DISKUTHEK
Aussteigerin: „Die Mehrheit der AfD-Wähler lebt in einer komplett eigenen Realität“

Warum gibt es 30 Jahre nach dem Mauerfall immer noch so große Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland? Ist Ostdeutschland wirklich so rechts? Und warum hat die AfD gerade im Osten so viel Zulauf?

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Warum gibt es 30 Jahre nach dem Mauerfall immer noch so große Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland? Ist Ostdeutschland wirklich so rechts? Und warum hat die AfD gerade im Osten so viel Zulauf? Darüber diskutieren in der neuen DISKUTHEK-Folge AfD-Aussteigerin Franziska Schreiber, „Zugezogen Maskulin“-Rapper „Testo“ alias Hendrik Bolz, „ze.tt“-Chefredakteurin Marieke Reimann und Christoph Giesa, Autor von „Gefährliche Bürger: Die neue Rechte greift nach der Mitte“.

Beim ersten Statement „Ostdeutsche sind anders als Westdeutsche“, zu dem sich die Gäste in der DISKUTHEK positionieren sollen, herrscht noch Konsens. Alle bejahen das Statement und erklären im Anschluss, dass es nach ihrer Auffassung große Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen gibt.

Beim zweiten DISKUTHEK-Statement „Rechts sein ist im Osten normal“ gingen die Meinungen deutlich auseinander. Rapper „Testo“ und AfD-Aussteigerin Schreiber stimmen der These zu, während Journalistin Reimann und Publizist Giesa widersprechen. „Bei Landtagswahlen wählen in den neuen Bundesländern um die 20 Prozent die AfD. Wenn man es von hinten betrachtet, sind es 80 Prozent, die nicht die AfD wählen“, erklärt Reimann. Schreiber definiert „normal“ dagegen ganz anders. Für sie geht es nicht alleine um Wählerstimmen, sondern vor allem um die Frage, ob „definitiv rassistische Aussagen“ oder ein Bekenntnis zur AfD geächtet würden. Das sei im Osten deutlich anders als im Westen. Dem kann Rapper „Testo“, der in Leipzig geboren und in Stralsund aufgewachsen ist, nur zustimmen: „Ich musste in meiner Kindheit ein ‚Ich habe nichts gegen Ausländer‘ mehr erklären als ein ‚Schnauze, du Jude!'“ Gesellschaftliche Anerkennung für rechtes Gedankengut sei viel akzeptierter.

Ebenfalls umstritten unter den Diskutanten ist die Frage, ob die AfD schon bei ihrer Gründung eine „rechtsradikale Partei“ gewsen ist. Für Rechtsextremismus-Experte Christoph Giesa ist die Sachlage klar. Er beobachtet die Partei seit ihrer Gründung, die rechtsradikale Gesinnung sei von Anfang an deutlich zu erkennen gewesen.

Franziska Schreiber, die mittlerweile einen Youtubekanal im ARD- und ZDF-Netzwerk funk bespielt, widerspricht und schildert ihre eigene Erfahrung: „Ich hatte jetzt keinen Anlass zu denken: ‚Okay, in vier Jahren ist das eine hardcore-rechtsradikale Partei.'“ Sie räumt gleichzeitig aber ein, dass die Mehrheit der AfD-Wähler inzwischen in einer „eigenen Wahrnehmung“ und einer „komplett eigenen Realität“ lebten. Diese Realität suggeriere AfD-Anhängern zum Beispiel, dass wir uns in Deutschland „kurz vor einem Bürgerkrieg“ befänden. Ihr selbst sei das Ausbrechen aus dieser „Parallel-Realität“ gelungen, weil sie sich selbst und die Werte der Partei hinterfragt habe.

Auch deshalb habe sie ihre Social-Media-Kanäle geschlossen, um nicht mehr so viele „Schreckensnachrichten“ zu sehen. „Da werden Bilder von Männerhorden, die über Zäune oder durch Flüsse kommen, geteilt“, so die AfD-Aussteigerin. Das werde dann mit Vergewaltigungs- und Tötungsmeldungen kombiniert. Das wiederum spreche Ur-Ängste an.

Die ganze DISKUTHEK-Folge sehen Sie am Donnerstag, 3. Oktober, ab 17 Uhr auf www.youtube.com/stern.

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