Ein Gastkommentar von Susanne Mattner
Israel verklagt die New York Times. Der Grund: Der Pulitzer-Preisträger Nicholas Kristof hatte in einem aufwendig recherchierten Artikel dokumentiert, wie palästinensische Gefangene in israelischen Hafteinrichtungen systematisch sexuell misshandelt werden — darunter der Einsatz von Hunden.
Nicht irgendwelche anonymen Quellen haben das berichtet. Nicht Hamas-Propaganda. Sondern namentlich bekannte Opfer, unabhängige Untersuchungen von AP, CNN, der Washington Post — und die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem, die solche Fälle bereits 2024 und 2026 konkret dokumentiert hatte.
Die Reaktion Israels: Verleumdungsklage.
Ich habe diese Entwicklung verfolgt und frage mich seitdem, was eigentlich noch gesagt werden darf — und von wem.
Natürlich muss man die Verbrechen des 7. Oktober benennen. Natürlich waren die Morde, Entführungen und sexuellen Gewalttaten grausam. Darüber gibt es nichts zu diskutieren.
Aber inzwischen wirkt die öffentliche Debatte wie ein politisches Zauberstück aus einem schlechten Las-Vegas-Keller: „Achtung, bitte alle nur auf diese Hand schauen — und die andere ignorieren wir einfach komplett.“
Berichte über misshandelte palästinensische Gefangene? Puff — antisemitisch.
UN-Berichte? Puff — Hamas-Propaganda.
Aussagen israelischer Menschenrechtsaktivisten? Puff — selbsthassende Juden.
Israelische Ex-Soldaten, die öffentlich Alarm schlagen? Wahrscheinlich auch heimlich Hamas-Mitglieder mit Mossad-Ausweis rückwärts auf links getragen.
Und jetzt verklagt man also Medien, weil sie über Vorwürfe berichten. Klar. Wenn man lange genug auf den Rauchmelder einschlägt, verschwindet vielleicht irgendwann das Feuer. Genialer Plan.
Das Ganze erinnert langsam an einen Mann, der mit Benzinkanister durchs Wohnzimmer läuft, während hinter ihm die Gardinen brennen — und der hysterisch schreit: „WER HAT DIESEN FOTOAPPARAT HIER REINGELASSEN?!“
Besonders faszinierend ist ja diese Vorstellung, dass wirklich ALLE lügen: die UN, Ärzte, Hilfsorganisationen, Journalisten, ehemalige Gefangene, israelische Aktivisten, internationale Beobachter — ein gigantisches weltweites Verschwörungstheater offenbar. Aber die Regierung, die gerade selbst untersucht wird, die sagt natürlich die reine Wahrheit.
Ja gut. Und Marlboro empfiehlt wahrscheinlich auch Lungenyoga.
Und irgendwo sitzt dann jemand mit ernstem Gesicht vor den Bildern zerstörter Städte, hungernder Kinder und Berichten über Misshandlungen — und erklärt: „Also solange das nicht von meinem Lieblingssprecher bestätigt wurde, sehe ich da keinen Handlungsbedarf.“
Vielleicht ist das inzwischen die eigentliche Krankheit unserer Zeit. Nicht Hass. Nicht einmal Gewalt. Sondern diese groteske Fähigkeit, menschliches Leid nur dann wahrzunehmen, wenn es politisch ins eigene Wohnzimmer passt.
Menschenrechte sind offenbar für manche wie Netflix-Passwörter geworden: Man teilt sie nur mit der eigenen Familie.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

