Armenien-Resolution
Herero-Sprecherin: „Deutschland verhält sich wie ein Vergewaltiger, der gleichzeitig Richter ist“

Die Vorsitzende des Herero-Verbandes OGC, Esther Muinjangue, findet es „interessant“, wie beflissen Deutschland die Geschichte anderer Länder aufarbeitet. „Was ist der Unterschied? Die Herero sind schwarz, die Deutschen glauben, dass sie Schwarze nicht ernst nehmen müssen. Das ist für mich die einzige Schlussfolgerung", so die NGO-Vorsitzende Esther Muinjangue in einem Interview.

Teilen

Windhuk (nex) – Unter den überlebenden Angehörigen der namibischen Volksgruppe der Herero hat der umstrittene Beschluss des Deutschen Bundestages, in dem in der Vorwoche im Zusammenhang mit den Ereignisse im Osmanischen Reich von 1915 von einem „Völkermord“ an Armeniern gesprochen wurde, Empörung ausgelöst.

„Wir finden es sehr interessant, dass sich die Deutschen so aktiv für die Sache der Armenier einsetzen, während sie ihre eigenen Angelegenheiten unter den Tisch kehren“, wird die Vorsitzende des Ovaherero Genocide Committee (OGC), Esther Muinjangue, in der „Welt“ zitiert.

Das Ovaherero Genocide Committee weist 28 Mitglieder auf und wird vom Stammesoberhaupt der heute 200 000 Menschen zählenden Volksgruppe der Herero, Vekuii Rukoro, geführt. Rukoro lehnt die mittlerweile zwischen Deutschland und der namibischen Regierung geführten Verhandlungen über Reparationszahlungen für deutsche Verbrechen während der Kolonialzeit ab, weil er befürchtet, dass sein Stamm übervorteilt werden könnte, wenn statt einer direkten Einigung mit der Vertretung der Herero lediglich eine Grundsatzvereinbarung mit der Regierung von Namibia zustande käme.


Mehr zum Thema:
Herero-Sprecher Kaunatjike: “Sie werden uns nicht bremsen können”

Er argumentiert, dass es nur gegen die Herero eine explizite Genozidanordnung gegeben habe, auch würden die Nachfahren seines Stammes außen vor bleiben, die einst vor den Deutschen in die Nachbarländer geflohen waren. Im Jahre 1904 erteilte der deutsche Generalleutnant Lothar von Trotha in der damaligen deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika den Befehl, alle Stammesangehörigen der Herero zu töten. Bis 1908 wurden zwischen 65 000 und 80 000 Herero umgebracht, außerdem bis zu 20 000 Angehörige des Stammes der Nama.

Die „Welt“ weist in ihrem Bericht darauf hin, dass Historiker sich darüber uneinig wären, „wie viele der Toten an damals üblichen Krankheiten starben“ – ein Hinweis, der im Zusammenhang mit der Debatte um die Ereignisse von 1915 von nicht wenigen Befürwortern der „Völkermord“-These bezüglich der osmanischen Armenier schon als „Genozidleugnung“ betrachtet wird. Auch habe Deutschland „seit 1990 […] mehr als 800 Millionen Euro Entwicklungshilfe an Namibia gezahlt“. Damit erhalte das Land pro Kopf der Bevölkerung mehr Entwicklungshilfe aus Deutschland als jedes andere in Afrika.

Eine offizielle Anerkennung der deutschen Ausrottungspolitik gegenüber den Herero sei, wie Esther Muinjangue betont, in Deutschland zudem mit der Begründung unterblieben, die Verbrechen seien lange vor der 1948 verabschiedeten UN-Völkermordkonvention erfolgt und könnten nicht nach den dort festgelegten Artikeln bestraft werden.

„Der Völkermord an den Armeniern fand nur sieben Jahre nach dem an den Herero statt, hier sprechen die Deutschen plötzlich wie selbstverständlich von Völkermord“, wird die NGO-Vorsitzende in der „Welt“ zitiert. „Was ist der Unterschied? Die Herero sind schwarz, die Deutschen glauben, dass sie Schwarze nicht ernst nehmen müssen. Das ist für mich die einzige Schlussfolgerung.“ Deutschland verhalte sich den Herero gegenüber „wie ein Vergewaltiger, der gleichzeitig Richter ist“.

 

 

Auch interessant

Europas digitales Dilemma: Warum der KI-Boom die Abhängigkeit von US-Techkonzernen verschärft

Während Europa Milliarden in künstliche Intelligenz investiert, wächst gleichzeitig die Sorge vor einer neuen strategischen Abhängigkeit — nicht von Energie oder Rohstoffen, sondern von...

Mattner: „Nach den Arabern kommen wieder die Juden dran“

Ein Gastkommentar von Susanne Mattner Am Wochenende habe ich mir erstmal einen „Doppelten Baldri-Bomber mit Kamilleninfusion“ eingeschenkt. Ihr wisst schon – dieses Getränk, das man...

Microsoft feuert Israel-Chef Haimovich: Azure speicherte 200 Millionen Stunden palästinensischer Telefongespräche

Tel Aviv/Redmond – Microsoft hat seinen Israel-Chef Alon Haimovich sowie mehrere leitende Manager der israelischen Niederlassung entlassen. Das berichtete die israelische Wirtschaftszeitung Globes am...

Israel: Knesset-Abgeordneter heißt Tötung von Zivilisten gut

Jerusalem – „In Jenin gibt es keine unschuldigen Zivilisten. In Jenin gibt es keine unschuldigen Kinder." Mit diesen Worten sorgte Yitzhak Kroizer, Knesset-Abgeordneter der...

90. Geburtstag: Bürgermeisterin Westermann ehrt Osnabrücker Urgestein Ramazan Çığır

Von Yasin Baş Eine besondere Ehrung für ein besonderes Leben: Osnabrücks Bürgermeisterin Eva-Maria Westermann (CDU) besuchte als Vertreterin von Oberbürgermeisterin Katharina Pötter (Grüne) Ramazan Çığır...

Headlines

Israel: Knesset-Abgeordneter heißt Tötung von Zivilisten gut

Jerusalem – „In Jenin gibt es keine unschuldigen Zivilisten. In Jenin gibt es keine unschuldigen Kinder." Mit diesen Worten...

Flotilla-Skandal: Sánchez fordert EU-Sanktionen gegen Ben-Gvir

Madrid - Der jüngste Vorfall auf dem Mittelmeer sorgt für schwere diplomatische Verwerfungen zwischen Europa und Israel. Nachdem das israelische...

Susanne Mattner zur Israel-Klage gegen die New York Times

Ein Gastkommentar von Susanne Mattner Israel verklagt die New York Times. Der Grund: Der Pulitzer-Preisträger Nicholas Kristof hatte in einem...

Kuba an USA: Wenn wir sterben, dann sterben wir

Havanna/Washington – Die Spannungen zwischen den USA und Kuba haben ein neues Niveau erreicht. Lianys Torres Rivera, Kubas ranghöchste...

Meinung

Sprache als Karrierefaktor: Warum Englisch im internationalen Berufsalltag immer wichtiger wird

Englisch prägt den beruflichen Alltag weit über internationale Konzerne hinaus. Wer sich sicher ausdrückt, kann Projekte besser erklären, Kontakte verlässlicher pflegen und berufliche Chancen...

Antisemitismusbeauftragte: Schützen sie Juden oder Israel?

Ein Gastkommenta von Michael Thomas Die sogenannten „Antisemitismusbeauftragten“  Deutschlands. Dieses Amt wurde dereinst zum „Schutz jüdischen Lebens“ gegründet und soll der Weltöffentlichkeit die Aufrichtigkeit Deutschlands...

Wall Street Journal: Türkiye’nin durdurulması gerekiyor

Konuk Yazar: Özgür Çelik Bradley Martin tarafından kaleme alınan ve 4 Mart 2026 tarihinde Wall Street Journal'da yayımlanan "Türkiye'yi Dizginlemek İçin Acil Bir İhtiyaç" (An...

Araştırma: Dini İnanç, Gençleri Kaygı Bozukluklarından Koruyan Temel Bir Faktör

Almanya - Bochum Ruhr Üniversitesi (RUB) tarafından yürütülen güncel bir araştırma, dini inancın çocukların ve gençlerin ruh sağlığı için kritik bir koruyucu faktör olduğunu...

Araştırma: ChatGPT kullanımı beyin aktivitesini önemli ölçüde azaltıyor

Cambridge – MIT Media Lab tarafından yapılan bir araştırma, ChatGPT ve diğer AI asistanlarının kullanımının beyin aktivitesini büyük ölçüde azalttığına dair ilk kanıtları sunuyor. Araştırma,...