Gastkommentar
Özgür Çelik: „Im Schatten der radikalen Verlierer“

Çelik: "Solange Erfolg als einzig legitimes Lebensziel gilt, wird es Verlierer geben – und unter ihnen jene, die radikal werden."

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Ein Gastkommentar von Özgür Çelik

Der zeitgenössischen Angst begegnet man heute nicht mehr mit Sandsäcken und Luftschutzsirenen, sondern mit Push-Nachrichten, Kameras an jeder Ecke und einem diffusen Gefühl, dass die eigentliche Gefahr überall und nirgends zugleich lauert.

Der Terror hat seine spektakuläre Sichtbarkeit eingebüßt und ist stattdessen in den Alltag eingesickert: als gedämpfte Alarmbereitschaft in Bahnhöfen, als misstrauischer Blick im Flugzeug, als politische Rhetorik, die Sicherheit verspricht und dabei Unsicherheit verlängert.

Die Gesellschaft hat gelernt, mit der Möglichkeit der Katastrophe zu leben, sie zu normalisieren, sie in statistische Wahrscheinlichkeit zu verwandeln. Und gerade in dieser Gewöhnung liegt eine neue, weit gefährlichere Form der Ohnmacht verborgen.

Hans Magnus Enzensberger schien diesen Mechanismus bereits zu ahnen, als er den „radikalen Verlierer“ beschrieb – nicht als bloße Randfigur, sondern als Symptom einer tieferliegenden zivilisatorischen Erschöpfung. Der radikale Verlierer ist kein Produkt eines bestimmten Glaubens oder einer bestimmten Nation; er ist das Kind einer Weltordnung, die ständig Gewinner produziert und noch mehr Verlierer.

Er entsteht dort, wo Menschen lernen, sich ausschließlich über Erfolg zu definieren, und jedes Scheitern als endgültige Demütigung erleben müssen. In einer globalisierten Ökonomie des Vergleichs wird das eigene Leben zum Wettbewerb, und wer nicht mithalten kann, beginnt, die Welt selbst als Zumutung zu empfinden.

Hier berühren sich Enzensbergers Gedanke und Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“ auf eigentümliche Weise. Was vordergründig als Zusammenstoß von Religionen, Traditionen und Wertesystemen erscheint, ist in der Tiefe oft ein Konflikt um Anerkennung,

Würde und Sichtbarkeit. Der sogenannte Kampf der Kulturen wird gespeist von Millionen biografischer Niederlagen, von zerbrochenen Aufstiegsversprechen, von Gesellschaften, die Integration predigen und Ausgrenzung praktizieren. Der radikale Verlierer ist weniger der Soldat einer fremden Zivilisation als das verzweifelte Produkt einer Welt, die ihm keinen Platz zugesteht.

In Europa, besonders aber in Gesellschaften wie der deutschen oder der türkischen, die zwischen Ost und West, Vergangenheit und Gegenwart, Säkularismus und Tradition oszillieren, zeigt sich dieser Widerspruch besonders deutlich. Die Kinder der Migration lernen früh, in zwei Welten zu leben, in keiner ganz zu Hause.

Sie werden aufgefordert, sich anzupassen, aber selten wirklich eingeladen, dazuzugehören. Gleichzeitig klammern sich Mehrheitsgesellschaften an ein Bild von kultureller Reinheit, das längst nur noch eine Illusion ist. So entsteht ein Raum der Kränkung, in dem Identität zur Waffe werden kann – gegen andere, aber letztlich gegen das eigene Selbst.

Der radikale Verlierer ist in diesem Sinn kein monströser Fremdkörper, sondern ein Zerrbild unserer eigenen Werte. Er glaubt, was wir predigen: dass das Leben ein Wettkampf sei. Er zieht daraus nur eine andere, düstere Konsequenz.

Wenn er nicht gewinnen kann, will er wenigstens zerstören – und sei es sich selbst. Seine Tat ist nicht die Tat des Starken, sondern das Aufbäumen des endgültig Ausgeschlossenen. Sie ist ein verzweifelter Ruf nach Bedeutung in einer Welt, die Bedeutung nur noch in Zahlen, Klicks und Trophäen misst.

Und so bleibt die unbequeme Erkenntnis, dass keine Mauer, keine Überwachung, kein militärischer Schlag diesen Konflikt wirklich lösen kann. Denn der wahre Kampf der Kulturen verläuft nicht zwischen Nationen oder Religionen, sondern zwischen dem Bild, das wir vom Menschen haben, und der Wirklichkeit, in der wir ihn leben lassen.

Solange Erfolg als einzig legitimes Lebensziel gilt, wird es Verlierer geben – und unter ihnen jene, die radikal werden. Die eigentliche Frage ist daher nicht, wie wir sie besiegen, sondern was in unserer Zivilisation geschehen ist, dass wir sie immer wieder hervorbringen.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland


 

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