Meinung
Kommentar: „Parteiarbeit bedeutet, Wähler zu überzeugen und nicht, für alle wählbar zu werden“

Der nun in der Türkei lebende ehemalige Axel-Springer-Mitarbeiter Holger Vorbeck (71) aus Hamburg kritisiert, dass deutsche Parteien ihre Programme immer weiter einander anglichen und immer schwieriger auseinanderzuhalten seien. Parteiarbeit bestehe darin, die potenziellen Wähler vom Parteiprogramm zu überzeugen und nicht darin, das Programm fortwährend an die jeweiligen Meinungen der Wähler anzupassen.

Teilen

Von Holger Vorbeck

Jetzt ist ein Monat vergangen seit der Bundestagswahl 2017. Und mit schöner Regelmäßigkeit ist nach einer solchen Veranstaltung das gleiche Ritual in den Parteien zu beobachten.

Das Wahlergebnis wird „sorgfältig analysiert“, wie es allerorten heißt, bei den Wahlgewinnern genauso wie bei den Verlierern. Bei den Wahlverlierern wird dann heftig debattiert, welche Konsequenzen aus der Wahlschlappe zu ziehen sind.

Dabei gehen die Parteien meist den einfachen Weg. Man schaut, was die Wähler wollen, und passt sein Programm entsprechend an. Da wird sich dann nach rechts, links oder zur Mitte „geöffnet“, da müssen auch die rechten oder linken Wähler „eingebunden“ werden, da muss man sich weiter links, rechts oder in der Mitte „positionieren“, da muss man auch für linke oder rechte Randgruppen „wählbar sein“.

Derartige Vorschläge oder Vorgehensweisen verkennen vollkommen den Gedanken einer politischen Partei. Eine Partei ist ein Zusammenschluss von Bürgern mit gleichen oder zumindest ähnlichen Vorstellungen, Zielen und Idealen, die sich im politischen Programm der Partei niederschlagen.

„Parteiarbeit bedeutet, Wähler zu überzeugen und nicht, für alle wählbar zu werden!“

Die Parteiarbeit besteht dann darin, die potenziellen Wähler von diesem Parteiprogramm zu überzeugen. Die Parteiarbeit besteht nicht darin, das Programm fortwährend an die jeweiligen Meinungen der Wähler anzupassen!

Zugegeben, der Weg der Programmänderung ist sehr viel einfacher als Überzeugungsarbeit zu leisten, führt aber dazu, dass die Partei ihr eigentliches Programm aus den Augen verliert, dass sie an Kontur verliert, unglaubwürdig wird, als opportunistisch wahrgenommen wird und die Unterschiede zu den anderen Parteien nicht mehr erkennen lässt.

Ein beträchtlicher Teil der derzeitigen Politikverdrossenheit ist darauf zurückzuführen, dass keine wesentlichen Unterschiede mehr zwischen den Parteien zu erkennen sind. Jede der etablierten Parteien ist fast für jeden wählbar.

Die SPD ist nicht mehr sozialdemokratisch, die CDU nicht mehr konservativ, die FDP ist nicht mehr liberal, die Grünen sind nicht mehr grün und die Linke ist nicht mehr sozialistisch.

Die jetzt angestrebte Jamaika-Koalition wird diesen Trend leider nicht stoppen oder umkehren, sondern eher verstärken. Schade um die Demokratie!

Auch interessant

Kommentar: Berichterstattung über Türkei eine einzige Katastrophe

Kommentar: Berichterstattung über Türkei eine einzige Katastrophe

 


Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.

Auch interessant

Papst Leo XIV. verurteilt erneut Siedlergewalt

Vatikan - Der internationale Druck auf die israelische Siedlungspolitik und die ausufernde Gewalt extremistischer Siedler im besetzten Westjordanland erreicht eine neue Ebene. Nach einem...

Rente mit 63 vor dem Aus: Was Deutsche jetzt planen müssen

Karl Lauterbach warnt. Die Rentenkommission empfiehlt. Und die AfD-Fraktion feiert einen Vorschlag, den sie selbst seit Jahren fordert. Drei völlig unterschiedliche Player, ein gemeinsamer...

Michael Thomas: „Parallelen zwischen Israel und Deutschland unter Hitler“

Ein Gastkommentar von Michael Thomas Der jüngste Ausfall vom israelischen „Sicherheitsminister“ Itamar Ben-Gvir beschreibt den Zustand Israels genauer und zeigt, wo das Land steht. Leider zeigt...

Mattner: Israelkritik ist kein linkes Randphänomen

Ein Gastkommentar von Susanne Mattner Wenn man sich anschaut, wer vor rund 20 Jahren deutliche Kritik an der israelischen Regierung geäußert hat, wird es aus...

Headlines

Michael Thomas: „Parallelen zwischen Israel und Deutschland unter Hitler“

Ein Gastkommentar von Michael Thomas Der jüngste Ausfall vom israelischen „Sicherheitsminister“ Itamar Ben-Gvir beschreibt den Zustand Israels genauer und zeigt,...

Papst Leo XIV. verurteilt erneut Siedlergewalt

Vatikan - Der internationale Druck auf die israelische Siedlungspolitik und die ausufernde Gewalt extremistischer Siedler im besetzten Westjordanland erreicht...

Mattner: „Auch israelische Siedler können Terroristen sein“

Ein Gastkommentar von Susanne Mattner Ich bin ehrlich gesagt äußerst erstaunt – und zwar positiv –, dass die Frankfurter Rundschau...

Safa: Netanjahu ist nicht das Problem, Israel ist

Beirut - Der libanesische Diplomat und Menschenrechtsaktivist Mohamad Safa hat in einem ausführlichen Kommentar den internationalen Fokus auf Israels...

Meinung

Rente mit 63 vor dem Aus: Was Deutsche jetzt planen müssen

Karl Lauterbach warnt. Die Rentenkommission empfiehlt. Und die AfD-Fraktion feiert einen Vorschlag, den sie selbst seit Jahren fordert. Drei völlig unterschiedliche Player, ein gemeinsamer...

Michael Thomas: „Parallelen zwischen Israel und Deutschland unter Hitler“

Ein Gastkommentar von Michael Thomas Der jüngste Ausfall vom israelischen „Sicherheitsminister“ Itamar Ben-Gvir beschreibt den Zustand Israels genauer und zeigt, wo das Land steht. Leider zeigt...

Araştırma: ChatGPT kullanımı beyin aktivitesini önemli ölçüde azaltıyor

Cambridge – MIT Media Lab tarafından yapılan bir araştırma, ChatGPT ve diğer AI asistanlarının kullanımının beyin aktivitesini büyük ölçüde azalttığına dair ilk kanıtları sunuyor. Araştırma,...

The Economist: Erdoğan, Müslüman dünyasının en popüler politikacısı

Londra - Neredeyse iki milyar insandan oluşan devasa ve çeşitlilik arz eden bir topluluk olan küresel Müslüman topluluğu Umma/Ümmet içinde, birleştirici bir temsilci arayışı...

Odadaki Son Yetişkin Olarak Türkiye

Konuk Yazar Nabi Yücel Mevcut durumda Türkiye, Orta Doğu'nun – ve çok daha ötesinin – jeopolitik manzarasında neredeyse nesli tükenmekte olan diplomatik bir tür; yani...