Kommentar Remzi Aru
„Eine Chance für die Zaman“

Die Treuhandverwaltung der Zeitung „Zaman“ ist konsequent und gerechtfertigt – und gleichzeitig eine Chance für das 1986 gegründete Blatt.

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von Remzi Aru

Heute habe ich die erste Ausgabe der „Zaman“ seit langem in Händen gehalten und muss sagen, ich bin sehr positiv überrascht darüber, wie informativ, seriös und lesenswert sie geworden ist. Offenbar sind die von einem Istanbuler Gericht eingesetzten Treuhandverwalter, die ihren Dienst in der Mediengruppe übernommen hatten, entschlossen, an die rosigeren Zeiten der Vergangenheit anzuknüpfen, in denen die Zeitung sich durch qualitativ bessere Berichterstattung und höheres Niveau der Inhalte aus eigener Kraft den Rang als auflagenstärkste Tageszeitung der Türkei erwerben konnte. Seit die drastische Wende in ihrer Ausrichtung ab Ende des Jahres 2013 zu einem drastischen Absturz der Abonnentenzahlen geführt hatte, konnte „Zaman“ ihre Auflage nur dadurch erhalten, dass sie die Zahl der unentgeltlich verteilten Druckwerke erhöhte und Angehörige der Gülen-Sekte dazu anhielt, statt wie bisher drei künftig sieben, acht, neun oder zehn „Solidaritätsabos“ zu bestellen.

Jetzt also ist das Ende der Pressefreiheit und der kritischen Medien in der Türkei gekommen. In der „Zaman“ steht darüber nichts. Woher das die Menschen in der Türkei aber nun wissen? Nun, die Gülen-Sekte hat längst ein neues Verlautbarungsblatt aus dem Boden gestampft, das Parallelwahrheiten aus dem Paralleluniversum verkündet, und sobald dies auch die deutsche Qualitätspresse und Sputnik News bemerkt haben, werden sie dann von dort haarklein jede Meldung 1:1 übernehmen, in denen vom Marsch der Türkei in die Diktatur, dem Untergang der türkischen Wirtschaft oder der massenhaften Verelendung der türkischen Bevölkerung die Rede ist. Die Sektenmitglieder werden zu einem großen Teil die eigene Propaganda auch glauben, und das war lange auch das Geheimnis des Erfolges dieser türkischen Variante der Scientology.

Der Junge, der „Wolf“ schrie

Fakt ist jedoch, dass es im Fall des Vorgehens gegen die „Zaman“ ebenso wenig wie im Zusammenhang mit jenem gegen die Boydak Holding oder vor einigen Monaten gegen die Koza Ipek Holding in irgendeiner Weise um die „Pressefreiheit“ geht, sondern darum, die Staatsanwaltschaft, die eine komplexe Untersuchung gegen eine kriminelle und terroristische Organisation führen muss, handlungsfähig zu erhalten. Die Gülen-Gemeinde hatte über eine lange Zeit hinweg großen Respekt und hohes Ansehen in der Türkei selbst und in der türkischen Einwanderercommunity genossen. Man hatte hohe Achtung davor, wie sich die Gemeinde so schnell weltweit ausbreiten konnte, wobei zum einen sicher ein hohes Maß an Disziplin, zum anderen möglicherweise aber auch Hilfe von außen erforderlich gewesen sein dürften. In der Russischen Föderation, wo man heute gerne die Gülen-Medien als Kronzeugen gegen die türkische Regierung akzeptiert, hielt man zumindest die Berichte über eine angebliche CIA-Hilfe beim Aufbau türkischer Privatschulen aus dem Hizmet-Umfeld für glaubwürdig genug, um die Tätigkeit der Gülen-Bewegung auf russischem Boden zu untersagen. In der Türkei selbst und im Westen waren es wiederum vor allem die laizistischen und säkularfaschistischen Betonköpfe, die ohnehin hinter jedem Kopftuch die islamistische Weltverschwörung witterten, die vor den Gülenisten warnten. Ihnen ging es am Ende wie dem Jungen im Märchen, der ständig „Wolf“ schrie: Als dieser wirklich da war, glaubte ihm niemand mehr.

Dies hat es der Organisation erleichtert, sich als vermeintlicher Partner in der Abschüttelung des Jochs der alten Eliten zu inszenieren, die noch junge AKP hatte den Anhängern des umstrittenen Imams auch deshalb lange zu bereitwillig geglaubt. Viele Menschen in der Türkei und darüber hinaus hatten der Gülen-Gemeinde auch einiges zu vedanken. Ihre Vorbereitungsschulen (Dershanes) ermöglichten vielen Menschen aus den über lange Zeit bewusst vom Staat vernachlässigten anatolischen Kleinstädten und Landgebieten ein Studium und großartige Karrieren. Deshalb nahmen viele Menschen die erheblichen Gebühren für die Schulen bereitwillig in Kauf und viele arme Familien opferten für die Ersparnisse ihrer Kinder ihre letzten Rücklagen oder verschuldeten sich. Auch die frischgebackenen Hochschulabsolventen, die über die Gülen-Schulen an die Universität gelangt waren, hatten kein grundsätzliches Problem damit, nach dem Studium einen erheblichen Teil ihres Einkommens an Einrichtungen der Cemaat abzugeben. Man war dankbar, man identifizierte sich mit den vorgeblichen Ideen hinter der Bewegung, auch hatte die Kopplung der Bildungsförderung mit religiösen Meister-Schüler-Verhältnissen, die meist vor allem bei besonders talentierten, reichen und am Glauben interessierten Menschen zum Tragen kam, eine innere Bindung an die Abis geschaffen, die ihre Schützlinge auch während des Studiums weiterbegleiteten. Dies schaffte Bande, die noch weit über das hinausgingen, was man in unseren Breiten von diversen Studentenverbindungen und dem dortigen Lebensbundprinzip kennt. Der Leibbursche ist dort für die Fuxen zwar eine wichtige Autoritätsperson, aber im Regelfall bleibt die wechselseitige Bindung eine bloß freundschaftliche, die gesellige Zusammenkünfte und auch ein wenig an Protektion im Berufsleben mit beinhalten kann. Der Abi im Lichthaus der Gülen-Gemeinde ist aber nicht nur Freund und Mentor, sondern auch ein spiritueller Begleiter. Die innere Verbundenheit nimmt zum Teil Ausmaße an, die an das Verhältnis zwischen Eltern und Kind heranreichen oder sogar noch darüber hinaus.

Protektionswirtschaft braucht klare Grenzen

Ich bin nicht naiv und mir kann keiner einreden, es wäre heute in irgendeinem Land der Welt möglich, in bestimmten Bereichen Karriere zu machen, wenn man nicht bestimmte Kontakte hat oder Teil irgendeines Netzwerkes ist. Egal ob Burschenschaften, Kartellverbände, Akademikerrunden, die Geschäftsmaurerei der Lions oder Rotary – all diese „Parallelgesellschaften“ und Bünde haben ihre Berechtigung und sollen sein. Natürlich auch solche unter islamischen Vorzeichen. Und von der Idee her war der Denkansatz der Gülen-Bewegung auch nicht einmal verkehrt, nämlich eine Gegenöffentlichkeit und eine Infrastruktur zu schaffen, die auch wechselseitigen wirtschaftlichen Erfolg begünstigt. Aber entscheidend ist, dass Menschen, die solchen Zusammenschlüssen angehören, trotzdem noch in der Lage sein müssen, insbesondere als Beamte, die Loyalität zu ihrem Dienstherrn, dem Staat und die Treue zu den Gesetzen über die Loyalität zu ihren „Abis“ und ihrem Guru aus Pennsylvania zu stellen. Dies hat die Gülen-Gemeinde jedoch verabsäumt und stattdessen Menschen illegal abgehört, mit Videos erpresst, medial zum Abschuss freigegeben, ihre Existenz zerstört, unter dem Vorwurf des Verdachts erfundener strafbarer Handlungen angeklagt, ihnen Beweismittel unterschoben und am Ende sogar aus dem Inneren des Staates heraus gegen die gewählte Regierung geputscht. Das Netzwerk verfügte dabei über eine immense Logistik und Milliarden an Geldmitteln, die man nun außer Landes schaffen will und sich dabei legaler Unternehmen wie der Gülen-treuen Medienunternehmen, einer eigenen Bank oder dem Netzwerk nahestehender Konzerne bedient.

Auch in Deutschland würde im Fall des Verbotes einer verfassungswidrigen politischen Partei oder im Falle der Tätigkeit krimineller und terroristischer Strukturen das Vermögen derselben für verfallen erklärt und es würden bei dringendem Verdacht Maßnahmen ergriffen, um zu verhindern, dass diese in legale Kanäle gelangt. In Deutschland ist die Gülen-Bewegung – einst noch als „islamistischer Geheimbund“ und „Gefahr für die Demokratie“ etikettiert – unmittelbar nach dem 17. Dezember 2013 zu einer respektablen, seriösen „Opposition“ gegen den bösen „Diktator“ Erdogan mutiert. From Zero To Hero in nur wenigen Tagen: So schnell hatte es in den 1990er Jahren nicht mal der neofaschistische italienische MSI geschafft, von einer verfassungsfeindlichen zu einer „bürgerlichen“ Kraft zu werden. Die Gülen-Bewegung war plötzlich so angesehen, dass nicht nur ihre Sprachrohre, die einst Hunderte Menschen in jahrelange Untersuchungshaft geschrieben hatten, plötzlich in „Spiegel“, „Zeit“ und „FAZ“ zitiert wurden, sondern sogar überangepasste Haustürkinnen wie die fanatische Kopftuchgegnerin Seyran Ates den Veranstaltungen der Gülentologen ihre Aufmachung machten.

Fethullah Gülen – neuer Partner für die Feinde der Türkei

Spätestens seit dem Putsch vom Dezember 2013 hat die Gülen-Bewegung ihr wahres Gesicht gezeigt. Heute ist sogar der inhaftierte Führer der terroristischen PKK, Abdullah Öcalan, in der türkischen Bevölkerung höher angesehen als der verräterische Imam aus Pennsylvania. Die Solidarität, die das Gülen-Netzwerk nun von den erklärten Feinden der Türkei, die Erdogan angebliche Demokratiedefizite vorwerfen, während sie jahrelang über die Unterdrückung religiöser Menschen und von Minderheiten in der alten Türkei geschwiegen hatten, zeigt, dass die Türkei gut daran tut, im Kampf gegen die Parallelstrukturen der „vatan hainleri“ nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben, sondern diesen konsequent zu Ende zu führen.

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