Rezension
Buch: Geschichte im Fadenkreuz der armenischen Lobby

In dieser interdisziplinären Arbeit thematisiert Cannon die Zweckentfremdung der Geschichtsforschung für politische Ziele. Weder die Forderung der Türkei, das Thema Historikern zu überlassen noch die Forderung der armenischen Diaspora die Geschehnisse dem moralisch-politischen Urteilsvermögen nationaler Parlamente zu übergeben spiegelt die Realität des Diskurses wider. Denn Tatsache ist, und das ist das eigentlich Bedenkliche, dass das Thema im Wesentlichen von hochspezialisierten lobbyistischen Gruppierungen öffentlichkeitswirksam immer wieder platziert wird und vielmehr im parlamentarischen Geschäftsbetrieb zirkuliert als in akademischen Lehrkreisen offen und ehrlich behandelt wird.

Teilen

Konstruiert, Instrumentalisiert, Politisiert – Geschichte im Fadenkreuz der armenischen Lobby

Diese tiefgreifende Studie über die Identität der Armenier entlarvt die politisch motivierten Hintergründe der Kampagne für den „Armenischen Genozid“ und weist überzeugend nach, dass diese mit den historischen Gegebenheiten wenig zu tun hat. Es wird auch auf wichtige internationale und nationale Konstellationen verwiesen, die die Kampagne stützen und sie antreiben.

Auch wenn bereits zahlreiche Versuche unternommen wurden, die armenische Identität ausgehend von ihrer Geschichte, Sprache und /oder Religion zu definieren, gibt es bisher keine wichtige Studie, in der die Ereignisse von 1915 als zentrales Element dieser Identität herausgearbeitet wurden, einschließlich der Ausformung des „Selbst“(Self) und des „Anderen“(Other). Dieses Buch macht deutlich, warum das Streben der armenischen Kampagne nach Anerkennung der Ereignisse von 1915 als „Armenischer Genozid“, so zweifelhaft und rassistisch es auch sein mag, das einzige Band darstellt, das stark genug ist, die sprachlich, geografisch und religiös so unterschiedlichen armenischen Gemeinden der Diaspora zusammen zu halten.

Unter Heranziehung vieler vergleichender Details, ergänzt durch Erkenntnisse internationaler Wissenschaftstheorien und den politischen Mechanismen der Lobbyarbeit (Nischentheorie), wird in diesem Buch die Durchschlagskraft und politische Macht des neu-imaginierten Traumas von 1915 für die Großgruppenidentität der Armenier herausgearbeitet. Diese Identität, durch Zeit und Raum von der historischen Wirklichkeit abgeschnitten, wird am Leben gehalten von den Bemühungen um ad-hoc-Legalisierungen, was einer politischen Instrumentalisierung von Geschichte gleichkommt, um die Welt von dem zu überzeugen, was die Armenier den „Armenischen Genozid“ nennen.

Zum einen wird in diesem wegweisenden Buch aufgezeigt, warum jene politischen Aktionen, ebenso wie das identitätsstiftende Narrativ, das den Aktionen zugrunde liegt, aus verschiedenen Gründen bedeutsam ist. Die gefühlsbetonte Problematik, zusammen mit der Kampagne, die sich daraus entwickelte, hat Auswirkungen auf mehrere Nationalstaaten (besonders die Türkei und Armenien), wie auch, obwohl sie kein Staatsgebilde ist, auf die mächtige armenische Diaspora selbst.

Zum anderen wird die Strategie der Kampagne, den Sprachgebrauch betreffend, um Ereignissen gerecht zu werden, die vor über hundert Jahren geschahen, mehr und mehr dominiert von internationalen Beziehungen zwischen der Türkei und dem Westen. Drittens, indem die Rolle aufgeschlüsselt wird, die das Trauma von 1915 für die Entwicklung- und Weiterentwicklung der Identität der armenischen Großgruppe spielt, ebenso deren Übertragung von Generation zu Generation, wird durchaus Verständnis geweckt für die Bestrebungen, Realitäten juristisch zu vereinnahmen. Tatsache ist allerdings, dass jahrhundertealte Vorurteile und Karikaturen, oft rassistisch geprägt, ohne Bezug zu heutigen Realitäten, die Kampagne mitbestimmen (der Schreckliche Türke, antimuslimische Empfindungen) und immer noch wirksam sind – nicht nur für Armenier, sondern für viele Menschen im Westen und in Russland.

All das hat maßgebende Auswirkungen. In diesem Buch wird darauf hingewiesen, wie das armenische Identitätsverständnis, das der Kampagne der armenischen Diaspora für die Anerkennung des Armenischen Genozids zugrunde liegt, absichtlich die gesetzlich festgelegte Genozid-Konvention der Vereinten Nationen von 1948 unterläuft. Dies geschieht durch die willkürliche Anwendung des Begriffs „Genozid“ auf die Ereignisse von 1915. Dadurch werden geltende Definitionen und Normen missachtet und um politischer Ziele willen einer ziemlich lockeren Interpretation des Begriffs Vorschub geleistet. Auf diese Weise wird das symbolische Gewicht und die Autorität der UN-Konvention missachtet und das potentielle Vermögen der Gerichte eingeschränkt, echte Genozid-Verbrecher zu bestrafen. In zwei weiteren Kapiteln beschäftigt sich diese Publikation mit der armenischen Kampagne auf dem afrikanischen Kontinent sowie der „Genozid-Resolution“ des deutschen Bundestages vom Juni 2016.


Hier bestellen: Konstruiert, Instrumentalisiert, Politisiert – Geschichte im Fadenkreuz der armenischen Lobby


Zum Thema

– NEX24-Interview –
Protest gegen Armenien-Resolution: Nach 21 Jahren aus CDU ausgetreten

Der Siegener Politikwissenschaftler und Leiter des Forschungszentrums Südosteuropa und Kaukasus, Dr. Christian Johannes Henrich, hat bereits in seiner Doktorarbeit die westliche Einseitigkeit in der Bewertung der Ereignisse von 1915 in Ostanatolien kritisiert. Er ist 2015 aus Protest gegen die Armenien-Resolution des Deutschen Bundestages nach 21 Jahren aus der CDU ausgetreten.

Protest gegen Armenien-Resolution: Nach 21 Jahren aus CDU ausgetreten

 

Auch interessant

Deutschland führt Europa: Zahl der Superreichen wächst rasant

Berlin – Deutschland ist das Land mit den meisten Superreichen in Europa — und die Zahl wächst weiter. Laut dem Knight Frank Wealth Report 2026...

Der Sieg des Turkismus gegen den “Staatsterror”: Der 3. Mai 1944

Ein Gastkommentar von Özgür Çelik Der 3. Mai 1944 ist ein Datum, das sich wie mit glühendem Eisen in das Gedächtnis der türkischen Nationalismusgeschichte eingebrannt...

Türkei exportiert erstmals unbemannten Kampfjet Kizilelma nach Indonesien

Istanbul – Der türkische Drohnenhersteller Baykar hat auf der Rüstungsmesse SAHA 2026 in Istanbul seinen ersten Exportvertrag für den unbemannten Kampfjet Bayraktar Kizilelma unterzeichnet. Abnehmer...

Antisemitismus: „Alles wird in einen Topf geworfen“

Ein Gastkommentar von Susanne Mattner Antisemitismus habe eine Normalisierung erfahren, kritisiert der Zentralrat der Juden. Laut einer aktuellen Umfrage ist fast jede zweite jüdische Gemeinde...

Gaza-Hilsflotte: Türkei fordert sofortige Freilassung der Aktivisten

Ankara - Nach dem gewaltsamen Stopp der „Global Sumud Flotilla“ in internationalen Gewässern nahe Kreta verschärft die Türkei ihren Ton gegenüber Tel Aviv massiv....

Headlines

Griechenland ermittelt gegen Israels Verteidigungsminister Katz wegen Kriegsverbrechen

Athen – Griechische Justizbehörden haben eine Voruntersuchung gegen den israelischen Verteidigungsminister Israel Katz eingeleitet. Grundlage ist eine förmliche Strafanzeige, die...

6.000 KM: Türkei stellt Intercontinental-Rakete vor

Istanbul - Die Türkei hat auf der Rüstungsmesse SAHA Expo 2026 in Istanbul ihre erste Interkontinentalrakete vorgestellt: die Yıldırımhan, entwickelt...

US-Analyst warnt: „Israel produziert mehr Radikale als es tötet“

Chicago - Robert Pape, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Chicago und einer der weltweit führenden Sicherheitsexperten, der seit...

Pedro Sánchez‘ Flugzeug: Notlandung in der Türkei

Ankara – Das Flugzeug des spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez hat am Sonntagabend eine Notlandung in Ankara durchgeführt. Der offizielle Airbus...

Meinung

TÜV: Führerscheinreform darf Sicherheit nicht gefährden

Berlin - Die finalen Eckpunkte zur Reform der Fahrausbildung setzen aus Sicht des TÜV-Verbands wichtige Impulse für eine Modernisierung des Führerscheinerwerbs. Der TÜV-Verband unterstützt...

Türkei exportiert erstmals unbemannten Kampfjet Kizilelma nach Indonesien

Istanbul – Der türkische Drohnenhersteller Baykar hat auf der Rüstungsmesse SAHA 2026 in Istanbul seinen ersten Exportvertrag für den unbemannten Kampfjet Bayraktar Kizilelma unterzeichnet. Abnehmer...

The Economist: Erdoğan, Müslüman dünyasının en popüler politikacısı

Londra - Neredeyse iki milyar insandan oluşan devasa ve çeşitlilik arz eden bir topluluk olan küresel Müslüman topluluğu Umma/Ümmet içinde, birleştirici bir temsilci arayışı...

Odadaki Son Yetişkin Olarak Türkiye

Konuk Yazar Nabi Yücel Mevcut durumda Türkiye, Orta Doğu'nun – ve çok daha ötesinin – jeopolitik manzarasında neredeyse nesli tükenmekte olan diplomatik bir tür; yani...

Rapor: Afrika Gençliği Ruh Sağlığında Dünya Lideri

Londra - Maddi refah, ruh sağlığının garantisi değil. Şubat 2026 sonunda yayımlanan yeni bir küresel rapor, zihinsel esenlik haritasını temelden sarstı. İngiltere, Japonya ve Yeni...