Vereitelter Putschversuch
Deutsch-Türken verurteilen Medienmeldungen zum Putschversuch

Die Meldungen über den vereitelten Putschversuch des Militärs am vergangenen Freitag lösen bei den Deutschtürken Überraschung oder vielmehr Empörung aus. Die Medien machten sich mehr Sorgen über die Machkonzentration Erdogans als über die toten Zivilisten, sagen sie.

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Berlin (nex) – Für mehr als vier Millionen türkischer Einwanderer in Deutschland bedeutete die Nacht von Freitag auf Samstag bange Stunden. Die Sorge um Verwandte, Bekannte und viele Menschen, die in der Türkei leben oder nur gerade im Urlaub sind, war groß. Man hatte aber auch Angst um die Stabilität in dem Land, das in den letzten Monaten bereits so stark vom Terrorismus heimgesucht worden war. NEX hat türkische Einwanderer in Deutschland befragt, wie sie die Nachricht vom Putschversuch aufgenommen haben.

Güven Aydın, Dortmund: „Ich bin im Jahr 1984 geboren und bin mit meinen Eltern 1987 als Teil einer Gastarbeiterfamilie nach Deutschland gekommen. Da nach dem Putsch in den 1980ern in der Türkei die Wirtschaft den Bach runterging, haben meine Eltern wie viele Türken auch aus Verzweiflung, Armut und Ausweglosigkeit diesen Schritt wagen müssen. Die Türkei hat mehrere Putsche erlebt und ihre Bürger waren sich im Klaren, was nach so einem Putsch folgen wird. Keiner kann den Türken weismachen, dass so ein Putsch mehr Demokratie und Freiheit bringen würde. Das widerspricht den Erfahrungen der Türken. Das türkische Volk hat aus seiner Geschichte gelernt und diesmal nicht zugelassen, dass man ihm etwas diktiert. Ich bin sowas von stolz auf die Türkei und die Türken, weil sie um jeden Preis die Demokratie bewahrt haben und der ganzen Welt klargemacht haben, dass die Zukunft der Türkei nur von Türken selbst als Volk bestimmt werden darf.“

Zeynep Akarsu, Köln (dzt. Istanbul):

„Meine Mutter hat mich ganz besorgt aus Köln angerufen, ob es mir gut geht. Erst da habe ich mitbekommen, dass etwas läuft. TRT 1, der türkische Staatssender, war bereits von den Putschisten eingenommen und die Nachrichtensprecherin verlas die Erklärung. Ein Putsch! Das hat uns sehr erschrocken. Das hat die Türkei nicht verdient. Ich bin zwar keine Erdoğan-Anhängerin und habe auch nicht die AKP gewählt, aber eine Militärdiktatur kommt erst gar nicht in Frage! Als Tayyip Erdogan dann dazu aufrief, sich gegen die Putschisten zu stellen, fanden wir als kurdisch-türkische Bürger, dass das der einzige Weg ist, diesem Putsch entgegenzuwirken. Als ein Volk. Wir sind natürlich direkt auf die Straße. Das Militär hatte die Brücken, den Flughafen und andere Verkehrsknotenpunkte abgesperrt. Wir sind sofort zur Bogazici. Tausende Menschen waren bereits dort. Sie schwenkten Türkei-Fahnen und skandierten Parolen. Alles war absolut angstfrei. Das hat mich am meisten berührt. Die Unerschrockenheit der riesigen Menge. Als fürchteten sie weder Tod noch Teufel. Das hat mich mitgerissen. Später habe ich durch den Fernseher erfahren, dass auch im Osten der Türkei, also in den vorwiegend kurdisch besiedelten Gebieten, das Volk millionenfach auf der Straße und den Gemeindeplätzen war, um sich für die Demokratie einzusetzen. Das hat mich besonders stolz gemacht. Wenn ich jetzt, zwei Tage später, darüber nachdenke, dann finde ich diesen Mut der Bevölkerung anerkennenswert. Jedem einzelnen Teilnehmer zolle ich meine tiefe Achtung. Ich vertraue darauf, dass die Justiz die Unschuld der Soldaten, die keinen Dienstgrad haben und nur Befehlsempfänger sind, feststellt und sie freilässt. Ich habe volles Verständnis dafür, dass die Regierung Konsequenzen zieht und dass es eine Welle von Verhaftungen gibt. Besonders die hochdekorierten Militärs müssen unter die Lupe genommen werden. Dass dafür erst einmal die Richter und die Staatsanwälte, die in der Vergangenheit durch ihre gülennahen Urteile aufgefallen sind, entlassen werden müssen, ist selbstverständlich.“

Kezban Miccaklar*, Halver: „Während ich mit meiner Familie über alle möglichen Sozialen Netzwerken die Geschehnisse in der Türkei schlaflos bis in den Morgen aktiv verfolgte, bemerkte ich sehr schnell, wie Kommentatoren unter zahlreichen deutschen Berichterstattungen den Putschversuch gegen Erdogan gut hießen. Während die Presseerklärungen Erdogans aus dem Kontext gezogen und ins lächerliche gerückt worden sind, fiel kein Wort über den Zusammenhalt der türkischen Bevölkerung, ganz gleich welcher Partei oder Nationalität. Selbst die kurdische HDP hatte sich auf die Seite der Regierung gestellt, wobei keineswegs eine Anteilnahme der deutschsprachigen Medien zu spüren war.“

Cemile Özdemir, Berlin: „Das war wie eine Erschütterung, die das ganze Land durchzog. Meine Familie ist weit verzweigt und ich habe ständig Nachrichten aus meiner Heimatstadt Malatya, von der Bogazici-Brücke, wo einer meiner Cousins war, der Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke, wo ein andere Cousin war, vom Flughafen Atatürk und dem Generalstabszentralgebäude in Ankara über die sozialen Medien erhalten. Es war ein überwältigendes Gefühl, dass sich das gesamte türkische Staatsvolk, ungeachtet der politischen Couleur, zusammengeschlossen hat, um gegen eine Militärdiktatur Zivilcourage zu beweisen. Es sind Freunde gestorben für den Erhalt der Demokratie. Es stimmt mich sehr traurig, dass meine deutsche Heimat in den Medien so respektlos mit dem Volkswillen umgeht und es so darstellt, als sei ein durch Erdogan aufgewiegelter Mob gegen die pazifistischen Revolutionäre brutal vorgegangen, oder gar von einer ‚Putschinszenierung‘ Erdogans spricht. Das türkische Staatsvolk hat furchtlos Geschichte geschrieben und der Weltöffentlichkeit gezeigt, dass in einer funktionierenden Demokratie die Staatsgewalt vom Volk ausgeht. Und ich bin ein Teil dieses mutigen Volkes. Das macht mich sehr stolz.“

Semra Birsimi, Stuttgart: „Ich bin seit Freitagnacht noch stolzer auf die Türkei und ihre Bürger als ich ohnehin schon war. Erdogan ist auf dem richtigen Weg. Egal, wer den Putsch angezettelt hat, jeder Staatschef weltweit würde diesen im Keim ersticken wollen. Dies ist ihm dank der Unterstützung des Volkes mehr als gut gelungen. Meine Familie war auf den Straßen und würde dies jeder Zeit wieder tun, keiner von uns wünscht sich die 1980er/90 Jahre zurück.“

Esref Balci, Aachen: Ich bin entsetzt darüber, wie die deutschen Medien auf diesen Putschversuch reagieren. Trauer, weil es nicht geklappt hat. So eine Trauer gab es nicht mal nach dem Ausscheiden von der Europameisterschaft. Was mich aber richtig wütend macht ist der Umstand zu wissen, wofür das jahrelange Türkei und Erdoganbashing gewesen ist. Man hat wohl auf diesen Putsch hingearbeitet.“

 


(*Name geändert, Anm Redaktion)

 

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