Liebe
Chatten zur Beziehung? Darum bringt digitales Dating wirklich etwas

Fast 38 Prozent aller neuen Beziehungen in Deutschland beginnen mittlerweile online. Das ergab eine repräsentative Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Deutschen Telekom im Jahr 2023.

Damit ist das Internet erstmals der häufigste Startpunkt für romantische Verbindungen – noch vor Arbeit, Freundeskreis oder Freizeit. Wie kommt es, dass digitale Kanäle so viele reale Liebesgeschichten hervorbringen?

Kann man tatsächlich online Gefühle aufbauen, die über Emojis und Selfies hinausgehen? Dieser Text zeigt, warum viele Menschen heute lieber zuerst chatten wollen, bevor sie jemanden wirklich in ihr Leben lassen.

Gespräche mit Tiefe statt Druck

Moderne Beziehungen beginnen heute oft an einem Ort, der früher Distanz bedeutete: dem Bildschirm. Wer digital in Kontakt tritt, erlebt einen Einstieg ohne Körpersprache, ohne Blickkontakt, ohne spontane Gestik.

Anstelle visueller Eindrücke stehen Worte, Emojis, Pausen und Tonalität im Zentrum. Was zunächst reduziert erscheint, fördert in vielen Fällen genau das, was beim schnellen Kennenlernen offline oft fehlt: Konzentration auf Inhalte. Ohne äußeren Druck fällt es leichter, sich auf das zu fokussieren, was jemand sagt – nicht darauf, wie er wirkt.

Gerade in den ersten Tagen, wenn aus losen Gesprächen Interesse wird, zeigt sich die Stärke der digitalen Kommunikation. Wer schreibt, denkt nach. Wer antwortet, wählt aus. Gespräche verlaufen nicht impulsiv, sondern oft sorgfältig. Viele Nutzerinnen und Nutzer berichten, dass sie in den ersten Phasen mehr über Werte, Ansichten und Erwartungen gesprochen haben als je bei analogen Dates.

Diese Beobachtung stützt auch eine Langzeitstudie der Stanford University aus dem Jahr 2022. Darin gaben 61 Prozent der befragten Online-Paare an, bereits vor dem ersten Treffen über Kinderwunsch, Zukunftspläne oder persönliche Ängste gesprochen zu haben. Bei offline entstandenen Beziehungen waren es nur 38 Prozent.

Warum digitales Tempo neue Nähe zulässt

Digitale Kommunikation erlaubt es, die eigene Geschwindigkeit zu bestimmen. Kein Gespräch muss sofort geführt, keine Antwort sofort abgeschickt werden. Diese Form des Austauschs reduziert Druck – und lässt Spielraum.

Besonders introvertierte Menschen oder jene mit belastenden Beziehungserfahrungen finden in dieser Unverbindlichkeit einen geschützten Einstieg. Die Plattform wird zum emotionalen Sicherheitsnetz. Der Bildschirm schafft Distanz, die Nähe zulässt.

Worte erhalten in diesem Rahmen eine neue Bedeutung. Zwischen Fragen nach dem Alltag und Gedanken zur eigenen Vergangenheit entstehen Gespräche, die mehr Tiefe zulassen als Small Talk beim ersten Kaffee.

Wer bewusst mit jemandem chatten möchte, ohne sofort eine Entscheidung treffen zu müssen, findet heute digitale Räume, in denen genau das möglich ist. Diese Form des Kennenlernens wirkt für viele ehrlicher, weil sie frei ist von der sozialen Choreografie des analogen Datings.

Digitale Distanz fördert Offenheit in Tabuthemen

In digitalen Gesprächen werden Themen angesprochen, die offline oft vermieden werden. Schuldgefühle aus früheren Beziehungen, familiäre Belastungen, psychische Erkrankungen – vieles fällt über Text leichter.

Das liegt nicht an mangelnder Ernsthaftigkeit, sondern an der kontrollierten Form des Ausdrucks. Wer schreibt, kann Gedanken ordnen. Wer liest, hat Zeit zum Verstehen. Gerade bei sensiblen Themen entsteht so ein Dialog, der im persönlichen Gespräch häufig zu schnell oder zu konfrontativ verlaufen würde.

Eine empirische Erhebung des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften aus dem Jahr 2021 ergab, dass bei digital angebahnten Beziehungen in 43 Prozent der Fälle bereits vor dem ersten Treffen über psychische oder gesundheitliche Themen gesprochen wurde. Bei offline gestarteten Kontakten lag dieser Wert nur bei 19 Prozent. Das zeigt: Chat-basierte Kommunikation bietet eine Form von Schutz, die ehrliche Inhalte nicht verhindert, sondern fördert.

Mut zur Verletzlichkeit beginnt oft mit Text

Der Bildschirm erlaubt es, auch Schwächen preiszugeben, ohne das Gesicht zu verlieren. Für viele Menschen mit Bindungsangst, sozialen Ängsten oder negativen Beziehungserfahrungen ist das ein entscheidender Unterschied.

Sie finden über das Schreiben einen Weg zur Nähe, der im echten Leben oft zu steil erscheint. Genau darin liegt ein unterschätzter Wert digitaler Annäherung: Sie kann emotionale Prozesse in Gang setzen, die offline gar nicht möglich wären.

Digitale Beziehungspflege stabilisiert bestehende Partnerschaften

Nicht nur neue Beziehungen entstehen online. Auch bestehende Partnerschaften profitieren zunehmend von digitaler Kommunikation. Paare, die durch berufliche Pendelmodelle,

Fernbeziehungen oder familiäre Verpflichtungen getrennt sind, halten über Chats, Sprachnachrichten und geteilte Inhalte Kontakt – und damit emotionale Nähe. Wer gelernt hat, digital zu kommunizieren, verliert sich seltener in Schweigen, selbst wenn räumliche Trennung besteht.

Das Deutsche Jugendinstitut untersuchte 2023 in einer qualitativen Befragung, wie digitale Routinen bestehende Partnerschaften beeinflussen. 74 Prozent der befragten Paare gaben an, dass regelmäßiges Schreiben oder der Austausch über digitale Kanäle das „Beziehungsgefühl“ aufrechterhalte.

Dabei spielte nicht die Länge der Nachrichten eine Rolle, sondern deren Alltagsnähe. Kleine Updates, gemeinsame Erinnerungen, spontane „Ich denk an dich“-Momente stärken das emotionale Band zwischen zwei Menschen.

Gerade in Lebensphasen mit hoher Belastung – etwa durch Jobstress, Care-Arbeit oder räumliche Trennung – wird digitale Kommunikation zum Beziehungskitt. Sie ersetzt keine Umarmung, aber sie verhindert Entfremdung.

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Nahost
Türkei: Israel sieht Bedrohung durch Atomprojekt

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Weil die Türkei ihr Kernkraftwerk-Programm im Land beschleunigt, sieht Israel darin eine Bedrohung und kommuniziert das inzwischen als Atomprojekt, mit dem unabhängigen Uran angereichert werden soll. Aber waren es nicht Israel und der Iran, die diesen Dominoeffekt vorantrieben? Im Dezember 2024 stürzten syrische Rebellen der Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS) die Regierung von Baschar al-Assad. Höchstwahrscheinlich hatte die Türkei hier die Finger im Spiel. Assads Sturz schwächte auch den Iran, das durch schwere militärische Schläge Israels geschwächt ist. Teheran ist angesichts Ankaras Vorgehen in Syrien sowohl verärgert als auch brüskiert, zeigt sich dennoch reserviert, da es den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan seit längeren verdächtigt, die Türkei als dominierende Macht in der Region positionieren zu wollen. Aus Angst vor weiteren israelischen Angriffen und türkischen Ambitionen auf eine regionale Hegemonie, könnte Teheran seine Urananreicherung zur Abschreckung auf waffenfähiges Niveau jetzt erst recht erhöhen. Ankara, dass die Zukunft Syriens weiterhin dominieren und das entstandene Machtvakuum füllen will, könnte und müsste angesichts der Lage – einerseits der Atommacht Israel, anderseits die Atommacht Iran – zur eigenen Absicherung, ebenfalls die unabhängige nukleare Abschreckung anstreben. Doch Ankara unterzeichnete auch das erweiterte IAEA-Inspektionsabkommen, das Zusatzprotokoll (AP), mit der die IAEA besser in die Lage versetzt wurde, Aktivitäten wie Gaszentrifugenanlagen (Anlagen zur Herstellung von angereichertem Uran) aufzudecken, die der Unterzeichnerstaat nicht angegeben hat. Die Erzeugung von Atomstrom bietet Ankara die Möglichkeit, grundlegende nukleare Infrastruktur, Know-how und Wissen zu erwerben. Atomenergieprogramme dienten Staaten wie dem Iran bereits als Deckmantel für den Import benötigter Ausrüstung für Atomwaffen. Als Mitglied der Gruppe der Nuklearlieferanten (NSG) ist die Türkei rechtlich nicht verpflichtet, die NSG über direkte Importe und Exporte von Atomwaffen zu informieren. Zudem kann Ankara auch vom Atomwaffensperrvertrag abrupt aussteigen. Ein Indiz dafür, dass die Türkei Urananreicherung anstrebt, könnte der Deal im Oktober 2024 mit dem afrikanischen Staat Niger sein, der sich bereist im Juli 2024 angekündigt hatte. Der türkische Außenminister Hakan Fidan und der Nachrichtendienstdirektor Ibrahim Kalin hatten ein Bergbauabkommen unterzeichnet. Niger ist ein bedeutender Uranproduzent und liegt an dritter Stelle weltweit in Bezug auf die Uranförderung. Ein weiteres Indiz: Am 4. September 2019 erklärte Erdoğan, es sei inakzeptabel, dass Atommächte Ankara den Erwerb eigener Atomwaffen verbieten. Diese Aussage warf zahlreiche Fragen zu den Beweggründen der Türkei für ein mögliches Atomwaffenprogramm auf. Ankara setzt sich seit dem gescheiterten Putschversuch für die Förderung seiner sogenannten „strategischen Autonomie“ ein. Die Türkei legt großen Wert auf den Aufbau einer nationalen Verteidigungsindustrie, um die Abhängigkeit von ausländischen Rüstungsgütern – insbesondere von den USA und Europa – zu verringern, wenn nicht gar zu beseitigen. Ausserdem sichert und stärkt es auch die Handelswege mit den Partnerstaaten entlang der nordafrikanischen Küste. Um dies zu erreichen, investiert das Land in hochwertige inländische Rüstungskonzerne, um Panzer, Raketen, Radartechnologie, U-Boote, Kampfschiffe und Drohnen zu entwickeln und bauen zu lassen. Um diese Politik auch nachhaltig zu schützen, insbesondere in Zusammenhang mit Israel und dem Iran, bräuchte es auch zwangsläufig Atomwaffen. Der meistgelesenen kostenlosen Zeitung Israels, der „Israel HaYom“, ist diese Strategie Ankaras ebenfalls nicht entgangen. In einem Artikel zeichnet der israelische Analyst Shay Gal, die Türkei als Bedrohung, nicht nur konventioneller, sondern auch atomarer Natur. Gal geht jedoch weiter und zeichnet eine Türkei, die der „neue Iran“ sei. Während Ankara Israel seit längerem vorwirft, die regionale Stabilität zu riskieren, bezeichnet Gal die Türkei als destabilisierende Macht und Bedrohung für Israel selbst. So werde die Weiterentwicklung der türkischen ballistischen Rakete „Typhoon“ vorangetrieben. Inzwischen habe diese Rakete eine Reichweite von bis zu 560 km – Tendenz steigend. Zudem arbeite Ankara am Tarnkappen-Kampfjet „Kaan“, deren Indienststellung noch vor 2028 vorgesehen ist. Gal weist insbesondere auf die türkische Ausbreitung in der Region hin. In Niger, Somalia, Pakistan und Libyen, habe Ankara weitreichende politische, militärische und wirtschaftliche Kooperationen gesichert, darunter auch nukleare Rohstoffe, aber auch militärische Stützpunkte, die fernab westlicher Kontrolle operieren würden und dazu dienen könnten, atomare Technologien zu erforschen oder zu entwickeln. Angesicht dieser Ambitionen betrachtet Gal die widersprüchliche Haltung der Europäischen Union wie auch der USA mit Sorge, zumal die Türkei als NATO-Mitglied nicht nur gegen Griechenland feindlich gestimmt sein soll, sondern auch mit Zypern und den Anrainerstaaten des östlichen Mittelmeers erhebliche Probleme hat. Diese inkonsistente Politik der USA und Europas erfordere eine unabhängige strategische Reaktion Israels, so Shay Gal. Der „türkische Militäraufmarsch“ in Nordsyrien biete zudem eine zusätzliche Plattform für Drohungen gegen Israel.  
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
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EU-China-Gipfel
EU und China: Menschenrechte dürfen nicht unter den Tisch fallen

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Bonn – Wenn sich am 24. Juli die EU-Spitzen mit der chinesischen Regierung in Peking treffen, richtet sich ein Großteil der medialen Aufmerksamkeit auf die zunehmenden Spannungen im Handel und in der Geopolitik. Eines droht erneut ausgeklammert zu werden: die systematischen Menschenrechtsverletzungen in China. In China werden weiterhin grundlegende Rechte missachtet – insbesondere die von Arbeitnehmer*innen und ethnischen Minderheiten. „Wer Handelsbeziehungen mit China führt, darf nicht wegsehen, wenn Menschen unter Zwang arbeiten, Gewerkschaften verboten sind und Arbeitszeiten ausufern. Die EU muss bei diesem Gipfel klare menschenrechtliche Erwartungen formulieren – nicht als Randnotiz, sondern als zentrale Bedingung für wirtschaftliche Zusammenarbeit“, fordert Dr. Sabine Ferenschild vom Bonner SÜDWIND-Institut. Die menschenrechtliche Lage in China ist seit Jahren besorgniserregend:
  • Zwangsarbeit in der Uigurischen Autonomen Region ist weiterhin dokumentiert,
  • Gewerkschaftsfreiheit existiert faktisch nicht,
  • Arbeitsrechte werden in vielen Sektoren systematisch untergraben.
Diese Missstände wirken bis in europäische Lieferketten hinein: In vielen Produkten, die täglich in Europa gekauft und genutzt werden, stecken genau jene Risiken. Trotz dieser Faktenlage ist nicht zu erwarten, dass die EU-Führung beim Gipfel das Thema aktiv anspricht. „Menschenrechte sind kein diplomatischer Luxus – sie müssen das Fundament jeder internationalen Beziehung sein. Wer sich auf faire Handelsregeln beruft, muss zuerst die Menschen achten, die in den Produktionsprozessen arbeiten“, so SÜDWIND-Expertin Sabine Ferenschild.
Menschenrechtliche Risiken in der Solarindustrie
Hintergrund Solarmodule sind ein Schlüssel zur Energiewende, bergen jedoch erhebliche menschenrechtliche Risiken – vor allem beim Rohstoffabbau und der Polysiliziumproduktion in der chinesischen Region Xinjiang. Berichte der Vereinten Nationen dokumentieren Zwangsarbeit von Uigur*innen und anderen Minderheiten. Über 80 Prozent der weltweit genutzten Solarmodule kommen aus China und rund 40 Prozent des globalen Polysiliziums stammen aus Xinjiang. Lieferkettenproblematik Viele Solarfirmen sind indirekt über Zwischenhändler involviert und haben kaum Kontrolle über vorgelagerte Produktionsstufen, in denen die gravierendsten Menschenrechtsverletzungen stattfinden. EU-Gesetzesinitiativen Die geplante EU-Zwangsarbeitsverordnung zielt unter anderem auf die Solarbranche: Betroffen sein könnte der Import von Solarmodulen und Komponenten, die unter Einsatz von Zwangsarbeit hergestellt wurden – etwa Polysilizium aus der Region Xinjiang. Ergänzend würde das geplante EU-Lieferkettengesetz Unternehmen verpflichten, ihre gesamte Lieferkette – vom Rohstoffabbau bis zur Endfertigung – systematisch auf Menschenrechtsverletzungen, Umweltverstöße und unfaire Arbeitsbedingungen zu prüfen. Gerade in der stark globalisierten Solarindustrie mit komplexen, oft intransparenter Lieferstruktur wäre dies ein zentraler Schritt zu mehr Transparenz und Verantwortung. Abschwächung des Lieferkettengesetzes Das Lieferkettengesetz soll jedoch stark abgeschwächt werden: Viele deutsche Solarunternehmen fallen dann wegen hoher Umsatzschwellen aus der Verantwortung. Dadurch bleiben schwerwiegende Risiken weiterhin meist unkontrolliert. Ausblick Das EU-Parlament verhandelt die Gesetzesvorhaben im Herbst 2025, mit geplanter Abstimmung im Oktober 2025.
Turksprachige Uiguren

Bei den Uiguren handelt es sich um eine turksprachige muslimische Minderheit, die überwiegend in der autonomen Region Xinjiang auf dem Territorium der Volksrepublik China lebt.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International wirft China schwere Menschenrechtsverletzungen gegenüber den Uiguren vor und beschuldigt die chinesischen Behörden seit 1980er-Jahren, diese systematisch zu verfolgen. Mitglieder dieser Volksgruppe würden aufgrund ihrer Herkunft und muslimischen Religion willkürlich festgenommen und inhaftiert sowie in Internierungslager gesteckt.

In der Haft hätten diese Menschen keinen „Kontakt zur Außenwelt“ und seien „starken Einschränkungen ihrer Religionsfreiheit sowie ihrer sozialen und kulturellen Rechte“ ausgesetzt.

Chinas Verfolgung der uigurischen Minderheit in Xinjiang ist in den letzten Jahren eskaliert und kommt nach Ansicht von Experten einem Völkermord gleich. Man geht davon aus, dass mehr als eine Million Menschen in Internierungslagern festgehalten werden, und es gibt immer mehr Beweise für Umerziehungsprogramme, Einschränkungen religiöser und kultureller Überzeugungen, Zwangsarbeitsprogramme, Massenüberwachung und Zwangssterilisation von Frauen. Auch Zwangsarbeit gehört zu den Vorwürfen. Trotzdem lassen Konzerne dort produzieren. China streitet die Vorwürfe vehement ab

China streitet die Vorwürfe vehement ab und sagt, die Politik diene dazu, den Terrorismus zu bekämpfen und die Armut zu lindern. Offizielle Stellen weisen regelmäßig alle Berichte über Missstände als Erfindungen zurück.

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Um das Bevölkerungswachstum der unerwünschten muslimischen Uiguren zu beschränken, habe Chinas kommunistische Regierung angeordnet, dass Babys kurz vor oder nach der Geburt getötet werden.

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Griechenland
Dr. Sadık Ahmet: Furchtloser Kämpfer für Menschenrechte

Ein Gastbeitrag von Kemal Bölge

Am 24. Juli 1995 – vor fast 30 Jahren – starb Dr. Sadık Ahmet bei einem bis heute ungeklärten Verkehrsunfall im Dorf Susurköy (griechisch: Sostis) in Nordostgriechenland.

Der Chirurg, Politiker und Menschenrechtsaktivist war eine zentrale Stimme der türkisch-muslimischen Minderheit in der griechischen Region Westthrakien. Sein Engagement für Minderheitenrechte machte ihn zu einer Symbolfigur – und zum politischen Stachel für das griechische Establishment.

Geboren wurde Sadık Ahmet am 7. Januar 1947 im Dorf Küçük Sirkeli (türkisch: Ağra) bei Gümülcine (Komotini). Sein Vater, ein Landwirt mit einer kleinen Werkstatt zur Reparatur von Pferdewagenrädern, benannte ihn nach seinem Großvater, der in der Region als Müller bekannt war – daher der Familienname „Değirmenci“, auf Deutsch: Müller. Die Schulzeit absolvierte Ahmet an der Celal-Bayar-Gesamtschule in Gümülcine, wo er auch sein Abitur machte.

Ein Arzt mit politischer Mission

Nach dem Schulabschluss führte ihn sein Bildungsweg zunächst nach Ankara, später auch nach Thessaloniki. Dort studierte er Medizin und schloss 1974 erfolgreich sein Studium ab.

Seit 1984 arbeitete er als Chirurg – doch seine wahre Berufung fand er in der Politik. Früh engagierte sich Ahmet für die Rechte der türkischen Minderheit in Westthrakien, die seit Jahrzehnten von der griechischen Regierung nicht als „türkisch“, sondern lediglich als „muslimisch“ bezeichnet wird. Diese Verweigerung der ethnischen Selbstdefinition sorgte über Jahre hinweg für gesellschaftliche Spannungen.

1985 organisierte Ahmet eine Unterschriftenkampagne, mit der er die internationale Öffentlichkeit auf die Diskriminierung der türkischen Minderheit aufmerksam machen wollte. Rund 15.000 Menschen unterstützten seine Forderungen. Die griechischen Behörden reagierten jedoch nicht mit Dialog – sondern mit Repression. Wegen seiner politischen Aktivitäten wurde Ahmet angeklagt und zu 30 Monaten Haft verurteilt.

Parlamentseinzug und politische Repression

1989 wurde Sadık Ahmet zum ersten unabhängigen Abgeordneten der türkischen Minderheit ins griechische Parlament gewählt – ein historischer Erfolg. Doch die Wahl wurde später annulliert. Ein Jahr später, am 26. Januar 1990, hielt er eine Rede, in der er den Begriff „Türken“ für die Minderheit in Westthrakien verwendete. Dies führte erneut zu einer Verurteilung – diesmal zu mehreren Monaten Freiheitsstrafe.

In einer mutigen Stellungnahme vor seinem Haftantritt sagte er: „Nur weil ich Türke bin, muss ich ins Gefängnis. Wenn es strafbar ist, Türke zu sein, sage ich noch einmal, dass ich Türke bin und es auch bleiben werde.“

Seine Worte wurden zum Symbol für den Kampf um ethnische Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit.

Gezielte Hürden gegen Minderheiten

1993 änderte das griechische Parlament das Wahlrecht – unter anderem durch die Einführung einer Drei-Prozent-Hürde. Diese Änderung hatte weitreichende Folgen: Unabhängige Kandidaten wie Sadık Ahmet konnten dadurch kaum noch ins Parlament einziehen. Kritiker warfen der Regierung vor, gezielt gegen politische Repräsentanten der türkischen Minderheit vorzugehen.

Trotz aller Rückschläge blieb Ahmet seiner Mission treu. Er kämpfte für den muttersprachlichen Unterricht, für Religionsfreiheit und für die Anerkennung der kulturellen Identität der türkischen Minderheit. Seine Entschlossenheit und Furchtlosigkeit machten ihn für viele zur Stimme einer entrechteten Gemeinschaft – und für die politischen Eliten Griechenlands zu einer unbequemen Figur.

Ein ungeklärter Tod

Am 24. Juli 1995 endete das Leben von Dr. Sadık Ahmet bei einem mysteriösen Autounfall in Susurköy. Die genauen Umstände seines Todes wurden nie vollständig aufgeklärt, was bis heute Spekulationen und Zweifel nährt. Für viele blieb die Frage bestehen: War es wirklich ein Unfall – oder das Schweigen über einen politischen Mord?

Erinnerung an ein Vermächtnis

Drei Jahrzehnte nach seinem Tod ist das Vermächtnis von Sadık Ahmet lebendiger denn je. In der Türkei und bei der türkischen Minderheit in Griechenland wird seiner regelmäßig gedacht. Er gilt als Symbol für Mut, Gerechtigkeit und das unermüdliche Streben nach Gleichberechtigung.

Dr. Sadık Ahmet hat der türkischen Minderheit eine politische Stimme verliehen – und der Welt gezeigt, dass selbst ein Einzelner die Kraft haben kann, gegen systematische Diskriminierung aufzustehen. Sein Lebenswerk bleibt Mahnung und Inspiration zugleich.

 
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
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Der 20. Juli 1974 markiert aus Sicht der Zyperntürken einen Wendepunkt. Sie waren es, die von 1963 bis 1974 gezwungen waren, in über die ganze Insel verstreuten Enklaven zu leben.

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Gastbeitrag
Es begann mit „One Minute“, endete im Putschversuch

Ein Gastbeitrag von Nabi Yücel Es sind bereits neun Jahre her, dass der brutale Putschversuch in der Türkei aus der Warte des Volkes betrachtet, zum Scheitern verurteilt war. Hunderttausende im Land, hatten sich den Putschisten der Fethullah Gülen -Sekte in den Weg gestellt, noch ehe Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan sich an das Volk wendete. Hat sie auch die Kraft und den Mut, sich vereint in das nächste Jahrhundert aufzumachen? Wie gefährlich der gescheiterte Putschversuch vom 15. auf den 16. Juli 2016 für die türkische Republik war, ist kaum zu erfassen. Dieser Putschversuch war tiefer und komplexer, und wird noch Jahrzehnte nachhallen. Denn, die Aufarbeitung der Verbrechen, die Verfolgung der Verbrecher, der Mut zu Veränderungen, diese sollten nicht bei loser Rhetorik bleiben… Man sollte beispielsweise nicht vergessen, dass İsmet İnönüs Erklärungen von 1964 und 1974, „Eine neue Welt wird entstehen, die Türkei wird ihren Platz einnehmen“, und Bülent Ecevits „Sprung über die Mauer“, alle während des Kalten Krieges erfolgten. Die Umsetzung dieser Erklärungen gestaltete sich unter den geltenden Umständen jedoch schwierig, schlussendlich wurden auch keine nachhaltigen Anstrengungen in diese Richtung unternommen.

Entscheidungen erfordern Mut und Rückgrat gegenüber der Bevölkerung

Die Ereignisse nach dem „Nein“ zum parlamentarischen Mandatsantrag in Zusammenhang mit dem Einsatz im Irak sowie der Stationierung von ausländischen Militärs vom 1. März 2003, fielen in eine Phase der Unsicherheit in den internationalen Beziehungen zusammen. Diese Zeit der Unsicherheit minderte jedoch nicht die geopolitische Bedeutung der Türkei; im Gegenteil, die Entwicklungen im Nahen Osten stärkten sie weiter. An diesem Punkt ist entscheidend, dass die Bedeutung der Geografie, in der sich die Türkei befindet, immanent ist. Diese Geografie, in ihrer klassischsten Definition, umfasst direkt den Balkan, das Schwarze Meer, den Kaukasus, den Nahen Osten und das östliche Mittelmeer. Geopolitik ist in ihrer prägnantesten Definition die Entwicklung und Umsetzung politischer Entscheidungen, die in einer bestimmten geografischen Region für die Sicherheit dieser Region und das Wohlergehen der dort lebenden Völker erforderlich sind. In der Ära der republikanischen Politik war das Prinzip „Friede im Inland, Frieden in der Welt“ bis zu einem gewissen Punkt der geeignetste politische Rahmen für die kleinasiatische Region. Dieses Prinzip manifestierte sich in der Entwicklung von Partnerschaften mit allen Staaten, insbesondere den Nachbarländern, der Nichteinmischung in deren innere Angelegenheiten und der Weigerung, auch nur annähernd imperiale Ambitionen der Vergangenheit zu verfolgen. Die Türkei wurde Mitglied des Westens, nachdem sie nach 1946 den Übergang zur Mehrparteiendemokratie vollzogen und Mitglied der Vereinten Nationen geworden war, Gründungsmitglied des Europarats wurde und 1952 der NATO beitrat. Trotz der Krisen, die sie erlebte, diskutierte die Türkei diese Zugehörigkeit über bloße Rhetorik hinaus nie ernsthaft. Diese Einschätzung galt bis zuletzt auch für die Ära der AKP unter Recep Tayyip Erdoğan.

Proteste auf dem Gezi-Park von 2013

Ab den Protesten im Gezi-Park von 2013, änderte sich diese Haltung schlagartig. Ein zunehmendes Misstrauen breitete sich nicht nur in der Politik, sondern in der Gesellschaft aus. Nach diesem Ereignis waren die Beziehungen zur westlichen Welt nie mehr dieselbe, es wurde sogar immer mehr vergiftet; mit dem anhaltenden Syrien-Konflikt (2011-2024) und der in Nordsyrien ausbreitenden Terrororganisation PKK; mit dem Scheitern des Friedensprozesses der PKK im Juli 2015; und mit der Operation „Schützengräben“ zwischen August 2015 und März 2016 gegen die PKK im Inland. Insbesondere diese Umstände führten dazu, dass die türkische Regierung zu einer anderen Interpretation der Doktrin „Friede im Inland, Frieden in der Welt“ kam. Später vertieften weitere Krisen und mutmaßliche Affären, vor allem aber der Putschversuch der FETÖ vom 15. Juli 2016 dieses Misstrauen gegenüber dem Westen und den Vereinigten Staaten immens. Parallel dazu betrat Russland den Nahen Osten nach der Georgien-Krise, der Annexion der Krim und der Ukraine-Krise. Die strategische Verlagerung Russlands in den Beziehungen zur Türkei, wurde sichtbar und erhöhte zugleich den Druck auf das kleinasiatische Kernland. Die Veränderungen, die den Nahen Osten und insbesondere die Türkei betreffen, vor allem aber die Entwicklungen nach der US-amerikanischen Invasion im Irak ohne die türkische Beteiligung, die unterschiedlichen Herangehensweisen in Zusammenhang mit dem syrischen Bürgerkrieg, das Ende der Friedensinitiative mit der Terrororganisation PKK und die Rhetorik der türkischen Regierung allgemein, zeigen deutlich, wie das Gesamtklima in Ankara gegenüber Washington und den europäischen Hauptstädten war und bis heute so geblieben ist. Die Lage ist derart komplex geworden, dass die Beziehungen der Türkei zum Westen nur noch als Zweckbündnis zu deuten sind. Zwischen der Normalisierung der Türkei und den USA stehen vor allem nach dem gescheiterten Putschversuch die Führer der Fethullah Gülen-Bewegung und der engste Kreis dessen im Wege. Aus Sicht Washingtons war bis zum Ableben von Fethullah Gülen, dieser ein hoch angesehener Sektenanführer, und sein engster Kreis sind weiterhin US-Staatsbürger. Aus der Warte der Türkei betrachtet, handelt es sich allesamt um Landesverräter, um Terroristen und Verbrecher. Der Fall Metin Topuz und einem weiteren Staatsbürger, die für das US-Konsulat arbeiteten, rundeten das Gesamtbild ab, das Ankara von Washington gewonnen hatte und zu Gegenmaßnahmen bewegte. Obwohl Topuz, ein türkischer Staatsbürger, für eine diplomatische Mission tätig war, stand seiner Verhaftung nach nationalem wie internationalem Recht nichts im Wege. Die US-Seite gab jedoch laufend Erklärungen ab, die darauf hindeuteten, dass Topuz seiner gesetzlichen Rechte beraubt worden sei. Auch die Generalstaatsanwaltschaft in Ankara schaltete sich schließlich hierzu ein und erklärte: „Es gibt keinen Anspruch auf Familienbesuchsrecht.“ Da fand sprichwörtlich ein psychologischer Krieg zwischen zwei Staaten statt. Was auch immer der Grund sein mag, diese beispiellosen Maßnahmen, die türkische Bürger direkt betraf, hatte zweifellos einen neuen Riss in den Beziehungen verursacht.

Der Platz der Türkei in der Neuen Welt

Die alte Weltordnung ist zweifellos vorbei. Mit Henry Kissingers Worten: „wir befinden uns in einer chaotischen Zeit.“ Obwohl derzeit noch nicht bekannt ist, wie die neue Ordnung aussehen wird, gibt es einige wichtige Hinweise. Anzeichen dafür gab es bereits unter US-Präsident Obama, aber unter Trump wurde es noch deutlicher. Der Kern der Strategie ist folgender: Die USA scheinen freiwillig globale Verantwortung und Führung abgeben zu wollen. Sie wollen keine dauerhaften Allianzen mehr. Tritt eine Bedrohung auf, versuchen sie, diese – aufgrund des Traumas der Irak-Invasion – ohne eigenes militärisches Engagement zu bekämpfen, indem sie lediglich einem oder wenigen vorübergehenden Verbündeten, die sich vor Ort freiwillig melden, Waffen und Ausbildung zur Verfügung stellen. In den kommenden Jahrzehnten wird sich China mit seinem „One Belt, One Road“-Projekt von Shanghai über Eurasien bis nach Europa erstrecken. Diesen Entwicklungen steht die Russische Föderation gegenüber, die durch Petrodiplomatie und der hybriden Kriegsfähigkeiten sich neue strategische Vorteile zu verschaffen sucht. Und die EU, die diesen Entwicklungen vorerst nur zusieht und nicht wirklich eine Zukunftsstrategie vorzuweisen hat, ist seinen einzigen Mitglied mit globaler Vision, Großbritannien, los. Zudem werden bedeutende Regionalmächte unterschiedlicher Größe, wie beispielsweise die Türkei, zwangsläufig mit im Spiel sein. Es gibt noch keine Anzeichen dafür, wie eine solche Weltordnung aussieht und funktionieren wird. Wir befinden uns aber auch in einer Übergangsphase. Solche Übergangsphasen, in denen Stabilität verloren geht und Bündnisverpflichtungen in Frage gestellt werden, sind zweifellos voller Stolpersteine und mit entsprechenden Gefahren verbunden. Aus dieser Perspektive betrachtet sind drei Punkte für die Türkei entscheidend: die ideologischen, konfessionellen und ethnischen Bruchlinien im Inneren müssen minimiert, wenn nicht gar vollständig beseitigt werden; neue Freundschaften und Allianzen sind zu knüpfen und gleichzeitig bestehende Allianzen zu stärken; und letztlich ist zu verhindern, dass die Türkei zu einer Kampfarena um Einfluss zwischen Großmächten verkommt. Der letzte Punkt ist besonders wichtig: man muss die Allianzen auf den Prüfstand bringen, jedoch nicht um jeden Preis verlassen, gepaart mit unvorhergesehenen Entwicklungen, die einen solchen Kampf entfachen könnten. Es gibt zwei Schlüsselelemente, die die Türkei in dieser gefährlichen Zeit als Leuchtfeuer dienen und leiten werden: Erstens, die über 75 Jahre hart erkämpften pluralistischen demokratischen Errungenschaften; und zweitens, die Zahl der Freunde in der Region, bei denen man die traditionellen diplomatischen Ressourcen in vollem Umfang pflegt.

Freund oder Feind?

Eine übermäßige Schwächung, z. B. der Barzanis im Nordirak, hätte der PKK genutzt. Heute wissen wir, dass die Beziehungen zu Barzani mit ein Schlüssel zum Erfolg war, die PKK zur Aufgabe zu zwingen. Derzeit scheint die Türkei auf der Seite Teherans und Bagdads zu stehen. Vergessen wir aber nicht, dass Bagdad unter der Kontrolle Teherans steht. Die Revolutionsgarde, die Hisbollah und die schiitischen Kräfte der Hashd al-Shaabi wüten nicht nur im Irak, sondern wüteten bis vor kurzem in ganz Syrien. Der Iran hingegen hatte bekanntermaßen mit der PJAK (PKK) eine Vereinbarung zur Einstellung terroristischer Aktivitäten getroffen. Im Gegenzug sollten die Revolutionsgarde und die Hashd al-Shaabi die PYD, insbesondere in Syrien, in Ruhe lassen. Irans traditionelle Kurdenpolitik basiert darauf, gleichzeitig Freund und Feind aller kurdischen Organisationen zu sein. Gegenwärtig wird die PJAK von Teheran jedoch wieder verfolgt. Die extreme Schwächung Barzanis im Nordirak hätte der PKK direkt in die Hände gespielt. Ihre Ideologie, die eher auf Klassen- als auf Stammeszugehörigkeit basiert, hätte sich mit der Zeit – einhergehend mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten – weiter durchgesetzt. Die Kirkuk-Frage ist noch problematischer. Die vollständige Kontrolle durch Bagdad würde indirekt eine Kontrolle durch den Iran bedeuten. Ein multiethnischer Autonomiestatus war und ist für die Türkei daher von entscheidender Bedeutung. Diese Frage erforderte eine langfristige Perspektive, nicht nur eine gegenwärtige. Die nächstgrößere Herausforderung für die türkisch-amerikanischen Beziehungen bleibt weiterhin die Zukunft Syriens, die Rolle der PYD in dieser Zukunft und ihrer mutmaßlich 60.000 Mann starken Organisation namens SDF bzw. YPG. Diese Situation sollte als Realität betrachtet werden, die im schlimmsten Fall nicht rückgängig gemacht werden kann. Die Türkei muss weiterhin alle zukünftigen Überlegungen und Entscheidungen zwangsläufig unter Berücksichtigung dieser Realitäten treffen. In seiner drastischsten Form scheint der Türkei zwei Wege offenzustehen: entweder eine blutige Auseinandersetzung oder eine friedliche Lösung, bei der die Vernunft siegt. Eine blutige Auseinandersetzung würde die Zukunft der Türkei beeinträchtigen, und ihre verheerenden Folgen wären unvorhersehbar. Die Grenzen und die territoriale Integrität der Türkei sind heilig. Die Türkei hat kürzlich die mutigsten und wichtigsten Schritte in ihrer Geschichte zur Lösung der PKK-Frage unternommen, was einer friedlichen Lösung gleichkommt. Angelegenheiten außerhalb der türkischen Grenze sollten nach dem gegenwärtigen und beendetem Regulierungsprozess das Problem der Nachbarländer bleiben. Die historische Einheit der Türkei sollte heilig bleiben. Während der Republik gab es noch das „Passavant“-System. Damals bestellten Landbesitzer tagsüber ihre Felder und überquerten nachts mit einem Passavant die Grenze, um nach Hause zu gelangen. Man kann sich durchaus ein Szenario vorstellen, in dem Anziehungspunkte entlang der türkischen Grenze, kombiniert mit dem Öl des Südens und dem Geschäftssinn der Türkei, den Menschen auf beiden Seiten Wohlstand bringen würde. Es liegt jedoch in der Verantwortung aller in der Türkei, den Horizont der Türkei zu erweitern und ihre angesammelte Energie in positive Bahnen zu lenken. Das wichtigste Ziel sollte sein, Feindseligkeiten mit den Menschen unmittelbar hinter den Grenzen zu vermeiden, sie nicht dem Einfluss ausländischer Mächte auszusetzen und die Kräfte nicht zu vergeuden. Die Türkei von 2025 hat nach dem gescheiterten Putschversuch die Möglichkeit, die dafür notwendigen Strategien zu entwickeln, und sie verfügt über die Fähigkeit dazu, es auch umzusetzen.  
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Türkei
Umfrage: Mehrheit der Türken für Atomwaffen

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel 70 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die Türkei sich in naher Zukunft nur mit der atomaren Abschreckung schützen kann. In der türkischen Öffentlichkeit ist man seit den israelischen Angriffen auf Gaza, den Iran, Libanon und Syrien verunsichert und befürwortet als Reaktion darauf die Entwicklung oder Erwerb von Atomwaffen. Laut einer vom 1. bis 5. Juli von Research Istanbul durchgeführten Meinungsumfrage antworteten 71 Prozent der Befragten auf die Frage „sollte die Türkei mit der Entwicklung von Atomwaffen beginnen?“ mit „Ja“, während nur 18 Prozent mit „Nein“ antworteten. Weitere 11 Prozent waren unentschlossen oder hatten keine Meinung dazu. Denselben Umfrageergebnissen zufolge glauben auch mehr als 70 Prozent (72 Prozent) der Bevölkerung nicht daran, dass die NATO die Türkei im Falle eines Angriffs schützen würde. Der Anteil derjenigen, die glauben, dass die Türkei über ein ausreichendes Luftabwehrsystem verfügt, liegt mit 48 Prozent weiterhin unter 50 Prozent. Die zunehmende Kriegs-, Konflikt- und Spannungsatmosphäre in unmittelbarer Nähe zur Türkei ist laut Experten ein Ergebnis dieses Meinungsumschwungs. Die Ergebnisse von Research Istanbul zeigen, dass die Wahrnehmung externer Bedrohungen auch die Frage aufwirft, ob die gegenwärtige türkische Sicherheitsarchitektur genügt oder um eine Abschreckungswirkung erweitert werden muss. Diese Sorge hat auch die öffentliche Diskussion angestoßen und wird derzeit kontrovers geführt. Bemerkenswert daran ist, dass viele Kommentatoren in der jüngsten Vergangenheit die gesellschaftliche Sicht darauf übergangen und übersehen hatten: Die Gesellschaft hatte jedoch nicht erst mit den geopolitischen Krisen begonnen, neue Reflexe zu entwickeln, um potenziellen externen Bedrohungen zu begegnen, sondern nach dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016. Viele Bürger sind längst der Meinung, dass sich die Türkei stärker auf ihre eigenen militärischen Fähigkeiten verlassen, Unabhängigkeit erreichen muss.
Diese Ergebnisse spiegeln die wachsende Besorgnis der Öffentlichkeit angesichts der eskalierenden regionalen Konflikte im Nahen Osten, auf dem Balkan und im Kaukasus wider. Das allgegenwärtige Gefühl einer Bedrohung von außen veranlasst die türkische Gesellschaft dazu, Sicherheitsmaßnahmen in Betracht zu ziehen, die bislang tabu waren, darunter auch das Streben nach nuklearer Abschreckung – Erdi Ozturk, Professor an der London Metropolitan University
Alle Krisen im Nahen Osten, auf dem Balkan und im Kaukasus betreffen die Türkei direkt oder indirekt. Als ob das nicht schon den diplomatischen Spagat ausgereizt und die Türkei inzwischen auf einen schmalen Grat herangeführt hat, war die Türkei in den letzten Jahren gezwungen, sich den geopolitischen Akteuren wie Russland anzupassen und gleichzeitig ihre eigene Sicherheit im Nahen Osten zu schützen. Einer Region, die von Machtkämpfen zwischen China und den USA geprägt ist. Gleichzeitig erlebt sie Spannungen im Mittelmeerraum und der Ägäis, selbst mit europäischen Ländern, mit denen sie über die NATO verbündet ist. Kurz gesagt: Die Türkei ist heute auf drei Seiten vom Meer und auf vier Seiten von Konflikten und Bedrohungen umgeben. Unter diesen Umständen muss sich die Türkei schützen und neu positionieren, so die Devise innerhalb der türkischen Gesellschaft. Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan betonte während des jüngsten NATO-Gipfels in Den Haag in Zusammenhang mit Artikel 5 des Nordatlantikvertrags (NATO-Vertrag), dass dieser Artikel im Grundprinzip nie wirklich auf die Probe gestellt worden sei – eine Anspielung darauf, dass die Türkei womöglich stehen allein gelassen wird? Erdoğan hatte bereits 2019 in einer Rede seinen Missmut darüber bekundet, dass die Türkei keine Atomwaffen haben soll. „Einige Länder haben Raketen mit nuklearen Sprengköpfen. Nicht nur eine oder zwei.“ Der Türkei würde man jedoch sagen, sie solle keine Atomraketen haben. „Das akzeptiere ich nicht“, sagte Erdoğan auf einem Wirtschaftsforum in der zentraltürkischen Stadt Sivas. In der Öffentlichkeit herrscht seit längerem die Meinung, dass die westlichen Verbündeten bei Ausrufung des Artikel 5, das Land im Falle eines Angriffs nicht schützen werden.  
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
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STEM Olympiads
Zwei türkische Schüler werden Weltmeister in Mathe

Barcelona – Zwei junge türkische Schüler, Atlas Haser und Sidar Cem Kılagöz, haben ihr Land stolz gemacht, indem sie sich bei der 5. Internationalen MINT-Olympiade, die vom 9. bis 15. Juli 2025 in Barcelona stattfand, den Weltmeistertitel in der Kategorie Mathematik sicherten. Die Veranstaltung, an der 980 Schülerinnen und Schüler aus 36 Ländern teilnahmen, zeigte die bemerkenswerten Talente dieser jungen Wunderkinder, die auch in der Kategorie Naturwissenschaften Medaillen gewannen. Atlas Haser, ein Schüler der 6. Klasse, und Sidar Cem Kılagöz, ein Schüler der 4. Klasse, traten in ihren jeweiligen Alterskategorien an und erwiesen sich als weltweit führende Mathematiker. Ihre herausragenden Leistungen in der hart umkämpften Olympiade, die sich auf Naturwissenschaften, Technologie, Ingenieurwesen und Mathematik konzentriert, unterstreichen ihr Engagement und ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten. Zusätzlich zu ihren Siegen in Mathematik sicherten sich beide Schülerinnen und Schüler Goldmedaillen in der Kategorie Naturwissenschaften, was ihren Status als aufstrebende Stars in der akademischen Welt weiter festigt. Sidar Cem Kılagöz, 10 Jahre alt, hat eine beeindruckende Erfolgsbilanz vorzuweisen. Er hat bereits eine Bronzemedaille bei der Asiatischen Mathematikolympiade (AIMO) gewonnen und sich beim amerikanischen Mathematikwettbewerb platziert, was seine konstant guten Leistungen bei internationalen Wettbewerben unterstreicht. In diesem Jahr belegte er außerdem den ersten Platz bei der nationalen Mathematikmeisterschaft der Türkei und gewann bei der FISO-Olympiade Goldmedaillen in den Kategorien Mathematik und IQ. Beide Schüler können auf eine lange Erfolgsgeschichte bei nationalen und internationalen Wettbewerben zurückblicken, und ihre Erfolge in Barcelona werden als Beweis für ihre harte Arbeit und ihre Leidenschaft für Mathematik gewertet. Ihre Familien führen ihren Erfolg auf eine starke Arbeitsmoral und eine tiefe Liebe zu diesem Fach zurück. „Die Disziplin und der Enthusiasmus, mit denen diese jungen Schüler ihre Studien betreiben, sind wirklich inspirierend“, sagte ein Vertreter des Fatih İslam Seçen Science and Art Center, an dem Sidar Cem eingeschrieben ist. Es wird erwartet, dass die Siege des Duos andere junge Schülerinnen und Schüler in der Türkei inspirieren werden, sich für MINT-Fächer zu entscheiden. Ihre Erfolge kommen zu einer Zeit, in der die Türkei durch Programme wie die TÜBİTAK-Wissenschaftsolympiaden, die bereits Medaillengewinner bei internationalen Wettbewerben hervorgebracht haben, weiterhin Fortschritte bei der Förderung junger Talente macht. Atlas und Sidar Cem ruhen sich nicht auf ihren Lorbeeren aus. Sie werden noch in diesem Monat an internationalen Mathematikwettbewerben in Thailand und Japan teilnehmen, wo sie ihre Siegesserie fortsetzen wollen. Ihr Erfolg hat in den sozialen Medien große Aufmerksamkeit erregt: In Posts auf X wurden ihre Leistungen gefeiert und Sidar Cem wegen seines historischen Sieges als „türkisches Wunderkind“ bezeichnet. Die türkische Bildungsgemeinschaft, darunter Institutionen wie TED Atakent und die Istanbuler Provinzdirektion für nationale Bildung, zeigten sich sehr stolz auf die Leistungen der Schüler. Die Internationale MINT-Olympiade dient jungen Menschen als Plattform, um ihre Fähigkeiten in einer globalen Arena zu präsentieren, und Atlas Haser und Sidar Cem Kılagöz haben bewiesen, dass die Zukunft der Türkei in Wissenschaft und Technologie rosig ist. Ihr Engagement und ihre Erfolge sind eine Quelle des nationalen Stolzes und eine Erinnerung daran, wie wichtig es ist, junge Talente in MINT-Disziplinen zu fördern.
(Screenshot/X)

Gastkommentar
Superman und das braune Volk – Wenn ein Film den rassistischen Spiegel unserer Zeit zeigt

Ein Gastbeitrag von Gazmend Gashi Der neue Superman-Film wurde zur politischen Waffe – nicht, weil er agitatorisch ist, sondern weil er unbequeme Wahrheiten sichtbar macht.
Pro-israelische und zionistische Akteure starteten eine koordinierte Kampagne: Boykottaufrufe, Schmierkampagnen, und schließlich die vollständige Veröffentlichung des Films auf YouTube – ein gezielter Versuch, dem Werk finanziellen Schaden zuzufügen. Doch diese Reaktionen verraten mehr über den Zustand der westlichen Mehrheitsgesellschaft als über das Werk selbst. Sie entlarven eine rassistische Selbstwahrnehmung, die tief in kolonialen Denkmustern verankert ist.
Allegorie auf koloniale Gewalt
Im Zentrum des Films steht ein fiktives, braunes indigenes Volk, das sich einer übermächtigen, weißen Siedlermacht gegenübersieht – technologisch überlegen, organisiert, brutal. Das Bild ist klar: Eine Allegorie auf koloniale Gewalt, Unterdrückung und Widerstand. Und genau hier beginnt das Unbehagen derjenigen, die sich mit der unterdrückenden Macht identifizieren. Es ist nicht nur die Angst, als Täter entlarvt zu werden – es ist die tiefe Weigerung, sich überhaupt mit dem „Braunen“ zu assoziieren. Denn in der rassistischen Logik des Westens – und vieler Pro-Israel-Kreise – ist „braun“ nicht nur eine Hautfarbe, sondern ein Code: für Rückständigkeit, Bedrohung, Terror, Chaos. Braun ist das Andere. Das, was man nicht sein will. Das, was bekämpft, entmenschlicht und ausgelöscht werden darf.
„Verbunden mit weißer Siedlermacht“
Deshalb identifizieren sich viele Pro-Israel-Stimmen nicht etwa mit dem unterdrückten Volk im Film, obwohl sie sich in der öffentlichen Erzählung ständig als „indigene Minderheit“ präsentieren. Stattdessen fühlen sie sich der weißen Siedlermacht verbunden – nicht trotz, sondern wegen ihres rassistisch-privilegierten Status. Das vermeintlich indigene Selbstbild Israels zerbricht in dem Moment, wo eine fiktive indigene Bevölkerung filmisch in Szene gesetzt wird – und man sich weigert, zu ihr zu gehören. Hier wird deutlich: Der Bezug auf „Indigenität“ dient rein taktischen Zwecken. In Wahrheit zählt das Weißsein. Der Zugang zur westlichen Vorherrschaft. Zur Macht. Zur Gewalt. Zum rassistischen Selbstverständnis, das die braunen Völker dieser Welt bestenfalls als Bedrohung betrachtet. Als jemand, der selbst aus einem durch Genozid gezeichneten Volk stammt – als Kosovo-Albaner, dessen Geschichte von serbischem, christlich-nationalistischem Völkermord geprägt ist – war es für mich selbstverständlich, mich in diesem Film mit dem braunen indigenen Volk zu identifizieren. Ich sah in ihrem Leid, in ihrem Widerstand, in ihrem Überleben Parallelen zu dem, was palästinensische Familien seit Jahrzehnten erfahren. Die Bombardierung, die Enteignung, die Propaganda, die völlige Umkehrung von Täter und Opfer – all das ist real, nicht fiktiv. Und darum wirkt dieser Film wie ein Spiegel, in den viele nicht blicken wollen. Die Gewalt, mit der der Film öffentlich diskreditiert wird, zeigt eine tiefe Unruhe. Denn er erlaubt keine moralische Ausflucht. Wer ihn sieht, erkennt die strukturelle Logik des Rassismus: Weiß ist überlegen, braun ist gefährlich. Weiß darf Siedler sein, darf Grenzen verschieben, darf sich „verteidigen“ – selbst dann, wenn es in Wahrheit angreift. Braun darf nur Opfer sein – wenn überhaupt. Und wenn es sich wehrt, wird es sofort kriminalisiert.
„Mehr als eine fiktionale Figur“
In diesem Kontext ist der neue Superman mehr als eine fiktionale Figur. Er ist ein moralisches Korrektiv. Er steht nicht mehr auf der Seite jener, die sich selbst zu Helden stilisieren, obwohl sie in Wahrheit Unterdrücker sind. Er ist auf der Seite der Schwachen – nicht als Retter, sondern als Zeuge. Als jemand, der das koloniale Narrativ nicht länger mitträgt. Und genau das macht ihn gefährlich für jene, die vom alten Bild leben: Superman als weißer, westlicher Held, der die Welt „in Ordnung“ hält. Doch was ist diese Ordnung anderes als ein System rassistischer Gewalt? Dass dieser Film in voller Länge auf YouTube gestellt wurde – nicht aus Fanliebe, sondern aus Kalkül –, ist ein Akt der Zensur. Kein juristischer, sondern ein ideologischer. Wer die Produktion wirtschaftlich sabotieren will, bekämpft nicht Kunst, sondern ihre politische Wirkung. Es ist ein Racheakt gegen eine Geschichte, die den Spiegel zu klar hält. Gegen eine Erzählung, in der die „Braunen“ nicht länger schweigen. Und gegen ein Publikum, das beginnt, sich nicht mit Macht, sondern mit Menschlichkeit zu identifizieren. Die Maske der westlichen Moral ist gefallen. Und Superman war es, der sie abgenommen hat – nicht durch Gewalt, sondern durch Klarheit. Er hat gezeigt, dass „Heldentum“ nicht in Kraft, sondern in Haltung besteht. Dass wahres Heldentum darin liegt, sich dem Rassismus entgegenzustellen – nicht indem man davon redet, sondern indem man sich klar positioniert. Danke, Superman. Du warst ein Held meiner Jugend – und bist es heute mehr denn je.

Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

Zum Autor

Gazmend Gashi ist Kind der ersten Migrantengeneration, Hadith-Wissenschaftler, Diplom-Wirtschaftler, leidenschaftlicher Handwerker, R’n’B/Soul-Sänger und politischer Analyst. Unabhängig von seiner islamischen Gelehrsamkeit widmet er sich soziologischen Analysen kollektiven Verhaltens – mit Schwerpunkt auf Antirassismus, Antimuslimismus und Antisemitismus.
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Gastbeitrag
Kommentar: Israel plant eine Dreiteilung Syriens

Ein Gastbeitrag von Nabi Yücel

Die israelische Armee hat nach eigenen Angaben erneut „militärische“ Ziele in Syrien, vor allem in der syrischen Hauptstadt Damaskus angegriffen.

Nach einem ersten kleineren Angriff auf das Hauptquartier der Armee, folgte ein weiterer schwerer Schlag auf das Gebäude. Inzwischen wurde auch der Präsidentenpalast bombardiert. Beweggrund? Die Anhörung Netanyahus wegen Korruptionsvorwürfen! Dieser Termin platzte selbstverständlich…

Während hiesige deutschsprachige Medien das Motiv der Bombenangriffe als „Vergeltungsschlag“, als „Eskalation“ deklarieren, die Bundesregierung zur Mäßigung beider Seiten aufruft, spricht der globale Süden von einem weiteren eklatanten Völkerbruch seitens Israel, insbesondere gegen die Grundprinzipien der Souveränität und Nichteinmischung.

Richtig so! Israel darf nicht weiter die „Drecksarbeit für uns alle!“ machen, nur weil Bundeskanzler Friedrich Merz der Ansicht, ist, die iranischen Mullahs, oder diesmal die syrische Interimsregierung, völkerrechtswidrig loswerden zu müssen.

Wo hört denn das eigentlich auf? Etwa bei der Türkei und seinem Präsidenten, der nach überwiegender Meinung aller renommierter Experten in der Türkei, vom Westen, insbesondere auch von Deutschland schon seit 2009 im Visier steht und gestürzt werden sollte, jedoch bislang damit versagt haben?

Aber zurück zum israelischen Angriffskrieg, der sich mit Ansage angekündigt hatte. Der israelische Diaspora-Minister Amichai Chikli forderte am Dienstag über das soziale Netzwerk X die „Eliminierung“ des syrischen Präsidenten Ahmad al-Sharaa. Am Mittwoch dann der Angriffskrieg, der just zum Termin der Anhörung von Netanyahu stattfindet.

Man ist doch in den deutschen Medien sonst nicht so sparsam darin, bei solchen Zusammenhängen schnell einen Coup zum Machterhalt zu wittern, wie man es bei Recep Tayyip Erdoğan ständig tut, auch wenn er nur hustet. War also die zeitliche Nähe zwischen Netanyahus Anhörung und dem Angriffkrieg in Syrien nur eine Laune der Chaostheorie?

Zurück zu Chikli: Offensichtlich hatte Chikli vor seinem jüngsten Rotz auf X das riesengroße Plakat in Tel Aviv nicht gesehen, wo man für die Ausweitung des Abraham-Abkommens im Nahen Osten unter Trumps Führung geworben hatte und Ahmad al-Sharaa links von al-Sisi mit anderen Staatsoberhäuptern nebst Trump und Netanyahu, ebenfalls ein breites Lächeln vorzuweisen hatte.

Das Israel selbst auf dem Boden des Terrors entstand, ist hinlänglich bekannt. Das Israel sich an keine weltlichen Normen und Regeln hält, ist ebenfalls seit ihrer Gründung hinlänglich bekannt. Das Israel das Handwerk der Diplomatie nicht kennt, ist ihrer jungen Existenz geschuldet.

Das Israel jetzt mit westlichem Schulterklopfen weiterhin Normen und Regeln des Völkerrechts brechen kann, dass dürfen wir dem Westen, insbesondere den USA und Deutschland verdanken. Sie liefern die Waffen und lassen weiterhin die Drecksarbeit machen!

Das Problem daran? Naja, der globale Süden ist mehr als nur irritiert über Israels ständige Angriffskriege, über das plötzliche Kippen der westlichen Moralvorstellung. Deshalb hat der Golf-Kooperationsrat die Angriffe der israelischen Streitkräfte auf das Gebiet der Arabischen Republik Syrien aufs Schärfste verurteilt.

Das türkische Außenministerium erklärte die israelischen Angriffe auf Damaskus als Versuche, die syrischen Bemühungen um Frieden und Sicherheit zu sabotieren, und der libanesische Präsident General Joseph Aoun erklärte, die wiederholten israelischen Angriffe auf syrisches Territorium seien schärfstens zu verurteilen. Diese Angriffe würden einen eklatanten Verstoß gegen die Souveränität eines arabischen Bruderstaates, das Völkerrecht und die UN-Charta darstellen.

Aber die Bundesregierung, eine von sich aus gewachsene und gestandene Nation mit langer diplomatischer Vorgeschichte sowie Tradition, degradiert sich mit hanebüchenen Erklärungen selbst zu einer Bananenrepublik, die gegenwärtig nicht einmal dem Libanon das Wasser reichen könnte.

Es ist schon tragikomisch, dass der Präsident des Europäischen Rates, António Costa, der Bundesregierung und damit dem Bundeskanzler vor zitieren muss, wie man so etwas eigentlich als gestandener Staatsmann kommentiert: „Sehr besorgt über die israelischen Angriffe auf Damaskus. Die Souveränität und territoriale Integrität Syriens müssen respektiert werden.“

Aber da wo kein Rückgrat, da sucht man vergebens nach Werten und Normen!

Wer verstehen will, warum sich Israel jetzt wieder als Schutzmacht der Drusen aufspielt, sollte sich diese Karte ansehen.

Arye Sharuz Shakicar

 

Diese kursiert in israelischen Kreisen und zeigt ein dreigeteiltes Syrien. Suweida ist der südlichste an Jordanien grenzende Zipfel Syriens. Westlich davon liegen die von Israel besetzten Golanhöhen. Israel will auf keinen Fall, dass Suweida unter Kontrolle der Zentralregierung fällt, weil es einen hier in gelb eingezeichneten künftigen kurdisch dominierten Korridor teilen würde.

Warum jetzt? Das hat wiederum mit der Entwicklung zwischen Ankara und der Terrororganisation PKK zu tun. Die PKK hat damit begonnen, sich im Zuge ihres Auflösungsprozesses zu entwaffnen.

Wenn Israel seinen lange gehegten Plan von einem kurdischen Vasallenstaat als Puffer zwischen arabischer, türkischer und persischer Welt retten will, muss es jetzt handeln und den syrischen PKK-Ableger YPG aus diesem Prozess herausreißen. Das wird nur mit einem neuerlichen Aufflammen der Unruhen in Syrien möglich sein.

Eigentlich sollte der eine oder andere nun verstehen, und was dahintersteckt, wenn kurdisch-nationalistische Kreise in Deutschland diese durchgeknallten Kriegstreiber als Retter der Minderheiten im Nahen Osten anpreisen.

 
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– Gastkommentar – Israel: Die deutsche Unfähigkeit zur Objektivität

Zwischen Schuldkomplex, Judenfetisch und Feindbildproduktion: Andrea Sawatzki und die deutsche Unfähigkeit zur Objektivität

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Gastkommentar
Der neue Superman: In Deutschland „antisemitisch“

Ein Gastbeitrag von Gazmend Gashi Während international Begeisterung für den neuen Superman-Film aufkommt und selbst sonst kritische Stimmen den DC-Klassiker als künstlerische Wiedergeburt feiern, fallen deutsche Feuilletons mit bemerkenswerter Härte über die Produktion her. Die Diskrepanz ist augenfällig: Während Zuschauer weltweit die Rückkehr zu einem ideologisch geerdeten, moralisch aufgeladenen Superhelden goutieren, wird in Deutschland der Untergang des Kinos beschworen. Der Grund dafür ist kein cineastischer – sondern ein tief sitzender politischer Reflex. Der neue Superman-Film wagt etwas, das in Deutschland als nahezu ketzerisch gilt: Er erzählt eine Metapher auf das palästinensische Leid. Nicht plakativ, nicht missionarisch, sondern in einer künstlerisch dichten, symbolisch vielschichtigen Erzählweise. Der Held kämpft nicht mehr bloß gegen imaginäre Superschurken, sondern wird Zeuge eines systematischen Vernichtungsversuchs eines Volkes, bei dem eine Supermacht die Hände im Spiel hat. Für einen globalen Süden, der reale Völkermorde und koloniale Gewalt kennt, ist diese Allegorie keine Provokation, sondern eine Realität. Für deutsche Kritiker hingegen ist sie offenbar eine Bedrohung der eigenen ideologischen Komfortzone. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um zu bemerken, wie reflexhaft deutsche Reaktionen auf jede Form künstlerischer oder analytischer Parteinahme für Palästina ausfallen. Dass selbst ein Superheldenfilm als antisemitisch etikettiert wird, weil er den Opfern eine Stimme gibt, ist ein Symptom jener moralischen Schieflage, die Deutschland bis heute daran hindert, sich ehrlich mit seiner gegenwärtigen Komplizenschaft bei der kolonialrassistischen Vernichtungspolitik Israels auseinanderzusetzen. Die Verteidigung Israels – gleichgültig gegenüber jeder Kritik – hat sich in ein nationales Dogma verwandelt, das mit demokratischer Debatte und künstlerischer Freiheit unvereinbar geworden ist. Der Begriff „Israelsyndrom“ beschreibt treffend jene psychopolitische Struktur, in der jede Darstellung palästinensischen Leidens automatisch als Angriff auf die deutsche Staatsräson empfunden wird. Die Schuldabwehr wird zur Schuldprojektion: Wer Missstände benennt, wird nicht gehört, sondern moralisch vernichtet. Und so wird auch Superman, der in seiner Ursprungsfigur als Retter der Entrechteten gedacht war, nun zum Problem, sobald seine moralische Kraft jenen gilt, die vom Westen systematisch entrechtet werden. Der Film bleibt dabei bemerkenswert nahe an der Originalidee der Superman-Figur. Kal-El – der Flüchtling vom zerstörten Planeten – war immer schon eine Allegorie auf Verfolgung, Exil und moralische Verantwortung gegenüber den Schwächeren. Was neu ist, ist die klare Zuordnung dieser Verantwortung zu einem konkreten politischen Kontext: Die palästinensische Erfahrung wird nicht als religiöses oder ethnisches Problem kodiert, sondern als universelle Frage nach Recht, Menschlichkeit und Widerstand gegen koloniale Auslöschung. In dieser Lesart wird Superman zum Symbol eines gerechten Ungehorsams gegen imperial gestützte Unmenschlichkeit. Dass ausgerechnet in Deutschland – einem Land, das Palästinensern bis heute das Recht auf Trauer, Widerstand und kulturelle Sichtbarkeit abspricht – ausgerechnet dieser Film auf so aggressive Ablehnung stößt, ist kein Zufall. Es verweist auf das tief verwurzelte Bedürfnis des eurozentrischen weißen Mannes, seine moralische Überlegenheit über koloniale Opfer zu behaupten, indem er sie auf ewig im Schatten der eigenen Geschichte hält. Während die Welt sich öffnet für multipolare Perspektiven, hält Deutschland an einem binären Schuldbegriff fest, der Kritik an Israel mit Antisemitismus gleichsetzt und sich so der Verantwortung für gegenwärtige Komplizenschaft entzieht. Die Mutmaßung, dass zionistische Lobbystrukturen in der deutschen Medienlandschaft gezielt Einfluss auf die Bewertung solcher Werke nehmen – sei es durch subtile Netzwerke oder direkte finanzielle Förderung – mag sich nicht in Zahlen belegen lassen, ist aber im Effekt spürbar: Wer gegen das Schweigen anschreibt oder -filmt, wird ignoriert oder diffamiert. Die Kulturkritik wird zur Gesinnungskontrolle. Doch je mehr sich diese Mechanismen in ihrer moralischen Enge entlarven, desto stärker wird die Wirkung solcher Filme. Superman wird, paradoxerweise, gerade dort am relevantesten, wo man ihn am meisten zu verhindern sucht. Wenn der Held sich auf die Seite der Unterdrückten stellt, verliert er in Deutschland seine Unschuld – und gewinnt seine wahre politische Kraft zurück. Für viele junge Menschen, insbesondere im globalen Süden und in migrantischen Communities Europas, wird er dadurch zum Symbol: nicht für nationale Stärke, sondern für die universelle Idee von Gerechtigkeit. Der Film ist kein Angriff auf Israel. Er ist eine Herausforderung an ein System, das seine Gewalt nicht benennen lassen will. Und er ist ein Angriff auf das intellektuelle Schweigen Europas, das sich hinter moralischer Rhetorik versteckt, während es reale Völkermorde durch Waffenlieferungen, diplomatische Immunisierung und mediale Dämonisierung der Opfer begleitet. Dass ausgerechnet ein Superman-Film diese Debatte neu entfacht, ist kein Skandal. Es ist ein Hoffnungsschimmer.

Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

Zum Autor

Gazmend Gashi ist Kind der ersten Migrantengeneration, Hadith-Wissenschaftler, Diplom-Wirtschaftler, leidenschaftlicher Handwerker, R’n’B/Soul-Sänger und politischer Analyst. Unabhängig von seiner islamischen Gelehrsamkeit widmet er sich soziologischen Analysen kollektiven Verhaltens – mit Schwerpunkt auf Antirassismus, Antimuslimismus und Antisemitismus.
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