Historie
Das Schicksal der Muslime und osmanischer Kulturgüter in Griechenland

Das Osmanische Reich musste nach dem Türkisch-Russischen Krieg (1877-1878) und der Unterzeichnung des Berliner Vertrags diese Gebiete an Griechenland abtreten. Allerdings unter der Bedingung, dass den muslimischen Bewohnern die Sicherung des Eigentums und Religionsfreiheit garantiert wird.

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von Kemal Bölge

Im XVII. Jahrhundert besuchte der polyglotte Schriftsteller und Handelsreisende Evliya Çelebi die damalige Stadt Narda, die heute Arda heißt und in der Region Epirus, in Griechenland, liegt. Bei seinen Erkundungen stieß er in der Stadt auf eine Festung, in der sechs Moscheen, kleinere Gebetsstätten, Medressen und Religionsschulen existierten.

Arda war einst eine multikulturelle Stadt

Neben Muslimen lebten dort auch orthodoxe Griechen, Albaner und Juden, Die Osmanen eroberten unter der Führung von Sinan Pascha 1449 das Gebiet Ioannina (Yanya). Daraufhin musste der „Despot vom Epirus“, Carlo, die osmanische Herrschaft als Vasall anerkennen. Arda wurde nach der Einnahme in Narda umbenannt.

Nach Evliya Çelebi erhielt die Stadt ihren türkischen Namen wegen des Reichtums an Granatapfelbäumen und ihrem guten Ruf, der ihr vorauseilte. Den Bau eines muslimischen Gotteshauses gab einst Arda Fâik Pascha in Auftrag, dessen Namen die Moschee noch heute trägt. Zur Architektur des Gebäudes bemerkt das Islam-Lexikon: „Die Arda-Fâik-Pascha-Moschee ist ein einzelnes Kuppelgebäude mit quadratischem Grundriss. Jede Seite misst von außen 11,70 Meter. Es wurde in sorgfältiger Handarbeit in der für frühe osmanische Bauten üblichen Mischtechnik aus regelmäßig geschnittenem Stein und Ziegeln errichtet. Es zieht auch die Aufmerksamkeit auf sich mit der Ziegeltechnik, die vertikal zwischen den Steinen platziert ist, wie man es bei Gebäuden aus dem XIV.- XV. Jahrhundert kennt. An der Eingangsfassade befand sich ein dreiteiliger, mit Kuppeln überdachter Versammlungsraum, dessen Bögen auf vier Säulen ruhten.”

Nach der Eroberung der Stadt begann eine beispiellose Zerstörung osmanischer Kulturgüter

Das Osmanische Reich musste nach dem Türkisch-Russischen Krieg (1877-1878) und der Unterzeichnung des Berliner Vertrags diese Gebiete an Griechenland abtreten. Allerdings unter der Bedingung, dass den muslimischen Bewohnern die Sicherung des Eigentums und Religionsfreiheit garantiert wird. Nach dem Fall der Stadt an die Griechen begann eine beispiellose Zerstörung und Vernichtung osmanischer Kulturgüter. Auf diesen Umstand wies bereits die Architekturhistorikerin Dr. Neval Konuk-Halacoğlu hin, die seit 2006 über osmanische Kulturgüter in Griechenland forscht. Nach Ansicht der Wissenschaftlerin wurden osmanische Denkmäler durch Abriss und Brandschatzungen zerstört sowie Moscheen in Kirchen, Museen oder Wohnhäuser umgewandelt oder als Bordelle genutzt. Die Arda-Faik-Pascha-Moschee wurde seit Jahrzehnten sich selbst überlassen und das Bauwerk verfällt. Es existieren auch keine Pläne der griechischen Behörden das muslimische Gotteshaus zu restaurieren.

In Griechenland, so die Historikerin, gab es 2019 etwa 20.000 osmanische Kulturgüter. Da es mit Ausnahme von Westthrakien, Rhodos (Rodos) und Kos (Istanköy) keine türkische Community mehr dort gibt, seien die „Moscheen für andere Zwecke genutzt” worden. Die Arda-Fâik-Pascha-Moschee in Arta sei nach 1912 als Bordell genutzt worden. Diese Kulturgüter hätten ihre Identität verloren. Nach Angaben von Konuk-Halaçoğlu wurden die Minarette der Moscheen zerstört und an dessen Stelle Eingriffe vorgenommen, um sie der byzantinischen Architektur anzugleichen.

Der griechische Aufstand war das Fanal zu Massakern und Vertreibungen von Muslimen

Mit der Französischen Revolution und dem Aufkommen des europäischen Nationalismus entstanden auf dem Balkan und auch in Griechenland extremistische revolutionäre Organisationen, die die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich forderten.

William St. Clair: Griechen ermordeten 20.000 türkische Männer, Frauen und Kinder

Dem jahrhundertealten friedlichen Zusammenleben unterschiedlicher Volksgruppen wurde damit ein Ende gesetzt. Im Jahre 1821 lebten auf der Peloponnes schätzungsweise 50.000 Muslime, deren Siedlungsgebiete über der gesamten Halbinsel verstreut lagen. Innerhalb weniger Wochen verübten griechische Aufständische breit angelegte Massaker an der muslimischen Zivilbevölkerung der Peloponnes. In seinem Buch „That Greece Might Still Be Free“ beschreibt William St. Clair das Ausmaß der verübten Gewaltverbrechen:

„Bis zu zwanzigtausend türkische Männer, Frauen und Kinder wurden von ihren griechischen Nachbarn in einem wochenlangen Gemetzel ermordet. Sie wurden vorsätzlich ohne Skrupel oder Bedenken getötet, und es gab weder damals noch später Reue.“ Die muslimischen Bewohner in Arda und im Epirus wurden ebenfalls Opfer von Massakern, Folter und Vertreibungen. Überlebende von massenhaften Gewaltverbrechen versuchten mit ihren wenigen Habseligkeiten nach Anatolien zu fliehen.

Mezalim ist der Fachausdruck für massenhafte Gewaltverbrechen an Muslimen

In den schriftlichen Zeugnissen türkisch-muslimischer Zivilisten, die die Massaker von griechischen Freischärlern und regulären Truppen im 19. und 20. Jahrhundert überlebt hatten, findet sich oft der Ausdruck „Yunan bzw. Rum Mezalimi“ („Griechische Gräueltaten“). In der türkischen und aserbaidschanischen Geschichtswissenschaft hat sich der Terminus technicus Mezalim für massenhafte Gewaltverbrechen an der muslimischen Zivilbevölkerung etabliert.

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