Kommentar
„Importierter Antisemitismus“: Die inszenierte Hysterie

Von Arn Strohmeyer Deutschland hat politisch offenbar nur noch ein wirklich wichtiges Problem: Antisemitismus. Da reichen ein paar unschöne, aber doch eher marginale Vorfälle aus, dass Politik und Medien gemeinsam eine Stimmung erzeugen, als hätten schwere Pogrome stattgefunden und als bestehe die Gefahr eines neuen Holocaust. Um dieses aufgeheizte Klima zu verstehen, muss man einen Begriff aus der Psychologie heranziehen, den der Hysterie. Er bezeichnet in der Umgangssprache eine übertriebene krankhafte Aufgeregtheit, die dazu führt, dass man die Realität nicht mehr wahrnehmen kann. Realitätsverlust, das ist die eigentliche Gefahr, der Politik und Medien hierzulande unterliegen, und das ist eine höchst bedenkliche Entwicklung. Was in Deutschland (und auch in einigen anderen Ländern Europas) geschieht, ist: dass der Nahost-Konflikt – genau gesagt der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern – auch auf deutschem Boden ausgetragen wird. Und das hat wenig oder nichts mit einer neuen Welle von Antisemitismus zu tun, wie sie etwa die Nazis nach ihrer Machtübernahme 1933 in Gang gesetzt haben. Das Phänomen ist ja nicht neu, auch Türken und Kurden und andere Volksgruppen haben hierzulande schon Gewalt gegeneinander angewendet. Auf Grund der furchtbaren NS-Verbrechen ist das deutsche Verhältnis zu Juden beziehungsweise Israel verständlicherweise aber besonders sensibel, ja brisant, sodass in diesem Fall ganz andere Maßstäbe angelegt werden. Aber die Krux ist, dass diese Maßstäbe ganz offensichtlich nicht viel mit der politischen und historischen Realität zu tun haben, sondern inhaltlich ganz anders ausgelegt werden, was dann zu den oben angeführten hysterischen Reaktionen führt. Ein Teufelskreis, aus dem die deutsche Politik und die meisten Medien nicht herauskommen. Und so dreht man sich immer um sich selbst herum, ohne dem angestrebten und immer wieder laut verkündeten Ziel einer erfolgreichen Bekämpfung des Antisemitismus auch nur einen Schritt näherzukommen. Denn da müsste man ein paar Wahrheiten anerkennen, was aber auf Grund der zum Dogma verfestigten deutschen Position in dieser Problematik, die vollständig von Tabus und Verdrängung geprägt ist, gar nicht möglich ist. Zunächst einmal muss geklärt werden, was Antisemitismus ist und was er nicht ist, denn mit falschen Definitionen wird schon viel Missbrauch zum Zweck politischer Instrumentalisierung getrieben. Es gab den christlich-religiösen Antisemitismus, der den Juden vorwarf, Jesus getötet zu haben. Aus ihm ging der pseudowissenschaftliche „rassisch“ orientierte Antisemitismus hervor, der den Juden unterstellte, dass sie aufgrund einer bestimmten DNA unabänderliche negative Eigenschaften besäßen. Dies war etwa die Definition der NS-Ideologie. Nach der Gründung des Staates Israel kam ein „neuer“ Antisemitismus-Begriff auf. Da dieser Staat mit nicht sehr koscheren Mitteln zustande kam und auch danach nur mit Gewaltmitteln aufrechterhalten und ausgeweitet werden konnte, wurde nun als „Antisemit“ bezeichnet, wer es wagte, die Politik dieses Staates zu kritisieren. Der jüdische Autor Hajo G. Meyer (ein Auschwitz-Überlebender) brachte das auf die kurze Formel: „Früher war ein Antisemit jemand, der Juden nicht mochte, heute ist ein Antisemit jemand, den bestimmte Juden nicht mögen“, eben weil er die Politik Israels kritisiert. Man kann sich aber nicht mit der israelischen Politik auseinandersetzen, ohne auf die Ideologie dieses Staates einzugehen, denn sie bestimmt sein politisches Vorgehen. Der Zionismus ist definitorisch vom Judentum zu trennen. Während letzteres nicht nur eine Religion, sondern eine kulturelle oder Identitätsgemeinschaft im weitesten Sinne ist, ist der Zionismus eine nationale (man kann auch sagen nationalistische) säkulare Ideologie, deren Ziel es war und ist, auf dem Boden Palästinas einen homogenen, also ethnisch „reinen“ jüdischen Nationalstaat zu etablieren – möglichst ohne Palästinenser. Diese wichtige Unterscheidung zwischen Judentum und Zionismus nicht zu treffen, muss zu verhängnisvollen politischen Missverständnissen und Fehleinschätzungen führen, was in der deutschen Politik und den Mainstream-Medien auch der Fall ist. Denn damit erfährt der Antisemitismus-Begriff einen einseitigen Bedeutungswandel, er meint so gesehen nur noch Kritik an Israels äußerst inhumaner Politik gegenüber den Palästinensern. Er ist deshalb so infam, weil an diesem Vorwurf das Gift von Auschwitz klebt, und diese Anschuldigung kann heute existenzbedrohend sein. Hajo G- Meyer bemerkt dazu: „Diese neue Machtposition bedeutet so eine radikale Änderung, ja, in gewissem Maße eine Umkehrung des traditionellen Begriffes ‚Antisemitismus‘“. Dazu kommt ein anderes Faktum, das das Gesagte noch unterstreicht. Die zionistische Ideologie sieht die Ursache des Konflikts mit den Palästinensern nicht in den eigenen siedlerkolonialistischen Verbrechen an diesem Volk – Landraub, Vertreibung, Enteignung, Zerstörung ihrer Gesellschaft, Besatzung, Unterdrückung usw. – , sondern vermischt den Holocaust mit der Palästina-Frage. Die Schuldigen an dem Konflikt sind nach zionistischer Auffassung die Palästinenser, die als „antisemitische“ Angreifer und als die „neuen Nazis“ dämonisiert werden, die die Juden vernichten und „ins Meer treiben wollen“. Damit wird die nahöstliche Wirklichkeit aber völlig auf den Kopf gestellt, weil diese offizielle israelische Position auf diese Weise die kolonialen Ursprünge und Verlaufsformen der Gewalt leugnet und den territorialen Konflikt um Palästina als Fortsetzung der Verfolgungsgeschichte der Juden deutet, obwohl die Palästinenser mit den Verbrechen der Nazis gar nichts zu tun hatten. Diese Argumentation hat für die Israelis aber den Vorteil, dass sie jeder Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld aus dem Weg gehen können. Obwohl diese zionistische Position weder historisch noch moralisch aufrechtzuerhalten ist, haben die deutsche Politik und die Mainstream-Medien sie sich nicht nur zu eigen gemacht, sondern ganz offensichtlich aus dem deutschen Schuldgefühl gegenüber Juden heraus zutiefst verinnerlicht und sich damit identifiziert, was wohl als der Hauptgrund für das höchst unaufrichtige, um nicht zusagen neurotische Verhältnis zu Juden und Israel angesehen werden muss. Der deutsche Völkerrechtler Norman Paech bezeichnet die Beziehungen zu Israel denn auch als „vollkommen verkrampft, erzwungen und verlogen – sie sind geradezu von mafiotischer Struktur.“ Er fährt fort: „Wie anders kann man die Beziehungen werten, in denen der eine Partner mit dem Stiefel auf dem Nacken eines Volkes dessen Vertreibung aus der Heimat betreibt, ohne sich um die einfachsten Regeln des Völkerrechts zu kümmern – und der andere Staat ihm die Hand reicht und die angerichteten Schäden zu beheben versucht? Das sind keine normalen Beziehungen, die sich allein aus den Verbrechen der Vergangenheit rechtfertigen lassen. Sie nehmen die wachsende Kriminalität der [israelischen] Staatsführung und ihre Isolierung in der Staatenwelt in Kauf. Normal werden diese Beziehungen erst dann, wenn es Frieden mit dem palästinensischen Volk gibt, indem es ungehindert und ohne Lebensgefahr auf dem Landweg, aus der Luft und über See erreicht werden kann. Doch wird dies nach all den Jahrzehnten des Scheiterns nur mit dem Druck der Staaten und eines von der Zivilgesellschaft unterstützen Boykotts möglich sein.“ Man kommt nicht umhin, die deutsch-israelische Problematik auf die Formel zu bringen: Die Deutschen (oder zumindest ein sehr großer Teil von ihnen) hat immer noch nicht in einer angemessenen rationalen Weise die Schuld für die Verbrechen des Nationalsozialismus aufgearbeitet und versucht nun mit einem übertriebenen und überspannten Philosemitismus Sühne zu tun und sich von der Last der Schuld zu befreien, indem es Israel bedingungslos unterstützt, einen Staat, der sich selbst schwerster Verbrechen gegen das Völkerrecht und die Menschenrechte schuldig gemacht hat und immer noch macht. Dieses monströse Unrecht sieht die deutsche Politik aber gar nicht, will es nicht sehen, verleugnet und verdrängt es und schafft sich so ein ideales Wunschbild von diesem Staat, mit dem man sich in einer „Wertegemeinschaft“ wähnt. Wer dieses Lügengebäude der Unaufrichtigkeit kritisiert, wird eben als „Antisemit“ diffamiert. Das ist die deutsche Realität in dieser Hinsicht. Es ist der common sense, an dem keine Partei zu rühren wagt. Und eine mächtige Lobby steht bereit, die permanenten Druck ausübt, dass dies auch so bleibt. Wenn die deutsche Politik immer wieder betont, dem Völkerrecht und den Menschenrechten verpflichtet zu sein, so drückt sie in Bezug auf Israel und seine Politik gegenüber den Palästinensern ganz fest beide Augen zu. (Es gibt natürlich noch andere Beispiele, die belegen, dass dieser Anspruch nur bloße Rhetorik ist.) Die Frage ist aber, wie die zionistische Bewegung selbst, deren Ziel ursprünglich die Befreiung und Emanzipation der Juden war, sich so entwickeln konnte, dass Israel heute ein brutaler Besatzungsstaat ist, der sich auf dem besten Wege befindet, ein diktatorischer Apartheidstaat zu werden. Man muss ein wenig in die Geschichte zurückgehen, um diesen Entwicklungsprozess zu verstehen. In der Geschichte des Judentums gab es immer die beiden gegensätzlichen Tendenzen zwischen einer stammesmäßigen Abschottung beziehungsweise Isolierung (Partikularismus) und weltoffenem humanistischen Universalismus. Im Alten Testament heißt es: Die Juden sind das Volk, das abseits der anderen Völker lebt. Universalistische Auffassungen lassen sich vor allem bei den Propheten finden. Der Universalismus gewann mit dem Aufkommen der Aufklärung an Bedeutung, zu der sich das intellektuelle Judentum fast ausnahmslos bekannte. Der Holocaust und die Gründung des Staates Israel rückten aber die partikularen Interessen und Anforderungen in den Vordergrund, die durch die sich sehr stark abgrenzende Ideologie des Zionismus noch verstärkt wurden. Der französische Historiker Pierre Birnbaum merkte zu dieser Entwicklung bedauernd an: „Eine lange Geschichte kommt wahrscheinlich zu ihrem Ende: die des Zusammentreffens der Juden mit einer streng universalistisch verstandenen Aufklärung.“ An dem Konflikt mit den Palästinensern und damit an der Frage der Menschenrechte wird diese ideologische Spaltung zwischen ethnischer, israelisch-jüdischer Abschottung auf der einen Seite und universalistischem Humanismus auf der anderen Seite besonders deutlich. Sie ist so radikal, dass der britisch-jüdische Philosoph Brian Klug meint, dass sie auf ein Entweder-Oder hinauslaufe. Er spricht von einer Krise im Judentum, bei der sich Israel als der Fels herausstellen könne, an dem das Judentum zerbrechen könne. Wie sehr sich die Situation in Israel in dieser Hinsicht zugespitzt hat, machen Äußerungen der Justizministern Ayelet Shaked deutlich, die öffentlich bekennt, dass der Zionismus (also die Politik dieses Staates) nichts mit Völkerrecht und Menschenrechten zu tun habe, der Zionismus habe seine eigenen Gesetze und seine eigene Moral. Außerdem war auf ihrer Webseite die Aufforderung zu lesen, palästinensische Mütter zu töten und ihre Häuser zu zerstören, weil sie darin „kleine Schlangen“ (soll heißen palästinensische „Terroristen“) großzögen. Wenn Menschenrechtsaktivisten, Universalisten und Linke in Israel inzwischen als „Verräter“ denunziert werden, sagt das viel über den Zustand dieser angeblich „einzigen Demokratie im Nahen Osten“ aus. Die israelische Soziologin Eva Illouz von der Universität Jerusalem schreibt über diese besorgniserregende Entwicklung: „Wenn jemand, dem die Menschenrechte wichtig sind, damit zum Verräter an Israel und den Juden wird (wie es dieser Tage in Israel und den weltweiten jüdischen Gemeinden so häufig zu hören ist), würde dies den moralischen Bankrott des organisierten Judentums und Israels bedeuten. Die Menschenrechte sind der Mindeststandard, an dem jede Innenpolitik und jede internationale Politik gemessen werden muss – ohne Wenn und Aber. Die Tatsache, dass viele Israelis und Nichtisraelis, die die Menschenrechte in Israel verteidigen, regelmäßig verleumdet und geächtet werden, spricht dafür, dass sich sowohl die jüdischen Diasporagemeinschaften als auch Israel von internationalen Moralnormen abwenden, gerade weil diese Normen an und für sich universalistisch sind.“ Das Paradoxe ist, dass Israel trotz seiner gewaltigen militärischen und wirtschaftlichen Überlegenheit und trotz seiner eklatanten Verstöße gegen Völkerrecht und Menschenrechte immer noch behauptet, selbst das Opfer zu sein, was auf paranoide Züge in der israelischen Seelenlage schließen lässt. Darauf weisen auch viele israelische Autoren hin. So charakterisiert Moshe Zuckermann den Staat Israel als schwankend zwischen einem vor „selbstgewisser Arroganz der Stärke strotzendem Militarismus bei gleichzeitig zelebrierter Kollektivparanoia und larmoyanter Selbstviktimierung [sich selbst zum Opfer erklären].“ Eva Illouz spricht angesichts der israelischen Haltung, die Welt sauber in Gute und Böse aufzuteilen, von einer „paranoiden Denkweise, deren einziges Ziel es ist, Feinde auszumachen und sie zu vernichten.“ Alternativen oder Kompromisse lasse ein solches Denken nicht zu. Vermutlich ist das der Grund, warum der Palästina-Konflikt unlösbar ist. Und Abraham Burg fragt mit besorgtem Blick auf die Zukunft Israels: „Wir nähern uns mit schnellen Schritten einem Scheideweg, an dem wir entscheiden müssen, wer wir sind und welche Richtung wir einschlagen. Gehen wir in die Vergangenheit, an der wir uns immer orientiert haben, oder entscheiden wir uns zum ersten Mal seit Generationen für die Zukunft? Entscheiden wir uns für eine bessere Welt, deren Basis Hoffnung, nicht ein Trauma, Vertrauen in die Menschheit, nicht misstrauischer Isolationismus und Paranoia sind?“ Der paranoiden Seelenlage der Israelis entspricht auf deutscher Seite die der Hysterie, also die übertriebene und krankhafte Aufgeregtheit in Bezug auf alles, was Israel betrifft. Realitätsverleugnung ist die notwendige Folge. So wenig der deutsche common sense das reale Israel wahrnimmt und weiter die „gemeinsamen Werte“ hervorhebt, um sich das ideale Wunschbild von diesem Staat zu bewahren, so sehr weigert er sich auch, die Realität „Antisemitismus“ differenziert zur Kenntnis zu nehmen. Natürlich gibt es noch unbelehrbare Vertreter des „klassischen“ Antisemitismus, Umfragen haben es immer wieder belegt. Es gibt aber auch den politisch und ideologisch manipulierten Antisemitismus-Vorwurf, der allein die Funktion hat, jede Kritik von der israelischen Politik abzuwenden. Dieser Vorwurf ist besonders infam, weil er sich vor allem gegen die Vertreter des Universalismus – also des Völkerrechts, der Menschenrechte und des Humanismus richtet – als „Antisemiten“ denunziert und ihnen damit das Gift von Auschwitz anhängt. Was aber angesichts der oben geschilderten Haltung, die der zionistische Staat zum Völkerrecht und den Menschenrechten einnimmt, auch nicht verwundert. Und es gibt angeblich einen neuen „muslimischen Antisemitismus“, den vor allem die Flüchtlinge mitgebracht haben sollen. Er ist, um es klar zu sagen, ein Produkt der Verdrängung in deutschen Politikerköpfen. Denn die weigern sich schlicht und einfach zur Kenntnis zu nehmen, dass der Zionismus (übrigens mit starker westlicher Hilfe, auch der Deutschlands) mit all seinen Verheerungen, die er im Nahen Osten angerichtet hat, erst den Konflikt geschaffen hat, der nun schon seit Jahrzehnten besteht und immer wieder furchtbare Eruptionen hervorbringt. Oder anders gesagt: Die zionistischen Ansprüche auf ein arabisches Palästina und die sich daraus ergebenden kolonialen Konsequenzen machen auch heute noch den Kern des Nahost-Konfliktes aus. Und weil das so ist, ist der Hass zwischen Israelis und Palästinensern so groß, befinden sie sich in einem permanenten, wenn auch durch Israels Überlegenheit sehr asymmetrischen Kriegszustand. Nicht der islamische Kulturbereich, sondern das christliche Europa hat den Antisemitismus hervorgebracht und ihn mit dem Zionisten, die vor ihm geflohen sind, in den Nahen Ost exportiert. Dass Muslime nach all dem, was sie mit der zionistischen Eroberung erlebt haben und noch erleben, ihren Hass in antisemitische Stereotypen ausdrücken, ist sicher schlimm und dumm (dumm, weil sie letzten Endes wieder gegen sie instrumentalisiert werden können), aber zumindest nachvollziehbar. Aber man sollte es ernst nehmen, wenn der Auschwitz-Überlebende Hajo G. Meyer schreibt: „Die Verwendung dieser antisemitischen Stereotypen hat mit einem traditionellen Antisemitismus im eigentlichen Sinn nichts zu tun. Es ist ein Missbrauch der alten Stereotypen für andere Zwecke, die mit der kriegsähnlichen Situation zusammenhängen. In einer solchen Situation ist es einfach die Regel, dass die beiden Parteien sich gegenseitig dämonisieren.“ Die zum „Antisemitismus“ hoch geputschten Vorfälle der letzten Zeit sollten unter diesem Blickwinkel gesehen werden, und nicht unter dem, dass die Juden nun wieder einer neuen Verfolgung ausgesetzt seien, diesmal von den „antisemitischen“ Palästinensern und anderen Muslimen. Das ist eine verfälschende Darstellung der Geschichte und der politischen Gegenwartssituation. Um den „Antisemitismus“ zu bekämpfen, wie ihn der common sense in Deutschland versteht, bedarf es keiner Exkursionen von Muslimen in die KZ’s und Vernichtungslager der Nazis, keines Antisemitismus-Beauftragten und keiner „Aufklärung“ in den Schulen, wobei eine richtige und wahrheitsgemäße Aufklärung natürlich immer gut ist. Worauf es ankäme, wäre, nicht nur die jüdische Seite, sondern auch die Seite der Muslime anzuhören und sie ihre politische Wirklichkeit – und dazu gehören auch die Gründe für ihren Hass auf Israel– berichten zu lassen. Erst dann könnte man wirklich verstehen und vermitteln. Aber davor stehen zu viele deutsche Tabus, die zu durchbrechen offenbar unmöglich ist. Das hieße nämlich zu verstehen, dass das öffentliche Verbrennen einer selbstgefertigten Israel-Fahne durch Palästinenser kein „antisemitisches“ Vergehen gegen Juden oder das Judentum ist, sondern Ausdruck eines berechtigten Widerstandes gegen einen Staat, der ihnen unendlich viel Leid zugefügt hat. Siehe zuletzt die friedlichen Demonstranten an der Grenze zum von Israel völlig abgeriegelten Gazastreifen, die nur ihr berechtigtes Anliegen für Freiheit und menschliche Würde vorbringen wollen und von Scharfschützen der israelischen Armee „abgeknallt wurden wie die Hasen“, so der israelische Publizist Uri Avnery. 39 Tote hat dieses Massaker bisher gefordert und über 3000 Verletzte, bei null israelischen Verlusten. Wenn Juden uns darüber informieren, dass die Kippa von Angehörigen dieser Religion gar nicht auf der Straße getragen wird, sondern nur im Haus, und draußen ein Hut darüber aufgesetzt wird und dass heute die Kippa vor allem das Symbol der nationalreligiösen, äußerst aggressiven und gewalttätigen Siedler im besetzten Westjordanland ist, dann sollte man seine Sympathie für Juden vielleicht doch auf andere Weise ausdrücken als mit einem demonstrativen, öffentlichen Schaulaufen mit dieser Kopfbedeckung, die eben bei Muslimen ganz andere Assoziationen weckt. Hier entsteht in Deutschland ein sehr gefährlicher projüdischer antiarabischer Rassismus, der sehr schlimme Folgen für die deutsche Demokratie haben kann – angefangen bei einer sehr massiven Einschränkung der Meinungsfreiheit, wie sie es jetzt schon gibt. Das deutsche Problem ist nicht das Aufkommen eines neuen Antisemitismus, dazu sind die Vorfälle viel zu marginal. Zudem wird Antisemitismus immer erst dann wirklich gefährlich, wenn er sich mit einer Staatsmacht verbindet wie im zaristischen Russland, im NS-Staat oder etwa im Südafrika der Apartheid. Problematisch ist das Schweigen der deutschen Politik und der meisten Medien zu Israels Politik und das Schweigen über die Gründe, warum junge Araber in Deutschland gegen Israel oder jüdische Bürger aufbegehren. Das Schweigen über diese Realitäten, die Deutschland in den Verdacht einer Komplizenschaft bringen und das inzwischen nicht mehr überhörbare Raunen in der Bevölkerung, dass Juden hierzulande eine Sonderstellung genießen und „alles dürfen“, facht den Antisemitismus an. Und natürlich die brutale israelische Politik. So lange man dazu schweigt und die Realitäten nicht ehrlich und aufrichtig beim Namen nennt und diskutiert, kann man wie Sisyphus den Stein immer wieder den Berg hinaufwälzen, er wird doch immer wieder hinabrollen. Das heißt, der Kampf gegen den Antisemitismus wird vergeblich sein. Aber das deutsche Schweigen ist nicht neu. Der deutsche Soziologe Walter Hollstein stellte in seinem 1972 (also vor fast 50 Jahren!) erschienenen Buch „Kein Frieden um Israel. Zur Sozialgeschichte des Palästina-Konflikts“ fest:
„Die ungeschichtlichen Erklärungsmuster des Nahost-Konflikts nützen Israel wie auch dem Abendland. Das erstere lässt dergestalt vergessen, dass der Zionimus mit seinem Machtanspruch überhaupt erst die Auseinandersetzung mit der arabischen Welt herausforderte; das letztere kaschiert erleichtert, dass sein Antisemitismus am Ursprung des Zionismus stand und also die andauernde Auseinandersetzung im Nahen Osten wesentlich mitbedingte. So umgeht man bequem die wirklichen Ursachen des Nahost-Konflikts und akzeptiert das Gesetz des Schweigens über die schreiendsten Wahrheiten der Geschichte, die vornehmlich so unerfreuliche Phänomene wie Kolonialismus, Imperialismus und Flüchtlingselend betreffen.“

Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.

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– Kommentar – 70 Jahre Israel: 70 Jahre Siedlerkolonialismus und Krieg gegen Palästinenser

Israel feiert sich selbst anlässlich des 70. Geburtstages des Staates, und die westlichen Staaten stimmen in den Jubelchor ein und schicken hochrangige Regierungsdelegationen zu den Feierlichkeiten der selbst ernannten „einzigen Demokratie im Nahen Osten“, bei denen man die „gemeinsamen Werte“ beschwören wird. Ein Kommentar.

70 Jahre Israel: 70 Jahre Siedlerkolonialismus und Krieg gegen Palästinenser
 
Arn Strohmeyer
Arn Strohmeyer wurde 1942 in Berlin geboren. Aufgewachsen ist er im Osten Deutschlands, später in Soest in Westfalen. Das Abitur machte er in Göttingen und hat dann dort und in Bonn Philosophie, Soziologie und Slawistik studiert und 1972 das Magisterexamen abgelegt. Darauf folgten Tätigkeit als Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen und einer politischen Monatszeitschrift. Heute lebt und arbeitet er in Bremen.
Arn Strohmeyer: Ist Antizionismus gleich Antisemitismus? Eine Antwort auf Kritiker meines Buches Antisemitismus – Philosemitismus und der Palästina-Konflikt. Hitlers langer verhängnisvoller Schatten, Gabriele Schäfer Verlag Herne, ISBN 978-3-944487-48-9, 16,80 Euro

Syrienkrieg
Syrien: Der Tod des Hamza Ali al-Khatib

Daara (nex) – Sein Gesicht wurde zum einenden Element im Kampf der Syrer gegen das brutale Assad-Regime. Heute jährt sich zum siebten Mal der Tag der Festnahme des damals 13-jährigen syrischen Jungen Hamza Ali al-Khatib. Im März 2011 wurden in der südsyrischen Provinz Daraa achtzehn Teenager wegen Assad-kritischer Graffitis verhaftet und gefoltert. Den Vätern habe der örtliche Polizeichef – ein Cousin von Machthaber Baschar al-Assad – geraten, nicht mehr nach ihren Kindern zu fragen und nach Hause zu gehen. Sie sollten einfach neue Kinder machen, falls sie nicht wüssten wie, würde er das für sie übernehmen. Daraufhin gehen die Familien der Kinder auf die Straßen und demonstrieren gegen die Festnahmen. Aus einem Dutzend Demonstrierender werden zuerst Hunderte und dann Tausende. Damaskus lässt die Teenager daraufhin zwar frei, schickt aber gleichzeitig Panzer und Armeeeinheiten in den Süden des Landes. Bei einer Demonstration in der zur Provinz Daara gehörenden Stadt Jiza wird am 29. April auch der damals 13-jährige Hamza Ali al-Khatib von Polizisten festgenommen. Mehr als einen Monat warteten die Eltern des Jungen auf ein Lebenszeichen ihres Kindes. Eines Tages hätten Sicherheitskräfte die verstümmelte Leiche Hamzas einfach vor der Haustüre der Eltern abgeladen. Wie in einem von den Eltern veröffentlichten Video zu sehen ist, war der Körper des Jungen mit Spuren brutalster Folter übersät. Brandwunden und blaue Flecken am ganzen Körper, sein Kiefer und auch Hals waren gebrochen und seine Kniescheibe zertrümmert. Durch seine Arme war hindurchgeschossen worden und seine Genitalien hatte man ihm abgeschnitten. Die Polizei hatte der Familie gedroht, nicht über den Tod des Jungen zu sprechen. Nach der Veröffentlichung des Videos sei der Vater verhaftet worden und seitdem spurlos verschwunden.              

Bildungspolitik
Immer mehr Schüler nehmen am islamischen Religionsunterricht teil

Berlin – Die Zahl der Schüler in Deutschland mit muslimischen Glauben, die islamischen Religionsunterricht erhalten, steigt weiter an. Wie eine Umfrage des Mediendienstes Integration bei den Kultusministerien der 16 Bundesländer, dessen Ergebnisse der Nachrichtenagentur dpa vorliegen, ergab, besuchen bereits knapp 55.000 Schülerinnen und Schüler an mehr als 800 Schulen islamischen Religionsunterricht. Noch vor zwei Jahren habe die Zahl der Teilnehmer nach einer Auswertung der Kultusministerkonferenz bei 42.000 gelegen. Wie die „Welt“ unter Berufung auf eine frühere Untersuchung im Auftrag der Deutschen Islam-Konferenz berichtet, sei die Nachfrage noch lange nicht gedeckt. In der Befragung wünschten sich demnach 76 Prozent der Muslime ab 16 Jahren islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen und etwa 650.000 Schüler zwischen 6 und 18 Jahren hätten damals den islamischen Religionsunterricht besucht, wenn es entsprechende Angebote gegeben hätte, so die „Welt“ weiter.        

"Das fantastische Projekt"
Türkei: Erdogan will nach Wahlsieg mit Bau des Istanbul-Kanals beginnen

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Istanbul (nex) – Nach einem Wahlsieg werde seine Regierung als Erstes das Projekt „Kanal-Istanbul“ in Angriff nehmen, gab der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan während seiner Rede am gestrigen Samstag in Istanbul bekannt. Erdogan, damals noch Premierminister, hatte den Bau des Kanals, den er als ein  „fantastisches Projekt“ bezeichnete, vor den Wahlen im Jahre 2011 bekanntgegeben. Das 16-Milliarden-Dollar Projekt soll 45 Kilometer lang und bis zu 600 Meter breit werden. Die türkische Regierung erhofft sich durch den neuen Kanal eine Entlastung des Bosporus vom Schiffsverkehr, insbesondere dem Öltankerverkehr, der die Meeresenge durchquert. Kanal Istanbul werde eine Kapazität von 160 Schiffen pro Tag haben und soll bis 2023 fertiggestellt sein. Offiziellen Meldungen zufolge würden am Bau des Kanals voraussichtlich rund 5000 Menschen beschäftigt sein. Nach Fertigstellung soll er noch etwa 1000 Menschen einen Arbeitsplatz bieten. Die 45 Kilometer lange Strecke des Kanals soll am Küçükçekmece-See in der Nähe des Marmarameeres im südlichen Teil der europäischen Seite Istanbuls beginnen und werde durch die Istanbuler Bezirke Avcılar und Başakşehir führen, bevor er das Schwarze Meer im Bezirk Arnavutköy nördlich der Stadt erreicht. Mehr Frauen in die Politik Erdogan äußerte in seiner Rede auf dem Frauenkongress der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) in Istanbul zudem den Wunsch, dass sich Frauen aktiver und in größerer Zahl in Politik und Parlament engagieren und vertreten sind. Vorgezogene Wahlen am 24. Juni  Erdogan hatte in der vergangenen Woche überraschend vorgezogene Parlaments- und Präsidentschaftswahlen angekündigt. Diese sollen nun am 24. Juni stattfinden und nicht wie ursprünglich geplant im November 2019. Devlet Bahceli, Vorsitzender der Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP), hatte sich bereits vor Erdogans Ankündigung dafür ausgesprochen, die Wahlen vorzuziehen.  

Ritualopfer
Peru: Archäologen entdecken Massengrab mit mehr als 140 Kindern

Lima (nex) – Archäologen fanden in einem Massengrab im Norden Perus Knochenreste von mehr als 140 Kindern. Sie sollen im 15. Jahrhundert während eines Rituals geopfert worden sein. Wie die dpa unter Bezugnahme auf einen Beitrag der US-Zeitschrift „National Geographic“ berichtet, glaubten Archäologen, dass es sich um den größten derartigen Fund der Geschichte handelt.
Die Kinder seien demnach vor etwa 550 Jahren während einer Opfergabe der vorspanischen Kultur Chimú getötet worden. Die Knochenreste seien in dem Ort Huanchaquito-Las Llamas nahe Perus drittgrößter Stadt Trujillo gefunden worden. Schnitte am Brustbein und Ausrenkungen im Rippenbereich deuteten auf eine rituelle Praxis zur Entnahme des Herzen. Es handele sich um eine Opfergabe in Form eines systematischen Rituals, so der leitende Archäologe John Verano von der Tulane University in den USA gegenüber „National Geographic“. Wie der dpa-Meldung weiter zu entnehmen ist, wurden die ersten Knochen bereits 2011 von dem peruanischen Archäologen Gabriel Prieto gefunden. Nach bisherigen Erkenntnissen seien die Kinder in einem Alter zwischen fünf und vierzehn Jahren gestorben. In dem Grab seien auch die Überreste von 200 jungen Lamas entdeckt worden. Die Hintergründe des Rituals seien noch unklar.
Der Anthropologe Haagen Klaus von der George Mason University spekuliert über die möglichen Gründe für die drastische Opfergabe. Anhaltende Regenfälle könnten die Ursache dafür sein. Die Chimús glaubten vielleicht, dass ihre bisherigen Opfer nicht ausreichend waren, so Klaus.
   

Korea-Gipfel
Nordkorea will Atomtestanlage bereits im Mai schließen

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Seoul (nex) – Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un scheint es mit der angekündigten Atomabrüstung ernst zu meinen. Wie das Büro des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in am Sonntag mitteilte, habe Kim gesagt, er wolle die Atomtestanlage des Landes bereits im Mai schließen. Dies habe Kim während des Treffens in Seoul mit Moon am Freitag angekündigt, sagte Südkoreas Präsidentensprecher Yoon Young-chan. Experten und Medienvertreter aus den USA und Südkorea sollen sich von dem Abbau vor Ort überzeugen können. Der Prozess des Abbaus soll der internationalen Gemeinschaft transparent gemacht werden, so Yoon weiter. Auch habe Pjöngjang angekündigt, die Zeitzone Nordkoreas wieder mit der Südkoreas zusammenzulegen. Pjöngjang hatte 2015 die Uhr um eine halbe Stunde zurücksetzen lassen und eine eigene „Pjönjang-Zeit“ geschaffen. Nordkoreas staatliche Medien hatten bereits vor dem Gipfel angekündigt, dass Pjöngjang sofort Atom- und Raketentests aussetzen, sein Atomtestgelände abschaffen und stattdessen Wirtschaftswachstum und Frieden anstreben werde. Treffen mit Trump im Mai Am Samstagmorgen sagte US-Präsident Donald Trump, dass ein Treffen mit Nordkorea in den nächsten drei bis vier Wochen stattfinden könnte. „Ich denke, wir werden in den nächsten drei oder vier Wochen ein Treffen haben“, sagte Trump bei einer Wahlkampfkundgebung in Washington, Michigan. „Es wird ein sehr wichtiges Treffen“, so Trump. Es werde um „die Entnuklearisierung der koreanischen Halbinsel“ gehen.        

Antisemitismus
Zur judenfeindlichen Attacke: „Muslime kennen solche Ansprachen seit vielen Jahren“

Gastkommentar von Michael Thomas
Die Gedanken des Chefredakteurs der ZEIT, Giovanni di Lorenzo, können nicht unkommentiert bleiben, wenn man sich das Spektrum der Ereignisse in Bezug auf Islam und Judentum in den letzten Monaten in Deutschland ansieht. Sie offenbaren insgeheim eine enorme Schieflage in der Wahrnehmung und zeigen die Befrachtung der Religionen aus politischen Gründen.
Erschreckend, wie leicht die Installation von „alternativen Fakten“ doch ist! Wir sollen uns also nun tagesaktuell auf Befehl aus Berlin und Tel Aviv für Antisemitismus schämen – und möglichst in Gedenken an all die gejagten, beleidigten und verprügelten Juden in Deutschland alle Kippa tragen. Unter normalen Umständen wäre das eine Selbstverständlichkeit. Unter den heute herrschenden Verhältnissen nicht. Ganz abgesehen davon, dass sich Deutschland für seine angebliche Vergangenheitsbewältigung international feiern lässt, obschon es dafür gar nichts unternommen hatte, wenn man mal von der Errichtung von ein paar Denkmälern und einer Reihe toller Fotos unserer Spitzenpolitiker bei jüdischen Festen absieht. Man kann DEM Deutschen eine ganze Menge einreden, das hat schon immer gut funktioniert. Der „christlich-jüdische“ oder gern auch „abendländische“ Kulturansatz hat die Beeinflussung der Mehrheit im Prinzip ja eingebaut. Die Kirchenfürsten und die profanen Herrscher hatten in den zurückliegenden Jahrhunderten schon immer die Hoheit darüber, wer wieviel und wann Juden massakrieren darf oder soll. Und wenn dies denn so befohlen war, ging der gute Deutsche halt auf Juden los. Damit hat er auch nach der Kapitulation natürlich nie aufgehört. Mit mir funktioniert das leider nicht so gut. Denn ich kann mich noch sehr gut an all die Diskussionen in den letzten vierzig Jahren erinnern, die immer wieder mal Antisemitismus zum Inhalt hatten und regelmäßig sehr schnell ausgetreten wurden. Das war unangenehm. Das war peinlich. Das ging ja gar nicht. Wir haben doch heute unsere Juden lieb. Aber heute wird die „Wahrheit“ installiert, dass der heutige Antisemitismus keineswegs schwerpunktmäßig von den christlich-jüdisch geprägten Deutschen, sondern bloß von den bösartigen Migranten ins Land getragen wird, die ohnehin nur zum Vergewaltigen, Stehlen, Faulenzen und Judenbeleidigen zu uns kommen. “ … wütete ein junger Mann, halb auf Arabisch und halb auf Deutsch: „Ich ficke Israel wie eine Frau!“ “ Ja. Das kommt vor, ist bedauerlich und eine Schande für dies Land. Muslime allerdings kennen solche „Ansprachen“ alle, seit vielen Jahren und in stetig steigender Anzahl und Schwere. Mordversuche, Brandanschläge, Prügeleien, gekreischte Beleidigungen und die Versuche, Frauen mit roher Gewalt das Kopftuch vom Kopf zu reißen, geschehen seit vielen Jahren täglich. „Auf ihrem Tablet zeigte die Reporterin ein sieben Jahre altes Foto: Am Zaun des Gartens jener Schule prangten die Worte „Hr. Lewi du Jude“ und ein Hakenkreuz.“ Schrecklich. Der Täter ist ein Idiot – und ebenfalls eine Schande. Die Zahl der Schmierereien und dinglichen Angriffe gegen Moscheen und sonstige, islamische Einrichtungen ist jedoch kaum zählbar; im Gegensatz zum „Antisemitismusbeauftragten“ existiert etwas Vergleichbares nicht. All die inzwischen gut tausend (!) Übergriffe und Schmierereien in den letzten zwei Jahren verkommen zu kleinen Randnotizen und werden insgesamt nur zu gern nicht zur Kenntnis genommen. Und was ich ausgerechnet von einem Giovanni di Lorzenzo nie erwartet hätte, geschieht dann doch aus seiner eigenen Feder: „s ist eine Binse, dass der Antijudaismus 2.000 Jahre alt ist und kein Sofortprogramm der Welt ihn vermutlich jemals tilgen wird. Er verändert sich stetig, wie Josef Joffe in der ZEIT darstellt, und insbesondere Muslime nehmen dafür heute die israelische Siedlungspolitik zum Vorwand.“ Entsetzt muss ich registrieren, dass di Lorenzo die Wut muslimischer Migranten auf den Staat Israel zu einem „Vorwand“ erklärt, Synagogen und Juden in Deutschland anzugreifen. Nicht nur, dass er den massiven Antisemitismus Europas, der sich in dutzenden von Millionen Köpfen hier manifestiert, im direkten Vergleich zum Antisemitismus von Migranten kleinredet. Seine Bemerkung liest sich, als wären von insgesamt tausend Antisemiten in Europa mindestens neunhundert Migranten. Zudem schwenkt auch di Lorenzo in die Schieflage mit ein, berechtigte Israelkritik zu „Antisemitismus“ zu erklären und aus jeder Kritik gegen Israel einen Zählpunkt zu antisemitischen Ausschreitungen hinzu zu addieren. Und schon im nächsten Satz klittert di Lorenzo die Geschichte wieder: „Nach derselben Logik könnte man einen Libanesen in Neukölln traktieren, weil zum Beispiel in einem arabischen Staat wie dem Jemen oder Saudi-Arabien Ehebrecherinnen gesteinigt oder Regimegegner ausgepeitscht werden – was glücklicherweise niemand tut.“ Ach nein? Das tut hier niemand? Herr di Lorenzo, in welchen Elfenbeinturm haben Sie sich eingeschlossen? Mit welchen Stoffen kleistern Sie Ihren Kopf so hermetisch zu, dass Fakten nicht mehr durchdringen? Was, glauben Sie, treibt denn ganze Rotten „besorgter“ Bürger dazu, an einlaufenden Bussen mit Migranten Spalier zu stehen und widerliche Beleidigungen gegen Muslime und Islam zu skandieren? Erahnen Sie auch nur ansatzweise (!), wieviel Migranten schon (z.T. lebensgefährlich) wegen irgendwelcher Verbrechen anderer verletzt worden sind? „Oder müssen erst Juden sterben, bevor sich die Mehrheitsgesellschaft verantwortlich fühlt?“ Das war für mich ein persönlicher Schlag in die Magengrube. Das ist Agitation übelsten Ausmaßes, ein dreister Manipulationsversuch, eine schreckliche Wahrheitsverdrängung. Recherchieren Sie mal, Herr di Lorenzo, unter dem Namen Marwa al-Sherbini. Für den Anfang. Ich nenne Ihnen gern noch ein paar hundert Namen zusätzlich. Anschließend zählen Sie mir bitte die Juden auf, die im Nachkriegsdeutschland durch Antisemitismus zu körperlichem Schaden kamen. „Denn es ist zu befürchten, dass die Begleiterscheinungen mangelnder Integration eher noch zunehmen.“ Natürlich. Und die Schuld daran tragen Autoren wie Giovanni di Lorenzo, die ihren Lesern das gute und unverdiente Gefühl geben, zu den „Guten“ zu gehören und aus ihrem Publikum wandelnde Integrationshindernisse zu machen. Denn soviel ist doch klar: je mehr ich Migranten mit Verdächtigungen, unzulässigen Pauschalisierungen und Unterstellungen befrachte, desto wütender wird der bisher nur latent und gering vom Rassismus verseuchte Bodensatz der Gesellschaft. Und auch soviel ist ja wohl klar: Deutschland hat sich in der gesamten Nachrkriegszeit mit Ausnahme fotogener Aktionen vor Wahlkämpfen NIE substanziell mit dem Antisemitismus seiner Bürger auseinandergesetzt. „Nur wenn aus dem Bekanntenkreis, von den Bezugspersonen an Schulen oder im Job und von der großen Mehrheit der Menschen im Land das Zeichen kommt, dass man so etwas nicht will, kann man Dummheit, Vorurteil und Aggression eindämmen – wenn man sie schon nicht besiegen kann“, so di Lorenzo weiter. Die Tränen der Rührung möchten einem kommen! Wo waren denn diese „Zeichen“, wenn brennende Migrantenheime oder türkische Häuser in Deutschland die Nacht erhellt hatten? Wo war denn das Zeichen eines Giovanni di Lorenzo, als in Hünxe zahllose Molotowcocktails auf ein Migrantenheim flogen? Und wo ist sie denn, die deutsche Bildungselite, die ein solches Zeichen seit vielen Jahrzehnten hätte kultivieren müssen?  
Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.

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Ankara (nex) – Der frühere türkische Präsident Abdullah Gül hat eine Kandidatur seiner Person bei der bevorstehenden Neuwahl des Staatspräsidenten der Türkei ausgeschlossen Der frühere Staatspräsident der Türkei Abdullah Gül wird im kommenden Juni bei den vorgezogenen Wahlen (Parlamentsmitglieder und Staatspräsident der Türkei) nicht als Kandidat für das Amt des türkischen Präsidenten zur Verfügung stehen. Gül auf einer Pressekonferenz in Istanbul am Samstag: „Die Frage meiner Kandidatur stellt sich nicht mehr“. In den letzten Tagen war in der Türkei und auch im Ausland darüber spekuliert worden, ob Gül als Vertreter der türkischen Oppositionsparteien gegen den amtierenden Präsidenten Recep Tayyip Erdogan antreten würde. Dem erteilte Gül nun jedoch unter Verweis auf die „fehlende Unterstützung von Teilen der Opposition“ eine deutliche Absage. “Ich hatte gesagt, wenn es einen breiten Konsens gäbe, würde ich mich nicht scheuen, meine Pflicht zu tun”, so Gül. Gül gehörte mit Erdogan 2001 zu den Gründern der regierenden AKP. Thomas Bernhard

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Ankara (nex) – Die Türkei hat die Verantwortung, den Schmerz der armenischen Mitbürger wegen der „Ereignisse von 1915“ zu teilen, so eine vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan unterschriebenen Erklärung. Die sowohl auf Armenisch als auch auf Türkisch verfasste Stellungnahme wurde am gestrigen Dienstag während einer Gedenkfeier in einer armenischen Kirche in Istanbul  zum 103. Jahrestag der vielen Opfer der osmanischen Armenier im Ersten Weltkrieg verlesen. „Es ist die ethische Verantwortung der Türkei, den historischen Schmerz unserer armenischen Mitbürger zu teilen“, so die Erklärung weiter. Erdogan sprach der armenischen Gemeinschaft und auch der türkischen Nation sein Beileid aus, weil Millionen osmanischer Bürger durch Kriege, Migrationen, Konflikte und Krankheiten im gleichen Zeitraum ihr Leben verloren haben. Die Erklärung appellierte auch an die armenische Gemeinschaft, nicht zuzulassen, „dass diejenigen, die versuchen, Hass und Feindseligkeit zu entfachen, indem sie die gemeinsame Vergangenheit verzerren“, Erfolg haben. Der türkische Präsident gibt seit 2014 jedes Jahr am 24. April eine Erklärung zu den damaligen Ereignissen ab. Erdogan spricht in diesen Erklärungen erstmals von einem „gemeinsamen Schmerz“ und bezeichnet die Morde als „unmenschlich“. Die Türkei erkennt die Tragödie hinter den Todesfällen hunderttausender Menschen an, die von 1915 an im Zusammenhang mit den Ereignissen in Ostanatolien während des Ersten Weltkrieges ihr Leben verloren hatten. Allerdings verwahrt sich die Türkei gegen die Beurteilung der Ereignisse als „Völkermord“ und spricht von einer beiderseitigen Tragödie. Ankara hat wiederholt die Bildung einer gemeinsamen internationalen Historikerkommission angeregt, um die Ereignisse vom Grunde her aufzuarbeiten und historisch zu bewerten. Die Regierung des Osmanischen Reiches hatte 1915 die Deportation armenischer Bevölkerungsteile aus der Region beschlossen, nachdem sich armenische Terrormilizen und Teile der Bevölkerung mit der russischen Armee verbündet hatten, die im Osten an der Kaukasusfront in osmanische Gebiete vorrückte.

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