Finanzen
Bargeld, Karte, E-Wallet? Die Zahlungsmittel der Deutschen

Die Deutschen gelten in mancherlei Hinsicht als konservative Nation. Dies gilt nicht zuletzt bei den Zahlungs-Gewohnheiten. Vor 10 Jahren hatte sich in den meisten Industriestaaten die Kreditkarte durchgesetzt. An deutschen Supermarktkassen galt währenddessen weiterhin die Devise Bargeld lacht. Wie verhält es sich im heutzutage bei online getätigten Käufen? Gilt Deutschland noch immer als Entwicklungsland im Anwenden moderner Zahlungsmittel? Deutsche halten am Kauf auf Rechnung fest Der Kauf auf Rechnung ist bei den Deutschen noch immer beliebt. Die Seite musikmedia.de berichtet von einer für das Jahr 2018 durchgeführten Studie. Dernach entfielen knapp 28 % aller Online-Käufe auf das Rechnungsverfahren. Von Platz 2 verdrängt wurde die Bezahlung per Lastschrift. Mit 20,6 % aller Käufe ist nun die E-Wallet Paypal am zweitbeliebtesten. Paypal rückt vor auf Platz 2 Paypal ist ein Online-Zahlungsanbieter, der lange Zeit ausschließlich mit eBay in Verbindung gebracht wurde. Erst im Jahr 2015 spaltete sich Paypal vom Internet-Auktionshaus eBay ab, um eigenständig zu werden. Während bei eBay selbst die Zahlungen weiterhin vom einstigen Tochterunternehmen dominiert werden, setzen sich in anderen Branchen inzwischen andere Online-Wallets durch. Bezahldienste wie Paysafecard, Neteller und Skrill erfreuen sich immer stärkerer Beliebtheit. Im Einzelhandel wächst dieses Segment nur langsam an. Doch gerade bei international operierenden Shops sind sie mittlerweile weit verbreitet. Eine Branche, die E-Wallets wie selbstverständlich nutzt, ist das Online-Glücksspiel. Schaut man sich zum Beispiel die Online Casinos auf bonus.com.de an, wo die besten Boni gelistet werden, sticht die Beliebtheit der Online-Bezahldienste ins Auge. Darunter befinden sich auch neue E-Wallets wie Zimpler. Der Zahlungsdienstleister Zimpler kommt aus Schweden. Das skandinavische Land ist ein gutes Beispiel für die Anwendung des technischen Fortschritts im Alltag. So ist Bargeld in Schweden kaum noch vorhanden. Wer als Urlauber eine Woche in Stockholm verbringt, ist inzwischen auf bargeldloses Bezahlen angewiesen. In Schweden wird geswisht Die Schweden selbst tätigen ihre Käufe bevorzugt mit einer mobilen App. Direkt mit dem Handy zu bezahlen – das ist in Deutschland noch immer die absolute Ausnahme. Die App Swish wurde in der Zusammenarbeit mehrerer schwedischer Großbanken entwickelt und von der Bevölkerung bereitwillig angenommen. Die Bezahlung per Swish ist sogar in den schwedischen Sprachgebrauch eingegangen. Das Verb swisha bezeichnet das Bezahlen per Handy-App, wie die Seite management-circle.de berichtet. Wie die Zahlung der Zukunft in Deutschland aussieht, ist schwer vorauszusagen. Die Nachteile des Zahlens auf Rechnung liegen auf der Hand. Man muss stets den Überblick behalten, was noch zu begleichen ist. Es kann schon passieren, dass man einen offenen Posten vergisst. Das kann zu Verzögerungen im Versand führen und im schlimmsten Fall zu Mahnungen der Verkäufer. Die Angst vor Betrügern  Was vielen Kunden hingegen wichtig ist: die Kontrolle über Buchungsvorgänge zu behalten. Wenn man jede Bezahlung eigenhändig ausführt, geraten nur wenige persönliche Informationen in den Umlauf. Man hat das Gefühl, weniger anfällig für die Fallen von potenziellen Betrügern zu sein, die sich zum Beispiel Kreditkarten-Informationen besorgen. Auch bezüglich der Login-Informationen von Online-Bezahldiensten bleibt bei manchem Käufer eine gewisse Skepsis. Dass Einkaufen im Supermarkt irgendwann ganz ohne Schlangestehen an der Kasse funktionieren kann, zeigt ein Pilotprojekt von Amazon. Wie auf tagesspiegel.de berichtet wird, kann man sich in den USA in sogenannten Amazon Go-Läden einfach die Waren greifen, die man kaufen möchte. Anschließend geht man ohne Bezahlung hinaus. Der käufliche Erwerb wird nämlich automatisch über eine App abgewickelt. Ob das auch im konservativen Deutschland die Zukunft ist, wird sich zeigen.

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– Zahlungslösungen –

Moskau: Putin möchte mit Türkei eigenes Kreditkarten-Bezahlsystem aufbauen

Der russische Staatspräsident Wladimir Putin hat seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan bei dessen Moskaubesuch den Vorschlag unterbreitet, die Infrastruktur des russischen Zahlungssystems „Mir“ aufzubauen.

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Kommunalwahlen in der Türkei
Türkei: Erdogan gratuliert Wahlsieger Ekrem Imamoglu

Ankara – Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan begrüßte am Sonntag die hohe Beteiligung an den Kommunalwahlen in Istanbul und gratulierte dem gewählten Bürgermeister. „Ich gratuliere Ekrem İmamoğlu, der die Wahl nach den inoffiziellen Ergebnissen gewonnen hat“, sagte Erdogan in einem Tweet.   Der Kandidat der oppositionellen CHP-Partei, Imamoglu, hat am Sonntag die Wiederholung der Bürgermeisterwahl in Istanbul gewonnen. Er erhielt laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu rund 54 Prozent der Stimmen. Der ehemalige Ministerpräsident Binali Yildirim von der AKP kam demnach auf rund 45 Prozent. Imamoglu bezeichnete seinen Sieg als „neuen Beginn“ für die Türkei: „Nicht eine einzelne Partei, sondern ganz Istanbul und die Türkei haben diese Wahl gewonnen.“ Die Istanbuler hätten „den Ruf der Demokratie verteidigt“. Er kündigte an, Erdogan bald zu besuchen, mit dem er „in Harmonie“ zusammenarbeiten wolle, berichtet die tagesschau.

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– Ausland – Kurden-Präsident Barzani lobt gute Beziehungen mit der Türkei

Eine neue Phase der Beziehungen zwischen der Türkei und dem Irak wird beginnen, sagte Nechirvan Barzani, neu gewählter Präsident der kurdischen Regionalregierung (KRG) des Irak am Samstag.

Kurden-Präsident Barzani lobt gute Beziehungen mit der Türkei
         

"Queen of Metal" 
Doro Pesch: Harte Kerle haben oft ein sanftes Herz

Sängerin behauptet sich seit mehr als 30 Jahren in der Männerdomäne Heavy Metal – „Hat mir nie etwas ausgemacht“ Osnabrück – Seit mehr als 30 Jahren behauptet sich Sängerin Doro Pesch in der männerdominierten Heavy-Metal-Welt – doch ausgemacht habe ihr dieser Umstand nie etwas. Das verriet die „Queen of Metal“ in einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Der Grund dafür liege in ihrer Kindheit, vermutet die 55-Jährige: „Mein Vater war Transportunternehmer, da bin ich als Baby schon mitgefahren“, erzählt sie. „Ich fand das toll“, erinnert sich die gebürtige Düsseldorferin. „Wenn wir in einem Hafen abgeladen haben, das war die große, weite Welt für mich. Und da waren diesen ganzen echte Kerle, die da gearbeitet haben und die alle meine Freunde waren.“ Außerdem trüge der harte Schein oft, so die Sängerin: „Man sagt ja immer, Rock und Metal wäre eine Männerwelt. Ich habe das nie so empfunden. Und ehrlich gesagt: Diese harten Kerle, diese Raubeine haben ja ganz oft ein ganz sanftes, empfindsames Herz und eine tiefe Seele. Ich glaube, das habe ich damals schon erkannt.“ Ihr verstobener Vater, dem Pesch „sehr nahe stand“, habe ihr auch die Liebe zur Musik vererbt – und die Leidenschaft fürs Reisen: „Mein Vater hat die Musik geliebt. Er konnte super singen und auch Klavier spielen, er war ein Naturtalent. Ich glaube aber auch, mein Vater ist der Grund, weshalb ich es so liebe, unterwegs zu sein. Ich habe das einfach im Blut. Auch wenn man immer zu wenig Schlaf bekommt, aber das macht mir nichts aus“, sagte die Sängerin, die seit 29 Jahren in den USA lebt. Pesch, die 2018 nicht nur ihr jüngstes Album „Forever Warriors/Forever United“ herausgebracht hat, sondern auch in die „Hall of Heavy Metal History“ aufgenommen wurde – und damit quasi den „Oscar“ der Metal-Szene bekam – ist mit ihrer Band unermüdlich auf Tour. Gerade hat sie eine Amerika-Tour beendet, bis Ende des Jahres folgen noch rund 30 Auftritte bei Festivals und als Solo-Künstlerin. Fit hält sich die 55-Jährige für ihren anstrengenden Job mit Kampfsport, aber auch die Shows selbst würden helfen: „Singen ist eine Art Jungbrunnen, glaube ich. Dazu noch die viele Bewegung auf der Bühne, rumspringen, headbangen, das ist das beste Workout. Natürlich ist es auch stressig, aber es hält fit und gesund“, sagte sie. Ihr Antrieb seien die Fans, so Doro: „Ich liebe meine Fans über alles. Sie sind der Grund, warum ich das alles mache, sie sind das Allerwichtigste für mich. Sie sind wie meine engste Familie.“ Auf die Frage, ob sie nicht selbst eine Familie hätte gründen können, schüttelte sie den Kopf: „Ach, ich bin ja verheiratet: mit der Musik und mit meinen Fans. Die Fans kommen immer an erster Stelle, und die Musik verbindet uns. Damit bin ich sehr glücklich.“

Ausland
Kurden-Präsident Barzani lobt gute Beziehungen mit der Türkei

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Istanbul – Eine neue Phase der Beziehungen zwischen der Türkei und dem Irak wird beginnen, sagte Nechirvan Barzani, neu gewählter Präsident der kurdischen Regionalregierung (KRG) des Irak am Samstag. Der türkische Staatpräsident Recep Tayyip Erdogan empfing am Freitag Nechirvan Barzani, der zu seinem ersten Auslandsbesuch seit der Amtseinführung am 10. Juni in Istanbul eingetroffen ist. „Ich bin überzeugt, dass eine neue Phase in den Beziehungen zwischen der kurdischen Region des Irak, der Türkei und dem Irak beginnen wird. Ich hoffe, mein Besuch trägt zur Verbesserung der Beziehungen bei“, sagte Barzani der Nachrichtenagentur Anadolu. Ankara und Erbil hätten einen „historischen Bund der Freundschaft“. „Die Türkei hat unserem Volk in all den schwierigen Zeiten beigestanden“, betonte Barzani. Das derzeitige Handelsvolumen zwischen der Türkei und dem Irak betrage insgesamt rund 13 Milliarden US-Dollar. Barzani habe beim Treffen mit Erdogan eine Erhöhung des Handelsvolumens sowie die dazu notwendigen Schritte erörtert. Barzani betonte auch die Rolle der KRG im Ölgeschäft zwischen der Türkei und dem Irak und erklärte, dass sie bereit sei, die Kapazität der bestehenden Pipeline zu erhöhen, um in Zukunft mehr Öl zu exportieren.
Barzani sprach sich zudem gegen die Präsenz der PKK-Terrorgruppe in den irakischen Gebieten Sinjar, Makhmur und den Grenzgebieten aus. Er betonte, die KRG sei gegen die Nutzung ihrer Gebiete, um Nachbarländer, insbesondere die Türkei, anzugreifen. Der Hauptgrund für Militäroperationen in der Region sei dort die Präsenz der PKK.
„Die Tatsache, dass die PKK oder eine andere bewaffnete Organisation unseren Nachbarn Probleme bereitet, ist in der kurdischen Autonomieregion sicherlich nicht akzeptabel. Unsere Politik in dieser Angelegenheit war schon vorher klar und wird es auch weiterhin sein.“ „Als kurdische Autonomieregion ist es unsere Politik, gute Beziehungen zu unseren Nachbarn zu pflegen“, fügte er hinzu.
„Einige Gruppen berücksichtigen den Frieden und die Sicherheit unseres Volkes nicht und nutzen unsere Gebiete für Angriffe gegen andere. Wo um alles in der Welt würde jemand diese Art von Handlungen akzeptieren? Sie kommen hierher, trainieren und greifen andere an, und die KRG und ihre Mitarbeiter zahlen dafür“, zitierte das kurdische Nachrichtenportal „Rudaw“ den Premierminister im Januar.
In ihrer mehr als 30-jährigen Terrorkampagne gegen die Türkei ist die PKK – von der Türkei, den USA und der EU als terroristische Organisation aufgeführt – für den Tod von fast 40.000 Menschen verantwortlich, darunter viele Frauen und Kinder. Am 28. Mai wurde Barzani zum Präsidenten der autonomen kurdischen Region des Irak gewählt, in der er zuvor zwei Amtszeiten Premierminister war. (aa/rudaw/nex)

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– Irak – Premierminister Nechirvan Barzani: PKK soll kurdische Autonomieregion verlassen

Premierminister Nechirvan Barzani forderte am Sonntag die Terrororganisation PKK auf, die kurdische Autonomieregion Irak zu verlassen.

Premierminister Nechirvan Barzani: PKK soll kurdische Autonomieregion verlassen
 

Mordfall Lübcke
Erschossener Regierungspräsident Walter Lübcke war auch im Visier des NSU

Der am 2. Juni erschossene Walter Lübcke war auch im Visier des NSU. Die Terrorzelle habe den Kasseler Regierungspräsidenten in ihrer Liste mit 10.000 Namen von Personen und Objekte geführt, erfuhr der „Tagesspiegel“ am Freitag aus Sicherheitskreisen. Lübcke sei im hinteren „8000er Bereich“ der Liste aufgeführt, hieß es. Erstaunlich sei, dass er schon so frühzeitig auf der Feindliste stand, hieß es. Denn massiv beschimpft wurde Lübcke von Rechten erst ab 2015, vier Jahre nach dem Ende des NSU 2011. Der Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübcke war vor etwa zwei Wochen erschossen worden. Am Wochenende wurde der 45-jährige Stephan E. verhaftet. E. soll bis zuletzt Kontakt zu Neonazis gehabt haben. Noch ist unklar, ob der Mann alleine handelte oder Teil einer Gruppe oder eines Netzwerks war. Wie das ARD-Magazin „Monitor“ berichtete, soll E., soll im März 2019 an einem Neonazi-Treffen teilgenommen haben. Wie mercur.de berichtet, soll E. sich mit Mitgliedern der Neonazi-Organisation „Combat 18“ (deutsch: Kampftruppe Adolf Hitler) und der „Brigade 8“ getroffen haben. Wie hna.de berichtet, stand am Mittwochabend die Wohnung des bekannten Neonazis Mike S. in Kassel in Flammen. Mike S. und E., kennen sich aus der Neonazi-Szene.

Evangelischer Kirchentag
Bauernpräsident Rukwied: Landwirte leisten mehr für die Bewahrung der Schöpfung als die Grünen

Landwirte leisten nach Ansicht von Bauernpräsident Joachim Rukwied mehr für die Bewahrung der Schöpfung als die Grünen. Das sagte er der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ mit Blick auf sein Treffen mit Parteichef Robert Habeck am Samstag beim Evangelischen Kirchentag in Dortmund. Auf die Frage, wer am meisten für die Bewahrung der Schöpfung tue – die Grünen, die Bauern oder der liebe Gott, sagte Rukwied: „Ich versuche es mal pragamatisch, diese Frage nicht religiös zu beantworten: wir Bauern. Nicht die Grünen.“ Die Landwirte wirtschafteten seit Generationen nachhaltig und hätten sich in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt. „Allein 2018 haben wir auf 120.000 Hektar ökologische Blühstreifen angesät, fünf Meter breit. Das sind 230.000 Kilometer, also sechsmal um den Äquator.“ Er fügte aber hinzu: „Aber was wir praktisch machen, versuchen die Grünen auf politischem Weg zu machen. Das ist schon richtig.“ Ohne den einst verspotteten Vorschlag der Öko-Partei für einen „Veggie-Day“ zu nennen, sagte Rukwied: „In den christlichen Kirchen war es immer so, am Freitag auf Fleisch zu verzichten. Das ist durchaus sinnvoll. Ein gutes Stück Fleisch gehört für mich zur Lebenskultur. Ich muss aber nicht jeden Tag Fleisch essen.“ Ein Grünen-Kanzler wäre für ihn kein Drama. Als Bauernpräsident sei er politisch neutral, sagte er. „Ich habe in Baden-Württemberg Erfahrung mit einem Grünen-Ministerpräsidenten. Wir besprechen unsere Anliegen mit den gewählten Politikern.“ Und was Habeck angehe, habe er sich mit ihm schon ausgetauscht, als er noch Agrarminister in Schleswig-Holstein war.

Rechtsradikalismus
Mordfall Walter Lübcke: Chronischer Rechtsruck und was dagegen hilft

Von Yasin Baş Der vermutlich rechtsextrem motivierte Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ist nach dem NSU-Gau ein weiterer Lackmustest für die Exekutive, Legislative und Judikative. Aber auch Medien und Gesellschaft sind gefordert. Der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke sorgt derzeit für rege Diskussionen. Heinrich Wefing schreibt in der Zeit: „Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, so scheint es, ist ein Repräsentant des Staates einem politischen Mord zum Opfer gefallen“. Exekutive Verantwortung „Man würde es sich freilich viel zu leicht machen, wollte man nur darauf schauen, wie Tun und Unterlassen der Sicherheitsbehörden sich auf Rechtsextremisten auswirken. Das Klima, in dem Hass und die Bereitschaft zur Militanz gedeihen, hängt nicht nur davon ab, wie Polizei und Geheimdienste agieren. Es wird auch davon geprägt, wie Politik und Gesellschaft diskutieren; ob sie heftig, aber fair für ihre Standpunkte streiten, oder ob sie in Schmähung, ja, Hetze  abgleiten.” Diese Zeilen stammen von Ferdos Forudastan von der Süddeutschen Zeitung. Die Journalistin mit iranischen Wurzeln, die auch Sprecherin von Ex-Bundespräsident Joachim Gauck war, nimmt neben den ausführenden Sicherheitsbehörden auch die gesetzgebenden Politikerinnen und Politiker in die Pflicht. Legislative Verantwortung Denn gerade sie, die als Vorbilder agierenden Personen der politischen Zunft trügen durch ihre Wortwahl in hitzigen Diskursen eine hohe Verantwortung für die Stimmung im Lande. Das politische System braucht sich nicht wundern, wenn Politiker, die insbesondere bei Themen wie Asyl, Migration oder Muslime eine überspitzte Sprache gebrauchen und wenn Teile der Gesellschaft an diese Sprachform anknüpfen, diese weiterführen und möglicherweise zuspitzen, verschlimmern und pervertieren. Forudastan weist auch deshalb darauf hin, dass es User in den digitalen Netzwerken gäbe, die sich durch eine bestimmte Sprache erst recht befeuert fühlten: „Wenn der Politiker X sich in seiner Wortwahl vergreift, dann kann ich es doch auch. Und gar nicht von denen zu reden, denen es sowieso an Anstand, Sitte oder demokratischer Gesinnung mangelt. Sie alle fluten sodann das Netz”, schreibt sie. Die Journalistin benennt zwei wichtige Säulen unserer Staatsgewalt. Die Exekutive (Behörden) und die Legislative (Politik). Aber hat die Judikative (Rechtsprechung/Gerichte) nicht eine ebenso wichtige Verantwortung bei der Bekämpfung des Extremismus und Terrorismus? Judikative Verantwortung Wie wird es in der Bevölkerung aufgenommen, wenn Gerichte entscheiden, dass beispielsweise Akten im Fall der rechtsterroristischen NSU für 120 Jahre unter Verschluss gehalten werden sollen? Wie wird sichergestellt, dass nicht auch Gerichte von extrem nationalistischem oder linksextremistischem Gedankengut unterwandert werden? Falls es mögliche Verschleierungen, Verschleppungen und Vertuschungen gibt – egal in welchem Land – könnte man dort noch von unabhängiger Gerichtsbarkeit sprechen? Es gibt Staaten, in denen Staatsanwälte damit beauftragt werden, bestimmte Fälle zuzudecken, damit es zu keinem Staatsdesaster oder Skandal kommt. In diesen Staaten ist der sogenannte „Tiefe Staat” sehr aktiv. Im Zuge des NSU-Skandals haben überaus renommierte Journalisten deutscher Zeitungen von so einem Staat auch bei uns gesprochen und gewarnt. Verantwortung der Medien und der Zivilgesellschaft In demokratisch verfassten Staaten gelten Medien oft als „Vierte Macht” (Publikative Gewalt). Für manche Zeitgenossen gilt die Zivilgesellschaft, für andere dagegen die Lobbyisten als „Fünfte Macht”. Es bleibt unbestreitbar, dass Medien und Zivilgesellschaft, die einen mit ihrer Berichterstattung, die anderen mit ihrem Engagement in der Gesellschaft wichtige Akteure sind, dem Extremismus entgegenzuwirken. Manche Journalisten können mit ihrer Sprache ebenso dazu beitragen, dass sich die Situation aufheizt. Natürlich gehört Kritik zum Handwerk eines Journalisten. Aber wenn diese Kritik – wie bei einigen Medien – zu einer Feindschaft gegenüber bestimmten Gruppen ausartet oder zum Redaktionsalltag gehört, ist es oft schon zu spät. Neben den klassischen Medien geraten die sogenannten „sozialen“ Medien in den Fokus. Hetz- und Diffamierungskampagnen, Hasskommentare oder sogar die Live-Übertragung der Tat im Netz bereiten große Sorgen und schreien geradezu nach Regulierung. Wehrhaft bleiben für den liberalen Rechtsstaat „Die Mordserie NSU und deren gerichtliche Aufarbeitung haben gezeigt, dass Deutschland ein Problem mit rassistisch motivierter Gewalt hat“, schreibt die Politikjournalistin vom Redaktionsnetzwerk Deutschland, Marina Kormbaki, im Kölner Stadt-Anzeiger. Dies ist keine neue Erkenntnis. Unser Land befindet sich nicht erst jetzt oder erst seit ein paar Jahren in diesem Konflikt. Das Dilemma ist kein akutes, sondern ein chronisches. Manche Beobachter sprechen sogar von einer historischen Problematik. Der liberale Rechtsstaat muss wehrhaft sein und wehrhaft bleiben. Das bedeutet aber auch, eine Methode zu finden – falls erforderlich – gegen sich selbst wehren zu können. Es könnte als eine Art Immuntherapie gegen Extremismen im eigenen System verstanden werden. Und darin sind in der Verantwortung die Exekutive, die Legislative, die Judikative, die Medien und die Zivilgesellschaft. Dies bedarf einer Bewusstwerdung für die eigene Problemlage, daran anschließend einer Reflexion, Selbstkritik und Entwicklung von Mechanismen der Selbstreinigung. Dies gilt erstmal für den eigenen Verantwortungsbereich der staatlichen Gewalten (Säulen), jedoch auch in der Interaktion mit den anderen Verantwortungsbereichen. Das ist nicht leicht und erfordert Zeit.

Yasin Baş ist Politologe, Historiker, Autor und freier Journalist. Zuletzt erschienen seine Bücher: „Islam in Deutschland – Deutscher Islam?” sowie „nach-richten: Muslime in den Medien”.

Filme
Das sind die erfolgreichsten türkischen Kinofilme in Deutschland

Seit einigen Jahren sorgen türkische Kinofilme bei der Endabrechnung an den Kinokassen für großes Erstaunen. Fast alle Filme haben zwar in Deutschland eine relativ kurze Laufzeit, doch das Einspielergebnis pro Filmkopie ist gewaltig. Unter dem Strich sind türkische Filme in Deutschland so erfolgreich wie noch nie. Die folgenden Werke haben das Publikum auch in Deutschland in Scharen ins Kino gelockt.
Triple-Sieg für „Recep Ivedik“
Die Hauptfigur Recep Ivedik der gleichnamigen Filmserie ist auf den ersten Blick nicht gerade ein Sympathieträger. Und doch brechen die mittlerweile fünf Filme nicht nur in der Türkei alle Zuschauerrekorde. Auch in Deutschland blockiert der übergewichtige und behaarte Recep Ivedik die drei vordersten Plätze der erfolgreichsten türkischen Filme. Die Teile fünf, vier und zwei haben die gesamte Konkurrenz hinter sich gelassen. Um der Witwe eines Freundes zu helfen, beschließt Recep Ivedik in Teil fünf des türkischen Superhits, den letzten Auftrag seines verstorbenen Freundes zu übernehmen. Als Busfahrer bringt er das junge türkische Nationalteam zu einem Sportwettbewerb ins Ausland. Kein Wunder, dass dabei alles schiefgeht, was nur schiefgehen kann. Die Komödie bietet auch diesmal jede Menge Gags und absurde Situationen, die der Held auf seine eigene Weise meistert. In Deutschland fand der fünfte und bisher erfolgreichste Teil der Kinoserie über 550.000 Zuseher und ist damit bis heute der größte türkische Filmhit.
Istanbul ist eine gefragte Location für Actionfilme
Die Türkei produziert aber nicht nur immer wieder erfolgreiche Kinofilme, denn das Land, und hier insbesondere die Kulturhauptstadt Istanbul, ist eine beliebte Film-Location. Zahlreiche sehr bekannte Actionfilme spielen zumindest teilweise in Istanbul. Der berühmteste Geheimagent der Welt war schon mehrmals in der türkischen Hauptstadt zu Gast. Ian Flemming erschuf mit James Bond den Prototypen des britischen Geheimagenten, der bereits seit dem Jahr 1962 die Kinoleinwände beherrscht. Bond steht mit seinen  Filmen, wie beispielsweise „Diamantenfieber“ für spannende Casinoszenen, hübsche Girls, harte Action und schnelle Autos. In der Türkei war James Bond bereits drei Mal in geheimer Mission unterwegs. „Liebesgrüße aus Moskau“, aus dem Jahr 1963, führt Sean Connery durch den versunkenen Palast, die Cisterna Basilica. „Die Welt ist nicht genug“ mit Pierce Brosnan und „Skyfall“ mit Daniel Craig wurden ebenfalls zum Teil in der Stadt am Bosporus gedreht. Das wunderschöne Panorama und das malerische Flair genossen auch schon Liam Neeson im zweiten Teil von „Taken“, genauso wie Clive Owen in „The International“. Diese internationalen Film-Hits haben Istanbul weltweit noch bekannter gemacht und viele Touristen zum Besuch der türkischen Hauptstadt animiert.
„Tal der Wölfe – Irak“
Der lange Zeit erfolgreichste türkische Film in Deutschland ist ebenfalls Bestandteil einer ganzen Filmreihe. Der Actionfilm stammt aus dem Jahr 2006 und knüpft an den Inhalt der gleichnamigen TV-Serie an. Der Held des Films, Polat Alemdar, ist ein Geheimagent und wird von seinen Auftraggebern in den Irak entsandt. Der bis dahin teuerste türkische Kinofilm aller Zeiten entwickelte sich zum Super-Hit und brachte drei Fortsetzungen ins Kino. Mehr als 410.000 Fans kauften in Deutschland ein Ticket für „Tal der Wölfe – Irak“ und sicherten damit dem Film lange Zeit die Spitzenposition.
„Yol – Der Weg“
Der große Erfolg von „Yol – Der Weg“ ist erstaunlich, schließlich stammt das Werk bereits aus dem Jahr 1982. Er markiert den Beginn des kurdischen Films. Der Film wurde nicht nur vom Publikum geliebt, sondern auch von der Kritik in den Himmel gelobt. Er gewann bei den Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme und wurde in Deutschland zum besten Film des Jahres 1982 gewählt. Damit nicht genug heimste „Yol – Der Weg“ auch noch eine Nominierung als bester ausländischer Film für den Golden Globe ein. Das Werk verfügt über eine geradezu epische Wucht und erzählt die Geschichte von fünf türkischen Sträflingen auf Hafturlaub. Jeder der fünf muss damit fertigwerden, dass sich die Welt, so wie er sie kannte, dramatisch verändert hat. „Yol – Der Weg“ zog mehr als 360.000 Fans in die deutschen Kinos. Ein Platz in der Liste der erfolgreichsten türkischen Kinofilme ist ihm damit sicher. Der Erfolg dieser Werke aus der Türkei demonstriert eindrucksvoll, wie sehr die türkische Community hinter ihren Filmemachern steht und auf Nachschub hofft. Für 2019 ist bereits ein weiterer Film von Superstar Recep Ivedik angekündigt. Ein Deutsch-Türke jedoch übertraf sie bisher alle. Fatih Akins Film „Gegen die Wand“ gewann 2004 nicht nur den Goldenen Bären in Berlin, sondern verkaufte auch fast 800.000 Kinotickets in Deutschland.

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– Ausland – Dank Erfolgsserien: Südamerikaner geben ihren Kindern türkische Namen

Inspiriert von den sehr beliebten türkischen Seifenopern und TV-Serien wenden sich immer mehr Eltern in Chile von den traditionellen lateinamerikanischen Vornamen ab und geben ihren Kindern türkische Namen.

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Katar-Krise
Nach Saudi-Blockade: Katar deckt mittlerweile Milch- und Geflügelbedarf selbst

Doha – Die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten und Bahrain hatten im Juni 2017 den Handel sowie Reisen nach Katar verboten und die Grenzen geschlossen, um Importe zu stoppen, auf die das Land angewiesen war. Das Land stärkte daraufhin seine Milch- und Tierproduktion und sein Programm zur Nahrungssicherung.  Katar ist der weltweit führende Exporteur von Flüssiggas, aber ein Nettoimporteur von fast allen anderen Gütern. Das kleine, aber wohlhabende Land steht seit Juni 2017 unter einem Handels- und Reiseboykott durch Saudi-Arabien und seinen Verbündeten. Dadurch wurde Katar gezwungen, seine Wirtschaft, die einst stark von den Golfstaaten abhängig war, umzugestalten. „Was ist, wenn die Saudis und die Emiratis ihren Luftraum für uns schließen und wir daher keine Produkte mehr importieren können? Wir werden selber produzieren. Schau dir das an“, so Polizist Nasir Ali gegenüber der Deutsche Welle. „Sie beschuldigen uns, Terroristen zu unterstützen. Was ist mit Khashoggi?“ Wer hat Khashoggi getötet? Die Saudis töten ihre eigenen Leute. Wir lieben unseren Emir“, sagt Ali weiter. Kurz nach der Verhängung des Boykotts entwickelte Doha neue Handelsrouten, um seine ehemaligen Golfpartner zu ersetzen. Ende 2017 eröffnete sie einen 7,4 Milliarden Dollar teuren Hafen, der zu einem regionalen Verkehrsknotenpunkt werden soll. Zwei Jahre nachdem der katarische Milchproduzent Baladna Tausende von Milchkühen unter anderem aus Deutschland importierte, um das Handelsembargo zu umgehen, hat das Unternehmen nun seine ersten Exporte getätigt. Baladna erhielt seine ersten Kühe einen Monat nach dem Boykott und richtete eine riesige Milchfarm ein. Das Unternehmen decke nun bereits mehr als die Hälfte des Milchbedarfs von Katar und exportiere nun sogar nach Afghanistan, Jemen und Oman und bald auch nach Libyen. „Katar nach dem 5. Juni 2017 ist nicht wie Katar davor“, sagte Baladna-Kommunikationsdirektor Saba al-Fadala und bezog sich auf den Beginn des Boykotts. „Wir wollen und brauchen niemanden mehr.“ Im April 2019 brachte Baladna zudem eine Linie von Fruchtsäften auf den Markt. Die schnelle Expansion von Baladna zeige, dass das Embargo die Wirtschaft Katars gestärkt habe, so Katars Regierungsvertreter gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Das Ziel sei, lokale Produzenten zu fördern. Die Gemüseproduktion steigt seit Mitte 2017 um rund 20 Prozent auf rund 66.000 Tonnen pro Jahr und wird voraussichtlich im nächsten Jahr um 20.000 bis 40.000 Tonnen steigen, wenn neue Betriebe ans Netz gehen, sagte Sheikh Faleh Bin Naser Al Thani, ein Agrarbeamter im Ministerium für Gemeinde und Umwelt, der Reuters. Vor der Blockade habe Katar noch 80 Prozent seines Milch- und 90 Prozent seines Geflügelbedarfs importieren müssen. Heute decke das Land seinen Bedarf selbst. In den Supermärkten Katars sind nun Marken wie Mazzraty, das im Januar die größte Geflügelfabrik des Landes eröffnete, neben „Qatar Farms“, das einheimisches Obst und Gemüse produziert, zu finden. „Wir machen das großartig. Uns hätte nichts Besseres passieren können. Ich bin kein Händler mehr. Ich bin die Agentur für unsere Importe“, so Ibrahim al-Emadi, Mitglied der zweitreichsten Familie Katars und Cousin des Finanzministers des Landes, gegenüber der Deutsche Welle. (DW, Reuters, AA)

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– Katar-Krise – Emir von Katar dankt Präsident Erdogan für Unterstützung

Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, das Staatsoberhaupt des Emirats Katar, dankte dem türkischen Staatspräsidenten via Twitter für die Unterstützung der Türkei in der schwersten diplomatischen Krise in der Region.

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"Unfähigkeit Ägyptens"
Mursis Tod: Britischer Parlamentarier fordert unabhängige Untersuchung

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London – Ein britischer Parlamentarier hat eine internationale und unabhängige Untersuchung zum Tod des ehemaligen ägyptischen Präsidenten Mohamed Mursi gefordert. Der konservative Abgeordnete Crispin Blunt, der 2018 eine unabhängige britische Kommission für Mohamed Mursi leitete, sagte, dass Mursi „kein gewöhnlicher Gefangener“ gewesen sei und sein Tod repräsentativ für die „Unfähigkeit der ägyptischen Regierung, die Rechte der Gefangenen zu wahren“ sei. Der hochrangige Parlamentarier machte deutlich, dass die Regierung von Abdel Fatah el-Sisi die Pflicht habe, den Tod des ehemaligen Präsidenten zu erklären und für die Haftbedingungen Mursis verantwortlich gemacht werden sollte. Blunt forderte auch eine Untersuchung der Todesursache von Mursi. „Er [Mohamed Mursi] wurde 2012 zum Präsidenten Ägyptens gewählt. Er ist gestorben, während er sich in Gewahrsam des ägyptischen Staates befand, dem gleichen Staatsapparat, der im Juni 2013 gewaltsam vom ägyptischen Militär übernommen wurde.“ „Der Tod von Dr. Mursi in Haft ist repräsentativ für die Unfähigkeit Ägyptens, Gefangene sowohl nach ägyptischem, als auch nach internationalem Recht zu behandeln“, fügte er hinzu. Die Kommission hatte bereits im März 2018 kritisiert, dass der an Nierenschwäche und Diabetes leidende Mursi 23 Stunden am Tag in Isolationshaft sitze. „Die Verweigerung einer medizinischen Grundversorgung, auf die er Anspruch hat, könnte zu seinem vorzeitigen Tod führen“, hatte der Kommissionsvorsitzende Crispin Blunt damals gewarnt. Eine „unabhängige, gründliche und transparente Untersuchung“ forderte auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Human Rights Watch (HRW) verlangte eine Untersuchung durch den UN-Menschenrechtsrat zu den „schweren Menschenrechtsverletzungen in Ägypten“, darunter „weitverbreitete Misshandlungen in Gefängnissen und Mursis Tod“.
In der ägyptischen Presse wurde über Mursis Tod nur knapp berichtet. Dass er früher Staatspräsident war, blieb unerwähnt, schreibt die Nachrichtenagentur AFP. Am 3. Juli 2013 wurde Mursi nach nur einem Jahr im Amt durch einen Militärputsch gestürzt. Seither wurden mehrere Freiheitsstrafen und sogar Todesurteile gegen ihn verhängt, gestützt auf Anklagepunkte wie „Verschwörung gegen Ägypten“, „Spionage für Katar“, „Beleidigung des Gerichts“ und die Teilnahme an einem Gefängnisausbruch während eines Aufstandes im Jahre 2011. Mursi und seine Verteidiger sprachen – im Einklang mit zahlreichen Beobachtern – von politisch motivierten Anklagen und Schauprozessen. Seit dem Militärputsch vor fast sechs Jahren, werden Mitglieder der Muslimbruderschaft mit aller Härte verfolgt, Hunderte von ihnen wurden getötet, Zehntausende inhaftiert. So heißt es in dem unter dem Titel „Egypt: ‘Officially, you do not exist’ – Disappeared and Tortured in the Name of Counter-Terrorism“ erschienenen Bericht der Amnesty International (AI), dass nicht nur politische Aktivisten von derartigen repressiven Praktiken betroffen seien, sondern sogar Kinder unter 14 Jahren. „Gewaltsame Verschleppung ist zu einem Hauptinstrument der ägyptischen Staatspolitik geworden“, erklärte Philip Luther, der AI-Regionaldirektor für den Nahen Osten und Nordafrika. „Jeder, der es wagt, seine Meinung zu sagen, befindet sich in Gefahr, unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung entführt, vernommen und gefoltert zu werden, wenn er das Vorgehen der Regierung kritisiert“, so Luther weiter. Der Bericht dokumentiert Fälle von Personen, die verschleppt und mit Schlägen und Elektroschocks, auch an den Genitalien, gefoltert worden seien, um falsche Geständnisse zu erzwingen. „Der Bericht liefert eine vernichtende Kritik an der ägyptischen Staatsanwaltschaft, die bei diesen Gewalttaten Komplizin ist und auf grausame Weise Verrat an ihrer gesetzlichen Verpflichtung begangen hat, das Volk vor Verschleppung, willkürlichen Festnahmen, Folter und anderen Misshandlungen der Häftlinge zu schützen“, so Luther weiter.