Tel Aviv/Neu-Delhi – Über 250 Angehörige der Bnei-Menashe-Gemeinschaft aus Nordostindien sind am Donnerstagabend am Flughafen Ben Gurion gelandet — begrüßt mit einem Torbogen aus blau-weißen Luftballons, einem roten Teppich und den Klängen von „Oseh Shalom“.
Es war ein emotionaler Empfang: Viele der Neuankömmlinge lagen sich weinend in den Armen mit Freunden und Familienmitgliedern, von denen sie jahrelang getrennt waren.
„Operation Wings of Dawn“
Die Ankunft markiert den Beginn von „Operation Wings of Dawn“ — einem Regierungsprogramm, das vorsieht, bis 2030 rund 6.000 verbleibende Mitglieder der Gemeinschaft nach Israel zu bringen. Allein im Jahr 2026 sollen 1.200 Personen eingeflogen werden. Zwei weitere Flüge sind bereits für die nächsten zwei Wochen geplant.
Einwanderungsminister Ofir Sofer bezeichnete die Ankunft als „historischen Moment“ und erklärte, dies sei „der Beginn einer Operation, die der gesamten Gemeinschaft die Einwanderung ermöglichen wird.“
Wer sind die Bnei Menashe?
Die Bnei Menashe — auf Hebräisch „Söhne des Manasse“ — sind eine Gemeinschaft aus den nordostindischen Bundesstaaten Mizoram und Manipur, die behauptet, von einem der zehn verlorenen Stämme Israels abzustammen. Laut jüdischer Überlieferung wurden diese Stämme um 722 v. Chr. nach der assyrischen Eroberung Nordisraels in alle Welt zerstreut.
Der Überlieferung der Gemeinschaft zufolge wanderte ihr Stamm jahrhundertelang durch Persien, Afghanistan, Tibet und China, bevor er sich im heutigen Nordostindien niederließ. Im 19. Jahrhundert wurden sie von protestantischen Missionaren zum Christentum bekehrt.
Den entscheidenden Wendepunkt hin zum Judentum brachte ein Traum: Im Jahr 1951 berichtete ein Mizo-Mystiker namens Challianthanga, er habe in einer Vision gesehen, dass die Mizo, Kuki und Chin Nachkommen der antiken israelitischen Stämme seien.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich eine aktive Judaisierende Bewegung — unterstützt von der israelischen Organisation Amishav unter Rabbiner Eliyahu Avichail, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die zerstreuten Stämme nach Israel zurückzubringen.
Mizo Israel Zionist Organization
Die Mizo Israel Zionist Organization wurde 1974 gegründet, und die Gemeinschaft nahm Kontakt zu jüdischen Gemeinden in Bombay und Kalkutta auf. Bis in die 1980er Jahre war die Transformation zum Judentum nach Angaben von Forschern weitgehend vollzogen.
Seit den 1990er Jahren sind rund 4.000 Bnei Menashe nach Israel eingewandert — gefördert durch die Organisation Shavei Israel, die sich der Spurensuche nach Nachkommen der verlorenen Stämme widmet. Rund 7.000 Mitglieder der Gemeinschaft leben noch in Indien.
Die Neuankömmlinge werden zunächst in einem Aufnahmezentrum in Nof Hagalil untergebracht — einer nördlichen Stadt mit Blick auf Nazareth, in der bereits eine große Bnei-Menashe-Gemeinde lebt. Da die Gemeinschaft in Indien zum Christentum konvertiert war, müssen die Einwanderer eine formelle Konversion zum Judentum durchlaufen, um die israelische Staatsbürgerschaft zu erhalten.
Ein junger Mann der Gemeinschaft, der 17-jährige Amos Namte, der bereits seit seinem vierten Lebensjahr in Israel lebt, kam zum Flughafen um einen Jugendfreund zu empfangen. Er selbst wird in sechs Monaten zur Armee einrücken. Sein Vater habe immer davon geträumt, für Israel zu kämpfen — man ließ ihn jedoch nicht zu, da er zu alt war. „Er wollte sehr gerne für Israel kämpfen, weil es hier einen jüdischen Staat gibt, weil er sich wirklich mit diesem Ort verbunden fühlte, auch als er noch in Indien war“, erzählte Namte gegenüber israelischen Medien.
Bevölkerungswachstum auf historischem Tiefstand
Die Einwanderung der Bnei Menashe fällt in eine Zeit, in der Israel demografische Herausforderungen zu bewältigen hat. Eine aktuelle Studie des Taub Center for Social Policy Studies zeigt, dass das israelische Bevölkerungswachstum erstmals seit der Staatsgründung unter ein Prozent gesunken ist — auf 0,9 Prozent im Jahr 2025, den niedrigsten Wert seit 1981.
Als Hauptfaktoren nennt die Studie eine negative Nettomigration, stagnierende Geburtenraten und eine steigende Zahl von Todesfällen. Im Jahr 2024 verließen 26.000 mehr Menschen Israel als einwanderten — 2025 soll diese Lücke auf 37.000 angewachsen sein. Bis 2030 wird erwartet, dass die Geburtenrate säkularer jüdischer Frauen auf 1,7 Kinder sinkt.
„Wir befinden uns am Beginn einer neuen Ära in Israels demografischer Entwicklung. Die Hochphase des natürlichen Bevölkerungswachstums ist vorbei“, sagte Professor Alex Weinreb, Forschungsdirektor des Taub Center gegenüber israelischen Medien.
„Billige Arbeitskräfte“
Manche Beobachter sehen in der verstärkten Einwanderung der Bnei Menashe auch einen pragmatischen Hintergrund. „Israel importiert Menschen aus Indien, um seine Bevölkerungszahlen zu erhöhen. Der eigentliche Grund ist, dass sie billige Arbeitskräfte brauchen und diese Menschen dafür nutzen wollen“, schrieb der Analyst Ryan Rozbiani in einem Post auf X.
🇮🇱 Israel is Importing People from India to Raise Their Numbers
Real reason, they need cheap labor and want to use these people.
A plane with 240 new immigrants from the Menashe tribe landed tonight at Ben Gurion Airport.
In November 2025, Israel’s government approved a plan… pic.twitter.com/Co5GUx7E5J
— Ryan Rozbiani (@RyanRozbiani) April 24, 2026

