Meinung
Kommentar: Solidarität haben gläubige Türken nie richtig erfahren

Politiker, sogenannte Experten und Geläuterte aus den eigenen Reihen des türkisch-muslimischen Spektrums fordern die Öffentlichkeit, Landesregierungen und Bundesregierung auf, den einen oder anderen Moscheeverband, die eine oder andere türkische Gruppierung, zu verbieten oder von der gesellschaftlichen Teilhabe auszuschließen.

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Die türkisch-islamfeindliche Realität im Lichte von VerbotsforderungenEin Gastbeitrag von Nabi Yücel

Politiker, sogenannte Experten und Geläuterte aus den eigenen Reihen des türkisch-muslimischen Spektrums fordern die Öffentlichkeit, Landesregierungen und Bundesregierung auf, den einen oder anderen Moscheeverband, die eine oder andere türkische Gruppierung, zu verbieten oder von der gesellschaftlichen Teilhabe auszuschließen. Das geht inzwischen mit einer feurigen Rede, mit einer medialen Hetze und mit einer starken gesellschaftlichen Basis recht schnell und schmerzlos über die Bühne.

Derzeit wird auffällig und mit einer noch nie gekannten Energie der türkische Moscheeverband DITIB vonseiten der Politiker, sogenannten Experten und Geläuterten – unter der türkischen Community bekannt auch als Haus- oder Kammertürken – angegriffen. Damit muss Schluss sein. Es ist unerträglich, es hat schon etwas gespenstisches, etwas kriminelles an sich.

Der 9. Juni, also der diesjährige Tag, ist nicht nur für die Türken in der Türkei, sondern auch für die türkische Community in Deutschland ein trauriger und schmerzvoller Tag. Heute vor vier Jahren wurde in der Türkei die 22-jährige Musiklehrerin Aybüke Yalçın, von der völkisch-kurdischen Terrororganisation PKK getötet. Heute vor 17 Jahren, am 9. Juni 2004, verübte der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) in der Keupstraße in Köln-Mülheim einen Bombenanschlag. Splitter der Bombe flogen bis zu 250 Meter weit und wurden sogar in den Gärten hinter den vier- bis fünfstöckigen Häusern gefunden. Mindestens 22 Menschen wurden durch die Bombe teils lebensgefährlich verletzt. Heute vor 16 Jahren, am 9. Juni 2005, wurde in Nürnberg İsmail Yaşar durch acht Schüsse vom rechtsterroristischen Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ermordet. Am selben 9. Juni des Jahres 2019, also vor 2 Jahren, wurde die DITIB Zentralmoschee in Kassel von PKK-Sympathisanten angegriffen. Merkt ihr was?

Der Juni an sich ist von Gewalt gegen Türken geprägt. Am 22. Juni 1982 wurde in Norderstedt der 26-jährige Tevfik Gürel von Rechtsextremen einfach so erschlagen. Während der Tat schrien die Täter „Ausländer raus!“. Der 31-jährige Süleyman Taşköprü wurde am 27. Juni 2001 in seinem Gemüsegeschäft in Hamburg-Bahrenfeld von der rechtsterroristischen Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) einfach so hingestreckt. Am 13. Juni 2001 wurde der 49-jährige Abdurrahim Özüdoğru im Ladenlokal seiner Änderungsschneiderei in Nürnberg von der rechtsterroristischen Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) durch zwei Schüsse aus großer Nähe ins Gesicht und in die Schläfe getötet. So einfach geht das!

Will sagen: die muslimischen Türken in Deutschland scheinen für jeden Anlass gut genug zu sein und haben es schlichtweg zu ertragen. Das ist die traurige Realität in Deutschland. Wenn man vom eigenen politischen Versagen ablenken will, wird der Türke, seine Moschee oder sein Kulturverein herangezogen. Will man ein Buch auflagenstark verkaufen, ist der muslimische Türke, seine Moschee, seine Vereinigung, seine Ideologie, seine Kultur ebenfalls gut geeignet. Will man Konflikte im Ausland nach Deutschland tragen, ist der Türke, seine Moschee, seine Vereinigung oder Ideologie hervorragend dazu geeignet, es hier breitzutreten und auf sie selbst umzumünzen, dann anzugreifen, in Brand zu stecken oder zu verprügeln, einzustechen und abzumurksen.

Herrgott, es gibt kein Themenfeld, dass in Deutschland ohne den Türken, seiner Moschee, seiner Vereinigung, seiner Ideologie, seiner Kultur in den Titelschlagzeilen der Hochglanz-Gazetten oder der Klopapier-BILD-Zeitung auskommen könnte. Wir muslimisch geprägten Türken haben wohl ein Zeichen auf unserer Stirn, Einrichtung oder Moschee, das es so prägnant macht, auf ihr einzuprügeln, sie herauszukratzen, herauszuschaben.

Apropos besagter DITIB-Moscheeverband, deren Ausschluss man vom religiösen Schulunterricht in NRW seit Tagen und Wochen parteiübergreifend und lautstark fordert: Wusstet Ihr, dass NRW eines der Bundesländer mit den höchsten Fallzahlen an Angriffszielen von Moscheen ist? Graben wir mal die Zahlen im Bundesgebiet aus der Erinnerung zurück: 2016 wurden 75 Moscheen angegriffen. 2017 waren es laut Bundesregierung nur noch 60 Moscheen. 2018 waren es laut Bundesregierung sogar noch weniger, insgesamt 48 Angriffe. 110 solcher Vorfälle dokumentierte aber die Initiative „Brandeilig“ für das Jahr 2019. Wiederum nur 77 Angriffe zählte die Bundesregierung dann im Jahr 2020.

Es gibt bei diesen Zahlen ein nicht zu unterschätzendes Merkmal: Jedes Mal, wenn die Politik, Experten, Haustürken bzw. Kammertürken, PKK-Sympathisanten oder Extremisten, die Türken oder ihre religiösen wie öffentlichen Stätten und Einrichtungen kritisieren, zum Politikum machen, steigen die Zahlen nach oben, bis sie ihren Zenit erreicht haben und wieder abflauen. Das erfolgt wohlgemerkt jährlich wiederkehrend!

Zudem gibt es, wenn man sich die Zahlen so betrachtet, erhebliche Zweifel an der Aussagekraft, zumal viele Moscheen oder Türken nicht alle Übergriffe melden. Nur in sehr wenigen Fällen kommt es infolge islamfeindlicher Straftaten zu Ermittlungserfolgen und Verurteilungen. Wir sind, und das ist die Realität, in diesem Land nach wie vor ungeschützt. Und, wir sprechen nicht mal über die im vierstelligen Bereich liegenden islamfeindlichen Angriffe selbst, sondern nur über die Angriffe auf Moscheen selbst. Dazu kommt erschwerend hinzu, dass viele Vorfälle sich unterhalb der Strafbarkeitsschwelle abspielen. Aber auch kleinere Delikte, schon ein Protest vor einer Moschee, führt zu spürbaren Einschränkungen für muslimisches Gemeindeleben. Häufig reicht auch schon die bloße Angst, um muslimisches Gemeindeleben empfindlich einzuschränken, wie etwa Tierblut im Vorgarten einer Moschee oder ein aufgespießter Schweinekopf. Von den politischen Manövern ganz zu schweigen, die einem die Schweißperlen in die Stirn treiben!

Solidarität haben diese gläubigen Türken bzw. Muslime und deren Moscheen oder Vereine nie richtig erfahren. Wenn denn solche Vorfälle bekannt wurden, fanden sie höchstens in der Lokalpresse einen Stellenwert. Die Empörung darüber hält sich seither auch immer in Grenzen. Als nach dem Brandanschlag auf eine Moschee im nordrhein-westfälischen Hagen die Lokalpresse darauf aufmerksam wurde, war die Empörung recht verhalten ausgefallen. Nur bei sehr schweren Verläufen oder tagelang anhaltenden und nicht abebbenden Angriffen, da wurde leise die Solidaritätsfahne geschwenkt, um es blitzschnell wieder in der Gewissens-Schublade zu versenken, weil es eben zu markant in Erscheinung trat.

Halten wir also fest: Die zahlreichen Angriffe auf türkisch-muslimisches Gemeindeleben sind in Deutschland Alltag und fallen stets unter dem Radar der ansonsten schnappatmigen Politiker, sogenannte Experten und Geläuterten aus den eigenen Reihen des türkisch-islamischen Spektrums. Die Vorfälle reichen von verbalen Einschüchterungen und schriftlichen Morddrohungen mit Begleitutensilien wie Bleikugeln über rassistische Graffiti und abgetrennte Schweineköpfe bis hin zu eingeworfenen Scheiben und Brandanschlägen. Praktisch täglich teilt die türkisch-muslimische Community in sozialen Netzwerken solche Vorfälle, doch von den meisten Angriffen auf türkisch-muslimisches Gemeindeleben bekommt die Öffentlichkeit nichts mit. Wieso ist das so?

Weil die türkisch-muslimische Community, die türkisch-islamischen Moscheevereine und Moscheeverbände sich stets für etwas rechtfertigen, sich verteidigen müssen oder sich in Deckung vor der schnappatmigen Politiker, Experten und Haustürken bzw. Kammertürken bewegen. Das hat sich eingebürgert, ist Staatsräson, hat noch heute dieselbe Wirkung wie vor dem ersten Mord an einem Türken, das rassistisch motiviert war und lediglich eine Randnotiz wurde.

Aber, Muslime und Verbände, Türken oder die DITIB müssen nichts erklären, sich nicht erklären oder rechtfertigen. Nicht entschuldigen oder schon gar nicht in ihrem bescheidenen und bereits im Korsett eingeengten Recht beschneiden lassen. Sondern Deutschland, seine Politiker, seine Experten und seine Haustürken bzw. Kammertürken müssen sich erklären, weshalb sie diskriminieren, brandschatzen, angreifen, ständig Demagogie betreiben oder morden, und auch nach über 40 Jahren beständig daran festhalten, weshalb sich ja nichts daran geändert hat. Es ändern sich fortlaufen nur die Zahlen an Übergriffen, Anschlägen und Morden. Es häufen sich nur die Jahrestage des einen oder anderen Mordopfers.

Die Muslime, die Türken und Türkischstämmigen werden seit Jahrzehnten von der Politik, von Behörden und der Öffentlichkeit alleingelassen. Und warum? Weil man so stets die eigenen politischen und gesellschaftlichen Fehler kaschieren konnte. Weil man keine Verantwortung tragen wollte und weil wir Muslime und Türken als Menschen zweiter Klasse betrachtet werden, die man je nach gesellschaftlicher oder politischer Willkür, dort verorten, kriminalisieren, entmenschlichen kann, wie es einem gefällt.

So nicht! So wird das nicht mehr weitergehen können! Wir Muslime, wir Türken, wir haben uns keineswegs zu rechtfertigen, für nichts, außer vor einem ordentlichen Gericht!

Wir fragen daher: Weshalb fühlt sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft nicht terrorisiert, wenn Rechtsextremisten, Linksextremisten oder PKK-Terroristen uns terrorisieren? Weshalb sind diese Angriffe und Anschläge in Deutschland keine Terroranschläge oder werden skandalisiert, debattiert, auf den politischen Tagesordnungspunkt gebracht? Sind wir kein Teil dieser Gesellschaft? Kann es einen guten oder schlechten Terror geben? Weshalb muss man sich auch noch für die Verurteilung und strikten Haltung gegen Terror, ob in der Türkei oder in Deutschland, auch noch rechtfertigen oder davon distanzieren? Findet man das witzig?


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.


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