Geschichte
Am Bosporus: Seeschwalbe in Mayonnaise für das deutsche Kaiserpaar

Zu (Staats-) Besuchen nicht nur fürstlicher Gäste gehören seit je entsprechende Festbankette und ›Arbeitsfrühstücke‹. Heute möchte ich ein festliches ›Frühstück‹ für Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Victoria am 2. November 1889 im Palais der deutschen Botschaft in Konstantinopel vorstellen.

Teilen

Ein Gastbeitrag von Thomas Weiberg – Historiker

Zu (Staats-)Besuchen nicht nur fürstlicher Gäste gehören seit je entsprechende Festbankette und ›Arbeitsfrühstücke‹. Heute möchte ich ein festliches ›Frühstück‹ für Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Victoria am 2. November 1889 im Palais der deutschen Botschaft in Konstantinopel vorstellen.

Gastgeber war der Botschafter Joseph Maria von Radowitz (1839-1912). Das in Hofkreisen der damaligen Zeit stets sogenannte ›Frühstück‹ entspricht nach unseren heutigen Gepflogenheiten übrigens dem Mittagessen.

Im Anschluss an den Kirchenbesuch in der deutschen evangelischen Kirche – es predigte der in Berlin sehr populäre Oberhofprediger Rudolf Kögel (1829-1896) – fuhren die Majestäten, der Kaiser in Generalsuniform, die Kaiserin in einer ›rehbraunen Toilette‹, an diesem zweiten Besuchstag am Bosporus dann durch die Grande rue de Péra (Beyoğlu) zu einem Frühstück in die deutsche Botschaft, von der Gräfin von Keller, die Hofdame der Kaiserin, vermerkte, sie sei wenig schön und im ›Kasernenstil‹ erbaut, aber geschmackvoll eingerichtet und malerisch gelegen.

Unterwegs wurden den Majestäten an der Firuz Ağa Camii in Pera von Blumenfrauen (es wird sich vermutlich um Ehrenjungfrauen, die Blumen überreichten, gehandelt haben) noch zwei, mit den preußischen und hohenzollernschen Wappen besticke Seidenkissen übergeben, wie der ›Levant Herald‹ zu vermelden wusste.

Auch Rosa von Förster, eine Schriftstellerin aus Berlin, war durch ihre Beziehungen zu General Kurt von Hobe (1843-1928) – dem deutschen Stallmeister Sultan Abdül Hamids II. – und Frau von Radowitz zu dem Frühstück für dreißig Personen sowie dem folgenden Empfang eingeladen.

Sie berichtete:

»Ein wohlbekannter Künstler und Professor der Kunstschule, M[onsieu]r Valery, hatte für den Kaiser, die Kaiserin und den Prinzen Heinrich Tischkarten [Menükarten] in Wasserfarben gemalt. Die für den Kaiser bestimmte stellte ein maurisches Portal dar mit einem Türken zu Pferde und Ansichten von Constantinopel. Die der Kaiserin war mit charakteristischen Aufnahmen des Bosporus geziert, in der Mitte war ein Kiosk mit einem offenen Fenster, vor welchem zwei Türkinnen zur Guitarre sangen. Die des Prinzen Heinrich zeigte ein großes Segelschiff mit türkischen Fischern bemannt, in der Ferne sah man die Ufer des Marmarameeres. […] Die übrigen Gäste hatten lithographierte Karten mit einem Bildchen von der Serailspitze.«

Auch Botschafter von Radowitz schrieb über diese künstlerischen Beigaben: »Auf den Menüs waren Ansichten der Serailspitze und der Botschaft; für die Majestäten und Prinz Heinrich hatte ich besondere Aquarelle machen lassen, schöne Blätter von Valery (Kostenpunkt 1000 Franken!) …«

Die auf so künstlerische Weise gestalteten Menükarten verzeichneten folgende Speisen:

»Bouillon mit Perlgraupen, Gänseleberpastete mit Sauerkraut auf deutsche Art; gedämpfter Ochsenrücken mit Gemüsen; Seeschwalbe in Mayonnaise; gebratene Haselhühner mit Salat und Johannisbeer-Eingemachtem; Grüne Erbsen mit Spargelspitzen, Gefrorenes von Ananas in Schaumwein; Käsestängchen; Früchte und Nachtisch.«

Die Chöre des Handwerker-Vereins und der Deutschen Schule sangen unterdessen im großen Saal der Botschaft Volks- und vaterländische Lieder, unter anderem einen speziell für diesen Anlass geschaffenen ›Gruß an die Kaiserin‹, der Ihrer Majestät so gut gefiel, dass er wiederholt werden musste. Es folgte die separate Vorstellung der ›Spitzen der Kolonie‹ — der Kaiserin wurden die deutschen Damen vorgestellt, der Kaiser empfing gemeinsam mit seinem Bruder die Herren.

Diese Passage ist meinem Buch entnommen: Mein Sultan möge lange leben! Padişahım çok yaşasın! Sultan Abdül Hamid II. und Kaiser Wilhelm II. Eine deutsch-osmanische Freundschaft?
Wer nun neugierig geworden ist, kann es hier als ebook bestellen.

Auch interessant

– Deutsch-osmanische Freundschaft –
Vor 120 Jahren wurde der Deutsche Brunnen in Istanbul eingeweiht

Das bedeutendste Denkmal der viel beschworenen und noch mehr strapazierten deutsch-osmanischen Freundschaft befindet sich bis heute gut sichtbar in Istanbul – auf dem repräsentativen Platz zwischen der Hagia Sophia und der Moschee Sultan Ahmeds.

Vor 120 Jahren wurde der Deutsche Brunnen in Istanbul eingeweiht

Auch interessant

Yair Golan: Netanyahu ist gut für Hamas, Iran und die Hisbollah

Tel Aviv – Das überraschende Friedensabkommen zwischen US-Präsident Donald Trump und dem Iran hat die innenpolitische Landschaft in Israel in ein politisches Beben gestürzt. Da...

US-Botschafter Huckabee: Israel wird von Gott geschützt

Tel Aviv – US-Botschafter löst mit Aussagen zu Israels Gebietsansprüchen Empörung aus. Der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, sagt, Israel sei nicht aufgrund militärischer,...

Zentralrat der Juden sieht „neue Normalität“ des Judenhasses in Deutschland

Berlin - Angesichts neuer Zahlen zu antisemitischen Straftaten in Deutschland hat der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, vor einer gesellschaftlichen...

UN: 37 bis 42 Millionen Kinder und Jugendliche waren 2024 weltweit auf der Flucht

Berlin - 37 bis 42 Millionen Kinder und Jugendliche waren 2024 laut UN-Angaben weltweit auf der Flucht. Doch das sind nur grobe Schätzungen. Zum...

Mattner: „Man muss Israel nicht hassen, um diese Politik zu verurteilen“

Ein Gastkommentar von Susanne Mattner Ich habe gerade den Tagesschau-Bericht "Im Westjordanland bauen israelische Siedler neue Häuser und Siedlungen" über das Westjordanland gesehen. Und was...

Headlines

US-Journalistin Ana Kasparian: Ich traue den Israelis nicht

New York / London – Die bekannte US-Journalistin und Co-Moderatorin des progressiven Nachrichtenformats The Young Turks (TYT), Ana Kasparian,...

Kommentar: „Ist die Türkei ein Rechtsstaat?“

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel In der Türkei kristallisieren sich zwei Lager, die sich nicht nur in einem Punkt vehement widersprechen. Das...

Luxemburgischer Außenminister: Israelkritik ist kein Antisemitismus

Paris – In der französischen Hauptstadt haben israelische und palästinensische Vertreter der Zivilgesellschaft gemeinsam mit Ministern aus mehreren Ländern...

Geopolitisches Beben: Wie die türkische Çelebi Holding über Nacht fast 500 Millionen Dollar in Indien verlor

Istanbul / New-Delhi – Die türkische Çelebi Holding habe durch den plötzlichen Entzug ihrer Betriebslizenz in Indien einen wirtschaftlichen...

Meinung

Welches Schwarzkümmelöl sollte ich kaufen?

Ein passendes Schwarzkümmelöl zu finden, kann schnell zur Herausforderung werden. In Drogerien, Reformhäusern und Onlineshops stehen dutzende Produkte nebeneinander, die sich in ihren Bezeichnungen,...

US-Journalistin Ana Kasparian: Ich traue den Israelis nicht

New York / London – Die bekannte US-Journalistin und Co-Moderatorin des progressiven Nachrichtenformats The Young Turks (TYT), Ana Kasparian, sorgt erneut mit scharfer Kritik...

Rapor: Afrika Gençliği Ruh Sağlığında Dünya Lideri

Londra - Maddi refah, ruh sağlığının garantisi değil. Şubat 2026 sonunda yayımlanan yeni bir küresel rapor, zihinsel esenlik haritasını temelden sarstı. İngiltere, Japonya ve Yeni...

Araştırma: Dini İnanç, Gençleri Kaygı Bozukluklarından Koruyan Temel Bir Faktör

Almanya - Bochum Ruhr Üniversitesi (RUB) tarafından yürütülen güncel bir araştırma, dini inancın çocukların ve gençlerin ruh sağlığı için kritik bir koruyucu faktör olduğunu...

The Economist: Erdoğan, Müslüman dünyasının en popüler politikacısı

Londra - Neredeyse iki milyar insandan oluşan devasa ve çeşitlilik arz eden bir topluluk olan küresel Müslüman topluluğu Umma/Ümmet içinde, birleştirici bir temsilci arayışı...