Weltfrauentag
Auswärtiges Amt: Deutsche Botschaften zumeist noch unter männlicher Leitung

Osnabrück – Noch immer wird nur jede fünfte deutsche Botschaft im Ausland von einer Frau geführt. Das geht aus einer Antwort des Auswärtigen Amtes auf eine Anfrage der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ anlässlich des Internationalen Weltfrauentages am 8. März hervor. „20 Prozent unserer Auslandsvertretungen werden von Frauen geleitet, darunter so wichtige Botschaften wie Washington, Tel Aviv und Tokyo oder auch Havanna, Nairobi und Kiew. Nach dem nächsten Versetzungstermin in diesem Sommer sollen es 25 Prozent sein“, heißt es in der Rückmeldung aus dem Hause von Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD). Der Anteil von Frauen in Führungspositionen im höheren Auswärtigen Dienst steigt der Auskunft zufolge kontinuierlich an und liege aktuell bei 24,5 Prozent; der Frauenanteil im Auswärtigen Dienst insgesamt liegt demnach bei rund 50 Prozent. Gegenüber der „NOZ“ erklärte das Auswärtige Amt weiter: „Bei den Einstellungen haben wir in den letzten zehn Jahren annähernd Geschlechterparität erreichen können. Wir haben eine Staatssekretärin, erstmals eine Chefinspekteurin und eine Sprecherin. Auch bei den Abteilungsleiterinnen und -leitern sowie deren Stellvertreterinnen und -vertretern im Inland ist der Frauenanteil innerhalb der letzten drei Jahre von 27 Prozent auf 43 Prozent gestiegen.“ „Um eine flächendeckende Parität über alle Laufbahnen zu erreichen, ergreifen wir weitere Maßnahmen für eine bessere Vereinbarkeit dieses besonders herausfordernden Berufs – der eine regelmäßige Auslandsrotation einschließt – und Privatem“, so die Auskunft aus dem Auswärtigen Amt. Dazu zähle der Ausbau flexibler Arbeitszeitmodelle und bessere Möglichkeiten der Arbeit im Homeoffice. Die Botschaft im slowenischen Ljubljana und das Generalkonsulat im kanadischen Montreal würden inzwischen von „Amtsehepaaren“ in Job-Sharing geleitet.

Beratungsstellen
Häusliche Gewalt: Was Betroffene und Zeugen tun können

Es sind erschreckende Fakten: Etwa jede vierte Frau wird mindestens einmal in ihrem Leben durch ihren aktuellen oder früheren Partner genötigt, bedroht, vergewaltigt oder gestalkt – und das über alle Gesellschaftsschichten hinweg. Durchschnittlich jeden dritten Tag tötet ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin. Wie Betroffene und Zeugen häuslicher Gewalt reagieren sollten, erklärt das Gesundheitsmagazin „Apotheken Umschau“. Wer Gewalt im Umfeld vermutet, sollte tätig werden Ob Lockdown und Ausgangsbeschränkungen während der Corona-Pandemie zu mehr Gewalttaten im häuslichen Umfeld geführt haben, lässt sich bisher zwar nicht verlässlich mit Zahlen belegen. Aus Sicht des Vereins Weißer Ring, der Opfern von Kriminalität und Gewalt hilft, ist das aber noch kein Anlass zur Entwarnung: Opfer würden sich oft erst spät melden und Gewalttaten sich deshalb nicht sofort in den Zahlen niederschlagen. Wer in seinem Umfeld Gewalt vermutet, sollte tätig werden. „Sprechen Sie die Person darauf an, ob und welche Hilfe sie braucht“, empfiehlt Zara Jakob Pfeiffer von der Gleichstellungsstelle für Frauen der Stadt München, aber: „Seien Sie nicht beleidigt, wenn sie zunächst ablehnt“. Gründe für die Ablehnung können Scham, das Gefühl der Mitschuld oder Angst vor einer Trennung sein. Später könne das Angebot eine wichtige Hilfe bedeuten. Zuhören und freundliche Worte helfen den Betroffenen oft mehr, als den mutmaßlichen Täter selbst zur Rede zu stellen“, so Pfeiffer. Aber: Wird man Zeuge eindeutiger Gewalt, sollte man umgehend die Polizei, bei Bedarf auch den Rettungsdienst rufen. Wichtige Anlauf- und Beratungsstellen für Betroffene Für Opfer, aber auch für Täter gibt es eine Reihe von Anlaufstellen, die Beratung und Hilfe bieten. So steht das kostenlose Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter der Nummer 08000 – 116016 rund um die Uhr bereit (www.hilfetelefon.de – in 17 Sprachen, auch anonym). Den Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe „Frauen gegen Gewalt e.V.“ erreichen Betroffene unter www.frauen-gegen-gewalt.de, das Hilfeportal Sexueller Missbrauch unter www.hilfeportal-missbrauch.de, ebenfalls kostenfrei und anonym. Täter und potenzielle Täter bekommen unter www.bundesforum-maenner.de ein „Survival-Kit für Männer unter Druck“, und die Beratung www.man-o-mann.de kümmert sich um Männer, die Gewalt ausüben und sich helfen lassen wollen oder selbst familiäre Gewalt erleiden. Weitere Hinweise zum richtigen Verhalten bei häuslicher Gewalt sowie Infos zu Beratungsstellen für Betroffene finden Sie in der aktuellen Ausgabe der „Apotheken Umschau“.

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– Häusliche Gewalt – Immer mehr Männer werden Opfer häuslicher Gewalt

Internationale Studien gehen davon aus, dass beide Geschlechter in partnerschaftlichen Auseinandersetzungen 50 Prozent der Taten ausüben.

Immer mehr Männer werden Opfer häuslicher Gewalt

Glücksspiel
Wo stand das erste Casino der Welt?

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Spielen liegt Menschen anscheinend im Blut. Schach, Bingo oder Kartenspiele – als soziales Event und um den Kopf freizubekommen ideal. Glücksspiel, also das Spielen um Geld oder Sachpreise, wird dagegen nicht selten belächelt. Einige Menschen sehen das Ganze sogar kritisch. Es wird recht schnell die Keule Spielsucht ausgepackt. Dabei sind einige der Casino Games die ältesten bekannten Spiele. Klar, mit Fußball kann Roulette vielleicht nicht mithalten. Während Vorläufer des Fußballs aus der Azteken-Periode in Lateinamerika bekannt sind, wird das Tischspiel erst seit einigen Jahrhunderten gespielt. Noch einmal jünger sind Slots. Inzwischen sind online in vielen Casinos sogar 50 Freispiele ohne Einzahlung verfügbar. Im ersten Casino hat ganz sicher niemand für möglich gehalten, dass einmal übers Internet gespielt werden kann. Das älteste Casino steht in Venedig Heute denkt jeder beim Wort “Casino” sofort an eine Stadt: Las Vegas. Die US-amerikanische Zockermetropole gilt gemeinhin als Blaupause für weitere Städte in den USA und Asien, in denen das Spiel mit Fortuna am Roulette- oder Blackjack-Tisch floriert. Seine Wurzeln hat das Glücksspiel allerdings nicht in den USA. Im Gegenteil: Selbst Las Vegas hat keine so lange Tradition wie das älteste Casino der Welt. Um herauszufinden, wo die erste Spielbank der Welt liegt, müssen Spieler aus Deutschland eigentlich gar nicht weit weg. Viele Touristen kommen vielleicht auch eher unfreiwillig daran vorbei, wenn sie eine Reise nach Italien machen. Genauer gesagt geht es um Venedig und das Palazzo Dandolo. Hier entstand im 17. Jahrhundert das erste heute bekannte Casino. Der Begriff kommt übrigens direkt aus Venedig und meinte in seiner ursprünglichen Bedeutung nicht ein Zockerparadies, sondern Ankleidezimmer der Mitglieder des venezianischen Rates. Aufgrund der Geselligkeit in den Räumen lösten sich die Casinos von der ursprünglichen Begriffsdefinition. Welche Entwicklung trat das Palazzo Dandolo los? Von Venedig in die ganze Welt Im Palazzo Dandolo entstand 1638 das erste Spielcasino. Als Vorreiter bekam es allerdings relativ schnell Konkurrenz. Bereits nach wenigen Jahren entstanden Dutzende Casinos. Die meisten der Spielhäuser wurden von den Adelsfamilien privat betrieben, in deren Palazzo die einzelnen Spielbanken ihr Zuhause hatten. Eine moderne Kontrolle fand im 17. Jahrhundert natürlich nicht statt. Historiker gehen davon aus, dass um die Mitte des Jahrhunderts um 100 Spielbanken in Venedig Gäste empfingen. Neben diesen offiziell betriebenen Einrichtungen begann auch illegales Glücksspiel zu florieren. Eine Tatsache, die dem einen oder anderen Glücksspiel Fan sicher ein Schmunzeln abringt. Dass Fortuna für die Stadt immer wichtiger wurde, zeigt sich an der Schließung von Spielbanken. Danach war ein deutlicher Wirtschaftsabschwung zu spüren. Die Tradition, Fortuna herauszufordern, ist Venedig in den letzten Jahren nicht losgeworden. Es wird im Palazzo Vendramin-Calergi immer noch gespielt. Glücksspiel ist allerdings deutlich älter als die venezianischen Palazzo. Quellen gehen davon aus, dass schon im Spätmittelalter in Europa gespielt wurde. Unter anderem wird dies für Flandern – aber auch Deutschland vermutet. Hier soll im 14. Jahrhundert ein sogenanntes Spielhaus (allerdings nicht für den permanenten Betrieb) existiert haben. Mit der heute verbreiteten Vorstellung von Spielbanken haben die damaligen Spielhäuser nichts zu tun. Einen Aufschwung erlebten Casinos ab dem 18. Jahrhundert. Residenzen und Kurhäuser – Der Casino Boom in Europa Casinos haben eine lange Tradition. Dies gilt nicht nur für die Spielbanken in Italien und im Speziellen natürlich Venedig. In Europa entstand mit den Residenzstädten des Barock und den Kurhäusern im 18. Jahrhundert eine breite Zielgruppe, welche für die Entwicklung der Casinos von so entscheidender Bedeutung sein sollte. Residenzstädte und Badeorte hatten (und haben) eine Gemeinsamkeit: Ein internationales Publikum. Mit deren zunehmender Beliebtheit war natürlich eine große Zahl an Besuchern verbunden. Diese wollten unterhalten werden, sorgen für eine wachsende „Kaufkraft“ und brachten auch neue Ideen mit. Am Ende entstanden nicht nur Spielbanken und viele Gäste hatten in ihren Heimatländern verschiedene Casinospiele kennengelernt. Wie sich Casino Games verändern, zeigt Roulette. Viele Casino Fans kennen die französische oder europäische Variante mit der einfachen Zero und deren En Prison-Regel. Unterschätzt wird, dass diese Form eigentlich das moderne Roulette ist. Was heute in Spielbanken als American Roulette angeboten wird, ist der eigentlich ursprüngliche Spielstil. Übrigens: Roulette ist zwar einer der Casino Klassiker. Allerdings hat es sich nicht in Frankreich entwickelt. Als Ursprungsland wird heute Italien angesehen. Von hier aus kam das Spiel etwa im 18. Jahrhundert nach Frankreich und schwappte auch in die USA. Zu den berühmten Casinos in Deutschland gehören unter anderem die Spielbanken in Bad Ems und Baden-Baden. Beide entstanden bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Sowohl Baden-Baden als auch Bad Ems sind historische Kur- und Badeorte. Rund um die Spielbanken wird sich die eine oder andere Anekdote erzählt. So steht die Spielbank Baden-Baden beispielsweise in enger Verbindung mit Fjodor Dostojewski. Der russische Schriftsteller war selbst im Kurort zu Gast und hat das Treiben in der Spielhalle nicht nur live erlebt, sondern selbst auch gespielt. Die ältesten Casinos in den USA Geht es um das älteste Casino in den Vereinigten Staaten, steht sehr schnell Las Vegas im Mittelpunkt. Im Wilden Westen waren Spielhäuser nicht mit dem heutigen Bild der Casinos vergleichbar. In Las Vegas, der Zockermetropole der USA, wurde über Jahrzehnte nicht legal gespielt. Erst durch die Legalisierung des Glücksspiels in Nevada Anfang der 1930er Jahre wurden auch Casinos in der Stadt salonfähig. Klar, dass deren Größe nicht mit den Dimensionen heutiger Spielbanken vergleichbar ist. Für damalige Verhältnisse waren die Casinos keine billigen Absteigen. Eine der ältesten Adressen in der Stadt Las Vegas ist auch heute noch The Golden Gate. 1931 zu einem Casino gemacht, war es vor der Legalisierung des Glücksspiels ein Hotel. Die Entwicklung in den USA wurde stark von den Verboten auf Ebene der Bundesstaaten und den Indianern geprägt. Letztere genießen immer noch Sonderrechte. Glücksspiel ist in Reservaten lange eine der wenigen lukrativen Einnahmequellen gewesen. Daher leitet sich für einige Spielbanken in den USA auch der Begriff “Indianercasino“ her. Mit der Tradition, die europäische Casinos haben, sind diese zwar nicht vergleichbar. Für eine exzellente Ausstattung und das Spielangebot kommt es darauf aber auch ganz sicher nicht an.

Logistik
Pakistan-Türkei Eisenbahnstrecke nimmt nach 9 Jahren Pause Betrieb wieder auf

Islamabad – Wie ein Berater des pakistanischen Premierministers am Dienstag mitteilte, wird der transnationale Güterzug, der das südasiatische Land über den benachbarten Iran mit der Türkei verbindet, nach neun Jahren Pause ab dieser Woche wieder in Betrieb genommen. Mit dem Ziel, die Handels- und Kommunikationsverbindungen zwischen den drei Ländern zu stärken, hatte der Zug seinen ersten Testlauf im Jahr 2009. Logistische Herausforderungen, ausstehende Infrastrukturentwicklungen und Sicherheitsbedenken führten jedoch Ende 2011 zur Einstellung des Dienstes. Der „Istanbul-Teheran-Islamabad-Zug“ werde die Strecke zwischen Istanbul und Islamabad in 12 Tagen absolvieren und 750 Tonnen Handelsgüter transportieren können, so Abdul Razak Dawood, ein Berater des pakistanischen Premierministers Imran Khan für Handel und Investitionen, in einer Mitteilung auf Twitter. „Dies ist ein Zeugnis der Freundschaft zwischen den drei Ländern … und wird den Warenverkehr zwischen Pakistan, Iran und der Türkei erheblich erleichtern“, schrieb Dawood auf Twitter. Händler und Experten begrüßten die Ankündigung und sagten, die 6.500 Kilometer lange Eisenbahnlinie werde Geld sparen, den Transport von Gütern und Containern beschleunigen und die Reisezeit erheblich verkürzen. Über den Seeweg dauert es bis zu 45 Tage, bis die Waren aus Europa Pakistan erreichen. Die Strecke führt durch die südwestliche pakistanische Grenzprovinz Belutschistan. In der von Gewalt geprägten pakistanischen Region verübten Belutschen-Separatisten regelmäßig Angriffe auf pakistanische Regierungstruppen und -einrichtungen. Militante, die mit der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ verbunden sind, operieren ebenfalls in der Provinz und haben sich für einige der jüngsten tödlichen Angriffe verantwortlich gezeigt. Laut offiziellen Angaben haben Militäroperationen in der Region jedoch dazu beigetragen, die Situation zu stabilisieren. Sie verweisen auch auf den Bau eines neuen Grenzzauns an Pakistans mehr als 900 Kilometer langer Grenze zum Iran, die es Militanten bisher ermöglichte, sich in beide Richtungen frei zu bewegen.
(Screenshot/Twitter)

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– Baku-Tbilisi-Kars – Türkischer Verkehrsminister: China-Exportzug zeigt Macht der Türkei in der Logistik

Der erste türkische Exportzug erreichte über die neue Baku-Tbilisi-Kars (BTK)-Eisenbahnstrecke am Freitag sein Ziel in Xi’An, China.

Türkischer Verkehrsminister: China-Exportzug zeigt Macht der Türkei in der Logistik

Forsa-Chef: „Wähler der AfD in der Mehrzahl Rechtsradikale“

Osnabrück – Die Einstufung als rechtextremistischer Verdachtsfall wird für die AfD nach Einschätzung von Forsa-Chef Manfred Güllner keine großen Stimmeneinbußen zur Folge haben. Güllner sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ): „Ich glaube nicht, dass die Entscheidung des Verfassungsschutzes die Zahl der AfD-Wähler signifikant dezimieren wird.“ Güllner: „Wähler der AfD in der Mehrzahl Rechtsradikale, die bleiben bei der Stange“ Güllner erläuterte, der Kern der AfD-Wähler bestehe aus hartgesottenen Rechtsradikalen. „Das sind diejenigen, die früher NPD oder DVU gewählt haben. Die zweite große Wählergruppe kommt aus dem Bereich der Nichtwähler. Sie haben lange nicht gewählt, weil sie das ganze politische System ablehnen.“ Diese großen Gruppen würden treu bei der Stange bleiben und sich nicht von der Entscheidung des Verfassungsschutzes beeindrucken lassen. Andere Wähler seien bereits abgewandert, sodass das Potenzial der AfD unterm Strich stabil sei. Der Forsa-Chef glaubt auch nicht an einen Kurswechsel der AfD, wie Parteichef Jörg Meuthen ihn anstrebt. Güllner betonte: „Eine solche Kursänderung würde die AfD des Kerns ihrer Wähler berauben und deutlich dezimieren. Nicht nur die Partei ist rechtsradikal und völkisch, auch die meisten ihrer Wähler sind es. Immer nur von Protestwählern zu sprechen trifft die Sache nicht. Das sind in der Mehrzahl Rechtsradikale, in der Wolle gefärbt.“ Wenn Wähler von der AfD abwandern, dann aktuell wohl am ehesten in Richtung der FDP, da gebe es eine sichtbare Bewegung, so Güllner weiter. Er betonte, es gebe teilweise übereinstimmende Einschätzungen zum Beispiel in der Kritik an der Corona-Politik.

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– Jerusalem des Kaukasus – Das Judentum in Aserbaidschan: „Sie fragten mich nach der AfD“

In diesem Beitrag lenke ich den Fokus auf die Geschichte und gegenwärtige Situation der bergjüdischen Gemeinde Aserbaidschans. Um diesen Beitrag verfassen zu können, benötigte ich eindeutige Informationen, also bin ich von Baku nach Guba (aserb. Quba) zur „Roten Siedlung“ der Bergjuden gereist.

Das Judentum in Aserbaidschan: „Sie fragten mich nach der AfD“

Ankara-Abkommen
Erdogan: Türkei und Frankreich gemeinsam gegen Terrorismus

Ankara – Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan möchte die angespannte Beziehung zu Frankreich auflockern und telefonierte zum 100. Jahrestag des Ankara-Abkommens mit seinem französischen Amtskollegen Emmanuel Macron. Das Abkommen von 1921 bildet die Grundlage der bilateralen Beziehungen zwischen der Türkei und Frankreich. Eine Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Frankreich könne einen großen Beitrag zu Sicherheit, Stabilität und Friedensbemühungen in der Welt leisten, so Erdogan. Eine Kooperation der beiden NATO-Staaten habe ein „sehr ernsthaftes Potential“. „Als zwei starke NATO-Verbündete können wir einen bedeutenden Beitrag zu Sicherheit, Stabilität und Frieden in einer weiten Geographie leisten; von Europa bis zum Kaukasus, dem Nahen Osten und Afrika,“ sagte Erdogan in einer Videokonferenz mit Macron. Frankreich und die Türkei könnten zudem gemeinsame Schritte zur Bekämpfung des Terrorismus unternehmen. Die gleichen Gefahren bedrohten die Menschen beider Länder. „Wir hoffen, dass die Türkei und Frankreich in all diesen Fragen solidarisch handeln können“, sagte der türkische Staatschef weiter. Ankara-Abkommen Erdogan wies zudem darauf hin, dass sich in diesem Jahr das Ankara-Abkommen zum 100. Mal jährt und betonte, dass der Dialog zwischen den Staatsoberhäuptern in den türkisch-französischen Beziehungen immer eine wichtige Rolle gespielt habe. Mit dem Hinweis, dass diese Freundschaftsbeziehung, deren Grundstein durch den Briefwechsel zwischen Franz I. und Suleiman dem Prächtigen gelegt wurde, viele Herausforderungen erfolgreich gemeistert hat, sagte Erdogan, dass die türkisch-französische Zusammenarbeit ein großes Potenzial habe. Erdogan spricht Beileid aus Erdogan sagte, dass die Türkei Frankreichs Kampf gegen die COVID-19-Pandemie aufmerksam verfolge und sprach den Franzosen sein Beileid aus.
„Im Namen meines Landes und meiner Nation spreche ich den französischen Bürgern, die durch die Pandemie ihr Leben verloren haben, mein Beileid aus.“
Die Türkei habe bereits erste Schritte für eine „kontrollierte Lockerung unternommen, während die Impfbemühungen intensiv fortgesetzt werden, so Erdogan. Bisher seien fast 10 Millionen Bürger geimpft worden sind. Türkei wünscht Normalisierung der Beziehungen mit Frankreich Auch der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu sagte bereits im Januar, dass die Türkei sich eine „Normalisierung der Beziehungen mit Frankreich“ wünsche.

Um die Beziehungen zu normalisieren, arbeiteten Frankreich und die Türkei an einer Roadmap, sagte Çavuşoğlu nach einem Treffen mit dem portugiesischen Außenminister Augusto Santos Silva in Lissabon am 7. Januar 2021. Die bisherigen Gespräche liefen gut.

Çavuşoğlu habe ein sehr konstruktives Telefongespräch mit dem französischen Amtskollegen Jean-Yves Le Drian gehabt. Ankara sei bereit, die Beziehungen zu seinem NATO-Verbündeten zu verbessern, wenn Paris die gleiche Bereitschaft zeige.

„Wir waren uns einig, dass wir an einem Fahrplan zur Normalisierung der Beziehungen arbeiten sollten“, betonte der türkische Außenminister. Die Türkei und Frankreich haben seit Monaten Meinungsverschiedenheiten über Konflikte in Syrien, Libyen, dem östlichen Mittelmeer und Berg-Karabach in Aserbaidschan, sowie über die Veröffentlichung von Karikaturen des Propheten Mohammed in Frankreich. Erdogan hatte Macron noch Ende 2020 zu einer psychiatrischen Behandlung und der Überprüfung seines Geisteszustandes geraten.

Paris: Ankara ernennt Macrons Studienkollegen als neuen Botschafter

Im Dezember ernannte Ankara einen ehemaligen Studienkollegen des französischen Präsidenten als neuen Botschafter in Frankreich.

Der 47-jährige Ali Onaner studierte gemeinsam mit Emmanuel Macron von 2002 bis 2004 im Rahmen der Léopold-Sédar-Senghor-Förderung an der Nationalen Hochschule für Management (ENA), berichtet das französische Nachrichtenmagazin Le Point.

Onaner, der fließend Französisch spricht, wurde nach seinem Abschluss am Charles-de-Gaulle-Gymnasium in Ankara für zwei Jahre Botschafter der Türkei in Tunesien, wo er an vorderster Front die militärische Intervention des Landes in Libyen begleitete, für die er sich in den tunesischen Medien vehement einsetzte. Ankara unterstützte die Regierung in Tripolis, während Frankreich die andere Seite wählte, die des Führers aus dem Osten Libyens, General Haftar.

Libyen ist eines der vielen Themen, die zwischen der Türkei und Frankreich für Spannungen sorgen, und Ali Onaner wird viel dazu beitragen, die bilateralen Beziehungen zu erleichtern. Onaner ist ein enger Vertrauter von Außenminister Mevlüt Cavusoglu und war von 2017 bis 2018 sein Stabschef. Zuvor war er Leiter der Menschenrechtsabteilung im Außenministerium in Ankara. Onaner und Macron tauschten im September Nachrichten auf Twitter aus. Ersterer ermutigte den sogenannten „Klassenkameraden“, „weiterzumachen“, nachdem der französische Präsident auf Twitter – in türkischer Sprache – eine Aufforderung an die Türkei gepostet hatte, einen „wohlwollenden, verantwortungsvollen Dialog, ohne Naivität“ zu beginnen.

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– EU-Türkei – Erdogan: Zukunft der Türkei liegt in Europa

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan haben am Samstag eine Videokonferenz abgehalten, in der Schritte zur Verbesserung der Beziehungen zwischen der Türkei und der Europäischen Union und regionale Entwicklungen besprochen wurden.

Erdogan: Zukunft der Türkei liegt in Europa

Tourismus
Corona: Große Mehrheit der Bevölkerung plant Reisen in 2021

Berlin – Wer sehnt sich nach einer Reise in die Ferne? Wer möchte endlich wieder an den Strand im Badeurlaub? Wer plant welche Reisen und wohin in diesem Jahr? Und welche kurz-, mittel- und langfristigen Auswirkungen wird die Corona-Pandemie auf das Reiseverhalten haben? Diesen und weiteren Fragen sind die ITB Berlin und das Marktforschungsinstitut Statista gemeinsam nachgegangen. Mittels online-repräsentativen Bevölkerungsumfragen in Deutschland, den USA und China wurde das Reiseverhalten der vergangenen 12 Monate sowie die Reiseplanung für 2021 analysiert. 2021 wieder mehr Reiseausgaben in der Bevölkerung geplant – Auch langfristig kann das Ende der Pandemie für neuen Aufschwung sorgen Die Studienergebnisse offenbaren eine optimistische Stimmungslage: Etwa 70 Prozent der Deutschen, US-Amerikaner wie auch Chinesen beschäftigen sich damit, dieses Jahr privat zu verreisen. Ganz konkret planen derzeit bereits 37 Prozent der Deutschen, 42 Prozent der US-Amerikaner und 66 Prozent der Chinesen eine oder mehrere Reisen. Knapp 25 Prozent der Befragten aus Deutschland und den USA sowie über 35 Prozent der Befragten aus China denken darüber hinaus, dass sie in den kommenden 12 Monaten mehr Geld für private Reisen ausgeben werden als in den vergangenen 12 Monaten. In China scheint sich zudem eine besonders starke Reiselust angestaut zu haben. Knapp die Hälfte der Befragten geht davon aus, dass sie nach überstandener Pandemie dauerhaft mehr reisen werden. In den USA liegt dieser Wert bei 25 Prozent und in Deutschland bei 17 Prozent.
(Grafik: ITB/Statista)
Bei privaten Reisen individuelles Sicherheitsgefühl von großer Bedeutung – Wohlfühlen wichtiger als tatsächliche Reisemöglichkeiten Die Mehrheit der Personen, welche dieses Jahr keine Reise planen, begründeten dies mit der Corona-Pandemie. Der weiterhin große Einfluss der Pandemie auf die Urlaubspläne ist wenig überraschend. Spannend ist allerdings, dass das individuelle Sicherheitsempfinden während einer Reise schwerer wiegt als mögliche Reisebeschränkungen. 50 Prozent der Deutschen, die keine Reise für das Jahr 2021 planen, gaben als Grund an, dass sie sich nicht wohl dabei fühlen, während der Corona-Pandemie zu reisen. In den USA liegt dieser Wert bei 34 Prozent, in China sogar bei 56 Prozent. Im Vergleich dazu wurden eingeschränkte Reisemöglichkeiten von nur 23 Prozent (Deutschland) bzw. 21 Prozent (USA) und 45 Prozent (China) der Befragten als Grund für das Zuhause bleiben angegeben. Reiseveranstalter stehen in diesem Jahr demnach vor der Herausforderung, ihren Kunden ein gutes und sicheres Gefühl zu vermitteln. Bade-/Strandurlaub in allen Ländern beliebt – in Deutschland und den USA liegt der Besuch bei Familie/Freunden hoch im Kurs – China favorisiert Städtetrips Bei der Betrachtung der konkreten Reisepläne für 2021 erweist sich der Bade-/Strandurlaub in allen Ländern als beliebt und wird von 34 Prozent der deutschen, 36 Prozent der amerikanischen und 42 Prozent der chinesischen Reiseplaner ins Auge gefasst. Allerdings stehen in Deutschland und den USA Besuche bei Familien und Freunden (37 Prozent in Deutschland, 42 Prozent in den USA) auf Platz 1, in China dagegen liegen Städtereisen vorne (49 Prozent). Zwar sind in allen Ländern die meisten Übernachtungen in Hotels geplant, allerdings fallen die Bevölkerungsanteile stark auseinander. Während in China 86 Prozent der privat Reisenden in Hotels übernachten möchten, fällt dieser Wert in den USA mit 56 Prozent und in Deutschland mit 48 Prozent deutlich geringer aus. Knapp ein Drittel der für 2021 reiseplanenden Deutschen und US-Amerikaner gedenken zudem bei Familienmitgliedern oder Freunden zuhause zu übernachten. In China liegt dieser Wert bei nur 16 Prozent. Die Unterschiede dürften unter anderem auf die jeweiligen Wohn- und Lebensbedingungen in den Ländern zurückzuführen sein. Mehr Urlaub im eigenen Land – die Deutschen planen auch Auslandsreisen Nach einem langfristigen Zukunftsausblick gefragt, gaben 35 Prozent der Deutschen, 38 Prozent der US-Amerikaner sowie 50 Prozent der Chinesen an, davon auszugehen, dass sich ihre Reisegewohnheiten in Zukunft verändern werden. Als Auslöser für langfristige Veränderungen wurden neben z.B. Umweltfaktoren in China (47 Prozent) vor allem die Corona-Pandemie angegeben (83 Prozent Deutschland, 64 Prozent USA, 83 Prozent China). Unter den Befragten, die angegeben haben, dass sich ihre Reisegewohnheiten langfristig verändern werden, stimmten 76 Prozent der Deutschen, 77 Prozent der US-Amerikaner und 88 Prozent der Chinesen der Aussage „Ich werde mehr Urlaub in meinem Land machen“, zu. Ähnliches lässt sich auch bei den angepeilten Reisezielen für 2021 beobachten. In China und den USA planen nur 29 Prozent bzw. 15 Prozent der reiseplanenden Bevölkerung Auslandsaufenthalte. Dieser Wert weicht mit 61 Prozent in Deutschland klar nach oben ab. Es ist zu vermuten, dass die günstige geographische Lage in Europa, mit vielen Ländern auf engem Raum, zu der höheren Anzahl an angedachten Auslandsreisen beiträgt. Nur wenige Geschäftsreisen für 2021 geplant – Outdoorreisen gewinnen an Popularität Neben privaten Reiseplänen wurden die Umfrageteilnehmer zusätzlich zu möglichen Geschäftsreisen befragt. Im Gegensatz zu den privaten Reisen deuten die Ergebnisse für Geschäftsreisen auf einen Abwärtstrend hin. In Deutschland planen lediglich 27 Prozent, in den USA 34 Prozent und in China 51 Prozent eine berufliche Reise für das Jahr 2021. Und auch bei der Zustimmungsabfrage in Bezug auf langfristige Veränderungen der Reisegewohnheiten wird dies deutlich: Das Statement „Ich werde weniger Geschäftsreisen machen“, erhält mit 65 Prozent (Deutschland), 66 Prozent (USA) und 63 Prozent (China) hohe Zustimmungswerte. Weiterhin scheinen Outdoorreisen in Zukunft an Popularität zu gewinnen, wie sich an 61 Prozent (Deutschland), 68 Prozent (USA) und sogar 91 Prozent (China) Zustimmung zu der Aussage „Ich werde mehr Natur-/Outdoor-Reisen machen“ zeigt.

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– Reisen – Turkish Airlines gewinnt prestigeträchtigen World Travel Awards

Die türkische Fluggesellschaft Turkish Airlines ist bei den World Travel Awards für ihre branchenführende Economy Class ausgezeichnet worden. Die Airline hat sich den ersten Platz für das Jahr 2020 gesichert und damit die Konkurrenz einer Vielzahl von europäischen Full-Service-Airlines geschlagen.

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Corona-Pandemie
Nonnemacher sieht gestiegene Nachfrage nach dem AstraZeneca-Impfstoff

Berlin – Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Bündnis 90/Grüne) berichtet von einer gestiegenen Nachfrage nach dem Impfstoff von AstraZeneca. Am vergangenen Freitag habe man über 11.000 Termine online freigegeben für eine Impfung mit dem Mittel von AstraZeneca. Die seien so gut wie ausgebucht, sagte die Grünen-Politikerin am Dienstagmorgen im Inforadio vom rbb. Am Dienstag sollen die nächsten 17.000 Termine freigeschaltet werden, unter anderem für Lehrer und Kitapersonal. Das sei ein gutes Signal, so Nonnemacher. „Wir merken, dass das Interesse zunimmt und viele auch sagen, Hauptsache ich kann geimpft werden.“ Inzwischen gebe es aus Großbritannien auch ermutigende Daten zum Einsatz von AstraZeneca bei älteren Menschen, so Nonnemacher. Deswegen erwartet die Brandenburger Gesundheitsministerin, dass die Altersbeschränkung für das Mittel von AstraZeneca in Deutschland bald noch einmal überprüft werden sollte. Die Grünen-Politikerin hat außerdem die Forderung unterstützt, die Impfverordnung des Bundes zu ändern, damit auch in Hausarztpraxen geimpft werden kann: „Es ist allen klar, wir müssen Fahrt aufnehmen.“ Ab April müsse man über 400.000 Impfungen pro Monat realisieren, um das Versprechen halten zu können, dass bis zum Ende des Sommers etwa 70 Prozent der Bevölkerung geimpft sind, so Brandenburgs Gesundheitsministerin. „Wir fahren jetzt systematisch die Impfzentren hoch, die Krankenhäuser beteiligen sich, aber natürlich brauchen wir auch die niedergelassenen Ärzte mit ihrer Erfahrung in der Breite“, erklärte die Grünen-Politikerin. In Brandenburg startet am Mittwoch ein Modellprojekt, mit dem dann auch in zunächst vier Arztpraxen geimpft werden kann.

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– Wissenschaft – Biontech plant Forschungszentrum in der Türkei

In Zusammenarbeit mit Biontech könnte in der Türkei bald ein Kresbforschungszentrum entstehen. Zudem habe die türkische Regierung eine gemeinsame Impfstoffproduktion vorgeschlagen.

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Terrorismus
München: Muharrem D. plante Anschläge auf türkisch-deutsche Moscheen

Von Yasin Baş

Der Kampf Deutschlands und der Türkei gegen den internationalen Terrorismus ist ein gemeinsamer. Deshalb haben gewaltbereite, religiöse Extremisten, die dem sogenannten DAESH (IS) nahestehen, neben der Bundesrepublik auch die Türkei und deren Einrichtungen in Deutschland im Visier. Sicherheitsexperten verweisen wiederholt darauf, dass es sich bei den Mitgliedern des DAESH (IS) fast immer um gewaltorientierte Neo-Salafisten handle.

Moscheen und Imame im Visier des DAESH (IS)

Vor etwa einem Jahr verübte ein mutmaßlicher DAESH (IS)-Anhänger im oberbayerischen Waldkraiburg mehrere Anschläge auf türkische Moscheen und Geschäfte. Sein Motiv: Hass auf Menschen türkischer Abstammung. Am 2. März beginnt vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgericht München der Prozess gegen den mutmaßlichen DAESH (IS)-Anhänger.

Glücklicherweise kamen bei den Anschlägen im April und Mai 2020 keine Menschen ums Leben. Tote wurden aber laut Ermittlern bewusst in Kauf genommen. Bei einem Bombenanschlag, der auf das Konto des geständigen Tatverdächtigen gehen soll, wurden sechs Bewohner eines dreistöckigen Wohnhauses verletzt. 27 Menschen mussten in Sicherheit gebracht werden. Des Weiteren wurde bekannt, dass der 26-jährige Verdächtige Muharrem D., der deutscher Staatsbürger ist, weitere Attentate auf diplomatische Einrichtungen der Türkei in Deutschland, türkisch-deutsche Moscheen und Imame sowie Vorbeter geplant haben soll. Dabei soll der Mann laut Staatsanwaltschaft systematisch vorgegangen sein: Nachdem er sich über das Internet eine Pistole gekauft hatte, informierte er sich über die Herstellung von Bomben. Das Material dazu, etwa 100 Kilogramm Chemikalien, ließ sich Muharrem D. über den Versandhandel liefern. Am Ende habe er 23 Rohrbomben und 45 Kilogramm Sprengstoff, hergestellt.

Es mag sich im ersten Moment paradox anhören, dass ein vermeintlich religiös motivierter Extremist Moscheen und Imame angreift. Dazu muss man jedoch wissen, dass der so genannte „Islamische Staat im Irak und der Levante“, für den DAESH (IS) als Abkürzung steht, die Türkei, deren staatlichen Einrichtungen und Bürger im In- und Ausland zum Ziel seiner Anschläge auserkoren hat.

Trump: Obama und Clinton für die Gründung des DAESH (IS) verantwortlich

Über DAESH (IS) gibt es viele Meinungen: Der vor wenigen Monaten abgelöste amerikanische Präsident Donald Trump hatte 2016 im Wahlkampf um das Weiße Haus für Aufsehen gesorgt, indem er dem damaligen Präsidenten Barack Obama und der Präsidentschaftskandidatin sowie Außenministerin Hillary Clinton die Gründung der Terrororganisation DAESH (IS) vorwarf. Trump hatte Obama als „Gründer“ der Terrormiliz bezeichnet und behauptet, dass Obama und Clinton die Gründung sowie den Aufstieg des DAESH (IS) verursacht hätten. Eine gewagte Behauptung des ehemaligen US-Präsidenten.

Erfolge der Türkei gegen Terroristen in Syrien führen zu Anschlägen in Deutschland

Peter Neumann, Politologe und Extremismusforscher am Londoner King’s College, zeigte sich letzten Jahr direkt nach der Anschlagserie auf türkische Einrichtungen und Bürger in Waldkraiburg überrascht. Er sagte, dass es sich bei den Taten um ein „wirkliches Novum in Europa” handle. Als Motiv vermutete der Experte einen härteren Kurs der Türkei gegen die Terrororganisationen in Syrien. In einem Gespräch mit einer oberbayerischen Lokalzeitung verwies Neumann auf den hohen Radikalisierungsgrad des Tatverdächtigen und unterstreichte, dass sich die Anschläge auf türkischstämmige Zivilisten in Deutschland wie eine Botschaft deuten lassen: „Der mutmaßliche Täter hat damit die Menschen als Vertreter des türkischen Staates und als mitverantwortlich für dessen Politik betrachtet.”

Türkei und Deutschland gleichfalls bedroht

Abu Bakr al-Baghdadi, der im Oktober 2019 getötete Führer der Terrororganisation DAESH (IS), hat schon in der Vergangenheit über Videobotschaften sowohl der Türkei als auch deren Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan persönlich gedroht.

Die Propagandavideos waren nicht die einzigen Maßnahmen, in denen vermummte Personen mit Waffen in den Händen Drohgebärden gegen die Türkei aussprachen. Zahlreiche Selbstmord- und Bombenanschläge mit einer erheblichen Zahl an Toten gehen auf das Konto der Terroristen: So kamen 2016 bei dem Attentat auf den Atatürk-Flughafen in Istanbul 45 Menschen um. Bei einer weiteren Attacke auf eine Hochzeitsfeier in der türkischen Stadt Gaziantep wurden 59 Menschen mit in den Tod gerissen.

Außerdem verloren bei dem Angriff auf den Istanbuler Nachtclub Reina in Ortaköy, einem Stadtviertel von Beşiktaş, in der Silvesternacht 2016/2017 39 Menschen ihr Leben. Die Extremistenmiliz und ihre Verbündeten verübten darüber hinaus mehrere Anschläge in England (London, Manchester), Frankreich (Mariseille, Nizza, Paris, Straßburg), Spanien (Madrid, Barcelona) und Belgien (Lüttich, Brüssel). Auch Deutschland blieb vom DAESH (IS)-Terror nicht verschont. Der mutmaßliche Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt, Anis Amri, tötete Ende 2016 zwölf Menschen.

In den Jahren davor konnten zahlreiche Anschläge dank der ausgezeichneten Arbeit der Ermittlungsbehörden stets verhindert werden. Allerdings sorgt jetzt erneut ein mutmaßlicher DAESH (IS)-Anhänger für Unruhe in Deutschland. Auch wenn sich die Anschläge und Attentatspläne in erster Linie gegen türkischstämmige Bürger und deren Einrichtungen richten, müssen sie sich nicht zwingend auf diesen Personenkreis begrenzen. Sie können jeden von uns treffen. Deshalb muss die Antwort der Sicherheitsbehörden konsequent und abschreckend zugleich sein.

Neo-Salafismus kein neues Phänomen in Deutschland

Salafisten bzw. Neo-Salafisten sind kein neues Phänomen in Deutschland. Die Szene tritt nicht nur mit Taten wie jüngst in Waldkraiburg in Erscheinung, sondern auch mit gewaltlosen Propaganda- und PR-Aktionen. In der Vergangenheit sorgte ein Teil des neo-salafistischen Milieus mit der sogenannten Koranverteilaktion („Lies!”-Kampagne) in deutschen Innenstädten oder der so genannten „Scharia-Polizei” für Aufmerksamkeit. Teile des gewaltbereiten Flügels dieser Bewegung reisten für Kampfhandlungen ins Ausland, um in den Reihen von Terroromilizen wie Al-Qaida oder DAESH (IS) einen angeblichen Gottesstaat zu errichten.

Balkankriege zogen „Neo-Salafisten” an

Doch bereits in den 1990er Jahren, besonders im Zuge der Kriege in Ex-Jugoslawien und Tschetschenien bildeten sich in zahlreichen deutschen Städten neo-salafistische Kreise. Auffallend für Beobachter war, dass bei der Errichtung dieser neuen salafistischen Gemeinden manche, sogenannten „islamistischen” Anführer aus den Kriegen des Balkan und des Kaukasus (sowohl des Bosnien- als auch Kosovokriegs aber auch Tschetschenienkriegs) keine unbedeutenden Positionen einnahmen. Besonders im Südwesten, also in Baden-Württemberg war die Szene präsent. Universitäts- und Hochschulorte wie Freiburg, Heidelberg und nicht zuletzt Ulm/Neu-Ulm scheinen schon in den 1990ern als Pilotstädte gedient zu haben.

Erster „Honigtopf” Süddeutschland

Die Bewegung dehnte sich von hier in die gesamte Republik aus. Die mutmaßlichen Mentoren und Inspiratoren der Szene kamen ebenfalls aus diesen Regionen. Hier wurden die konspirativen Vereinigungen wie das „Islamische Informationszentrum“ (IIZ), das „Multi-Kulturhaus“ (MKH) oder der „Islamische Verein Ulm“ gegründet. Schließlich tummelten sich in diesen Kreisen zahlreiche verdeckte Ermittler, V-Leute und Angehörige verschiedener Nachrichtendienste aus dem In- und Ausland.

In seinem Werk „Terrorziel Europa. Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste“ belegt der Autor und Journalist Jürgen Elsässer die Donau-Doppelstadt Ulm/Neu-Ulm als Operationsfeld der Sicherheitsdienste: „Wer dort nach 9/11 zu Allah betete, geriet nicht nur in das Visier deutscher Staatsschützer, sondern auch ihrer US-amerikanischen Kollegen.“ Deutsche und US-amerikanischen Dienste waren aber nicht die einzigen Behörden, die in Ulm und Neu-Ulm arbeiteten.

Elsässer enthüllt überdies, dass auch ägyptische-, saudische- marokkanische- und israelische Geheimdienste um sogenannte „islamistische“ Informanten geworben hätten. Weiter schreibt der Publizist, dass die Stadt „seit Ende der neunziger Jahre vom Verfassungsschutz gezielt zu einem ,Honigtopf’ aufgebaut wurde, um militante Islamisten anzulocken, aber auch Rekruten für die Dienste.“ Vor diesem Hintergrund zitiert der Autor einen Informanten, der folgendes zu Protokoll gibt: „Es geht dem Verfassungsschutz schon seit Jahren darum, Verdächtige aus einem größeren Umkreis nach Ulm zu locken. Dort wurden sie einerseits radikalisiert, andererseits als V-Leute gewonnen. Das war offensichtlich überhaupt kein Widerspruch für Staatsschützer.“

Hassprediger als V-Männer

Bemerkenswert wird es, wenn man nachliest, wie wichtige Personen und „Organisator[en] des süddeutschen Islamisten-Netzes“ auf Drängen von Dritten nach Ulm und in die „Begegnungsstätten“ wie das Multi-Kulturhaus kamen. So zog beispielsweise Yehia Yousif, ehemaliger Unterstützer von muslimischen Kämpfern im Ex-Jugoslawien-Krieg und Schlüsselperson bei der Radikalisierung von vermeintlichen „Islamisten“ und von Juli 1996 bis März 2002 auch Mitarbeiter des baden-württembergischen Verfassungsschutzes, im Oktober 2000 von Freiburg nach Ulm, um die „Salafisten-Szene“ dort weiter aufzubauen.

Yousif, der 1988 aus Ägypten nach Deutschland auswanderte, promovierte 1994 an der Universität Freiburg im Fachbereich Medizin. Er lieferte seinen Auftraggebern Indizien, die gegen das MKH, wo er selbst als Prediger tätig war, verwendet wurden, was Elsässer im Gespräch mit dem Anwalt des MKH aufdeckt. Den Anwalt Christoph Käss erinnere die ganze Geschichte an das NPD-Verbotsverfahren, wo viele Beweise überhaupt von V-Leuten produziert worden seien. Wie widersprüchlich mag es sein, möchte man sich fragen, dass jemand im Auftrag von Dritten kriminell operiert und seine Handlungen den Behörden als Beweismittel für seine Bösartigkeit zur Verfügung stellt.

Wenn dubiose Organisationen wie Pilze aus dem Boden sprießen

Yehia Yousif, Reda Seyam und weitere wichtige Persönlichkeiten der neo-salafistischen Szene haben nach diesen Feststellungen im Auftrag anderer Stellen für das Erstarken des Salafismus in Deutschland gedient. Die Personen, Organisationen und Wirkungsstätten sind beliebig austauschbar. Was in Ulm stattfand, kann heute genauso in München, Leipzig, Bonn, Braunschweig oder Berlin stattfinden. Was früher die Aufgabe von Yehia Yousif und dergleichen gewesen ist, könnten heute andere Prediger übernommen haben. Was spricht dagegen, dass die Funktion, die früher beispielsweise das MKH, IIZ oder die „Sauerland-Gruppe“ spielten, heute Organisationen wie DAESH (IS), die „Internationale Dschihad Union“ (IJU), „Globale Islamische Medienfront“ (GIMF), „Islamische Bewegung Usbekistan“ (IBU) oder andere bekannte „Einladungs- und Missionierungsnetzwerke” übernommen haben könnten? Wäre nicht Ähnliches auch für regionale und lokale Gruppen möglich?

Heikle Arbeit mit V-Leuten

Der Autor und Kolumnist Heribert Prantl schrieb in der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) in einem anderen Bezug über Spitzel: „Der Staat geht in die Irre, wenn er sich zu sehr auf solche Leute verlässt. Prantl, selbst ehemaliger Richter und Staatsanwalt, stellt zudem die Frage, die sich auch viele andere Experten stellen: „Welchen Anteil an Straftaten hat der V-Mann? Hat er die Täter verleitet? Hat er sie zu den Taten angeleitet?“ Denn wenn dies so sein sollte, machen sich die Auftraggeber nicht selber strafbar? Dann gibt es wieder viel Arbeit für Untersuchungsausschüsse und -kommissionen. Die Umstände und Parallelen mit dem Fall des so genannten „Nationalsozialistischen Untergrunds” (NSU) lassen grüßen. Möglicherweise wollen manche Landesregierungen und Parteien eben aus solchen Gründen das doppelbödige „V-Mann-System” revidieren.

Vor gar nicht so langer Zeit wurde zudem bekannt, dass auch Anis Amri, der mutmaßliche Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz von V-Leuten umgeben war. Einer dieser V-Männer, genannt „Murat Cem” („VP-01”) soll Anis Amri zu Anschlägen in Deutschland aufgefordert haben. Das hatten der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) und die „Berliner Morgenpost” unter Berufung auf Strafverteidiger von Extremisten aus der Gruppe um den kürzlich verurteilten salafistischen Prediger Abu W. berichtet. „Murat Cem” hat inzwischen sogar ein Enthüllungsbuch veröffentlicht (Undercover: Ein V-Mann packt aus https://www.amazon.de/Undercover-Ein-V-Mann-packt-SPIEGEL-Buch/dp/3421048657).

Generalbundesanwalt ermittelt

Zurück nach Waldkraiburg: Die Ermittlungen zur Anschlagserie in Waldkraiburg, die von der Generalstaatsanwaltschaft München geführt wurden, mussten am 19. Mai an die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe übergeben werden. Sie wird auch sicherlich ermittlen, wie der mutmaßliche Täter Muharrem D. an so viele Chemikalien, Waffen und weitere Mittel zur Herstellung von Sprengstoff gelangen konnte und ob es sich bei dem Verdächtigen um einen Einzeltäter handelte oder ob er sogar Unterstützer hatte. Das alles wird nun ab dem 2. März vor dem Oberlandesgericht München zu klären sein.

Neo-Salafisten im Blickfeld der Sicherheitsbehörden

Der Neo-Salafismus ist nach Erkenntnissen des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) ein Sammelbecken einer als „islamistisch“ bezeichneten Bewegung in Deutschland. Nach Schätzungen von Sicherheitskreisen sollen der neo-salafistischen Bewegung etwa 12.150 Frauen und Männer angehören. Aktuell geht der Inlandsnachrichtendienst von einem sogenannten „islamistischen Personenpotenzial” von zusammen 26.560 Personen in Deutschland aus.

Momentan gebe es in Deutschland laut Bundeskriminalamts (BKA) etwa 660 „Gefährder“, denen potentiell ein Anschlag zugetraut werde. Der Verfassungsschutz zählt dagegen derzeit 2.080 Menschen, die dem sogenannten „islamistisch-terroristischen Personenpotenzial” zugerechnet werden.

Im Einzelnen liegen dem Verfassungsschutz derzeit Erkenntnisse zu mehr als 1.060 Personen aus Deutschland vor, die seit dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs in Richtung Syrien und Irak ausgereist seien. Etwa ein Drittel von ihnen sei mittlerweile wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Viele von ihnen stehen derzeit unter Beobachtung der Behörden. „Zu über 100 der bislang zurückgekehrten Personen liegen den Sicherheitsbehörden Erkenntnisse vor, wonach sie sich aktiv an Kämpfen in Syrien oder im Irak beteiligt oder hierfür eine Ausbildung absolviert haben. Diese Personen stehen unverändert im Fokus polizeilicher und justizieller Ermittlungen. Die Zahl bisheriger Verurteilungen der aus Syrien/Irak zurückgekehrten Personen bewegt sich im mittleren zweistelligen Bereich“, heißt es aus Sicherheitskreisen.

Nach Angaben des BfV registriere der Inlandsnachrichtendienst aktuell nur noch sehr vereinzelte Ausreisen Richtung Syrien oder Irak. Etwa drei Viertel der ausgereisten Personen seien männlich. Der überwiegende Teil der insgesamt ausgewanderten Frauen und Männer sei zum Zeitpunkt der Ausreise jünger als 30 Jahre alt gewesen. Die Summe der bei Kampfhandlungen und unter anderen Umständen ums Leben gekommenen Kämpferinnen und Kämpfer aus Deutschland beziffert das BfV auf mehr als 250 Personen.

Szene verlagert sich ins Private und ins Internet

Im südwestlichen Teil Deutschlands ist die neo-salafistische Szene heute vor allem in Mannheim, Pforzheim und in manchen Stadtteilen Stuttgarts sichtbar. Besondere Hochburgen wie früher gebe es in Baden-Württemberg derzeit nicht mehr. Die meisten Personen, die dem Neo-Salafismus zugerechnet werden, leben aber immer noch in Nordrhein-Westfalen (NRW), dem bevölkerungsreichsten Bundesland in Deutschland. Das Landesamt für Verfassungsschutz in Düsseldorf zählt etwa 3.200 Anhänger. 700 davon werden dem gewaltbereiten Spektrum zugeordnet.

Ungefähr 300 Frauen und Männer, so viele wie in keinem anderen Bundesland, setzten sich nach Syrien und Irak ab, um an der Seite des DAESH (IS) zu kämpfen. Mittelpunkt der neo-salafistischen Szene in NRW sind Städte wie Bonn, Dinslaken, Dortmund, Mönchengladbach, Solingen und Wuppertal. Des Weiteren wird die Hauptstadt der Bundesrepublik immer mehr zu einem Zentrum religiös motivierter Gewalttäter: Der aktuelle Verfassungsschutzbericht der Berliner Senatsverwaltung für Inneres zählt für das Jahr 2019 insgesamt 1.140 Neo-Salafisten, von denen 470 dem gewaltorientierten Flügel angehören sollen.

Die polizeiliche Kriminalitätsstatistik 2019 erkennt dagegen einen Rückgang von 27 Prozent bei den religiös motivierten Taten in Deutschland. Wurden 2018 noch 586 Delikte mit sogenannten „islamistischen” Motiven registriert, ging die Zahl 2019 auf 425 zurück. Die Ermittler vermuten als Gründe für den Rückwärtstrend den Niedergang des DAESH (IS) sowie zahrlreiche Vereins- und Betätigungsverbote für neo-salafistsiche Organisationen in Deutschland.

Unter besonderer Beobachtung der Sicherheitsbehörden stehen vorwiegend Vereine, in denen gebetet werde bzw. die als „Moscheen” klassifiziert werden. Darüberhinaus zählen manche Büros, Läden aber auch einige „private Lesekreise”, „Seminare” oder „Predigtszirkel” als Beobachtungsfelder. Überdies sind neo-salafistische Personen in der Familien- und Gefangenenhilfe aktiv. Spenden- und Hilfsorganisationen gehören ebenso zu den Betätigungsfeldern der Gruppierung. Publikationen und der virtuelle Raum samt sozialer Medien zählen zweifellos zu einem weiteren Gegenstand der Überwachungsmaßnahmen.

Das Internet ist sogar zu einem Brennpunkt für die Extremisten avanciert. So bezeichnet NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) das Internet als die „Radikalisierungsmaschine des 21. Jahrhunderts” und als „Reifekammer für Terroristen”. Der digitale Wandel, der alle unsere Lebensbereiche einnimmt, wird womöglich auch für die Sicherheitsbehörden die größte und gewaltigste Herausforderung der Zukunft sein.

Eine reformislamische Bewegung und Ideologie

Neo-Salafisten verfolgen laut Wissenschaftlern und Sicherheitsbehörden das Ziel einer Staats- und Gesellschaftsordnung, in der wesentliche Grund- und Menschenrechte keine Geltung haben sollen. Die Bewegung soll im 19.Jhd. in Ägypten entstanden sein und orientiere sich an einer wortgetreuen Koranauslegung sowie einem Glauben ohne jede theologische Entwicklung. Somit ist sowohl der Salafismus als auch der Neo-Salafismus eine relativ „moderne”, reformislamische Bewegung und Ideologie. Die Rolle angelsächsicher Offiziere an der Ausbreitung des Salafismus und Wahhabismus im 18. und 19. Jhd. wird von Fachleuten nicht bestritten.

Besonders junge Menschen im Blick

Beobachter weisen zudem auf die engen Parallelen zwischen dem Salafismus und dem saudi-arabisch dominierten Wahhabismus hin. Der Salafismus orientiere sich am Wahhabismus. Heute werden beide Strömungen, die als ultrakonservativ gelten, im Sprachgebrauch gleichbedeutend verwendet. Moderne Medien und Kommunikationskanäle wie das Internet spielen nach Ansichten von Experten eine wichtige Rolle in der Propagandatätigkeit der Neo-Salafisten in Deutschland.

Daher richte sich die Arbeit der Bewegung nach Erkenntnissen von Sicherheitsbehörden besonders auf junge Muslime und Konvertiten in einer „schwierigen Lebensphase“. Angesprochen würden oft junge Menschen, die auf der Suche nach einer Identität seien. Die private Ansprache, meist über Online-Kommunikation, macht es den Ermittlern nicht einfach, die Szene durchgehend zu überwachen.

Bis 2016/2017, als mehrere neo-salafistische Vereine in Deutschland wie z.B. der Verein „Die Wahre Religion” verboten wurden, trat die Szene laut Ermittlungsbehörden „selbstbewusst und aggressiv in der Öffentlichkeit” auf. Auch junge Nichtmuslime sollen von den Neo-Salafisten, mit dem Ziel, sie zur salafistischen Strömung zu bekehren, umworben werden. In den letzten Jahren haben Teile der Neo-Salafisten ihre Fühler auch auf deutsche Universitäten gerichtet. Mehrere Studentinnen und Studenten berichten über zum Teil gelungene Missionierungsmaßnahmen aus ihrem Bekanntenkreis. Viele türkisch- und arabischstämmige aber auch autochtone deutsche Familien klagen über Anwerbeversuche und -erfolge von Neo-Salafisten.

Muslime, die nicht auf einer Linie sind, gelten als „Verräter”

Der Neo-Salafismus wird in drei Gruppen unterteilt: Die spirituellen Neo-Salafisten leben ihren Glauben für sich persönlich aus. Sie lehnen Gewalt und Mission ab. Die politischen bzw. ideologischen Neo-Salafisten, die weltliche Gesetze wie das deutsche Grundgesetz nicht anerkennen, distanzieren sich zum größten Teil ebenso von Terror und Gewalt, wünschen sich aber einen „fundamentalistischen Gottesstaat”. Die Missionierung („Dawa”) und weitere Propagandaaktivitäten gehören zu ihrer Arbeitsweise. Die gewaltbereiten Neo-Salafisten dagegen befürworten Terror und Gewalt für die Durchsetzung ihrer Ziele.

In Deutschland sind überwiegend ideologische Salafisten aktiv. Zu den bekanntesten Mitgliedern der Szene gehören hierzulande u.a. der sogenannte Internetprediger, eheamliger Kampfsportler, Geschäftsleute, Künstler und Politiker. Die Bewegung, die im gesamten Bundesgebiet, also auch und gerade in Ostdeutschland organisiert ist, steht unter einer intensiven Beobachtung der Nachrichtendienste und Sicherheitsbehörden. Für zahlreiche Neo-Salafisten gelten Muslime, die nicht auf ihrer Seite stehen oder die Bewegung zumindest kritisch betrachten, als „Ungläubige“ und „Abtrünnige” (Kuffar). Oft wird diesen Muslimen vorgeworfen, Handlanger des „Westens” zu sein. Sie sind daher nicht selten Anfeindungen und Drohungen ausgesetzt.

Prävention ist essenziell

Es sind meist junge Menschen, unter ihnen auch viele mit durchaus guter Bildung, die in den Neo-Salafismus treiben. Für die Islamismus-Expertin Claudia Dantschke aus Berlin sei der Salafismus nicht, wie viele denken, „von außen eingeschleppt“, sondern „ein Problem hier aufgewachsener Jugendlicher, die sich entfremdet, isoliert und unverstanden fühlen“ (zit. n. Jan Bielicki, Süddeutsche Zeitung). Genau deshalb gilt die neo-salafistische Szene in Deutschland als „hausgemacht” und fällt unter die Rubrik „Inlandsextremismus”.

Es sind in aller Regel in Deutschland geborene, aufgewachsene und sozialisierte Personen, die in die Szene reinrutschen. Deutschsprachige und deutschsprechende Menschen, die auch in ihrer Freizeit deutsch sprechen. Und: Eine Migrationsbiographie ist nicht mehr Bestandteil dieser Leute. Immer mehr Anhänger des Neo-Salafismus sind Deutschstämmige, also ethnische Deutsche. Zusätzlich sprechen die meisten der Prediger auffälligerweise nahezu fehlerfrei Deutsch. Beachtlich sind zudem die professionell erstellten Videobotschaften und die technische Qualität der Internetauftritte von einigen Radikalen.

Mitarbeiter von Deradikalisierungs- und Präventionsprogrammen empfehlen eine Doppelstrategie im Umgang mit Neo-Salafisten: Sie fordern zum einen ein hartes Eingreifen und die konsequente Bestrafung von Gewalttätern. Zum anderen, das scheint wichtiger, fordern sie eine bessere Jugendarbeit in Kommunen, Jugendzentren, Schulen, Universitäten und Moscheen, insbesondere um Jugendliche vor Gefahren zu schützen. Prävention ist damit neben der Erwachsenenbildung auch in der Jugendarbeit von zentraler Bedeutung.

Einige muslimische Religionsgemeinschaften sind bereits Kooperationen mit den Sicherheitsbehörden und Landesministerien eingegangen. In Nordrhein-Westfalen engagieren sich zahlreiche islamische Gemeinden in dem Projekt „Wegweiser”. In Niedersachsen gibt es dafür einen eigens eingerichteten Trägerverein und eine Präventionsstelle, die sich „beRATen” nennt. In Berlin gibt es mehrere lokale Vereine und Plattformen, die Hilfestellung und Beratungsangebote in der religiös begründeten Radikalisierungsprävention anbieten. Das Innenministerium des Landes Baden-Württemberg unterhält ein Kompetenzzentrum gegen Extremismus, das „konex” heißt. In Hessen beispielsweise kooperieren staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure miteinander.

Gemeinsame, korporative und kooperative Anstrengungen sind gegen extremistische Ideologien essenziell. Egal ob es sich dabei um Rechts-, Links- oder religiösen Extremismus handelt. Denn Terroristen jeglicher Couleur kämpfen meistens um die Mitte der Gesellschaft. Diese Mitte dürfen wir den Extremisten nicht überlassen.


Dieser Gastbeitrag gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.


Yasin Baş ist Politologe, Historiker, Autor, freier Journalist, Übersetzer und Politikberater. Zuletzt erschienen seine Bücher: „Islam in Deutschland – Deutscher Islam?”, „nach-richten: Muslime in den Medien”, „Muslime in den Medien 2018” sowie „Medien in Deutschland: Eine Analyse der Printmedien, visuelle- und Onlinemedien sowie eine Kritik an dem Mediensystem”.


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Syrienkonflikt
US-Militär stationiert Patriot Flugabwehrraketen im syrischen Deir ez-Zor

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Die USA haben in Nordostsyrien, die von der Terrororganisation PKK/YPG besetzt gehalten wird, Patriot-Flugabwehrraketen in Stellung gebracht. Nach Ansicht des Sicherheitsexperten Mete Yarar wurde das US-Raketenabwehrsystem nördlich der Stadt Deir ez-Zor, die sich im Osten Syriens befindet, im Erdölfördergebiet Omar stationiert. In einem ersten Schritt, so Yarar im TV-Sender CNN Türk, seien die Radarsysteme der Patriots transportiert und aufgestellt worden. Die Aussage des Sicherheitsexperten deckt sich mit einer Meldung der spanischen Zeitung Atalayar, die bereits im Mai letzten Jahres über die Verlegung des amerikanischen Flugabwehrsystems in die Koniko-Gasfelder in der Region Deir ez-Zor berichtete.

Erwerb des S-400 Raketenabwehrsystems ist souveräne Entscheidung der türkischen Regierung

Die Stationierung des Patriot-Systems wirft Fragen auf, weil der NATO-Partner Türkei seit Jahren das US-Raketenabwehrsystem kaufen wollte und Washington eine Lieferung an Ankara abgelehnt hat. Nach der Zurückweisung entschied sich die türkische Regierung für den Erwerb des russischen Flugabwehrsystems S-400. Daraufhin entbrannte ein Streit zwischen beiden NATO-Staaten, da die USA die türkische Regierung aufgefordert haben, auf eine Inbetriebnahme zu verzichten und die S-400 außer Landes zu schaffen. Die Türkei lehnt die Forderung der US-Regierung ab, weil ein modernes Raketenabwehrsystem das Land dringend benötige und verwies auf die souveräne Entscheidung der türkischen Regierung.

Wenn die Informationen zutreffen und die USA tatsächlich das Flugabwehrraketensystem im Osten Syriens aufstellt haben, wäre die Frage, gegen welchen Gegner es eingesetzt werden soll? Hypothetisch betrachtet und unter Berücksichtigung der aktuellen Lage in Syrien sind vier Möglichkeiten vorstellbar.

A: Terrororganisation DAESH/IS

B: Russland

C: Schiitische vom Iran unterstützte Milizen, die in Syrien operieren

D: Türkei A Die Terrororganisation DAESH/IS hat keine Flugzeuge, Marschflugkörper oder ballistische Raketen, mit dem sie Ziele in den von der PKK/YPG besetzten Gebieten angreifen könnte. Militärisch gilt die Terrororganisation als besiegt und stellt keine Gefahr dar. Daher kommt das Beispiel A nicht in Frage. B Russland unterstützt in Syrien Präsident Assad und seine Armee hat sich aber bisher nicht in der Einflusszone der USA in Nordostsyrien eingemischt. Eine direkte Konfrontation der russischen Armee mit den Vereinigten Staaten in Syrien erscheint derzeit nicht realistisch. Die Möglichkeit B ist sehr unwahrscheinlich. C Israel fliegt regelmäßig Angriffe gegen Stellungen von Milizen, die vom Iran in Syrien unterstützt werden. Die von der US-Luftwaffe vor einigen Tagen durchgeführten Luftangriffe gegen vermutete militärische Einrichtungen schiitischer Milizen ist eher die Ausnahme. Iran steht in Syrien auf der Seite von Assad. In diesem Fall spricht nichts für Fall C. D Aus Sicht Ankaras handelt es sich bei den „Demokratischen Kräften Syriens“ um einen verlängerten Arm der Terrororganisation PKK/YPG, die in Syrien durch ethnische Säuberungen, gewaltsame Vertreibungen sowie einer Politik der verbrannten Erde versucht, einen Terrorstaat in Nordostsyrien zu gründen und dabei von den USA mit Waffen, Ausbildung, Logistik und finanziell unterstützt wird. Exemplarisch sei hier an die völkerrechtlich illegale Erdölförderung in den von der PKK/YPG besetzten Gebieten erinnert, bei dem ein US-Energieunternehmen das Öl fördert und die Einnahmen aus dem gesetzwidrigen Erdöl-Verkauf in die Kassen der Terrororganisation fließen.

Die Türkei hat die Vereinigten Staaten wiederholt aufgefordert, ihre Waffenlieferungen an die PKK/YPG in Syrien einzustellen, dem US-Regierungen nicht nachgekommen sind. Ankara sieht durch die Anwesenheit der PKK/YPG in Syrien seine Sicherheit bedroht und hat durch mehrere Militäroperationen dies zum Ausdruck gebracht.

Die USA sehen in der PKK/YPG, einen „Verbündeten“, der im Kampf gegen die Terrororganisation DAESH/IS sich bewährt habe, obwohl die organisatorische und ideologische Vernetzung zwischen der PKK und ihrem syrischen Ableger YPG unverkennbar ist. Unter Berücksichtigung der divergierenden Interessen zwischen den USA und der Türkei sowie der amerikanischen Unterstützung der Terrororganisation PKK/YPG ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sich die Patriot-Raketenabwehrsysteme in Syrien gegen die Türkei richten.

Mit der Stationierung von Patriot-Flugabwehrraketensystemen durch die USA in Syrien wäre eine weitere Eskalationsstufe in den Beziehungen zwischen den USA und der Türkei erreicht, weil diese sich offen gegen die Türkei richtet. Washington beabsichtigt damit einen möglichen Angriff der türkischen Armee gegen die PKK/YPG zu verhindern.

Jetzt ist es offensichtlich, warum die US-Administration seit Jahren sich gegen einen Verkauf von Patriot-Flugabwehrraketen an die Türkei ausgesprochen hat und weshalb aus US-Sicht Ankara keine russischen S-400 Flugabwehrsysteme erwerben sollte. Der US-Plan zur Errichtung eines „PKK/YPG-Staates“ in Syrien ist Bestandteil des teilweise abgeänderten „Greater Middle East Project“ zur gewaltsamen Änderung der Staatsgrenzen von zahlreichen Ländern im Nahen Osten und in Nordafrika.


Dieser Gastbeitrag gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.


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