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Gastkommentar
Die Normalisierung des Nationalismus in Europa

Özgür Çelik analysiert den Nationalismus 2026: Von der neuen Wählerschaft über die Migrationsfrage bis hin zur Rückkehr syrischer Geflüchteter nach dem Krieg.

(Archivfoto: AA)
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Ein Gastkommentar von Özgür Çelik

Das heutige Niveau, das der Nationalismus in Europa erreicht hat, sollte nicht mehr als bloßer Aufschwung, sondern als eine etablierte politische Realität betrachtet werden.

Seit dem Ende der 1990er-Jahre haben die durch die Globalisierung verursachten wirtschaftlichen und kulturellen Erosionsprozesse, die die Handlungsspielräume der Nationalstaaten einengende Struktur der Europäischen Union sowie die zunehmende Verengung der politischen Mitte auf eine technokratische Sprache jene zentralen Faktoren gebildet, die nationalistische Reflexe begünstigt haben.

Vom Rand in die Mitte: Der soziologische Wandel der Wählerschaft

Mit dem Stand von 2026 sind diese Reflexe nicht länger marginal, sondern haben sich zu Akteuren entwickelt, die aus dem System heraus sprechen und es aktiv verändern. Einer der auffälligsten Aspekte dieser Transformation ist der soziologische Charakter der nationalistischen Wählerschaft.

Nationalistische Parteien in Europa richten sich heute nicht mehr nur an die Ängste der Mittelschicht, sondern sprechen zunehmend direkt die wirtschaftlichen Unsicherheiten der arbeitenden Klassen an.

Diese Gruppen, die als Verlierer der Globalisierung wahrgenommen werden, haben sich von den traditionellen linken Parteien abgewandt und artikulieren ihre Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit, Wohlstand und Souveränität zunehmend in nationalistischen Diskursen. Auf diese Weise hat der Nationalismus eine hybride Form angenommen, die mit linker Terminologie rechte Politik betreiben kann.

Es wäre irreführend, dieses Bild mit den Skinhead-Bewegungen früherer Jahrzehnte gleichzusetzen. Die gewaltbereiten, marginalisierten und politisch nicht anschlussfähigen Strukturen der 1980er- und 1990er-Jahre sind historisch weitgehend verschwunden.

Die Normalisierung des Rechtsrucks und die Migrationsfrage

Heute agieren nationalistische, rechtspopulistische und nationalkonservative Akteure in Europa auf legalem Boden, gewinnen Wahlen und prägen zunehmend die Sprache der bürgerlichen Rechten. Genau hierin liegt die eigentliche Gefahr: Nationalismus gilt nicht mehr als Ausnahme, sondern wird als normale politische Option akzeptiert.

Das sichtbarste Feld dieser Normalisierung ist die Migrationsfrage. In Europa werden Migrationsdebatten jedoch häufig bewusst aus ihrem Kontext gelöst. Insbesondere oberflächliche Vergleiche zwischen den syrischen Geflüchteten in der Türkei und der türkischen Bevölkerung in Europa verzerren die Problematik, anstatt sie zu erklären. Dabei handelt es sich um historisch, rechtlich und politisch völlig unterschiedliche Phänomene

Historische Fakten: Gastarbeiter vs. vorübergehender Schutz

Die überwiegende Mehrheit der Türkinnen und Türken in Europa – insbesondere im Fall Deutschlands – ist auf ausdrücklichen Wunsch europäischer Staaten und im Rahmen offizieller Abkommen zur Deckung des Arbeitskräftebedarfs in die jeweiligen Länder gekommen.

Rund eine Million türkische Arbeitskräfte wurden eingeladen, um die industrielle Kontinuität zu sichern; sie arbeiteten, zahlten Steuern und erlangten im Laufe der Zeit Bürgerrechte. Der heutige Status der europäischen Türken ist das natürliche Ergebnis dieses historischen Prozesses.

Die syrischen Geflüchteten hingegen wurden unter Kriegsbedingungen und mit einem Status des vorübergehenden Schutzes in der Türkei aufgenommen. Sie wurden weder eingeladen noch mit dem Versprechen einer dauerhaften Ansiedlung aufgenommen.

Mit Stand 2026 ist der Krieg in Syrien beendet, in Damaskus wurde eine Scharaa-Regierung etabliert und die staatliche Autorität im Land wiederhergestellt. Unter diesen neuen Umständen hat sich auch der Status der syrischen Geflüchteten faktisch verändert.

Rückkehr nach Syrien: Zwischen Recht und Realpolitik

Die zentrale Frage lautet nicht mehr, ob sie „zurückkehren werden, wenn der Krieg vorbei ist“, sondern wie, in welchem Tempo und unter welchen Bedingungen die Rückkehr im Rahmen des Wiederaufbaus nach dem Krieg erfolgen soll.

An dieser Stelle muss ein zentraler Punkt betont werden: Die Rückkehr syrischer Geflüchteter kann weder durch öffentliche Bloßstellungen an Grenzübergängen noch durch ihre Instrumentalisierung zur Erpressung von Zugeständnissen seitens der Europäischen Union erreicht werden.

Die internationalen Abkommen, denen die Türkei beigetreten ist, sind eindeutig. Eine zwangsweise Rückführung oder das Erzwingen bestimmter Verhaltensweisen verstößt gegen geltendes Recht. Zudem sind solche Methoden weder moralisch noch politisch nachhaltig.

Sicherheitsrisiken und unkontrollierte Migrationsströme

Ebenso muss hervorgehoben werden, dass die Migrationsbewegungen in die Türkei längst nicht mehr auf Syrerinnen und Syrer beschränkt sind. Aus Afghanistan, dem Nahen Osten und Nordafrika gelangt zunehmend eine junge männliche Bevölkerung in einzelnen, unkontrollierten Wellen ins Land – im Gegensatz zu familienbasierten Migrationen.

In diesem Zusammenhang ist besonders problematisch, dass der sogenannte „Islamische Staat“ und ähnliche radikale Organisationen ihre Kommandozentralen nachweislich in die Türkei verlagert haben.

Wir sehen uns sogar mit einer Situation konfrontiert, die als „IS-Plan für die Türkei“ bezeichnet werden kann. Die Möglichkeit, dass diese Akteure über die Türkei nach Europa einsickern, besteht weiterhin; wer ein- und ausreist und mit welchen Motiven, ist nicht vollständig nachvollziehbar.

Ein neuer Mechanismus für gesellschaftliche Sicherheit

Aus diesem Grund reichen Ansätze, die die Rückkehr von Geflüchteten ausschließlich auf eine juristische Ebene reduzieren, nicht aus. Eine tragfähige Lösung muss in erster Linie die Sicherung der Grenzen, eine strenge Kontrolle von Ein- und Durchreisen, die Identifikation von Risikopersonen sowie die sichere und transparente Organisation von Rückführungsprozessen umfassen.

Es geht also nicht mehr nur darum, internationale Abkommen einzuhalten, sondern zugleich einen geplanten und kontrollierten Rückkehrmechanismus zu etablieren, der gesellschaftliche Sicherheit und öffentliche Ordnung gewährleistet. Andernfalls werden sowohl die Türkei als auch Europa weiterhin mit erheblichen sozialen und sicherheitspolitischen Problemen konfrontiert sein.

Nationalismus als dauerhafte Realität begreifen

Die nationalistischen Bewegungen in Europa nutzen die Migrationsfrage als wirkungsvolles Mobilisierungsinstrument in ihrer Innenpolitik. Während rechtspopulistische Akteure dies über eine platte Islamfeindlichkeit tun, behandeln klassische Nationalisten und nationalkonservative Kräfte das Thema im Kontext imperialer Interventionen, des Kriegs-Migrations-Zyklus und nationaler Belastungsgrenzen.

Diese Differenzierung wird häufig ignoriert, und alle Akteure werden pauschal unter der Kategorie „extreme Rechte“ subsumiert. Das Europa des Jahres 2026 ist kein Kontinent mehr, der mit den alten Rezepten der politischen Mitte regiert werden kann.

Wirtschaftliche Unsicherheit, Repräsentationskrisen und gesellschaftliche Unruhe haben sich vertieft. Diejenigen Akteure, denen es gelingt, diese Unzufriedenheit zu organisieren, gewinnen an Macht. Der Nationalismus hat sich auf diesem Boden nicht als vorübergehende Welle, sondern als dauerhafte politische Realität etabliert.

Die zentrale Herausforderung sowohl für Europa als auch für die Türkei besteht heute darin, diese Realität nicht mit ideologischen Reflexen, sondern unter Berücksichtigung des historischen Kontexts und konkreter Daten zu analysieren. Andernfalls produzieren wir weiterhin falsche Vergleiche, fehlerhafte Politiken und endlose Spannungen.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland.


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