Berlin – Angesichts neuer Zahlen zu antisemitischen Straftaten in Deutschland hat der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, vor einer gesellschaftlichen Gewöhnung an den Hass auf Juden gewarnt.
„Die inzwischen fast alltägliche Präsenz des Judenhasses führt zur Bildung einer ’neuen Normalität‘, in der jüdisches Leben aus der Öffentlichkeit gedrängt wird und nur unter immensen Schutzanstrengungen möglich ist“, sagte Schuster im Gespräch mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (noz). „Der RIAS-Jahresbericht muss deshalb Weckruf und Auftrag für Politik und Zivilgesellschaft sein. Denn um diesen Trend umzukehren, sind enorme Anstrengungen nötig.“
Am Mittwoch hatte der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) seinen Jahresbericht für 2025 vorgestellt. Demnach wurden im vergangenen Jahr bundesweit 8.725 Vorfälle registriert. Das waren neun mehr als im Jahr davor. Im Durchschnitt kommt es damit zu etwa 24 Taten pro Tag.
„8.725 antisemitische Vorfälle, ca. 24 pro Tag – das sind keine statistischen Ausreißer, es ist die bedrückende Realität in Deutschland“, sagte Zentralratspräsident Schuster gegenüber noz. „Der Jahresbericht 2025 von RIAS macht deutlich: Statt einer Beruhigung der Lage erleben wir eine Verfestigung des Antisemitismus auf Rekordniveau.“
Antisemitismus sei ein reales und ernstes Problem, das konsequent benannt und bekämpft werden müsse, die Kommentatorin Susanne Mattner.
„Gleichzeitig darf der Vorwurf nicht so weit gefasst werden, dass berechtigte Kritik an Regierungsentscheidungen oder militärischen Maßnahmen pauschal delegitimiert wird.“ Eine differenzierte Unterscheidung zwischen antisemitischen Ressentiments und sachlicher Kritik an israelischer Politik sei deshalb unverzichtbar, so Mattner.
In den vergangenen Jahren sei immer wieder der Eindruck entstanden, dass Kritik an konkreten Entscheidungen der israelischen Regierung nicht selten vorschnell als antisemitisch eingeordnet werde.
„Dadurch kann eine offene politische Debatte erschwert werden, obwohl Kritik an staatlichem Handeln in einer Demokratie grundsätzlich legitim sein sollte.“
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