Türkei nach dem Putschversuch
Erdoğan: „Ich wünschte, sie hätten sich hier in der Türkei sehen lassen“

„Unser Premierminister hat am Marsch durch die Straßen von Paris teilgenommen. Ich hätte mir gewünscht, dass die Führer der westlichen Welt auf die gleiche Weise auf das reagiert hätten, was in der Türkei geschehen ist und sich nicht mit ein paar Floskeln der Verurteilung [des Putschversuches] begnügt hätten“, erklärte Erdoğan in einem Interview mit "Le Monde".

Teilen

Paris (nex) – Die westlichen Länder haben die Türkei während des am Ende gescheiterten Putschversuches vom 15. Juli allein gelassen und nicht genug an Solidarität gezeigt, erklärte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan am Montag gegenüber der französischen Tageszeitung „Le Monde“.

„Die westliche Welt hat sich vollständig in Widerspruch zu den Werten, die sie verteidigt, positioniert“, erklärte der türkische Präsident. „Sie hätten ihre Solidarität mit der Türkei zeigen sollen, die ihre demokratischen Werte beherzigt hat. Leider haben sie es vorgezogen, die Türken zu isolieren.“ Der türkische Präsident erklärte, es sei „kein herkömmlicher terroristischer Angriff“ gewesen, der sein Land getroffen hätte.

Insgesamt seien 240 Menschen getötet worden und fast 2200 verletzt. Erdoğan machte deutlich, er hätte sich gewünscht, die politischen Führer der Welt hätten auf die gleiche Weise reagiert wie nach dem Angriff auf „Charlie Hebdo“ im Januar 2015. „Unser Premierminister hat am Marsch durch die Straßen von Paris teilgenommen. Ich hätte mir gewünscht, dass die Führer der westlichen Welt auf die gleiche Weise auf das reagiert hätten, was in der Türkei geschehen ist und sich nicht mit ein paar Floskeln der Verurteilung [des Putschversuches] begnügt hätten“, erklärte Erdoğan. „Ich wünschte, sie hätten sich hier in der Türkei sehen lassen.“ Erdoğan übte auch Kritik an der „Besorgnis“ westlicher Länder über Beamte und andere Personen, die aus dem öffentlichen Dienst entfernt werden.

„Statt Empathie zu zeigen, kam von den westlichen Führern das genaue Gegenteil“, erklärte der türkische Präsident. Tausende Menschen wurden aus staatlichen Institutionen der Türkei im Nachgang zum Putschversuch vom 15. Juli entfernt oder suspendiert. Die Regierung versucht im Wege umfangreicher Untersuchungen, Unterstützer und Sympathisanten des Putschversuchs zu identifizieren. „Ein Staat kann einstellen und entlassen, wie es ihm beliebt“, erklärte der Präsident, und fügte hinzu: „Die Türkei hat solche Fragen nie an westliche Partner gerichtet… Jeder sollte seinen Platz kennen.“ Erdoğan betonte in diesem Zusammenhang: „Wir bekämpfen derzeit einen Putschversuch, wir kämpfen gegen Terroristen. Die westliche Welt muss begreifen, was wir durchmachen.“

Die türkische Regierung hat für den Putschversuch wiederholt die „Fethullistische Terrororganisation/Parallelstaatsstruktur“ (FETÖ/PDY) des seit Ende der 1990er Jahre in den USA lebenden türkischen Predigers Fethullah Gülen und dessen Anhänger verantwortlich gemacht. Gülen wird vorgeworfen, über Jahrzehnte hinweg mit seiner elitären, intransparenten Vereinigung systematisch die staatlichen Institutionen unterwandert und vor allem im Militär, in der Polizei und im Justizsystem einen „Parallelstaat“ gegründet zu haben.

Auch interessant

Schienen-Chaos in NRW: Wie die Politik die Lebensader unseres Landes kollabieren lässt

Ein Gastkommentar von Yusuf Duman Der Schienenverkehr in Nordrhein Westfalen wirkt inzwischen wie das Ergebnis jahrzehntelanger politischer und infrastruktureller Vernachlässigung. Was Bürgerinnen und Bürger täglich erleben,...

Thomas: Israelkritik muss lauter und kompromissloser werden

Ein Gastkommentar von Michael Thomas Wir leben in einer ebenso erstaunlichen wie bedrohlichen und bedenklichen Zeit. Seit nunmehr sehr vielen Jahren hat sich der öffentliche Dialog...

Bundesweit einmalig: Bayerische Stadt zeigt muslimische Gebetszeiten auf Ortsschild

München - Die oberbayerische Stadt Penzberg sorgt mit einer in Deutschland bislang einmaligen Initiative für Aufsehen und setzt ein unübersehbares Zeichen für das interreligiöse...

Türkei: Neue Partei zersplittert Opposition

Ankara - In der türkischen Politik hat sich ein historisches Beben ereignet: Nach einer beispiellosen innerparteilichen Krise haben rund 90 Abgeordnete der Republikanischen Volkspartei...

Ex-US-Stabschef Wilkerson: Israel wird als jüdischer Staat verschwinden

Washington - Lawrence „Larry“ Wilkerson, der ehemalige Stabschef des US-Außenministers Colin Powell, hat in einer viel beachteten geopolitischen Lageanalyse eine Prognose über die langfristige...

Headlines

Nach Mamdanis Wahlsieg: Befürchtete Millionärsflucht bleibt aus

New York - Vor dem Wahlsieg des demokratischen Sozialisten Zohran Mamdani warnten konservative Politiker, Unternehmer und Kommentatoren vor dramatischen...

Kinder in Gaza malen Pedro Sánchez – Spaniens Premier reagiert mit bewegender Botschaft

Madrid - Zwischen den Trümmern des Gazastreifens haben lokale Künstler gemeinsam mit Kindern ein großes Porträt des spanischen Ministerpräsidenten...

New York: Bürgermeister Mamdani will Grundnahrungsmittel dauerhaft günstiger verkaufen

New York – Mit kostenlosen abendlichen Betreuungsangeboten für Familien und dem Ausbau der Kinderbetreuung hat New Yorks Bürgermeister Zohran...

Özgür Çelik: Warum Mittelmächte keine neue Weltordnung schaffen werden

Ein Gastbeitrag von Özgür Çelik Als der kanadische Premierminister Mark Carney im Januar in Davos vor den versammelten Mittelmächten warnte,...

Meinung

Nach Mamdanis Wahlsieg: Befürchtete Millionärsflucht bleibt aus

New York - Vor dem Wahlsieg des demokratischen Sozialisten Zohran Mamdani warnten konservative Politiker, Unternehmer und Kommentatoren vor dramatischen wirtschaftlichen Folgen für New York...

Kinder in Gaza malen Pedro Sánchez – Spaniens Premier reagiert mit bewegender Botschaft

Madrid - Zwischen den Trümmern des Gazastreifens haben lokale Künstler gemeinsam mit Kindern ein großes Porträt des spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez gemalt. Mit dem...

Geleceğin Cumhurbaşkanı: Hakan Fidan

Polat Karaburan Recep Tayyip Erdoğan, yarım asrı aşkın bir süredir Türkiye’nin siyasi hayatına yön veriyor. 1976 yılında merhum Necmettin Erbakan’ın siyasi hareketinde filizlenen bu yolculuk,...

Wall Street Journal: Türkiye’nin durdurulması gerekiyor

Konuk Yazar: Özgür Çelik Bradley Martin tarafından kaleme alınan ve 4 Mart 2026 tarihinde Wall Street Journal'da yayımlanan "Türkiye'yi Dizginlemek İçin Acil Bir İhtiyaç" (An...

Odadaki Son Yetişkin Olarak Türkiye

Konuk Yazar Nabi Yücel Mevcut durumda Türkiye, Orta Doğu'nun – ve çok daha ötesinin – jeopolitik manzarasında neredeyse nesli tükenmekte olan diplomatik bir tür; yani...