Ein Gastkommentar von Marina Bütün
Was Deutschland verlieren würde, wenn integrierte muslimische Migranten verschwänden, überlegt sich meist kein deutscher Bürger, denn die einen sind zufrieden und leben mitten unter ihnen, die anderen, die sie am liebsten alle “nach Hause” schicken würden, sind überhaupt nicht informiert und fest davon überzeugt, dass sie das auch ohne sie schaffen. Aber ist das wirklich so?
Es ist ein Gedankenspiel, das zunächst wie eine zugespitzte These wirkt, bei näherer Betrachtung jedoch eine bemerkenswerte Nähe zur Realität entfaltet: Was würde geschehen, wenn ein großer Teil der integrierten muslimischen Bevölkerung in Deutschland von heute auf morgen verschwände?
Eine erstaunlich präzise Vorlage für dieses Szenario liefert der Fernsehfilm „Willkommen in Kronstadt“ aus dem Jahr 1996 unter der Regie von Hanns Christian Müller. Gedreht wurde in der bayerischen Stadt Aichach, die im Film den fiktiven Namen „Kronstadt“ trägt. Erzählt wird die Geschichte einer Kleinstadt, in der die Stimmung gegen Zugewanderte eskaliert. Nach Übergriffen organisiert ein italienischer Restaurantbesitzer den kollektiven Weggang der ausländischen Bevölkerung.
Innerhalb kürzester Zeit zeigt sich, wie sehr der Alltag von ihrer Arbeit abhängt: Müll wird nicht mehr entsorgt, Dienstleistungen brechen weg, die gewohnte Ordnung gerät ins Wanken.
Was damals als gesellschaftskritisches Lehrstück inszeniert wurde, wirkt heute wie ein nüchternes Gedankenexperiment.
Aktuelle Zahlen
In Deutschland leben nach aktuellen, fortgeschriebenen Schätzungen auf Basis von Daten des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge sowie des Statistischen Bundesamts rund 5,5 bis 5,7 Millionen Muslime (Stand etwa 2023/2024, weiterhin gültig für 2025/2026), was rund 6,6 bis 6,9 Prozent der Bevölkerung entspricht.
Da es in Deutschland keine regelmäßige statistische Erfassung der Religionszugehörigkeit aller Einwohner gibt, beruhen diese Zahlen auf wissenschaftlichen Hochrechnungen und gelten in Fachkreisen als anerkannter Referenzwert.
Die türkische Community stellt weiterhin die größte Gruppe in Deutschland
Innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe stellen Menschen mit türkischen Wurzeln seit Langem die größte Herkunftsgruppe dar – sowohl zahlenmäßig als auch in ihrer historischen Bedeutung für die Entwicklung der Bundesrepublik.
Nach Ergebnissen des Mikrozensus des Statistischen Bundesamts lebten im Jahr 2024 rund 2,7 bis 2,9 Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland. Etwa die Hälfte von ihnen besitzt heute die deutsche Staatsangehörigkeit, viele weitere gehören bereits der zweiten oder dritten Generation an.
Ihre Geschichte ist eng mit dem wirtschaftlichen Wiederaufbau der Bundesrepublik verbunden. Mit dem deutsch-türkischen Anwerbeabkommen von 1961 begann eine Migration, die ursprünglich als temporär gedacht war, sich jedoch rasch änderte.
Aus den sogenannten „Gastarbeitern“ wurden Familien, aus vorübergehenden Arbeitskräften ein dauerhaft integrierter Teil der Gesellschaft. Über Jahrzehnte hinweg prägten sie insbesondere industrielle Arbeitsplätze, bevor sich ihre Tätigkeitsfelder zunehmend differenzierten.
Heute zeigt sich diese Entwicklung in einer breiten Verankerung im Arbeitsmarkt. Menschen mit türkischen Wurzeln sind überdurchschnittlich häufig im Handwerk, im Baugewerbe, in der Gastronomie und im Einzelhandel vertreten. Besonders sichtbar ist ihr Beitrag im Bereich kleiner und mittlerer Unternehmen, wo zahlreiche Betriebe – von Friseursalons über Bäckereien bis hin zu Restaurants und Lebensmittelgeschäften – von ihnen geführt werden und feste Bestandteile lokaler Strukturen sind.
Heute wird nicht mehr geputzt, heute wird studiert und sehr oft findet man kluge türkische Köpfe unter anderem im IT Bereich oder in länderübergreifenden Anwaltskanzleien.
Darüber hinaus sind sie in arbeitsintensiven und systemrelevanten Bereichen präsent, etwa in der Logistik, im Transportwesen, in Reinigungs- und Gebäudedienstleistungen sowie zunehmend auch im Gesundheits- und Pflegebereich. Meistens nicht als reine Arbeitskraft, sondern in der Organisation. Parallel dazu hat sich ihr Anteil in qualifizierten Berufen erhöht, etwa in medizinischen, technischen und kaufmännischen Tätigkeiten.
Diese Entwicklung spiegelt einen langfristigen Integrationsprozess wider, der sich über mehrere Generationen erstreckt. Ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung erschließt sich jedoch nicht allein über statistische Kennzahlen, sondern vor allem über ihre alltägliche Präsenz.
Viele Dienstleistungen und Versorgungsstrukturen, die heute als selbstverständlich gelten, sind eng mit ihrer Arbeit verbunden. Gerade weil diese Beiträge im Alltag oft unsichtbar bleiben, wird ihre Tragweite von deutschen Bürgern sehr häufig unterschätzt. Vor allem bei jenen, die glauben, man bräuchte sie nicht.
Wertschöpfung: Eine umfassende Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) zeigt, dass alle Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit (Selbstständige und Arbeitnehmer zusammen) direkt 536 Milliarden Euro zur jährlichen Bruttowertschöpfung in Deutschland beitragen. Rechnet man indirekte Effekte wie Aufträge an Zulieferer und privaten Konsum hinzu, hängen 706 Milliarden Euro des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von ihnen ab.
Was wäre, wenn diese muslimischen Migranten in Deutschland fehlen?
Würde diese Bevölkerungsgruppe plötzlich fehlen, wären die Auswirkungen unmittelbar und flächendeckend spürbar. Vertraute Dienstleistungen würden wegfallen, gewohnte Abläufe unterbrochen, und vieles, was bislang reibungslos funktioniert, müsste unter deutlich schwierigeren Bedingungen neu organisiert werden.
Die Folgen wären nicht abstrakt, sondern würden jeden Einzelnen betreffen.
Die häufig geäußerte Annahme, entstehende Lücken ließen sich kurzfristig vollständig kompensieren, steht im Widerspruch zu den bereits heute bestehenden Engpässen auf dem Arbeitsmarkt. In zahlreichen Branchen gelingt es schon jetzt nicht, offene Stellen zu besetzen. Ein zusätzlicher Wegfall ganzer Beschäftigtengruppen würde diese Situation weiter verschärfen.
Sind diese Bürger immer noch Fremde? Nein!
Gleichzeitig wird oft übersehen, dass ein großer Teil dieser Menschen längst nicht mehr als „fremd“ im klassischen Sinne zu verstehen ist. Sie sind in Deutschland aufgewachsen, haben hier ihre Ausbildung absolviert, arbeiten, zahlen Steuern und sind sozial eingebunden. Ihr Alltag unterscheidet sich in vielen Bereichen kaum von dem anderer Bürgerinnen und Bürger.
Die eigentliche Relevanz dieser Debatte liegt daher weniger in grundsätzlichen Fragen der Zugehörigkeit als in ihrer praktischen Dimension. Eine moderne Gesellschaft funktioniert durch das Zusammenwirken vieler unterschiedlicher Gruppen. Wird ein Teil davon entfernt, entstehen Lücken, die sich nicht ohne Weiteres schließen lassen. Ein alter Film würde heute zur Realität, wenn alle gehen würden!
Der Film aus dem Jahr 1996 endet mit der Einsicht, dass Ausgrenzung nicht nur moralische, sondern auch ganz konkrete Folgen hat. Übertragen auf die Gegenwart stellt sich damit eine sachliche, aber zentrale Frage:
Wie stabil ist ein gesellschaftliches Gefüge, wenn ein Teil derjenigen fehlt, die es im Alltag tragen?
Diese Frage lässt sich nicht allein politisch beantworten. Sie berührt vor allem die Lebensrealität jedes Einzelnen.
Quellen: Statistisches Bundesamt (Mikrozensus 2024), Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (fortgeschriebene Schätzungen zur muslimischen Bevölkerung, Stand 2023/2024). IW Köln
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
ZUR AUTORIN
Die Autorin Marina Bütün lebt seit Anfang der 2000er Jahre an der türkischen Westküste gegenüber der griechischen Insel Rhodos. Seit 2020 veröffentlichte sie viele Bücher mit Türkeibezug , u.a. Ratgeber Auswandern Türkei oder den wahren Familienroman „Die Braut aus dem Osmanischen Reich“

