"Moralisches Status-Symbol"
Kommentar: Syrien-Solidarität auf Facebook dient oft nur noch der Selbstdarstellung

Man fragt sich unweigerlich, ob jene Empörten ihren Enkeln einmal mit stolz geschwellter Brust einen Stapel vergilbter Facebook-Screenshots als Beleg für ihren Widerstandskampf gegen den #HolocaustAleppo (den Hashtag gibt es wirklich) vorlegen wollen.

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Von Fabian Köhler

Vorhin habe ich kurz mit einen Bekannten aus Aleppo geskypet. Wir hatten uns im Frühjahr 2012 vor der berühmten Zitadelle der Stadt kennengelernt. Er erzählte mir, dass er nach dem Ende der Kämpfe als erstes ein Selfie vor der berühmten Zitadelle der Stadt machte, weil er nicht geglaubt habe, sie nach vier Jahren noch einmal wiederzusehen. Dass er in Tränen ausbrach, als er die Zerstörung in der Altstadt sah. Da er sich nicht erlaube zu hoffen, weil Syrien eben ein Ort ist, in dem Hoffnung allzu oft enttäuscht wurde.

Wovon er mir hingegen nichts erzählte: Chlorhühnchen und die Homoehe. Mein syrischer Bekannter und ich diskutierten nicht darüber, wer in Deutschland der beste Linke ist oder wer zuletzt, vor welcher Botschaft demonstriert hat. Wie ich darauf komme? Weil diese Fragen hierzulande die entscheidenden zu sein schein, wenn es um die Bewertung der Ereignisse in der syrischen Millionenmetropole geht. Keine Kommentarspalte bleibt ohne Einordnung, keine Facebook-Timeline bleibt frei von Empörung über die Kämpfe in der besetzten?, befreiten?, belagerten?, auf jeden Fall belaberten Stadt. Denn stärker noch als die Rauchschwaden der Bomben und Granaten ist es eine moralisch ausgeblasene Debatte, die die Sicht auf das Geschehen vor Ort vernebelt. Eine Debatte von Kurzzeit-Moralisten, die sich oftmals weniger um das reale Leid syrischer Menschen, als um die eigenen Befindlichkeiten drehen.

Die Schlacht um Aleppo ist zum Stellvertreterkrieg geworden  – nicht nur in Syrien

Nur ein Beispiel von vielen: Jacques Schuster. „Warum ist uns dieses Huhn wichtiger als Aleppo?“, fragt der Chef-Kolumnist der Welt und beschwert sich über Demonstranten, die zwar gegen „Freihandel und Chlorhühner“ nicht aber „gegen Iran und Russland“ auf die Straße gingen. Wie viele andere dieser Tage scheint Schuster seine Liebe zum humanitären Engagement allerdings erst kürzlich entdeckt zu haben. Versucht man in seinen zahlreichen Kolumnen ein wiederkehrendes Motiv auszumachen, dann ist es sicherlich nicht die Solidarität mit leidenden Menschen.

Eher schon die Antipathie gegenüber Russland. Syrer erwähnte Schuster bisher allenfalls dann, wenn er forderte, sie mittels strengerer Asylgesetze möglichst weit von ihm fernzuhalten. Wie in Syrien, ist die Schlacht um Aleppo hierzulande zum Stellvertreterkonflikt geworden. Und genauso wie im Nahen Osten geht es vielen Akteuren zu allerletzt um das Leben von Menschen. Keine Frage scheint zu abwegig um nicht auf den Rücken von geschundenen Syrern im eigenen Sinne beantwortet zu werden: Warum protestieren nicht mehr Muslime? Warum schweigt die Linke? Wo ist die Friedensbewegung? Warum protestieren mehr wegen TTIP, Vorratsdatenspeicherung, Homoehe, Israel… Die Liste kann beliebig mit dem gewünschten Feindbild ergänzt werden.

Tote Syrer werden zum Status-Symbol im Facebook-Status-Update

Um nicht missverstanden zu werden: Es gibt viele, die auch ernsthaft anteilnehmen. Viele Menschen wollen helfen, einige tun es sogar. Aber viele drehen das Verhältnis zwischen potenziellem Helfern und Hilfeempfängern auch einfach um. Anstatt kriegsgebeutelten Menschen beizustehen, müssen die syrischen Toten als Art moralisches Status-Symbol im nächsten Facebook-Status-Update herhalten.

Früher verteilte die Bild-Zeitung „Ein Herz für Kinder“-Aufkleber für die Auto-Rückscheibe. Heute ist es der #saveAleppo-Hashtag, der den Anschein von Moralität zum Nulltarif verleiht. Der Trend zum toten Syrer als Betroffenheit-Accessoire geht bis in die Spitze der Politik. Es sei zum Schämen und breche ihr das Herz, dass „wir politisch nicht so handeln konnten wie wir gerne handeln würden.“ Das waren die Worte Angela Merkels. Warum sie nichts anderes als betroffen sein kann, sagte die mächtigste Frau Europas nicht. Übrigens dieselbe Frau, die noch vergangene Woche auf dem CDU-Parteitag in Essen versprach, in Zukunft nie wieder so viele vor Krieg und Terror fliehenden Menschen in Deutschland Schutz zu gewähren wie im vergangenen Jahr.

Eine Frau, deren Herz für Syrer in den letzten Monaten offenbar nicht vorhanden war: Asylpakete, Integrationsgesetz, Vorrang des subsidären Schutzes, Schließung der Balkan-Route, Flüchtlingsabkommen mit der Türkei, Rücknahmeabkommen mit Libyen, Waffenlieferung an die Saudis… Zumindest eines mag man den Politikern und Journalisten, die dieser Tage tote Syrer als Projektionsfläche für ihre eigene politische Agenda entdecken, noch zugute halten: Sie haben eine, also eine Agenda.

In Sozialen Netzwerken dient die geheuchelte Syrien-Solidarität hingegen oft nur noch der Selbstdarstellung. Und wie der Krieg in und um Aleppo hat diese längst jedes Maß verloren. Zwischen Farmville-Einladung und „Welcher Fisch aus Findet Dorie bist du“-Quiz schwingen sich Leute zum moralischen Gewissen der Nation – ach, sagen wir doch gleich der Menschheit – auf, die Assad vor Kurzem noch für einen Frankfurter Sprechgesangsartisten und Ghouta für einen französischen Weichkäse hielten.

Wollen die Empörten einmal ihren Enkeln einen Stapel vergilbter Facebook-Sceenshots als Belege für ihre Widerständigkeit zeigen?

Im Ringen um die maximale moralische Empörung fallen alle moralischen Grenzen: Ist Aleppo das neue Grosny? Das neue Srebrenica? Das neue Ruanda? Das neue Auschwitz? „Sagen wir nicht, wir hätten nichts gewusst“, liest man jetzt häufig. Nur statt eines Appells zum realen politischen oder humanitären Handeln, bleibt es bei der impliziten Aufforderung zum weinenden Emoticon. Man fragt sich unweigerlich, ob jene Empörten ihren Enkeln einmal mit stolz geschwellter Brust einen Stapel vergilbter Facebook-Screenshots als Beleg für ihren Widerstandskampf gegen den #HolocaustAleppo (den Hashtag gibt es wirklich) vorlegen wollen.

Mit echten Syrern, ihrem Leben und Leiden, Hoffen und Sterben hat all das wenig zu tun. Ihren Syrer mögen viele Debattenteilnehmer hierzulande offenbar am liebsten so, wie viele Konfliktparteien vor Ort: unter einem Haufen Schutt. Dann widerspricht er nicht und sorgt außerdem auch für reichlich Likes und Retweets. Echte Syrer – nicht die aus Twitter-Tweets, sondern die aus Aleppo – birgen hingegen die Gefahr hinter dem staubigen Gesicht auch noch einen eigene Meinung zu verbergen. Und die ist eben nicht immer deckungsgleich mit den Analysen deutscher Hobby-Syrienkenner: Besetzung oder Befreiung? Fall oder Glücksfall? Die Beantwortung dieser Fragen obliegt nicht deutschen Facebook-Nutzern, sondern den Menschen in Syrien. Und diese kommen offenbar zu unterschiedlichen Urteilen.

Bald werden sie fragen, warum sich Viele für frierende Syrer aber niemand für frierende Deutsche interessieren

Nur zur Sicherheit: Die Kämpfe in und um Aleppo bieten mehr als genügend Gründe für echte Empörung. Von Berichten, wonach Soldaten 82 Zivilisten getötet haben, sprach der britische Sprecher des UN-Menschenrechtsrates. Das sind 82 gute Gründe für Trauer, Wut und moralische Entrüstung. Aber selbst wenn die Opferzahl zehnmal so hoch sein sollte: Beleg für einen „Zivilisationsbruch“, von dem nun viele sprechen, um ihn morgen wieder zu vergessen, ist das nicht. Allenfalls ein Beleg für die Ahnungslosigkeit vieler darüber, wie brüchig unsere Zivilisation auch schon vor Aleppo war und wohl auch in Zukunft sein wird. Denn es wird neue Aleppos geben. Jene, die auf Twitter trenden und jene, für die niemand ein Hashtag übrig hat. Und auch Kurzzeit-Moralisten werden neue Anlässe finden, um menschliches Leid für ihre politischen Zwecke und Selbstdarstellungen zu missbrauchen.

„Wieso habt ihr damals vor der russischen Botschaft demonstriert, aber diesmal nicht vor der amerikanischen?“, werden wieder Leute fragen, die noch nie für irgendwas demonstriert haben. „Wieso kümmern wir uns um frierende Syrer in Aleppo, nicht aber um frierende Deutsche“, werden Leute schreiben, deren Bilanz in Obdachlosenhilfe ähnlich bescheiden ist wie bei vielen heutigen Aleppo-Empörten die Syrien-Solidarität jenseits von Facebook-Posts und Sinnlosvergleichen. Und Menschen wie mein Bekannter von der Zitadelle werden weiter unter dem syrischen Stellvertreterkrieg leiden, auch wenn sich der deutsche Stellvertrerkrieg längst ein anderes Schlachtfeld gesucht hat.

 


Erschienen auf Schantall und Scharia

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