Flüchtlingskrise
Belarus: „Ein großer Teil dieser Flüchtlinge sind Jesiden und Kurden“

Belarus schiebt die Verantwortung für die jüngste Flüchtlingsbewegung in Richtung polnischer Grenze der EU und insbesondere Deutschland zu. Dabei hat Staatspräsident Lukaschenko offenbar viel dafür getan, um diese neue Route zu eröffnen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ein Kommentar.

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Ein Gastbeitrag von Nabi Yücel

Belarus schiebt die Verantwortung für die jüngste Flüchtlingsbewegung in Richtung polnischer Grenze der EU und insbesondere Deutschland zu. Dabei hat Staatspräsident Lukaschenko offenbar viel dafür getan, um diese neue Route zu eröffnen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Seien wir doch ehrlich! Da haben – allen voran Deutschland – die Europäer gemeint, sie könnten dem belarussischen Machthaber für seine erzwungene Landung einer Ryanair-Maschine quasi einen reindrücken. Jetzt rächt sich Lukaschenko und sorgt mutmaßlich dafür, dass vorwiegend irakische Staatsbürger an die polnische Grenze gelangen.

Deutsche Medien werfen indes zugleich dem türkischen wie auch russischen Staatschefs vor, hierbei mitzumischen. Allen voran die BILD sprang dabei ins Auge, aber auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk mischt inzwischen mit, um dieses Bild aufrechtzuerhalten.

Die BILD muss man ja nicht ernst nehmen, aber wenn jetzt schon hoch qualifizierte Journalisten wie Oliver Mayer-Rüth oder Katharina Willinger von gut organisierten Routen sprechen, die über – unter mehrfacher Betonung – die Türkei geführt werde, dann fragt man sich, ob hier noch ein Informationswert vorliegt oder konsequent BILD– oder Staatslinie verfolgt wird.

Zu einem wäre den Damen und Herren des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sehr wohl möglich gewesen, mehr Hintergrundinformationen einzuarbeiten. Da wären: irakische Staatsbürger sind bei der Einreise in die Türkei von der Visa befreit. Sprich, der einreisende Iraker muss nur einen gültigen Reisepass vorzeigen und ein Visum für Belarus mit sich führen, um weiterreisen zu können. Ob diese irakischen Staatsbürger die Türkei als Transitland nutzen, zur Haartransplantation zwischenlanden oder an der türkischen Riviera die Beine in den Strand strecken, ist dabei völlig belanglos.

Hier geht es offensichtlich nur darum, gleich allen drei Regierungschefs, Lukaschenko, Putin und Erdogan die Verantwortung für die neuerliche Flüchtlingsbewegung zu übertragen, obwohl die Flüchtlinge an sich Europa selbst dafür verantwortlich machen, mehrere Tausend Euros auszugeben, um an der Grenze Polens anzuklopfen und wenn irgend machbar in Deutschland zu landen. Gebe es die Möglichkeit in dieser Welt, frei reisen zu dürfen, wären sämtliche Kriegsgebiete längst verlassen, deren Einwohner nunmehr in Europa.

Hierzu müssen sich all die kurdisch- und jesidischstämmigen Bürger in Europa die Frage gefallen lassen, ob sie nicht doch mit dafür verantwortlich sind, dass ihre Landsleute nun an den Toren Europas anklopfen. Waren sie es doch, die die Menschen dort angestachelt haben, sich mit westlicher Hilfe die Unabhängigkeit, ein Land zu erkämpfen, die von vornherein doch eine Totgeburt war. Jetzt wollen diese hochstilisierten Menschen, nun Flüchtlinge – definitiv alle entweder kurdisch oder jesidisch – selbst von Milch und Honig profitieren, an der sich schon ihre Landsleute genüsslich laben, während sie dort ihr Leben für ein „Land“ opfern sollen, die von Europa und den USA politisch wie militärisch mitgetragen wird.

Kurdische Aktivisten: „Ein großer Teil dieser Flüchtlinge sind Kurden“

Auch kurdische Aktivisten, wie etwa die britisch-kurdische Journalistin Ruwayda Mustafah, weisen die europäische Gemeinschaft darauf hin, dass ein erheblicher Teil der neuerlichen Flüchtlingswelle aus Kurden aus der Region des Iraks stammt. Die europäische Gemeinschaft müssten in die Region investieren, um damit die Wirtschaft zu unterstützen und Arbeitsplätze zu generieren. Damit würde man den Zustrom von Flüchtlingen reduzieren.

Nicht die politisch korrekte Lesart in Deutschland ist hier von Bedeutung, sondern die Erblast Europas und des Westens an sich. Ihre Geschichten mit „Massenvernichtungswaffen“ von Saddam, Fass- und Chemiebomben des Assad oder die Sicherheit am Hindukusch haben doch dafür gesorgt, dass die Migrationsbewegungen losgetreten wurden. Nicht ohne Grund wollen Menschen aufgrund der zunichte gemachten Zukunft jetzt zum Nabel der Welt, wo vor allem Sicherheit herrscht, Milch und Honig fließt, Demokratie und Humanismus herrscht – alles Selbstzuschreibungen.

Inzwischen, Deutschland hat es zwar „geschafft“, die erste oder zweite Flüchtlingswelle aufzunehmen, aber die moralische Instanz vermochte es nicht, dabei alle anderen Europäer miteinzubeziehen. Nur Italien oder Griechenland, die unter der Last der anströmenden Flüchtlingswellen stöhnen und dabei mittlerweile jede moralische europäische Hürde geradezu platt walzen, ziehen mit, weil sie als Außenposten Europas dazu verdammt sind.

Deshalb juckte es die Deutschen nicht sonderlich, dass die deutsche und europäische Erblast z.B. an der griechisch-türkischen Grenze niedergeprügelt, bis auf die nackte Haut ausgezogen und mit Peitschenhieben drapiert wurde. Wie denn auch, wenn man nur widerwillig darüber berichtet oder gleich andere dafür verantwortlich macht. Es hat auch nicht Aufhebens darum gegeben, dass die Flüchtlingsbewegung über das Mittelmeer mehr Wasserleichen hinterlassen hat als Schiffe und Boote, die in der gesamten Menschheitsgeschichte bislang darin versunken sind.

Mag sein, dass das übergroße Wandgemälde von Alan Kurdi, einem syrischen Jungen kurdischer Abstammung, dessen Leiche an die türkische Mittelmeerküste angeschwemmt wurde, heute in Frankfurt zu bestaunen ist oder die Puppe des Flüchtlingsmädchens Amal 8.000 km durch Europa getragen wurde. Es zeigt nur, wie Europa verzweifelt versucht, sich das Gewissen reinzuwaschen und den bedrängten Menschen im Nahen Osten zu signalisieren: Wir sind da, wir helfen euch vor Ort. Doch nichts geschieht!

So kann es nicht weiter gehen. Die Erblast, die man sich mit Chartas und Verträgen sowie Selbstzuschreibungen eingehandelt hat, wiegt schwerer. Dieses Rechthaberische, als Europäer handle man moralisch richtig, also müssten die anderen folgen oder zur Verantwortung gezogen werden, zieht nicht mehr, weil die Flüchtlinge selbst entscheiden, wohin sie wollen und wo sie nicht bleiben wollen. Dafür plündern sie ihr Hab und Gut, kratzen das letzte Geld zusammen, um im reichen wohlhabenden Europa eine neue Zukunft aufzubauen. Dafür nutzen Flüchtlinge Transitländer, ob auf legalen oder illegalen Wege, das spielt dann eine untergeordnete Rolle, zumal jeder den Weg wählt, den er sich leisten kann.

Und wie kommt das? Tja, die europäische Politik und Berichterstattung hat mit dafür gesorgt, dass die Flüchtlinge weder in der Türkei noch in Belarus bleiben wollen. Sind es doch schließlich Länder in denen Regime das sagen haben, damit Recht und Gesetz nicht gelten. Nun stehen Flüchtlinge vor der polnischen Grenze, einem Land, das laut Europäern sich von den europäischen Werten abgewendet hat und dafür gemaßregelt werden soll. Mal schauen, ob die Maßregelung Polens angesichts der neuerlichen Flüchtlingskrise angewendet wird oder erst eine Atempause gönnt und man zu einer einvernehmlichen Lösung kommt. Währenddessen dürfen Flüchtlinge an der polnisch-belarussischen Grenze vorhersagen nach sich mit einem der härtesten Winter beschäftigen, die auf sie zurollt.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.


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