Israel-Kritik
Polen: Abgeordneter vergleicht Israel mit Nazi-Deutschland

Polens Abgeordneter Berkowicz vergleicht Israel mit dem Dritten Reich. Er ist nicht der Erste: Von Albert Einstein bis Lula gab es bereits ähnliche Vergleiche.

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Warschau – Abgeordneter zeigt israelische Flagge mit Hakenkreuz im Parlament. „Israel begeht vor unseren Augen Völkermord mit besonderer Grausamkeit. Israel ist ein neues Drittes Reich“, sagte Konrad Berkowicz.

Ein Abgeordneter zeigt eine israelische Flagge mit einem Hakenkreuz im Parlament und zieht einen drastischen historischen Vergleich.

„Israel begeht vor unseren Augen Völkermord mit besonderer Grausamkeit. Israel ist ein neues Drittes Reich“, sagte Konrad Berkowicz während einer Debatte im polnischen Sejm. Der Abgeordnete präsentierte dabei eine Grafik, die die Flagge Israels in Verbindung mit einem Hakenkreuz zeigte.

Obwohl seine Äußerungen und die gewählte Symbolik von verschiedenen Seiten scharf verurteilt wurden, steht Berkowicz mit dieser Art der Rhetorik historisch gesehen nicht allein da. Der Vergleich israelischer Politik mit der Zeit des Nationalsozialismus wurde in der Vergangenheit bereits von einer Reihe prominenter Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Philosophie und Politik herangezogen.

Albert Einstein und die Warnung von 1948

Der wohl prominenteste Name in dieser Reihe ist Albert Einstein. Bereits im Dezember 1948, nur wenige Monate nach der Staatsgründung Israels, unterzeichnete der Physiker gemeinsam mit der Philosophin Hannah Arendt und anderen jüdischen Intellektuellen einen offenen Brief an die New York Times. In diesem Dokument warnten sie eindringlich vor dem Besuch von Menachem Begin in den USA und kritisierten dessen „Freiheitspartei“ (Herut).

In dem Brief hieß es, die Partei sei in ihrer Organisation, ihren Methoden und ihrer politischen Philosophie den Nazi- und faschistischen Parteien „eng verwandt“.

Sie kritisierten damals unter anderem das Massaker von Deir Yassin und warnten vor einer Ideologie, die sie als eine Form von Ultranationalismus innerhalb der jungen israelischen Politik betrachteten. Dieser Brief gilt heute als eines der frühesten Dokumente, in dem namhafte jüdische Intellektuelle Parallelen zwischen radikalen Strömungen in Israel und dem europäischen Faschismus zogen.

Innerisraelische Kritik: Leibowitz und Golan

Auch innerhalb des israelischen Diskurses gab es immer wieder Stimmen, die vor einer moralischen Entwicklung warnten, die sie mit der NS-Zeit verglichen. Besonders bekannt ist der Religionsphilosoph Yeshayahu Leibowitz. Als Träger des Israel-Preises und gläubiger Jude prägte er in den 1980er Jahren den kontroversen Begriff der „Judeo-Nazis“. Er nutzte diese radikale Wortwahl, um vor den Folgen der Besatzungspolitik zu warnen, die seiner Meinung nach die moralische Substanz des Staates und der Gesellschaft zersetzen würde.

Ein weiteres Beispiel lieferte im Jahr 2016 Yair Golan, der zu diesem Zeitpunkt stellvertretender Generalstabschef der israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) war.

In einer Rede zum Holocaust-Gedenktag sagte Golan, dass er in der heutigen israelischen Gesellschaft Tendenzen erkenne, die an die „widerwärtigen Prozesse“ im Europa und speziell in Deutschland der 1930er Jahre erinnerten. Seine Mahnung zur Selbstreflexion wurde weltweit als direkter Vergleich wahrgenommen und löste intensive Debatten über die politische Entwicklung des Landes aus.

Internationale Stimmen der Gegenwart

In der jüngeren Vergangenheit haben auch Staatsmänner diese Vergleiche auf der Weltbühne wiederholt. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva sorgte im Februar 2024 für erhebliches Aufsehen, als er das militärische Vorgehen Israels im Gazastreifen direkt mit dem Holocaust gleichsetzte. Er erklärte, dass das, was dort geschehe, kein Krieg, sondern ein Genozid sei, und zog eine Parallele zu der Zeit, „als Hitler beschloss, die Juden zu töten“.

Auch im kulturellen Bereich findet sich diese Rhetorik wieder. Der Musiker Roger Waters, Mitbegründer der Band Pink Floyd, ist seit Jahren für seine scharfe Kritik an Israel bekannt. In seinen Performances und Interviews nutzt er regelmäßig Symbole und Vergleiche, die das Handeln des israelischen Staates in die Nähe totalitärer Regime rücken.

Der aktuelle Vorfall im polnischen Parlament durch Konrad Berkowicz reiht sich somit in eine lange Liste von Persönlichkeiten ein, die – trotz der damit verbundenen massiven Kritik – den Vergleich zum Dritten Reich nutzen, um ihre Sicht auf den Nahostkonflikt zu pointieren.

 

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