Rechtsradikalismus
Mordfall Walter Lübcke: Chronischer Rechtsruck und was dagegen hilft

Der vermutlich rechtsextrem motivierte Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ist nach dem NSU-Gau ein weiterer Lackmustest für die Exekutive, Legislative und Judikative. Aber auch Medien und Gesellschaft sind gefordert.

Teilen

Von Yasin Baş

Der vermutlich rechtsextrem motivierte Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ist nach dem NSU-Gau ein weiterer Lackmustest für die Exekutive, Legislative und Judikative. Aber auch Medien und Gesellschaft sind gefordert.
Der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke sorgt derzeit für rege Diskussionen. Heinrich Wefing schreibt in der Zeit: „Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, so scheint es, ist ein Repräsentant des Staates einem politischen Mord zum Opfer gefallen“.

Exekutive Verantwortung

„Man würde es sich freilich viel zu leicht machen, wollte man nur darauf schauen, wie Tun und Unterlassen der Sicherheitsbehörden sich auf Rechtsextremisten auswirken. Das Klima, in dem Hass und die Bereitschaft zur Militanz gedeihen, hängt nicht nur davon ab, wie Polizei und Geheimdienste agieren. Es wird auch davon geprägt, wie Politik und Gesellschaft diskutieren; ob sie heftig, aber fair für ihre Standpunkte streiten, oder ob sie in Schmähung, ja, Hetze  abgleiten.” Diese Zeilen stammen von Ferdos Forudastan von der Süddeutschen Zeitung. Die Journalistin mit iranischen Wurzeln, die auch Sprecherin von Ex-Bundespräsident Joachim Gauck war, nimmt neben den ausführenden Sicherheitsbehörden auch die gesetzgebenden Politikerinnen und Politiker in die Pflicht.

Legislative Verantwortung

Denn gerade sie, die als Vorbilder agierenden Personen der politischen Zunft trügen durch ihre Wortwahl in hitzigen Diskursen eine hohe Verantwortung für die Stimmung im Lande. Das politische System braucht sich nicht wundern, wenn Politiker, die insbesondere bei Themen wie Asyl, Migration oder Muslime eine überspitzte Sprache gebrauchen und wenn Teile der Gesellschaft an diese Sprachform anknüpfen, diese weiterführen und möglicherweise zuspitzen, verschlimmern und pervertieren.

Forudastan weist auch deshalb darauf hin, dass es User in den digitalen Netzwerken gäbe, die sich durch eine bestimmte Sprache erst recht befeuert fühlten: „Wenn der Politiker X sich in seiner Wortwahl vergreift, dann kann ich es doch auch. Und gar nicht von denen zu reden, denen es sowieso an Anstand, Sitte oder demokratischer Gesinnung mangelt. Sie alle fluten sodann das Netz”, schreibt sie. Die Journalistin benennt zwei wichtige Säulen unserer Staatsgewalt. Die Exekutive (Behörden) und die Legislative (Politik). Aber hat die Judikative (Rechtsprechung/Gerichte) nicht eine ebenso wichtige Verantwortung bei der Bekämpfung des Extremismus und Terrorismus?

Judikative Verantwortung

Wie wird es in der Bevölkerung aufgenommen, wenn Gerichte entscheiden, dass beispielsweise Akten im Fall der rechtsterroristischen NSU für 120 Jahre unter Verschluss gehalten werden sollen? Wie wird sichergestellt, dass nicht auch Gerichte von extrem nationalistischem oder linksextremistischem Gedankengut unterwandert werden? Falls es mögliche Verschleierungen, Verschleppungen und Vertuschungen gibt – egal in welchem Land – könnte man dort noch von unabhängiger Gerichtsbarkeit sprechen? Es gibt Staaten, in denen Staatsanwälte damit beauftragt werden, bestimmte Fälle zuzudecken, damit es zu keinem Staatsdesaster oder Skandal kommt. In diesen Staaten ist der sogenannte „Tiefe Staat” sehr aktiv. Im Zuge des NSU-Skandals haben überaus renommierte Journalisten deutscher Zeitungen von so einem Staat auch bei uns gesprochen und gewarnt.

Verantwortung der Medien und der Zivilgesellschaft

In demokratisch verfassten Staaten gelten Medien oft als „Vierte Macht” (Publikative Gewalt). Für manche Zeitgenossen gilt die Zivilgesellschaft, für andere dagegen die Lobbyisten als „Fünfte Macht”. Es bleibt unbestreitbar, dass Medien und Zivilgesellschaft, die einen mit ihrer Berichterstattung, die anderen mit ihrem Engagement in der Gesellschaft wichtige Akteure sind, dem Extremismus entgegenzuwirken. Manche Journalisten können mit ihrer Sprache ebenso dazu beitragen, dass sich die Situation aufheizt. Natürlich gehört Kritik zum Handwerk eines Journalisten.

Aber wenn diese Kritik – wie bei einigen Medien – zu einer Feindschaft gegenüber bestimmten Gruppen ausartet oder zum Redaktionsalltag gehört, ist es oft schon zu spät. Neben den klassischen Medien geraten die sogenannten „sozialen“ Medien in den Fokus. Hetz- und Diffamierungskampagnen, Hasskommentare oder sogar die Live-Übertragung der Tat im Netz bereiten große Sorgen und schreien geradezu nach Regulierung.

Wehrhaft bleiben für den liberalen Rechtsstaat

„Die Mordserie NSU und deren gerichtliche Aufarbeitung haben gezeigt, dass Deutschland ein Problem mit rassistisch motivierter Gewalt hat“, schreibt die Politikjournalistin vom Redaktionsnetzwerk Deutschland, Marina Kormbaki, im Kölner Stadt-Anzeiger. Dies ist keine neue Erkenntnis. Unser Land befindet sich nicht erst jetzt oder erst seit ein paar Jahren in diesem Konflikt. Das Dilemma ist kein akutes, sondern ein chronisches.

Manche Beobachter sprechen sogar von einer historischen Problematik. Der liberale Rechtsstaat muss wehrhaft sein und wehrhaft bleiben. Das bedeutet aber auch, eine Methode zu finden – falls erforderlich – gegen sich selbst wehren zu können. Es könnte als eine Art Immuntherapie gegen Extremismen im eigenen System verstanden werden. Und darin sind in der Verantwortung die Exekutive, die Legislative, die Judikative, die Medien und die Zivilgesellschaft.

Dies bedarf einer Bewusstwerdung für die eigene Problemlage, daran anschließend einer Reflexion, Selbstkritik und Entwicklung von Mechanismen der Selbstreinigung. Dies gilt erstmal für den eigenen Verantwortungsbereich der staatlichen Gewalten (Säulen), jedoch auch in der Interaktion mit den anderen Verantwortungsbereichen. Das ist nicht leicht und erfordert Zeit.


Yasin Baş ist Politologe, Historiker, Autor und freier Journalist. Zuletzt erschienen seine Bücher: „Islam in Deutschland – Deutscher Islam?” sowie „nach-richten: Muslime in den Medien”.

Auch interessant

Yücel: „Der türkische Rechtsstaat ist kein Wunschkonzert“

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel  Wer sich in Deutschland öffentlich zur Türkei äußert oder einen Kommentar abgibt, orientiert sich in Teilen der deutschen Öffentlichkeit an...

Arbeitszeitreform: Deutschland diskutiert den 13-Stunden-Tag

Berlin – Seit 1918 gilt in Deutschland der Acht-Stunden-Tag als eines der grundlegendsten Schutzrechte für Arbeitnehmer. Über 100 Jahre lang war er gesetzlich verankert...

Immobilienpreis-Ranking: Münchner Altstadt fast doppelt so teuer wie Berlin-Mitte

Ein aktuelles immowelt Ranking der Angebotspreise von Wohnimmobilien in den Stadtteilen der 15 größten deutschen Städte zeigt: Spitzenpreise im Münchner Zentrum: Altstadt-Lehel (12.689 Euro pro...

Regensburg fordert dauerhaften Gedenkort für Hanau-Opfer Fatih Saraçoğlu

Regensburg - Am Schwanenplatz in Regensburg ist in den vergangenen Wochen ein Ort entstanden, der für viele Menschen in dieser Stadt lange gefehlt hat:...

Antisemitismusbeauftragte: Schützen sie Juden oder Israel?

Ein Gastkommenta von Michael Thomas Die sogenannten „Antisemitismusbeauftragten“  Deutschlands. Dieses Amt wurde dereinst zum „Schutz jüdischen Lebens“ gegründet und soll der Weltöffentlichkeit die Aufrichtigkeit Deutschlands...

Headlines

Yücel: „Der türkische Rechtsstaat ist kein Wunschkonzert“

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel  Wer sich in Deutschland öffentlich zur Türkei äußert oder einen Kommentar abgibt, orientiert sich in...

Oppositionspolitiker Jair Lapid: Netanjahu ist gealtert und müde

Jerusalem – Jair Lapid, ehemaliger israelischer Premierminister und heutiger Oppositionsführer, hat scharfe Kritik an Premierminister Benjamin Netanyahu und dem...

Türkei: Oppositionspartei CHP steckt in der Krise

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel In der Türkei macht sich eine gewisse Ratlosigkeit breit, wenn es darum geht zu erklären,...

Mattner über Ben Gvir: Wie ein beleidigter Türsteher vor einer Dorfdisco

Ein Gastkommentar von Susanne Mattner Die „einzige Demokratie im Nahen Osten" hat wieder einen großen Auftritt hingelegt. Diesmal: Israels Polizeiminister...

Meinung

Frieden und Vielfalt in Osnabrück: Das Akyürek-Fest begeistert Tausende

Von Yasin Baş Die Stadt Osnabrück hat den verstorbenen Yılmaz Akyürek, einen der ersten türkischen Gastarbeiter in der Hasestadt, mit einem großen „Kultur- und Friedensfest“...

Yücel: „Der türkische Rechtsstaat ist kein Wunschkonzert“

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel  Wer sich in Deutschland öffentlich zur Türkei äußert oder einen Kommentar abgibt, orientiert sich in Teilen der deutschen Öffentlichkeit an...

Araştırma: Dini İnanç, Gençleri Kaygı Bozukluklarından Koruyan Temel Bir Faktör

Almanya - Bochum Ruhr Üniversitesi (RUB) tarafından yürütülen güncel bir araştırma, dini inancın çocukların ve gençlerin ruh sağlığı için kritik bir koruyucu faktör olduğunu...

The Economist: Erdoğan, Müslüman dünyasının en popüler politikacısı

Londra - Neredeyse iki milyar insandan oluşan devasa ve çeşitlilik arz eden bir topluluk olan küresel Müslüman topluluğu Umma/Ümmet içinde, birleştirici bir temsilci arayışı...

Araştırma: ChatGPT kullanımı beyin aktivitesini önemli ölçüde azaltıyor

Cambridge – MIT Media Lab tarafından yapılan bir araştırma, ChatGPT ve diğer AI asistanlarının kullanımının beyin aktivitesini büyük ölçüde azalttığına dair ilk kanıtları sunuyor. Araştırma,...