Gaza-Konflikt
Thomas: „Gaza – Das Leid endet nicht, es beginnt erst“

Gaza. Das Leid endet nicht, es beginnt erst. Wie ich darauf komme? Ich erzähle meine Geschichte

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Ein Gastbeitrag von Michael Thomas

Gaza. Das Leid endet nicht, es beginnt erst
Wie ich darauf komme? Ich erzähle meine Geschichte:

Vor vielen Jahren, ich war auf einem Rückflug von Kairo und eingeschlafen, wurde ich von einem ungeheuren Rütteln geweckt. Schlaftrunken blickte ich erst aus dem Fenster, vor dem die Erde seltsamerweise stand wie eine Tapete, dann an die Flugzeugdecke, an der eine Passagierin klebte und dann schräg hinter mir auf eine Stewardess auf dem Notsitz, die sich soeben erbrach. Wir stürzten ab.

Wegen des Höhenflugmessers auf dem Monitor, der sich rasend zurückdrehte, erkannte ich, dass wir auf einem steilen, viel zu steilen Sinkflug waren. Momente später gelang es dem Piloten, die Maschine wenige hundert Meter über der Erde abzufangen und in einen kontrollierten Weiterflug zu versetzen. Wir donnerten auf Rom zu und waren so tief, ich schwöre es, dass wir die Ziegen auf den Hügeln grasen sehen konnten.

Wir wurden sofort auf eine Notlandepiste beordert und rollten dort sicher, unverletzt und unbeschädigt aus. Man geleitete uns für eine Übernachtung in ein Hotel.

Jetzt kommts:
Alle insgesamt etwa 350 Passagiere waren während des Vorkommnisses unerwartet und überraschend still geblieben. Kontrolliert und gefasst hatten sie die Busse bestiegen, ihre Hotelschlüssel in Empfang genommen und sich in Speisesaal für ein Essen eingefunden. Aber dann brach die Hölle los.

Einige begannen zu zittern, zu schluchzen, um sich zu schlagen, zu schreien. Das vervielfachte sich wie eine Welle und nur die wenigsten blieben gefasst. Der unterdrückte und aufgestaute, brutale Schock brach sich Bahn. Mancher soff wie ein Loch, andere wankten völlig aufgelöst auf ihr Zimmer und einige redeten miteinander durcheinander, wobei oftmals wirres Zeug dabei war.

Ich zählte zu den sehr wenigen Gefassten und schluckte tief, als ich die Szene betrachtete.

Ich erwarte in Gaza Schlimmeres. Viel Schlimmeres.

Die Menschen sind einem unendlichen Leid ausgesetzt und schleppen die Erfahrungen aus endlosen Bombennächten mit sich herum. Sie wissen, dass jeder einzelne von ihnen Glück hatte, nicht von Schrapnells, Bomben, Raketen zerfetzt oder von Kugeln durchsiebt worden zu sein – und mit bloßen Händen graben sie jetzt nach ihren toten Familien. Und dies womöglich bleiben werden.

All das im Wissen, dass die, die ihnen das alles angetan haben, nur sehr widerwillig mit dieser Vernichtung ausgesetzt haben und nur geil nach Gelegenheiten gieren, das Töten wieder fortzusetzen.
Nein.

Sie finden sie in den von Hunden zerfressenen Leichen in den Straßen, in Massengräbern und vermuten sie tief unter Trümmerbergen, zu denen ihre Häuser geworden und wo sie schier unerreichbar sind.

Auch mir ist es völlig unmöglich, das Leid der Menschen auch nur ansatzweise zu ermessen …. geschweige denn, es nachempfinden zu können.Dies schweigende Aufhören der Vernichtung, ohne jede Entschuldigung, ohne Trost, ohne die Nähe zu Menschen und Ländern, die wenigstens mitfühlen wollen, ist keine Beendigung der Vernichtung, kein Löschen der Hölle, in der sie stecken.

Wie dumm müsste man sein, nicht zu sehen, dass sich ein tödlicher Hass vertausendfacht hat?

Wie kann man nur glauben, dass aus diesem Waffenstillstand Friede werden könnte? Ich wüsste nicht, wie ich jemanden umfangen, trösten, halten könnte, der seine tote, zerrissene Mutter wiederfindet! Ich wüsste nicht, was ihm zu sagen wäre, wenn er tränenüberströmt die Faust hochreckt.

Wie kann ein Kind erwachsen werden, dass sich von seinen toten Eltern lösen und wochenlang zwischen Bomben, Leichen, Hunger und Verwesung durch Ruinen stolpern musste? In dem Wissen, dass irgendwo einer lauert, der genau ihm in den Kopf schießen und Spaß dabei haben wollte? Wann wird das Schreien beginnen?


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor 

Michael Thomas ist Privatier, Fotograf, leidenschaftlich an Ägyptologie und Literatur interessiert, mit der er vor vielen Jahren als Autor regional einige Beachtung fand. Er verfolgt interessiert das Weltgeschehen durch Beobachtung internationaler Presse. Seinen Fokus legt er insbesondere auf die Palästinafrage und auf die islamische Welt.

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