Migration
Immer mehr Juden wandern in Deutschland ein

Immer mehr Juden aus Israel und den USA beantragen die deutsche Staatsbürgerschaft – aus Angst, Pragmatismus und einem neuen Verhältnis zu Deutschland.

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Berlin – Was lange undenkbar schien, wird zur messbaren Realität: Immer mehr Juden aus Israel und den USA beantragen die deutsche Staatsbürgerschaft. Laut dem deutschen Innenministerium wurden 2021 insgesamt 2.485 israelische Staatsbürger in Deutschland eingebürgert. Bis 2024 stieg diese Zahl auf 4.275.

Allein in Berlin erhielten im Jahr 2024 rund 202 Israelis einen deutschen Pass – etwa dreimal so viele wie noch wenige Jahre zuvor, berichtete die Bild-Zeitung.

Gesetz ermöglicht Rückholung der Staatsbürgerschaft

Hinter den Zahlen stecken zwei rechtliche Grundlagen. Artikel 116 Absatz 2 des Grundgesetzes ermöglicht es Menschen, denen die deutsche Staatsbürgerschaft zwischen 1933 und 1945 entzogen wurde, diese zurückzuerhalten – ein Recht, das auch auf ihre Nachkommen ausgedehnt ist.

Seit 2021 gilt zudem Paragraph 15 des Staatsangehörigkeitsgesetzes, der auch jenen offensteht, die die deutsche Staatsbürgerschaft nie besessen haben, weil sie als Opfer der NS-Verfolgung daran gehindert wurden, sie zu erwerben. Laut dem Bundesverwaltungsamt sind diese Ansprüche weder zeitlich befristet noch auf bestimmte Generationen beschränkt. Im Jahr 2024 wurden allein 2.185 Fälle nach Paragraph 15 bearbeitet.

Eliyahu Raful — vom Antragsteller zum Vermittler

Eliyahu Raful, 37 Jahre alt und in Bnei Brak geboren, zog im Oktober 2020 nach Berlin, beantragte die deutsche Staatsbürgerschaft und erhielt sie im August 2023. Heute leitet er Chafetz Chayim – auf Deutsch etwa „Einer, der das Leben begehrt“ – eine Organisation, die Nachkommen jüdischer NS-Opfer durch den Antragsprozess begleitet.

Gegenüber Euronews berichtete Raful von seiner eigenen Erfahrung: Als er seinen Antrag in Berlin einreichte, habe man ihn mit der Bemerkung abgewiesen, wie er die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten wolle, wenn er kein Deutsch spreche.

Dabei sind Sprachnachweise für Nachkommen von NS-Verfolgten gesetzlich nicht vorgeschrieben. Erst nach einem Wechsel nach Dresden kam das Verfahren voran. Die Nachfrage nach seiner Unterstützung sei in den vergangenen Jahren stetig gestiegen, sagte Raful.

Nach dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 habe sich sein Klientel grundlegend verändert. Früher seien es vor allem säkulare, international mobile Israelis gewesen, die sich an ihn wandten. Seitdem meldeten sich Menschen aus Kreisen, die er nie erwartet hätte. 

„Ich habe Klienten aus Mea Shearim“, sagte er mit Verweis auf das ultraorthodoxe Viertel in Jerusalem. „In Zeiten der Unsicherheit werden Menschen weniger ideologisch und pragmatischer.“

Auch aus den USA wächst der Zustrom

Der Trend beschränkt sich nicht auf Israel. Beim deutschen Generalkonsulat in New York stieg die Zahl der Einbürgerungsanträge von 734 im Jahr 2022 auf 1.771 im Jahr 2025, wie Tagesschau berichtete.

Seit Sommer 2024 müssen US-Bürger bei einer Einbürgerung in Deutschland keine Genehmigung mehr einholen, um ihre amerikanische Staatsangehörigkeit zu behalten – eine Änderung, die die Hürden spürbar gesenkt hat.

Die Beweggründe amerikanischer Antragsteller unterscheiden sich laut Raful von denen israelischer Bewerber. Weniger die unmittelbare Kriegsgefahr treibe sie an, als ein wachsendes Unbehagen gegenüber der politischen Entwicklung in den USA.

„Menschen suchen nicht nur etwas mit Symbolwert“, sagte Raful. „Sie suchen Stabilität, Sicherheit und Rechtssicherheit.“

DW berichtete über Ruth Gruenthal, 1922 in Hamburg geboren. Die heute 103-Jährige überlebte NS-Verfolgung, baute ihr Leben als Psychotherapeutin in den USA auf — und hat nun gemeinsam mit vielen ihrer Nachkommen die deutsche Staatsbürgerschaft zurückerhalten.

Vertrauen statt Vergebung

Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, bezeichnete die steigende Zahl der Einbürgerungen gegenüber Euronews als wichtiges Signal.

„Ich halte es für ein enormes Vertrauensvotum, dass Juden aus Israel und den USA sich ein Leben und eine Zukunft in Deutschland, dem früheren Täterland, vorstellen können“, sagte er.

Raful selbst wählt seine Worte mit Bedacht: „Ich würde die symbolische Bedeutung nicht in Begriffen von Vergebung beschreiben.“ Es gehe eher um Vertrauen – darum, dass das heutige Deutschland aus seiner Geschichte gelernt habe und dass sein Rechts- und demokratisches System Sicherheit und Zukunft bieten könne.

Klein mahnte jedoch, dieses Vertrauen nicht als selbstverständlich zu betrachten. Es müsse täglich neu verdient werden – durch konsequenten Schutz jüdischer Einrichtungen, die entschlossene Verfolgung antisemitischer Straftaten und eine Gesellschaft, die Antisemitismus nicht relativiere, gleich ob er von rechts, links, aus islamistischen Kreisen oder unter dem Deckmantel vermeintlicher Israelkritik komme.

Bürokratie als Hindernis

Das größte praktische Hindernis ist laut Raful nicht die Beschaffung historischer Dokumente – viele Nachweise lassen sich über Archive wie die Arolsen Archives beschaffen. Das eigentliche Problem sei die mangelnde Transparenz des Verfahrens selbst. „Ich habe Fälle, die ich vor fast drei Jahren eingereicht habe, und ich habe noch nichts darüber gehört. Gleichzeitig erhalte ich Anfragen zu Fällen, die ich erst vor einem Jahr eingereicht habe.“

Laut Innenministerium waren am 1. April 2026 noch 17.689 Anträge nach Artikel 116 Absatz 2 beim Bundesverwaltungsamt anhängig. Als Ursache wird der starke Anstieg der Antragszahlen genannt. Raful formuliert es so:

„Wenn Deutschland die Wiederherstellung der Staatsbürgerschaft als Teil seiner historischen Verantwortung begreift, sollte der Prozess diese Verantwortung auch widerspiegeln – durch mehr Klarheit, Tempo und Zugänglichkeit.“

Am 8. Mai, dem Jahrestag der deutschen Kapitulation, stehen hinter den steigenden Einbürgerungszahlen mehr als eine Statistik. Es sind Menschen, deren Familien einst aus Deutschland fliehen mussten und die heute in diesem Land rechtliche Sicherheit, Stabilität und mitunter eine neue Zukunft suchen.

 


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