allem persönlichen, auch ‚off the record‘-Stellungnahmen mitnehme und herauslese ist das Folgende: Die Türkei hat einen Weg eingeschlagen, der sie als modernen, aber auch starken Nationalstaat aufgebaut hat. In den letzten 15 Jahren wurde eine vormals völlig abgeschottete, isolationistische Türkei in ein weltoffenes, voll integriertes Land umgewandelt. Die Mittelschicht bekam Freiraum, oder wurde sogar überhaupt erst geschaffen. Individualität wurde erlaubt und freies Unternehmertum ebenso. Der staatsmonopolistische Kapitalismus wurde abgeschafft, Privatisierungen wurden erlaubt. Die Türkei und ihre Bürgerinnen und Bürger durften das tun, was sie eigentlich immer hätten tun sollen: aktiv an der Gestaltung ihres Landes mitwirken und nicht nur auf die Vorgaben ‚von oben‘ hören. Ein stolzes Land mit stolzen, aber auch sehr friedvollen Menschen, die andere Menschen immer als ebenbürtig betrachten und schätzen. Und der türkischen Bevölkerung geht es auch einfach besser: ökonomisch, im Bereich der beruflichen Bildung; die Infrastruktur wurde revolutioniert uvm. Die derzeitige Regierung gab der Türkei das zurück, was viele Bürgerinnen und Bürger vormals oft vermissten: das Recht, stolz auf ihr Land zu sein. Also eine Richtungswahl. Bin ich ein Magier mit seiner Kristallkugel? Kaum. Aber ich würde mich nicht wundern, wenn die Türkei am Morgen des 25. Juni aufwacht und zu sich selbst sagt „weiter geht es in die Zukunft“, und vor allem mit einem Präsidialsystem, das nicht weniger Mitbestimmungsmöglichkeiten, sondern aufgrund der auch in der Türkei sehr stark ausgeprägten ‚checks and balances‘ eher mehr mit sich bringen wird. Mein nächster Beitrag wird live vor Ort in Istanbul am 25. Juni verfasst, dann natürlich mit Details und Ergebnissen.
Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.

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– Meinung – Kommentar: Die Linke darf Erdogan-Anhänger nicht dämonisieren

Und wenn in Deutschland oder Österreich „Linke“ lieber muslimische Menschen bekämpfen, dämonisieren und aus Bündnissen rausschmeißen wollen, dann zeigt sich auch hier, dass sie in Wahrheit nur die AKP stärken. Für die meisten muslimischen Menschen ist daher die AKP total alternativlos – was übrigens auch für einen großen Teil der kurdischen PKK-Gegner gilt. Ein Kommentar.

Kommentar: Die Linke darf Erdogan-Anhänger nicht dämonisieren
 
Klaus Jurgens
Klaus Jurgens – London School of Economics Postgraduate Degree Government. Vormals Uni-Dozent Ankara, Schwerpunkt BWL und KMU. Über zehn Jahre vor Ort Erfahrung Türkei. Zur Zeit wohnhaft in Wien. Politischer Analyst und freiberuflicher Journalist.

Kommentar
Israelkritik: Man will Journalistin Bettina Marx mundtot machen

Von Arn Strohmeyer Bisher hat man von der Gruppe „WerteInitiative. Deutssch-jüdische Positionen“ nicht viel gehört, aber nun will sie offenbar mit einer gezielten Attacke auf die Presse- und Meinungsfreiheit in Deutschland auf sich aufmerksam machen. Ziel ist die Journalistin Bettina Marx, eine sehr kompetente Vertreterin ihres Berufes, die sehr genau weiß, wovon sie spricht und schreibt, denn sie ist Historikerin, Islamwissenschaftlerin und promovierte Judaistin. Sie hat lange in Israel als Korrespondentin gearbeitet und ist jetzt Leiterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Aber das ist gerade der entscheidende Punkt: Solche Experten, denen man nichts vormachen kann, sind für die Anhänger und Verteidiger der israelischen Politik gefährlich und deshalb soll sie mundtot gemacht werden. So fordert denn die „WerteInitiative“ in einem Offenen Brief an die Leitung der Stiftung die Entlassung von Frau Marx. Aktueller Anlass war ein Gast-Kommentar von ihr für die Deutsche Welle, in dem die Journalistin kein Blatt vor den Mund genommen und sehr realistisch die erschreckenden Zustände der israelischen Besatzung geschildert hatte, unter denen die Palästinenser zu leiden haben: Unterdrückung, Rechtlosigkeit, Enteignung, Gewalt und Elend. Man darf aber annehmen, dass den Freunden Israels die Arbeit von Bettina Marx schon lange missfällt und man ebenso lange einen Vorwand gesucht hat, gegen sie vorzugehen. Was die „WerteInitiative“-Autoren des Offenen Briefes an politischen und historischen Argumenten gegen die Journalistin vorbringen, um sie aus ihrer Stelle zu jagen, ist so falsch, so kümmerlich und fern jeder Realität, dass man sich fragen muss, woher diese Leute den Mut nehmen, mit solchen Argumenten an die Öffentlichkeit zu gehen. Aber ihre Absicht ist auch gar nicht, mit Argumenten zu überzeugen (das gelingt ihnen sicher nur bei völlig ahnungslosen Zeitgenossen), sondern eine völlig neue Wirklichkeit über den Palästina-Konflikt aus dem Hut zu zaubern, die mit der Realität wenig oder nichts zu tun hat. Ein solches Vorgehen ist schon lange die Praxis der israelischen Staatspropaganda (Hasbara), der bei ihrer Arbeit jedes Mittel recht ist. Ein Beispiel für solche Propaganda: Der israelische Publizist Uri Avnery hat gerade anlässlich der Demonstrationen der im Gazastreifen von der israelischen Blockade eingeschlossenen Palästinenser an der Grenze zu Israel beschrieben, wie die israelischen Medien diese Vorgänge dargestellt haben: Avnery bringt diese Art der Berichterstattung schlicht auf den Begriff: „Gehirnwäsche“. Und „Gehirnwäsche“ kann – so Avnery – nur funktionieren, „wenn die offizielle Stimme das Monopol besitzt“, das heißt, wenn es in den Medien keine alternative Dartstellung gibt. Denn die Demonstranten hätten sich weitgehend friedlich verhalten, seien in den Medien aber so gut wie ausnahmslos als Gewalttäter und „Terroristen“ dargestellt worden. Avnery fügt noch an, dass alle Palästinenser des Gazastreifens (besonders natürlich die Hamas, die 2006 demokratische Wahlen in den Palästinenser-Gebieten gewonnen hat) in den israelischen Medien nicht nur bei dieser Gelegenheit, sondern täglich als „Terroristen“ dämonisiert werden. Avnery schreibt: „Dass diese Ausdrücke Tag für Tag unzählige Male wiederholt werden, stellt eindeutig eine Gehirnwäsche dar: Es ist ein Vorgang, den die Bürger nicht bemerken. Sie gewöhnen sich daran zu glauben, alle Bewohner Gazas seien Terroristen (hebräisch: mechablim). Das ist ein Prozess der Entmenschlichung, im Nazijargon wurden Menschengruppen ‚Untermenschen‘ genannt. Es ist erlaubt, ja wünschenswert, Entmenschlichte zu töten.“ In diesem Stil argumentieren auch die „WerteIniative“-Autoren, wenn sie schreiben: „Mit keinem Wort wird von Frau Marx erwähnt, dass es der Terror der Hamas ist, der oftmals Frauen und Kinder in die vordersten Linien der Kampfhandlungen zwingt. Dass wer sich dem widersetzt, auch schon mal vom Hochhaus geworfen oder per Seil hinter dem Motorrad hergezerrt wird.“ Außerdem behaupte die Autoren, dass die Hamas (was sie auch öffentlich eingestehe) möglichst viele eigene Opfer zu Werbezwecken produziere. Diese Behauptungen sind genauso infam wie die in Israel verbreitete Version, die Hamas habe den Demonstranten Geld bezahlt, damit sie an der Grenze protestierten. Wer lässt sich schon freiwillig gern für ein paar Dollar erschießen? Der israelische Schriftsteller David Grossmann hat sich schon vor Jahren über die israelische Mediensprache sehr abfällig geäußert: „Ein Staat in Aufruhr erfindet ein neues Vokabular für sich. Israel ist nicht der erste Staat, der das tut, (…) aber es ist empörend, Zeuge der allmählichen Entstellung zu werden. Nach und nach wird eine neue Gattung rekrutierter, betrügerischer Worte entwickelt: Worte, die ihre ursprüngliche Bedeutung verloren haben, Worte, die die Realität nicht beschreiben, sondern zu kaschieren suchen.“ Eine solche Art der Medienberichterstattung über den Palästina-Konflikt wünscht sich wohl ganz offensichtlich die „WerteInitiative“, und in einer solchen gleichgeschalteten Medienlandschaft hat natürlich eine kritische Journalistin wie Bettina Marx nichts zu suchen. Da braucht man nur noch „gehirngewaschene“ Jasager. Hier ein paar Beispiele für die Geschichtsklitterung dieser Initiative. Da wird kritisiert, dass Bettina Marx in ihrem Kommentar geschrieben habe, dass Israel sich 1967 das Westjordanland und den Gazastreifen „angeeignet“ habe. Dabei werde verschwiegen, dass Jordanien respektive Ägypten sich diese Gebiete zuvor „angeeignet“ hätten. Die „WerteInitiative“-Autoren verschweigen, dass Israel dabei sogar Hilfestellung geleistet hat. Denn vor dem Arabisch-Israelischen Krieg 1948/49 hatte Israel mit dem jordanischen König Abdallah ein Geheimabkommen mit dem Inhalt abgeschlossen, dass die jordanischen Truppen (vor allem die stärkste arabische Armee – die jordanische Legion) nicht in die Kämpfe mit Israel eingreifen würden. Als Lohn für dieses Stillhalten sollte Abdallah das Westjordanland bekommen, das er dann in der Tat annektiert hat. Auch wenn über den Völkerrechtscharakter dieser Annexion Zweifel bestehen mögen, folgte daraus für Israel überhaupt keine Legimitation, dieses Gebiet für sich zu erobern. Dass der Zionistenführer und erste israelische Regierungschef David Ben Gurion ständig davon sprach, Transjordanien (also das heutige Jordanien), Teile des Irak und des Libanon dem jüdischen Staat einzuverleiben, können die „WerteInitiative“-Autoren in der gerade erschienen Ben Gurion-Biographie des israelischen Historikers Tom Segev nachlesen. Ähnlich unkorrekt und unvollständig sind die Angaben der Autoren über den Gazastreifen. Diese Region gehörte bis 1948 zum britischen Mandatsgebiet Palästina (das Mandat endete 1948). Im Waffenstillstandabkommen nach dem Arabisch-Israelischen Krieg von 1949, das auch Israel unterzeichnet hat, kam der Streifen unter ägyptische Kontrolle, er wurde von Kairo aus verwaltet, aber nicht annektiert, er behielt einen autonomen Status. Erobert wurde der Gazastreifen dann von den israelischen Truppen im Suez-Krieg 1956, die sich aber auf Druck der USA und der Sowjetunion wieder zurückziehen mussten. Israel eroberte das Gebiet dann erneut im Juni-Krieg 1967. Denn stellen die Autoren die eindeutig falsche Behauptung auf, dass Israel Anfang der 90er Jahre bei den Verhandlungen zu den Oslo-Verträgen den Palästinensern 97 Prozent der umstrittenen Gebiete (meinen sie damit die besetzten Gebiete?) angeboten hätten, die Palästinenser aber abgelehnt hätten. Das wäre ja (wenn es wirklich um die besetzten Gebiete gegangen wäre) ein Traumangebot für die Palästinenser gewesen, das sie niemals zurückgewiesen hätten. Denn nach dem für die Araber verlorenen Oktober-Krieg von 1973 (Jom-Kippur-Krieg) hatten die Palästinenser eine Wende in ihren politischen Zielen vollzogen und einer Teilstaat-Lösung – also der Schaffung eines palästinensischen Staates aus dem Westjordanland und Gazastreifen – zugestimmt, womit sie sich mit 22 Prozent des ursprünglichen Palästinas zufrieden gegeben hätten, Israel hat diese Lösung bis heute immer wieder abgelehnt. 2002 hatte die Arabische Liga sie – mit voller Anerkennung Israels durch alle arabischen Staaten – noch einmal angeboten, Israel hat auf diesen Vorschlag gar nicht reagiert. Dann werfen die Autoren Bettina Marx vor, dass sie sich gar nicht dafür interessiere, dass der Friedensprozess nicht weitergehe. Der Grund: Die diversen palästinensischen Führer betonten ständig auf Neue, dass sie einzig und allein das komplette Verschwinden des jüdischen Staates zufrieden stellen könne. Das sei für Bettina Marx „Folklore“ oder noch schlimmer „Recht“. Hier wird mit einer dreisten Lüge Stimmung gegen die Journalistin gemacht. Alle palästinensischen Führer (siehe oben) haben sich längst mit der Realität Israel abgefunden und sind bereit, auf 78 Prozent ihres Landes zu verzichten, wenn Israel der Zwei-Staaten-Lösung aus Westjordanland und Gazastreifen zustimmen würde. Selbst die Hamas hat 2006 (als sie die freien Wahlen in Rest-Palästina gewonnen hat) und danach dieser Lösung zugestimmt, wenn die Palästinenser sie in einem Referendum gutheißen würden. Nur: Israel will diese Lösung nicht, es wird sie nicht geben. Die Zionisten wollten immer das ganze Palästina und Land darüber hinaus mit möglichst wenigen oder gar keinen Arabern bzw. Palästinensern – auch das ist in der Ben Gurion-Biographie nachzulesen. Und die Regierung von Benjamin Netanjahu ist fest entschlossen, „Judäa“ und „Samaria“ (also das Westjordanland) zu annektieren. Seine Partei (der Likud) hat das auf einem Parteitag schon offiziell beschlossen. Und die Absicht, die Palästinenser endgültig aus ihrer Heimat zu vertreiben (sie nennen das verschleiernd „Transit“), haben die Zionisten noch nicht aufgegeben. Selbst mehrere Minister (etwa Lieberman und Bennet) fordern dies immer wieder. Man könnte weitere Falschbehauptungen der „WerteInitiative“ anführen, die sie als Vorwürfe gegen Bettina Marx vorbringen. Etwa den merkwürdigen Satz: „Auch die schwierige bauliche Gemengelage in der Westbank mit gegenseitig von Palästinensern und Israelis als illegal bezeichneten Siedlungen ist nichts, was in das einseitige Argumentationsbild von Frau Marx gepasst hätte.“ Das klingt ja so, als ob die Palästinenser auf israelischem Gebiet illegale Siedlungen bauen würden! Grotesker oder absurder geht es nun wirklich nicht! Mit Völkerrecht, UNO-Resolutionen, Internationalem Recht und Gutachten des Internationalen Gerichtshofes (IGH), nach denen die israelischen Siedlungen im Westjordanland, illegal sind, haben die Autoren gar nichts im Sinn. Deshalb gehen sie auch gar nicht darauf ein, das könnte schlafende Hunde wecken. Auch die Aussage von Bettina Marx, es gebe ein ‚Volk der Palästinenser‘ schon seit Jahrtausenden stößt auf die Ablehnung der Autoren, nach ihrer Ansicht hat es in Palästina immer nur Juden gegeben, womit sie die immer noch umstrittene Gründung des jüdischen Staates in einem von einem anderen Volk bewohnten Land rechtfertigen wollen. Historische Tatsache ist aber (ohne das hier im Detail ausführen zu können), dass sehr viele Völker im Laufe der Geschichte in Palästina ansässig waren – die Juden waren nur eins davon. Dass sie 2000 Jahre dann in dieser Region so gut wie nicht anwesend waren, belegt die Statistik: 1882 (der Zeitpunkt, zu dem etwa die zionistische Besiedlung begann) gab es in Palästina 426 000 Araber (94,7 Prozent) und 24 000 Juden (5,3 Prozent), wobei letztere streng religiöse Juden waren, also keine Zionisten. Ob sie einen jüdischen Staat hier gewollt haben, wissen wir nicht. Nicht gerade eine exzellente Legitimation, die einheimisch arabische Bevölkerung zu vertreiben und dort einen eigenen Staat zu gründen! Man kann sich eigentlich die Mühe sparen, auf die unseriösen und abstrusen Behauptungen der „Werte-Initiative“-Autoren einzugehen, etwa dass Gaza kein Besatzungsgebiet, sondern quasi ein eigener Staat mit voller Autonomie sei. Warum hält Israel dann eine vollständige Blockade dieses Gebietes zu Land, zu Wasser und in der Luft aufrecht, unter der niemand es verlassen oder einreisen darf und Israel bestimmt, was an Lebensmitteln, Baumaterial, medizinischen Gütern usw. eingeführt werden darf? Und jedes Schiff abgefangen wird, das Hilfe bringen will? Oder die Behauptung, dass die in Israel lebenden Palästinenser nicht diskriminiert würden. Oder die Behauptung, dass das jüdische Volk überall auf der Welt um sein Überleben kämpfe. Wo und in welchem Land sind Juden heute ernsthaft gefährdet? Israel hat großartige Historiker und politische Analytiker, die solche propagandistischen zionistischen Gemeinplätze, wie sie die Autoren des Offenen Briefes anführen, in allen Einzelheiten längst widerlegt haben. Dieses Pamphlet belegt nur, in welch argumentative Beweisnot der Zionismus mit seiner verfehlten Politik inzwischen geraten ist. Einer so kompetenten Journalistin wie Bettina Marx kann eine solche Schmutzkampagne gar nichts anhaben. Und Heinrich Böll, der der Stiftung den Namen gegeben hat, bei der Bettina Marx arbeitet, würde sich im Grabe umdrehen, wenn er lesen müsste, wie da ein Zitat von ihm von den „WerteInitiative“-Leuten missbraucht wird. Der Satz heißt: „Es gibt israelische Kritik an Israels Politik genug. Es gibt so wenig Kritik an und in den arabischen Staaten an deren Politik gegenüber Israel.“ Das Zitat stammt aus dem Jahr 1978 und mag aus der aktuellen damaligen Situation heraus verständlich sein, heute würde der Literatur-Nobelpreisträger den Besatzungs- und Apartheidstaat Israel sicher ganz anders beurteilen.
Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.

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– Antisemitismus – Zur judenfeindlichen Attacke: „Muslime kennen solche Ansprachen seit vielen Jahren“

“ … wütete ein junger Mann, halb auf Arabisch und halb auf Deutsch: „Ich ficke Israel wie eine Frau!“ “ Ja. Das kommt vor, ist bedauerlich und eine Schande für dies Land. Muslime allerdings kennen solche „Ansprachen“ alle, seit vielen Jahren und in stetig steigender Anzahl und Schwere. Ein Kommentar.

Zur judenfeindlichen Attacke: „Muslime kennen solche Ansprachen seit vielen Jahren“
 
Arn Strohmeyer
Arn Strohmeyer wurde 1942 in Berlin geboren. Aufgewachsen ist er im Osten Deutschlands, später in Soest in Westfalen. Das Abitur machte er in Göttingen und hat dann dort und in Bonn Philosophie, Soziologie und Slawistik studiert und 1972 das Magisterexamen abgelegt. Darauf folgten Tätigkeit als Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen und einer politischen Monatszeitschrift. Heute lebt und arbeitet er in Bremen.
Arn Strohmeyer: Ist Antizionismus gleich Antisemitismus? Eine Antwort auf Kritiker meines Buches Antisemitismus – Philosemitismus und der Palästina-Konflikt. Hitlers langer verhängnisvoller Schatten, Gabriele Schäfer Verlag Herne, ISBN 978-3-944487-48-9, 16,80 Euro
 

Türkei
Mega-Industriezonen: Erdogan verspricht 100.000 neue Jobs

Ankara (nex) – Nur eine Woche vor den Wahlen kündigt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Sonntag ein neues Mega-Industrieprojekt an, das 100.000 Arbeitsplätze schaffen werde. „Wir richten in fünf Regionen der Türkei Mega-Industriezonen ein. Wir werden die türkische Industrie und Technologie aufwerten, indem wir 100.000 Menschen Arbeit geben“, tweetete Erdogan. Laut einer Grafik, die er dem Tweet beifügte, seien in der ersten Phase des Projektes Investitionen von 9,5 Milliarden Dollar geplant. In dieser Phase würden 35.000 Arbeitsplätze geschaffen. Insgesamt seien Investitionen von fast 30 Milliarden Dollar vorgesehen. In diesen Industriezonen sollen nach Fertigstellung 100.000 Menschen einen Arbeitsplatz bekommen. Zehntausende jubeln Erdogan zu Am Sonntag versammelten sich auf dem Yenikapi-Platz in Istanbul Zehntausende Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, um an der Megakundgebung der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) teilzunehmen. Erdogan wurde von den Menschenmengen singend begrüßt. Auch Ministerpräsident Binali Yildirim und mehrere Minister waren bei der Kundgebung anwesend. Präsidentschaftswahlen am 24. Juni Erdogan hatte im April überraschend vorgezogene Parlaments- und Präsidentschaftswahlen angekündigt. Diese sollen nun am 24. Juni stattfinden und nicht wie ursprünglich geplant im November 2019. Devlet Bahceli, Vorsitzender der Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP), hatte sich bereits vor Erdogans Ankündigung dafür ausgesprochen, die Wahlen vorzuziehen. Koalition gegen regierende AKP Die vier Oppositionsparteien der Türkei haben sich bereit erklärt, an den bevorstehenden Parlamentswahlen im Rahmen eines Bündnisses teilzunehmen, um über die 10- Prozent-Hürde zu kommen und ihre Sitze im türkischen Parlament zu erhöhen. Die größte oppositionelle Republikanische Volkspartei (CHP), die İYİ Partei, die Saadet Partisi (SP) und die Demokrat Partisi (DP), bilden das Bündnis, das bei den anstehenden Wahlen am 24. Juni gegen die von der regierenden AKP und der Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) gegründete Koalition antreten wird. Die kurdische Volkspartei (HDP) werde nicht Teil eines Wahlbündnisses sein.

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– Rüstungsdeal – Pakistan kauft 30 türkische ATAK-Kampfhubschauber im Wert von 1,5 Milliarden

Ankara und Islamabad haben kürzlich einen Vertrag über den Verkauf von 30 türkischen Hubschraubern im Wert von 1,5 Milliarden Dollar abgeschlossen.

Pakistan kauft 30 türkische ATAK-Kampfhubschauber im Wert von 1,5 Milliarden

Flüchtlingspolitik
Städte-und Gemeindebund hält Asylstreit für „überbewertet“

Landsberg: Die Lage ist doch ruhig Osnabrück – Der Deutsche Städte-und Gemeindebund hält den Asylstreit zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) für „medial überbewertet“. In einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg: „Fakt ist doch: Die Lage ist im Moment ruhig.“ Die Obergrenze von 200.000 Flüchtlingen pro Jahr werde derzeit nicht überschritten. Das sei auch nicht zu erwarten. „Ich bin sicher: Am Ende findet die Bundesregierung eine Lösung nur in einem wirksamen Schutz unserer Außengrenzen, verpflichtenden Vereinbarungen mit den Herkunftsländern und der Schaffung eines einheitlichen europäischen Asylrechts“, betonte Landsberg mit Blick auf den aktuellen Streit um Seehofers „Masterplan Migration“. Er betonte, dass es keinen Stimmungsumschwung gegen Flüchtlinge nach den jüngsten Gewalttaten von Asylbewerbern gebe. „Die Kommunen werben bei der Bevölkerung dafür, diese furchtbaren Ereignisse nicht dazu zu nutzen, alle Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen“, sagte er. Der Städte-und Gemeindebund hält die vom Bundesinnenminister geplanten Ankerzentren für “ einen wichtigen Beitrag“, damit die Umsetzung des deutschen Asylrechts “ besser, effektiver, schneller und gerechter“ wird. „Von Menschen, die in Deutschland Schutz vor Verfolgung suchen, kann erwartet werden, dass sie sich eine gewisse Zeit in einer solchen Einrichtung aufhalten und die dort geltenden Regeln akzeptieren“, sagte Landsberg. Digitale Vernetzung von Sozial-und Ausländerbehörden angemahnt  Dazu gehörten auch „klare Sanktionen, wenn jemand seine Herkunft verschleiert oder falsche Angaben macht“. Landsberg sieht „erheblichen Nachholbedarf“ bei der digitalen Vernetzung aller Ausländer-und Sozialbehörden. Dafür erforderliche Mittel müssten Bund und Länder endlich auch zur Verfügung stellen und so die Schaffung gemeinsamer Datenbanken zügig vorantreiben.

Österreich
Deutscher Geheimdienst BND soll Tausende ausspioniert haben

Der deutsche Auslandsgeheimdienst BND steht im dringenden Verdacht, insgesamt 2.000 Telefon-, Fax- und Mobilanschlüsse sowie E-Mail-Adressen in Österreich ausspioniert zu haben. Auch Anschlüsse von Botschaften anderer Länder in Wien, sowie österreichische Ministerien und Firmen, internationale Organisationen und islamische Einrichtungen gerieten ins Visier des BND Wie das österreichische Nachrichtenmagazin „Profil“ und die Tageszeitung „Der Standard“ übereinstimmend auf Grundlage BND-interner Dateien berichten, habe der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) besonderes Augenmerk auf die Überwachung und Ausspähung in Wien beheimateter internationaler Einrichtungen gelegt. So beispielsweise 75 Botschaften, wie der USA, des Irans und Iraks, sowie Pakistans, Libyens, sowie von Afghanistan, Israel und Nordkorea. Außerdem gebe es abgehörte Nummern beim Ölkartell „Opec“, zwei Dutzend Nummern bei der „Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“, 180 bei der „Internationalen Atomenergiebehörde“. Bei anderen Organisationen der UN seien 128 Anschlüsse verzeichnet. Außerdem seien Dutzende Unternehmen, darunter Waffenproduzenten und andere wichtige Exporteure, Ziel der BND-Ausspähung gewesen. Wie auch die deutsche „Zeit“ in ihrer morgigen Ausgabe schreibt, hätten sich auch fast alle großen österreichischen Unternehmen und Banken auf der BND-Liste der abzuhörenden Stellen befunden, aber auch klein- und mittelständische Unternehmen. Der deutsche Geheimdienst habe etwaige erhaltene Informationen auch mit anderen Geheimdiensten wie der amerikanischen NSA geteilt. Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz hat inzwischen von den deutschen Behörden „Aufklärung und volle Transparenz über das angebliche Ausspähen von Unternehmen und Privatpersonen durch den Bundesnachrichtendienst (BND) verlangt, wie die „Zeit“ am heutigen Samstag in ihrer Online-Ausgabe berichtete, sagte Kurz, „unter befreundeten Staaten darf es solche Ausspähungen nicht geben. Kurz weiter: „Unser Wunsch ist zu erfahren, wer hier überwacht wurde und wann die Überwachung beendet wurde“. Von einer diplomatischen Verstimmung wollte der österreichische Bundeskanzler zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht reden. Der österreichische Bundespräsident Van der Bellen sagte, ein Ausspähen sei unter befreundeten Staaten nicht nur unüblich und unerwünscht, sondern auch nicht akzeptabel. Auch er verlangte volle Aufklärung von den deutschen Behörden. Derartige Ausspähungen sollten sofort eingestellt werden, sofern sie noch am Laufen seien, wovon er aber nicht ausgehe. Thomas Bernhard, Johann de Fries und Susanne Beck

Türkei
Erdogan eröffnet zweitlängsten Doppelrohr-Autobahntunnel der Welt

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Erzurum (tp) – Der Ovit-Tunnel wurde nach 6-jähriger Bauzeit am Mittwoch für den Verkehr von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan, Verkehrsminister Ahmet Arslan, sowie vom Parlamentspräsidenten der Großen Nationalversammlung Ismail Kahraman gemeinsam feierlich eröffnet. Der Ovit-Tunnel ist der längste Autobahntunnel der Türkei und verbindet İkizdere in der Provinz Rize und İspir in Erzurum in der nordöstlichen Türkei. Mit einer Länge von 14,7 km unter dem Berg Oviz sind die zwei Röhren die längsten Tunnel des Landes und zweitlängste Straßentunnel der Welt. Der Tunnel verkürzt die Strecke um rund 50 km., Höhenunterschiede gibt es nicht mehr. Der Autobahn-Tunnel mit je zwei Fahspuren je Tunnel verbindet die Provinz Erzurum mit der Schwarzmeerprovinz Rize und verschafft der Region in Ostanatolien eine schnellere Verbindung zum Schwarzen Meer. Die ersten Pläne eines solchen Projekts gab es bereits 1880 zur Zeit des Osmanischen Reiches, jedoch wurde der Plan aufgrund politischer und innerer Unruhen vorerst auf Eis gelegt. 1930 wurde eine Passstraße über den Ovit unter Einsatz von 1500 Arbeitern gebaut, die İspir mit İkizdere bisher verbindet und bis in eine Höhe von 2600 m führt. Diese Route (D.925) ist jedoch im Winter häufig unpassierbar, was die Planungen vorantrieb. Der Beginn der Bauarbeiten am Tunnel und seinen Verbindungsstraßen wurde am 12. Mai 2012 durch den damaligen Premierminister Recep Tayyip Erdoğan mit einem Spatenstich eingeleitet. Die Inbetriebnahme des Tunnels war erst für Anfang 2016 geplant, verzögerte sich aber aufgrund der Wetterbedingungen.

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Afrika
Völkermord an Herero: Namibia entfernt deutsche Straßennamen

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Windhuk (nex) – „Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auch auf sie schießen“, so der berüchtigte Vernichtungsbefehl des deutschen Generalleutnants Lothar von Trotha zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der zum Völkermord an den Herero und Nama führte. Bis 1908 wurden zwischen 65 000 und 80 000 Herero umgebracht, außerdem bis zu 20 000 Angehörige des Stammes der Nama. Zwischen 1885 und 1903 wurde ein Viertel des Landes der Herero und Nama mit Einverständnis der Kolonialbehörden von deutschen Siedlern enteignet. Frauen und Mädchen der Herero und Nama seien, ebenfalls geduldet von den Kolonialbehörden, von Siedlern vergewaltigt und der Bevölkerung sei Zwangsarbeit auferlegt worden. Entfernung deutscher Straßennamen In Namibia sind die Zeichen der deutschen Herrschaft noch immer sehr präsent. Viele Straßenschilder etwa tragen deutsche Namen. Bismarck- oder Bahnhofstraße heißen sie auch über 100 Jahre nach dem Genozid an den Einheimischen noch. Namibische Politiker fordern nun eine Umbenennung der Straßennamen. Die neuen Namen sollen an Helden des afrikanischen Befreiungskampfes erinnern und nicht an die „brutalen Kolonialisten“, zitiert die dpa den Sprecher der namibischen Hauptstadt Windhuk Scheifert Shigwedha. Wie die dpa weiter berichtet, soll laut einem Beschluss der Stadt vom April aus der Feldstraße etwa die Sir-Seretse-Khama Straße werden, benannt nach dem ersten Präsidenten Botsuanas. Komponist Johann Sebastian Bach soll Platz machen für ein früheres Stammesoberhaupt der Herero, Chief Kuaima Riruako. „Bismarck verdient keine Straße“, so in dem Antrag der Jugendorganisation der Regierungspartei Swapo. Ein Straßenname soll jedoch bleiben dürfen: Die Hans-Dietrich-Genscher-Straße. Der deutsche Außenminister unterstützte Namibia bei der Unabhängigkeitsbewegung von Südafrika, dessen Teil das Land bis Februar 1990 war. „Kolonisatoren und Unterdrücker“ Der namibische Botschafter zu Berlin, Andreas Guibeb, äußerte sich gegenüber NEX24 gewohnt diplomatisch zu den Plänen: „Wie das Beispiel des früheren Außenministers Herr Hans-Dietrich Genscher zeigt, geht es bei der Straßenumbenennung nicht um die Abschaffung deutscher Straßennamen in Namibia“, so Guibeb. Vielmehr gehe es darum, Straßen umzubenennen, die während der deutschen Kolonialzeit und der Besatzung von Namibia durch Apartheid-Südafrika nach Kolonisatoren und Unterdrückern benannt wurden. „Wir wollen 28 Jahre nach unserer Unabhängigkeit den öffentlichen Raum positiv besetzen. Ähnlich wie im Berliner Bezirk Wedding, für den die Bezirksverordnetenversammlung kürzlich beschlossen hat, unter anderem die Lüderitzstraße in Cornelius-Fredericks-Straße und die Petersallee von der Müllerstraße bis zum Nachtigallplatz (später Bell-Platz) in Anna-Mungunda-Allee umzubenennen – beides wichtige Akteure des namibischen antikolonialen Befreiungskampfes“, so Guibeb gegenüber NEX24.  „Zwischen der namibischen und der deutschen Regierung besteht Einigkeit in der Frage, dass es sich 1904-1908 um einen von deutschen Truppen verübten Völkermord an den Nama und Herero im damaligen Deutsch-Südwestafrika gehandelt hat und dass dieser Anerkennung eine offizielle Entschuldigung durch die Bundesregierung folgen wird“, sagte der Botschafter weiter. Laut Guibeb beschäftigten sich die deutsch-namibischen Verhandlungen zur Vergangenheitsbewältigung momentan mit der Frage, welche Form und welchen Umfang die Reparationen oder Wiedergutmachung haben werden, die von der Bundesrepublik Deutschland an die Republik Namibia für diesen ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts im heutigen Namibia zu leisten seien. „Deutsche Ausrottungspolitik“ Vertreter der Herero-Nachfahren geben sich weniger versöhnlich: „Wir finden es sehr interessant, dass sich die Deutschen so aktiv für die Sache der Armenier einsetzen, während sie ihre eigenen Angelegenheiten unter den Tisch kehren“, wird die Vorsitzende des Ovaherero Genocide Committee (OGC), Esther Muinjangue, in der „Welt“ zitiert. Eine offizielle Anerkennung der deutschen Ausrottungspolitik gegenüber den Herero sei, wie Esther Muinjangue im Juni 2016 betonte, in Deutschland zudem mit der Begründung  unterblieben, die Verbrechen seien lange vor der 1948 verabschiedeten UN-Völkermordkonvention erfolgt und könnten nicht nach den dort festgelegten Artikeln bestraft werden. „Der Völkermord an den Armeniern fand nur sieben Jahre nach dem an den Herero statt, hier sprechen die Deutschen plötzlich wie selbstverständlich von Völkermord“, wird die NGO-Vorsitzende Muinjangue in der „Welt“ zitiert. „Was ist der Unterschied? Die Herero sind schwarz, die Deutschen glauben, dass sie Schwarze nicht ernst nehmen müssen. Das ist für mich die einzige Schlussfolgerung.“ Deutschland verhalte sich den Herero gegenüber „wie ein Vergewaltiger, der gleichzeitig Richter ist“. Erst 2016 gab Berlin den Widerstand auf, die Massaker an den Herero als Völkermord einzustufen. Man rücke die Schädel seiner Vorfahren unter fadenscheinigen Gründen nicht heraus. Um die angebliche Minderwertigkeit der Afrikaner zu belegen, brachten die Deutschen aus ihrer damaligen Kolonie Schädel und Gebeine Einheimischer nach Berlin. Der Historiker Jürgen Zimmerer, der sich seit Jahren mit der Kolonialgeschichte befasst, geht davon aus, dass damals über 1000 menschliche Überreste nach Deutschland gelangten, deren Reste teilweise bis heute in Archiven, Magazinen und Kliniken lägen, berichtet Deutschlandradio Kultur. Die Geschichte der Schädel sei bis heute ein Trauma für ihr Volk, empört sich Muinjangue:
„Die deutsche Schutztruppe brachte die abgetrennten Köpfe zu den Herero-Frauen und zwang sie, sie zu reinigen, damit sie wie Eier fein säuberlich in Kartons nach Deutschland transportiert werden konnten, so Muinjangue. „Es konnten die Köpfe ihrer Ehemänner, Brüder oder Schwestern sein.“
30 Milliarden Dollar Die namibische Regierung forderte im vergangenen Jahr von Deutschland eine Wiedergutmachungszahlung von 30 Milliarden US-Dollar. Berlin lehnt eine solche Zahlung ab. Nach Ansicht des Hamburger Historikers Jürgen Zimmerer könnte eine Zusage weitreichende Folgen haben. Im Gespräch mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ sagte Zimmerer: „Wenn es gelingt, Deutschland zu direkten Verhandlungen mit Vertretern einzelner Bevölkerungsgruppen und zu Reparationen zu zwingen, können viele weitere Fälle aus der Kolonialzeit akut werden.“ Der Professor für die Geschichte Afrikas an der Universität Hamburg sagte, ein Erfolg der Klage in New York könnte zu Reparationsforderungen gegen Deutschland auch wegen Massakern während des Maji-Maji-Aufstands im heutigen Tansania führen, ebenso wegen Massakern und Strafaktionen in Togo, Kamerun und in der Südsee. Auch Opfer unter der Zivilbevölkerung im Zuge des Ersten Weltkriegs in Afrika könnten Anlass von Klagen und Verhandlungen werden, sagte der Direktor der Forschungsstelle „Hamburgs (post)koloniales Erbe und Berater des Deutschen Historischen Museums in Berlin.

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Die Vorsitzende des Herero-Verbandes OGC, Esther Muinjangue, findet es „interessant“, wie beflissen Deutschland die Geschichte anderer Länder aufarbeitet. „Was ist der Unterschied? Die Herero sind schwarz, die Deutschen glauben, dass sie Schwarze nicht ernst nehmen müssen. Das ist für mich die einzige Schlussfolgerung“, so die NGO-Vorsitzende Esther Muinjangue in einem Interview.

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Sprachkurse des Yunus Emre Insitituts
Türkische Sprache boomt: 100.000 Kursbewerbungen aus dem Ausland

Ankara (nex) – Das türkische Yunus Emre Institut (YEE) teilte am Freitag mit, dass es auch in diesem Jahr wieder Türkischkurse für internationale Studierende geben werde. Zu den Sommerkursen seien insgesamt über 1.000 ausländische Studierende zugelassen worden.

Im Rahmen eines Sommerschulprojekts wird an 30 verschiedenen Universitäten in 28 Provinzen die türkische Sprache unterrichtet.

Insgesamt 1.071 Studierende aus 125 Ländern besuchen vom 16. Juli bis 12. August Türkischkurse und haben die Möglichkeit, ihr Wissen zu vertiefen, indem sie die türkische Kultur kennen lernen und historische Orte besuchen.

Die Schüler nehmen zudem an kulturellen Aktivitäten wie türkische Hochzeiten, Henna-Nächten und Volkstänzen teil. Die internationalen Studierenden werden in der letzten Kurswoche in Istanbul bleiben.

100.000 Bewerbungen

Laut YEE bewarben sich aus aller Welt 100.000 Studierende für die Sommerkurse, darunter 26.000 Studierende aus Pakistan, 3.360 aus Ägypten, 1.115 aus dem Irak, 195 aus den USA, 19 aus Armenien, 52 aus Israel und 895 aus Palästina. Auch aus europäischen Ländern wie etwa Polen, der Ukraine, Schweden, Spanien, Italien oder Russland habe es zahlreiche Bewerbungen gegeben. Im vergangenen Jahr wurden 700 internationale Studierende aus 57 Ländern zu den Sommerkursen des Yunus Emre Instituts zugelassen. Türkische Sprache immer beliebter Das Yunus Emre-Institut hat seit seiner Gründung im Jahr 2009 rund 100.000 Menschen in vierzig Ländern Türkischunterricht erteilt. Die türkische Organisation ist mit 50 Zentren auf der ganzen Welt vertreten und bietet Programme in den Bereichen Kunst, Soziales und Wissenschaft an. Des Weiteren führt es Veranstaltungen zur Förderung der türkischen Kultur und Sprache durch. Das Institut ist nach dem einflussreichen türkischen Dichter und Mystiker Yunus Emre benannt. Institutspräsident Seref Ates erklärt, dass türkische Serien und Filme eine große Wirkung bei der Weiterverbreitung des Interesses an der türkischen Sprache und Kultur im Ausland hätten: „Dank diesen Serien und Filmen wird der türkische Lebensstil im Ausland vorgestellt. Die Serien haben vor allem in den Balkanstaaten, der arabischen Welt, aber auch in lateinamerikanischen Ländern sowie Russland viele Zuschauer.“ https://youtu.be/SdeCtflj514 Es gebe sogar Leute, die Türkisch lernen, um sich die türkischen Serien anschauen zu können, fügte Ates hinzu. Er betonte, dass das Interesse an der türkischen Sprache und der Türkei auf der ganzen Welt bestehe. Sowohl das Osmanische Reich als kulturelles Erbe als auch die moderne Türkei zögen die Aufmerksamkeit auf sich. „Unsere Arbeit besteht nicht nur darin, Türkisch zu unterrichten, sondern Menschen auszubilden, die die Türkei lieben und in Kontakt mit ihr stehen sowie darin, der Welt den Standpunkt der Türkei zu erklären“, unterstrich Ates und wies darauf hin, dass jeder einzelne Institutsmitarbeiter gleichzeitig auch ein kultureller Botschafter sei.

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Inspiriert von den sehr beliebten türkischen Seifenopern und TV-Serien wenden sich immer mehr Eltern in Chile von den traditionellen lateinamerikanischen Vornamen ab und geben ihren Kindern türkische Namen.

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Jemenitischer Pressetag
Jemen: 27 Journalisten seit Kriegsbeginn getötet

Maarib (nex) – Insgesamt 27 Journalisten sind seit Ausbruch des Bürgerkriegs im Jemen im Jahr 2014 getötet worden, sagte das jemenitische Journalistensyndikat, eine NGO, am Samstag. „Die Pressefreiheit [im Jemen] durchläuft sehr schwierige Bedingungen und unterliegt seit 2014 einem systematischen Krieg“, sagte das Syndikat in einer Erklärung anlässlich des jemenitischen Pressetages, der auf den 9. Juni fällt. Demnach haben insgesamt 27 Journalisten „ihr Leben verloren, um das Recht der Gesellschaft auf Information zu erfüllen“. Das Syndikat teilte weiter mit, dass Medien im Jemen geplündert, Journalisten und Fotografen gejagt und Hunderte von Nachrichtenportalen blockiert wurden. Die Vereinigung fordert die Freilassung von 12 Journalisten, die von Huthi-Rebellen und einem weiteren Journalisten, der von Al-Qaida-Kämpfern als Geisel genommen wurden. „Sie leben in armen Verhältnissen und werden brutal gefoltert“, heißt es in der Erklärung, die dazu auffordert, auf die kriegführenden Rivalen im Jemen Druck auszuüben, „ein angemessenes und sicheres Umfeld für Journalisten zu schaffen und das Recht auf Information zu respektieren“. Der Jemen versinkt seit Ende 2014 im Chaos. Die Huthis und ihre Verbündeten brachten damals die Hauptstadt Sanaa sowie andere Teile des Landes unter ihre Kontrolle. Sie zwangen Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi und seine von Saudi-Arabien gestützte Regierung, nach Riad zu fliehen. Der Konflikt eskalierte im März 2015, als Saudi-Arabien und seine sunnitischen Verbündeten eine massive Militäroffensive im Jemen mit dem Ziel, die von den Huthis eingenommenen Gebiete zurückzuerobern und Hadis angeschlagene Regierung wiedereinzusetzen, starteten. Saudi Arabien und seine Verbündeten beschuldigen die Huthis,0 dem Iran zu dienen. „Eine der schlimmsten humanitären Katastrophen der Neuzeit“ Die Gewalt hat die grundlegende Infrastruktur des Landes, einschließlich der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung, zerstört und die UNO veranlasst, die Situation als „eine der schlimmsten humanitären Katastrophen der Neuzeit“ zu bezeichnen. Mehr als eine Million Kinder sind in einem Teufelskreis von Mangelernährung und Cholera gefangen, warnte die Hilfsorganisation Save the Children im Oktober vergangenen Jahres: Die durch Mangelernährung ohnehin schon geschwächten Kinder haben ein dreifaches Risiko zu sterben, wenn sie an Cholera erkranken. Gleichzeitig sind Durchfallerkrankungen wie Cholera selbst ein Hauptgrund für Mangelernährung. Kinder, die aktuelle Epidemie überleben, sind trotzdem vom Hungertod bedroht. Unter den rund eine Million akut mangelernährten befinden sich fast 200.000 Kinder, die an schwerer akuter Mangelernährung leiden, wie die neue Daten-Analyse der Kinderrechtsorganisation zeigt. „Nach zwei Jahren Krieg sind die Kinder in einem brutalen Kreislauf aus Hunger und Krankheit gefangen“, erklärt Tamer Kirolos, Länderdirektor von Save the Children Jemen. „Das ist einfach inakzeptabel. Unsere Teams kümmern sich tagtäglich um Babys und Kleinkinder, die nicht nur mangelernährt sind, sondern auch an Cholera leiden – beides Probleme, die eigentlich leicht zu lösen sind, wenn es die Möglichkeit medizinischer Grundversorgung gibt. Aber Krankenhäuser wurden zerstört, das Gesundheitspersonal der Regierung hat seit fast einem Jahr kein Geld mehr bekommen und die Lieferung lebensnotwendiger Hilfe wird blockiert. Wir und andere retten Leben, wo wir können und mit dem, was wir haben – aber wir brauchen dringend mehr Hilfe. Die Kinder dürfen diesen Konflikt nicht mit ihrem Leben bezahlen müssen.“ Save the Children verstärkt daher die Aktivitäten im Jemen und schickt mehr Gesundheitsexperten in die am stärksten betroffenen Gebiete, einschließlich dem Distrikt Al Hali in Hodeidah, der die höchste Zahl an Cholera-Verdachtsfällen aufweist. In diesem Bezirk befinden sich außerdem geschätzte 31.000 Kinder, die wegen akuter Mangelernährung behandelt werden müssen. Das entspricht mehr als einem Viertel aller Kinder unter 5 Jahren im Jemen. Lamia, eine sechsfache Mutter aus Al Hali, hat zwei Kinder durch Cholera verloren. Ihre 10 Monate alte Tochter Arwa ist schwer mangelernährt. „Arwa geht es besser als vorher, als sie ihre Hände gar nicht mehr bewegen konnte und ihre Beine noch dünner waren als jetzt“, erzählt Lamia in einem der Save the Children-Behandlungszentren gegen Mangelernährung in Al Hali. „Arwa hat Glück, zwei meiner Kinder sind tot, auch mein jüngster Sohn. Er war erst zweieinhalb Monate alt und er hatte sehr starken Durchfall.“ Im Jemen sind mehr als 425.000 Cholera-Verdachtsfälle bekannt, 1.900 Menschen sind bereits an der Krankheit gestorben. Der Anteil der Kinder unter 15 Jahren wächst sowohl bei den Neu-Infektionen (44%) als auch bei den Todesfällen (32%). Derzeit betreibt Save the Children 14 Cholera-Behandlungszentren und mehr als 90 Rehydrationstherapiestationen, die über das ganze Land verteilt sind. 160 Tonnen zusätzliches Behandlungsmaterial ist auf dem Weg in den Jemen.