Lirakrise
Über 22 Prozent Anstieg: Türkische Lira erreicht gegenüber Dollar 2-Monats-Hoch

Istanbul (nex) – Die türkische Lira setzt ihren Aufwärtskurs der letzten Wochen gegenüber dem US-Dollar unvermindert fort. Nach einem Rekordtief vom 13. August, als der US-Dollar mit 7,0458 gehandelt wurde, erreichte die Lira am heutigen Montag um 12.00 Uhr (Ortszeit) mit 5,48 ein neues 2-Monats-Hoch. Auch gegenüber dem Euro hat die türkische Währung weiter Boden gut gemacht. Am 13. August erreichte der Euro mit 8,02 einen Rekordwert und fiel seitdem auf den heutigen Tiefstand von 6,77. Politische Spannungen zwischen den beiden Ländern lösten an den Finanzmärkten Sorgen aus, nachdem Trump damit drohte, den wirtschaftlichen Druck zu nutzen, um Brunsons Freilassung zu sichern. Trump genehmigte im August in Folge der Inhaftierung eine Verdoppelung der Zölle auf türkisches Stahl und Aluminium. Die Türkei reagierte darauf mit einer Erhöhung der Zölle auf US-Autos, Alkohol und Tabakimporte. Die türkische Währung Lira fiel darauf hin im August auf ein Rekord-Tief. Nach der Freilassung Brunsons erholte sich die Währung wieder und erreichte am heutigen Montag den höchsten Stand gegenüber dem US-Dollar seit Monaten. Die Lira war in den letzten Monaten in einen Abwärtstrend geraten, welcher durch die diplomatische Krise mit den USA nochmal verstärkt wurde. US-Pastor Andrew Brunson saß wegen Terrorismus-Vorwürfen seit dem 7. Oktober 2016 in türkischer Haft und wurde am 23. Juli 2018 in den Hausarrest entlassen. Ein türkisches Gericht verurteilte den Pastor am vergangenen Freitag zu drei Jahren und 45 Tagen Gefängnis, er wird aber keine Haftstrafe absitzen. Das Gericht hat seine Haftzeit angerechnet und seinen Hausarrest und sein Reiseverbot beendet. Während Brunson ursprünglich aus dem Bundesstaat North Carolina stammt, verbrachte er mehr als zwei Jahrzehnte in der Türkei, und im Weißen Haus erwähnte er seine Zuneigung zum Volk des Landes. Bei einem Treffen mit Brunson im Weißen Haus, begrüßte US-Präsident Donald Trump die Entscheidung der türkischen Gerichte Brunson ausreisen zu lassen. Nun könne man in den türkisch-amerikanischen Beziehungen ein neues Kapitel eröffnen. „Dies ist ein gewaltiger Schritt in Richtung einer Beziehung, die eine großartige Beziehung sein kann“, sagte Trump im Weißen Haus und begrüßte Pastor Andrew Brunson, der von einem türkischen Richter am 12. Oktober freigelassen wurde. „Wir denkens über die Türkei heute ganz anders als gestern. Und ich denke, wir haben die Chance, der Türkei wirklich viel näher zu kommen und vielleicht ein sehr, sehr gutes Verhältnis zu haben“, fügte er hinzu. In diesem Zusammenhang dankte Trump seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan für die Freilassung des Pastors. „Ich möchte Präsident Erdogan für seine Hilfe danken!“ twitterte Trump am 13. Oktober. Trump widersprach zudem Medienberichten, wonach es für die Freilassung des Pastors einen Deal zwischen der Türkei und den USA gab. „Es gab keinen Deal mit der Türkei für die Freilassung und Rückkehr von Pastor Andrew Brunson“, so Trump „Es gab jedoch eine große Anerkennung im Namen der Vereinigten Staaten, was zu guten, vielleicht sogar großartigen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Türkei führen wird“, fügte er hinzu. Unparteiisches Gerichtswesen Als Antwort auf Trump sagte Erdogan, dass die Entscheidung der türkischen Justiz, Brunson freizulassen, unparteiisch war. „Sehr geehrter Herr Präsident, wie ich immer wieder betone, hat die türkische Justiz eine unparteiische Entscheidung getroffen“, schrieb Erdoğan am 13. Oktober auf Twitter.
Erdogan hoffe zudem, dass die Türkei und die USA die Zusammenarbeit, insbesondere die „gemeinsamen Anstrengungen gegen terroristische Gruppen wie PKK, der DAESH (arabisches Akronym für den IS) und FETÖ“, fortführen würden.
Bereits vor der Freilassung Brunsons sagte Erdogan in einem Gespräch mit Reportern, dass die Türkei ein Rechtsstaat sei und Gerichtsentscheidungen für alle bindend seien. „Ich bin nicht in der Lage, bei der Justiz zu intervenieren, da die Türkei ein Rechtsstaat ist“, sagte Erdogan am 10. Oktober gegenüber türkischen Journalisten an Bord der Regierungsmaschine, mit der er nach einer zweitägigen Reise nach Ungarn in die Türkei zurückkehrte. Vertreter westlicher Medien und politischer Parteien hatten den türkischen Staatschef bereits mehrfach aufgefordert, den in der Türkei inhaftierten US-Bürger frei zu lassen. US-Außenminister Mike Pompeo sagte am Mittwoch, Brunsons Freilassung sei für die türkisch-amerikanischen Beziehungen sehr wichtig. Auch US-Präsident Trump und sein Vize Pence hatten sich wiederholt für die Auslieferung des evangelikalen Pastors eingesetzt.  

Türkisch-amerikanische Beziehungen
US-Präsident Donald Trump: „Türken sind großartige Menschen“

Washington (nex) – Bei einem Treffen mit Pastor Andrew Brunson im Weißen Haus, begrüßte US-Präsident Donald Trump die Entscheidung der türkischen Gerichte, Brunson ausreisen zu lassen. Nun könne man in den türkisch-amerikanischen Beziehungen ein neues Kapitel eröffnen. „Dies ist ein gewaltiger Schritt in Richtung einer Beziehung, die eine großartige Beziehung sein kann“, sagte Trump im Weißen Haus und begrüßte Pastor Andrew Brunson, der von einem türkischen Richter am 12. Oktober freigelassen wurde. „Wir denken über die Türkei heute ganz anders als gestern. Und ich denke, wir haben die Chance, der Türkei wirklich viel näher zu kommen und vielleicht ein sehr, sehr gutes Verhältnis zu haben“, fügte er hinzu. Brunson saß wegen Terrorismus-Vorwürfen seit dem 7. Oktober 2016 in türkischer Haft und wurde am 23. Juli 2018 in den Hausarrest entlassen. Ein türkisches Gericht verurteilte den Pastor am vergangenen Freitag zu drei Jahren und 45 Tagen Gefängnis, er wird aber keine Haftstrafe absitzen. Das Gericht hat seine Haftzeit angerechnet und seinen Hausarrest und sein Reiseverbot beendet. Während Brunson ursprünglich aus dem Bundesstaat North Carolina stammt, verbrachte er mehr als zwei Jahrzehnte in der Türkei, und im Weißen Haus erwähnte er seine Zuneigung zum Volk des Landes. „Wir lieben die Türkei. Wir waren 25 Jahre lang dort und lieben das türkische Volk“, sagte Brunson. „Ich weiß, dass du das türkische Volk liebst, es sind großartige Menschen“, fügte Trump hinzu. In diesem Zusammenhang dankte Trump seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan für die Freilassung des Pastors. „Ich möchte Präsident Erdogan für seine Hilfe danken!“ twitterte Trump am 13. Oktober. Trump widersprach zudem Medienberichten, wonach es für die Freilassung des Pastors einen Deal zwischen der Türkei und den USA gab. „Es gab keinen Deal mit der Türkei für die Freilassung und Rückkehr von Pastor Andrew Brunson“, so Trump „Es gab jedoch eine große Anerkennung im Namen der Vereinigten Staaten, was zu guten, vielleicht sogar großartigen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Türkei führen wird“, fügte er hinzu. Unparteiisches Gerichtswesen Als Antwort auf Trump sagte Erdogan, dass die Entscheidung der türkischen Justiz, Brunson freizulassen, unparteiisch war. „Sehr geehrter Herr Präsident, wie ich immer wieder betone, hat die türkische Justiz eine unparteiische Entscheidung getroffen“, schrieb Erdoğan am 13. Oktober auf Twitter. Erdogan hoffe zudem, dass die Türkei und die USA die Zusammenarbeit, insbesondere die „gemeinsamen Anstrengungen gegen terroristische Gruppen wie PKK, der DAESH (arabisches Akronym für den IS) und FETÖ“, fortführen würden. Bereits vor der Freilassung Brunsons sagte Erdogan in einem Gespräch mit Reportern, dass die Türkei ein Rechtsstaat sei und Gerichtsentscheidungen für alle bindend seien. „Ich bin nicht in der Lage, bei der Justiz zu intervenieren, da die Türkei ein Rechtsstaat ist“, sagte Erdogan am 10. Oktober gegenüber türkischen Journalisten an Bord der Regierungsmaschine, mit der er nach einer zweitägigen Reise nach Ungarn in die Türkei zurückkehrte. Vertreter westlicher Medien und politischer Parteien hatten den türkischen Staatschef bereits mehrfach aufgefordert, den in der Türkei inhaftierten US-Bürger frei zu lassen. US-Außenminister Mike Pompeo sagte am Mittwoch, Brunsons Freilassung sei für die türkisch-amerikanischen Beziehungen sehr wichtig. Auch US-Präsident Trump und sein Vize Pence hatten sich wiederholt für die Auslieferung des evangelikalen Pastors eingesetzt. Politische Spannungen zwischen den beiden Ländern lösten an den Finanzmärkten Sorgen aus, nachdem Trump damit drohte, den wirtschaftlichen Druck zu nutzen, um Brunsons Freilassung zu sichern. Trump genehmigte im August in Folge der Inhaftierung eine Verdoppelung der Zölle auf türkisches Stahl und Aluminium. Die Türkei reagierte darauf mit einer Erhöhung der Zölle auf US-Autos, Alkohol und Tabakimporte. Die türkische Währung Lira fiel darauf hin im August auf ein Rekord-Tief. Nach der Freilassung Brunsons erholte sich die Währung wieder und erreichte am heutigen Montag den höchsten Stand gegenüber dem US-Dollar seit Monaten.

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Syrien: Türkei und USA beginnen gemeinsames Training

Bayern-Wahlen
Juso-Chef Kühnert warnt Union und SPD vor Rückkehr zum Tagesgeschäft

Düsseldorf – Juso-Chef Kevin Kühnert hat Union und SPD auf Bundesebene davor gewarnt, nach den Landtagswahlen in Bayern zum Tagesgeschäft zurückzukehren: „Wer glaubt, nach diesen Landtagswahlen zum sogenannten Tagesgeschäft übergehen zu können, begeht einen folgenschweren Fehler“, sagte Kühnert der Düsseldorfer „Rheinischen Post“. Auf Floskeln, dass man jetzt „gründlich analysieren müsse“ oder der „Streit in der Union nicht hilfreich gewesen sei“, habe er keine Lust mehr, sagte Kühnert. „Ich will von meiner SPD wissen, wie sie sich aus dieser Situation befreien will.“ Die Sozialdemokraten hätten jetzt zwei Optionen: „Entweder wir versuchen noch ein weiteres Mal, die Koalitionspartner zur Vernunft zu bringen. Oder wir gehen. Die Haltung der Jusos ist bekannt.“ Was jedenfalls nicht gehe, das sei die Inszenierung als Koalitionspartei, die mit den Unzulänglichkeiten der Koalition nichts zu tun habe. Kühnert sagte: „Das versteht kein Mensch.

FDP-Vize Kubicki sieht bayerisches Ergebnis als Bestätigung für bundespolitischen Kurs

FDP-Vize-Chef Wolfgang Kubicki sieht das Ergebnis der FDP in Bayern als Bestätigung für den bundespolitischen Kurs der Liberalen. „Bayern ist bei den Landtagswahlen traditionell immer ein schwieriges Pflaster für die Freien Demokraten gewesen. Dennoch ist das Ergebnis mit einer Steigerung von 50 Prozent eine Bestätigung des bundespolitischen Kurses“, sagte Kubicki der „Rheinischen Post“. Kubicki beklagte, der Wahlkampf zwischen CSU, AfD und Grünen sei so stark polarisierend gewesen, dass „differenzierte Positionen bedauerlicherweise nicht mehr durchgedrungen“ seien.

Ramsauer erwartet CSU-Führungsdebatte nach Wahldebakel

Der frühere CSU-Spitzenkandidat Peter Ramsauer erwartet personelle Überlegungen nach dem Wahldebakel vom Sonntag in Bayern. „Eine Führungsdebatte wird sich gar nicht vermeiden lassen“, sagte Ramsauer der  „Rheinischen Post“ (Montag). Die Landtagswahlen hätten ein „verheerendes Ergebnis für die CSU“ ergeben, das „durch nichts, aber auch gar nicht zu relativieren“ sei, sagte der CSU-Politiker.

Muslime in China
Prof. Dr. Hans-Christian Günther: China war nicht immer so Islam-feindlich

Von Prof. Dr. Hans-Christian Günther Schon in den 1930er Jahren, während des Kampfes um die Macht in China und des Kampfes gegen die japanische Besatzung, hat Mao Zedong eine wichtige Einsicht formuliert: in China lebten zwar nur 4-6% ethnische Minderheiten, sie lebten jedoch in strategisch wichtigen Regionen. China könne nur zu einem stabilen Staat geeinigt werden, wenn man den ethnischen Minderheiten das Recht einräume, ihre Kultur, Sprache und Religion zu behalten. Ebenso hat sich Mao Zedong entschieden gegen jede ethnische Diskriminierung ausgesprochen. Was er ,Han-Chauvinismus‘ nannte, hat er wiederholt gegeißelt. Diese Einsicht Mao Zedongs war gerade für seine Zeit und Situation alles andere als selbstverständlich. Mao Zedong war primär ein chinesischer Freiheitskämpfer, der China vom kolonialen und japanischen Joch befreien wollte. Er erkannte im Sowjetkommunismus bald das probate Mittel zu diesem Zweck. Andere Befreiungsbewegungen und postkolonialen Staatengründer verfuhren durchaus anders: in der Regel versuchten sie, einen Nationalstaat nach dem Muster ihrer ehemaligen Kolonialherrn zu errichten. Chauvinismus, Unterdrückung von Minderheiten waren so vorprogrammiert. Mao-Zedongs Prinzipien wurden in der chinesischen Verfassung festgeschrieben Nach der Gründung der VR Chinas wurden die von Mao Zedong verkündeten Prinzipien in der chinesischen Verfassung festgeschrieben, und sie gelten auch noch in der heute gültigen Form der chinesischen Verfassung. China erkennt über 50 Minderheiten an. Die VR China versteht sich als eine Völkerfamilie. Han-Chauvinismus ist verboten, sowie auch jeder Versuch, die chinesische Völkerfamilie zu spalten. Sprache und Kultur der Minderheiten sind ausdrücklich geschützt. Jeder Chinese hat das Recht, an eine Religion zu glauben. So der Verfassungstext. Das heißt wohlgemerkt nicht freie Religionsausübung. Die Religionsausübung wird staatlich überwacht. Letztere darf nicht subversiv sein. Aber kein Chinese darf gezwungen werden, seine Religion aufzugeben. Die staatstragende Partei, die Kommunistische Partei Chinas, definiert sich freilich als atheistisch. Atheismus ist Teil ihrer Ideologie. Ein Mitglied der Partei darf keiner Religionsgemeinschaft angehören. Dieses Modell funktionierte in der Praxis zunächst durchaus recht gut. Selbst wenn man die Kulturrevolution betrachtet, muss man immer bedenken: sie richtete sich nicht gegen Minderheiten, nicht gegen deren Religion als solcher: die Kulturrevolution betraf alle Chinesen, sie richtete sich gegen traditionelle Werte allgemein, gegen Untertanengeist. Das traf natürlich auch Religion. Bei der Mehrheit traf es traditionelle chinesische oder bürgerliche Werte. Nachdem Deng Xiaoping die Kulturrevolution beendet und dann auch die Macht in der Partei erlangte, versuchte er eine Aussöhnung mit der Religion: Annäherungen war die Parole. Am Ende der Kulturrevolution wurde etwa in einem Hui-Muslimischen Dorf in Shadian in Yunnan ein Massaker der Volksarmee an Muslimen verübt. Die Muslime wurden rehabilitiert. Es gibt dort ein Erinnerungsdenkmal. Die größte Moschee Chinas, Nachbildung von Medina, wurde mit Hilfe staatlicher und zusätzlich gesammelter Gelder gebaut. Nach Dengs Amtsantritt gab es auch – verständlicherweise – ein religiöses Erwachen, gerade im traditionell muslimischen Xinjiang. Chinas Minderheitenpolitik war insgesamt erfolgreich Chinas Minderheitenpolitik war insgesamt erfolgreich. Die zahlreichen ethnischen Minderheiten fühlten sich zumeist als Chinesen, waren aber zugleich stolz auf ihre Kultur, und zumeist erhielt sich ihre Sprache. Selbst schriftlose Sprachen wurden in lateinischer Umschrift gelehrt. In Gebieten, wo ethnische Minderheiten mit Schriftsprache eine Mehrheit bildeten wie Xishuangbanna oder Xinjiang sind alle Inschriften auf öffentlichen Gebäuden zweisprachig. Ich kenne Angehörige vieler Minderheiten persönlich. Die relativ große Dai-Minorität ist streng buddhistisch. Die Religion spielt eine große Rolle. Man vereinbart Kommunismus und Religion, ich habe Aussagen gehört wie: ich bin Buddhist, ich bin als Chinese eben auch Kommunist. Mao wird hochverehrt. In vielen Häusern in den Dörfern hängt – ohne Zwang – sein Bild! Reich an Rohstoffen: Xinjiang Auch in Xinjiang, wie bei Hui-Muslimen, war die erwachende Religiosität nicht politisch und nicht subversiv. Hui-Muslime hatten zumeist auch keine sozialen Probleme. Xinjiang war eine unentwickelte Provinz. Zunächst blieb sie in Dengs forcierter Entwicklung des schon höher entwickelten Ostens zurück. Dann entdeckte man den Rohstoffreichtum der Provinz. Zudem war sie wenig dicht besiedelt. Han-Chinesen wurden in immer größeren Mengen angesiedelt. Dadurch sollte die Provinz sinisiert werden. Der wirtschaftliche Aufschwung brachte Erfolge: er kam im wesentlichen den Han-Chinesen zugute. Die Uiguren fühlten sich überfremdet und benachteiligt. Als Turkvolk mit völlig anderen Traditionen, zumal diskriminiert, fühlten sie sich in China fremd, sie fühlten sich nicht als Chinesen. Erste Großdemonstrationen im Februar 1997 Nach der Verhaftung und Hinrichtung von 30 Uiguren während des Ramadan im Februar 1997 kam es zu ersten Großdemonstrationen die blutig niedergeschlagen wurden. Chinesische Staatsmedien sprachen von „Ausschreitungen“, ausländische Beobachter beschrieben die Demonstrationen jedoch als friedlich. Es wird von mindestens neun bis über 100 Toten berichtet. Auch wenn es innerethnische Spannungen gab, blieb die Lage in Xinjiang von den späten 1990er Jahren bis etwa 2007 relativ ruhig. Ab 2007 flammten die Spannungen wieder auf und so kam es 2008 und 2011 zu gewalttätigen Einzelaktionen in Kashgar, 2009 zu größeren Ausschreitungen zwischen Uiguren und Han-Chinesen in Urumqi. Ausmaß und Verlauf der Ausschreitungen in Urumqi sind ungeklärt. Man hielt sich bedeckt. 2008 in Kashgar fuhren zwei Männer einen Lastwagen in eine Gruppe von Polizisten und töteten danach andere mit Messern. Ob Bomben benutzt wurden, ist nicht gesichert. 16 Polizisten sterben, 16 wurden verletzt. Polizei besteht übrigens in Kashgar, soweit ich informiert bin und es gesehen habe, ausschließlich aus Uiguren. 2011 explodierten zunächst zwei Autobomben: Drei Tote. Daraufhin erstachen zwei Männer einen Lastwagenfahrer und fuhren den Wagen in die Menge am Straßenrand. Noch bevor die Polizei eintraf, prügelte die Menge einen der Männer zu Tode. Am Tag danach wurden Bomben in ein Restaurant geworfen: Sech Tote. Die chinesische Regierung macht die Ost-Turkestan-Bewegung verantwortlich und spricht von Jihadismus. Seitdem gelten Uiguren pauschal als Terroristen, werden sozial noch mehr diskriminiert, der Islam wird als Quelle der Gewalt gesehen. Die gewalttätige im Ausland operierende Ost-Turkestan-Bewegung mag durchaus hinter den Anschlägen stehen. Doch, wie dem auch sei, die Personen, die letztere begingen, konnten zu diesen Verbrechen vor allem durch ihre soziale Marginalisierung bewegt werden. Es waren Täter ohne jede Ausbildung. Kashgar war und ist eine Stadt am äußersten Rand Chinas mit großer Armut und Arbeitslosigkeit unter Uiguren. Die Gründe für die Tat waren soziale, nicht religiöse – ebenso wie gewiss in Urumqi. In Kashgar waren fast alle Toten Uiguren. Die Bevölkerung lehnte Terrorismus strikt ab, wehrte sich gegen das Odium des Terrorismus. Ebenso war man an Unabhängigkeit nicht interessiert: im Gegenteil! Uiguren wollten in gerechten Maße am sich entwickelnden Wohlstand teilhaben. Doch die soziale Diskriminierung verschärfte sich: wer will schon ,Terroristen‘ einstellen? China tat nichts gegen die sozialen Probleme, verstärkte die Unterdrückung der Religion. Uiguren hatten immer weniger Rechte, weniger als Hui-Muslime. So folgten andere Attacken im chinesischen Kernland. Uiguren wurden jetzt generell verachtet, diskriminiert: Han-Chinesen begannen in großem Umfang , Uiguren zu hassen; der Islam insgesamt wurde suspekt. Ich habe von keinem Chinesen je abfällige Bemerkungen über andere Minderheiten gehört. Aber viele sprachen abfällig über Muslime, alle, wenn die Sprache darauf kam, von Uiguren. Repressalien, Internierung, willkürliche Verhaftungen nahmen zu. Aber der Amtsantritt des neuen Parteisekretärs der autonomen Provinz Xinjiang, Chen Quanguo, markiert eine Zäsur. Mit ihm begann die Kampagne zur systematischen Ausrottung der uigurischen Kultur, des Islam und des uigurischen Volkes. Wir haben über die aktuelle Situation auf NEX24 mehrfach berichtet. Dieser Zäsur muss eine lange Planung vorhergegangen sein, denn trotz aller früheren Repressalien stellt sie einen klaren Bruch mit Chinas Prinzipien der Minderheitenpolitik, der chinesischen Verfassung dar und ist straff und systematisch organisiert. Der systematische Verfolgung der Uiguren läuft mit der Präzision eines Uhrwerks und einem ständig steigenden Tempo ab, der einen an Hannah Arendts Wort vom ,verwalteten Massenmord‘ der Nazis erinnert. Auslöschung aller Religionen in China Es ist kein Zufall, dass diese Politik zusammenfällt mit dem gelungenen Coup d’état Xi Jinpings auf dem letzten Parteitag, wo er das von Deng Xiaoping eingeführte System der kollektiven Führung durch Alleinherrschaft auf Lebenszeit ersetzte. Geplant wurde dieser Genozid gewiss seit Xis Machtantritt 2013. Überhaupt steht er in einem größeren Zusammenhang. Er ist ein erster Schritt zur Auslöschung der Religion in China: zuerst Xinjiang, dann der Islam insgesamt, sogar das Christentum und die anderen Religionen. Sie stehen alle zunehmend unter Druck, inzwischen selbst Buddhisten. Dass so etwas in einem Riesenland wie China nur scheibchenweise möglich ist, habe ich anderswo bereits gesagt. Ziel ist auch die Ausrottung der Identität aller Minderheiten und ihre totale Assimilation. Wozu? Das Endziel ist die totale Kontrolle über die gesamte chinesische Bevölkerung. Xi strebt nach dem vollkommenen Untertanen Das System der Sozialpunkte soll bis 2020 eingeführt werden. Es stellt das perfekteste Spitzelsystem dar, das es je gab. Das engmaschige Überwachungssystem, das jetzt in Xinjiang bereits installiert ist, das systematische Sammeln biometrischer Daten wird bald alle Chinesen betreffen. Alle Chinesen sollen zum fuktionierenden Rädchen in einer gut geölten Staatsmaschine degradiert werden. Der totalitärste Staat, den es je gab, der perfekte Überwachungsstaat, in dem Privatsphäre schlichtweg nicht mehr existiert. Mit diesem Staat des perfekten Untertanen, zusammengeschweißt durch hemmungslosen Chauvinismus und hemmungslose Gier nach materiellen Gütern, will man die Welt unter die Knute bringen. China ist inzwischen Weltmacht. Die Mittel sind da. Nicht militärische Gewalt soll – wo immer möglich – das Mittel der Wahl sein, nein! Kauf und wirtschaftliche Erpressung einer Welt, die China in die Falle der wirtschaftlichen Abhängigkeit geht. All das ist das Gegenteil dessen, was Mao Zedong gewollt hat, auch dessen was Deng Xiaoping aufbauen wollte. Mao wollte einen neuen Menschen schaffen, den Menschen der Revolution, einen Menschen frei von den Fesseln von Repression und Untertanengeist. Xi strebt nach dem vollkommenen Untertanen. Deng Xiaoping hat China erfolgreich auf den Weg zur Weltmacht gebracht! Er hat es erreicht durch persönliche Bescheidenheit, Augenmaß, Pflichterfüllung statt persönlichen Machthungers. Er wusste, dass er sich nicht an die Stelle der nationalen Ikone Mao Zedong setzen konnte. Xi statt Allah Der Popanz Xi lässt in den Häusern von Uiguren unter Strafandrohung sein Bild aufhängen und verlangt, am Eid al Fitr, dem muslimischen Fest des Ramadanmonats, dass er anstatt Allah verehrt werden soll. Nur ein Clown kann das tun. Xi beginnt, unter Chinesen immer lächerlicher zu werden. Winnie the Puh ist verboten, weil Xi mit ihm verglichen wird. Handys in der U-Bahn von Shanghai werden von der Polizei auf Xifeindliche Inhalte geprüft. Deng Xiaoping war ein Revolutionär der ersten Stunde, wie Mao Zedong hat er sein Leben im Kampf gegen die Guomintang und Japan für sein Land und eine Idee aufs Spiel gesetzt. Die Interessen seines Landes waren der Mittelpunkt seines Wirkens. Xi Jinping ist in das bequeme, privilegierte Leben einer Familie von Apparatschicks hineingeboren. Nichts ist mieser und spießiger als die ,bürgerliche‘ Gesellschaft Chinas, so wie die der Sowjetunion und ihrer Vasallen es war. Xi ist ein Produkt der Gesellschaft, die Mao Zedong durch die Kulturrevolution vergeblich zu verhindern suchte. Was ihn von anderen deinesgleichen unterscheidet, ist nur exzessive Machtgier und Skrupellosigkeit. Seine Vision für China ist die eines Eichmann. Xi ist ein Verwalter von Folter und Massenmord an der Spitze einer Großmacht. Xi hat alles, wofür Mao Zedong und Deng Xiaoping standen verraten und pervertiert. Aber viel mehr noch. Xi beschmutzt zum ersten Mal Chinas Kultur wie Hitler die deutsche und die japanischen Militärs die japanische. Die jahrtausendealte chinesische Kultur ist weder gewalttätig noch rassistisch. Chinesen haben ein aufgeblasenes Ego; man kann – jedenfalls heutige – Chinesen leicht zu Chauvinismus anstacheln. Trotzdem: die chinesische Kultur, ihre großen Denker strebten alle nach Harmonie, Ausgleich, Mitmenschlichkeit. Chinas Geschichte ist von innerem Zwist und grausamen Kriegen geprägt, aber China hat keine Völker ausgelöscht oder die Welt mit Kolonialismus überzogen wie die europäische Kultur. Das China Xi Jinping begibt sich auf die Stufe seiner japanischen Peiniger oder der Nazis. Es beschmutzt zum ersten Mal Chinas Kultur wie Hitler die deutsche und die japanischen Militärs die japanische. Es ist eine Schande und Tragödie für China. Dabei sprechen Xis Propagandisten von chinesischen Werten, von Konfuzianismus. Als ob Konfuzianismus auch nur entfernt mit Folter, Internierung, Gleichschschaltung, ethischer Säuberung vereinbar wäre. Umso verächtlicher sind die von China gekauften westlichen Sinologen, die Xis Politik mit der Andersheit chinesischen Denkens zu rechtfertigen suchen. Ja! Chinesisches Denken ist von westlichem nur allzu verschieden, aber von der primitiven Brutalität des neuen China noch weiter. Die Vorbilder dieses China sind westlich, sie sind das Verbrecherischste, was der Westen zu bieten hat. Aber Chinas neue Politik hat neben Xis Verbrechertum auch erklärbare Gründe. Hinter ihr stecken durchaus rational nachvollziehbare Gründe. Wie Mao erkannt hatte, besetzen Minderheiten eine strategisch wichtige Position in China. Vom Norden mit der Inneren Mongolei über Xinjiang im Westen anschließend Tibet im Südwesten und den Minderheiten im Süden ist China von einem Minderheitengürtel umgeben. Amerikanische Think-Tank-Strategen wie George Friedman haben das ebenso erkannt wie Mao vor ihnen. Den barbarischen Primitivlingen der Xi-Clique fällt dazu nichts anderes ein als brutale Gewalt. Zumal jetzt, wo die Entwicklung Xinjiangs eine zentrale Rolle in Chinas Plan spielt, mit dem sog. Seidenstraßenprojekt die Welt durch seine wirtschaftlichen Krakenarme in die Fänge zu nehmen. Doch China ist bei weitem nicht so stark, wie es von außen manchem scheint. Trotz kräftigen Wachstums ist dieses Wachstum nicht mehr groß genug, für die breite Masse der Bevölkerung größeren Wohlstand zu garantieren. Die Wachstumsraten von früher wieder zu erreichen, ist schwer, zumal wenn die USA, wie jetzt unter Präsident Donald Trump, die Daumenschrauben anzieht. Das verdeckte Staatsdefizit der Regionen und Staatsbetriebe macht die Flucht in die Stimulation des Binnenmarktes durch Methoden wie den künstlichen Bauboom der jüngeren Zeit unmöglich. Der Reichtum für die breite Masse stagniert oder zerfällt. Doch genau darauf, dass der Staat diesen Massen, wenn auch in noch so bescheidenen Scheiben mehr Wohlstand beschert, hängt deren Loyalität zur Herrschaft der kommunistischen Partei. Die Partei weiß das nur zu gut. Was sie in den letzten Jahren für die ärmeren Bevölkerungsschichten geleistet hat, ist auch mehr als anerkennenswert. Um das Tempo zu halten, braucht China neue Märkte. Es gibt freilich ein weiteres Problem. Solange Chinesen sich nur darum kümmern können, im täglichen Lebenskampf zu bestehen, nichts zählten kann als bessere materielle Lebensbedingungen, hat man keiner Zeit, andere Ansprüche an den Staat zu stellen, als zu demonstrieren, man darf hoffen, hier weiterzukommen. Sobald man jedoch diese Ansprüche befriedigt sieht, fängt man an aufmüpfiger zu werden, Kritik an der Politik der Partei zu üben; ebenso richtet sich der Blick nicht mehr nur auf materielle Güter: man fühlt das Bedürfnis nach Sinngebung, somit auch nach Religion oder Religionsersatz. Die Werte der kommunistischen Partei bieten das nicht. Die Grundsätze des Sinomarxismus sind zwar Bestandteil jedes Curriculums, nur keiner versteht sie, interessiert sich dafür oder nimmt sie auch nur zur Kenntnis. Mit Chauvinismus kann man zwar immer noch viele ködern, doch das reicht immer weniger, ein zur Renitenz neigendes Volk unter die Knute zu zwingen. Was wird da einem Eichmann des fernen Ostens angesichts der Möglichkeiten der modernen Technik wohl einfallen? Nun, man wird die Hoffnung nicht ganz aufgeben müssen, dass die chinesischen Volksmassen das – zumal bei wirtschaftlicher Anspannung – nicht ohne weiteres mit sich machen lassen werden. Es gibt Wege für die Welt China entgegenzutreten China wirkt von außen wie ein unbesiegbarer Koloss. Aber in Wahrheit steht er auf tönernen Füßen. Er steht auf tönernen Füßen nicht zuletzt wegen der rücksichtslosen Arroganz der gegenwärtigen Machthaber. Die ganze Welt schlucken zu wollen, daran haben sich schon manche verschluckt. Die rücksichtslose Politik der Erpressung nach außen und Folter, Totalüberwachung und Mord im Inneren widerspricht eminent der alten chinesischen Weisheit, dass das Weiche das Harte auf Dauer stärker ist, das Wasser den Stein besiegt. Es gibt Wege für die Welt China entgegenzutreten, wenn sie will, wenn andere Regierungen es wollen, und es gibt verschiedene Wege, nicht nur einen. China über die UN und internationale Organisationen in Erklärungsnot zu bringen, ist ein Weg, der bereits begonnen hat, die ersten Früchte zu zeigen: Anerkennung des CERD-Reports, Erklärung des EU Parlaments. Auf dieser Basis muss bei jeder Regierung eines jeden starken Landes Lobbyarbeit geleistet werden. In den USA hat inzwischen selbst der Vizepräsident Michael Pence sich geäußert. Jetzt müssen Taten folgen. Sofern man den Westen einspannt, muss man sich freilich klar machen: die Interessen von Muslimen interessieren hier niemanden außer ein paar Idealisten, gewiss keine Regierung. Der Westen interessiert sich für Muslime nur, wenn er sie für eigene Belange instrumentalisieren kann. Man muss – und man kann – in der gegenwärtigen Situation dem Westen durchaus glaubhaft machen, dass China eine eminente Bedrohung für seine Macht ist, und dass es 5 vor 12 ist, die Notbremse zu ziehen. Man muss alles daran setzen, den Konflikt USA – China zu verschärfen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann ihn China nicht gewinnen. Muslimische Welt muss China entgegentreten Noch wichtiger ist es freilich die muslimische Welt dazu zu gewinnen, China möglichst breit entgegenzutreten. Die ersten Anzeichen gibt es auch hier. Der neue Staatschef von Malaysia hat klare Worte zur Verfolgung der Muslime gefunden, er war auch klug genug, Milliardengeschäfte mit China auf Eis zu legen, um nicht in Chinas Schuldenfalle zu geraten. Hier stehen auch handfeste nationale Interessen auf dem Spiel. Das müssen auch andere Länder einsehen. China versteht eine Sprache am besten, gerade auch das China Xis: Geld. Muslimische Staaten müssen ihr Engagement in Chinas ,One belt one road‘ – Projekt überdenken und China Bedingungen stellen. Wie einzelne Staaten mit China umgehen, muss nicht immer dieselbe Art sein. Die Türkei leistet zumindest humanitäre Hilfe, indem sie Uiguren Sicherheit in der Türkei bietet. Es gibt Fortschritte in dieser Hinsicht in Malaysia und in Kasachstan. Dass es Länder, zumal muslimische gibt, wo Uiguren vor Abschiebung nicht sicher sind, ist eine Schande für die zivilisierte Welt. Für den Iran ist es in der gegenwärtigen Lage, wo er vom Westen in höchste Bedrängnis gebracht wird, am schwersten, China offen entgegenzutreten; es gab freilich Äußerungen des iranischen Außenministeriums, man versuche auf diplomatischem Wege Muslimen in China zu helfen. Man wird hoffen, dies gelingt. Zunächst wurde vor kurzem gemeldet, die Regierung Pakistans, Chinas enger Verbündeter, habe China auf diplomatischem Wege gebeten, sich zu mäßigen. China werde einer Kommission von Rechtsgelehrten erlauben, nach Xinjiang zu reisen und die Lage in Augenschein zu nehmen. Dann folgte das Dementi, die Rechtsgelehrten reisten nur nach China, um China bei der Entwicklung eines Curriculums zur Ausbildung im rechten Islam zu helfen. Man wird hoffen, dass auch hier hinter verschlossenen Türen sich etwas bewegt. Pakistan hat sich im übrigen auch etwas zurückhaltender zu allzu großer Verschuldung geäußert. Von China weniger anhängige, dem Westen verbundene Länder, ein ökonomischer Koloss wie Indonesien können und sollten eine härtere Gangart einschlagen und China wirtschaftlich bestrafen. Doch auch der Weg der Diplomatie und der humanitären Hilfe ist wichtig. Die Türkei hatte sich in der Vergangenheit hart gegen Chinas Uigurenpolitik geäußert. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan sprach 2012 von Genozid. Die Türkei ist derzeit in Schwierigkeiten, aber nicht so extrem, dass sie sich zum Büttel Chinas machen muss. Erdogan hat das Ansehen, sich an die Spitze einer muslimischen Einheitsfront zu stellen. Und das ist es, was Xinjiang braucht – genauso wie Palästina. Aufklärung der chinesischen Öffentlichkeit Freilich, die muslimische Welt ist durchsetzt von dem Krebsgeschwür korrupter Regime. Die wichtigste Aufgabe ist es, die muslimische Öffentlichkeit zu informieren. Auch hier gibt es erste Erfolge, Muslime in Indien und Bangladesch sind auf die Straße gegangen. Das muss überall geschehen. Muslime müssen, Boykott chinesischer Waren, des Tourismus nach China fordern, sie müssen wirtschaftliche Strafmaßnahmen von ihren Regierungen fordern. Dem massiven Druck der Straße kann man nicht völlig ausweichen. Auch China ist sein Public Image nicht völlig gleichgültig. Ein weiterer wichtiger Weg wäre die Aufklärung der chinesischen Öffentlichkeit. Chinesische Muttersprachler mit den ausreichenden Computerkenntnissen müssen das chinesische Netz mit der Wahrheit über Xinjiang überfluten; sie müssen, sobald ein Tweet gelöscht ist, den nächsten platzieren. Das müsste professionell organisiert werden. Die chinesische Öffentlichkeit ist islamfeindlich und durch Regierungspropaganda aufgehetzt, sie ist nicht informiert. Dass die chinesische Öffentlichkeit die ungeheuerlichen Vorgänge in Xinjiang billigen würde, wenn sie direkt mit der vollen Wahrheit konfrontiert würde, wage ich zu bezweifeln. Im Netz regt sich gerade jetzt viel Unmut und Spott gegen Xi Jinping. Eine gesteuerte Netzkampagne könnte da Wirkung zeigen. Uigurische Exiliorganisationen, gerade der World Uighur Congress agieren grundfalsch. Nicht nur machen sie sich zum verlängerten Arm des Westens, mit ihrem stupiden Beharren auf Unabhängigkeit für Ost-Turkestan schließen sie Dialog mit Peking aus und geben der VR China das Instrument in die Hand, die legitimen Rechte von Uiguren auf Gleichberechtigung als Bürger Chinas, Freiheit in der Ausübung ihrer Religion, Erhalt ihrer Sprache, Kultur und Lebensweise unter dem Deckmantel der Bekämpfung des Separatismus mit Füßen zu treten. Kein Staat wird sich selbst aufgeben und Separatismus zulassen. Kein seriöser anderer Staat wird das unterstützen; gerade einige muslimische Staaten haben selbst Separatismusprobleme. Die Uiguren waren in ihrer Mehrheit an Separatismus genausowenig interessiert wie an Terrorismus. Die uigurischen Exilorganisationen haben die wahren Interessen ihrer Landsleute in China nicht vertreten. Gewiss, jetzt hat auch der letzte Uigure jede Hoffnung auf ein irgendwie erträgliches Leben verloren. Es gibt gewiss kaum mehr einen, der China nicht abgrundtief hasst. Jetzt – zum ersten Mal – wäre gewiss fast jeder bereit, alles zu tun, um sich zu retten. Niemand hat mehr etwas zu verlieren. Die flächendeckende Folter der Uiguren ist ein Terrorzuchtprogramn. Hört China nicht rechtzeitig auf, wird es ein Terrorismusproblem bekommen, wie es das zuvor in China nie gab. Das wäre das Ende jeder vernünftigen Lösung. Es würde zu einer endlosen Spirale der Gewalt führen ohne Sieger. Was China in Xinjiang tut, ist nicht im nationalen Interesse Chinas. Wer einen guten Draht nach China hat, sollte versuchen, das in den Kreisen chinesischer Amtsträger zu verbreiten. Ich bin skeptisch, Xi Jinping und die Verbrecherclique um ihn ist zu Mäßigung, Vernunft und Umkehr fähig. Xi hat die Partei unter dem Vorwand von Antikorruptionskampagnen gesäubert. Er scheint immer noch Gegner zu haben: die Korruptionsvorwürfe gegen so hohe Beamte wie Nur Bekri und den ehemaligen chinesischen Präsidenten von Interpol weisen in die Richtung einer neuen großen Säuberung. Die Partei muss sich von Xi und seiner Clique säubern. Dann gibt es Hoffnung auf Vernunft. Jedes Mittel, Xi zu schwächen, durch Druck auf die Wirtschaft, auf diplomatischen Wegen ist sinnvoll – im Interesse aller, auch der VR China.
Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.

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Seit die Vereinten Nationen den der CERD vorgelegten Bericht von Human Rights Watch über die exzessiven Menschenrechtsverletzungen und Verfolgung der muslimischen Uiguren durch die chinesischen Behörden in der autonomen Region Xinjiang anerkannt haben, ist nun auch endlich das Medienecho größer geworden.

Repressalien gegen muslimische Uiguren: 5 Dinge die jeder dagegen tun kann

Israel
Bericht: Palästinenserin von Siedlern zu Tode gesteinigt

Nablus (nex) – Eine palästinensische Frau wurde getötet und ihr Mann verletzt, nachdem israelische Siedler ihr Fahrzeug in der Nähe eines Kontrollpunktes im südlichen Nablus am späten Freitagabend angegriffen hatten. Laut Palästinensischen Sicherheitsquellen handelt es sich bei der Frau um die 47-jährige Aisha Muhammad Talal al-Rawbi. Das Paar stamme aus dem Dorf Bidya bei Salfit im nördlichen Westjordanland. Israelische Siedler hätten das Fahrzeug des Paares mit Steinen angegriffen, dabei sei die Palästinenserin von einem Stein am Kopf getroffen worden und verblutet. Ihr Mann Aykube al-Rawbi (52) sei verletzt worden, habe aber überlebt. Die Palästinenserin wurde in ein nahegelegenes Krankenhaus in Nablus gebracht. Sie war laut palästinensischen Medien, die sich auf die Ärzte berufen, bei Ankunft jedoch bereits tot. „(Wir waren) auf dem Weg nach Hause. Als wir uns dem Tapuach-Kontrollpunkt näherten, wurde ein großer Stein auf unser Fahrzeug geworfen, der meine Frau am Kopf traf“, so der Ehemann der Getöteten.
(Foto: Screenshot/Twitter)
„Ich fuhr weiter, während meine Frau voller Blut war. Unsere Tochter schrie und weinte, als sie ihre Mutter im Sterben sah“, sagte er. „Ich war in einer sehr schlechten Verfassung. Bis ins Krankenhaus bat ich meine Frau, mir zu antworten, und versuchte gleichzeitig, unsere Tochter zu beruhigen, die unaufhörlich weinte.“ Aisha ist Mutter von acht Kindern, die Hochzeit eines ihrer Töchter sollte in zwei Wochen stattfinden. Zwischen 500.000 und 600.000 Israelis leben unter Verletzung des Völkerrechts in jüdischen Siedlungen im besetzten Ost-Jerusalem und im Westjordanland. Die palästinensische Regierung ist für Israelis im Westjordanland nicht zuständig, und Handlungen jüdischer Siedler finden laut Menschenrechtlern oft in Anwesenheit israelischer Streitkräfte statt, die selten zum Schutz der palästinensischen Bevölkerung handeln. „Al-Rawbi ist einer der vielen Märtyrer, die ihr Blut für ihr Heimatland und ihr Volk geopfert haben“, so der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas in einer Erklärung auf der Webseite der offiziellen palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa.

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– Kommentar – „Importierter Antisemitismus“: Die inszenierte Hysterie

Die erregte Debatte in Deutschland über angeblich zunehmenden Antisemitismus belegt, wie wenig die Deutschen ihre Vergangenheit aufgearbeitet haben und wie tabuisiert und unehrlich das Verhältnis zu Israel ist.

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Menschenrechte
Trotz Druck aus China: Malaysia lässt Uiguren in die Türkei ausreisen

Von Prof. Dr. Hans-Christian Günther Trotz chinesischen Drucks hat Malaysia die elf Uiguren, die nach ihrem spektakulären Ausbruch aus einem Gefängnis in Thailand nach Malaysia gelangt waren, in die Türkei ausreisen lassen. Peking hatte eine Auslieferung nach China gefordert. Sie saßen zunächst in Malaysia wegen illegaler Einreise ein. Das Gericht ließ sie aus humanitären Gründen nicht ausliefern, sondern in die Türkei reisen. Die Route über Südostasien war der bevorzugte Weg für Uigure, der Repression in der VR China zu entkommen und in die Türkei zu gelangen, wo ihnen Sicherheit geboten wurde. China wirft Uiguren, die aus China fliehen, Verbindungen zu Terrorismus, auch zum IS (Daesh) vor. Dass manche Uiguren sich Daesh angeschlossen haben, ist auch unbestritten. Warum das so ist, liegt noch klarer auf der Hand als bei Europäern. Chinas brutale Unterdrückung der Uiguren ist ein Terrorzuchtprogramm. Nun waren 2014 über 350 Personen von den thailändischen Behörden festgenommen worden. Ein Teil durfte in die Türkei ausreisen, doch fast ebenso viele wurden 2015 an China ausgeliefert. Grausame Bilder von ihrer Rückführung kursierten im Netz. Es gab Proteste vor der Botschaft Thailands in der Türkei, selbst einen schweren Bombenanschlag in Thailand. Andere blieben bis auf weitere Klärung interniert, da China und die Türkei beanspruchten, es seien ihre Bürger. 2017 wurden wieder 62 Uiguren im Thailand festgenommen. Im November gelang 25 Uiguren eine sensationelle Flucht aus dem thailändischen Internierungslager. 5 Personen davon wurden festgenommen, doch der Rest blieb verschwunden. 11 Personen gelang die Flucht nach Malaysia. Die malaysische Regierung unter Najaab Razar war geneigt, Pekings Forderung nachzugeben. Der neue Premier Malaysias Mahathir bin Mohamad hat Malaysias Kurs gegenüber Peking wesentlich verändert. Als erster Staatschef eines muslimischen Landes hat er die Verfolgung der Uiguren in China verurteilt, Chinas Behauptung, dies sei eine interne Angelegenheit Chinas, explizit widersprochen. Bei einem Besuch in China hat er China vor einem neuen Kolonialismus gewarnt und bereits Milliardengeschäfte mit China aufgrund seiner Furcht vor der chinesischen Schuldenfalle aufgekündigt. Aufgrund von öffentlichem Unmut über die Internierung von kasachischen Staatsbürgern in chinesischen Konzentrationslagern hatte ein kasachisches Gericht in einer wegweisenden Entscheidung bereits im Sommer dieses Jahres geurteilt, eine chinesische Staatsangehörige und ehemalige Lagerinsassin, die illegal zu ihrem Ehemann in Kasachstan geflohen war, nicht auszuliefern. Langsam scheint sich etwas Widerstand gegen Chinas Politik in der muslimischen Welt zu regen. Der neue malaysische Premierminister verdient höchstes Lob für seine Haltung. Malaysia ist nicht das mächtigste muslimische Land. So darf man fragen, wo die klaren Worte oder Taten anderer Regierungen muslimischer Staaten bleiben.

Landesweite Beschwerden
Preisbetrug und Rauchen: Türkei geht gegen aggressive Taxifahrer vor

Ankara (nex) – Das türkische Innenministerium wies die Gouverneure am 12. Oktober an, rechtliche Schritte gegen Taxifahrer einzuleiten, deren unrechtmäßige Praktiken eine Lawine von Kundenbeschwerden ausgelöst haben. Die von Innenminister Süleyman Soylu unterzeichnete allgemeine Anweisung für 81 Gouverneure der Türkei, verpflichtet die lokalen Behörden, alle rechtlichen Mittel einzusetzen, um zu verhindern, dass Kunden von Taxifahrer ungerecht behandelt werden. Die jüngsten Bürgerbeschwerden gegen Taxifahrer, die in der Anweisung zitiert wurden, bildeten eine lange Liste, die die willkürliche Ablehnung von Kunden, die Überladung des Fahrzeugs, das Rauchen, das Spielen von Spielen und das Hören von lauter Musik während der Fahrt umfasst. Die türkische Polizei hatte kürzlich die Präsenz und Kontrollen in den wichtigsten Touristengebieten Istanbuls verstärkt, um Preisbetrug bei Taxis zu überwachen. Neben den zunehmenden Beschwerden über legal zugelassene Taxis, müssen türkische Behörden zudem auch gegen den Mitfahr-Vermittlungsdienst Uber vorgehen. Nach einer Reihe von gewaltsamen Übergriffen von Taxifahrern auf Uber-Fahrer intervenierte Präsident Recep Tayyip Erdogan am 1. Juni und kündigte ein Ende von Uber in der Türkei an. Seitdem die Behörden damit begonnen haben hohe Geldbußen, sowohl für Fahrer als auch für Fahrgäste, zu verhängen, ist die Zahl der Uber-Fahrzeuge in der Türkei deutlich zurückgegangen.  

Fall Khashoggi
Donald Trump droht Saudi-Arabien mit „schwerer Bestrafung“

Washington (nex) – US-Präsident Donald Trump sagte in einem TV-Interview, dass Saudi-Arabien hinter dem Verschwinden des Kolumnisten der Washington Post Jamal Khashoggi stecken könnte und drohte dem Königreich mit „schwerer Bestrafung“, falls dem so sein sollte. „Wir werden der Sache auf den Grund gehen und es wird eine schwere Strafe geben“, sagte Trump gegenüber dem US-Sender CBS in einem Gespräch mit „60 Minuten“ am Samstag. „Momentan leugnen sie es und leugnen es vehement. Könnten sie dahinter stecken? Ja!“, sagte Trump in dem Interview, das bereits am 11. Oktober aufgezeichnet wurde. CBS zeigte nur einen Ausschnitt aus dem Interview, das komplette Interview werde am Samstagabend ausgestrahlt, so der Sender. Der Journalist und regelmäßige Kolumnist der Washington Post ist seit seinem Betreten des saudischen Konsulats in Istanbul am 2. Oktober vermisst. Wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf namentlich nicht genannte türkische Quellen am Samstag berichtete, sei der saudische Journalist, nachdem er mehrere Tage im Gebäude festgehalten wurde, umgebracht worden. Khashoggi ist bekannt für seine Kritik der saudischen Innen- und Außenpolitik.

Zum Thema

– Wurde Khashoggi zerstückelt? – Bericht: Saudische Agenten hatten Knochensäge dabei

In den bisher detailliertesten Berichten türkischer Medien über das rätselhafte Verschwinden des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi, veröffentlichte die Nachrichtenagentur DHA am gestrigen Dienstagabend Bilder der mutmaßlichen Mörder des Kolumnisten der US-Zeitung Washington Post.

Bericht: Saudische Agenten hatten Knochensäge dabei
 

Kommentar
Prof. Dr. Hans-Christian Günther über Religion, Christentum und Politik

Von Prof. Dr. Hans-Christian Günther

Religion, Christentum und Politik

I. Religion en Vogue

Religion und Politik ist heute ein brisantes Thema, denn wohin man blickt wird aus verschiedensten politischen Perspektiven  Religion immer wieder als Ursache von gewaltsamen politischen Konflikten diskutiert.

Der Gegensatz zwischen dem Niedergang traditioneller Religion in Teilen des Westens (nicht in den USA; das wird oft übersehen) und dem Beharren auf religiöser Tradition im islamischen Kulturkreis sowie einer dort neu aufkommenden Religiosität, die sich dezidiert als vernunft- und modernefeindlich definiert, dieser Gegensatz ist, verbunden mit unaufhaltsamen Migrationsströme in einer global geöffneten Welt ohne Präzedent.

In dieser Gemengelage wird der (Wieder-) Aufstieg der Religion in Teilen der Welt ein politisch brandheißes Thema. Ja, man betrachtet die Religion geradezu als Speerspitze eines oft heraufbeschworenen ‚Kampfes der Kulturen‘, der nach dem Zusammenbruch der SU angeblich die politische Weltszene prägt. Aus allen Ecken kommen Bücher auf den Markt, die das Risiko oder die Verantwortung der Religionen beschwören und je nachdem von einer Vereinbarkeit oder Nichtvereinbarkeit der kulturell-religiös bedingten Wertesysteme der Gegenwart ausgehen.

Ein bei allen Unvollkommenheiten und Verkürzungen höchst verdienstlicher Beitrag eines Politikers ist das Buch des deutschen Altkanzlers Helmut Schmidt. Man muss nur sein auf Youtube leicht zugängliches Interview zum Thema‚ Europa und der Islam‘ ansehen, um einen verblüffend einfachen Einblick in die Problematik von Religion und Staat im heutigen Europa zu erhalten: Was Helmut Schmidt über seine Unkenntnis der selbstverständlichsten Fakten zum Islam bekennt, ist ebenso erschreckend wie es verdienstlich ehrlich ist. Und wenn er am Ende zugibt, dass er sich umso weiter vom Christentum entfernt, je mehr er von anderen Religionen erfährt, so steckt auch darin eine Einsicht, der es sich lohnt nachzugehen.

II. Religion – ein problematischer Begriff in abrahamitischer Tradition

In zahlreichen Beiträgen habe ich dargelegt, wie problematisch es ist, wenn wir Europäer das für uns recht sinnentleerte Wort ,Religion’ auf analoge Phänomene anderer Kulturen anwenden.

Ich habe erläutert, wie dieses Wort durch Übertragungen vom paganen auf den völlig andersartigen christlichen Bereich eine Bedeutungsentleerung erfahren hat. Die Rede von ‚Religion‘ ist nicht nur aus gesellschaftlichen Gründen eine All-round-Floskel geworden. Viele alltagsprachliche Konnotationen gehen in sie ein  und verstellen den Europäern den Blick auf das jeweils Eigene von nicht-europäischer Spiritualität.

An dieser Stelle soll der Hinweis genügen, dass die drei sogenannten ‚abrahamitischen Religionen‘ nur eine ganz spezifische Form der Religiosität darstellen, mit Elementen, die anderen Kulturen und in der Tat auch der ‚paganen europäischen Volksreligion’ völlig fremd sind. Ich möchte nur drei Gedanken wiederholen, die m.E. das Verhältnis des Christentums zum Staat grundsätzlich prägen:

1) Alle drei abrahamitischen Religionen sind Offenbarungsreligionen, die allein schon dadurch, dass sie solche sind, ihrem Gott bestimmte Eigenschaften positiv zuschreiben, und vor allem die, dass er sich in seiner Offenbarung den Menschen liebend zuwendet und ihnen den Weg weist zu einer unendlichen Sinnerfülltheit ihrer Existenz.

2) Diese drei Religionen haben sich zu Beginn in einem geistigen Umfeld durchsetzen müssen, das stark von griechischer Philosophie geprägt war. Erst in Auseinandersetzung mit derselben, entwickelt sich ihre jeweilige Eigenheit und zugleich eine metaphysischen Überformung, die alle drei jenseits ursprünglicher Offenbarungsgehalte seit Jahrhunderten prägt. Sie wurden an einem Maßstab gemessen, der im Christentum am schärfsten auf einen Konflikt zwischen einer – ich möchte einmal sagen – ,Religion per se’ und ihrer rationalen Bewältigung hinauslief , ein dem Christentum inhärenter Konflikt, der uns ideengeschichtlich als Widerspruch von ‚fides‘ (Glaube) und ‚ratio‘ (Vernunft) überliefert ist.

3) Judentum und Islam sind ,Gesetzesreligionen’, die, jedenfalls was den Islam anbelangt, direkt auf staatliche Umsetzung angelegt waren. Deswegen auch kann es in ihnen im Grunde keinen Unterschied zwischen einer öffentlichen und einer privaten Moral geben. Ganz anders das Christentum, welches in all seinen Ausprägungen ursprünglich die Religion einer Gruppe war, der es nicht um Staatsbildung ging und der es aufgrund ihres Status auch gar nicht darum gehen konnte. Sie waren historisch gar nicht in der Lage, sich anders zu definieren als laut dem oft zitierten Herrenwort: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist (Matth. 22: 21).

Christlich-abendländischer Überheblichkeitswahn glaubt im letzten Punkt ein säkulares Staatsverständnis zu entdecken, also jenes Staatsverständnis, das heute unreflektierter Weise zum einzigen oder zumindest besten der Welt erklärt wird. Für sich selbst beanspruchen die westlichen Staaten eine ,vernunftgesteuerte’ freiheitlich-demokratische Gesellschaftsordnung zu besitzen.

Und weil es ja das Christentum war, welches den ,Westlern’ dies allererst ermöglicht hat, soll es auch konsequent sein, ‚christliche Werte‘ (oder, wie man heute aus verständlichen Gründen lieber sagt, ‚jüdisch-christliche Werte‘) fest in der Rechtsordnung verankern. Deswegen auch benötigen fortschrittlich-säkulare Christen die Bibel allenfalls noch dazu, um sich zu versichern, dass die Aufnahme etwa eines so zutiefst mitmenschlicher Artikels wie dem der unterlassenen Hilfeleistung in das Strafgesetzbuch nur von eine Kultur zustande gebracht werden kann, die vom Geist des Gleichnisses vom barmherzigen Samariters geprägt ist.

Doch wäre dies wirklich so, warum bekennt dann ein ganz in jener christlich-freiheitlich-säkularen Gesinnung aufgewachsener Politiker vom Gewicht Helmut Schmidts, die Beschäftigung mit anderen Religionen habe ihn vom Christentum entfernt?

 III. Christliche Religion und staatliches Handeln

a) Die Geschichte

Das Judentum ist hier insofern von Interesse, als es zeigt, dass eine an sich  zumindest auf organisierte Umsetzung in einer Gruppe ausgerichtete Religion auch außerhalb staatlichen Handelns eminente kultur- und einheitsstiftende Funktionen erfüllen kann. Gerade dadurch, dass ihm sehr bald seine staatsbildende Funktion abhandenkam, hat sich das Judentum zu einer wichtigen kollektiven Kraft entwickelt.

Trotz der grauenhaften Verbrechen, denen Juden über Jahrhunderte ausgesetzt waren, stiftete die Religion unter ihnen nicht nur eine kulturbewahrende Einheit, sondern hat sie sogar dazu befähigt, einen unverzichtbaren Beitrag zur friedlichen und liberalen Kultur des sie barbarisch verfolgenden christlichen Europas zu leisten.

Die jüdische Identität ist religiös mit einer besonders tiefen Wärme und mitmenschlichen Solidarität erfüllt; erst mit der Errichtung eines postkolonialen Staates, mit der Imitation europäisch-säkularen Nationalismus und Kolonialismus, wurde damit begonnen, diese spezifisch jüdische Humanität zu zerstören und gar für Gewalt zu instrumentalisieren.

Der Islam wurde als Staatsreligion konzipiert, tritt bis heute vielfach als eine solche auf und definiert sich selbst als eine Religion des Realismus und der (sozialen) Gerechtigkeit. Mohammed war in der Tat auch ein genialer Staatsmann; und die Scharia ist – entgegen auf reiner Böswilligkeit und Ignoranz ad nauseam wiederholter Gegenbehauptungen -, eine bis heute anwendbares und in ihrer Grundintention höchst realistisches und zur staatlichen Umsetzung ideal geeignetes Regelwerk.  

Die Ignoranz bezüglich Scharia ist freilich so groß, dass es Nicht-Muslimen unbekannt scheint, dass die Scharia weit mehr ist als unmittelbar staatlich umsetzbares Regelwerk. Die Scharia ist umfassende religiöse Verhaltensregel. Weltliches und religiöses Recht wird aus ihr mit komplexen Methoden der Rechtsfindung abgeleitet (fiqh). 

Das Christentum nun hat sich, insofern es staatskonstituierend wurde,  als vielleicht katastrophalste Religion erwiesen. In jeder Hinsicht scheint es dazu ungeeignet, ein christlicher Staat ist eine contradictio in adiecto. Dass die christliche Religion ein säkulares Staatsmodell enthalte, ist ein auf Unwissenheit und heute geradezu auf Infamie hinauslaufender Irrtum.

Nicht anders verhält es sich mit der Behauptung, die christliche Schöpfungsgeschichte (die es gar nicht gibt) sei ein Bekenntnis zur Gleichberechtigung der Geschlechter, denn geflissentlich übersieht man dabei die zwei Versionen der jüdischen Schöpfungsgeschichte sowie die Tatsache, dass auch der Islam den Menschen zweigeschlechtlich definiert (wie auch sonst).

Betrachtet man die Geschichte europäischer Staatlichkeit auch nur oberflächlich, so muss jedem auffallen, dass sie eine Geschichte des Verbrechens, der Gewalt, der Intoleranz und Überheblichkeit ist, die auf der Welt ihresgleichen sucht. Nicht nur das osmanische Reich war den christlichen Imperien an Toleranz weit überlegen, zum Beispiel hat der Islam im Khanat der Krimtartaren ein geradezu vorbildliches Staatsmodell entwickelt.

Dabei ist es freilich die Tragödie des Christentums und des Islam, dass sie den monotheistischen Absolutheitsanspruch des Judentums, der stricto sensu nur für die eigene Gruppe galt, universalisiert und dadurch das ihm inhärente Gewaltpotential freigesetzt haben. Der Islam hat dies allerdings in einer gemäßigten Form getan, wohingegen das Christentum dieses Gewaltpotential rücksichtslos über seinen gesamten Herrschaftsbereich verbreitete.

Sicherlich ist zunächst jene von Anfang an missglückte Version des sich metaphysisch überformenden und so zu einer geradezu absurden Hybridisierung führenden Christentums in erster Linie der Katholizismus. Das heißt, ich spreche hier von einer bestimmten Version des Christentums, nicht vom Christentum schlechthin. Unglücklicherweise musste das Christentum zu Beginn sich in einem geschichtlichen Umfeld behaupten, wo es nur als Fehlgeburt starten konnte, was aber auch nicht heißt, dass es im weiteren Verlauf keine Versuche gab, aus dem katholischen Dogma auszubrechen.

Hier ist in der Tat die Reformation eine der wichtigsten positiven Zäsuren in der europäischen Geschichte. Von ihren Hauptexponenten ist nicht zu erwarten, dass sie mit einem Schlag alle Fehlentwicklungen korrigierten, doch durch ihren Rückgriff auf die Heilige Schrift, ihre zumindest partielle Abkehr von metaphysischer Überformung und vor allem durch ihre Abkehr von den extremsten Auswüchsen staatlichen Religionsmissbrauchs haben sie immerhin einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, dass Europa sich überhaupt kulturell, geistig und staatlich weiterentwickeln konnte.

Die Reformation kann sogar das Verdienst für sich beanspruchen, der katholischen Kirche den Anstoß zu einer Erneuerung gegeben zu haben, durch die der Katholizismus sich im französischen 17. Jh. noch einmal an die Spitze der europäischen Kultur setzte und im französischen Absolutismus ein Staatsmodell entwickelte, das in seiner Konsequenz, inneren Stimmigkeit und in seinem zeitweise enormen politischen Erfolg besticht. Doch diese Veränderungen standen auf tönernen Füßen. Seit dem 18. Jh. entwickelt der Katholizismus sich zu einer Fußnote der Geschichte und gleicht einem einzigen Rückzugsgefecht.

Neben dem neuen Staatsverständnis Luthers, das eher Türen öffnete, als in sich selbst Verdienste zu haben, entwickelt die Reformation in Calvins ‚Genfer Gottesstaat’ tatsächlich ein christliches Staatsmodell, das Respekt abnötigt und durchaus mit erfolgreichen islamischen Staatsmodellen zu vergleichen ist.

Leider ist Calvins Leistung dadurch verdunkelt, dass die unglückliche Hinrichtung Servets fast das einzige ist, was man von seinem Staatsmodell weiß. In seinem Modell verband Calvin echte religiöse Observanz mit einer daraus begründeten sozial verantwortlichen und – trotz Servet – in der Behandlung religiös und politisch Verfolgter tolerant-menschlichen Lebensform. Auch Calvins persönlicher Lebenswandel, seine Integrität und auf echter Frömmigkeit gegründete Menschlichkeit, nötigt Respekt ab, den man zwar manch anderem Christen auch zubilligen kann, doch kaum einem an den Schalthebeln politischer Macht sitzenden Christen.  

 b) Moderne Problemlagen

Das Hauptverdienst der Reformation bestand darin, Europa eine geistige Kultur zu ermöglichen, die in staatlich verordnete und pervertierte Religionsform nicht verstrickt ist. Dazu gab es auch schon früher Ansätze, und nicht erst seit der Renaissance, aber ohne die Zerschlagung des katholischen Monopols auf politische und religiöse Kontrolle, konnten sie nicht fruchtbar werden.

Ich denke nach dem bislang Gesagten ist deutlich: der säkulare Staat und die ihn hervorgebrachte Epoche der Aufklärung entsprechen mitnichten einer christlichen Ausrichtung, nein, genau umgekehrt: erst eine Kultur, die sich auf eine pervertierte Religiosität staatlich gründete, bedurfte einer Aufklärung und konnte dann in einem säkularen Staatsmodell explodieren. Eine Religion, die zu staatlicher Umsetzung ungeeignet war, musste irgendwann zu einer nicht mehr religionsverankerten Staatlichkeit führen.

Doch es erwies sich als verhängnisvoll, dass Vernunft zur Pseudobegründung einer nicht auf Vernunft gegründeten Religiosität instrumentalisiert worden wurde, so dass es zu einer radikalen Revindizierung der Vernunft als alleinigem Maßstab menschlichen Denkens kam. Keine zivile Gesellschaft, keine Vernufterkenntnis konnte auslöschen, dass die europäische Kultur von den Werten ihrer jahrhundertelangen Religiosität geprägt war, weswegen sich nur das Modell eines pseudoreligionsneutralen Staates entwickeln ließ.

Neben einer öffentlich gültigen ,Minimalmoral’ sollte sich nun eine private, religiös bedingte Moralität und Sinnbestimmung frei entfalten können. Theoretisch klafften öffentliche und private Moral auseinander, so wie das einst in der klassischen Antike in Europa der Fall war, wo die Religion in ihrer ursprünglichen Funktion als ein Set bloßer Akte des Sakralen zunächst Staatsreligion war, während private Moral allenfalls in einer ,philosophischen’ Ausdeutung ihrer prinzipiellen Inhaltslosigkeit gegründet sein konnte.

Indes, eben diese theoretische Inhaltslosigkeit ging der christlichen Religion ab, und die säkularer Staaten seit dem 18. Jahrhundert waren auf eine Kollision öffentlicher und privater Moral angelegt In der Praxis führte dies dazu, dass die demokratischen, ,vernunftgesteuerten’ Gesellschaften sich immer aggressiver als jüdisch-christlich definieren und der christlichen Religion eine absolute Priorität eingeräumt wird, oft sogar in Form staatlicher Finanzierung ihrer Funktionäre, während andere Religionen allenfalls auf Duldung hoffen dürfen. Von einer Gleichberechtigung anderer Religionen kann im heutigen Europa nicht im Entferntesten die Rede sein.

Unerträglich wird das alles, wenn etwa in Deutschland Kirchenvertreter (die allen Ernstes von Sexualneurotikern erwarten, Wein in Blut zu verwandeln und dies als ,vernünftig’ ansehen) maßgeblich beeinflussen können, wie in Kommissionen über ethische Fragen entschieden wird. Wie können sich Kirchenvertreter im Verein mit Politikern als demokratisch legitimiert betrachten, Entscheidungen zu treffen, die dem mehrheitlichen Willen diametral entgegenstehen und welche zu beurteilen eigentlich der modernen Naturwissenschaft obliegt? Was an solchen Staaten religionsneutral, demokratisch oder gar vernünftig ist, kann niemand, der bei klarem Verstand ist, erkennen.

So bleibt zunächst einmal festzuhalten: die Aufklärung in Europa und im Westen ist gründlich gescheitert: sie hat weder religionsneutrale, noch vernunftgesteuerte Staaten hervorgebracht, sondern solche, die im Grunde genommen wesentlich unvernünftiger und verbrecherischer sind als mittelalterliche.

Unvernünftiger,  weil sie noch heute, im Zeitalter moderner Naturwissenschaft, einer Personengruppe, die in einer Art Karnevalskostüm umherläuft und an Wunder glaubt, das Recht einräumt, in gesellschaftlich-politischen Fragen maßgeblich mitzusprechen. Verbrecherischer sind die modernen westlichen Staaten, weil dem westlich-christlichen Überlegenheitswahn heute technische Mittel zur Verfügung stehen, deren Zerstörungskraft jede Vorstellungskraft überschreitet – jedenfalls war letzteres einmal so, heute scheint Massenmord so selbstverständlich geworden, dass ihn kaum noch jemand wahrnimmt, und Titel renommierter Zeitungen dazu mahnen, die Deutschen müssten das töten lernen – als ob wir nicht zur Genüge gezeigt hätten, das wir das besonders gut können.

 d) Gegenwartsanalysen

Bisher habe ich von ehemaligen Auswüchsen der westlich-säkularen Staaten geschrieben, die mit der Vorrangstellung eines zur Farce gewordenen Christentums kooperierten. Inzwischen nun, wo diese Farce immer weniger Rückhalt in der europäischen Bevölkerung findet, hat sich der säkulare Staat selbst an die Stelle der Religion gesetzt und wirkt jetzt sogar noch tyrannischer als die christliche Staatsreligion.

Säkulare Staaten haben die moderne Religion des liberalen Staates und seiner unantastbaren Werte, der Menschenrechte, geschaffen – so, als wären Werte mathematisch beweisbar und könnten tatsächlich wie Naturgesetze universal gültig sein. Dies aber widerspricht nicht nur der aktuellen Wertepluralität in einer globalen Welt, sondern auch unserem aktuellen westlichen Denken, wenn wir uns nicht belügen.

In seinem neuen Gewand entpuppt sich der säkulare Staat als das, was er eigentlich schon immer war: die Reaktion auf ein von Anfang an missratenes Staatsmodell und  zugleich als dessen Zerrbild. Zwar propagiert der angeblich aufgeklärte moderne westliche Staat eine bequeme Scheinfreiheit, etwa wenn konservative Politiker wie die 68er-Generation leben oder evangelische Pastoren in hohen Staatsämtern ihr Freiheitsverständnis demonstrativ als bekennende Ehebrecher zur Schau stellen.

Aber in der Praxis hält man es doch so, dass jeder, der sich nicht den zu Kolonialzeiten verkündeten und doch noch immer unbedingt und universal gültigen Menschenrechte fügt, leicht durch Bomben dazu erzogen wird, ein Mensch im Sinne dieser Menschenrechte zu werden. Diese Gewalttätigkeit nach außen ist nicht nur Zynismus moderner Politik, sie ist die unmittelbare Folge des Ursprungs jener Rechte in der Aufklärung, einer Aufklärung, die – so ganz nebenbei – die Überlegenheit europäischer Kultur zementiert und Rassismus und Kolonialismus theoretisch untermauert hat.

Echte Toleranzmodelle sucht man heute besser in ,unaufgeklärten’ Kulturen, zum Beispiel im ostasiatischen Raum, wo man ein Dokument echter staatlich sanktionierter Toleranz bereits aus dem 3. Jh. in den berühmten Edikten des Ashoka findet. Einen Vertreter religiöser Toleranz wie Mahatma Gandhi sucht man selbst unter christlichen Theologen, die eine große Offenheit gegenüber anderen Religionen an den Tag legen, vergeblich.

Einen wirklich religionsneutralen und vernunftgesteuerten Staat gab es einmal in der VR China: dort ist der Staat tatsächlich areligiös, und er räumte ursprünglich jeder Religion das gleiche Recht ein, sich innerhalb der Verfassung religiös auszuleben, verbat  sich jedoch, dass Religionsvertreter durch Mission den sozialen Frieden stören. In Japan ist das heute noch so. Es ist an sich befreiend und wohltuend, wenn man Länder wie China und Japan bereist und feststellt, wie metaphysisch unaufgeregt dort politische Entscheidungen getroffen werden. Aber die jüngste Entwicklung in China, wie etwa die Behandlung der muslimischen Uiguren und Christen zeigt auch die Gefahren, selbst solch eines Staatsmodells. 

IV. Was kann ein reformierter christlicher Glaube heute zu Politik und Gesellschaft beitragen?

Bisher könnte der Leser den Eindruck haben, als ob ich dem Christentum jegliche Fähigkeit, einen positiven Beitrag zu den politischen Problemen der heutigen Welt beizutragen, abspräche. Nichts wäre falscher.

Wovon ich schrieb, war die Religiosität der offiziellen Kirchen,  keineswegs das Christentum an sich. Äußere Voraussetzung für einen positiven Einfluss des christlichen Glaubens heute wäre allerdings eine neue, wesentlich radikalere Reformation: die katholische Kirche vor allem, aber auch die offiziell protestantische, samt den Evangelikalen, die die Mehrheit der US-Bürger zur Leugnung der Evolution veranlassen, sowie den Lauwarmchristen, die auf eine Art Wellnessmehrwert aus sind, vor allem aber jegliche metaphysische Religion hat in unserer heutigen Welt nichts mehr verloren.

Der Abgang institutionalisierter Kirche ist nur zu begrüßen, und jede staatliche Hilfe (vor allem finanziell), aber auch jede Privilegierung, jede Bindung an das gesellschaftliche Establishment muss beseitigt werden, erst dann können Christen sich auf das besinnen, was den Kern ihres Glaubens eigentlich ausmacht.

Nun wäre es anmaßend, wenn ich behaupten würde, ich wüsste besser als jeder andere, was dieser Kern ist. Alleine durch eine solche Behauptung würde ich mich schon völlig diskreditieren. Ich spreche somit hier nur für mich, und ich kann nichts anderes erhoffen, als dass vielleicht auch andere in dem, was ich sage, etwas finden, das ihnen auf ihrem eigenen Weg hin zu etwas, das höher ist als alle Vernunft, hilft. Und damit sind wir bereits im Zentrum des Problems.

Das Scheitern der institutionalisierten Religion liegt zu einem guten Teil an der Arroganz einer Institution, am besten oder gar alleine über etwas Bescheid zu wissen, über das es so etwas wie Bescheid-Wissen gar nicht geben kann. M.E. setzt jede Annäherung an das Religiöse zuallererst Demut, die Erfahrung der eigen Schwäche, Unvollkommenheit, Fehlbarkeit und Zerbrechlichkeit als Indiz des eigenen Verwiesenseins auf ein Höheres voraus.

Diese Demut verbietet auch jeden Anspruch auf Priorität der eigenen Religion gegenüber einer anderen. Das bedeutet nicht einen Verzicht auf absolute Zuwendung zu der je eigenen Form von Religiosität, es bedeutet, diese absolute Zuwendung als eine je eigene zu erfahren, die zum Anderen hin öffnet, nicht ihn vereinnahmt. Gerade eine Religion, die einen Absolutheitsanspruch beinhaltet, wie Christentum oder der Islam, lässt gerade in diesem Absolutheitsanspruch Raum für das Anerkennen des anderen.

Die absolute Zuwendung, die diese Religionen fordern, versteht sich ja aus der absoluten Zuwendung des sich in Liebe offenbarenden Gottes zu dem so ganz anderen, von Schwäche und Fehlbarkeit geprägten Menschen. Erstere ist die Antwort auf jene so unerhörte Einladung des Absoluten, dem Menschen in all seiner Schwäche einen Weg zur Erfahrung der göttlichen Vollkommenheit zu eröffnen.

Diese Erfahrung des Von-Gott-Angenommen-Seins öffnet den Menschen zur Annahme des Mitmenschen als des in all seiner Andersheit gleich Wertvollen, sie fordert in ihrer letzten Konsequenz geradezu eine Einstellung wie diejenige Gandhis, der religiöse Toleranz vielleicht so prägnant wie kein anderer in das Wort gefasst hat: ,Meine Religion ist meine Mutter, und so ist sie für mich die beste und schönste. Und ebenso ist die Religion des anderen dessen Mutter und deshalb für ihn die beste und schönste.’

Echte religiöse Erfahrung ist m.E. mit jeder Absolutsetzung einer Form von Religion unvereinbar. Die Erfahrung des alles Menschliche Überschreitenden führt zu der Einsicht, dass alle Religionen, ebenso wie alles, was ein einzelner Mensch in ihr erfahren kann, nur unendlich kleines Stückwerk ist im Angesicht der unendlichen göttlichen Wahrheit.

Sie führt weg von Arroganz und Überlegenheitsanspruch zu Demut und Anerkenntnis, weg von Missionierung zum Bedürfnis des Lernens von anderen Religionen,zu der Einsicht, das alle Religionen komplementäre Einsichten in Dasselbe, nie Fassbare, doch immer neu zu Erringende sind. Dass dieser Demut das ,christliche’ Europa mehr als jede andere Kultur bedarf, ist nach dem oben Gesagten offenkundig.

Doch damit eröffnet sich die Frage, was das Spezifische dieses Fensters auf die göttliche Wahrheit ist, das das Christentum auszeichnet. Ich kann diese Frage hier nur sehr oberflächlich angehen, doch müsste ich es auf eine Formel bringen, so würde ich sagen: das Christentum ist die Religion der Aufhebung des Leides im Leid.

Der christliche Gott ist der Gott, der sich seiner Macht begibt, der Leid nicht in seiner Allmacht hinwegnehmen, sondern nur im Mit-Leiden aufgehoben sein lassen kann. Wer ihn auffordert, vom Kreuz zu steigen, und sich als der Allmächtige zu offenbaren, für den bleibt dieser Gott stumm. Er bleibt mit seinem Leid und seiner Verzweiflung allein.

Nur derjenige, dem es gelingt, in der Ohnmacht Gottes die unerhörte Zuwendung Gottes zum Leid des fehlbaren, zerbrechlichen Menschen zu erfahren, der erfährt, dass nicht er als einzelner, sondern dass Gott in seinem Leid leidet. Und so verwandelt sich in jenem Blick auf das Leid des ohnmächtigen Gottes am Leid der Welt das eigene Leid in das Leid der Welt. Nicht das Leid wird hinweggenommen, hinweggenommen wird das Ich. Und jenes ichlose Leid ist ein leidloses Leid.

Dieses ichlose Leid leidet nicht am eigenen Leid, es leidet am Leid des anderen, es leidet das Leid der Welt. Die Erfahrung dieses ichlosen Leides als des Leids der Welt an der Welt ist der Kern des Mit-Leidens im christlichen Sinne, die Essenz des menschgewordenen Gottes des Christentums, der überall dort ist, wo eine Kreatur leidet, und jedem Menschen in der Aufgabe des Ichs den Weg zu jenem leidlosen Leid der Welt zeigt.

Dass diese Religion gerade in unserer heutigen Welt, wo trotz allen Fortschrittes, ja in allem Fortschritt das Leid nie dagewesene Dimensionen angenommen hat, wo das unendliche Leid von unzähligen Menschen immer mehr Menschen bekannt wird, eine ungeheuer wichtige Rolle spielen könnte, ist nur allzu offenkundig.

Das kann sie jedoch nur, wenn sie diesen ihren Kern wiederfindet, indem sie jede gesellschaftlich verbindliche Rolle aufgibt und nicht anderes ist als der Versuch jedes einzelnen ,Christen’ sich dem Leid des anderen zu öffnen, das Leid des anderen nicht zu übersehen, sondern seinen Blick im Gegenteil ganz auf das Leid, das allgegenwärtige Leid des anderen Menschen zu richten. Diese Religiosität kommt mit keiner Kultur, keiner Religion in Konflikt, sie ist etwas rein Privates, aber gerade in diesem rein Privaten eine ungeheuer tief reichende gesellschaftliche Macht, die sich nicht von oben, sondern im Gegenteil von unten her, in tätiger Solidarität mit dem Schwachen, dem Leidenden, versteht.

Das Christentum verdankt seine Stelle als Weltreligion vor allem der Leistung eines Mannes, des Apostels Paulus, der aus der wohl in jeder Hinsicht beschränktesten Religionsgemeinschaft, die man sich vorstellen kann, eine Religion für alle Menschen gemacht hat. Geglückt ist das durch seinen Blick für das Wesentliche einer speziellen Erfahrung Gottes. Der Blick auf das Wesentliche öffnet zugleich den Blick auf die je aktuellen Bedürfnisse der Welt. Immer wenn ich die Briefe des Apostels Paulus lese, kann ich nur diese einmalige Verbindung von Weltklugheit, pragmatischem Realismus und Spiritualität bewundern.

Paulus hat den Kern der christlichen Religiosität zu einer Antwort auf die Probleme der Menschen seiner Zeit und seines Lebensraums gemacht. Ob das Christentum in unserer heutigen Welt überlebt, hängt davon ab, ob es zu jenem Geist der Besinnung auf das Wesentliche zurückkehren kann, der zugleich Pragmatik und Realitätssinn bedeutet. Nur ein solcher wäre zu einer Reformation an Haupt und Gliedern fähig. Einen Mann wie den Apostel Paulus hat das Christentum in seiner langen Geschichte nicht mehr gesehen.

Die Reformation war im Vergleich zu seinem Reformwerk eine Fußnote. Eine wirkliche Reformation müsste weit über Paulus selbst hinaus und hinter ihn zurückgehen, aber ich möchte doch mit einem berühmten Wort dieses Mannes schließen, das mir den Geist, in dem das Christentum heute gesellschaftlich wirksam sein könnte, in unvergleichlicher Prägnanz auszudrücken scheint:

,Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen (Galater 6:2).’   


Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.

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Prof. Dr. Hans-Christian Günther
Geb. am 28.4.1957 in Müllheim / Baden Professor für klassische Philologie an der Albert-Ludwigs-Universität. Zahlreiche Publikationen und Gastprofessoren. Lange Aufenthalte in der VR China. Im Bereich der Altertumswissenschaft besonderer Schwerpunkt auf der politischen Dichtung der Augusteer und allgemein der Reflexion antiker Autoren auf ihre gesellschaftliche Stellung

Reisen
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