Syrien
Syrien nach Assad: Neue Machthaber, alte Konflikte

„Nach dem Sturz Assads steht Syrien vor einer ungewissen Zukunft. Eine Analyse über die Rolle der HTS unter al-Shaara, die umstrittene US-Unterstützung für die SDF/YPG und den Kampf um die territoriale Integrität des Landes.“

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Ein Gastkommentar von Kemal Bölge

Am 8. Dezember 2024 wurde der langjährige Machthaber Syriens, Baschar al-Assad, gestürzt. Der Diktator floh mit seiner Familie nach Russland, womit die seit 1971 andauernde Herrschaft der Familie Assad endete. Den islamistischen Rebellen um Ahmed al-Shaara gelang es in kurzer Zeit, die großen Städte und schließlich die Hauptstadt Damaskus zu erobern.

Die terroristische Vergangenheit von Ahmed al-Shaara

Seit 2017 war al-Shaara Anführer des Milizbündnisses Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS), das von der EU und anderen Staaten wegen seiner dschihadistischen Vergangenheit und seiner Verbindungen zur Terrororganisation Al-Qaida als terroristische Vereinigung eingestuft wird.

Im März 2025 kam es in den Küstenregionen zu massenhaften Gewaltverbrechen gegen Zivilisten, vornehmlich gegen die Minderheit der Alawiten, wie die UN-Syrien-Untersuchungskommission in einem Bericht feststellte.

Nach der Eroberung von Damaskus fragten sich viele Beobachter, wann die neue Übergangsregierung die seit Jahren von der SDF beziehungsweise der YPG/PKK kontrollierten Gebiete in Ostsyrien zurückerobern würde, um die territoriale Integrität Syriens wiederherzustellen.

Die YPG/PKK wurde über Jahre hinweg in einer medialen Inszenierung von den USA als „Bündnispartner gegen den IS“ hofiert und bis an die Zähne bewaffnet. Andere westliche Verbündete wollten dem in nichts nachstehen und sahen in der SDF eine „Freiheitsbewegung“, die gegen das Böse – gemeint ist hier die Terrororganisation IS – kämpfte.

Wie aus CIA-Unterlagen zur „Operation Timber Sycamore“ hervorgeht, unterstützten die USA den bewaffneten Widerstand gegen Assad auch durch Waffenlieferungen, von denen teilweise radikale Gruppierungen profitierten.

Hätte Russland 2015 in Syrien nicht militärisch interveniert, wäre das Schicksal Assads vermutlich längst besiegelt gewesen. Die Vereinigten Staaten und andere westliche Verbündete sahen über Jahre hinweg zu, wie die SDF ethnische Säuberungen durchführte und Araber, Turkmenen sowie oppositionelle Kurden aus ihren angestammten Gebieten vertrieb.

Die Vereinten Nationen und zahlreiche Menschenrechtsorganisationen wiesen wiederholt auf die Verschleppung von Kindern und Jugendlichen durch die SDF hin, stießen in Washington und Brüssel jedoch auf taube Ohren.
Der Kampf der SDF gegen den IS wird von Kritikern als politisch inszeniert betrachtet, da verschiedene bewaffnete Gruppen von externen Akteuren als Stellvertreter in geopolitischen Konflikten eingesetzt wurden.

Wäre es Washington tatsächlich in erster Linie um den Kampf gegen den IS gegangen, hätte es sich stärker an dem Anti-Terror-Einsatz der türkischen Armee im August 2016 beteiligt, bei dem schätzungsweise fast 4.000 IS-Terroristen in Nordsyrien getötet wurden.

Demografisch betrachtet war die Besetzung von fast einem Drittel Syriens durch die SDF von Anfang an problematisch, da die syrischen Kurden lediglich etwa 8 bis 10 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Mit rund 80 Prozent stellen die Araber die größte Bevölkerungsgruppe dar, daneben leben in Syrien auch Armenier, Tscherkessen, Turkmenen und Assyrer.

Ohne die militärische Unterstützung der USA konnte die SDF der syrischen Armee langfristig nicht standhalten. Ein wichtiger Faktor für den Verlust der besetzten Gebiete unter dem SDF-Anführer Mazlum Abdi war der Widerstand arabischer Stämme, die sich gegen die Herrschaft der YPG/PKK stellten.

Es bleibt abzuwarten, ob die Übergangsregierung unter Ahmed al-Shaara Syrien in eine friedliche und stabile Zukunft führen kann oder ob das Land weiterhin von Instabilität geprägt sein wird.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor

Kemal Bölge, studierter Politologe und Historiker. Ressortleiter Balkan bei der Forschungseinrichtung für Mezalim. Er schreibt zudem als freier Autor für verschiedene Online-Publikationen. Seine Schwerpunkte sind die Außen- und Sicherheitspolitik, insbesondere die Beziehungen EU-Türkei, die zukünftige Struktur der NATO und die Außen- und Sicherheitspolitik der Türkei.


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