Karabach-Konflikt
Kommentar: Der unaufhaltsame Niedergang der deutschen Mainstreammedien

Am 7. November war ich in Karabach, unter anderem in Schuscha. Als Autor zweier wissenschaftlicher Bücher und mehrerer Artikel über Karabach und zur Vorbereitung weiterer Forschungen über die Geschichte und Kultur Karabachs habe ich ohne zu Zögern die Gelegenheit ergriffen, einer Einladung in den vor einem Jahr befreiten Teil Aserbaidschans anzunehmen.

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Ein Gastbeitrag von Dr. Michael Reinhard Heß

Am 7. November war ich in Karabach, unter anderem in Schuscha. Als Autor zweier wissenschaftlicher Bücher und mehrerer Artikel über Karabach und zur Vorbereitung weiterer Forschungen über die Geschichte und Kultur Karabachs habe ich ohne zu Zögern die Gelegenheit ergriffen, einer Einladung in den vor einem Jahr befreiten Teil Aserbaidschans anzunehmen.

Vor Antritt der Reise habe ich mehreren führenden deutschsprachigen Presseorganen unter Hinweis auf meine Aserbaidschanisch-, Russisch- und Türkischkenntnisse, unter Nennung meines akademischen Zierrats und unter Beifügung einer Liste meiner wissenschaftlichen und sonstigen Publikationen jeweils angeboten, exklusiv einen Bericht über meine Eindrücke aus Schuscha und Karabach zu liefern. Ich hätte vielleicht hinzufügen sollen, dass ich dafür kein Geld wollte. Resultat: Außer einer automatisch erzeugten Eingangsbestätigung nichts. Kein Ja, kein Nein. Auch kein „Nein, denn …“ Einfach Schweigen.

Und dann dieser Artikel aus der Süddeutschen Zeitung, eines der führenden deutschen Blätter, nach Ansicht mancher vielleicht sogar die führende Zeitung. Also gewissermaßen die Alternative zu meinem nicht geschriebenen Beitrag.

In der Person von Hannes Munzinger betet die Süddeutsche Zeitung ihrem am 7. November online gestellten Text ein paar charakteristische Vorurteile nach, die in Deutschland über den durch den aserbaidschanischen Sieg vor einem Jahr beendeten Karabachkonflikt kursieren. „Klassische Kriegspropaganda“ sei es, wenn auf einer neuen 500-Manat-Note aserbaidschanische Soldaten zu sehen seien, die auf einem Hügel in Karabach (das bei Munzinger vielsagenderweise immer noch „Bergkarabach“ heißt) eine (aserbaidschanische) Flagge hissen, und wenn gleichzeitig auf dem Geldschein das Zitat Präsident İlham Әliyevs „Karabach ist Aserbaidschan!“ zu lesen ist.

Wenn man sich als Journalist, Wissenschaftler oder Mensch ein Urteil über eine gravierende Frage bildet – und es dürfte immerhin ein Konsenspunkt aller Parteien, einschließlich des unübersehbar voreingenommenen überwiegenden Teils der deutschsprachigen sogenannten Qualitätsmedien sein, dass der grausame politisch-ethnische Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan eine todernste Sache gewesen ist –, ziemt es sich, die Perspektive aller Konfliktparteien unter Zugrundelegung der gleichen darstellerischen Maßstäbe zu berücksichtigen.

Dass Hannes Munzinger dieses grundlegende Prinzip aller Berichterstattung vollkommen missachtet, ist schon nach dem dritten Absatz seines Beitrags deutlich. Wenn er die Devise „Karabach ist Aserbaidschan!“ (im Original „Qarabağ Azәrbaycandır!)“ als Teil aserbaidschanischer „Kriegspropaganda“ bezeichnet, warum erwähnt er dann nicht, dass die armenische Führung vor dem Beginn des 44-Tage-Krieges von 2020 die spiegelverkehrte Behauptung, nämlich „Karabach ist Armenien. Und Punkt!“ (das Zitat kommt in seiner aserbaidschanischen Form unter anderem in der Rede von İlham Әliyev an die aserbaidschanische Nation am 27. September 2020 vor, siehe https://president.az/articles/40968 ) in die Welt gesetzt hat? Nach den eigenen Maßstäben von Hannes Munzinger müsste dieses Zitat zweifellos ebenfalls als Teil von „Kriegspropaganda“ gewertet werden, nur eben solcher, die von Seiten Armeniens betrieben werde.

Warum nun aber kritisiert der Autor eine aserbaidschanische Äußerung als „Kriegspropaganda“, erwähnt aber eine wortwörtlich vergleichbare und von einem der Position von Präsident Әliyev annähernd vergleichbaren politischen Organ stammende armenische Äußerung erst gar nicht, wodurch er sich natürlich auch selber der Möglichkeit beraubt, zu der Frage Stellung nehmen zu können, ob die armenische Äußerung ebenfalls „Kriegspropaganda“ sei oder nicht?

Statt auf eine Antwort zu warten – die ich weder von der Süddeutschen Zeitung noch von der Berliner Zeitung noch überhaupt von einem Bestandteil der deutschen sogenannten Qualitätspresse erwarte –, gebe ich sie mir lieber selber, denn sie liegt so oder so auf der Hand: Weil dieser Artikel einseitig und verzerrend ist. Denn er gibt schon durch die Wahl seiner Terminologie (unter anderem „Bergkarabach“, dessen Land von aserbaidschanischen Truppen „erobert“ worden sei) und vor allen Dingen durch die Wahl der in ihm weggelassenen Tatsachen und Hintergründe zu verstehen, dass er sich die Sicht der armenischen Separatisten und Expansionisten (deren bis zum aserbaidschanischen Sieg am 10. November 2020 in Karabach installierte politische Pseudoentität nicht einmal von Armenien selber anerkannt worden war) zu eigen macht.

Zu den von Munzinger verschwiegenen Kernaspekten des Konflikts gehört: Das in seinen Worten (kurz vor Kriegsbeginn 2020) „zuvor von Armeniern gehaltene“ Land wurde noch „zuvor“er, nämlich1992, von Armenien in einem brutalen Eroberungskrieg annektiert. Dieser expansionistische Vorstoß hatte unter anderem den Tod von Tausenden von Zivilisten, die Vertreibung von etwa einer Million Aserbaidschanern, Kriegsverbrechen wie das von Xocalı, die bewusste und mutwillige Zerstörung eines erheblichen Teils des aserbaidschanisch-muslimischen Kulturerbes von Karabach und insbesondere Schuschas, darunter die barbarische Vandalisierung des Haus-Museums des aserbaidschanischen Komponisten und Schöpfers der ersten aserbaidschanischen Oper, Üzeyir Hacıbәyov, und die Desakralisierung von Moscheen zur Folge. Der völkerrechtswidrige Charakter der armenischen Aggression wurde bekanntermaßen schon 1993 vom UN-Sicherheitsrat (Resolutionen 822, 853, 874, 884) in unmissverständlicher Weise verurteilt.

Durch die Weglassung solcher entscheidenden Aspekte des armenisch-aserbaidschanischen Konflikts kommt die Süddeutsche Zeitung natürlich leicht dem von ihr offensichtlich angepeilten Ziel näher, nämlich eine Schuldbipolarität in das Geschehen hineinzulegen, deren negativer Aspekt (ich kann traurigerweise hinzufügen: in Deutschland selbstredend) nur auf einer Seite liegt, nämlich der aserbaidschanischen. Egal, ob der UN-Sicherheitsrat die Besetzung von 20 Prozent aserbaidschanischen Territoriums seitens Armeniens faktisch als verbrecherischen Akt gebrandmarkt hat, für die Süddeutsche Zeitung ist der Eroberer und der Bösewicht Aserbaidschan.

Als Stellungnahme zum Geschehen in und um Karabach ist der Beitrag der Süddeutschen Zeitung aus den oben dargelegten Gründen also nicht ernst zu nehmen (auf den unsäglichen Nexus mit Myanmar einzugehen, erspare ich den Lesern). Interessant ist er aber als Indikator für den Verfall journalistischer und diskursiver Standards in der Mitte der deutschen Publikationslandschaft.

Man simuliert zwar Interesse, indem man sich beispielsweise immerhin die Mühe macht, den Text auf dem 500-Manat-Schein zu übersetzen, aber dieses Interesse ist – eben nur ein Schein. In Wahrheit spult die Süddeutsche Zeitung blind und unreflektiert, ohne einen Blick auf den Kontext, ohne Selbsterinnerung an den Imperativ des Audiatur et altera pars die in der deutschen Medien kursierenden Klischees über den vormaligen armenisch-aserbaidschanischen Konflikt. Es ist nicht mehr weit bis zum Boulevard.

Es wird sich zeigen, ob die hier wieder einmal, wie in Dutzenden vergleichbarer Fälle seit dem Ausbruch des Kriegs am 27. September 2020 ventilierte Aserbaidschanphobie im Laufe der Zeit zumindest durch das Bemühen ersetzt werden wird, die Position Aserbaidschans wenigstens wahrzunehmen. Aus der Sicht eines in seiner Einseitigkeit – aus welchen genauen Gründen eigentlich – augenscheinlich unerschütterlichen Großteils der deutschen Elitemedien wäre dies logischerweise die Voraussetzung dafür, dass man sich das moralische Recht erwerben könnte, den Konflikt und seine Parteien zu bewerten.

Ich finde, dass sich eine solche Rückbesinnung auf mehr Ausgewogenheit, Kontextberücksichtigung und Fairness nicht nur im Interesse der Herstellung eines dauerhaften Friedens in der südkaukasischen Region wäre, sondern auch im Interesse der Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit der deutschen Medienlandschaft in den Augen der aserbaidschanischen Öffentlichkeit, aber auch zahlloser Menschen außerhalb Aserbaidschans.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 da


Michael Reinhard Heß ist promovierter und habilitierter Turkologe und seit 2005 Privatdozent und lehrt an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Zum Thema Karabach hat er die Bücher „Panzer im Paradies“ (Dr. Köster 2016) und „Karabakh from the 13th century to 1920“ (Gulandot, 2020) verfasst.


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