Deutsch-osmanische Freundschaft
Vor 120 Jahren wurde der Deutsche Brunnen in Istanbul eingeweiht

Das bedeutendste Denkmal der viel beschworenen und noch mehr strapazierten deutsch-osmanischen Freundschaft befindet sich bis heute gut sichtbar in Istanbul – auf dem repräsentativen Platz zwischen der Hagia Sophia und der Moschee Sultan Ahmeds.

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Ein Gastbeitrag von Thomas Weiberg – Historiker

Das bedeutendste Denkmal der viel beschworenen und noch mehr strapazierten deutsch-osmanischen Freundschaft befindet sich bis heute gut sichtbar in Istanbul – auf dem repräsentativen Platz zwischen der Hagia Sophia und der Moschee Sultan Ahmeds (1590-1617).

Es ist der Brunnen, den Wilhelm II. anlässlich seines Besuches 1898 stiftete. Offenbar hatte der Monarch schon im Oktober 1898 während seines durch die Herzlichkeit Abdül Hamids II. sowie den Enthusiasmus der Bevölkerung geprägten zweiten Aufenthaltes in Konstantinopel beschlossen, aufgrund dieser freundlichen Atmosphäre dem Sultan, der Stadt sowie der Bevölkerung ein Geschenk von bleibendem Wert zu machen. Oberhofmeister Freiherr von Mirbach wusste in erhebenden Worten darüber zu berichten:

»… so beschloss Seine Majestät, sich einer allgemeinen Not der Armen, die in diesem trockenen, heißen Jahre besonders hervorgetreten war, des Mangels an gutem Trinkwasser, anzunehmen und in der Stadt einen öffentlichen, immerfließenden Brunnen in romanisch-byzantinischem Stile errichten zu lassen. Am 22. Oktober früh zeichnete der Kaiser selbst auf der Dampferfahrt nach Therapia den Entwurf, ließ ihn von Professor Knackfuß etwas ausführen und überreichte die Skizze vor seiner Abfahrt dem Sultan.«

Die Planungen für die Errichtung des Brunnens begannen im März 1899. Der Kirchenbaumeister Max Spitta (1842-1902) wurde mit der Ausführung des endgültigen Entwurfes beauftragt. Die dekorativen Mosaiken entwarf der Oldenburger Maler August Oetken (1868-1951), deren Fertigung lag in den Händen der Berliner Firma Puhl & Wagner, die auch an der künstlerischen Ausgestaltung der im Bau befindlichen Jerusalemer Erlöserkirche beteiligt war.

Die osmanischen Inschriften für das Kuppelmosaik verfasste der Dichter Ahmed Muhtar Efendi (1848-1910) und betonte in ihnen die Bedeutung des Wassers und dessen Hervorhebung im Koran; während Mehmed İzzet Efendi (1841-1903) – einer der bedeutenden Lehrer für Kalligraphie in Konstantinopel, damals am Galatasaray Lisesi tätig – die kunstvolle Kalligraphie ausführte. In der Kuppel sind auf Goldgrund neben diesen Versen viermal das Monogramm Kaiser Wilhelms II. sowie viermal die Tuğra Sultan Abdül Hamids II. als unmittelbare Hinweise auf den Stifter und den Herrscher über das Osmanische Reich in Mosaik ausgeführt.

In Berlin legte Kaiser Wilhelm II. die Einzelheiten des Baues fest, bestimmte die Inschrift der bronzenen Weihetafel und die weiteren Einzelheiten der Ausschmückung, während der Sultan indes über den Bauplatz entscheiden sollte. Abdül Hamid II. favorisierte offenbar zunächst einen Platz im damals eher entlegenen, bis heute aber sehr europäisch geprägten Nişantaşı mit eleganten Wohnquartieren im Jugendstil, die einen Vergleich mit Brüssel oder Wien nicht zu scheuen brauchen.

Die Wahl fiel jedoch schließlich nach Einwänden sowohl des deutschen Botschafters als auch des Großwesirs auf den zentralen Platz zwischen der Hagia Sophia und der Sultan Ahmed-Moschee in der Altstadt. Die zum Bau benötigten Materialien, hauptsächlich weißer Marmor für das Brunnenhaus und dunkelgrüner Granit für die acht Säulen, wurden allesamt aus Deutschland per Schiff nach Konstantinopel transportiert. Außenminister Tewfik Pascha wurde bei einem Besuch in Berlin im Januar 1900 durch den Kaiser selbst über den Stand der Planungen unterrichtet und berichtete darüber ausführlich an den Hof des Großherrn.

Am 31. August 1900, dem offiziell zum 25. Jahrestag der Thronbesteigung Abdül Hamids II. erklärten Datum, sollte der Brunnen dem Sultan zur Freude und vor allem der ärmeren Bevölkerung zum Nutzen eingeweiht werden. Der vorgesehene Termin konnte jedoch nicht eingehalten werden, und so wurde schließlich der 27. Januar 1901, der 42. Geburtstag des deutschen Kaisers, als Tag der festlichen Einweihung festgelegt. Am 11. Januar ging der Brunnen der Vollendung entgegen, die Stadtverwaltung wurde darüber informiert, dass »der Kanaldeckel, welcher für die Öffnung [bestimmt ist], die zu dem Wasserfluss des Brunnens führen würde, noch nicht aus Berlin eingetroffen sei…«.

Die Einweihung des von Kaiser Wilhelm II. entworfenen Brunnens in Constantinopel / Istanbul am 27. Januar 1901 (Geburtstag des Kaisers). Der deutsche Botschafter Freiherr Marschall von Bieberstein steht etwas links von der Mitte und ist an dem Ordenband über der Brust gut zu erkennen. Neben ihm steht rechts Tewfik Pascha, einer der bedeutenden osmanischen Politiker dieser Zeit. (Foto: Screenshot/Thomas Weiberg)

Wilhelm II. entsandte eine fünfköpfige Delegation zur Teilnahme an der Feier, die in verschiedenen Photographien festgehalten wurde. Von osmanischer Seite waren neben dem Außenminister, der osmanische Botschafter am Berliner Hof Tewfik Pascha, der Innenminister, der Minister für die religiösen Stiftungen, der greise Stadtpräfekt Konstantinopels und zahlreiche Militärs erschienen.

Sultan Abdül Hamid II. übersandte dem deutschen Kaiser aus Anlass der Brunnenweihe ein ganz besonders sinniges Geschenk: Das erste Wasser, dass aus einem der Hähne floss, ließ der Padischah in eine reichdekorierte silberne Kanne mit entsprechender Widmungsinschrift füllen, ihren Deckel versiegeln und sie dann nach Berlin senden. Eine ebensolche Kanne mit diesem Wasser behielt der Sultan selbst; sie wird heute in der Schatzkammer des Topkapı-Palastes aufbewahrt.

Der damals in Jerusalem tätige und mit dem Sultan persönlich bekannte Pastor Ludwig Schneller (1858-1953) schrieb 1912 in sehr pathetischen Worten über das »prächtige« Monument eines christlichen Kaisers in der Stadt des Kalifen: »Die Errichtung eines Brunnens, aus welchem das segenspendende Wasser allem Volke zum Heile hervorströmt, gilt ja seit alter Zeit dem Morgenländer als Vorrecht weiser Herrscher, die als Volkswohltäter und Friedensfürsten im Andenken der dankbaren Nachwelt fortleben sollen.«

Schneller hatte betreffs der großen Bedeutung solcher Wasserspender recht, und womöglich war auch Kaiser Wilhelm II. die Bedeutung des arabisch-türkischen Wortes ›Sebil‹, das einen solchen Brunnen bezeichnet, bekannt – es heißt ›der Weg‹ und meint den Weg in das Paradies, der sich für den Stifter eines Brunnens deshalb öffnen soll. Abgesehen von diesen religiösen Aspekten symbolisiert der noch immer funktionierende, inzwischen mehrfach sorgsam restaurierte und liebevoll gepflegte Brunnen Wilhelms II. in Istanbul nicht nur die persönliche Verbundenheit zweier Monarchen an der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts, sondern er ist auch heute noch, einhundertzwanzig Jahre nach seiner Einweihung, ein Zeichen der intensiven Verbindung zwischen beiden Staaten und Völkern, die nach dem Willen beider damaligen Herrscher weit in die Zukunft wirken sollte.

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