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Epstein-Akten
Epstein-Akten: „Erdoğan reinigt das Militär von israel-freundlichen Kräften“

Washington – Brisante neue Enthüllungen aus den über 3 Millionen freigegebenen Jeffrey-Epstein-Akten des US-Justizministeriums: In geheimen Korrespondenzen des Epstein-Netzwerks wird detailliert analysiert, wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan das türkische Militär umbaut. Wörtlich heißt es in den Dokumenten, Erdoğan „reinigt das türkische Militär von denjenigen, die gut mit Israel zusammenarbeiten“. Die Akten werfen ein völlig neues Licht auf die geopolitische Spionage-Rolle des pädophilen Multimillionärs und seiner hochrangigen Kontakte. Die Ende Januar 2026 entsiegelten Dossiers belegen, dass die Militärstrategie von Präsident Erdoğan und das Verhältnis der Türkei zu Israel ein zentrales Thema in den diplomatischen Zirkeln rund um Jeffrey Epstein waren. Die Korrespondenzen, die unter anderem aus dem Umfeld hoher europäischer Funktionäre stammen, skizzieren eine gezielte Abkehr Ankaras von der einst engen militärischen Kooperation mit Tel Aviv.

Netanyahu-Abneigung und strategische Neuausrichtung

Die Akten zitieren Beobachtungen, wonach Erdoğan gegenüber der „diplomatisch unfähigen Netanyahu-Regierung“ eine tiefe Abneigung hege. In den Berichten, die Epstein offenbar als Teil eines informellen Informationsnetzwerks sammelte, wird die diplomatische Lage Israels als „prekär“ bezeichnet, während der Türkei eine erfolgreiche Rolle als Ordnungsmacht im Nahen Osten attestiert wird.

Mavi Vatan: Marine-Aktivitäten als Unruheherd

Neben der Personalpolitik im Militär thematisieren die Epstein-Files auch die türkische Marine-Strategie im östlichen Mittelmeer. Die Manöver der Türkei in der Nähe der Gasfelder vor Zypern werden in den diplomatischen Depeschen als „hochgradig belastend“ für die westliche Allianz beschrieben. Diese Dokumente erhärten den Verdacht, dass Epsteins Kontakte weit über kriminelle Aktivitäten hinausgingen und sein Zirkel dazu diente, sensible Informationen über Staats- und Regierungschefs wie Erdoğan zu sammeln und zu bewerten.

Vom NATO-Partner zum globalen Powerhouse

Was in den Epstein-Files als „nervenaufreibende“ Veränderung für westliche Kreise beschrieben wird, spiegelt die tatsächliche Transformation der Türkei in den letzten zwei Jahrzehnten wider. Nach einer Phase der jahrzehntelangen, weitgehend selbst gewählten Isolation hat sich das Land zu einem globalen Akteur entwickelt. Die Türkei agiert heute als souveräne Macht, die ihren Einflussbereich weit über die regionalen Grenzen hinaus ausgedehnt hat. Ob als stabilisierender Vermittler auf dem Balkan, als zentraler Partner in weiten Teilen Afrikas oder durch eine verstärkte diplomatische und wirtschaftliche Präsenz in Südamerika: Ankara hat seinen strategischen Spielraum systematisch erweitert. Diese neue globale Rolle wird von einer wirtschaftlichen Dynamik getragen, die die Türkei trotz globaler Herausforderungen zu einem regionalen „Powerhouse“ gemacht hat, das verstärkt auf eigene Ressourcen, neue Handelswege und wirtschaftliche Autarkie setzt.

Rüstungsindustrie als Motor der Souveränität

Ein entscheidender Pfeiler dieser neuen Unabhängigkeit, die in den Epstein-Dokumenten kritisch analysiert wurde, ist der rasante Aufstieg der heimischen Rüstungsindustrie. In den letzten 20 Jahren hat die Türkei ihre Abhängigkeit von ausländischen Militärimporten drastisch reduziert – von einst ca. 80 % auf mittlerweile rund 20 %. Die Entwicklung eigener hochmoderner Waffensysteme, wie der weltweit gefragten Bayraktar-Drohnen, des Kampfpanzers Altay oder des nationalen Kampfflugzeugs KAAN, hat der türkischen Diplomatie eine neue strategische Tiefe verliehen. Die in den Akten erwähnte „Säuberung“ von israel-freundlichen Netzwerken im Militär erscheint vor diesem Hintergrund als konsequenter Schritt einer Strategie, die auf nationale Souveränität und technologische Selbstständigkeit setzt. Die Veröffentlichung dieser Akten verdeutlicht, dass Epsteins Zirkel offenbar auch dazu genutzt wurde, sensible geopolitische Analysen über aufstrebende Mächte wie die Türkei zu sammeln.

NEX24-Interview
Politanalystin Rena Netjes: Die PKK repräsentiert nicht die Kurden

Obwohl zahlreiche Menschenrechtsorganisationen, wie Human Rights Watch, der  Terrororganisation PKK Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen auch unter der kurdischen Bevölkerung vorwerfen, wird in den europäischen Medien kaum darüber berichtet. Ein Beispiel ist die Zwangsrekrutierung von Minderjährigen.

Aber auch assyrische Christen und Aramäer sind frustriert in Bezug auf die Medienberichterstattung über die PKK und ihrem syrischen Ableger, die YPG. Die Berichte spiegelten meist nicht die Realität wider. Jeder, der Fragen stellt oder Einwände erhebt, werde „in Europa ignoriert“. Der assyrische Journalist Dikran Ego etwa, Chefredakteur von Assyria TV, sagte in einem Interview: „Westliche Medien lassen keine kritischen Fragen über die PKK oder die YPG zu.“

Morddrohungen wegen PKK-Kritik

Die renommierte niederländische Politanalystin, Rena Netjes, ist eine der wenigen Medienvertreter, die kritisch berichten und Verbrechen der Terrororganisation aufdecken. Hierfür erhielt sie bereits zahlreiche Morddrohungen. „Ich zahle einen Preis dafür, dass ich die Propaganda der PYD entlarve“, so Netjes auf Twitter.

Die YPG wird als bewaffneter Arm der kurdisch-syrischen Partei der Demokratischen Union (PYD) betrachtet. Die PYD ist eine kurdische Partei in Syrien und gilt als Schwesterpartei der PKK. Sie kooperiert mit dem Regime in Damaskus.

Laut Netjes habe die PYD bei zahlreichen Niederschlagungen von Protesten gegen das Regime eine Rolle gespielt. Netjes betont, dass jede Kritik am Regime mit Unterdrückung, Verhaftung oder Ermordung verbunden sei. Ferner war die PYD daran beteiligt, die syrische Metropole Aleppo, die von syrischen Oppositionskräften kontrolliert wurde, zu erobern und damit dem Regime einen entscheidenden Vorteil zu bescheren.

Netjes ist studierte Arabistin und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Fragen der Staatsführung und Sicherheit in Nordsyrien. Netjes befürwortet eine militärische Intervention und Befreiung Tal Rifaats von der YPG durch die Türkei. „Das Engagement der türkischen Streitkräfte in Nordsyrien könnte Tausenden von Syrern die Rückkehr in ihre Heimat ermöglichen, nachdem sie von der YPG vertrieben wurden“, schreibt Netjes in einem Artikel, der auf der Seite des Washington Instituts erschien.

Im Westen gibt es starken Widerstand gegen eine neu geplante Militäroperation der türkisch-syrischen Nationalarmee (SNA) im Norden Syriens. Doch viele vertriebene Araber aus Tal Rifaat, Manbij und den umliegenden Dörfern begrüßen die Idee der Befreiung ihrer Städte und Dörfer. Tatsächlich fordern sie die von der Türkei unterstützte SNA schon seit Jahren auf, ihr Gebiet zu befreien.

Netjes: „Im Jahr 2016 wurde die gesamte arabische Bevölkerung in Tal Rifaat, einer historisch mehrheitlich arabischen Stadt auf der Westseite des Euphrat, in einer koordinierten Militäroperation von Russland, dem syrischen Regime und Kämpfern der Volksverteidigungseinheiten (YPG) aus Afrin vertrieben.“

„Handlanger, Rebell, Demokrat, Terrorist“

In ihrem umfassenden Bericht „Henchman, Rebel, Democrat, Terrorist“ (Handlanger, Rebell, Demokrat, Terrorist) gemeinsam mit Erwin van Veen, behandelt Netjes das Erstarken, die Ziele und organische Verbindung der YPG zur PKK in Nordsyrien. Dabei decken die beiden Experten die strategisch wechselnde Allianz der YPG mit dem Assad-Regime, dem iranischen Mullah-Regime, der russischen Führung sowie den USA auf.

In ihrem Bericht zeigen sie differenziert auf, welche unterschiedliche geostrategische Politik die Regierungen in Nordsyrien verfolgen. Auch begangene Kriegsverbrechen der Organisation bleiben nicht unerwähnt. Zum Schluss zeigt der Bericht anhand von Szenarien auf, wie brüchig die gewaltsam erreichte Autonomie ist.

„Sie versuchen, uns zum Schweigen zu bringen“

In einem Interview mit NEX24 erklärt die Expertin, dass sie in einigen Medien über die PKK/YPG zwar relativ frei berichten könne, hinter den Kulissen jedoch auch schon eingeschüchtert wurde.

„Mein Kollege Jan Jaap de Ruiter und ich wurden hinter den Kulissen von Nederlands Nieuwsuur und Trouw ziemlich eingeschüchtert. Sie versuchen, uns zum Schweigen zu bringen“, so Netjes.

Da ich mich seit 2016 mit dem Thema beschäftige, fühle ich mich wohl genug, um über das Schlechte und das Gute zu schreiben, wie ich es vor Ort und nach zahlreichen Interviews mit hauptsächlich syrischen Kurden und auch Assyrern, Arabern, Turkmenen, Jesiden, Tscherkessen tue.

„Überwältigenden Propagandamaschinerie“

Die niederländische Forscherin stimmt dem assyrischen Journalisten Dikran Ego zu. Das Bild der Terrororganisation sei im Westen von ihrer „überwältigenden Propagandamaschinerie und von der mangelnden Kenntnis des Terrains einiger aber nicht aller, westlicher Journalisten und Politiker geprägt“.

Ich selbst begann, mir ein anderes Bild von der YPG zu machen, als ich es aus den westlichen Medien kannte, nachdem ich ganz andere Geschichten von Einheimischen gehört hatte, die aus Nordsyrien geflohen waren. Im März 2016 traf ich mehrere Syrer, die aus Tal Rifaat und Umgebung geflohen waren und die Grenze am Grenzübergang Bab al-Salama, einige Kilometer nördlich von Azaz, überquerten. In der anfänglichen Annahme, dass sie vor den russischen und regimetreuen Bombenangriffen aus Ost-Aleppo fliehen, war es überraschend zu erfahren, dass sie flohen, weil „YPG-Kämpfer ihre Häuser eingenommen hatten“. Später an der Grenze und in Kilis sowie Gaziantep, erzählten andere Flüchtlinge viele ähnliche dramatische Geschichten.

Netjes finde zwar neue Plattformen, aber sie bestätige, dass die allgemeine Medienberichterstattung im Westen im Einklang mit der PKK-Propaganda sei. Netjes erwähnt etwa die Assoziierung der PKK und der YPG mit „den Kurden“.

Nach jahrelangen Recherchen und Gesprächen mit syrischen Kurden wisse sie, dass die ständige Behauptung der YPG, die Repräsentanten der Kurden zu sein, überhaupt nicht stimme. Die syrischen Kurden sähen sich in erster Linie als Syrer, als syrische Staatsbürger mit kurdischen Wurzeln. Sie seien auch nicht empfänglich für PKK-Propaganda und die zwangsweise angesetzte Wehrpflicht der YPG lehnten sie im Grunde ab.

„Die meisten syrischen Kurden wollen auch keinen eigenen Staat, denn die syrischen Kurden leben hauptsächlich in drei Enklaven im Norden: im nördlichen Teil der Provinz Hasaka, in Kobani und in Afrin. Andere Teile Nordsyriens sind arabisch (turkmenische Gebiete) und kurdische Gebiete nicht groß genug für einen eigenen Staat. Daher wollten sie große Teile der nicht-kurdischen Gebiete zwischen Afrin und Kobani sowie zwischen Kobani und Ras al-Ayn beherrschen. Die YPG beherrscht momentan nicht-kurdische Gebiete wie Tal Rifaat, Manbij, Raqqa und Deir Ezzor“, so Netjes.

Netjes in einem Interview mit dem kurdischen Führer Ahmad Misto. Er habe vier Attentatsversuche der PKK überlebt. (Foto: Screenshot/Twitter)

 

Die „andere Seite der YPG“

Die YPG habe zwar gegen den IS gekämpft, die Organisation habe jedoch noch eine weitere, im Westen unbekannte Seite.

Netjes: „Am problematischsten ist vielleicht die anhaltende Entführung von Minderjährigen, Mädchen und Jungen, Kurden, Assyrern und Jesiden. Sogar jenseits der Grenze habe ich zwei Teenager interviewt, die gerade von einer Entführung aus der Südtürkei nach Syrien zurückgekehrt waren. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele im Westen davon nichts wissen oder es nicht glauben. Anders die niederländischen und amerikanischen Diplomaten. Für die Niederländer war dies schon immer ein Grund, sie (die YPG, Anm. Red.) nicht zu unterstützen, was einige niederländische politische Parteien verärgerte.

Ein weiterer problematischer Punkt ist die Zwangsverpflichtung in die Armee und der PKK-Lehrplan, der weder von Universitäten noch von internationalen Organisationen anerkannt wird, sodass es keine Chance gibt, damit an die Universität zu gehen. Dies sind Gründe, die vor allem junge Menschen dazu veranlassen, das Gebiet zu verlassen.

In der kurdischen Region des Irak gibt es etwa 250.000 syrische Flüchtlinge, die meisten von ihnen sind Kurden. Und es gibt auch, und das ist viel weniger bekannt, nach Angaben des syrisch-kurdischen Politikers und Forschers Bedir Mulla, etwa 400.000 syrische Kurden in der Türkei, hauptsächlich in der Südtürkei, die vor dem IS, aber auch vor der syrischen PKK geflohen sind.

Diese Menschen kehren nicht zurück. Außerdem lassen sie Oppositionspolitiker nicht frei arbeiten, einige wurden sogar von PKK-Kämpfern getötet, wie Mashal Tammo, Nasredine Burheik und mehrere andere.

Andere wurden inhaftiert oder sind unter Todesdrohungen geflohen, wie die KNC-Führer Abdel Hakim al-Bashar und Ibrahim Biro. Sie lassen keine freien Medien zu, auch keine westlichen oder arabischen Medien oder Forscher, die sich kritisch geäußert haben. Die meisten machen dies jedoch nicht öffentlich, wahrscheinlich in der Hoffnung, wieder Zugang zu erhalten.

In Afrin haben sie viele Kurden an das Assad-Regime ausgeliefert. Nur wenige haben es raus geschafft. Sie schließen assyrische christliche Schulen, weil sie wollen, dass sie den Lehrplan der PKK anwenden. Kurzum, sie regieren Hasaka und die Provinz Kobani – und davor Afrin -, insbesondere die kurdischen Gebiete, mit eiserner Faust.

Das können sie nicht in allen arabischen Gebieten tun, weil die Stämme das einfach nicht zulassen würden. Hinzu kommt, dass derzeit etwa 70 Prozent der von der YPG beherrschten Gebiete arabische Gebiete sind, die sich selbst regieren wollen und nicht wollen, dass der Reichtum, wie etwa Öl, aus ihren Gebieten genommen und ein Teil davon an das Regime verkauft wird.“

„Die Mehrheit der syrischen Kurden mag die PYD nicht“

In ihren Berichten betont Netjes immer wieder, dass die Mehrheit der kurdischen Bevölkerung eine Regierung durch die PYD ablehnt:

„Kurz gesagt, die von der PYD kontrollierten Gebiete sind besser als die Gebiete des Regimes, aber aus den oben genannten Gründen und wegen der extrem schlechten wirtschaftlichen Lage verlassen die Menschen auch diese Gebiete. Nun mag die Mehrheit der syrischen Kurden die PYD nicht, sie sehen sie als ein gewalttätiges Regime, aber sie haben jetzt auch ihre schlechten Erfahrungen mit einigen SNA-Brigaden* gemacht, die nicht ihre Kinder, sondern ihr Geld stehlen. Das ist sehr bedauerlich.

Ein Unterschied ist jedoch, dass ungefähr die Hälfte der Kurden, die 2018 zunächst vor der türkischen Militäroperation geflohen waren, mittlerweile wieder nach Afrin zurückgekehrt sind. Sie hatten eine ‚Dschihadisten-Invasion‘ befürchtet. Aber Araber, die aus den von der YPG gehaltenen Gebieten geflohen sind, können nicht zurückkehren, zum Beispiel die Bevölkerung von Tal Rifaat.

Die Situation in Afrin ist gemischt, einige Teile sind gut, einige Teile sind mittelmäßig und andere sind schlecht. Und leider lässt die PYD afrinische Kurden, die in das Gebiet von Tal Rifaat zurückkehren wollen, nur nach Zahlung hoher Summen zurückkehren“, betont die niederländische Analystin.

„Mütter von Diyarbakir“

Seit Jahren sitzen Eltern kurdischer Herkunft vor dem Parteigebäude der oppositionellen HDP und beschuldigen die Partei, mit Hilfe der PKK „ihre Kinder zu entführen“. Weder die HDP noch die PKK sprächen für die Kurden, erklärt Netjes.

Nein, ich würde eher sagen, sie schaden der kurdischen Sache, vor allem in Syrien. Sie sprechen für sich selbst und präsentieren sich im Westen als die Stimme der Kurden, was viele westliche Politiker und Medien nicht ausreichend verstehen und darauf hereinfallen.

Wegen Ihrer PKK-kritischen Berichterstattung wurde die renommierte Expertin von mutmaßlichen Mitgliedern oder Sympathisanten der Terrororganisation mit dem Tode bedroht. Netjes betont, wie wichtig es sei, trotzdem weiter zu machen und sich nicht einschüchtern zu lassen.

Sie haben sich selbst entlarvt und zeigen, dass die Arbeit, die ich mache, notwendig ist. Ich werde weitermachen. Was ich erlebe, ist wenig im Vergleich zu dem, was viele syrische Kurden, Assyrer und Araber erleben. In Syrien, aber auch in Europa.


*Die Syrische Nationale Armee (SNA), war der Vorgänger der Freien Syrischen Armee (FSA), auch bekannt als die von der Türkei unterstützte Freie Syrische Armee (TFSA). Sie ist eine Koalition bewaffneter syrischer Oppositionsgruppen im syrischen Bürgerkrieg. Sie setzt sich aus verschiedenen Rebellengruppen zusammen, die zu Beginn des Krieges im Juli 2011 entstanden sind. Seit 2017 wird die FSA offiziell von der Türkei unterstützt, die dadurch finanzielle Mittel, Ausbildung und militärische Unterstützung erhält.


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– Berlin –
Kurdische Mutter: Die PKK tötet unsere Kinder

Nach vielen Jahrzehnten der Angst und Drohungen sowie Einschüchterungen der PKK, trauen sich immer mehr Kurdischstämmige gegen die Terrororganisation offen Stellung zu beziehen.

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Spanien
Wirtschaftsboom: Spaniens Arbeitslosigkeit fällt auf Tiefststand seit 2008

Madrid – Während die spanische Minderheitsregierung unter Ministerpräsident Pedro Sánchez politisch und international immer wieder polarisiert, verzeichnen die offiziellen Wirtschaftsdaten des Landes eine deutliche Stabilisierung.

Nach aktuellen Daten des spanischen Arbeitsministeriums ist die registrierte Arbeitslosigkeit im Juni 2026 um 28.739 Personen im Vergleich zum Vormonat gesunken. Damit liegt die Gesamtzahl der Arbeitslosen in Spanien nun bei knapp 2,29 Millionen – der niedrigste Wert, der seit Januar 2008, unmittelbar vor dem Ausbruch der globalen Finanzkrise, gemessen wurde.

Besonders getragen wurde die Entwicklung durch den Dienstleistungs- und Tourismussektor zu Beginn der Sommersaison, gefolgt von Rückgängen der Arbeitslosenzahlen in der Industrie und im Baugewerbe. Ein historischer Tiefststand wurde zudem bei der Jugendarbeitslosigkeit registriert, die auf 159.800 betroffene Personen sank.

Historische Rekordmarke bei den Erwerbstätigen

Parallel zum Rückgang der Arbeitslosenzahlen erreichte die Zahl der aktiven Beitragszahler zur Sozialversicherung in Spanien einen historischen Meilenstein. Erstmals in der Geschichte des Landes überschritt die Zahl der erwerbstätigen Menschen die Marke von 22 Millionen.

Wirtschaftsminister Carlos Cuerpo betonte in diesem Zusammenhang, dass rund 68,3 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in Lohn und Brot stehen – die höchste jemals gemessene Beschäftigungsquote in der Geschichte des südeuropäischen Landes.

Die makroökonomischen Erfolge spiegeln sich auch im allgemeinen Wirtschaftswachstum wider. Die spanische Regierung hat Ende Juni ihre BIP-Wachstumsprognose für das Jahr 2026 offiziell auf 2,6 Prozent angehoben. Spanien trotzt damit den weltweiten geopolitischen Spannungen und den Unsicherheiten auf den Energiemärkten deutlich besser als die anderen drei großen Wirtschaftsmächte der Eurozone – Deutschland, Frankreich und Italien –, die aktuell mit Wachstumsraten von teils unter einem Prozent kämpfen.

Laut Berichten der Europäischen Kommission und von Analysten der Großbank Goldman Sachs wächst die spanische Wirtschaft damit rund dreimal so schnell wie der Durchschnitt der restlichen Eurozone.

Strukturelle Herausforderungen bleiben bestehen

Trotz der positiven Dynamik betonen Wirtschaftsanalysten, dass das Land weiterhin vor strukturellen Aufgaben steht. Spanien verzeichnet im EU-Vergleich nach wie vor eine der höchsten Arbeitslosenquoten, auch wenn die Gesamentendenz deutlich nach unten zeigt.

Zudem belasten die anhaltend hohen Energiepreise sowie eine angespannte Situation auf dem inländischen Wohnungsmarkt die Reallöhne der Bürger.Die vorgelegten Arbeitsmarkt- und Wachstumsdaten verdeutlichen jedoch, dass die spanische Wirtschaft seit dem Amtsantritt der aktuellen Regierung im internationalen Vergleich an struktureller Widerstandskraft gewonnen hat.

 


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Künstliche Intelligenz
Jeder Zweite in Europa shoppt mit KI-Unterstützung

München  – KI-Agenten werden für immer mehr Menschen zu einem festen Bestandteil des Online-Shoppings. In Deutschland haben die Nutzer:innen von KI-Einkaufshilfen in den vergangenen neun Monaten deutlich zugenommen auf 52 Prozent im Jahr 2026. Bei einer vergleichbaren Befragung im September 2025 lagen sie noch bei 44 Prozent.

  • Mehr als jede zweite Person (56%) in Europa nutzt bereits KI beim Shopping, vor allem für den Preisvergleich (32%).
  • Die Kaufentscheidung vollständig an die KI zu delegieren, kommt nur für acht Prozent der europäischen und sechs Prozent der deutschen Konsument:innen infrage.
  • Die häufigsten Vorbehalte sind Datenschutz- und Sicherheitsbedenken (37%), die Sorge vor Manipulation (32%) sowie der Verlust des menschlichen Kontakts (30%)

Weitere 28 Prozent der Deutschen können sich vorstellen, sie auszuprobieren, wie die aktuelle Deloitte-Studie „The state of Agentic Commerce in Europe“ darlegt. Im europäischen Vergleich zeigen sich dabei merkliche Unterschiede (vgl. Abbildung 1): Während Spanien mit 67 Prozent KI-Shoppern unter den Befragten an der Spitze liegt, bildet Großbritannien mit 48 Prozent das Schlusslicht.

Deutschland bewegt sich im unteren Mittelfeld. Grundlage der Studie ist eine im Mai 2026 durchgeführte Online-Befragung von 13.500 Konsument:innen in 15 europäischen Ländern, 1.500 davon in Deutschland.

„Die KI bewegt sich mit Siebenmeilenstiefeln durch den Handel und verändert, wie Menschen Produkte entdecken, vergleichen und Kaufentscheidungen treffen“, sagt Egbert Wege, Handelsexperte und Partner bei Deloitte. „Die Frage ist nicht mehr, ob, sondern wie umfassend die KI Einkäufe künftig übernehmen und steuern wird. Der Handel muss nun nicht nur die Aufmerksamkeit der Menschen, sondern auch der KI gewinnen.“

Viele nutzen KI zur Beratung – nur wenige delegieren den Kauf

Wer bereits KI beim Online-Einkauf eingesetzt hat, verwendet die Technologie zunehmend häufiger (75%). Mehr als die Hälfte (56%) dieser Nutzer:innen bevorzugen KI-Agenten gegenüber anderen digitalen Hilfsmitteln, und für fast ebenso viele (51%) sind sie bereits ein unverzichtbarer Bestandteil des Einkaufserlebnisses.

Dieser Trend zeigt sich über alle Altersgruppen hinweg. Besonders häufig kommen KI-Agenten für den Vergleich von Preisen (32%) sowie von Produkten (24%) und für das Zusammenfassen von Produktbewertungen (22%) zum Einsatz. Deutlich geringer ist hingegen die Bereitschaft, Kaufentscheidungen vollständig an die KI zu übertragen: Europaweit wollen dies bislang lediglich acht Prozent der KI-Nutzer:innen (vgl. Abbildung 2), in Deutschland sogar nur knapp sechs Prozent.

Ohne Vertrauen kein KI-Commerce

Wie stark Verbraucher:innen KI im Einkauf nutzen, hängt wesentlich vom Vertrauen in die Technologie ab. Besonders offen zeigen sich junge Erwachsene zwischen 18 und 27 Jahren: Sie vertrauen KI-Tools bereits mehr (39%) als Mitarbeitenden im stationären Handel (34%) und sind trotz bestehender Datenschutzbedenken eher bereit, persönliche Daten zu teilen.

Mit zunehmendem Alter nimmt die Skepsis gegenüber KI-Anwendungen hingegen zu. Zu den häufigsten Vorbehalten europäischer Verbraucher:innen zählen Datenschutz- und Sicherheitsbedenken (37%), die Sorge vor Manipulation (32%) sowie der Verlust des menschlichen Kontakts (30%).

Die Studienergebnisse deuten zudem auf einen Zusammenhang zwischen der Bereitschaft zur Datenfreigabe und der Verbreitung von KI-Nutzung in den einzelnen Ländern hin. In Deutschland haben Datenschutzbedenken im Zusammenhang mit KI-gestützten Einkaufshilfen deutlich abgenommen: Nannten im Jahr 2025 noch 52 Prozent der Befragten Datenschutz als ihr Hauptbedenken, sind es 2026 nur noch 30 Prozent.

„Verbraucherinnen und Verbraucher sammeln zunehmend positive Erfahrungen mit der KI und legen ihre Bedenken ab. Dennoch entsteht Akzeptanz nicht durch leistungsfähige Technologie allein. Unternehmen müssen KI-Anwendungen transparent, sicher und nachvollziehbar gestalten, denn am Ende entscheidet das Vertrauen der Menschen über den Erfolg von KI im Handel“, sagt Egbert Wege.

Deloitte

Türkei
Haluk Levent mit Geldwäschevorwürfen festgenommen

Bursa – Gegen den landesweit bekannten türkischen Rockmusiker und Gründer der prominenten Hilfsorganisation „Ahbap“, Haluk Levent, liegen schwerwiegende juristische Vorwürfe und Ermittlungen vor, die am Sonntag zu seiner Festnahme in der Türkei führten.

Die Ermittler der Abteilung für Finanzkriminalität der Generaldirektion der Polizei Istanbul griffen den Sänger im westtürkischen Bursa auf, nachdem dieser laut Behördenangaben trotz einer bestehenden Ausreisesperre konkrete Fluchtvorbereitungen ins Ausland getroffen hatte.

Berichten zufolge hatte Levent seine Mobiltelefone abgeschaltet und war bereits auf dem Weg in Richtung İzmir, als der Zugriff erfolgte. Er wurde für die weiteren Vernehmungen umgehend in die Zentrale der Istanbuler Polizei überführt. Die umfassenden Ermittlungen der Justiz teilen sich im Wesentlichen in zwei große Komplexe auf, welche die Unregelmäßigkeiten rund um seine Hilfsorganisation sowie private finanzielle Delikte umfassen.

Verdacht auf Zweckentfremdung von Erdbeben-Spenden

Im Rahmen einer großangelegten Untersuchung der Generalstaatsanwaltschaft Istanbul bezüglich der Verwendung der Spendengelder, die insbesondere nach den verheerenden Erdbeben vom Februar 2023 für die Opfer gesammelt wurden, werden Haluk Levent schwere Straftaten zur Last gelegt.

Die Justiz ermittelt wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Vereinsgesetz, Geldwäsche sowie der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung. Die Staatsanwaltschaft wirft Levent und weiteren Beschuldigten vor, Spendengelder der Organisation systematisch auf Privatkonten umgeleitet und die Vereinskassen geleert zu haben.

Laut den offiziellen Angaben der Strafverfolgungsbehörden nutzte Levent hierfür unter anderem die Konten von engen Mitarbeitern, darunter das seiner Assistentin Y. K., wodurch ein illegaler Geldabfluss in Höhe von rund 120 Millionen Türkischen Lira aus dem Verein stattgefunden haben soll.

Millionen-Wetten und Vorwürfe des Immobilienbetrugs

Besonders schwer wiegt zudem der Verdacht des massiven illegalen Glücksspiels. Die Ermittler stellten fest, dass über die Konten eines anderen Gründungsmitglieds der Ahbap-Stiftung, A. Ç., im Zeitraum zwischen 2020 und 2026 Wetten im astronomischen Gesamtwert von 990 Millionen Türkischen Lira platziert wurden. Die Justizbehörden betonen, dass hierbei enorme Summen – schätzungsweise rund 390 Millionen Türkische Lira – verspielt und verloren wurden. 

Da Levent nachweislich keine eigenen privaten Bankkonten mehr nutzen konnte und parallel erhebliche geschäftliche Probleme hatte, sehen die Ermittler hierin den dringenden Verdacht, dass die Erdbeben-Spenden der Bürger direkt zur Finanzierung dieser Wetten zweckentfremdet wurden. Darüber hinaus erstreckt sich das Verfahren auf einen mutmaßlichen Immobilienbetrug mit einem Schadensvolumen von schätzungsweise 60 Millionen US-Dollar.

Dabei sollen im Namen des Vereins Immobilien von Erdbebenopfern unter dem falschen Versprechen von großzügigen Spenden erworben, die Liegenschaften anschließend jedoch auf Privatpersonen überschrieben worden sein. Die Affäre eskalierte endgültig, nachdem Levent Anfang Juli 2026 angekündigt hatte, den Vereinsvorsitz in den kommenden Monaten nach einer letzten Prüfung durch die Inspektoren des Innenministeriums niederlegen zu wollen.

Als die Justizbehörden Hinweise auf eine bevorstehende Flucht über den Seeweg erlangten, wurde der Haftbefehl vollstreckt.

Hohe Geldstrafe wegen ungedeckter Schecks

Völlig unabhängig von der Affäre um die Hilfsorganisation geriet Haluk Levent bereits im Juni 2026 wegen privater Wirtschaftsdelikte rechtskräftig in die Schlagzeilen. Das Istanbuler Anadolu 24. Strafvollstreckungsgericht verurteilte den Sänger zu einer immensen Geldstrafe von insgesamt rund 70 Millionen Türkischen Lira.

Die Strafe setzt sich aus zwei Einzelentscheidungen zusammen, wobei rund 50 Millionen Türkische Lira auf einen ungedeckten Scheck aus dem Juni 2025 und circa 20 Millionen Türkische Lira auf einen weiteren ungedeckten Scheck aus dem Mai 2025 entfallen. Der Vorwurf lautet auf das wiederholte Ausstellen von ungedeckten Schecks im Rahmen seiner privaten, kommerziellen Handelsgeschäfte. Zudem belegte das Gericht den Künstler mit einem strikten Verbot, künftig neue Scheckhefte zu beantragen oder Scheckkonten zu eröffnen.

Haluk Levent hatte diese Strafe vor seiner Festnahme medial bestätigt und erklärt, dass die Summe auf eigenen Wunsch in 24 Monatsraten abbezahlt werde. Er betonte dabei vehement, dass seine privaten Handelsgeschäfte strikt von der Ahbap-Stiftung zu trennen seien und der Verein keinen finanziellen Schaden erlitten habe.Im Zuge der sich zuspitzenden öffentlich ausgetragenen Debatten und der polizeilichen Ermittlungen im Juli 2026 kursierten im Internet via Social Media auch heftige Gerüchte über einen vermeintlichen illegalen Drogenkonsum des Musikers.

Nach Informationen aus Justizkreisen befindet sich der Musiker nach seiner Festnahme auf der Autobahn bei Bursa weiterhin im offiziellen Polizeigewahrsam. Er wurde am Sonntagabend in die Istanbuler Sicherheitsdirektion überführt, wo die Vernehmungen durch die Abteilung für Finanzkriminalität andauern. Nach Abschluss der polizeilichen Befragung soll Levent in den kommenden Tagen dem Haftrichter vorgeführt werden, der über eine formelle Untersuchungshaft entscheiden wird.

 


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Gastkommentar
Kontrollierter Putschversuch in der Türkei: Ein Mythos und seine realen Hintergründe

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel

Nach nunmehr 10 Jahren hoffe ich, dass die Türken reifer geworden sind; wobei der Staat das nicht so sieht… vielleicht aus gutem Grund, denn es gibt immer noch diese Geistesblitze, die von einem „kontrollierten Putschversuch“ sprechen:

Der 15. Juli – Das Dilemma, über das nicht gesprochen wird – aus gutem Grund!

Zehn Jahre nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei wird noch immer leidenschaftlich über dessen Folgen diskutiert. Über Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit und die politische Entwicklung des Landes. Damit kommen wir stets zum Ergebnis des Putschversuch und damit zu dem unweigerlichen Zirkelschluss, dass es keiner gewesen sei, weil ja dass der Plan Erdoğans war – Pinky und der Brain lassen Grüßen.

Diese Meinung teilte bereits früh die türkische Oppositionspartei CHP, aus opportunistischen Gründen. Aus denselben Gründen wird das auch nie vom Staat in jüngster Zeit vollumfänglich offengelegt, was zwischen dem 15. und 16. Juli 2016 passiert ist und welche notwendigen Entscheidungen getroffen werden mussten. Aber welcher Opportunismus wiegt schwerer?

Der bewaffnete Umsturzversuch und die Chronologie des Schreckens

Was dabei von Menschen erstaunlich selten thematisiert wird, ist eine viel grundlegendere Frage, die ich aus meiner Sicht erörtern möchte: Vor welchem Dilemma stand denn der türkische Staat am 15. Juli überhaupt?

In der Nacht des 15. Juli 2016 rollten Panzer durch Ankara und Istanbul. Kampfjets bombardierten das türkische Parlament, den Polizeihauptsitz, den Hauptsitz der Sondereinsatzkräfte des Militärs, Kampfhubschrauber beschossen mit ihren schweren Kalibern den Sitz des türkischen Nachrichtendienstes, wichtige Verkehrsknotenpunkte und weitere staatliche Einrichtungen. Nach offiziellen Angaben kamen 35 Militärflugzeuge, 37 Hubschrauber, 74 Panzer, 246 gepanzerte Fahrzeuge und Tausende Soldaten zum Einsatz. Mehr als 250 Menschen starben, über 2.000 wurden verletzt.

Unabhängig davon, wie man die spätere Politik der türkischen Regierung bewertet, handelte es sich um einen bewaffneten Umsturzversuch historischen Ausmaßes. Die eigentliche sicherheitspolitische Frage beginnt jedoch bereits Stunden zuvor.

Symbol des gescheiterten Umsturzes: Bürger wehren sich erfolgreich gegen den Putschversuch. (Screenshot)

Das sicherheitspolitische Dilemma des Abwartens

Versetzen wir uns für einen Moment nicht in die Rolle eines Politikers, sondern in die eines Nachrichtendienstes, des militärischen Abschirmdienstes, des Generalstabs, der Regierung.

Am Nachmittag gehen Hinweise auf ungewöhnliche militärische Aktivitäten ein – erst beim MIT, dann beim Generalstab. Es besteht der Verdacht eines bevorstehenden Staatsstreichs. Doch niemand weiß mit Sicherheit, welche Einheiten wo beteiligt sind, wie tief ein mögliches Netzwerk reicht oder welche Kommandeure loyal bleiben. Vor allem, ein Teil der Streitkräfte befindet sich im Jahresurlaub.

Was tut ein Staat? Greift er sofort zu und riskiert, dass lediglich ein kleiner Teil der Beteiligten festgenommen wird, während weitere, der größere Teil von Mitverschwörern innerhalb von Armee, Justiz oder Verwaltung unerkannt bleiben und weiterhin eine unmittelbare Gefahr darstellen? Oder wartet er ab, bis sich die Strukturen offenbaren – in dem Wissen, dass jede Minute des Zuwartens Menschenleben kosten kann? In Anbetracht der Tatsache, dass die vorherigen Putsche kampflos erfolgten, kann man sich die Entscheidung wohl selbst denken!

Das ist kein politisches, sondern zunächst ein sicherheitspolitisches Dilemma. Ein politisches Dilemma wurde es ja bereits, als man zuvor Schulen, Verlage und Zeitungen der Gülen-Sekte staatlich verordnet schloss, Richter und Staatsanwälte entließ, Generäle und Offiziere in den frühen Ruhestand versetzte – und das unter enormen gesellschaftlichen Erschütterungen. Welche Probleme mag erst ein sicherheitspolitisches Dilemma schaffen?

Wer daraufhin ausschließlich fordert, der Staat hätte früher eingreifen müssen, beantwortet nur die Hälfte dieser Frage. Ein sofortiger Zugriff hätte den konkreten Putsch möglicherweise verhindert. Gleichzeitig hätte er aber ebenso bedeuten können, dass bislang unbekannte Beteiligte im Staatsapparat verborgen geblieben wären und weiterhin eine potenzielle Gefahr dargestellt hätten.

Ein späteres Eingreifen wiederum konnte unter Umständen größere Teile eines Netzwerks sichtbar machen – allerdings um den Preis eines bereits begonnenen Umsturzversuchs, der Opfer nicht ausschließt. Genau diese Abwägung gehört zum Kern staatlicher Sicherheitsentscheidungen.

Ein universelles Prinzip staatlicher Gefahrenabwehr

Sie ist keine türkische Besonderheit. Während des „Deutschen Herbstes“ 1977 standen auch deutsche Sicherheitsbehörden vor der Frage, wie lange Terrornetzwerke beobachtet werden können, bevor ein Zugriff erfolgen muss. Der NSU-Skandal ist meiner Meinung nach ebenfalls einer dieser staatlichen Sicherheitsentscheidungen geschuldet, weshalb die Papierschredder angeschmissen werden mussten, nach dem Dutzende Opfer in Kauf genommen wurden.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 erweiterten zahlreiche westliche Demokratien ihre Sicherheitsgesetze erheblich und nahmen tiefgreifende Eingriffe in Freiheitsrechte in Kauf, um weitere Anschläge zu verhindern.

Auch die viel diskutierte Hannibal-Doktrin der israelischen Streitkräfte entstand aus einer Logik extremer Gefahrenabwehr. Unabhängig von ihrer rechtlichen oder moralischen Bewertung zeigt sie ein universelles Prinzip staatlichen Handelns: In existenziellen Krisen müssen Regierungen Entscheidungen treffen, bei denen es keine vollkommen risikofreie Option gibt. Das Ergebnis ist bekannt, wenngleich die israelische Regierung dies vor der eigenen Bevölkerung erfolgreich deckeln konnte. Warum sollte ausgerechnet ein bewaffneter Putsch eine Ausnahme von diesem Grundsatz sein?

Damit ist keineswegs gesagt, dass sämtliche Entscheidungen nach dem 15. Juli richtig oder verhältnismäßig waren. Über den anschließenden Ausnahmezustand, die Massenentlassungen, die Verhaftungen und die tiefgreifenden Veränderungen des politischen Systems wird bis heute – zu Recht – kontrovers diskutiert. Doch diese Diskussion sollte nicht den Blick auf die Ausgangslage verstellen.

Die Taktik hinter dem vorgezogenen Zeitplan

Bis heute wird darüber debattiert, weshalb der Putsch nicht – wie frühere Militärputsche – in den frühen Morgenstunden begann, sondern bereits gegen 21 Uhr. Nach offizieller Darstellung hatten Teile der Putschisten befürchtet, entdeckt worden zu sein, und zogen ihren Zeitplan vor.

Ob dies die vollständige Erklärung ist, bleibt Gegenstand historischer Forschung. Taktisch erscheint diese Darstellung jedenfalls nachvollziehbar, denn ein erfolgreicher Putsch lebt vom Überraschungsmoment – und kaum jemand würde freiwillig den Zeitpunkt wählen, an dem Millionen Menschen noch wach sind, Fernsehsender senden und soziale Medien funktionieren. Dabei würde man sprichwörtlich die Hosen runter lassen. Aber etwas hat die Putschisten dazu getrieben, sich die Blöße zu geben. Das war meiner Meinung nach der sicherheitspflichtige Plan des Staates.

Vielleicht erklärt genau dieses Dilemma auch die Reaktion der türkischen Opposition, den Unterschied zwischen der Wahrnehmung in Europa und derjenigen in der Türkei. Während in Europa häufig die Folgen des Putschversuchs im Mittelpunkt stehen, richtet sich der Blick in der Türkei vielfach auf die Frage, wie ein mutmaßlich über Jahrzehnte gewachsenes Netzwerk überhaupt in der Lage sein konnte, staatliche Institutionen zu unterwandern und einen bewaffneten Umsturzversuch einzuleiten. Beide Perspektiven sind legitim. Eine vollständige Analyse entsteht jedoch erst, wenn beide Fragen nebeneinander gestellt werden.

Verantwortung im Augenblick der existenziellen Krise

Der 15. Juli war nicht nur der Beginn einer politischen Entwicklung. Er war zunächst ein Tag, in der ein Staat innerhalb weniger Stunden Entscheidungen treffen musste – unter Zeitdruck, mit unvollständigen Informationen und ohne zu wissen, wie tief die eigene staatliche Sicherheitsarchitektur von der Gülen-Sekte bereits unterwandert war.

Geschichte wird häufig im Rückspiegel geschrieben. Verantwortung dagegen entsteht immer im Augenblick der Entscheidung. Insofern war es auch verständlich, dass die türkische Oppositionspartei CHP in ihrer Geschichte von einem kontrollierten Putschversuch sprach, wenngleich man aus opportunistischen Gründen damit etwas anderes suggerierte.

Ich denke aber, dass die damalige türkische Regierung, wenn sie denn von der CHP geführt worden wäre, dieselben Entscheidungen getroffen hätte und einen „kontrollierten Putschversuch“ zugelassen hätten, um die staatliche Sicherheitsarchitektur von der Sekte zu befreien – sprich einen Hardreset, dessen Folgen kalkulierbar bleiben.

Insofern vernehme ich diese Geschichte, die noch immer aus manchen Mündern zu hören ist, mit einem leichten Schmunzeln, weil politische Äußerungen eine geringe Halbwertzeit haben, wogegen staatliche Sicherheitsentscheidungen die existenzielle Grundlage der Türkei bilden.

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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Idriz: Millionen friedliche Muslime bleiben unsichtbar

Gastkommentar
„Irgendwas mit Vergewal­tigung“: Wie Rechtspopu­listen mit sexuali­sierter Angst mobil machen

Ein Gastkommentar von Aras Karasun

Bei der AfD gehört ja das Thema „fremdländisch-sexualisierte Gewalt und sexueller Neid“ im Zusammenhang mit Migration schon länger zu den Hauptsäulen deren Politpropaganda.

Nahezu in allen Reden, Foren und Social-Media-Auftritten der AfD steht die „sexualisierte Gewalt durch migrantische Männer“ nonstop im Vordergrund. Die wiederholte Botschaft und Behauptung dahinter ist, dass die Gesellschaft schutzlos sei, die „sog. Altparteien“ versagen würden oder sogar Teil einer Verschwörung seien, während die AfD sich als Kraft darstellt, die „Frauen vor Vergewaltigung schützen wolle“.

Der Fall Lisa und die Dynamik moderner Desinformation

Selbst russische Medien wie etwa RT, propagandistisch sehr eng mit der AfD verbunden, machten sich das zunutze. Der „Fall Lisa“ aus dem Jahr 2016. Das war damals ein riesiges Thema, das für extreme Spannungen gesorgt und die russischsprachige Community in Deutschland sowie die Politik massiv aufgewühlt hat.

Eine 13-jährige Russlanddeutsche (Lisa) aus Berlin verschwand für ca. 30 Stunden. Es verbreitete sich rasch das Gerücht – massiv befeuert von russischen Staatsmedien (wie RT) und rechtspopulistischen Kreisen –, das Mädchen sei von „Südländern“ bzw. Migranten und Flüchtlingen entführt und vergewaltigt worden.

Daraufhin kam es zu großen Demonstrationen innerhalb der russischen Community und von Russlanddeutschen vor dem Kanzleramt und in anderen Städten, weil vermutet wurde, die deutsche Polizei wolle den Fall vertuschen. Sogar der russische Außenminister Lawrow schaltete sich damals diplomatisch ein.

Die Staatsanwaltschaft konnte den Fall aber durch die Auswertung von Handydaten und Zeugenaussagen schnell aufklären. Das Mädchen war in der fraglichen Nacht freiwillig bei ihrem volljährigen Freund untergetaucht. Eine Vergewaltigung oder Entführung durch „Südländer-Migranten“ hatte nie stattgefunden.

Die historischen Wurzeln im amerikanischen Ku-Klux-Klan

Dieses Muster, die Verbindung von rassistischer Propaganda, pornografisch-sexualisierter Gewalt, Rassismus und dem Versprechen, eine bestimmte Gruppe von Frauen müsse vor Vergewaltigung geschützt werden, ist jedoch nicht neu. Es hat seine Ursprünge unter anderem in einem Stummfilm aus dem Jahre 1915, der den Ku-Klux-Klan propagandistisch aufbereitete, und wurde bereits vor über 100 Jahren als rassistisches Propagandamittel eingesetzt.

Der Ku-Klux-Klan war 1915 wegen Mitgliedermangels nahezu bedeutungslos geworden. Mit dem Stummfilm „The Birth of a Nation“ ist jedoch die simple Darstellung von weißen Rittern, die durch die Gegend ritten und zufällig weiße Frauen vor Vergewaltigung beschützten und abends in gemütlicher Runde die Kreuze anzündeten, massiv viral gegangen und kam beim Publikum sehr gut an.

Nach dem Erfolg des Films erhielt der Ku-Klux-Klan großen Zulauf und wuchs in den 1920er Jahren auf mehrere Millionen Mitglieder an. Das Muster, sexualisierte Angst und rassistischer Neid, erwies sich damals wie heute als äußerst wirksames Mittel zur Mobilisierung der dummen Massen. Daraus folgte damals eine Welle von Lynchmorden und Hinrichtungen.

Unter anderem saß ein 14-jähriger Junge namens George z. B. unschuldig in einer Todeszelle. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort und hatte die falsche Hautfarbe. Man beschuldigte ihn, zwei weiße Mädchen ermordet zu haben. Beweise? Keine. Nur ein erzwungenes Geständnis, erpresst von der Polizei, ohne Eltern, ohne Anwalt. Ein rein weißes Gericht brauchte gerade einmal zehn Minuten, um ein Kind zum Tode zu verurteilen.

Am Tag der Hinrichtung führten die Wärter einen verängstigten, 40 Kilo schweren Jungen zum elektrischen Stuhl. Er ist so winzig, dass die Apparatur der Erwachsenen nicht passt. Also nehmen sie eine dicke Bibel und nutzen sie als Sitzerhöhung. Als der Strom eingeschaltet wird, rutscht die viel zu große Todesmaske von seinem Gesicht und gibt den Blick frei auf ein Kind, das weint. Es dauerte genau 70 Jahre, bis ein Gericht das Urteil offiziell aufhob und feststellte: George Stinney Jr. war unschuldig. Es war ein Justizmord aus purem Rassismus.

Filmszene aus „Carolina Skeletons“ (1991), die die Hinrichtung des 14-jährigen George Stinney Jr. nachstellt. (Screenshot/Youtube)

 

Das antisemitische Hetzblatt Der Stürmer als Vorläufer

Die Ursprünge des fremden oder zum Fremden stigmatisierten Vergewaltigers liegen aber nicht nur in den Südstaaten der USA, sondern auch vor allem in Deutschland.

Diese rassistische Vorstellung hat eine noch viel ältere antisemitische Vorgeschichte. Bereits im Mittelalter wurden Juden in Europa immer wieder durch antisemitische Legenden als angebliche Vergewaltiger, Kindesentführer oder als Bedrohung für christliche Frauen und Kinder diffamiert.

Das antisemitische Hetzblatt „Der Stürmer“ in der NS-Zeit spezialisierte sich ebenso auf pornografisch-sexualisierte Vergewaltigungserzählungen und machte sie zu einem Hauptbestandteil seiner antisemitischen Hetze.

Jüdische Männer wurden darin mit dämonischen, triebgesteuerten Darstellungen und anonymen Leserbriefen als sexuelle Gefahr und als angebliche Vergewaltiger diffamiert, untermalt von nötigen Porno-Karikaturen. Diese Auflagen wurden sogar als Sondernummern gekennzeichnet, da sie nachweislich den größten Verkaufserfolg als Masturbationsvorlagen hatten.

Genauso wie damals im Stürmer ist es auch heute so, dass die besonders bizarr ausgeschmückten Vergewaltigungsberichte die meisten Klickzahlen bringen. Das rassistische Bild des angeblich fremdkulturellen oder fremdreligiösen und fremdrassigen Mannes, der weiße Frauen verfolge, wurde anscheinend in der Geschichte bis heute immer wieder benutzt, um rassistische Bewegungen als vermeintliche „Schutzmacht der Frauen“ zu inszenieren.

Daher muss man natürlich feststellen, dass gleichrassige Vergewaltigungen weder beim Ku-Klux-Klan noch beim Stürmer oder bei der AfD kaum oder gar nicht thematisiert wurden. Es ging in diesem „Genre“ offensichtlich und ausschließlich um „fremdrassige Vergewaltiger“.

Aktuelle Ausprägungen und Vorfälle im Jahr 2026

Dieses Bild von vergewaltigenden Migranten ist aber auch 2026 brandaktuell und nicht ein Relikt aus den Südstaaten oder der NS-Zeit.

Erst dieses Jahr hat Angela, eine 17-Jährige, einen gleichaltrigen Jungen (Onur) erstochen. Direkt danach behauptete sie, sie hätte sich nur gegen eine „versuchte Vergewaltigung“ gewehrt. Sie wurde von der Staatsanwaltschaft freigelassen, ohne die Indizien zu prüfen. Wahrscheinlich hatte der Staatsanwalt auch das Bild der „ewigen Vergewaltiger-Migranten“ im Kopf.

Der Schock kam bei der Auswertung ihres Handys. Die Ermittler fanden heraus, dass sie vorher im Netz gegoogelt hatte, wie man jemanden gezielt tötet. Die Vergewaltigung war offenbar nur eine schlechte Notlüge, um einen geplanten Mord zu vertuschen. Als die Polizei sie wegen Mordverdachts wieder verhaften wollte, war sie natürlich schon untergetaucht.

Auch der Film, den Elon Musk auf X zur Verfügung stellte, hat das Thema – man ahnt es – „migrantische Vergewaltigung“. Ein Mann macht Jagd auf „Vergewaltiger-Migranten“ und bringt gleich deren Familien auch um … Der Film wirkt wie eine Anleitung zum Rechtsterrorismus.

Die minderjährige Lisa, die minderjährige Messermörderin Angela, die AfD, Elon Musk, der Ku-Klux-Klan und der „Stürmer“-Herausgeber Julius Streicher hatten etwas gemeinsam. Alle wussten: irgendwas mit Vergewaltigung, irgendwas mit Migranten, Schwarzen, Juden und Vergewaltigung. Angebliche Fremdlinge und Vergewaltigung werden als rassistisches Narrativ von der breiten Masse akzeptiert.

Manchmal ist es schwer zu glauben, dass exakt dieses alte, wiedergekäute Propagandamuster, die Verbindung von Rassismus, sexualisierter Angst und Sexualneid-Gefühlen, auch heute noch durch die AfD eine so starke Wirkung entfalten konnte.

 


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Mann nach 38 Jahren Haft wegen Mordes freigesprochen

Balkankriege
Srebrenica: Albrights und Soros‘ Kampf für die Muslime

Wenn die Weltöffentlichkeit am heutigen Jahrestag des Massakers von Srebrenica der Opfer gedenkt, blickt sie auf eine Geschichte zurück, die bis heute polarisiert.

Vor allem in der muslimischen Welt werden die ehemalige US-UN-Botschafterin Madeleine Albright und der Milliardär und Philanthrop George Soros oft kritisch gesehen – meist geprägt durch die spätere westliche Außenpolitik der späten 1990er-Jahre oder geopolitische Debatten der Gegenwart.

Doch ein weitgehend vergessenes, historisch dokumentiertes Kapitel des Bosnienkriegs (1992–1995) zeigt ein völlig anderes Bild: Jahre bevor die internationale Gemeinschaft nach jahrelangem Zögern endlich eingriff, führten Albright und Soros einen erbitterten, oft einsamen Kampf gegen die ethnischen Säuberungen an bosnischen Muslimen. Ihre eindringlichen Warnungen blieben ungehört – ein historisches Versäumnis, das das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg hätte verhindern können.

Eine gelähmte Weltordnung

Als 1992 der Krieg in Bosnien und Herzegowina ausbrach, reagierte die internationale Gemeinschaft mit einer Mischung aus Überforderung und kollektiver Lähmung. Nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens begannen ultranationalistische bosnisch-serbische Truppen unter der Führung von Radovan Karadžić und General Ratko Mladić mit der systematischen Vertreibung und Ermordung der bosniakischen (muslimischen) Bevölkerung.

Die Europäische Union und die Vereinten Nationen setzten primär auf Diplomatie, Verhandlungen und ein striktes Waffenembargo gegen die gesamte Region. Was theoretisch wie eine Friedensmaßnahme klang, entpuppte sich in der Praxis als Todesurteil für die bosnischen Muslime: Während die serbischen Truppen über die massiven Waffenbestände der ehemaligen Jugoslawischen Volksarmee (JNA) verfügten, waren die Verteidiger Bosniens kaum bewaffnet und von jeglichem Nachschub abgeschnitten.

Die UN errichtete zwar sogenannte „Schutzzonen“ – darunter auch Srebrenica –, verweigerte den dort stationierten Blauhelmsoldaten jedoch das robuste Mandat, diese Zonen auch militärisch effektiv gegen Angriffe zu verteidigen.

Madeleine Albrights Kampf gegen das Pentagon: Der „Powell-Doktrin“-Konflikt

In Washington war die Clinton-Regierung in den Anfangsjahren tief gespalten. Auf der einen Seite stand das mächtige Pentagon unter der Führung von General Colin Powell, dem Vorsitzenden der Joint Chiefs of Staff. Powell vertrat die nach ihm benannte „Powell-Doktrin“:

Die USA sollten militärisch nur dann intervenieren, wenn vitale nationale Sicherheitsinteressen auf dem Spiel standen, ein klares politisches Ziel existierte und eine überwältigende militärische Übermacht eingesetzt werden konnte. Ein humanitärer Einsatz in Bosnien passte nicht in dieses Schema.

Auf der anderen Seite stand Madeleine Albright, die frisch ernannte US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen. Als Geflüchtete, die vor den Nationalsozialisten und später vor den Kommunisten aus der Tschechoslowakei geflohen war, sah Albright im Zögern des Westens eine moralische Bankrotterklärung. Sie lieferte sich im Lagezentrum des Weißen Hauses legendäre, hitzige Wortgefechte mit der Militärführung. In ihren Memoiren hielt sie ihren berühmten Ausspruch an Powell fest:

„Wozu haben wir eigentlich dieses großartige Militär, von dem Sie immer sprechen, wenn wir es nicht einsetzen können?“

Albright argumentierte leidenschaftlich, dass die Androhung und der gezielte Einsatz von NATO-Luftangriffen der einzige Weg seien, um die serbische Belagerung von Städten wie Sarajevo zu brechen und die Zivilbevölkerung vor dem Genozid zu schützen. Während westliche Diplomaten in Genf und New York endlose Resolutionen verfassten, warnte Albright unmissverständlich, dass das Zögern des Westens wie ein Freifahrtschein für Massenmorde wirke.

Sie wurde in dieser Phase von Kritikern oft als „Kriegstreiberin“ beschimpft – doch die Geschichte sollte ihr auf tragische Weise recht geben.

Aus den Fehlern und dem quälend langen Zögern in Bosnien zog Albright später radikale Konsequenzen: Als US-Außenministerin setzte sie sich Ende der 1990er-Jahre im Kosovokrieg von Beginn an vehement für eine kompromisslose NATO-Intervention ein, um ein „zweites Srebrenica“ an der albanisch-muslimischen Bevölkerung im Kosovo im Keim zu ersticken.

Sie trieb die 78-tägige NATO-Bombardierung Jugoslawiens im Jahr 1999 ohne UN-Mandat voran. Kritiker und Medien nannten den Kosovokrieg damals sogar ganz offiziell „Madeleines Krieg“ (Madeleine’s War).

31. März 1999: US-Präsident Bill Clinton wird von Außenministerin Madeleine Albright, CIA-Direktor George Tenet, dem Vorsitzenden der Joint Chiefs of Staff, General Hugh Shelton, und weiteren Beratern zur Lage im Kosovo informiert.Foto: William J. Clinton Presidential Library

Die private Intervention: George Soros’ 50-Millionen-Dollar-Rettungsanker

Während Albright im bürokratischen Apparat Washingtons und der UN durch die militärische Führung blockiert wurde, handelte der Milliardär und Philanthrop George Soros auf rein humanitärer Ebene.

Schockiert über die Tatenlosigkeit der westlichen Regierungen, entschied sich Soros im Dezember 1992 zu einem für eine Einzelperson beispiellosen Schritt: Er stellte 50 Millionen Dollar aus seinem Privatvermögen zur Verfügung, um ein exklusives Nothilfeprogramm für die belagerte Bevölkerung in Bosnien aufzubauen.

Unter den Bedingungen der grausamen Belagerung von Sarajevo, bei der die serbischen Truppen die Wasser-, Gas- und Stromzufuhr der Stadt komplett gekappt hatten, reichte Geld allein nicht aus. Soros’ Stiftung, die Open Society Foundations, transportierte unter Lebensgefahr Ingenieure und hochkomplexe Bauteile in die belagerte Stadt.Das Herzstück dieser Hilfe war der Bau einer Wasserfilteranlage, die bombensicher geschützt in einem ehemaligen Luftschutzbunker von Sarajevo installiert wurde.

Diese Anlage war imstande, zehntausende Bürger täglich mit sauberem Trinkwasser zu versorgen, ohne dass sie sich an den von serbischen Scharfschützen ins Visier genommenen öffentlichen Brunnen in Lebensgefahr begeben mussten. Darüber hinaus finanzierte die Stiftung Generatoren für Krankenhäuser, reaktivierte Gasleitungen im bitteren Winter und unterstützte die unabhängige Zeitung Oslobođenje, damit die freie Berichterstattung in der belagerten Stadt nicht erstarb.

Laut dem Almanac of American Philanthropy belegen die Daten rückblickend eine historische Tatsache: Soros’ schnelles, unbürokratisches und rein privat finanziertes Eingreifen in Bosnien in den kritischen Wintern von 1992 bis 1994 rettete mehr zivile Leben als die logistischen Bemühungen aller westlichen Nationalstaaten zusammen.

Parallel zu dieser Logistik nutzte Soros seine globale mediale Reichweite und veröffentlichte flammende Essays in der New York Times und der Washington Post. Soros, der als Kind den Holocaust im besetzten Budapest überlebt hatte, zog direkte Parallelen zu den 1930er-Jahren. Am 18. Dezember 1992 erklärte er öffentlich:

„Mein Herz ist bei den Menschen, die vergewaltigt, geplündert und ermordet werden – nur weil sie bosnische Muslime sind. Die zivilisierte Welt muss sie beschützen, wenn wir selbst zivilisiert bleiben wollen.“

George Soros im Gespräch mit Ingenieuren und Arbeitern, die im November 1993 die Gasleitungen für die belagerte Bevölkerung von Sarajevo (Bosnien und Herzegowina) instand setzten – eine Maßnahme im Rahmen seines 50-Millionen-Dollar-Hilfsprogramms während des Krieges. (Foto: Screenshot/Open Society Foundation/B.Vuco)

August 1995: Die Aufklärungsbilder, die das Schweigen brachen

Die Tragödie gipfelte im Juli 1995. Die UN-Schutzzone Srebrenica fiel kampflos, während die dort stationierten niederländischen UN-Blauhelme von den serbischen Truppen überrannt wurden.

Innerhalb weniger Tage wurden über 8.000 bosniakische Männer und Jungen systematisch exekutiert.In den ersten Tagen nach dem Fall versuchten die Täter, die Spuren des Massenmords zu verwischen, indem sie die Leichen mit Bulldozern in improvisierten Massengräbern verscharrten und die Weltöffentlichkeit belogen.

Hier nutzte Albright die Kapazitäten der US-Geheimdienste und forderte die Freigabe von hochauflösenden Aufklärungsaufnahmen an.

Am 10. August 1995 trat Madeleine Albright vor den UN-Sicherheitsrat. In einer dramatischen, internen Sitzung zeigte sie den Mitgliedern geheime Satellitenbilder, die unter anderem Gefangene auf einem Fußballfeld zeigten. Gleichzeitig präsentierte sie freigegebene Aufnahmen von U-2-Spionageflugzeugen, auf denen die frisch aufgewühlte Erde über den Massengräbern deutlich zu erkennen war.

Vor den Weltmedien erklärte sie unmittelbar nach der Sitzung unmissverständlich:

„Es gibt überwältigende Beweise dafür, dass in dieser Region großflächige Gräueltaten an wehrlosen Zivilisten abseits des Schlachtfelds begangen wurden… Dies ist ein Fall, der eindeutig vom Kriegsverbrechertribunal untersucht werden muss.“

Dieser Moment brach die jahrelange diplomatische Lähmung im Westen. Die Bilder ließen keinen Raum mehr für Ausflüchte. Sie zwangen die Clinton-Regierung und die NATO schlussendlich zu den massiven Luftangriffen („Operation Deliberate Force“), die Albright und Soros bereits drei Jahre zuvor gefordert hatten.

Die Militäroperation zwang die serbische Führung an den Verhandlungstisch und führte schließlich zum Abkommen von Dayton – doch für die Opfer von Srebrenica kam dieses Einsehen Jahre zu spät.

In Bosnien und Herzegowina ist ihr damaliger Einsatz bis heute unvergessen.„Aufgrund ihrer eigenen Lebensgeschichte war sie eine wahre Kämpferin für die Gerechtigkeit; sie konnte Ungerechtigkeit einfach nicht ertragen. Sie verstand zutiefst, dass Bosnien bitteres Unrecht widerfahren war, und sie suchte unermüdlich nach Wegen, dieses Unrecht zu korrigieren. Sie wurde in jenen dunklen Jahren zu unserer Stimme in der Welt“, so der damalige bosnische Außen- und Premierminister Haris Silajdžić im Jahr 2022, als Albright verstarb.

Ein Tag gegen das Vergessen

Die Aufarbeitung dieses Versagens reicht bis in die unmittelbare Gegenwart. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat eine historische Resolution verabschiedet, die den 11. Juli offiziell zum „Internationalen Tag des Gedenkens an den Völkermord von Srebrenica“ erklärt.

Diese Resolution ist ein entscheidender Schritt im Kampf gegen den bis heute in Teilen des Balkans verbreiteten Revisionismus und die Leugnung des Genozids.

Der historische Rückblick zeigt eine fundamentale Lektion: Geschichte ist selten schwarz-weiß. Auch wenn spätere politische Weichenstellungen dazu geführt haben, dass beide Figuren im Nahen Osten und in Teilen der islamischen Welt heute höchst kritisch gesehen werden.

So eckte Soros im jüdischen Staat selbst immer wieder an, da er die israelische Politik gegenüber den Palästinensern wiederholt scharf kritisierte und seine Stiftung die Blockade sowie das militärische Vorgehen im Gazastreifen offiziell als völkerrechtswidrige „kollektive Bestrafung“ der Zivilbevölkerung anprangerte. Dennoch bleibt die historische Wahrheit auf dem Balkan unumstößlich.

Als Bosniens Muslime vor der existenziellen Vernichtung standen und die mächtigsten Staaten der Erde wegschauten, waren es eine US-Diplomatin und ein Milliardär, die zu ihren lautesten, entschlossensten und effektivsten Verteidigern wurden. Am heutigen Gedenktag von Srebrenica bleibt diese Allianz eine mahnende Erinnerung daran, dass politisches Zögern im Angesicht von Menschenrechtsverbrechen niemals neutral ist – es trägt immer einen verheerenden menschlichen Preis.

 


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31 Jahre Srebrenica: Warum das Gedenken heute wichtiger ist denn je

Bosnien
31 Jahre Srebrenica: Warum das Gedenken heute wichtiger ist denn je

Morgen am 11. Juli 2026 jährt sich das Massaker von Srebrenica zum 31. Mal. Im Sommer 1995 verübten bosnisch-serbische Truppen unter den Augen der Weltöffentlichkeit den schwersten Völkermord auf europäischem Boden seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Über 8.300 bosnisch-muslimische Männer und Jungen wurden innerhalb weniger Tage systematisch exekutiert. Mehr als drei Jahrzehnte später ist das Trauma in Bosnien und Herzegowina unvergessen und die damaligen Ereignisse senden brandaktuelle Warnsignale in das Europa der Gegenwart.

Das kollektive Versagen der Weltgemeinschaft im Jahr 1995

Die Tragödie von Srebrenica bleibt untrennbar mit dem Versagen der internationalen Staatengemeinschaft verbunden. Im Frühjahr 1993 hatten die Vereinten Nationen die ostbosnische Enklave offiziell zur UN-Schutzzone erklärt. Tausende geflüchtete Bosniaken suchten im Vertrauen auf dieses Versprechen Schutz im Stützpunkt Potočari, der von niederländischen UN-Blauhelmsoldaten bewacht wurde.

Als die Einheiten der bosnisch-serbischen Armee unter General Ratko Mladić am 6. Juli 1995 den Angriff begannen und die Stadt unter Dauerbeschuss nahmen, blieb die dringend angeforderte Luftunterstützung der NATO aus. Am 11. Juli fiel die Enklave kampflos.

Was folgte, war eine logistisch geplante Vernichtungsaktion: Frauen und Kleinkinder wurden unter Zwang deportiert, während Männer und Jungen im Alter zwischen 13 und 78 Jahren systematisch selektiert, abtransportiert und in den umliegenden Wäldern und Fabrikhallen ermordet wurden. Bis heute sind nicht alle Opfer identifiziert, da die Täter die Massengräber später mit Baggern aushoben und die Überreste auf weit entfernte Gebiete verteilten, um das Ausmaß des Verbrechens zu vertuschen.

Hasan Hasanovic und das Zeugnis gegen das Vergessen

Hinter den abstrakten Opferzahlen stehen tausende Einzelschicksale, die das Grauen greifbar machen. Eines davon ist das des Überlebenden Hasan Hasanović. Als die serbischen Truppen Srebrenica einnahmen, floh er gemeinsam mit seinen Brüdern Hajro und Hasib in die umliegenden Berge, um das freie bosnische Territorium zu erreichen. Es war ein tagelanger Todesmarsch durch unwegsames Gelände, belagert von serbischen Jagdkommandos.

Beide Brüder verloren auf der Flucht ihr Leben. Hasanović hielt jedoch ein Versprechen, das er seiner Mutter gegeben hatte: Mindestens zwei Söhne sollten die Freiheit erreichen. Er ließ den Leichnam seines getöteten Bruders Hasib nicht zurück, sondern trug ihn über 20 Kilometer weit durch die Wälder bis in die sichere Zone. Hasib wurde später das erste namentlich erfasste und begrabene Opfer des Genozids.

Seine bewegende Geschichte hat Hasanović im Buch „Srebrenica. Kein Vergessen. Kein Vergeben“ festgehalten. Dieses Werk ist ein unverzichtbares Zeugnis über die Geschehnisse zwischen 1992 und 1995 und bietet Erzählungen aus erster Hand. Für Hasanović ist das Schreiben ein Akt des Widerstands gegen die Normalisierung von Hass. Er mahnt eindringlich, dass das Erinnern an die Opfer nicht nur eine historische Pflicht ist, sondern eine notwendige Abwehrhaltung gegen heutige Ideologien, die sich in antimuslimischem Rassismus und rechtsextremer Hetze manifestieren.

Genozid-Leugnung als politische Waffe im Jahr 2026

Obwohl internationale Strafgerichte die Massaker unmissverständlich als Genozid eingestuft und die Hauptverantwortlichen zu lebenslanger Haft verurteilt haben, ist der Frieden auf dem Westbalkan im Jahr 2026 extrem fragil. In Serbien und im serbischen Teil Bosniens, der Republika Srpska, wird der Völkermord von den politischen Eliten bis heute geleugnet oder systematisch verharmlost.

Diese Weigerungshaltung spiegelt sich auch im Bildungssystem wider, wo das Thema aus den Lehrplänen verbannt wird. Verschärft wird die Situation durch anhaltende separatistische Bestrebungen radikaler Nationalisten, die eine Abspaltung von Bosnien-Herzegowina vorantreiben und dabei moralische Rückendeckung von rechtsextremen Gruppierungen aus ganz Europa erhalten. Die Spaltung der Gesellschaft verfestigt sich dadurch im Alltag der nachfolgenden Generationen.

EU verurteilt Genozid-Leugnung scharf

Unterstreichend für diese anhaltende Problematik verurteilte die Europäische Union am Freitag vor dem Jahrestag offiziell jegliche Form der Leugnung. In einer gemeinsamen Erklärung der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas und der Erweiterungskommissarin Marta Kos hieß es unmissverständlich, dass es in Europa keinen Platz für Genozid-Leugnung, Revisionismus oder die Verherrlichung verurteilter Kriegsverbrecher gebe.

Die EU-Vertreterinnen bezeichneten das Massaker als eines der dunkelsten Kapitel der europäischen Geschichte und erinnerten an den Beschluss der UN-Generalversammlung vor zwei Jahren, den 11. Juli als internationalen Gedenktag zu verankern. Gleichzeitig riefen sie die politischen Führer der Region dazu auf, Verantwortung statt Spaltung und den Dialog statt der Konfrontation zu wählen.

Von Srebrenica bis Christchurch: Die Kontinuität des Hasses

Das Gedenken an Srebrenica besitzt im Jahr 2026 eine globale Relevanz, die weit über den Balkan hinausreicht. Ideologische Muster des antimuslimischen Rassismus, die damals zur Entmenschlichung der bosnischen Muslime führten, finden sich heute in den Manifesten moderner rechtsextremer Terroristen weltweit wieder.

So beriefen sich die Attentäter von Christchurch und Utøya in ihren Schriften explizit auf die serbischen Nationalisten der Balkankriege und verherrlichten die verurteilten Kriegsverbrecher von damals. Auch in Deutschland zeigen die rassistisch motivierten Anschläge von Halle und Hanau, wohin eine ungebremste gesellschaftliche Hetze und die Normalisierung von Hass führen können.

Das Erinnern an den Völkermord von Srebrenica ist daher kein Blick zurück in die Historie, sondern eine dauerhafte Mahnung für die Gegenwart, antimuslimischen Verschwörungstheorien und rechtsextremer Ideologie in einer offenen Gesellschaft entschlossen entgegenzutreten.

NATO-Gipfel
Yücel: An der Türkei kommt man nicht mehr vorbei

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel

Es muss für die türkische Opposition unter dem Doppelgespann Ekrem İmamoğlu und Özgür Özel mittlerweile frustrierend sein. Jahrelang erklärt man dem Publikum, die Türkei stehe kurz vor dem wirtschaftlichen Kollaps, außenpolitischen Isolation, verliere ihre Verbündeten, verärgere Europa, nerve die USA und tanze Russland auf der Nase herum.

Dann findet ein NATO-Gipfel statt – und ausgerechnet diejenigen, die gestern noch den Untergang prognostizierten, entdecken plötzlich, dass man an Ankara gar nicht mehr vorbeikommt oder dass man das Narrativ schleunigst ändern muss.

Wankelmütige Außenpolitik der CHP in der Kritik

Das sticht förmlich ins Auge, weshalb sogar innerhalb der Oppositionspartei CHP Kritik laut wird. So verurteilte Faik Tunay (CHP-Abgeordnete) die Wankelmütigkeit und den mangelnden klaren Kurs der türkischen Opposition in der Außenpolitik. In seiner konkreten Kritik gegenüber Özgür Özel und Ekrem İmamoğlu, warf er diesen vor, keine feste Linie zu vertreten und ihre Meinung je nach Situation oder Stimmung extrem zu wechseln:

So gebe man sich vor dem NATO-Gipfel pro-westlich und behaupte, man würde die Beziehungen zur NATO verbessern, wenn man an die Macht käme. Sobald aber die Delegation da sei und die Regierung sich von der besten Seite zeige und die Gäste gut bewirte, schlage die Stimmung plötzlich ins Gegenteil um – hin zu einer anti-westlichen Haltung und einer Annäherung an China und Russland.

Tunay warf der Opposition vor, mit dieser wankelmütigen Politik nicht einmal einen Tante-Emma-Laden führen zu können, geschweige denn ein Land. Ein erstaunlicher Befund und Sinneswandel, nicht nur bei der Opposition, sondern auch in Europa. Offenbar hat der Bosporus über Nacht seine geografische Lage geändert. Oder die Landkarte.

Staaten verfolgen Interessen, keine Freundschaften

Die eigentliche Pointe lautet nämlich nicht, dass Präsident Recep Tayyip Erdoğan auf einmal ein Liebling westlicher Hauptstädte geworden ist. Das behauptet niemand mit ernsthaftem Blick auf die Weltpolitik. Die Pointe ist viel banaler: Staaten schließen keine Freundschaften, sie verfolgen Interessen. Das ist keine türkische Erfindung, sondern der erste Satz jedes halbwegs brauchbaren Lehrbuchs der Diplomatie und Geopolitik.

Und genau hier beginnt in vielerlei Hinsicht das eigentliche Drama. Seit Jahrzehnten ist die Türkei NATO-Mitglied, kontrolliert die Meerengen, sichert die Südostflanke des Bündnisses und verfügt über eine der größten Armeen der Allianz. Zuvor, vor dem Gipfel galt das als selbstverständlich. Heute wird dieselbe strategische Lage plötzlich als persönlicher Zaubertrick Erdoğans beschrieben. Als hätte er Anatolien heimlich zwischen Island und Grönland verlegt.

Erdogan beim Treffen mit Mark Carney am 7. Juli 2026 in Ankara

Doppelte Standards im westlichen Realismus

Die zweite bemerkenswerte Eigenheit mancher Kommentatoren besteht darin, dass sie geopolitischen Realismus ausschließlich bei der Türkei empörend finden. Wenn Washington mit Saudi-Arabien kooperiert, nennt man das Pragmatismus. Wenn Deutschland Gas aus Katar bezieht, spricht man von Versorgungssicherheit. Wenn Israel aus strategischen Gründen unterstützt wird, heißt es Staatsräson. Wenn aber die NATO mit der Türkei zusammenarbeitet, obwohl innenpolitische Kritik besteht, soll plötzlich ein moralischer Skandal vorliegen?

Die Moral scheint wie die Haltung äußerst dehnbar zu sein – zumindest wenn es um die Türkei geht. Besonders unterhaltsam wird es dort, wo juristische Verfahren automatisch zu politischen Urteilen verklärt werden. Natürlich darf und muss man über Rechtsstaatlichkeit, Verhältnismäßigkeit und richterliche Unabhängigkeit diskutieren. Das gehört zu einer Demokratie.

Weniger überzeugend ist jedoch die Vorstellung, jede Anklage sei automatisch politisch motiviert, sobald der Angeklagte Oppositioneller ist – und jede Anklage in westlichen Staaten selbstverständlich ein Triumph des Rechtsstaats. Eine erstaunlich dehnbare Rechtsphilosophie.

Sicherheitspolitik bestimmt das strategische Denken

Der eigentliche Elefant im Raum bleibt ohnehin die Sicherheitspolitik. PKK-Terror, der Syrienkonflikt, die Flüchtlingsfrage, das östliche Mittelmeer oder der Ausbau der türkischen Rüstungsindustrie tauchen in vielen westlichen Betrachtungen allenfalls als Randnotiz auf und die türkische Opposition macht darum einen ganz großen Bogen, nach dem man zuvor der Rüstungsindustrie nicht einmal zutraute, Angelfaden herzustellen.

Dabei prägen genau diese Themen seit Jahren das strategische Denken Ankaras – unabhängig davon, welche Partei gerade regiert. Vielleicht liegt darin das Missverständnis bzw. das selbstfabrizierte Dilemma. Wer internationale Politik ausschließlich durch die moralische oder politische Brille betrachtet, wundert sich regelmäßig über die harte Realität. Wer sie dagegen als Wettbewerb nationaler Interessen versteht, wundert sich höchstens darüber, warum manche Beobachter sich immer noch überrascht zeigen, eine abrupte Kehrtwende vollziehen oder gar in Schnappatmung geraten.

Die Geografie, in der die Türkei liegt, ist eben starr und nicht dehnbar wie die Moral und Haltung manch eines Moral- oder Politpredigers. Sie lässt sich weder wegkommentieren noch per Leitartikel verschieben. Der Bosporus liest keine deutschen Kolumnen, noch hat sie es nötig, sich etwas über Rechtsstaatlichkeit sagen zu lassen. Und die türkische Landkarte hat bis heute jede politische Mode überlebt, die Europa, Israel oder die USA ihr aufzustülpen versuchte.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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Israelisches Konsulat verurteilt New Yorks First Lady Rama Duwaji

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New York – Das israelische Konsulat in New York hat die Ehefrau des New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani, Rama Duwaji, in einer offiziellen Erklärung scharf verurteilt.

Hintergrund der diplomatischen Spannungen ist die aktive Teilnahme der aus Syrien stammenden Duwaji an einem Solidaritäts-Workshop zur Unterstützung von Palästinensern auf der französischen Insel Korsika. Bei dieser Veranstaltung soll Maria, die Mutter von Jesus, explizit als eine „palästinensische Frau, die unter Besatzung gebar“ dargestellt und geehrt worden sein.

Das israelische Konsulat reagierte mit deutlichen Worten auf diese Darstellung und warf Duwaji vor, eine falsche und gefährliche Erzählung gegen Israel zu verbreiten. In der offiziellen Stellungnahme hieß es, die Gleichsetzung oder Darstellung von Maria als Palästinenserin stelle eine bewusste historische Verzerrung dar. Zudem handele es sich um einen zynischen Versuch, die biblische Geschichte Jesu für zeitgenössische geopolitische und politische Zwecke zu instrumentalisieren.

Die diplomatische Vertretung betonte in ihrer Erklärung die historischen Fakten aus ihrer Sicht: Jesus sei Jude gewesen und im historischen Land Judäa von seiner jüdischen Mutter Maria geboren worden. Jeder Versuch, ihn als Sohn einer palästinensischen Mutter darzustellen oder gar zu implizieren, er sei Muslim gewesen, verfälsche die Geschichte grundlegend und entbehre jeder wissenschaftlichen Grundlage. Dass nun die First Lady der Metropole New York eine solche politische Narrative aktiv unterstütze, stoße auf scharfe Ablehnung.

Der Vorfall sorgt in den USA und in internationalen politischen Kreisen für erhebliche Diskussionen. Kritiker werfen der Bürgermeistergattin vor, durch die Teilnahme an solchen Veranstaltungen die ohnehin aufgeheizte Debatte um den Nahostkonflikt weiter zu polarisieren. Unterstützer von Duwaji hingegen betonen die Meinungsfreiheit und das Recht, auf die humanitäre Lage der palästinensischen Bevölkerung aufmerksam zu machen. Die Debatte zeigt erneut, wie tief die Gräben bei historischen und religiösen Narrativen im Kontext des Nahostkonflikts verlaufen.

Die aktuellen Spannungen reihen sich in eine Serie von Kontroversen ein, da das Verhältnis zwischen Duwaji und israelischen Institutionen bereits seit Monaten als stark belastet gilt. Bereits im März dieses Jahres leitete das israelische Ministerium für Diaspora-Angelegenheiten rechtliche Schritte ein, um ein Einreiseverbot gegen die Bürgermeistergattin zu erwirken. Als Begründung für diesen Schritt wurden ihre Aktivitäten in den sozialen Medien angeführt. Duwaji soll dort Beiträge positiv interagiert, geliked oder geteilt haben, die die Angriffe vom 7. Oktober verharmlosten oder feierten.

Zuletzt sorgte im Mai ein Vorfall in einem Café im New Yorker Stadtteil Brooklyn für mediale Aufmerksamkeit. Die amtierende Miss Israel, Melanie Shiraz, die sich zu diesem Zeitpunkt für eine Veranstaltung des israelischen Konsulats in der Metropole aufhielt, konfrontierte Duwaji dort zufällig. Laut Angaben von Shiraz brach die First Lady das Gespräch abrupt ab und verweigerte ein gemeinsames Foto, sobald sie erfuhr, dass es sich bei ihrer Gesprächspartnerin um eine Israelin handelte.

New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani bemühte sich angesichts der anhaltenden Debatten wiederholt um Schadensbegrenzung und distanzierte sich von den Kontroversen um seine Ehefrau. Er betonte in mehreren Stellungnahmen, dass Rama Duwaji eine Privatperson und eigenständige Künstlerin sei, die keinerlei offizielle Funktion oder politische Rolle in seiner städtischen Verwaltung innehat.

 


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Glücksspielbranche
Online-Slots: Langsame Spins ändern Prioritäten deutscher Spieler

Online-Casino-Slots unterliegen in Deutschland strengen Limits. Spielrunden müssen im Durchschnitt mindestens fünf Sekunden dauern und es darf höchstens 1 € gesetzt werden. Das wirkt sich direkt auf die Wahrnehmung seitens der Spieler aus.

Mobile-Apps reagieren direkt und Videoclips starten ohne Wartezeit. Daran ist man in der heutigen Schnelllebigkeit des Internets gewöhnt. Wenn sich dann Drehungen im Online-Casino nicht schnell hintereinander auslösen lassen, kann sich der Blick der Nutzer verändern. Viele achten jetzt viel genauer auf die Benutzeroberfläche und Hinweise zu Boni. Auch die spezifischen Slot-Regeln rücken immer weiter in den Vordergrund.

Im ersten Moment wirkt die Regel technisch, aber sie verändert die Wahrnehmung 

Ein Slot, der nicht nur aus schnellen Wiederholungen besteht, muss in jeder einzelnen Runde mehr liefern. Animationen, der Sound, die Symbole und die Anzeige wirken länger auf den Spieler ein. Auf diese Weise fällt es sehr viel schneller auf, wenn etwas nicht passt. Nur besonders laut oder bunt aufzutreten reicht für Betreiber heute nicht mehr aus. Oberflächen müssen gut lesbar bleiben, der Einsatz muss stets sichtbar sein und das Rundenergebnis darf nicht zwischen Effekten verschwinden. Hinweise zu Regeln und Funktionen sollten auch nicht erst nach einer langen Suche und mehreren Klicks auftauchen.

Vor allem Willkommensboni rücken stärker in den Blick. Online-Vergleichsportale ordnen solche Aktionen nach Betrag, Form und den wichtigsten Bedingungen ein. Wer sich dort zum Beispiel über einen 25€ Gratis Casino Bonus ohne Einzahlung informiert, findet typischerweise Informationen dazu, ob für die Aktivierung eine Einzahlung nötig ist, welche Spiele zugelassen sind, wie lange der Bonus gilt und ob Umsatzbedingungen oder Auszahlungslimits greifen. Der Blick auf den Betrag allein beantwortet diese Fragen nicht. Die 5-Sekunden-Regel macht solche Bedingungen nicht automatisch einfacher, bremst aber den reinen Schnellklick-Charakter. Dadurch wird wichtiger, was Nutzer vor und während des Spiels sehen.

Zahlen der GGL zeigen, dass virtuelle Automatenspiele kein kleines Nebenthema sind

Laut offiziellen Angaben der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder lagen die Spieleinsätze bei virtuellen Automatenspielen in Deutschland im ersten Quartal dieses Jahres (2026) bei rund 1,201 Milliarden €. Der gesamte Bereich länderübergreifender gefährlicher Glücksspiele kam auf 3,842 Milliarden €. Davon entfielen 3,220 Milliarden € auf das Angebot im Netz.

Ob einzelne Angebote verständlich, fair erklärt oder verbraucherfreundlich sind, bestätigen diese Werte nicht. Aber sie zeigen, dass es um einen wirtschaftlich relevanten Markt geht. Wenn viele Einsätze online stattfinden, wird die Gestaltung der ersten Sekunden zu mehr als einer Designfrage.

Ein Spielbild, ein Button, ein Betrag und ein kurzer Hinweis stehen auf dem Smartphone oft nebeneinander. Mehr Platz ist nicht. Wer dort nicht erkennt, was gilt, kann ein Angebot schnell falsch einschätzen. Deshalb stehen Bonusangebote stärker unter Beobachtung. Ein Betrag kann Aufmerksamkeit erzeugen und ein moderner Spielscreen kann Vertrauen erwecken. Beides ersetzt aber keine verständlichen Regeln.

Mobile Gewohnheiten prägen den ersten Eindruck

Bitkom meldete 2025, dass 52 % der Deutschen zumindest hin und wieder Computer- oder Videospiele spielen. Casual Games führen bei den Genres mit 76 %. Außerdem spielen 88 % der Gamer auf dem Smartphone. Casual Games führen bei den Genres mit 76 %. Außerdem spielen. Kurze digitale Runden, klare Buttons und schnelle Rückmeldungen sind also längst eingeübt.

Online-Slots greifen optisch teilweise ähnliche Muster auf. Sie arbeiten mit Kacheln, Symbolen, Animationen und kurzen Reaktionen. Das kann vertraut wirken, ändert aber nichts am Kern. Bei einem Casual Game können Geschick, Timing oder Strategie eine Rolle spielen. Bei virtuellen Automatenspielen entscheidet der Zufall.

Der 5-Sekunden-Takt macht diese Grenze sichtbarer, wenn man genauer hinschaut. Ein Spin ist kein Level, kein Match und keine Aufgabe, die durch Können besser gelöst wird. Er ist eine zufallsbasierte Runde mit festgelegtem Ablauf.

Gerade deshalb ist Lesbarkeit wichtig. Wenn Slots wie kurze Mobile-Games wirken, müssen Regeln, Einsatz und Bonuslogik umso klarer erkennbar sein. Sonst entsteht mehr Nähe zur Gaming-Optik, als inhaltlich gerechtfertigt ist. Ein 30€ Bonus ohne Einzahlung kann auffälliger wirken als kleinere Angebote. Für die Einordnung bleibt entscheidend, welche Regeln dahinterstehen und Vergleiche im Netz können Spielern dabei helfen, Boni besser einzuordnen.

Ein Bonus kann nur für bestimmte Spiele gelten. Manche Titel zählen nicht oder nur teilweise zu Umsatzbedingungen. Es kann Fristen geben, maximale Einsätze pro Runde oder Grenzen bei möglichen Auszahlungen. Auch eine Identitätsprüfung kann vor einer Auszahlung nötig sein.

Der langsamere Spin-Takt hilft nicht gegen jedes Missverständnis. Aber er macht deutlich, dass nicht alles nur auf Geschwindigkeit ausgelegt sein sollte. Wenn ein Spiel fünf Sekunden dauert, darf auch die Information dazu nicht auf einen halben Blick reduziert werden.

Die 5-Sekunden-Regel verändert, worauf der Blick fällt

Während eine Runde läuft, stehen Oberfläche, Einsatz, Symbole, Ton und Spielhinweise länger im Raum. Dort zeigt sich, ob ein Angebot sauber gestaltet ist oder nur schnell wirken will.

Für Nutzer sollte der erste Blick deshalb mehr leisten als Unterhaltung. Er sollte zeigen, welcher Einsatz läuft, ob Regeln auffindbar sind, wie Bonusbedingungen erklärt werden und welche Grenzen gelten. Je klarer diese Punkte sichtbar sind, desto weniger hängt die Einschätzung an Farbe, Effekt oder Bonuszahl.

Für Anbieter wird das ebenfalls wichtiger. Wer in einem regulierten Markt auffallen will, kann nicht nur auf Tempo setzen. Verständliche Oberflächen, ruhige Darstellung und transparente Angaben werden zum Teil des Angebots.

Ein Slot kann mobil aussehen, schnell reagieren und mit Effekten arbeiten. Trotzdem geht es nicht um Geschick, Fortschritt oder Spieltiefe, sondern um zufallsbasierte Runden mit Verlustrisiko. Gerade deshalb zählt, was in den ersten fünf Sekunden wirklich sichtbar wird.