Stern-Recherche
„Sippenforschung“: Aktuelles Lehrbuch für Polizeischüler nutzt NS-Vokabular

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Polizeianwärter für den gehobenen Dienst werden an Fachhochschulen mit einem Lehrbuch ausgebildet, das NS-Vokabular enthält. Wie der stern in seiner neuesten Ausgabe berichtet, werden in dem Lehrbuch „Kriminologie für Studium und Praxis“ von Horst Clages und Ines Zeitner Kriminologen und Juristen zitiert, die in der NS-Zeit eine fragwürdige Rolle gespielt haben, ohne dass dies erwähnt wird. Darüber hinaus werden Begriffe aus der NS-Zeit verwandt, ohne sie hinreichend einzuordnen. In einem fiktivem Beispiel über den Fall jugendlicher Intensivtäter verwenden Clages und Zeitner den Begriff „Sippenforschung“, der untrennbar mit der mörderischen Rassenpolitik der Nazis verbunden ist, als wäre dies heute noch eine Methode, um Kriminalität zu erklären. Dort heißt es: „Einerseits kann aus den Ergebnissen der Sippenforschung auf genetisch bedingte Defekte geschlossen werden.“ Die Autoren setzen den Begriff „Sippenforschung“ nicht einmal in Anführungszeichen. In einem Kapitel über die „historische Betrachtung“ von „Tätertypologien“ taucht der österreichische Kriminologe Ernst Seelig auf. Er schrieb unter anderem über „arbeitsscheue Berufsverbrecher“ und „Verbrecher aus Mangel an Gemeinschaftsdisziplin“. Die Autoren präsentieren auch diese Begriffe, ohne sie weiter einzuordnen. Dass Seelig ab 1939 „Mischlingsuntersuchungen“ durchführte, ist ihnen keine Zeile wert. Auf stern-Anfrage zeigt sich der Verlag Deutsche Polizeiliteratur, eine 100-prozentige Tochter der Gewerkschaft der Polizei, zerknirscht. Der Geschäftsführer Joachim Kranz teilt „nach eigener erster Recherche grundsätzlich die Einschätzung zu den kritisierten Passagen“. Der Verlag will jetzt prüfen, „wie es dazu kommen konnte und welche Schritte wir intern gehen müssen, um dies zukünftig zu verhindern“. Auch die Autoren betonen, es liege ihnen „fern, Diskriminierungen vorzunehmen oder gar das NS-Regime in seiner Verantwortung zu schmälern“. Ein „Handbuch“ sei „jedoch nicht geeignet, sich mit dieser Problematik umfassend auseinanderzusetzen“. Sie kündigen an, „bei einer Überarbeitung des Buches deutlicher auf die Zusammenhänge in geeigneter Form hinzuweisen“. Auf die Frage, wie das offenbar nicht gründlich lektorierte Buch es in die Lehrbuchsammlungen von Polizeihochschulen schaffen konnte, gibt es offenbar eine einfache Antwort: Während Schulbücher vom Kultusministerium zugelassen werden, entscheiden Dozenten, die Polizisten ausbilden, selbst, welche Lehrbücher sie einsetzen.

Gesundheit
Titandioxid: Foodwatch fordert Rückruf von rosa Oetker-Kuchendekor

Die Verbraucherorganisation Foodwatch legt im Streit um Titandioxid in Backzutaten nach und wirft Dr. Oetker „Täuschung der Öffentlichkeit“ vor. In einem Brief an das Unternehmen, welcher der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) vorliegt, fordert Foodwatch zudem, ein bestimmtes Kuchendekor-Produkt sofort vom Markt zu nehmen. Im „Dekor Kreation Rosa Mix“ bestehe der enthaltene Weißmacher Titandioxid zu 100 Prozent aus besonders umstrittenen Nanopartikeln, so Foodwatch. In seiner allerkleinsten Form stehe Titandioxid (E171) im Verdacht, Krebs auslösen zu können. Die Dekor-Zuckerartikel sind sehr beliebt zur Verzierung von Kuchen vor allem für Kindergeburtstage. Das Bielefelder Unternehmen betonte, an Alternativen zu arbeiten. „Dabei handelt es sich jedoch um einen sehr komplexen und umfangreichen Prozess, der nicht von heute auf morgen erfolgen kann“, erklärte Dr. Oetker gegenüber der WAZ. Inzwischen habe man sich „allerdings das Ziel gesetzt, dass eine Umstellung der Produkte bis Ende des ersten Quartals 2020 erfolgen“ solle. Oetker erklärte, alle seine Lieferanten hätten „erneut bestätigt, dass das verwendete Titandioxid keine Nanopartikel aufweist“. Den Vorwurf der Täuschung „weisen wir daher entschieden von uns ab“. Weil alle Oetker-Produkte einwandfrei verkehrs- und verzehrfähig seien, gebe es „somit in keiner Hinsicht den Bedarf eines Verkaufsstopps“. Foodwatch-Experte Patrick Müller betont dagegen, die Laboranalysen hätten in allen Proben von Oetker-Produkten Nanopartikel nachgewiesen. Wenn das Unternehmen das Gegenteil behaupte, sei das „zu 100 Prozent gelogen“. Bei besagtem Kuchendekor aus rosa Zucker-Sternchen und Perlen bestehe das enthaltene Titandioxid vollständig aus Nanopartikeln. Oetker teilte der WAZ mit, zu den Foodwatch-Analysen noch auf die Einschätzung eines weiteren externen Labors zu warten. Aber: „Leider haben uns bisher alle renommierten Labore mitgeteilt, dass sie Titandioxid lediglich im Rohmaterial (Pulver) prüfen können, jedoch nicht im Endprodukt.“

Gesundheit
Veganer sollten Kaffee, Tee und Rotwein eher meiden

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Veganer sollten ihre Versorgung besonders mit Vitamin B12 und Eisen im Auge behalten – und deshalb Polyphenole, die in Kaffee, Tee und Rotwein stecken, eher meiden. Denn sie hemmen die Aufnahme von Eisen, wie das Gesundheitsmagazin „Apotheken Umschau“ schreibt. Zwar steckt Eisen in Vollkorngetreide, Hülsenfrüchten und Gemüse, doch die Verfügbarkeit für den Körper ist aus Fleisch effektiver. Die Lösung: „Wer eisenhaltige mit Vitamin-C-reichen Lebensmitteln wie Paprika, Kohl oder Zitrusfrüchten kombiniert, verbessert die Aufnahme“, sagt Matthias Riedl, Ernährungsmediziner in Hamburg. Auch Vegetarier, die Ausdauersport betreiben, haben oft einen erhöhten Eisenbedarf. Vitamin B12 sollte entweder durch Präparate aus der Apotheke oder angereicherte Säfte, Flocken und Milchalternativen ergänzt werden, erläutert der Mediziner. Es gebe sogar Zahnpasta mit Vitamin B12. Grundsätzlich gilt: Der Körper kann natürlich verpackte Mineralstoffe und Vitamine besser aufnehmen als in Form von Tabletten. Wer sich ausgewogen ernährt, braucht daher keine Nahrungsergänzung. Welche Ausnahmen es gibt und was dann beachtet werden sollte, erklärt die aktuelle „Apotheken Umschau“.

"Warnung an alle Täter"
Innenminister Reul begrüßt Urteile im Lügde-Prozess

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) hat die Urteile im Missbrauchsfall Lügde begrüßt. Dem WESTFALEN-BLATT sagte er: „Die Urteile sind eine Warnung an alle Täter. Besonders die Anordnung der Sicherungsverwahrung. Das hilft dem Kinderschutz, das Leiden der Opfer lindert das natürlich nicht. Solche Täter sind aber eine zu große Bedrohung, als dass man sie nach Verbüßung ihrer Strafe einfach wieder auf freien Fuß lassen könnte. Ich freue mich auch, dass die Arbeit der Polizei in Bielefeld und der Justiz zu diesen schnellen Urteilen geführt hat. Doch nach dieser Entscheidung gilt: Wir müssen besser und schneller werden, um diese monströsen Taten in Zukunft zu verhindern. Das ist meine Lehre aus diesem Fall, und das zu erreichen, ist jetzt erst recht ein vorrangiges Ziel meiner Amtszeit.“ Im Lügde-Missbrauchsprozess sind die beiden Angeklagten am Donnerstag zu hohen Haftstrafen verurteilt worden. Das Landgericht Detmold verhängte gegen den 56-Jährigen Andreas V. eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs in mehr als 200 Fällen. Der 34-jährige Mario S. erhielt zwölf Jahre. Das Gericht ordnete außerdem die anschließende Sicherungsverwahrung für beide Männer an, berichtet die tagesschau.

Landtagswahlen
Bartsch: LINKE muss Partei der normalen Leute sein

Dietmar Bartsch, Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag, fordert seine Partei zu einer Debatte über das eigene Politikangebot auf. Die LINKE müsse die Partei „für die ganz normalen Leute im Land sein“, sagte Bartsch der in Berlin erscheinenden Tageszeitung „neues deutschland“. Zuvor hatte Bartsch gefordert, eine grundlegende strategische Debatte auf einem vorgezogenen Parteitag zu führen. „Wir müssen gemeinsam über unser Angebot reden. Offenbar ist das für zu viele Menschen nicht attraktiv“, bekräftigte Bartsch nun mit Blick auf die Ergebnisse der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen, bei denen die Linkspartei starke Einbußen erlitten hatte. Nach einer gründlichen Analyse müsse der Parteitag die „notwendigen Entscheidungen“ treffen, so Bartsch gegenüber „nd“. Zuvor werde die Partei jedoch alle Energie in den Wahlkampf in Thüringen stecken, damit „Bodo Ramelow Ministerpräsident bleibt“. Nach der Wahl hatte die Ko-Vorsitzende der Linksfraktion Sahra Wagenknecht ihrer Partei eine Mitverantwortung für den Erfolg der AfD im Osten gegeben. Indem die LINKE sich von ihren früheren Wählern entfremdet habe, habe sie es der AfD leicht gemacht. „Insofern sind wir für ihren Erfolg mitverantwortlich«, war Wagenknecht zitiert worden.

Sicherheitszone
USA und Türkei halten gemeinsame Beobachtungsflüge über Syrien ab

Ankara – Das türkische Verteidigungsministerium gab am Donnerstag bekannt, dass zwei türkische und zwei US-amerikanische Hubschrauber einen weiteren gemeinsamen Flug über den östlichen Euphrat in Syrien durchgeführt haben. In einer Erklärung auf Twitter, sagte das Ministerium, dass der gemeinsame Hubschrauberflug Teil der ersten Phase der Umsetzung zur Einrichtung einer Sicherheitszone in der Region sei. Der erste gemeinsame Erkundungsflug wurde am 24. August mit einem US-Hubschrauber durchgeführt, sagte der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar zuvor. Türkische und US-amerikanische Militärbeamte haben sich am 7. August darauf geeinigt, dass die Sicherheitszone in Nordsyrien als „Friedenskorridor“ für vertriebene Syrer dienen soll und dass ein gemeinsames Operationszentrum in der Türkei eingerichtet wird, um seine Einrichtung zu koordinieren.

Zum Thema

– Syrien – Türkisch-amerikanische Sicherheitszone: Syrische Flüchtlinge erhoffen Rückkehr

Mit der Einrichtung einer Sicherheitszone in Nordsyrien hofft die Türkei syrischen Flüchtlingen eine sichere Rückkehr zu ermöglichen.

Türkisch-amerikanische Sicherheitszone: Syrische Flüchtlinge erhoffen Rückkehr

Köln
DHL-Mitarbeiter sollen in Kölner Zustellzentrum Pakete geplündert haben

Köln – Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt wegen des Verdachts des gemeinschaftlichen und gewerbsmäßigen Diebstahls gegen drei ehemalige Innendienst-Mitarbeiter des Paketdienstes DHL. Nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ werden die Männer im Alter von 56, 55 und 32 Jahren verdächtigt, in einem Zustellzentrum in Köln-Bilderstöckchen annähernd 200 Pakete geöffnet, in etwa 75 Fällen den Inhalt entnommen und die Pakete leer weiterverschickt zu haben. Bei dem mutmaßlichen Diebesgut handelt es sich vor allem um wertvolle Smartphones, teure Armbanduhren, Damenhandtaschen, Münzsammlungen und andere „hochwertige Konsumartikel“, wie ein Polizeisprecher bestätigte. Die Waren sollen die Verdächtigen behalten oder an Angehörige und im Bekanntenkreis verteilt haben. Der Gesamtwert der Beute beträgt ungefähr 40.000 Euro, der haftungsrechtliche Schaden beläuft sich auf mindestens 120.000 Euro. DHL haftet grundsätzlich beim deutschlandweiten Versand gegen Verlust oder Beschädigung bis 500 Euro. Nach Angaben einer Unternehmenssprecherin sind die drei Beschuldigten inzwischen nicht mehr für DHL tätig.

G7-Alternative
Russland: Putin will mit Türkei und China neue G7 gründen

Wladiwostok – Der russische Präsident Wladimir Putin sagte am Donnerstag, dass Russland bereit sei, eine alternative zur G7 zu gründen, und würde ein breiteres Format mit der Türkei, Indien und China begrüßen. Putin, der auf einem Wirtschaftsforum in Wladiwostok sprach, sagte, er könne sich eine effektive internationale Organisation ohne China oder Indien nicht vorstellen. Er habe das Thema bereits mit Präsident Recep Tayyip Erdogan besprochen. Auch der türkische Staatschef habe betont, dass eine Organisation in der auch China und Indien vertreten sind, nötig sei. Putin betonte, dass Russland eine multipolare Welt unterstütze, und argumentierte, dass die Führung des Westens vorbei sei. Russland wurde 2014 aufgrund seiner Annexion der Krim sowie seiner politischen und militärischen Unterstützung für Separatisten, in der Ostukraine vom G8-Gipfel ausgeschlossen. Putin sagte, alle Teilnehmer des Treffens seien sich bei Gesprächen einig, dass die Diskussion einiger Themen, wie z.B. der Konflikte im Nahen Osten, in einem breiteren Format als der G8, „interessanter“ sei. „Das deutet darauf hin, dass ohne Länder wie Indien und China heutige Probleme der Weltpolitik nicht gelöst werden können“, sagte Putin. „Die Arbeit der Türkei ist auch angesichts ihrer Rolle in internationalen Angelegenheiten und in der Region gefragt und angemessen“, sagte Putin.

Sicherheitszone in Syrien
Türkei: Erdogan droht mit Durchlassen der Flüchtlinge nach Europa

Ankara – Die Türkei ist mit dem Flüchtlingsstrom aus dem vom Krieg zerrütteten Syrien allein gelassen worden. Sie muss möglicherweise Grenzen nach Europa öffnen, wenn sie nicht die notwendige Unterstützung der internationalen Gemeinschaft erhält und wenn die geplante Sicherheitszone innerhalb Syriens nicht bald eingerichtet wird, sagte Präsident Recep Tayyip Erdoğan. In einem Gespräch mit den Mitgliedern der regierenden AKP am Donnerstag sagte Erdoğan, die Türkei sei entschlossen, bis Ende September aktiv die Sicherheitszone östlich des Euphrat zu errichten. „Unser Ziel ist es, mindestens eine Million syrische Flüchtlinge in die Sicherheitszone umzusiedeln, die wir entlang der 450 Kilometer langen Grenzlinie einrichten werden“, erklärte Erdoğan und betonte, dass die Türkei derzeit über 3,6 Millionen Flüchtlinge betreue und nicht die Hilfe der Europäischen Union erhalten habe. „Wir werden gezwungen sein, die Grenzen zu öffnen. Wir können nicht gezwungen werden, die Last allein zu tragen“, sagte er. Ankara forderte die Europäische Union wiederholt auf, ihr Versprechen von über drei Milliarden Euro an Hilfe für syrische Flüchtlinge zu erfüllen. Ein Abkommen zwischen der Türkei und der Europäischen Union sieht vor, dass die Europäische Union „3+3 Milliarden Euro an Hilfe“ für die Betreuung von Flüchtlingen in der Türkei bereitstellt. Die Türkei sagt, dass bisher nur 850 Millionen Euro geflossen seien.

R+V-Langzeitstudie
Umfrage: Deutsche so unbesorgt wie seit 25 Jahren nicht

Die R+V-Langzeitstudie zeigt: Die Deutschen sind 2019 deutlich optimistischer als im vergangenen Jahr – so gelassen wie heute waren sie zuletzt vor 25 Jahren. Die insgesamt verbesserte Stimmung dürfe jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die aktuellen politischen Probleme mehr als jedem zweiten Bundesbürger erhebliche Sorgen bereiten. Auf den Spitzenplätzen der repräsentativen R+V-Umfrage „Die Ängste der Deutschen 2019“ stehen Zuwanderungsthemen nahezu gleichauf mit den Folgen der Trump-Politik. Innen- und außenpolitische Probleme im Fokus „Die Stimmungslage in Deutschland hat sich verbessert. Durch einen Rückgang bei fast allen Sorgen sinkt der Angstindex – der Durchschnitt aller abgefragten Ängste – von 47 auf 39 Prozent und erreicht damit den niedrigsten Wert seit 1994“, sagt Brigitte Römstedt anlässlich der Pressekonferenz am Donnerstag in Berlin. Die Leiterin des R+V-Infocenters berichtet, dass nach wie vor aber viele Menschen besonders unzufrieden mit der Politik sind. „Seit vier Jahren verdrängen politische Sorgen alle anderen Ängste. Im Fokus stehen dabei die Überforderung der Politiker und drohende soziale Spannungen.“ 56 Prozent (Vorjahr: 63 Prozent) der Deutschen befürchten, dass der Staat durch die große Zahl der Flüchtlinge überfordert ist – ganz knapp Platz eins der diesjährigen Umfrage. Fast ebenso viele Bürger (55 Prozent, Vorjahr: 63 Prozent) haben Angst davor, dass es durch den weiteren Zuzug von Ausländern zu Spannungen zwischen Deutschen und hier lebenden Ausländern kommt. Mit ebenfalls 55 Prozent folgt eine außenpolitische Sorge: Die Mehrheit der Deutschen befürchtet, dass die Politik von Donald Trump die Welt gefährlicher macht. Da diese Angst im dritten Jahr seiner US-Präsidentschaft um 14 Prozentpunkte zurückgegangen ist, sinkt sie von zuvor Platz eins auf den dritten Platz. Traditionell groß ist auch die Sorge, dass die Politiker von ihren Aufgaben überfordert sind. Sie steht mit 47 Prozent auf Platz vier, liegt aber ebenfalls 14 Prozentpunkte unter dem Vorjahreswert. Dazu Professor Dr. Manfred G. Schmidt, Politikwissenschaftler an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg und seit vielen Jahren Berater des R+V-Infocenters: „Dass sich das harsche Urteil der Befragten über die Politiker 2019 abgemildert hat, hängt damit zusammen, dass die endlos lange Regierungsbildung nach der Bundestagswahl 2017 abgeschlossen ist. Beruhigend wirkt auch, dass der enervierende Streit in der Großen Koalition um Asylfragen und um das Führungspersonal des Verfassungsschutzes mittlerweile Geschichte ist.“ Terror und Extremismus: Gewalt macht Angst Gewalttätige Ausschreitungen militanter Extremisten führen zu großer Besorgnis in der Bevölkerung. Fast jeder zweite Befragte (47 Prozent, Platz 5) befürchtet, dass sich der politische Extremismus ausbreitet. Doch welches politische Spektrum haben die Deutschen dabei im Hinterkopf? Das R+V-Infocenter hat nachgefragt. „Hier zeigt sich eine bemerkenswerte Reihung“, kommentiert Professor Schmidt. „Am meisten ängstigt die Befragten der als extrem gewaltsam eingestufte islamische Extremismus (38 Prozent). Als erheblich geringer gilt die Bedrohung durch den Rechtsextremismus (25 Prozent). Fast unbekümmert scheinen die Befragten den Linksextremismus zu bewerten (4 Prozent).“ Stark gesunken ist die Furcht vor terroristischen Attentaten Diese Angst, die nach den massiven Anschlägen in Europa in den Jahren 2016/2017 auf weit überdurchschnittliche Werte von mehr als 70 Prozent geschossen war, liegt jetzt bei 44 Prozent (Vorjahr: 59 Prozent) und damit auf Platz neun im Ranking. Bei dieser Frage zeigt sich deutlich, dass die Deutschen auf reale Ereignisse reagieren, sagt Römstedt: „Die Langzeitbeobachtung belegt, dass die Angst nach spektakulären Terroranschlägen steigt – insbesondere, wenn sie in Deutschland oder den Nachbarländern passieren. Bleibt es relativ friedlich, wie im vergangenen Jahr, wird auch die Angst geringer.“ Hohe Mieten lösen Ängste aus Knapper Wohnraum in vielen Regionen, explodierende Immobilienpreise und hohe Mieten: Zum ersten Mal hat das R+V-Infocenter die Deutschen auch nach diesen Themen befragt. Und das Ergebnis zeigt den Stellenwert des Problems. Nahezu jeder zweite Bürger hat große Angst davor, dass Wohnen in Deutschland unbezahlbar wird. Mit 45 Prozent springt diese Angst auf Anhieb auf Platz sechs im Ranking. Umweltthemen sind Dauerbrenner bei den Sorgen Der hohe Stellenwert „grüner“ Themen spiegelt sich auch in der 2019er-Studie „Die Ängste der Deutschen“ wider. „Umwelt- und klimapolitische Themen wühlen die deutsche Bevölkerung seit Jahr und Tag auf – schon lange vor dem Aufstieg der Fridays for Future-Protestbewegung“, erklärt Professor Schmidt. „Mitunter haben diese Themen mehr als die Hälfte der Bevölkerung mobilisiert. Aber selbst die niedrigsten Werte liegen oberhalb der 40-Prozent-Schwelle.“ 2019 haben 41 Prozent der Befragten Angst davor, dass der Klimawandel dramatische Folgen für die Menschheit hat. Ebenso viele Deutsche befürchten, dass Naturkatastrophen zunehmen und Deutschland immer häufiger von Wetterextremen wie Dürre, Hitzewellen oder Starkregen betroffen wird. Hierzu Professor Schmidt: „Die Erhebungen der Ängste-Studien zeigen, dass die Deutschen Themen rund um Natur und Umwelt sehr ernst nehmen. Mehr noch: Gefährdungen der natürlichen Umwelt werten viele Deutsche als rational und emotional bedrohliche Herausforderungen – nicht nur als technische Probleme, deren Lösung den Politikern und den Spezialisten obliegt.“ Die Schere zwischen Ost und West klafft wieder auseinander Die gute Nachricht: In Ost und West sind die Ängste rückläufig. Da sie im Westen jedoch erheblich stärker gesunken sind, gibt es in diesem Jahr wieder deutliche Unterschiede zwischen den beiden Regionen. Im Osten sind alle Ängste größer – auch bei den Top-Themen. 64 Prozent der Bürger im Osten befürchten, dass der Staat und die Bürger durch die große Zahl der Flüchtlinge überfordert sind. Im Westen sind es zehn Prozentpunkte weniger. Fast zwei Drittel (64 Prozent) der Ostdeutschen hat Angst davor, dass es durch den weiteren Zuzug von Ausländern zu Spannungen zwischen Deutschen und hier lebenden Ausländern kommt (West: 53 Prozent). Und noch eine dritte Sorge erreicht im Osten die 60-Prozent-Marke: 60 Prozent der Ostdeutschen finden die Politik von Donald Trump bedrohlich. Im Westen sind es 54 Prozent, was ganz knapp Platz eins auf der westdeutschen Ängste-Skala ist. Auch wirtschaftliche Themen flößen den Ostdeutschen mehr Angst ein. Den größten Unterschied gibt es bei der Furcht vor steigenden Lebenshaltungskosten: Im Osten hat die Mehrheit der Bürger (55 Prozent) Angst davor, dass alles immer teurer wird. Diese Sorge teilen im Westen 41 Prozent der Befragten. Weitere Ergebnisse der R+V-Studie in Kurzform: Unterschiede bei Männern und Frauen: Frauen sind bundesweit traditionell etwas ängstlicher als Männer. Erheblich mehr Sorgen machen sich die Frauen um Krankheit (Frauen: 41 Prozent, Männer: 30 Prozent) und Pflege (Frauen: 49 Prozent, Männer: 40 Prozent), aber auch um Schadstoffe in Nahrungsmitteln (Frauen: 47 Prozent, Männer: 37 Prozent).

Interessant: Etwas gelassener als die Männer sind die Frauen bei der Angst vor der Überforderung des Staats durch die Flüchtlinge (Frauen: 54 Prozent, Männer: 58 Prozent). Während bei den Männern diese Angst auf Platz eins steht, ist es bei den Frauen die Furcht vor den Folgen der Trump-Politik.

EU-Schuldenkrise: 44 Prozent der Deutschen sorgen sich darum, dass die EU-Schuldenkrise teuer für den deutschen Steuerzahler wird (Platz 8). Zum Vergleich: In den Jahren 2011/2012 – auf dem Höhepunkt der Griechenland-Krise – lag diese Angst noch bei extrem hohen Werten um die 70 Prozent. –

Pflegebedürftigkeit im Alter: Fast jeder zweite Deutsche (45 Prozent) fürchtet sich davor, im Alter pflegebedürftig zu werden. Da politische Themen diese Angst überschatten, liegt sie nur auf Platz sieben im Ranking. Deutlich weniger Sorgen machen sich die Deutschen hingegen um ihre Gesundheit. Nur etwa jeder Dritte (35 Prozent, Platz 15) hat Angst davor, schwer zu erkranken. –

Steigende Lebenshaltungskosten: Auf Platz zehn steht mit 43 Prozent die Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten. Der Dauerbrenner der 1990er und 2000er Jahre hat seit 2011 stark an Bedeutung verloren. In der Vergangenheit lag diese Sorge jahrelang unangefochten auf Platz eins.

Wirtschaftliche Themen: Wie im vergangenen Jahr spielen wirtschaftliche Sorgen in der Umfrage eine untergeordnete Rolle. Lediglich jeder vierte Deutsche (24 Prozent) fürchtet sich davor, den eigenen Job zu verlieren – so wenige wie nie zuvor. Kaum höher ist die Angst vor steigenden Arbeitslosenzahlen in Deutschland (28 Prozent). Die derzeit leicht schwächelnde Wirtschaft spiegelt sich damit noch nicht bei den Ängsten der Deutschen wider. Mit 35 Prozent erreicht die Angst vor einem Abwärtstrend der Wirtschaft sogar den niedrigsten Wert seit 20 Jahren (Platz 14).

Krieg: Nur noch etwa jeder vierte Deutsche (24 Prozent, Vorjahr: 35 Prozent) hat Angst vor einem Krieg mit deutscher Beteiligung. Damit ist diese Sorge so gering wie nie zuvor im Verlauf der Umfrage.

Über die Studie „Die Ängste der Deutschen“ ist die bundesweit einzige Umfrage, die sich über einen Zeitraum von mehr als 25 Jahren alljährlich mit den Sorgen der Bevölkerung befasst. Bereits seit 1992 lässt das R+V-Infocenter jedes Jahr rund 2.400 Männer und Frauen im Alter ab 14 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland nach ihren größten politischen, wirtschaftlichen, persönlichen und ökologischen Ängsten befragen. Die repräsentative Umfrage startet immer im Sommer – dieses Mal lief sie vom 13. Mai bis zum 23. Juli 2019 mit insgesamt 22 Fragen.