Wenn Deutschtürken deutscher als Deutsche sind
Kommentar: Das Türkei-Rückkehrer Syndrom

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Von Marina Bütün

Seit meiner Auswanderung in die Türkei habe ich sehr viele Menschen kennengelernt. Ich habe sie kommen sehen, voller Enthusiasmus und Zukunftsträume, ich habe auch viele wieder gehen sehen, enttäuscht, traurig, weil sie gar nicht aus der Türkei weg wollten, aber persönliche Umstände sie gezwungen hatten, wieder zurückzugehen.

Manchmal, wenn ich mich so umhöre, gerade in der heutigen Zeit, in der die Türkei von vielen Deutschen gemieden wird, weil die deutschen Medien eine Türkei suggerieren, die diktatorisch sei, die den Menschen keine Freiheit lässt oder sie gar unterdrückt oder einsperrt oder ermordet werden, bemerke ich, dass ein Teil der Rückwanderer, die einst so glücklich waren, hier zu sein, einen erheblichen und auch garstigen Beitrag dazu leisten, dass vieles geglaubt wird, was in den Zeitungen steht.

Denn wenn doch jemand von dort zurückgekehrt ist und nur noch schimpft, dann ist das die vermeintliche Wahrheit, die man in den deutschen Medien liest oder sieht. Zeugen, denen man unbedingt glauben muss, denn sie waren ja augenscheinlich vor Ort und bestätigen dann sehr oft und voller Inbrunst und totaler Übertreibungen, was sie früher, als ihre Welt in der Türkei noch in Ordnung war, niemals behauptet hätten.

Der Zorn, den diese deutschen Rückkehrer in sich haben, für die eigene persönliche Situation, in die sie sich hineinmanövriert haben oder in die sie von anderen bösartigen Menschen gebracht wurden, braucht dann unbedingt einen Schuldigen, der Schuldige ist in dem Falle immer das Land, in dem man gelebt hat und nicht etwa die Menschen, die dazu beigetragen haben, dass man Schiffbruch erlitten hat.

Die Gründe sind so vielfältig und doch einfach persönliche Erlebnisse, die man auch in jedem anderen Land oder auch im Heimatland Deutschland erleben könnte, zum Beispiel geht die Beziehung zu einem Mann in die Brüche, man hat finanzielle Probleme, die selbstverschuldet sind, eine Firmenpleite, Arbeitsplatzverlust und ähnliche Dinge. Doch das wird meistens gar nicht erwähnt oder nur kurz eingeflochten. Das Hauptthema ist dann die Türkei.

Und wenn Deutschland vorher noch so schlecht war, als man ging und wenn man auch noch so oft betonte, dass man nie mehr zurück möchte – nach einem persönlichen Schicksalsschlag, der zur Rückkehr zwingt, sieht die Welt auf einmal wieder ganz anders aus.

Bei türkischstämmigen Auswanderern, die wieder nach Deutschland gingen, beobachtete ich immer den gleichen Grund: Sie waren deutscher als wir Deutschen hier und hatten sehr oft immense Anpassungsprobleme an die Gepflogenheiten im Land ihrer Eltern. Das ist unglaublich, aber es ist wirklich so, dass vielen dieser Lebensstil, der nichts mit dem in Deutschland zu tun hat, zu schaffen macht.

Es ticken die Uhren in Deutschland pünktlich, es herrschte Disziplin, die Behörden hatten ein anderes System, man arbeitet hier mehr als in Deutschland für umgerechnet natürlich weniger. Doch dafür lebt man auch, außer in den großen Metropolen wie Istanbul, Ankara oder Izmir wesentlich günstiger.
Es gibt nichts, was man mit dem straff reglementierten deutschen System und dem Leben dort vergleichen kann. Alles läuft gemütlicher, Termine verschieben sich um Stunden und keiner beschwert sich.

Man wittert noch viel mehr als der Deutsche selbst überall Gefahren, betrogen zu werden, vor Vertragsabschlüssen werden sämtliche Szenarien durchgespielt, die passieren könnten – und meistens werden diese Menschen dann erst recht und nur von ihrer Angst in die falsche Richtung geleitet. Viele kommen damit nicht klar und gehen völlig genervt wieder nach Deutschland, um festzustellen, wie schlimm das Land hier doch regiert wird. Es ist völlig irre, denn die meisten, die ich danach gehört habe, erzählen nicht, dass sie einfach zu deutsch für die Türkei sind, obwohl sie als Türken es eigentlich leichter haben müssten…

Ich habe mich aber nie fragen müssen, warum viele Rückkehrer so reagieren. Das ist einfach menschlich, dass man sich ein persönliches Scheitern nicht eingestehen will. Es ist wie bei einer Freundin von mir, die in Deutschland mit einem Türken eine Beziehung hatte, lange Jahre. Sie fand türkische Musik schön, sie lernte orientalischen Tanz, sie fühlte sich zu allem, was türkisch war, hingezogen. Dann kam das Beziehungsaus und auf einmal war alles, was türkisch war, schlecht. Sogar die Menschen – sie trugen angeblich einen unangenehmen Geruch an sich.

Ich habe ihr damals erklärt, dass sie sich das alles nur einbildet. Dass das vorbei geht, wenn sie das Ende ihrer Beziehung verarbeitet hat. Es hat zwei Jahre gedauert, dann lief wieder die Musik, sie flog in die Türkei in den Urlaub und es war alles wieder in Ordnung. Genauso verhält es sich mit den Rückkehrern. Sie sind mit dem Land beleidigt, nicht mit sich selbst, wenn etwas nicht so funktioniert, wie sie es sich erträumt haben. Genau die selben “Anwandlungen“ wie meine Freundin sie hatte, die ja nur in Deutschland lebte.

Leider gibt es auch “Langzeithasser“ , die sich von ihrer Enttäuschung, den Traum versemmelt zu haben, nie mehr erholen.

Bei manchen, die noch vor der jetzigen Regierung wieder zurückgekehrt sind und die nur noch von Freunden oder Verwandten reden, die ihnen diese schrecklichen Informationen aus der Türkei vermitteln, denkt man, die Türkei war in den neunziger Jahren ein Vorzeigestaat und ist nun ein Abklatsch von Nordkorea. Tatsachen werden verdreht und verschwiegen, damals war das alles besser, heute möchte man keinen Fuß mehr in die Türkei setzen.

Manche reagieren regelrecht hysterisch , wenn sie dann über die Türkei berichten und versuchen, mit allen Mitteln, zu beschreiben, wie froh sie sind, nicht mehr in der Türkei leben zu müssen und bedienen sich dann auf einmal wieder der deutschen Presse, die sie vorher fürchterlich verlogen fanden, schauen genau wieder die Sender im Fernsehen, die, wie sie früher sagten, gesteuert werden. Aber wenn man dann mit Menschen spricht, die sie persönlich kennen und von der Situation, in der die Rückkehrer gewesen sind, hört, dann weiß man genau, dass es wieder jemanden erwischt hat. Es ist wie eine Krankheit, ein Virus, der ansteckend ist bei vielen Rückkehrern.

Was es genau ist, kann man nur erahnen: Wut auf sich selbst oder bestimmte Menschen, die dafür gesorgt haben, dass man die Flucht rückwärts ergreift, Enttäuschung über das eigene Versagen, die unglücklichen Umstände, mehr ist es nie und leider auch sehr oft die Eifersucht auf diejenigen, die noch immer dort leben, wo sie gerne bis ans Lebensende selbst bleiben wollten.

 


Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.

 

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