Historie
Aydin-Massaker: Der schwarze Rauch über Karatepe

Griechische Streitkräfte begingen am Abend des 18. Februar 1922 in dem Bergdorf Karatepe/Aydın einen Massenmord an der einheimischen Bevölkerung, der zu einem Synonym für Grauen und Unmenschlichkeit wurde.

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von Kemal Bölge

Griechische Streitkräfte begingen am Abend des 18. Februar 1922 in dem Bergdorf Karatepe/Aydın einen Massenmord an der einheimischen Bevölkerung, der zu einem Synonym für Grauen und Unmenschlichkeit wurde.

Dort, wo über den Bergen der Stadt Köşk die pittoreske Landschaft von Oliven- und Feigenbäumen bestimmt wird, ereignete sich vor genau 101 Jahren, am 18. Februar 1922, eines der grausamsten Massaker an der türkisch-muslimischen Zivilbevölkerung in Westanatolien. Die griechische Armee hatte mit der Einnahme der Stadt Izmir am 15. Mai 1919 die Besetzung, Brandschatzung, Entvölkerung und Zerstörung Westanatoliens eingeläutet. Die Bewohner von Karatepe wurden von der griechischen Okkupationsarmee verdächtigt, den Widerstandskämpfern der „Kuvâ-yi Milliye“ („Nationale Streitkräfte“) Hilfe zu leisten, die gegen die Invasoren kämpften. An jenem Tag soll es in der Region bitterkalt gewesen sein, wie Muharrem Ayaz, ein Nachfahre einer Familie, die aus einem nahe gelegenen Dorf entstammt, aus den Erzählungen seiner Familie betont.

Zahlreiche Dorfbewohner werden in ihren Häusern erschossen

Unter Zuhilfenahme von ortskundigen griechischen Milizen rücken griechische Einheiten in das hoch gelegene Karatepe vor. Gegen 21 Uhr abends wird das gesamte Dorf von Soldaten umstellt, abgeriegelt und die Einwohner aufgefordert, sich auf dem zentralen Platz einzufinden. Den Menschen soll ein Kommuniqué vorgelesen werden, das sich danach als Falle herausstellt. Nur wenige finden sich auf dem Platz ein. Die griechischen Einheiten verschaffen sich mit Gewalt Zugang zu den Häusern der Bewohner. Manche werden vor Ort erschossen und viele in zwei Moscheen eingesperrt.

Systematische Tötung von Zivilisten und die Zerstörung von Moscheen und Wohnhäusern

Die Einwohner der Viertel Sarı Ahmetler, Helvacılar, Mahmutlar und Akçalar werden mit Waffengewalt in die Sarı Ahmetler-Moschee eingepfercht. Das gleiche Schicksal ereilt die Menschen des Sekiyurt-Viertels, die in die gleichnamige Moschee eingesperrt werden. Das Gotteshaus ist von den Mordkommandos umstellt, die aus ihren Maschinengewehren wahllos auf die hilflosen Zivilisten feuern. Anschließend werfen die griechischen Einheiten Handgranaten in die Menschenmenge. Um sicherzustellen, dass niemand das Gewaltverbrechen überlebt, treten die Soldaten an die Opfer heran, um diese mit dem Bajonett zu erdolchen.

Danach werden beide Gebetshäuser in Brand gesetzt, bei dem in der Sarı-Ahmetler-Moschee von 123 Einwohnern 98 in dem Gotteshaus grausam umkommen. 25 Verletzten gelingt es, aus dem Inferno zu fliehen. Kein Entkommen gab es für 56 Dorfbewohner, die in der Sekiyurt-Moschee in den Flammen den Tod fanden. Mit großer Skrupellosigkeit wurden in dieser Nacht schwangere Frauen, Kinder, Babys und ältere Menschen erschossen, andere bei lebendigem Leibe verbrannt. Manche der Opfer rannten im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben und suchten Schutz in den Wäldern.

Verzweifelte Hilfeschreie aus der brennenden Moschee

Das Gemetzel dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Zeitzeugen aus den benachbarten Bergdörfern berichteten von verzweifelten Hilfeschreien aus den brennenden Moscheen und einem stechend-beißenden Geruch in der Luft. Nach Einschätzung von Historikern, die Archivdokumente ausgewertet haben und Augenzeugenberichten starben bei den Angriffen auf die Zivilbevölkerung des Bergdorfs Karatepe sowie die benachbarten Dörfer über 200 Menschen. Die verantwortlichen Offiziere und Generäle der griechischen Armee wurden für diese Kriegsverbrechen an der türkisch-muslimischen Zivilbevölkerung juristisch nie zur Rechenschaft gezogen.

Filmbeitrag des YouTube Influencers Emre Gürbüzerol über Karatepe-Massaker

Der türkische YouTube Influencer Emre Gürbüzerol besuchte anlässlich des 100. Jahrestags des Massakers 2022 die Gedenkstätte in Karatepe („Karatepe Şehitliği“) und führte Interviews mit den Nachfahren der Opfer und von Überlebenden. Wer der türkischen Sprache mächtig ist und sich über die Hintergründe dieses Gewaltverbrechens informieren möchte, sollte sich diesen wertvollen Filmbeitrag („Aydın Karatepe Katliamı“) ansehen. Mezalim ist der Fachausdruck für massenhafte Gewaltverbrechen an Muslimen.

Am gestrigen Samstag wurde in der Region Köşk/Provinz Aydin, der Opfer des Karatepe-Massakers gedacht. An den Erinnerungsort kamen Vertreter der Stadtverwaltung, der Bürgermeister von Köşk, Nuri Güler sowie die lokale Bevölkerung. Zu Ehren der Opfer wurde ein gemeinsames Gebet verrichtet. Das Massaker von Karatepe nimmt in der kollektiven türkischen Erinnerungskultur einen wichtigen Platz ein. Jedes Jahr besuchen Tausende von Erwachsenen und Schulklassen die Gedenkstätte in Karatepe bei Köşk. In der türkischen und aserbaidschanischen Geschichtswissenschaft hat sich der Terminus technicus Mezalim für massenhafte Gewaltverbrechen an der muslimischen Zivilbevölkerung etabliert.

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