Studie
Hinter vielen Hass-Kommentaren im Netz steht nur eine verschwindend kleine Minderheit

Hinter vielen Hass-Kommentaren im Netz steht nur eine verschwindend kleine Minderheit der Nutzer. Das belegt eine aktuelle wissenschaftliche Analyse Hunderter Diskussionen in sozialen Netzwerken.

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Hamburg (ots) – Hinter vielen Hass-Kommentaren im Netz steht nur eine verschwindend kleine Minderheit der Nutzer. Das belegt eine aktuelle wissenschaftliche Analyse Hunderter Diskussionen in sozialen Netzwerken.

Die Studie, die dem NDR vorliegt, zeigt: Lediglich fünf Prozent der Accounts sind für 50 Prozent der Likes bei Hass-Kommentaren auf Facebook verantwortlich. Innerhalb dieser lautstarken Minderheit findet sich sogar noch ein extrem aktiver Kern: Ein Prozent der Profile sind demnach für 25 Prozent der Likes verantwortlich. Die Nutzer dieser Profile agieren oft gemeinsam und sind generell deutlich aktiver als normale Nutzer. Das gilt allerdings nur für Diskussionen, in denen Hass-Inhalte auffallen – bei anderen Themen sind diese Accounts weitestgehend passiv.

Die meisten der bei Hass-Inhalten hochaktiven Accounts lassen sich als Anhänger von AfD und „Identitären“ identifizieren. Der IT-Experte Philip Kreißel wertete für die Studie in Kooperation mit dem Institute for Strategic Dialogue in London 3000 Veröffentlichungen und 18 000 Kommentare auf Facebook im Januar 2018 zu Beiträgen von Bild, Focus-Online, Kronen-Zeitung, Spiegel-Online, tagesschau.de, Welt sowie ZDF heute aus. „Rechte Gruppierungen versuchen, gezielt die Facebook-Algorithmen zu manipulieren. Dazu einigen sie sich auf Uhrzeiten und Hashtags, um diese in die TopTrends zu katapultieren“, so Julia Ebner vom Institute for Strategic Dialogue gegenüber dem NDR.

„Diese Kampagnen auf den Medienseiten werden mit zahlreichen gefälschten Accounts von rechtsextremen Kreisen koordiniert zu bestimmten Uhrzeiten durchgeführt. Das führt dazu, dass sie den Online-Diskurs bestimmen können. Für diese Aktionen werden auch Accounts unter falschen Namen angelegt, um damit gezielt Einschüchterungs- oder Hasskampagnen gegen ihre Gegner zu führen“, so die Wissenschaftlerin. „Was wir in den Statistiken beobachten, ist vor allem eine monumentale Täuschung“, urteilt Philip Kreißel.

Anderen Nutzern und den Administratoren der Medienseiten, aber auch dem News-Algorithmus von Facebook werde vorgegaukelt, dass bestimmte Themen eine große Öffentlichkeit beschäftigen, so der IT-Experte. Tatsächlich handele es sich nur um eine lautstarke Minderheit. Ihr komme die Funktionsweise von Facebook entgegen. Denn polarisierende Debatten, die oft erst durch koordinierte Aktionen ausgelöst werden, erhielten durch den Facebook-Algorithmus eine höhere Reichweite als sachliche Diskussionen.

Die Wissenschaftler haben sich in ihrer Studie vor allem auf sogenannte Hass-Postings konzentriert. Kommentare, in denen vermeintlich real existierende Nutzer gegen Themen oder Personen hetzen. Wenn Artikel und Themen Hass-Kommentare auf sich ziehen, haben sie durchschnittlich dreimal so viele Kommentare wie Artikel ohne Hass.

IT-Experte Kreißel entwickelte zur Analyse einen sogenannten „Hate-Finder“. Dieses Instrument identifiziert Profile, die Hass-Kommentare oft liken, und beobachtet, wo diese wieder aktiv werden. Die Gefahr sei, dass andere Nutzer und Politiker sowie Medienmacher glauben könnten, die Kommentarspalten seien repräsentativ für die Stimmung in der Bevölkerung. Kreißel und Ebner appellieren daher an die Verantwortung der Medien.

Sie sollten bei der Themensuche und Gewichtung nicht auf rechtsextreme Trolle hereinfallen. Zudem sei es wichtig, dass Medien die Diskussionen zu ihren Inhalten moderierten. Kreißel betont, dass die politische Ausrichtung von aktiven Profilen bei moderierten Diskussionen eher ausgeglichen sei. Ohne Moderation finde man bis zu 100 Prozent mehr rechtsradikale, oft extrem aktive Accounts in den Kommentarspalten.

Der Informatiker selbst engagiert sich in der Facebook-Gruppe „Ichbinhier“. Die Mitglieder wollen damit Diskussionen wieder in geregelte Bahnen lenken. Ihre eigenen Kommentare markieren sie mit dem Hashtag „#ichbinhier“, um kenntlich zu machen, dass man zu dieser Gruppe gehört. Das Ziel der Initiative: Jeder soll an Diskussionen im Netz teilnehmen können, ohne beleidigt oder Ziel von Hass zu werden.

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