Eskisehir-Fund
Seltene Erden der Türkei: USA an Förderung interessiert

Ein Gastbeitrag von Özgür Çelik In den letzten Tagen spricht die türkische Öffentlichkeit immer häufiger über ein Thema: Seltene Erden. Nach dem Besuch von Präsident Recep Tayyip Erdoğan in den USA wurde bekannt, dass die Türkei möglicherweise mit den Vereinigten Staaten bei der Förderung dieser wertvollen Rohstoffe in Anatolien zusammenarbeiten will. Der frühere Nato-Botschafter Mehmet Fatih Ceylan.
„Die Türkei will eine beträchtliche Anzahl von Boeing-Flugzeugen kaufen und mit den USA bei der Gewinnung Seltener Erden in Anatolien zusammenarbeiten.“
Der Schatz unseres Bodens darf nicht der Reichtum anderer werden
Das klingt auf den ersten Blick nach einem großen wirtschaftlichen Schritt – Investitionen, Technologie, internationale Zusammenarbeit. Aber man sollte sich fragen: Wenn diese Bodenschätze auf türkischem Boden liegen – warum sollte dann ein anderes Land die Kontrolle und den größten Nutzen daraus ziehen?
Aus Fehlern lernen: Das Beispiel Bor
Die Türkei besitzt fast alle Bor-Reserven der Welt. Doch anstatt daraus ein nationales Industrieprojekt zu machen, wurde der Rohstoff jahrzehntelang billig exportiert, während andere Länder die veredelten Produkte zu hohen Preisen verkauften. Heute stehen wir an einem ähnlichen Punkt – diesmal mit den Seltenen Erden. Im Jahr 2022 meldete die Türkei in der Region Eskişehir eines der größten Vorkommen der Welt. Diese Entdeckung könnte das Land zu einem strategischen Akteur in der globalen Technologie- und Energiepolitik machen. Aber wenn die Türkei erneut nur Rohstoffe liefert, während andere die Technologie und den Gewinn kontrollieren, dann wird sich die Geschichte wiederholen: Das Land bleibt reich an Ressourcen, aber arm an Wertschöpfung.
Kooperation mit den USA – Chance oder strategischer Fehler?
Eine Zusammenarbeit mit den USA mag kurzfristig wirtschaftliche Vorteile bringen. Doch langfristig könnte sie zu einer neuen Form der Abhängigkeit führen. Seltene Erden sind keine gewöhnlichen Rohstoffe – sie sind Schlüsselmaterialien für Hightech, Verteidigung, Raumfahrt und die Energiewende. Wer die Kontrolle über sie hat, kontrolliert einen großen Teil der Zukunftstechnologien. Wenn die Türkei die Förderung und Verarbeitung dieser Rohstoffe internationalen Unternehmen überlässt, verliert sie die Möglichkeit, eine eigene industrielle Basis aufzubauen.Deshalb sollte jede Kooperation auf klaren Bedingungen beruhen: Technologietransfer, nationale Aufsicht und gleichberechtigte Partnerschaft. Ohne diese Elemente wäre ein solches Abkommen kein Fortschritt, sondern ein strategischer Rückschritt.
Umweltschutz ist keine Option, sondern Pflicht
Die Förderung Seltener Erden ist eine der umweltschädlichsten Formen des Bergbaus. Sie verschmutzt Böden, Flüsse und Luft – oft mit radioaktiven Abfällen und giftigen Chemikalien. China hat diese Lektion auf schmerzhafte Weise gelernt. Ganze Regionen wurden durch unkontrollierte Förderung unbewohnbar.
Die Türkei darf diesen Fehler nicht wiederholen
Mit moderner Technologie, geschlossenen Kreisläufen, Abwasserreinigung und „Urban Mining“ – also der Rückgewinnung Seltener Erden aus Elektroschrott – ist es möglich, Ressourcen nachhaltig zu nutzen. Der Fortschritt darf nicht auf Kosten der Natur erkauft werden.
Eigene Ressourcen, eigene Zukunft
Das Ziel muss klar sein: Die Türkei muss ihre eigenen Ressourcen selbst fördern, verarbeiten und nutzen können. Nur so entsteht Unabhängigkeit – wirtschaftlich, technologisch und politisch. Ein Land, das seine Rohstoffe exportiert, aber die fertigen Produkte importiert, bleibt abhängig, egal wie reich seine Böden sind. Um das zu ändern, braucht es Investitionen in Forschung, Ausbildung und Industrie – und vor allem den politischen Willen, nationale Interessen über kurzfristige Gewinne zu stellen.
Eine Frage der Zukunft
Die Seltenen Erden sind mehr als nur ein Rohstoff. Sie sind ein Test dafür, ob die Türkei ihre natürliche Stärke in eine strategische Unabhängigkeit verwandeln kann – oder ob sie wieder einmal die Kontrolle über ihren eigenen Reichtum verliert. Es liegt an uns, ob wir unsere Bodenschätze schützen, verarbeiten und für kommende Generationen bewahren – oder ob wir zulassen, dass der Schatz unseres Bodens zum Reichtum anderer wird.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland
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Religion
Die Sprache der Hände und Körper im Gebet

Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır Wie ein Mensch seine Hände und seinen Körper im Gebet hält, verrät viel über sein Gottesverständnis. Offene oder gefaltete Hände, Verbeugung oder Stille – all das ist nicht zufällig, sondern Ausdruck einer tiefen geistigen Haltung. Zwischen Tengrismus, Islam, Christentum, Judentum und Buddhismus zeigt sich eine Bewegung: vom offenen Empfangen des Himmels hin zur inneren Sammlung der Seele.
Tengrismus: Offene Hände und ehrfürchtige Verbeugung
Im alten Tengrismus, der Himmelsreligion der frühen Türken, verband sich die Haltung des Menschen mit dem Lauf des Himmels. Der Gläubige stand aufrecht unter dem weiten Firmament, öffnete die Handflächen nach oben – und verbeugte sich tief in Richtung des Himmels (Tengri), um seine Ehrfurcht auszudrücken. Diese Verbeugung war kein Akt der Unterwerfung, sondern der Harmonie: Der Mensch neigte sich vor der göttlichen Ordnung, blieb aber Teil derselben kosmischen Bewegung. Die Gebetshandlungen bestanden aus drei Elementen: Blick zum Himmel, offene Hände, und Verbeugung. Damit war der Mensch zugleich in Empfang, Verbindung und Respekt.
Islam: Die Fortsetzung des himmlischen Gebets
Der Islam belebte diese spirituelle Haltung auf erstaunlich ähnliche Weise wieder. Wenn Muslime im Gebet (Salāt) die Hände öffnen, sich verbeugen (rukuʿ) und niederwerfen (sudschūd), wiederholt sich der Rhythmus des Himmelsglaubens – nur in islamischer Sprache. Auch hier stehen die offenen Hände am Beginn des Gebets: Sie empfangen das göttliche Licht. Die Verbeugung drückt Demut aus, die Niederwerfung völlige Hingabe – doch der Mensch bleibt aufrecht in seiner Seele. Das islamische Gebet ist wie eine Choreografie des Kosmos, eine Erinnerung an die Bewegung von Erde, Sonne und Himmel. Wie einst die Türken zu Tengri aufblickten, richtet sich der Muslim nach Mekka – in einer Linie zwischen Erde und Himmel. Hinweis: Auch der Prophet Muhammad wandte sich anfangs zum Himmel. Erst später erhielt er die Gebotsrichtung nach Mekka – als Zeichen dafür, dass der Himmel einen irdischen Anker erhielt. Nämlich die Kaaba, die als das erste Haus der Menschheit angesehen wird.
„Wir sehen ja dein Gesicht sich (suchend) zum Himmel wenden. Nun wollen Wir dir ganz gewiß eine Gebetsrichtung zuweisen, mit der du zufrieden bist. So wende dein Gesicht in Richtung der geschützten Gebetsstätte!.“
(Koran 2:144) „Das erste (Gottes)haus, das für die Menschen gegründet wurde, ist wahrlich dasjenige in Bakka, als ein gesegnetes (Haus) und eine Rechtleitung für die Weltenbewohner.“ (Koran 3:96) So schließt der Islam den Kreis zwischen Himmel und Erde: Der Mensch wendet sich zur Kaaba, doch sein Herz bleibt dem Himmel geöffnet.
Christentum: Vom Öffnen zum Falten
In den ersten Jahrhunderten des Christentums beteten die Gläubigen mit offenen, erhobenen Händen – der sogenannten Orans-Haltung (vom lateinischen orare, „beten“). Diese Geste findet sich in den ältesten christlichen Katakombenmalereien: Figuren mit ausgebreiteten Armen, die Handflächen nach oben gerichtet, den Blick zum Himmel. Sie war Ausdruck des Vertrauens, des Empfangens und der Auferstehung – dieselbe Haltung, die schon im Judentum, im Islam und in den alten Himmelskulturen als Zeichen der Offenheit gegenüber Gott galt. Erst im Mittelalter setzte sich das Falten der Hände durch – zunächst im höfischen Europa, dann in der Liturgie. Die Geste stammte aus dem Lehnswesen: Der Vasall legte seine gefalteten Hände in die seines Herrn als Zeichen der Unterordnung und Treue. Aus dieser weltlichen Praxis wurde eine religiöse Symbolik der Demut und Sammlung. Damit verschob sich das geistige Zentrum des Gebets: Von der kosmischen Offenheit des frühen Christentums hin zur inneren Konzentration des mittelalterlichen Glaubens. Der Himmel, der einst empfangen wurde, zog ins Herz ein. Die offenen Hände des frühen Christen wurden zu gefalteten Händen – ein Weg von der Empfänglichkeit zur Einkehr, vom universellen Empfang zur persönlichen Hingabe.
Buddhismus: Die gefalteten und offenen Hände der Erkenntnis
Im Buddhismus begegnen wir sowohl den gefalteten als auch den offenen Händen – zwei Seiten derselben geistigen Bewegung. Die bekannte Anjali Mudra, das Zusammenlegen der Hände vor der Brust, ist ein Zeichen von Achtsamkeit und innerem Gleichgewicht. Die rechte Hand steht für das Handeln, die linke für das Erkennen – ihr Zusammenführen symbolisiert die Einheit von Tun und Bewusstsein. Diese Haltung ist keine Unterwerfung, sondern eine stille Sammlung: der Mensch verneigt sich nicht vor einem äußeren Gott, sondern vor der Wahrheit in sich selbst. Doch in der buddhistischen Lehre sind die offenen Hände ebenso bedeutend. Die Gesten der Buddhas – die Mudras – zeigen das Geben, Schützen, Lehren und Berühren. Die nach unten geöffnete Hand steht für Mitgefühl und Freigebigkeit (Varada Mudra), die nach vorne erhobene für Furchtlosigkeit und Schutz (Abhaya Mudra), die den Boden berührende für Erleuchtung und Zeugenschaft der Erde (Bhumisparsha Mudra). Die Geste wandelt sich, doch ihr Sinn bleibt derselbe – Verbindung zwischen dem Inneren und dem Ewigen, zwischen dem Atem des Menschen und dem Atem des Kosmos.
Judentum: Zwischen Himmelsöffnung und ehrfürchtiger Verbeugung
Im alten Judentum war das Erheben der Hände eine selbstverständliche Form des Gebets. Schon in den Psalmen heißt es: „Ich erhebe meine Hände zu dir, o Herr, in der Nacht und rufe deinen Namen.“ Die Propheten Israels beteten aufrecht, die Arme erhoben, die Handflächen geöffnet zum Himmel – ein Zeichen des Vertrauens und der Nähe zu Gott. So segneten auch die Priester Israels das Volk mit erhobenen Händen, die Finger gespreizt im heiligen Zeichen des Segens (Birkat Kohanim).
Hinduismus: Die Sprache der Hände
Im Hinduismus sprechen die Hände eine eigene, heilige Sprache. Ob im stillen Namaste, in der erhobenen Geste des Schutzes oder im Geben der Gnade – jede Haltung ist ein Siegel des Glaubens, eine sichtbare Form unsichtbarer Energie. Die sogenannten ‚Devas‘ des Hinduismus (leuchtende göttliche Kräfte; Erscheinungen des einen göttlichen Prinzips – Brahman) selbst werden mit offenen oder segnenden Händen dargestellt: Shiva mit der Abhaya Mudra der Furchtlosigkeit, Vishnu mit der Varada Mudra des Mitgefühls, Buddha und die Yogis mit der Jnana Mudra der Erkenntnis. Diese Haltungen sind keine bloßen Symbole, sondern Kraftformen: Sie leiten die Energie des Gebets, verbinden Herz und Geist, Mensch und Kosmos.  
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor
Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.
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Griechenland
Größter Glücksspiel-Geldwäscheskandal in Griechenland?

Griechenland gilt seit jeher als Land der Mythen – doch auch im modernen Finanzwesen ranken sich Geschichten um undurchsichtige Netzwerke, dubiose Zahlungen und Millionen, die in den Strudeln des Glücksspiels verschwinden. Der jüngste Verdacht: ein systematischer Geldwäscheskandal über Online-Casinos, Sportwetten-Plattformen und Kryptowährungen, der als einer der größten in der Geschichte des Landes eingestuft werden könnte. Behörden und Experten warnen, dass das mediterrane Urlaubsparadies längst nicht nur Touristen anzieht, sondern auch Finanzströme, deren Herkunft im Dunkeln bleibt.

Der größte Glücksspiel-Skandal in Griechenland

In Griechenland ist vor Kurzem ein umfangreicher Glücksspiel-Geldwäscheskandal aufflammend ans Licht gekommen, der vor allem lizenzierte Wettanbieter involviert. Die Anti-Geldwäsche-Behörde hat rund 200 Personen, darunter hohe Beamte und Ministerialdirektoren, ins Visier genommen. Demnach wurden Gelder unbekannter Herkunft über etwa zehn legaler Sportwettenfirmen gewaschen. Das Verfahren funktionierte so: Personen eröffneten Wettkonten bei diesen Anbietern; Einzahlungen erfolgten nicht über klassische Bankkanäle, sondern über Agenten – etwa Tankstellen, Supermärkte oder Kioske – die Bargeld entgegennahmen. Danach wurde der Betrag als vermeintlicher Gewinn deklariert und auf reguläre Bankkonten überwiesen. Die Beträge, die pro Person eingesetzt wurden, reichten bis zu einer Million Euro. Ein zentrales Instrument bei der Aufdeckung war der Abgleich der Steuererklärungen mit den angegebenen Glücksspielumsätzen – hier traten erhebliche Diskrepanzen auf. Die aktuellen Ermittlungen werfen ein Schlaglicht darauf, wie schwer es ist, legales Glücksspiel sauber zu kontrollieren, wenn lizenzierte Anbieter und offizielle Stellen involviert sind. Griechenland plant bereits Reformen, um Regulierung und Überwachung zu stärken. Ein großes Hoffen wird auf die Independent Authority for Public Revenue (AADE) gesetzt, die diesen Monat neu dabei sind, diesen schockierenden Fall schnell aufzudecken.

Glücksspiel als Einfallstor für schnelle Transfers

Mit dem Aufstieg digitaler Wallets, Echtzeitüberweisungen und flexibler Zahlmethoden hat sich das Spielfeld dramatisch verändert. Während klassische Banktransaktionen Tage dauerten, landen heute Ein- und Auszahlungen in Online-Casinos „sofort auf dem Konto“. Diese Geschwindigkeit schafft Vertrauen bei Spielern – und zugleich Schlupflöcher für organisierte Geldwäscher. Internationale Untersuchungen zeigen, dass gerade schnelle Transfers zwischen Glücksspielplattformen und Privatkonten den Nachweis über die Herkunft von Geldern erschweren. Ein Beispiel: 2024 beliefen sich die zusätzlichen Einlagen in Festkonten in Europa auf über 200 Milliarden Euro. Ein Teil dieser Liquidität könnte aus undurchsichtigen Quellen stammen, bevor sie in sichere Anlageformen überführt wird.

Kryptowährungen als Katalysator

Eine besondere Rolle spielen Kryptowährungen. Weltweit nutzen laut aktuellen Daten bereits 12,4 % der Bevölkerung digitale Vermögenswerte, in Europa liegt die Quote bei rund 9 %. Für Spieler und Anbieter von Online-Casinos auf Kreta oder in Athen bedeutet das: Bargeld wird zunehmend ersetzt durch Bitcoin, Ethereum und Stablecoins. Das Transaktionsvolumen von Stablecoins erreichte allein im ersten Halbjahr 2025 16 Billionen US-Dollar – fast eine Verdreifachung gegenüber dem Vorjahr. Diese Zahlen verdeutlichen, warum Ermittler von einer „neuen Dimension“ der Geldwäsche sprechen. Kryptowährungen erlauben es, Gelder grenzüberschreitend zu bewegen, ohne die gleiche Transparenz wie im klassischen Bankensystem.

Der Fall Griechenland: Ein strukturelles Risiko

Griechenland steht aufgrund seiner geografischen Lage und der großen Tourismuswirtschaft besonders im Fokus. Auf Kreta etwa florieren Sportwetten und Online-Gaming-Angebote, die häufig über internationale Server betrieben werden. Kontrollbehörden berichten, dass dabei teilweise dieselben Mechanismen wie im internationalen Drogenhandel greifen: kleine Beträge werden gestückelt, mehrfach durch virtuelle Wallets verschoben und anschließend in reguläre Bankkanäle eingespeist. Besonders kritisch: der Einsatz von „Crypto Casinos“, die diverse Währungen akzeptieren und oft außerhalb der EU-Lizenz arbeiten. Das Finanzministerium in Athen spricht von „Milliardenbeträgen“, die jedes Jahr über diesen Graubereich abgewickelt werden – konkrete Zahlen bleiben aber aufgrund fehlender Transparenz schwer belegbar.

Opfer und Folgen für Gesellschaft und Staat

Die Dimension des Skandals betrifft nicht nur die Finanzwelt, sondern auch die griechische Gesellschaft. Während Kriminelle profitieren, verliert der Staat wertvolle Steuereinnahmen. Hinzu kommt das Risiko für Verbraucher: Krypto-Diebstähle beliefen sich allein im ersten Halbjahr 2025 bereits auf 2,17 Milliarden US-Dollar. Solche Verluste treffen nicht nur professionelle Investoren, sondern auch private Spieler, die ihre Gewinne auf unsicheren Plattformen lagern. Zudem unterminiert systematische Geldwäsche das Vertrauen in legale Glücksspielanbieter und schwächt die Glaubwürdigkeit der Bankenaufsicht. Kritiker warnen, dass Griechenland Gefahr läuft, international als „Hochrisiko-Standort“ eingestuft zu werden – mit Folgen für Investitionen und das touristische Image.

Regulierung zwischen Anspruch und Realität

Die EU versucht gegenzusteuern: Mit der neuen „MiCA-Verordnung“ (Markets in Crypto-Assets) soll ein einheitlicher Rahmen für den Krypto-Handel entstehen. Doch nationale Behörden stehen vor der Herausforderung, schnelle Transfers und anonyme Wallets effektiv zu überwachen. In Griechenland fordert die Anti-Geldwäsche-Behörde schärfere Meldepflichten für Casinos und Zahlungsdienstleister. Experten schlagen zudem vor, Künstliche Intelligenz einzusetzen, um verdächtige Transaktionen frühzeitig zu erkennen. Dennoch bleibt der Weg steinig: Je stärker die Regulierung in Europa, desto mehr verlagern sich dubiose Aktivitäten in unkontrollierte Märkte außerhalb der EU.

Herausforderung für Griechenland

Der mutmaßlich größte Glücksspiel-Geldwäscheskandal Griechenlands ist nicht nur ein nationales, sondern ein europäisches Problem. Digitale Wallets, Echtzeitüberweisungen und Kryptowährungen beschleunigen zwar die Finanzwelt, öffnen jedoch auch Türen für illegale Geschäfte. Die Zahlen sprechen für sich: Milliarden fließen in einem System, das Geschwindigkeit vor Transparenz stellt. Ob Griechenland den Spagat zwischen Innovation und Kontrolle schafft, wird entscheidend dafür sein, ob aus dem Mythos „größter Skandal“ bald ein juristisch belegter Fall wird – oder ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte unaufgeklärter Finanzströme im Mittelmeerraum.

Kriegsverbrechen
Gaza: Ärzte ohne Grenzen trauern um weitere Kollegen

Genf – Die internationale medizinische Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) hat am Sonntag ihre tiefe Trauer und Empörung über den Tod ihres 15. Mitarbeiters in Gaza seit Beginn des Krieges zwischen Israel und der Hamas vor zwei Jahren zum Ausdruck gebracht. Abed El Hameed Qaradaya, ein 43-jähriger Physiotherapie-Manager, erlag schweren Splitterverletzungen, die er letzte Woche bei einem israelischen Luftangriff erlitten hatte. Dies ist der dritte Todesfall für die Organisation innerhalb von weniger als 20 Tagen. „Heute Morgen wurden bei einem Angriff der israelischen Streitkräfte ein Mitarbeiter von Médecins Sans Frontières (MSF), Omar Hayek, getötet und vier weitere Personen schwer verletzt“, erklärte MSF in einer ersten Stellungnahme nach dem Angriff. Der Vorfall ereignete sich am Donnerstag, dem 2. Oktober, in Deir al-Balah im Zentrum des Gazastreifens, wo Qaradaya und mehrere Kollegen auf einen Bus warteten, der sie zum Feldlazarett von MSF bringen sollte. Nach Angaben von MSF waren alle Mitarbeiter deutlich erkennbar, da sie Westen mit dem Logo der Organisation trugen.
Unser Team hat Abed medizinisch versorgt, doch er erlag am 05. Oktober seinen Schrapnellverletzungen. Der Angriff ereignete sich auf einer Straße, wo das Team auf den Bus wartete, der sie in unser Feldkrankenhaus in Deir al Balah bringen sollte. Sie alle trugen Westen von Ärzte ohne Grenzen, die sie eindeutig als medizinische humanitäre Helfer:innen auswiesen. Der Verlust unserer Kollegen macht uns sprachlos und wütend. Diese Angriffe auf humanitäre Helfer:innen müssen beendet, der Genozid in Gaza gestoppt werden! Wir sind in Gedanken bei den Familien und Freund:innen von Omar und Abed. Mit den beiden sind es nun 15 Kolleg:innen, die seit Kriegsbeginn in Gaza getötet wurden.
Bei dem Angriff kam nicht nur Qaradaya ums Leben, sondern auch sein Kollege Omar Hayek, ein 42-jähriger Beschäftigungstherapeut von MSF. Mindestens vier weitere Personen wurden verletzt. Trotz medizinischer Bemühungen verschlechterte sich Qaradayas Zustand und er starb am 5. Oktober. In einer herzlichen Würdigung beschrieb MSF Qaradaya als „Eckpfeiler“ seiner Physiotherapieabteilung, in der er 18 Jahre lang tätig war und sich sowohl auf Physiotherapie als auch auf Ergotherapie spezialisiert hatte. Seine Kollegen erinnerten sich an ihn als einen „immer optimistischen und zutiefst mitfühlenden Menschen“, der trotz der durch die israelische Blockade verursachten schweren Versorgungsengpässe innovative Lösungen für die Patientenversorgung entwickelte. Er war Vorreiter einer 3D-Druck-Initiative für maßgeschneiderte Prothesen und Kompressionsanzüge für Verbrennungsopfer, die nicht nur die körperlichen Fähigkeiten der Patienten wiederherstellten, sondern ihnen auch ihre Würde und Hoffnung zurückgaben. „Abed arbeitete trotz der immensen Herausforderungen unermüdlich weiter“, heißt es in der Erklärung. „Sein Tod ist ein großer Verlust und hat tragische Auswirkungen auf seine Angehörigen, MSF und das Gesundheitssystem in Gaza.“ Qaradaya hinterlässt eine Frau und zwei kleine Söhne. Die Todesfälle unterstreichen die gravierenden Verluste unter den humanitären Helfern in der Region. Seit dem 7. Oktober 2023, als die Hamas einen tödlichen Angriff auf Israel startete, bei dem rund 1.200 Menschen getötet und über 250 Geiseln genommen wurden, hat MSF 15 Mitarbeiter in Gaza verloren – das entspricht einem alle sechs Wochen. Die jüngsten Todesfälle folgen auf die Ermordung des Logistikkoordinators Hussein Alnajjar am 17. September in derselben Gegend, nachdem er und seine Familie auf Evakuierungsbefehl aus Gaza-Stadt geflohen waren. MSF hat wiederholt das, was es als „Muster der völligen Missachtung des Lebens und der Menschenwürde von Zivilisten“ bezeichnet, verurteilt und eine sofortige Waffenruhe gefordert, um das Blutvergießen zu beenden. „Es gibt keinen sicheren Ort in Gaza“, betonte die Organisation und wies darauf hin, dass Qaradaya und Hayek nach Deir al-Balah umgezogen waren, das als „sicherere Zone“ ausgewiesen war, nur um dort das gleiche Schicksal zu erleiden. Die israelischen Streitkräfte (IDF) bestätigten die Berichte und gaben bekannt, dass sie den Vorfall untersuchen. Ein Militärsprecher erklärte, dass der Luftangriff auf Hamas-Kämpfer in der Region abgezielt habe, man jedoch „Maßnahmen ergriffen habe, um Schäden für die Zivilbevölkerung zu minimieren”. Die IDF betonte, dass sich die Hamas „in die Zivilbevölkerung einbettet und sie als menschliche Schutzschilde missbraucht“, eine wiederkehrende Behauptung bei ihren Operationen im Gazastreifen. Offizielle Stellen berichteten, dass ein palästinensischer Mitarbeiter einer internationalen Organisation getötet und mehrere weitere verletzt worden seien, was mit der Darstellung von MSF übereinstimmt, die Opfer jedoch als unbeabsichtigt darstellt. Dieses Ereignis ereignet sich inmitten eskalierender Spannungen und einer humanitären Krise im Gazastreifen, wo israelische Operationen einen Großteil der Bevölkerung vertrieben und den Hilfsfluss eingeschränkt haben. In den sozialen Medien gab es viele Beileidsbekundungen von Unterstützern aus aller Welt, wobei der offizielle X-Account von MSF Tausende von Reaktionen erhielt. Ein Beitrag hob Qaradayas Vermächtnis hervor: „Abed war einzigartig, qualifiziert in Physiotherapie und Ergotherapie … Ein großer Verlust für unsere Gemeinschaft, er ist unersetzlich.“ Aktivisten und ehemalige Kollegen schlossen sich der Trauer an und kritisierten die zurückhaltende Reaktion der internationalen Gemeinschaft. Während die Ermittlungen weitergehen, gelobt MSF, seine Mission trotz der Risiken fortzusetzen. „Wir sind empört über den Verlust unserer Kollegen“, schloss die Gruppe. „Ein sofortiger Waffenstillstand und ein Ende des Blutvergießens“ bleiben ihre dringende Forderung.
Über 1.700 getötete Mitarbeiter des Gesundheitswesens
Nach zwei Jahren wurden in Gaza mindestens 1.722 Mitarbeiter des Gesundheitswesens getötet, durchschnittlich mehr als zwei pro Tag. Seit Israel im März 2025 den vorübergehenden Waffenstillstand gebrochen hat, ist diese Zahl auf durchschnittlich drei pro Tag gestiegen. Diese verheerenden Zahlen – sie entsprechen einem Verlust von 70 medizinischen Fachkräften pro Monat – bestätigen die gezielte und systematische Bekämpfung des Gesundheitssystems in Gaza. UN-Experten bezeichnen dies als „Medizid“, und eine unabhängige UN-Untersuchungskommission kam zu dem Schluss, dass es sich dabei um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Form von Völkermord handelt. Fast jedes einzelne Krankenhaus in Gaza wurde angegriffen. Keines ist mehr voll funktionsfähig. Die überlebenden medizinischen Fachkräfte sind erschöpft, traumatisiert, unterernährt und aus ihren Häusern vertrieben. Sie kämpfen damit, den Zustrom von Patienten und Massenopfern zu bewältigen, während Krankenhäuser weiterhin angegriffen und zur Schließung gezwungen werden. Die anhaltende Blockade durch Israel führt dazu, dass medizinische Hilfsgüter, Lebensmittel und Treibstoff gefährlich knapp werden. Mehr als 300 medizinische Fachkräfte wurden von Israel festgenommen, einige wurden gefoltert und viele weitere verletzt. Fikr Shalltoot, Direktor von MAP (Medical Aid for Palestinians) in Gaza, sagte: „Die Welt hat die Beschäftigten im Gesundheitswesen und die Menschheit in Gaza im Stich gelassen. Wir erleben die absichtliche Vernichtung lebensrettender Dienste und medizinischer Fachkräfte. Hinter diesen Zahlen stehen einzelne Ärzte, Krankenschwestern, Spezialisten und Rettungssanitäter, deren Rolle noch nie so wichtig war wie heute. Es handelt sich um medizinisches Personal, das sich geweigert hat, seine Patienten angesichts massiver Bombardierungen, Hunger und Vertreibung im Stich zu lassen, und das nun getötet wurde, während es versuchte, andere am Leben zu erhalten, oder in ihren Häusern und Unterkünften mit ihren Familien. Wir können diesen Schmerz und diesen Verlust einfach nicht länger ertragen – die Welt muss jetzt handeln, um Israels Völkermord in Gaza zu stoppen.“
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– Demos gegen Israel – Jüdische Aktivisten fordern Waffenboykott gegen Israel

Über 1.000 Rabbiner und jüdische Aktivisten veranstalten Yom-Kippur-Protest in New York und fordern Waffenstillstand in Gaza angesichts wachsender weltweiter Empörung

Jüdische Aktivisten fordern Waffenboykott gegen Israel
 

Demos gegen Israel
Jüdische Aktivisten fordern Waffenboykott gegen Israel

New York – In einer eindrucksvollen Demonstration des Glaubens und der Solidarität an einem der heiligsten Tage des Judentums versammelten sich am Donnerstag mehr als 1.000 Rabbiner und jüdische Friedensaktivisten in Brooklyn, um einen sofortigen und dauerhaften Waffenstillstand in Gaza und ein Ende der US-Waffenlieferungen an Israel zu fordern. Die Veranstaltung, die in der Brooklyn Borough Hall stattfand, verwandelte sich während Jom Kippur – dem Versöhnungstag – in eine öffentliche Gedenkfeier, bei der die Teilnehmer Trauergebete, darunter den Yizkor-Gottesdienst, sprachen, um der Opfer des anhaltenden Konflikts zu gedenken. Als die feierliche Gedenkfeier gegen 15:30 Uhr endete, marschierten Dutzende von Demonstranten, von denen viele traditionelle Gebetsschals trugen und Schilder mit der Aufschrift „Rabbis for Ceasefire” (Rabbiner für Waffenstillstand) trugen, in Richtung Brooklyn Bridge. Sie blockierten gewaltfrei den Verkehr zu der berühmten Brücke und machten so auf die humanitäre Krise in Gaza aufmerksam. Fast 60 Personen wurden von Beamten der New Yorker Polizei wegen ungebührlichen Verhaltens festgenommen, aber die Demonstration verlief friedlich, was das Bekenntnis der Aktivisten zum gewaltfreien Widerstand unterstreicht. „Dies ist ein Tag der Buße, ein Tag, an dem wir über unsere kollektive Verantwortung nachdenken müssen“, sagte ein Organisator der Gruppe „Jewish Voice for Peace“, die bei der Koordination der Veranstaltung half, gegenüber Medien. „Wir können keine Buße tun, solange unsere Steuergelder Tod und Zerstörung in Gaza finanzieren.“
Gaza: Über 66.000 Tote
Der Protest findet vor dem Hintergrund der eskalierenden Zerstörung im Gazastreifen statt, wo laut palästinensischen Gesundheitsbehörden seit Oktober 2023 mehr als 66.000 Menschen durch israelische Militäroperationen ums Leben gekommen sind. Eine Analyse von UN Women schätzt, dass mehr als 28.000 der Getöteten Frauen und Mädchen sind. Unabhängige Überprüfungen zeigen, dass etwa 70 % der Todesopfer in Wohngebieten Zivilisten sind, vorwiegend Frauen und Kinder.
Untersuchung auf Unterernährung durch eine Mitarbeiterin der UN-Agentur für Palästinenser, UNRWA, in Gaza-Stadt.
Bombardierungen verschärfen humanitäre Katastrophe
Die verstärkten Bombardierungen in den letzten Wochen haben die humanitäre Katastrophe verschärft. Es gibt Berichte über zusammenbrechende Infrastruktur und eingeschränkten Zugang zu Hilfsgütern.
Weltweite Verurteilungen Israels
Die Aktionen Israels haben zu einer breiten internationalen Verurteilung geführt, unter anderem durch die Vereinten Nationen, die das Land im September des Völkermords in Gaza beschuldigten. Eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen stellte fest, dass Israel gegen das Völkerrecht verstößt, und forderte die Staaten auf, Waffenlieferungen einzustellen und Sanktionen zu verhängen. Führende Politiker der Europäischen Union, darunter der britische Premierminister Keir Starmer, haben in gemeinsamen Erklärungen eine sofortige Einstellung der Offensive gefordert, während Menschenrechtsgruppen die Pläne zur Teilbesetzung als Verstoß gegen die UN-Charta verurteilen. In Anlehnung an die Demonstration in New York sind in den letzten Tagen weltweit Millionen Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die Militäraktion Israels zu protestieren. Allein in Europa demonstrierten am Wochenende Hunderttausende in Rom, Barcelona und Madrid, wobei die Gewerkschaften in Italien zu einem Generalstreik aufgerufen hatten, an dem sich über 2 Millionen Menschen beteiligten. Bei ähnlichen Kundgebungen in Spanien, Portugal und Griechenland kam es in einigen Gebieten zu Zusammenstößen mit der Polizei, während sich in London Zehntausende versammelten, was zu über 400 Festnahmen führte. Die Organisatoren begründeten diese Aktionen als Reaktion auf die Abfangung einer Hilfsflotte für Gaza durch Israel, was weitere Empörung und Forderungen nach Rechenschaft auslöste. eunews.it Während der Krieg in sein zweites Jahr geht, verdeutlicht die Protestaktion in Brooklyn die wachsende Spaltung innerhalb der jüdischen Gemeinden weltweit, wobei Aktivisten argumentieren, dass echte Sühne Gerechtigkeit für die Palästinenser erfordert. Israelische Beamte verteidigen ihre Operationen als notwendig für die Sicherheit, aber die zunehmende diplomatische Isolation und die öffentliche Kritik deuten auf eine sich verschärfende Krise an mehreren Fronten hin. Das US-Außenministerium hat sich noch nicht zu den Verhaftungen in New York geäußert, bekräftigte jedoch seine Unterstützung für eine Zwei-Staaten-Lösung inmitten der laufenden Waffenstillstandsverhandlungen. Mit dem Ende der Jom-Kippur-Gottesdienste weltweit hoffen die Befürworter, dass die Themen des Tages zum Nachdenken anregen und neue diplomatische Bemühungen zur Beendigung der Gewalt vorantreiben werden.
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– Trumps 20-Punkte-Plan – Flotilla-Stürmung: Spanien bestellt israelischen Botschafter ein

Israels Militäreinsatz gegen die Gaza-Hilfsflotte hat internationale Kritik ausgelöst. Nicht nur die türkische Regierung wertet Israels Militäreinsatz als Verstoß gegen das Völkerrecht.

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Philosophie
Lex Aeterna – Das ewige Gesetz und die Geschichte der Menschenrechte

Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır Wenn Philosophen und Theologen von der Lex Aeterna sprechen, meinen sie nicht ein einzelnes von Menschen geschriebenes Gesetzbuch. Gemeint ist vielmehr das „ewige Gesetz“, die Ordnung im Geist Gottes, die allem Seienden zugrunde liegt. In dieser Sicht ist die Schöpfung nicht willkürlich, sondern Ausdruck einer universalen Vernunft. Der Mensch kann diese Ordnung zwar nie ganz durchdringen, doch sie spiegelt sich wider in der Lex Naturalis (Naturgesetz) und den von uns geschaffenen Lex Humana (menschlichen Gesetzen). Diese Idee prägte die Geschichte Europas, aber auch die Entstehung der Menschenrechte weltweit. Schon im Mittelalter beriefen sich Denker wie Thomas von Aquin auf die Lex Aeterna: Gesetze haben nur dann Bestand, wenn sie mit der göttlichen, ewigen Gerechtigkeit im Einklang stehen. Alles andere ist Unrecht.
Von der Theologie zur Menschenrechtsidee
In der frühen Neuzeit wurde diese Lehre zu einem Prüfstein für das koloniale Handeln Europas. Als spanische Eroberer Amerika unterwarfen, erhob sich eine der ersten Debatten über Menschenrechte. Theologen wie Francisco de Vitoria und Bartolomé de Las Casas beriefen sich auf die Lex Aeterna und argumentierten: Auch die indigenen Völker sind Teil der göttlichen Ordnung. Sie haben unveräußerliche Rechte – auf Freiheit, Würde und Land. Die Forderung war revolutionär: Indianer sollten nicht nur „geschützt“ werden, sondern als gleichwertige Menschen anerkannt sein. Ihre Misshandlung verletze nicht nur moralische Prinzipien, sondern das ewige Gesetz selbst.
Das ewige Gesetz – auch für Natur und Erde
Heute, im Zeitalter der ökologischen Krisen, erhält die Idee der Lex Aeterna neue Aktualität. Wenn es eine ewige Ordnung gibt, so umfasst sie nicht nur Menschen, sondern auch Tiere, Pflanzen, Flüsse und Wälder. Natur ist nicht bloß Ressource, sondern Teil der Schöpfung, die nach göttlichem Gesetz Respekt verdient. In vielen indigenen Kulturen war genau dieses Bewusstsein tief verankert – eine Weisheit, die Europa erst wiederentdecken muss.
Ein universales Erbe
Ob wir auf die Debatten um die Rechte der Indianer im 16. Jahrhundert blicken, auf die Erklärung der Menschenrechte von 1948 oder auf heutige Bewegungen für Klimagerechtigkeit: Im Hintergrund steht die gleiche Frage. Welches Gesetz gilt über alle Grenzen hinweg? Die Antwort der Tradition der Lex Aeterna lautet: Das ewige Gesetz, das nicht von Herrschern erlassen wird, sondern in der Ordnung der Welt selbst liegt. Es verpflichtet uns, jeden Menschen und die Natur zu achten – weil wir alle Teil derselben Schöpfung sind.
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Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.
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Flotilla-Stürmung: Spanien bestellt israelischen Botschafter ein

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel

Die Internationalisierung der Palästinafrage mit der erfolgten Anerkennung Palästinas bei der UN-Generalvollversammlung, der Vorstellung des 20-Punkte-Plan Donald Trumps, hat eine gewisse Konstellation ergeben, die durch die widerrechtliche Kaperung und Kidnapping der Gaza-Hilfsflotte durch Israel an erneuerter Fahrt gewinnt.

Israels Militäreinsatz gegen die Gaza-Hilfsflotte hat internationale Kritik ausgelöst. Nicht nur die türkische Regierung wertet Israels Militäreinsatz als Verstoß gegen das Völkerrecht.

Während Kolumbien gar die Ausweisung der gesamten diplomatischen Delegation Israels anordnete, verurteilte der malaysische Premierminister Anwar Ibrahim den Militäreinsatz scharf, gefolgt von Spanien, die den israelischen Geschäftsträger einberief, wie Außenminister José Manuel Albares bekannt gab.

Nicht nur betroffene Regierungen sind sich darüber einig, dass Israel eine weitere rote Linie überschritten hat. Auch die Bevölkerung der jeweiligen Staaten steigen auf die Barrikaden und üben weiteren Druck auf ihre Regierungen auf. Das hat Wirkung, wie man es an der Schnappatmung der Fahnenträger Israels erkennen kann.

Diese neuerliche Grenzüberschreitung zusammengefasst mit dem 20-Punkte-Plan eines US-Präsidenten, hat eine völlig neue, bislang nie dagewesene Druckkonstellation auf Israel entfacht. Wenn man nun einen weiteren Schritt geht und den Mut aufbringt, die völkerrechtlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Anwendung zu bringen, würden wohl viele Fahnenträger aus der Haut fahren.

Denn, wenn man diese heiße Phase jetzt vorantreibt, werden Benjamin Netanjahu, seine Kabinettsmitglieder und Konsorten nicht mehr so tun können, als sei Palästina etwas optionales, das lediglich unter israelischem Vorbehalt stehe. Trump mag mit dem 20-Punkte-Plan zwar Netanjahu zugearbeitet haben, es eröffnet aber der Internationalisierung der Palästinafrage neue Angriffspunkte gegen die „Staatsräson“ manch eines westlichen Verbündeten.

Nun zu den konkreten Punkten in Zusammenhang mit der Global Sumud Flotilla und Israel:

Die Flottille befand sich auf hoher See und nicht in Israels 12-Meilen-Gewässern. Die 12-Meilen-Zone ist das seeseitige Territorium eines Küstenstaates. Israel hat deshalb keine völkerrechtliche Grundlage für eine Kaperung und Kidnapping von Besatzungsmitgliedern der Global Sumud Flotilla vor der Küste des Gazastreifens.

Andererseits besteht die israelische Seeblockade seit 17 Jahren und es ist ein wesentlicher Bestandteil der langfristigen Besatzung, die im Gutachten des Internationalen Gerichtshofs für illegal erklärt wurde.

Das heißt, Israel kann sich nicht darauf berufen, im Sinne der Gefahrenabwehr, während eines Krieges gehandelt zu haben. Es handelt sich daher nicht um eine kurzfristige Maßnahme in Zeiten bewaffneter Konflikte, wie sie im San Remo-Handbuch festgelegt ist – das San Remo Handbuch dient diversen Militärhandbüchern, der Politik sowie der internationalen Justiz als Grundlage und gehört zur Standardlektüre im Bereich des humanitären Völkerrechts, insbesondere des Seekriegsrechts.

In jedem Fall besagen die San Remo-Regeln ausdrücklich, dass auch humanitäre Hilfsgüter nicht blockiert werden dürfen.

Zum anderen hat die UN-Untersuchungskommission bereits festgestellt, dass Israel einen Völkermord begeht. Das bedeutet, dass die Blockade eindeutig Teil der Maschinerie eines solchen Völkermords ist.

Aus diesen Gründen ist der Angriff auf die Flottille eindeutig und in vielerlei Hinsicht illegal, egal wie sich Israel das je nach Gutdünken zurechtlegt. Und jetzt kommt der Knackpunkt, an der Israel erneut international isoliert dasteht:

Auf Hoher See gilt für jedes Schiff, und seien es nur eine Nussschale, das Recht seines Flaggenstaates. Das Schiff ist „schwimmendes Hoheitsgebiet” des Flaggenstaates.

Anders ausgedrückt: Schiffe unter eigener Flagge genießen diplomatischen und konsularischen Schutz durch ihren Flaggenstaat und können auf dessen Hilfe in Krisenfällen zählen. Ein Angriff eines staatlichen Kriegsschiffes auf ein Schiff auf Hoher See ist ein Angriff auf den Flaggenstaat des angegriffenen Schiffes selbst.

Der illegale Zugriff auf Schiffe oder die Entführung von Besatzungsmitgliedern auf hoher See, müsste von jedem Flaggenstaat als Verbrechen innerhalb seiner nationalen Gerichtsbarkeit verfolgt werden – und zwar nicht nur im Rahmen des Seerechts, sondern des Völkerrechts und in diesem Zusammenhang, dem Universalitätsprinzip, auch bekannt als Weltrechtsprinzip.

Daher sind die nationalen Gesetze verpflichtet, die Entführung von Personen von unter eigener Flagge fahrenden Schiffen auf hoher See zu untersuchen und dagegen juristische Schritte einzuleiten – gegen Israel. Auch die deutsche Justiz und die der 43 weiteren Staaten sind dazu angehalten, Ermittlungs- und Strafverfolgungsmaßnahmen einzuleiten.

Verstehen Sie jetzt, weshalb die Fahnenträger Israels dermaßen toben und die Besatzungsmitglieder als Hamas-Verehrer, gar Terroristen bezeichnen?

 
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
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Gastkommentar
Gott und die Menschenwürde im Grundgesetz

Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır

Als 1949 das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verabschiedet wurde, stand Deutschland an einem historischen Wendepunkt.

Nach dem Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus musste eine neue Ordnung geschaffen werden, die sowohl Lehren aus der Vergangenheit zog als auch Zukunft versprach. Zwei Begriffe ragen aus diesem Dokument heraus: Gott und die Menschenwürde.

„In Verantwortung vor Gott und den Menschen“

Die Präambel des Grundgesetzes ruft Gott an – nicht als theologischen Dogmatismus, sondern als eine Quelle von Verantwortung.

Dieser Gottesbezug sollte zeigen: Staatliche Macht ist nicht absolut. Sie steht unter einem höheren Anspruch, sei es religiös verstanden oder als Symbol für das Gewissen und die Grenzen menschlicher Verfügungsgewalt.

Artikel 1: Die Würde des Menschen

Gleich im ersten Artikel wird festgeschrieben: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Damit wurde ein fundamentaler Gegensatz zum totalitären Denken der NS-Diktatur gezogen. Der Mensch darf niemals wieder zum Objekt degradiert werden – weder von der Politik noch von der Gesellschaft.

Gott und Würde – zwei getrennte, aber verwandte Ebenen

Die Väter und Mütter des Grundgesetzes verbanden den Gottesbezug nicht zwingend mit einer bestimmten Konfession. Für gläubige Menschen verweist er auf den Schöpfer, in dessen Ebenbild der Mensch geschaffen ist.

Für säkulare Leser kann er als Hinweis verstanden werden, dass Menschenwürde nicht von staatlichen Mehrheiten oder Machtinteressen abhängig ist, sondern einen überpositiven, unverfügbaren Rang besitzt.

Menschenwürde als säkularer „heiliges Gut“

So gesehen übernimmt die Menschenwürde im Grundgesetz eine Funktion, die traditionell Religionen erfüllten: Sie ist das unantastbare Fundament, auf dem alle anderen Rechte und Freiheiten ruhen.

Auch wer nicht an Gott glaubt, muss akzeptieren, dass die Würde des Menschen außerhalb staatlicher Willkür steht – fast wie ein „säkulares Heiliges“.

Ein offener Konsens

Die doppelte Verankerung – Verantwortung vor Gott und Schutz der Menschenwürde – ermöglicht es, dass Gläubige wie Nichtgläubige denselben Verfassungstext bejahen können.

Für die einen ist Gott der Ursprung dieser Würde, für die anderen ist die Würde selbst das höchste Prinzip. In dieser Spannung liegt eine Stärke: Sie verbindet Menschen über religiöse und weltanschauliche Grenzen hinweg.

Das Grundgesetz stellt klar: Keine Macht auf Erden darf die Würde des Menschen verletzen. Ob man den Gottesbezug als Glaubensbekenntnis liest oder als Symbol für eine höhere Verantwortung – er verweist darauf, dass Freiheit und Würde nicht aus der Hand des Staates stammen, sondern vorstaatlich, unverfügbar und universal sind.

Schlussgedanke

Dabei darf nicht übersehen werden: Der Begriff der Menschenwürde ist selbst ein Kind langer theologischer und philosophischer Traditionen.

Er wurzelt im biblischen Gedanken der Gottebenbildlichkeit ebenso wie in der antiken Philosophie und bei Kant. Doch in letzter Tiefe verweist er auf eine höhere Ordnung: auf die Vorstellung der Lex Aeterna, des ewigen Gesetzes, das – nach Augustinus und Thomas von Aquin – in Gottes Vernunft gründet und alles Geschaffene trägt.

So verstanden ist die Menschenwürde nicht bloß eine menschliche Erfindung, sondern Ausdruck einer transzendenten Ordnung. Selbst wer den Gottesbezug säkular interpretiert, bewegt sich damit noch in einem Denkhorizont, der letztlich aus der Idee hervorgeht, dass überstaatlich, überpositiv und unverfügbar ein ewiges Recht besteht. Ohne Gott und ohne die Lex Aeterna bleibt die Menschenwürde unverständlich, ja bodenlos.

Denn ohne diesen Boden (Gott / ewiges Gesetz) „schwebt“ die Würde im Raum, bleibt begründungslos oder muss allein durch Vernunft oder politische Vereinbarung getragen werden.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor
Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.
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Islamische Architektur
Vom Himmelszelt zur Moscheekuppel

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Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır

Die Kuppel der Moschee ist weit mehr als ein architektonisches Detail. Sie ist das sichtbare Abbild des Himmels selbst – Symbol für Vollkommenheit, Einheit und göttliche Gegenwart. Wer unter ihr steht und den Blick hebt, sieht nicht nur Stein und Ornament, sondern das Echo einer uralten Beziehung zwischen Mensch und Himmel.

Der Himmel als göttlicher Ursprung

Diese Vorstellung führt weit zurück – in die spirituelle Welt der Nomaden, insbesondere in den Tengrismus, die alte Himmelsreligion der Turk- und Mongolenvölker.

Der Himmel – Tengri – war dort nicht nur Naturraum, sondern göttliches Prinzip: Ursprung des Lebens, des Schicksals und der Ordnung. Kök Tengri, der „Blaue Himmel“, galt als höchster, allsehender Gott, der über Mensch und Natur wachte.

Kuppeldach einer mongolischen Jurte mit Ornamenten und Ewigkeits-Symbolen sowie einem blauen Stofftuch als Zeichen für die Verbundenheit zum Himmel verziert. (Foto: Çağıl Çayır, Mongolei, Februar 2023.)
Vom Himmelszelt zur Moscheekuppel

In der islamischen Architektur lebt diese uralte Himmelsverehrung fort – in neuer Form, aber mit derselben symbolischen Kraft.

Die Kuppel erinnert an das Himmelszelt der Nomaden, an die runde Öffnung des Zeltes (tünglük), durch die das Licht in das Innere fiel. Sie verbindet Erde und Himmel, das Irdische mit dem Göttlichen.

Der Raum unter der Kuppel ist ein Ort der Transzendenz: Hier erhebt sich das Gebet, hier erklingt das Wort Gottes, hier fällt das Licht wie eine Offenbarung von oben herab. Besonders in der seldschukischen und osmanischen Architektur verschmilzt diese Symbolik: Die blauen und goldenen Ornamente, die Sterne und Kreise, erinnern an den endlosen Himmel, aus dem alles stammt.

Kuppel mit Kalligraphie des Thronverses und zahlreichen Elementen mit weiteren Namen Allahs (Foto: Wikimedia)
Das Gedächtnis des Himmels

So wird die Moschee zu einem Gedächtnis des Himmels – zu einer Erinnerung an jene Zeit, in der der Mensch den Himmel nicht nur betrachtete, sondern ihn ehrte und anrief.

In der Kuppel begegnet uns der Ursprung des Glaubens an den Himmel: die uralte Sehnsucht, das Irdische mit dem Ewigen zu verbinden.

Wie der Himmel sich über alle Menschen spannt, so wölbt sich die Kuppel über den Betenden – als stilles Zeichen, dass Gott eins ist und überall derselbe.


Zum Autor
Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.
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Geschichte
Die vergessenen deutschen Märtyrer von Gallipoli 1915

Von Çağıl Çayır Als im Frühjahr 1915 die Alliierten – vor allem britische, französische, australische und neuseeländische Truppen – an der Dardanellenfront landeten, ahnten nur wenige, dass sich hier eines der härtesten Kapitel des Ersten Weltkriegs abspielen würde. Die Schlacht um Gallipoli, die in der Türkei bis heute als Çanakkale Zaferi (Sieg von Çanakkale) erinnert wird, wurde zu einem Symbol für Mut, Opferbereitschaft und internationale Waffenbrüderschaft. Doch ein Kapitel dieser Geschichte ist in Deutschland nahezu in Vergessenheit geraten: der Einsatz deutscher Offiziere und Soldaten, die Seite an Seite mit den Osmanen kämpften und fielen – die „vergessenen deutschen Märtyrer“.
Deutsche Berater und Kämpfer an der Seite der Osmanen
Seit Beginn des Ersten Weltkriegs standen das Deutsche Reich und das Osmanische Reich in enger militärischer Allianz. Schon vor 1914 hatten deutsche Offiziere wie Colmar von der Goltz das osmanische Heer modernisiert. Mit Kriegseintritt 1914 kamen zahlreiche deutsche Offiziere, Ingenieure und Spezialisten in die Türkei, um die Dardanellen zu befestigen und das Heer in modernen Taktiken zu schulen. Eine Schlüsselrolle spielte General Otto Liman von Sanders, der als Befehlshaber der 5. osmanischen Armee die Verteidigung der Gallipoli-Halbinsel organisierte. Unter ihm dienten deutsche Offiziere in Stäben, in der Artillerie und im Pionierwesen. Sie standen nicht nur beratend zur Seite, sondern befanden sich auch mitten im Kampfgeschehen.
Opfer im Schatten der Geschichte
Während die Namen von Mustafa Kemal Atatürk oder Liman von Sanders in den Geschichtsbüchern stehen, sind die Opfer unter den einfachen deutschen Offizieren und Soldaten kaum bekannt. Einige starben beim Minenlegen in den Dardanellen, andere fielen in den Gräben oder wurden von alliiertem Feuer getroffen. Ihre Gräber lagen verstreut auf der Halbinsel, manche wurden später nach Istanbul überführt. Auf dem Gelände der heutigen deutschen Botschaft in Istanbul befindet sich ein Ehrenfriedhof, auf dem an diese Männer erinnert wird.
Märtyrer einer vergessenen Front
In der türkischen Erinnerung gelten sie als Märtyrer – Kämpfer, die ihr Leben für eine gemeinsame Sache opferten. Doch in Deutschland wurde ihre Geschichte bald vom Schatten der Westfront, von Verdun und der Somme, überdeckt. Die Opfer an den Dardanellen passten nicht in die große nationale Erzählung, die sich um die Helden der Heimatfront und die Massenopfer an der Westfront drehte. So gerieten die deutschen Toten von Gallipoli in Vergessenheit.
Gedenken und historische Verantwortung
Heute, mehr als hundert Jahre später, wächst das Bewusstsein für diese deutsch-türkische Waffenbrüderschaft. Projekte wie die Gedenkseite „gallipoli1915.de“ erinnern an jene Männer, die in der Fremde kämpften und starben. Sie waren Teil eines Weltkriegs, der Millionen Leben forderte, doch ihre Geschichte zeigt auch: Völker, die sich sonst fremd waren, standen hier in Treue und Solidarität nebeneinander. Die vergessenen deutschen Märtyrer von Gallipoli verdienen es, in die europäische und türkische Erinnerungskultur zurückgeholt zu werden – nicht als Verherrlichung des Krieges, sondern als Mahnung, dass selbst in den dunkelsten Stunden Geschichte von gegenseitiger Loyalität und Opferbereitschaft geprägt sein kann.
Zum Autor
Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.
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