Meinung
Kommentar: Wie weit sind wir selbst von Angst vor dem Fremden infiziert?

Die Landtagswahlen, die im September und Oktober in drei ostdeutschen Bundesländern stattfinden, sorgen schon für reichlich Spannung und rege Gedankenspiele. Schafft es die Alternative für Deutschland (AfD) in einem oder mehreren der drei Bundesländer stärkste politische Kraft zu werden? Oder erweist sich die rechtspopulistische Partei als ein Papiertiger? Ein Kommentar.

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Transformationsprozesse und Identitätssuche Ursachen extremer Gedanken?

Von Yasin Baş

Die Landtagswahlen, die im September und Oktober in drei ostdeutschen Bundesländern stattfinden, sorgen schon für reichlich Spannung und rege Gedankenspiele. Schafft es die Alternative für Deutschland (AfD) in einem oder mehreren der drei Bundesländer stärkste politische Kraft zu werden? Oder erweist sich die rechtspopulistische Partei als ein Papiertiger?

Ein Papiertiger wird definiert als eine sich einflussreich und kraftvoll gebende Person oder Gruppe, die bei näherer Beobachtung keine große Macht oder kein großes Gewicht und Ansehen besitzt. Wie mächtig ist die AfD in Wirklichkeit? Wurde die in Teilen extremistische und verfassungsfeindliche Partei von Medien, politischen Sympathisanten und Gegnern, der Wirtschaft oder von Behörden und gesellschaftlichen Akteuren schlicht großgeredet? Oder ist es wahr, dass diese Partei auch unter unseren Nachbarn, Vereinskammeraden, Arbeitskollegen, Verwandten und Familienmitgliedern auf eine treue Anhängerschaft blicken kann?

Wie weit sind wir selbst und wie weit sind unsere Gedanken von Hass, Angst vor dem Fremden (Xenophobie) und Intoleranz infiziert? Kennen wir möglicherweise Menschen, oder gehören auch wir vielleicht selbst zu denen, die wie z.B. die sogenannten Prepper dazu, die von einem Untergang der Ordnung und von chaotischen Zuständen ausgehen und deshalb für diesen angeblichen Tag X Vorkehrungen treffen, indem sie Waffen, Munition, bestimmte Chemikalien und Nahrung horten, um die, wann auch immer, gestürzte staatliche Ordnung selbst in die Hand zu nehmen? Ich hoffe nicht.

Reichsbürger, Identitäre, Prepper. Das sind nur drei Gruppen, über die wir vor zwanzig Jahren höchstwahrscheinlich nie etwas gehört haben. Fragen wir uns in welche Richtung sich unsere Dorfgemeinschaft, unsere Stadt, Deutschland, Europa und die Welt bewegt? Wo möchten wir hingehören? Und wo gehören wir wirklich hin?

Suche nach Identität

Wir landen immer wieder beim Thema Identität. Die Menschen scheinen auf der Suche nach etwas zu sein. Dies kann die Sehnsucht nach etwas Vertrautem, nach dem mehrdeutigen Begriff Heimat oder nach Familie und Freunde bedeuten. Es kann auch ein Verlangen nach Sicherheit sein. Aber auch der Drang, oder um es mit den Worten der Rockband „Die Ärzte“ auszudrücken, dem „Schrei nach Liebe“.

Identität und die Suche nach etwas kann auch mit Verlust und Angst zu tun haben. Deshalb haben Menschen, die sehr stark nach Identität streben oft große Ängste. Lassen sich AfD-Wähler in diese Gruppe einordnen? Populisten spielen gerne mit Ängsten, Bedrohungen und Sorgen. Identitäre Populisten umso mehr.

Wieso gibt es plötzlich eine rechtsextreme Partei, die so erfolgreich ist? Gab es nicht auch früher schon rechtsradikale Parteien? Die Sozialistische Reichspartei (SRP), Deutsche Reichspartei (DRP), Republikaner (REP), Deutsche Volksunion (DVU), Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD), all diese Parteien waren weitgehend längst nicht so erfolgreich wie die AfD heute.

Transformationsprozesse, die Menschen verunsichern

Die industrielle Revolution zur Mitte des 19. Jahrhunderts im heutigen Deutschland bewirkte gravierende soziale, familiäre und psychologische Veränderungen in bis dahin agrarisch geprägten Gegenden. Der Wandel im politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umfeld führte zu Verunsicherung bei vielen Menschen. Sündenböcke wurden erschaffen für all die Veränderungen.

In der Geschichtswissenschaft spricht man vom Transformationsprozess, als einem elementaren Grund für die Entwicklung der völkischen Ideologie. Die völkische Bewegung gilt als die Geistesrichtung, gilt als das Fundament des Nationalsozialismus. Und sie gilt auch heute als Unterbau und Geist der Identitären Bewegung, des Rechtsextremismus sowie des real existierenden Rechtsterrorismus, der immer mehr – auch ethnisch deutsche – Menschenleben fordert.

Gibt es heute Parallelen zu damals? Die grenzenlose Mobilität, die vierte industrielle Revolution in Form der Digitalisierung, Entkopplung sozialer Beziehungen und Unterhaltungsnormen in den sogenannten sozialen Medien, in den teilweise anonymen Sphären des World Wide Web. Personalisierung und Individualisierung mentaler und physischer Elemente im Leben eines Menschen können auch heute zu Transformationsprozessen führen, die uns Angst machen.

Und auch heute scheinen die Menschen auf der Suche nach sich selbst, nach Identität zu sein. Die, die damit überfordert sind, können den identitätsstiftenden Populismus und Extremismus als Rettungsanker sehen. Ob sich dieser Anker jedoch wirklich als Retter in der Not oder als Fallstrick erweist, wird mit Spannung erwartet. Der entscheidende Vorteil, den wir allerdings heute haben, ist, dass wir in der Gegenwart aus den Erfahrungen und vor allem den Fehlern der Vergangenheit lernen können. Diese Möglichkeit sollten wir konstruktiv nutzen.

 


Yasin Baş ist Politologe, Historiker, Autor und freier Journalist. Zuletzt erschienen seine Bücher: „Islam in Deutschland – Deutscher Islam?” sowie „nach-richten: Muslime in den Medien”.

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