Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır
Vor 300 Jahren, im Jahr 1726, veröffentlichte Philipp Johann von Strahlenberg seinen „Vorbericht“ zu einem großen Werk über die nördlichen und östlichen Teile Europas und Asiens. Der aus Stralsund stammende deutschstämmige Offizier und Forschungsreisende in schwedischen Diensten wurde damit zu einem entscheidenden Wegbereiter der modernen Türkologie.
Aufgrund seiner Forschungen zu den türkischen Sprachen, seiner vergleichenden Sprachstudien und seiner frühen Bekanntmachung der alttürkischen Inschriften kann er als „Vater der Türkologie“ bezeichnet werden.
Strahlenberg wurde 1676 als Philipp Johann Tabbert in Stralsund geboren, das damals zu Schwedisch-Pommern gehörte. Nach der schwedischen Niederlage bei Poltawa 1709 geriet er in russische Kriegsgefangenschaft und verbrachte viele Jahre in Sibirien. Was als Folge eines Krieges begann, entwickelte sich zu einer Forschungsreise von bleibender Bedeutung.
Gemeinsam mit dem deutschen Naturforscher Daniel Gottlieb Messerschmidt erforschte Strahlenberg den eurasischen Raum. Messerschmidt kommt bei der wissenschaftlichen Entdeckung der alttürkischen Inschriften am Jenissei eine zentrale Rolle zu. Strahlenberg wiederum brachte die Nachricht von diesen Schriftdenkmälern und ihre Abbildungen nach Europa und machte sie einem größeren gelehrten Publikum bekannt.
Türkische Sprachen im Vergleich mit Europa
Strahlenbergs Bedeutung für die Türkologie reicht jedoch weit über die Inschriften hinaus. Er sammelte und verglich zahlreiche Sprachen Eurasiens. Dabei nahmen die damals häufig als „tatarisch“ bezeichneten türkischen Sprachen eine bedeutende Stellung ein. Er stellte Wörter verschiedener Sprachen nebeneinander und suchte nach sprachlichen und historischen Verwandtschaften zwischen den Völkern Europas und Asiens.
Damit gehörte Strahlenberg zu den frühen Forschern, die die türkischen Sprachen nicht als isolierte Erscheinung betrachteten, sondern in einen weitgespannten eurasischen Vergleich einbezogen. Seine Arbeiten entstanden lange vor der Ausbildung der modernen vergleichenden Sprachwissenschaft und müssen daher aus dem wissenschaftlichen Horizont des frühen 18. Jahrhunderts verstanden werden.

Besonders bemerkenswert sind die historischen Folgerungen, die Strahlenberg aus solchen Vergleichen zog. Er beschäftigte sich mit möglichen alten Verbindungen zwischen europäischen und asiatischen Völkern und vertrat unter anderem die Auffassung, dass Türken und Franken miteinander verwandt seien. Sprachvergleich war für ihn deshalb zugleich ein Mittel zur Rekonstruktion einer sehr viel älteren gemeinsamen Geschichte Eurasiens.
Odin und der eurasische Norden
Auch die Herkunft der nordischen Völker betrachtete Strahlenberg in diesem großen eurasischen Zusammenhang. Dabei griff er ältere Überlieferungen über die asiatische Herkunft Odins auf und verband sie mit seinen eigenen geografischen und historischen Beobachtungen. In seiner Darstellung erscheint Odin als eine aus dem sibirisch-asiatischen Raum nach Europa gekommene Gestalt.
Strahlenberg dachte die Geschichte Europas nicht ausschließlich aus Europa heraus. Er suchte ihre ältesten Zusammenhänge weit im Osten und bezog Sibirien und die türkischen Völker in die Frage nach den Ursprüngen europäischer Geschichte ein.
Die alttürkischen Inschriften
Die Tragweite der von Messerschmidt und Strahlenberg dokumentierten Schriftdenkmäler zeigte sich erst später. Im 19. Jahrhundert wurden in der Mongolei die großen Orchoninschriften bekannt. 1893 gelang Vilhelm Thomsen die Entzifferung der alttürkischen Schrift.
Damit wurde endgültig deutlich, welch bedeutende Schriftkultur hinter jenen Zeichen stand, die bereits im frühen 18. Jahrhundert in Sibirien wissenschaftliche Aufmerksamkeit gefunden hatten.
Strahlenberg selbst betrachtete die außergewöhnlichen Umstände seiner Forschungen als eine Fügung der göttlichen Vorsehung. Aus Kriegsgefangenschaft und jahrelanger Entfernung von seiner Heimat war eine wissenschaftliche Arbeit hervorgegangen, deren Wirkung weit über sein eigenes Leben hinausreichte.
300 Jahre später
Der 300. Jahrestag seines „Vorberichts“ von 1726 bietet Anlass, Strahlenbergs Stellung in der Wissenschaftsgeschichte neu zu betrachten. Die moderne Türkologie entstand nicht an einem einzigen Tag.
Doch Strahlenberg vereinte bereits früh wesentliche Elemente, die sie später prägen sollten: die Erforschung türkischer Sprachen, den Sprachvergleich, die Beschäftigung mit Geschichte und Geografie der Turkvölker sowie die Bekanntmachung ihrer ältesten Schriftdenkmäler.
Zugleich steht sein Werk für einen Blick auf Europa und Asien, der beide Räume nicht grundsätzlich voneinander trennte. Seine Überlegungen zur Verwandtschaft von Türken und Franken und zur Herkunft Odins zeigen wie konsequent Strahlenberg nach gemeinsamen sprachlichen und historischen Wurzeln Eurasiens suchte.
Dreihundert Jahre nach seinem „Vorbericht“ ist es deshalb an der Zeit, Philipp Johann von Strahlenberg wiederzuentdecken: den deutschstämmigen Forscher aus Stralsund und „Vater der Türkologie“.
Zum Autor
Çağıl Çayır hat sich als Kölner Geschichtsstudent auf historisch-vergleichende Kulturwissenschaft und Wissenschaftsgeschichte spezialisiert und studiert aktuell Philosophie im Master an der Universität Wuppertal. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Wissenschaftstheorie und Seinsphilosophie. Seine Arbeiten erscheinen international in renommierten Fach- und Populärmedien.Er engagiert sich wissenschaftlich wie gesellschaftlich für eine intellektuelle Völkerverständigung. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Bonn sowie Gründer der Kultur-Akademie Çayır und der Çayır Kultur Akademisi auf YouTube.Seine größte Weisheit lautet: „Liebe ist die Lektion der Geschichte.“
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