Israel-Kritik
Luxemburgischer Außenminister: Israelkritik ist kein Antisemitismus

„Ich bin nicht der Meinung, dass man als Antisemit gilt, wenn man heute die israelische Regierung kritisiert", sagte Bettel auf der Konferenz. 

Teilen

Paris – In der französischen Hauptstadt haben israelische und palästinensische Vertreter der Zivilgesellschaft gemeinsam mit Ministern aus mehreren Ländern an der Konferenz „Paris Call for Peace“ teilgenommen — einem Treffen im Institut du Monde Arabe, das konkrete Schritte hin zu einer Zwei-Staaten-Lösung fördern soll.

Rund 400 Teilnehmer kamen zusammen, darunter Minister aus Andorra, Belgien, Brasilien, Kanada, Island, Luxemburg, Monaco und der Europäischen Union.

Es war jedoch eine Aussage des luxemburgischen Außenministers Xavier Bettel, die besondere Aufmerksamkeit erregte.

„Ich bin nicht der Meinung, dass man als Antisemit gilt, wenn man heute die israelische Regierung kritisiert“, sagte Bettel auf der Konferenz

Die Aussage fällt in eine anhaltende Debatte: Kritiker werfen seit Jahren vor, dass der Vorwurf des Antisemitismus gezielt eingesetzt werde, um legitime Kritik an der israelischen Regierungspolitik zu unterdrücken.

„Ich halte diese Einschätzung für nachvollziehbar“, so die Kommentatorin Susanne Mattner gegenüber NEX24. In den vergangenen Jahren sei immer wieder der Eindruck entstanden, dass Kritik an konkreten Entscheidungen der israelischen Regierung nicht selten vorschnell als antisemitisch eingeordnet werde.

„Dadurch kann eine offene politische Debatte erschwert werden, obwohl Kritik an staatlichem Handeln in einer Demokratie grundsätzlich legitim sein sollte.“
Antisemitismus sei ein reales und ernstes Problem, das konsequent benannt und bekämpft werden müsse.

„Gleichzeitig darf der Vorwurf nicht so weit gefasst werden, dass berechtigte Kritik an Regierungsentscheidungen oder militärischen Maßnahmen pauschal delegitimiert wird.“ Eine differenzierte Unterscheidung zwischen antisemitischen Ressentiments und sachlicher Kritik an israelischer Politik sei deshalb unverzichtbar, so Mattner.

Außenminister Bettel kritisierte zudem US-Präsident Donald Trumps sogenanntes „Board of Peace“ — jenes Gremium, das über die Zukunft einer Region entscheide, ohne die betroffene Region am Tisch zu haben. Er bekräftigte seine Unterstützung für die Vereinten Nationen als legitimen Rahmen für internationale Friedensbemühungen.

Frankreich als Gastgeber — mit klarer Botschaft

Der französische Außenminister Jean-Noël Barrot, der die Konferenz ausrichtete, wandte sich direkt an die versammelten Vertreter der Zivilgesellschaft:

„Der Pariser Appell, den Sie heute lancieren, wird vom Schicksal der Männer und Frauen Ihrer beiden Völker geleitet. Er wird in keiner Weise von politischen oder wirtschaftlichen Interessen angetrieben. Was Sie in den Mittelpunkt Ihrer Empfehlungen gestellt haben, ist in erster Linie der Mensch.“

Frankreich habe die Konferenz ins Leben gerufen, nachdem der israelisch-iranische Krieg eine ursprünglich von Saudi-Arabien und Frankreich geplante internationale Konferenz zur Zwei-Staaten-Lösung verdrängt hatte. Paris werde alles in seiner Macht Stehende tun, um Lösungen zu unterstützen — „indem wir die Bemühungen wiederbeleben und die Zivilgesellschaft in den Mittelpunkt dieses Prozesses stellen.“

EU investiert 20 Millionen Euro in Friedensarbeit

Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas, die ebenfalls an der Konferenz teilnahm, unterstrich die Bedeutung zivilgesellschaftlicher Arbeit für dauerhaften Frieden. Die EU arbeite derzeit mit 88 israelischen und palästinensischen Zivilgesellschaftsorganisationen zusammen — in den Bereichen Dialog, Stärkung der Rolle von Frauen und Unterstützung unabhängiger Medien.

Insgesamt habe die EU bislang mehr als 20 Millionen Euro für Friedensarbeit an der Basis mobilisiert.

„Zivilgesellschaft ist kein Nachgedanke in der Diplomatie — sie ist unverzichtbar für den Aufbau von Frieden“, erklärte Kallas. „Frieden entsteht sowohl von oben nach unten als auch von unten nach oben. Und er ist dauerhafter, wenn die Zivilgesellschaft mit am Tisch sitzt.“

Die Konferenz fand zu einem Zeitpunkt statt, an dem die Lage vor Ort nach eigenen Angaben der Veranstalter „wieder ins Stocken geraten“ sei. Umso wichtiger sei es, internationale Bemühungen nicht einschlafen zu lassen — und den Menschen in der Region zu zeigen, dass ihre Stimmen gehört werden.

 


AUCH INTERESSANT

 

Auch interessant

„Wo bleiben die Solidaritätsbekundungen für Hüseyin Doğru?“

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel Es gibt Fälle, die zeigen nicht nur, wie ein Staat, ein Staatenverbund funktioniert. Sie zeigen vor allem, wie eine Gesellschaft...

US-Botschafter Huckabee: Israel wird von Gott geschützt

Tel Aviv – US-Botschafter löst mit Aussagen zu Israels Gebietsansprüchen Empörung aus. Der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, sagt, Israel sei nicht aufgrund militärischer,...

ZDF-Recherchen: Name vermisster Deutschen findet sich in den Epstein-Files

Berlin - Der Name einer seit 2015 verschwundenen Deutschen taucht in den Akten zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein auf. In den Dokumenten, die das US-Justizministerium...

Autonomes Fahren: Erster Level-4-TÜV-Test in Berlin

Berin - Erstmals wurde eine Prüfmethodik für autonome Fahrzeuge unter realen Verkehrsbedingungen erprobt. Das Forschungsfahrzeug EDGAR der TU München absolvierte die Fahrt durch Berlin...

Space X notiert an asiatischen Graumärkten rund über 35 % über seinem Ausgabepreis

Von Marcus Weyerer Nach ersten Berichten von Bloomberg notiert SpaceX an den asiatischen Graumärkten rund 35 % über seinem Ausgabepreis von 135 US-Dollar, und die...

Headlines

Geopolitisches Beben: Wie die türkische Çelebi Holding über Nacht fast 500 Millionen Dollar in Indien verlor

Istanbul / New-Delhi – Die türkische Çelebi Holding habe durch den plötzlichen Entzug ihrer Betriebslizenz in Indien einen wirtschaftlichen...

Yair Golan: Netanyahu ist gut für Hamas, Iran und die Hisbollah

Tel Aviv – Das überraschende Friedensabkommen zwischen US-Präsident Donald Trump und dem Iran hat die innenpolitische Landschaft in Israel...

Mattner: „Man muss Israel nicht hassen, um diese Politik zu verurteilen“

Ein Gastkommentar von Susanne Mattner Ich habe gerade den Tagesschau-Bericht "Im Westjordanland bauen israelische Siedler neue Häuser und Siedlungen" über...

Tucker Carlson: Iran ist beliebter als zuvor

Washington – Der US-amerikanische Politkommentator Tucker Carlson erklärte in einem Video, dass der Iran in Teilen der arabischen Welt...

Meinung

Geopolitisches Beben: Wie die türkische Çelebi Holding über Nacht fast 500 Millionen Dollar in Indien verlor

Istanbul / New-Delhi – Die türkische Çelebi Holding habe durch den plötzlichen Entzug ihrer Betriebslizenz in Indien einen wirtschaftlichen Schaden in Höhe von 400...

Yair Golan: Netanyahu ist gut für Hamas, Iran und die Hisbollah

Tel Aviv – Das überraschende Friedensabkommen zwischen US-Präsident Donald Trump und dem Iran hat die innenpolitische Landschaft in Israel in ein politisches Beben gestürzt. Da...

Wall Street Journal: Türkiye’nin durdurulması gerekiyor

Konuk Yazar: Özgür Çelik Bradley Martin tarafından kaleme alınan ve 4 Mart 2026 tarihinde Wall Street Journal'da yayımlanan "Türkiye'yi Dizginlemek İçin Acil Bir İhtiyaç" (An...

Rapor: Afrika Gençliği Ruh Sağlığında Dünya Lideri

Londra - Maddi refah, ruh sağlığının garantisi değil. Şubat 2026 sonunda yayımlanan yeni bir küresel rapor, zihinsel esenlik haritasını temelden sarstı. İngiltere, Japonya ve Yeni...

Odadaki Son Yetişkin Olarak Türkiye

Konuk Yazar Nabi Yücel Mevcut durumda Türkiye, Orta Doğu'nun – ve çok daha ötesinin – jeopolitik manzarasında neredeyse nesli tükenmekte olan diplomatik bir tür; yani...