"This Orient Isle: Elizabethan England and the Islamic World"
Britischer Historiker: Der Westen sollte vom Osmanischen Reich lernen

Die aktuellen globalen Konflikte haben ihre Wurzeln im mangelnden Geschichtsverständnis des Westens, sagt der britische Autor und Wissenschaftler Jerry Brotton.

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London (nex/aa) – Die aktuellen globalen Konflikte haben ihre Wurzeln im mangelnden Geschichtsverständnis des Westens, sagt der britische Autor und Wissenschaftler Jerry Brotton. Im Interview mit der Nachrichtenagentur Anadolu macht der Historiker auch darauf aufmerksam, wie die westliche Geschichtsschreibung versucht habe, die Beiträge der islamischen Kultur zur europäischen Renaissance zu ignorieren.

Brotton ist Professor für Renaissancestudien an der Queen Mary University of London und Autor zahlreicher Bücher. Sein Werk „This Orient Isle: Elizabethan England and the Islamic World“ ist vor Kurzem erschienen.

Der Schriftsteller spricht sich für einen EU-Beitritt der Türkei aus:

„Ich sage schon seit 15 Jahren, dass die Türkei in die EU gehört. Weil, wie schon gesagt, die Geschichte uns zeigt, dass sie schon immer ein Teil Europas war.“

Brotton wirbt auch um ein größeres Verständnis für die Ära, in der das protestantische England und die islamische Welt – besonders das Osmanische Reich –  einen Austausch mit- und Kontakt zueinander pflegten.

„Die Osmanen waren Schlüsselfiguren in der europäischen Renaissance. Aber in der Geschichte der Renaissance werden die Osmanen fast vollständig verborgen. Keiner spricht über sie“, führt der Professor aus.


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Fatih, der Eroberer, zählte ab dem Zeitpunkt der Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 zu den großen Mäzenen:

„Er beauftragte venezianische Maler wie Bellini [der sein berühmtes Porträt malte], sammelte griechische und lateinische Bücher. Er gab neue Studien zu Büchern über griechische Gelehrte wie Ptolemäus in Auftrag.“

Brotton fährt fort: „Süleyman, der Prächtige, war ebenfalls ein von vielen europäischen Künstlern und Intellektuellen hoch angesehener Mäzen, der mit diversen Monarchen und Schriftstellern christlichen Glaubens korrespondierte“, erzählt Brotton. „Er gab eine riesige Tiara (Prunkhelm) bei venezianischen Goldschmieden in Auftrag, die er während der Belagerung von Wien trug. Sein Großvesir Ibrahim Pascha hatte enge diplomatische und Handelsbeziehungen zu Venedig.“

Brotton erklärt, dass es damals zwar Herausforderungen in den christlich-muslimischen Beziehungen gegeben, es sich aber dabei nicht um einen „Konflikt“ gehandelt habe: „Es ging um einen Wettkampf zwischen der italienischen Renaissance und den Osmanen in einem absoluten gegenseitigen Verständnis. Die Christen wussten, dass die Osmanen mächtiger waren.“ Der Autor merkt an, dass die Osmanen die Existenz verschiedener Glaubensrichtungen und Kulturen in ihrem Reich immer begrüßt und akzeptiert hätten.

Brotton beschreibt eine Anekdote, die sich zwischen Queen Elizabeth I und Sultan Murad III im 16. Jahrhundert abgespielt habe. Die beiden erörterten mögliche Handelsbeziehungen, „Die Engländer und Elizabeth wurden bei Murad vorstellig, was wir als Zeichen der Unterordnung deuten. Mit dieser Geste erklärt sie sich zur Untergebenen. Elizabeth möchte exklusive Handelsbeziehungen zu den Osmanen haben. Und sie sagt, sie tue das als eine ihm unterlegene Vertragspartnerin.

„Und Murad erwidert: ‚Ja klar, natürlich, ich weiß zwar nicht, wer du bist, aber wenn du mit uns Handel treiben möchtest, dann ist das gut. Denn wir sind ein multikulturelles und multireligiöses Reich. Wir sind stark – nicht, dass wir ein rein politisches oder religiöses Reich wären wie Spanien. Wir nehmen jeden herzlich auf, Juden, Katholiken, Protestanten. Jeder, der mit uns Handel treiben möchte, kann das tun. Sie müssen nur akzeptieren, dass sie der Juniorpartner sind.‘ Nun ja, das tut Elizabeth dann auch.“

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