Osnabrück
Frieden und Vielfalt in Osnabrück: Das Akyürek-Fest begeistert Tausende

Von Yasin Baş

Die Stadt Osnabrück hat den verstorbenen Yılmaz Akyürek, einen der ersten türkischen Gastarbeiter in der Hasestadt, mit einem großen „Kultur- und Friedensfest“ geehrt.

Tausende Besucher strömten zum mittlerweile fünften „Akyürek-Fest“, das die Stadt in Kooperation mit dem Büro für Friedenskultur zu Ehren des 2007 verstorbenen Brückenbauers ausrichtete. Akyürek war 1999 mit der Ehrenmedaille der Stadt Osnabrück ausgezeichnet worden.

(Foto: Emily Ates)

Das Festival fand auf dem Yılmaz-Akyürek-Platz statt, einer zentralen Kreuzung zwischen Iburger Straße und Im Brink, die bereits 2008 nach dem engagierten Bürger benannt wurde. Für die türkischstämmigen Osnabrücker ist der Platz zu einem wichtigen Symbol der Anerkennung geworden.

Oberbürgermeisterin Pötter: „Ein Fest der Begegnung“

Osnabrücks Oberbürgermeisterin Katharina Pötter (CDU) betonte in ihrer Eröffnungsrede die Bedeutung des Festes:

„Diese Veranstaltung steht für Zusammenhalt, Respekt und gelebte Vielfalt. Sie bringt Menschen aus der Nachbarschaften und der gesamten Region zusammen – ganz im Sinne von Yılmaz Akyürek.“

Sie würdigte den Verstorbenen als eine Persönlichkeit, die sich mit ganzer Kraft für die Integration von Zugewanderten, den interkulturellen Austausch und den Brückenschlag zwischen den Religionen eingesetzt habe.

Akyürek habe sein Leben dem gegenseitigen Kennenlernen und der Versöhnung gewidmet. Pötter weiter: „Wir ehren heute sein Andenken – und ich bin überzeugt, dass wir damit genau das tun, was ihn glücklich machen würde: Wir reden miteinander, wir lernen uns kennen, wir feiern gemeinsam und profitieren von der Vielfalt unserer Kulturen.“ Die bunte Veranstaltung sei ein unverzichtbarer Beitrag für die Friedensstadt Osnabrück.

(Foto: Emily Ates)

Töchter erinnern an den Brückenbauer

Im Namen der Familie sprach Yılmaz Akyüreks Tochter Tülin Akyürek, die als Unternehmerin in Köln lebt. Sie dankte der Stadt und dem Büro für Friedenskultur für die Organisation und Ausrichtung des Festes.

Ihr Vater sei weit über die Grenzen Osnabrücks als hilfsbereiter und weitsichtiger Mensch bekannt gewesen. „Er hat unermüdlich Brücken gebaut. Er war überzeugt, dass wir alle voneinander lernen können – egal welche Herkunft, welche Sprache oder welchen Glauben wir haben. Für ihn war Vielfalt kein Problem, sondern ein Geschenk, für das man dankbar sein sollte.“

Akyürek war viele Jahre Vorsitzender des „Türkischen Elternvereins Osnabrück“ (1977–1985) und setzte sich besonders für die Bildung türkischer und zugewanderter Schüler ein. Mehr als zwei Jahrzehnte engagierte er sich aktiv im Ausländerbeirat der Stadt.

Im Namen der Familie sprach Yılmaz Akyüreks Tochter Tülin Akyürek (Foto: Emily Ates)

Bunte Show, begeisterte Besucher, internationale Gäste

Das Bühnenprogramm begeisterte Jung und Alt: Besonders die Folklore-Tanzgruppe der Jugendabteilung der DİTİB-Moschee aus der Frankenstraße erntete großen Applaus. Schüler aus umliegenden Schulen sowie weitere Künstler trugen Lieder auf Gitarre und Saz vor, während internationale Musik- und Tanzgruppen für ein weltoffenes Flair sorgten.

Zahlreiche Vereine und städtische Einrichtungen präsentierten sich zudem auf Ständen. Unter den Gästen waren auch Vertreter der Partnerstädte Osnabrücks – aus der Türkei war die Stadt Çanakkale offiziell vertreten. Das Fest endete mit sportlichen und kulturellen Vorführungen verschiedener Organisationen und Vereine – ganz im Sinne des großen Versöhners und Vorbilds Yılmaz Akyürek.

 


Yasin Baş ist Politologe, Historiker, Autor und freier Journalist. Zuletzt erschienen seine Bücher: „Islam in Deutschland – Deutscher Islam?” sowie „nach-richten: Muslime in den Medien”.


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Türkei
Yücel: „Der türkische Rechtsstaat ist kein Wunschkonzert“

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Wer sich in Deutschland öffentlich zur Türkei äußert oder einen Kommentar abgibt, orientiert sich in Teilen der deutschen Öffentlichkeit an einer bereits etablierten stillen Gewissheit — und das hat System: Je komplizierter ein juristisches Verfahren, desto vereinfachter und reißerischer muss seine mediale Aufbereitung ausfallen, desto stärker muss der Blick auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan gelenkt und ausgeschmückt werden.

Und je politisch undurchschaubarer ein Land wahrgenommen wird, desto geringer erscheint offenbar die Notwendigkeit, rechtsstaatliche Abläufe sauber darzustellen oder zumindest informativ zu bleiben.

Der juristische Streit um den 38. CHP-Parteitag von 2023 ist dafür ein Musterbeispiel — und gleichzeitig ein Lehrstück darüber, wie rasch aus rechtlichen Verfahren politische Erzählungen und reißerische Diskurse konstruiert werden, um eine bestehende Gewissheit weiter zu festigen.

Was dabei systematisch verschwiegen wird: Nicht das vermeintliche Ego des ehemaligen und nunmehr wiedereingesetzten CHP-Parteivorsitzenden Kemal Kılıçdaroğlu oder eine unterstellte Schadenfreude Recep Tayyip Erdoğans steht im Zentrum der eigentlichen Auseinandersetzung — sondern der Vorwurf einer manipulierten oder zumindest fragwürdigen Parteitagswahl.

Wenn dieser Aspekt systematisch zur Nebensache erklärt oder bewusst ausgeblendet wird, sagt das mehr über die politischen Prioritäten und moralischen Maßstäbe bestimmter Milieus und Medien aus als über die türkische Justiz. So verfestigt sich zunehmend der Eindruck, dass demokratische Defizite innerhalb der CHP als tolerierbar gelten können — sofern sie dem erhofften Machtwechsel nützen.

Genau diese Bereitschaft zum selektiven Wegsehen wirkt beunruhigend — womöglich beunruhigender als jene Machtstrukturen, die man kritisiert und vorgibt überwinden zu wollen. Wenn europäische Medien diese Narrative unhinterfragt übernehmen, bestärkt das die türkische Gemeinschaft in der Überzeugung, dass es dabei gar nicht um Demokratie geht, sondern um einen herbeigewünschten Machtwechsel — einer, der dem Willen der türkischen Bevölkerung zuwiderläuft.

Aus Recht wird Narrativ

Der Begriff „Mutlak Butlan“ — absolute Nichtigkeit — im Zusammenhang mit der Rückabwicklung des 38. CHP-Parteitags von 2023 und der Wiedereinsetzung des damals abgewählten Parteivorsitzenden wird etwa so behandelt, als handele es sich um eine Art politischen Notausschalter: einmal ausgesprochen, und eine Wahl, ein Parteitag oder eine Entscheidung existiert schlicht nicht mehr.

Tatsächlich handelt es sich um eine außerordentlich hohe juristische Schwelle im Zivilrecht, die nur unter eng definierten Voraussetzungen überhaupt gerichtlich festgestellt werden kann — und zwar nicht politisch, sondern instanzenübergreifend und verfahrensgebunden.

In diesem Fall lag zum 38. CHP-Parteitag zunächst ein erstinstanzliches Urteil vor — gefällt vom Asliye Hukuk Mahkemesi — in dem das Gericht die Klage jener Parteiimitglieder, die Özgür Özel zuvor in Ungnade gefallen waren, einschließlich des ehemaligen Vorsitzenden Kemal Kılıçdaroğlu, in wesentlichen Teilen als unzulässig und unbegründet abwies, ohne den Inhalt der Parteitagswahl von 2023 überhaupt zu prüfen.

Mit anderen Worten: Die Kläger waren höchstwahrscheinlich übereilt und unzulänglich vorbereitet vor Gericht erschienen. Man kann sich noch das Triumphgefühl jener vorstellen, die das erstinstanzliche Urteil mit Genugtuung aufnahmen — allen voran Özgür Özel, der sich damals sichtlich stolz in Pose warf.

Als dieselben Kläger nun gut vorbereitet und mit fundierten Argumenten vor das İstinaf — das Berufungsgericht, Bölge Adliye Mahkemesi — traten, hatten sie Erfolg. Diejenigen, die zuvor Befriedigung über das erstinstanzliche Urteil empfunden hatten, verfielen in Aufregung und Randale — allen voran Özgür Özel, der angesichts des drohenden Verlusts seines Vorsitzes umgehend zum Fraktionsvorsitzenden gewählt wurde und zum Widerstand in den Räumen der Parteizentrale aufrief.

Zu beachten ist dabei: Beide Klagen gingen von CHP-Mitgliedern beziehungsweise von Özgür Özel zuvor aus der Partei ausgeschlossenen ehemaligen Mitgliedern aus, die von parteiinternen Anwälten vertreten wurden.

In der europäischen und deutschen Öffentlichkeit jedoch wird aus diesem differenzierten Rechtsbegriff ein politisches Schlagwort konstruiert — eine Waffe, die stets denselben Schuldigen ins Feld führt. Das gewünschte Ergebnis verdankt sich einer Reihe gezielter Informationsverzerrungen: Nicht das Verfahren selbst steht im Mittelpunkt, sondern die angestrebte politische Lesart — insbesondere in Europa und ganz besonders in Deutschland.

Das ist bemerkenswert, zumal das europäische Parteirecht dem Grunde nach auch in der Türkei Anwendung findet. Vor dem Gang zu staatlichen Gerichten stand den Klägern der innerparteiliche Instanzenzug offen — der jedoch ausgeschöpft oder durch Parteiausschlüsse blockiert worden war, weshalb schließlich ein Zivilgericht angerufen wurde.

Zivilgerichte befassen sich aber weniger mit inhaltlichen Parteibeschlüssen, sondern vorrangig mit Verfahrensfehlern oder dem Ablauf von Wahlen, die etwa auf Willkür beruhen. Und genau das wird in europäischen Zeitungen und deutschen Kolumnen aus unerfindlichen Gründen nicht ausgeführt.

Das klassische Missverständnis: Ein Urteil ist kein Endpunkt

Noch schwerer wiegt die systematische Verkürzung gerichtlicher Abläufe. Ein zweitinstanzliches Urteil wird isoliert herausgegriffen, während erst- oder revisionsinstanzliche Entscheidungen entweder übergangen oder nur selektiv erwähnt werden — je nachdem, wie gut sie in das gewünschte Bild passen.

Dabei bildet genau dieses mehrstufige Verfahren den Kern jedes modernen Rechtsstaats — und es wurde von den Klägern aus den Reihen der CHP vollständig ausgeschöpft. Wer aus einer ersten oder zweiten Entscheidung bereits ein abschließendes politisches Urteil konstruiert, verwechselt Prozess mit Ergebnis. Bereits hier liegt in der europäischen und deutschen Berichterstattung ein Denkfehler, der tiefergehende Fragen aufwirft. Der Unterschied liegt nicht im Rechtssystem selbst — er liegt in der Art seiner Darstellung.

Merkwürdigerweise scheinen die hiesigen Medien den Hintergrund der Abwahl Kemal Kılıçdaroğlus beim 38. Parteitag aus dem Blick verloren zu haben. Seine Person spielt jedoch eine außerordentliche Rolle, weil er selbst Stein des Anstoßes war und heute erneut den Parteivorsitz innehat.

In der Türkei reagieren Anhänger von Özgür Özel, Ekrem İmamoğlu und Mansur Yavaş auch deshalb so aufgewühlt, weil Kılıçdaroğlu und weitere Parteimitglieder die Parteitagswahl unmittelbar danach intern angezweifelt und eine juristische Aufarbeitung eingefordert hatten — und das wird in Europa nicht so kommuniziert.

Jede andere Partei hätte die Vorwürfe möglichst rasch, ruhig und ohne Aufhebens aus dem Weg geräumt — schon im Interesse demokratischer Glaubwürdigkeit. Die CHP-Führung unter Özgür Özel tat das genaue Gegenteil: Parteiinterne Kritiker wurden zunächst ausgeschlossen, Kılıçdaroğlu zum Verräter oder Egoisten erklärt, die Justiz angegriffen — und alles Erdoğan angelastet. Die Folgen sind bekannt: der tiefe Fall von Özgür Özel und seinem Lager.

Weitere rechtsstaatliche Folgeerscheinungen

Und nun wird es interessant: Özgür Özel und seinem Umfeld drohen im gegenwärtigen Kontext nicht nur der Verlust politischer Reputation, sondern konkrete strafrechtliche Konsequenzen — auf mehreren Ebenen.

Erstens begründete das Berufungsgericht sein Mutlak-Butlan-Urteil mit schwerwiegenden Unregelmäßigkeiten bei der Parteitagswahl von 2023. Konkret stand der Vorwurf im Raum, Delegierte seien bestochen worden, um für Özgür Özel zu stimmen und Kılıçdaroğlu abzuwählen. Das Gericht befasste sich vor allem mit der Frage, ob die Zahl der „erkauften“ Stimmen ausreichte, um das Wahlergebnis zu kippen.

Die zweite Instanz sah dies als erwiesen an. Wäre die Zahl der beeinflussten Stimmen nicht ausschlaggebend gewesen, wäre Özel womöglich mit einem blauen Auge davon gekommen. Sollte die Generalstaatsanwaltschaft nun auf Grundlage dieser Urteilsbegründung Anklage wegen politischer Korruption oder Stimmenkaufs erheben, drohen Özel direkte strafrechtliche Konsequenzen. Im Zuge der Ermittlungen rund um den Parteitag wurden bereits erste Delegierte verhaftet.

Zweitens zerriss Özgür Özel das ihm offiziell zugestellte Urteil zur absoluten Nichtigkeit sowie das Räumungsurteil der Parteizentrale öffentlichkeitswirksam vor laufenden Kameras. Im türkischen Strafrecht kann dies als Beschädigung oder Vernichtung amtlicher Dokumente beziehungsweise als gezielte Missachtung der Justiz gewertet werden.

Drittens rief Özel öffentlich zum Widerstand auf, besetzte zeitweise die CHP-Parteizentrale und ließ Barrikaden errichten — bis die Bereitschaftspolizei unter Einsatz von Tränengas räumte. Das Aufstacheln zu Barrikadenbauten und das Nichtbefolgen gerichtlicher Anordnungen bieten der Staatsanwaltschaft reichlich rechtliche Handhabe für Verfahren wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt.

Das kann im äußersten Fall sogar ein politisches Betätigungsverbot nach sich ziehen.
Angesichts dieser Vorkommnisse — und im Zusammenhang mit dem Fall Ekrem İmamoğlu — werden die kommenden Tage und Wochen noch tieferen Einblick gewähren, was im Einzelnen vorgefallen ist. Die ermittelnden Staatsanwaltschaften und Gerichte beschäftigen sich bereits damit.

Die Illusion moralischer Eindeutigkeit

Besonders auffällig ist der europäische Drang, komplexe innerparteiliche Konflikte moralisch aufzuladen und auf Regierungsebene zu heben. Was im Kern ein juristischer Streit über parteirechtliche Verfahrensfragen bei einem Parteitag war, wurde rasch zur Grundsatzfrage von „Demokratie“ oder „Autoritarismus“ umgedeutet — und schon wieder derselbe vertraute Schuldige ins Spiel gebracht, der europäischen Beobachtern offenbar seit mehr als einem Jahrzehnt Kopfschmerzen bereitet.

Das mag politisch bequem sein — juristisch ist es unredlich, moralisch fragwürdig. Parteien sind keine moralischen Reinräume, und Gerichte sind keine politischen Schiedsrichter über die Qualität von Parteiführung. Ob es sich um Kemal oder Özgür handelt, ist dem Gericht vollkommen gleichgültig. Es prüft Rechtmäßigkeit — nicht politische Präferenzen oder persönliche Sympathien.

Der eigentliche blinde Fleck

Der grundlegende Fehler liegt nicht allein in der Berichterstattung über einzelne Urteile, sondern in der beharrlichen Weigerung, Recht als Prozess zu verstehen. Stattdessen wird Recht als Ereignis behandelt: Ein Urteil fällt — also ist die Sache „klar“, und irgendjemand auf Regierungsebene trägt die Schuld.

Doch genau diese Denkweise ist das genaue Gegenteil von Rechtsstaatlichkeit. Sie ersetzt Prüfung durch Schlussurteil und Verfahren durch vorgefasste Meinung.
Rechtsstaat ist kein Erzählformat

Das Urteil zum CHP-Parteitag von 2023 belegt keinen Zusammenbruch rechtsstaatlicher Logik — sondern die mühsame Arbeit, sie in demokratische und parteirechtliche Rahmenbedingungen zurückzuführen, angestoßen von Klägern aus den eigenen Reihen der CHP.

Wer ernsthaft über Recht spricht, muss aushalten, dass es Zwischenschritte, Revisionen, Widersprüche und Korrekturen gibt. Wer stattdessen auf sofortige Eindeutigkeit besteht, eigene politische Präferenzen verteidigt und Moral einem Machtwechsel unterordnet, produziert keine Analyse — sondern politische Dramaturgie im Dienst des Machtwillens.

Der türkische Rechtsstaat ist kein Wunschkonzert — und er verdient keinen europäisch zurecht gebogenen Leitartikel, der seinen Schuldigen bereits kennt, bevor die erste Zeile geschrieben ist.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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Kommentar: Imamoglu und das Chaos namens CHP

Hanau-Attentat
Regensburg fordert dauerhaften Gedenkort für Hanau-Opfer Fatih Saraçoğlu

Regensburg – Am Schwanenplatz in Regensburg ist in den vergangenen Wochen ein Ort entstanden, der für viele Menschen in dieser Stadt lange gefehlt hat: ein sichtbares Zeichen der Erinnerung an Fatih Saraçoğlu — einen jungen Mann, der in Regensburg aufwuchs und am 19. Februar 2020 beim rechtsterroristischen Anschlag in Hanau ermordet wurde.

Fatih Saraçoğlu wurde am 1. April 1985 im türkischen Iskilip in der Provinz Çorum geboren. Er wuchs in Regensburg auf, absolvierte dort seine Schulausbildung und seine Berufsausbildung, lebte mit Familie und Freunden in der Stadt.

Erst wenige Jahre vor seinem Tod war er nach Maintal im Rhein-Main-Gebiet gezogen, um sich als Schädlingsbekämpfer selbstständig zu machen — bundesweit wollte er tätig werden. Sein Bruder Hayrettin beschrieb ihn so: „Er war jemand, der viele Ideen hatte, der viel wollte. Er hat mich auch immer angetrieben.“ Fatih Saraçoğlu wurde 34 Jahre alt. Vier Kugeln trafen ihn auf offener Straße vor der Shisha-Bar „Midnight“ am Hanauer Heumarkt.

Der Anschlag von Hanau

In der Nacht des 19. Februar 2020 verübte der Rechtsterrorist Tobias R. einen rassistisch motivierten Anschlag auf zwei Shisha-Bars in Hanau. Binnen weniger Minuten ermordete er neun Menschen: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kenan Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov.

Ibrahim Akkuş starb am 10. Januar 2026 im Alter von 70 Jahren als zehntes Todesopfer an den Spätfolgen des Anschlags. Der Täter erschoss anschließend seine Mutter und sich selbst. Der Generalbundesanwalt stellte fest, dass die Tat strategisch und planvoll ausgeführt worden war.

Die Familie Saraçoğlu erfuhr vom Tod Fatihs erst durch seine Vermieterin. Gewebeproben wurden ihnen laut Hayrettin Saraçoğlu teilnahmslos ausgehändigt, psychologische Betreuung wurde nicht angeboten. „Das Ursprungsproblem des Anschlags und des Behördenumgangs mit den Angehörigen sei Rassismus“, erklärte Hayrettin Saraçoğlu öffentlich.

Eine temporäre Installation — und eine dauerhafte Forderung

Die aktuelle Initiative am Schwanenplatz geht auf den Neuen Kunstverein Regensburg zurück. In Abstimmung mit der Familie wurde im Rahmen einer sogenannten „Kunsthaltestelle“ ein Schild mit der Aufschrift „Fatih-Saraçoğlu-Platz“ angebracht.

Alle 30 Minuten erklingt ein akustisches Element: das Gedicht „In der Sprache des Mörders“, verfasst von Derya Saraçoğlu, der Schwägerin von Fatih. Der Künstler Jonas Höschl versteht die Intervention als Einladung zur Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur und gesellschaftlicher Verantwortung.

Doch die Installation ist auf drei Monate begrenzt — und genau daran entzündet sich die Kritik. Es ist nicht das erste Mal, dass Regensburg versucht, an Fatih Saraçoğlu zu erinnern.

Bereits zuvor wurde der Neupfarrplatz unter dem Motto „#SayTheirNames“ vorübergehend in „Fatih-Saraçoğlu-Platz“ umbenannt — Plakate wurden damals von Unbekannten heruntergerissen, die Veranstalter erhielten ein Bußgeld vom städtischen Ordnungsamt wegen falsch aufgehängter Plakate. Das Gedenken an den Regensburger verkam zum Rechtsstreit, bei dem die Stadt ein würdeloses Bild abgab.

Sechs Jahre — und noch kein dauerhafter Gedenkort

Sechs Jahre nach dem Anschlag von Hanau gibt es in Regensburg noch immer keinen dauerhaften und würdigen Gedenkort für Fatih Saraçoğlu. Forderungen der Familie sollen über Jahre hinweg unbeantwortet geblieben sein, Zusagen der ehemaligen Oberbürgermeisterin bislang nicht eingehalten worden sein.

Bis heute warten die Angehörigen auf zentrale Zeichen des Erinnerns — darunter eine Grabsteinlegung, eine Straßenumbenennung sowie eine dauerhafte Gedenktafel.
Besonders schmerzlich: In Fatihs Geburtsstadt Iskilip in der Türkei wurde bereits vor Jahren eine Straße nach ihm benannt — ausgerechnet in Regensburg, der Stadt, mit der er den größten Teil seines Lebens verband, fehlt ein solcher Ort bis heute.

„Wir hatten keine Ahnung, wie laut Schweigen sein kann“, wird die Familie zitiert.

Die Forderung

Mutlu Koçak, Autor, Aktivist und Unterstützer der Familie, verweist auf einen Widerspruch, der in vielen deutschen Städten sichtbar ist: Straßen tragen noch immer Namen historischer Persönlichkeiten, die mit Kolonialverbrechen oder autoritären Regimen in Verbindung stehen — während die Würdigung von Opfern rechter Gewalt oft temporär bleibt oder ganz ausbleibt.

Die Forderung der Familie und ihrer Unterstützerinnen und Unterstützer ist klar: Der Fatih-Saraçoğlu-Platz soll dauerhaft bestehen bleiben. Darüber hinaus wird ein grundsätzlicher Wandel im Umgang mit öffentlicher Erinnerung gefordert — Täter-Namen sollen aus dem öffentlichen Raum verschwinden, während die Namen der Opfer sichtbar und dauerhaft verankert werden.

Derya Saraçoğlu/links, Hayrettin Saraçoğlu/Mitte, Mutlu Koçak/rechts

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Sechs Jahre danach: Die Wunde von Hanau bleibt offen

Israel
Oppositionspolitiker Jair Lapid: Netanjahu ist gealtert und müde

Jerusalem – Jair Lapid, ehemaliger israelischer Premierminister und heutiger Oppositionsführer, hat scharfe Kritik an Premierminister Benjamin Netanyahu und dem sich abzeichnenden Abkommen zwischen den USA und Iran geübt.

„Das sich abzeichnende Abkommen mit Iran ist eine Katastrophe“, schrieb Lapid auf X. „Ich habe den Krieg gegen Iran von Anfang an unterstützt, aber das politische Management des gesamten Ereignisses hätte nicht schlechter sein können. Alles, was nicht hätte passieren dürfen — ist passiert.“

Lapid machte Netanyahu persönlich für das Versagen verantwortlich: „Benjamin Netanyahu ist ein talentierter Mensch, aber er ist gealtert, er ist müde geworden — und er ist von den am wenigsten geeigneten Menschen zur Führung eines Staates umgeben.“

Was das Iran-Abkommen vorsieht

Hintergrund ist ein sich abzeichnendes Memorandum of Understanding zwischen den USA und Iran, das die Grundlage für weitere Verhandlungen über Irans Nuklearprogramm legen soll.

US-Präsident Donald Trump hatte erklärt, die Einigung beinhalte die Wiedereröffnung der Straße von Hormus — erwähnte aber das iranische Atomprogramm nicht, obwohl er zuvor wiederholt betont hatte, Iran dürfe keine Atomwaffen entwickeln und müsse seinen Bestand an auf 60 Prozent angereichertem Uran aufgeben.

Israelische Sicherheitsbeamte zeigen sich laut CNN besorgt, dass das Abkommen Iran Zeit zur wirtschaftlichen und militärischen Erholung verschaffe — danach wäre es „für die Amerikaner und uns schwer, zurückzukehren und zu kämpfen“. Auch führende republikanische Senatoren in den USA bezeichneten die gemeldeten Bedingungen als „Alptraum für Israel“.

Avigdor Liberman, Chef der israelischen Oppositionspartei Yisrael Beytenu, erklärte: „Jedes Abkommen ist aus unserer Sicht eine Katastrophe, weil jedes Abkommen die Ajatollahs an der Macht lässt.“

Lapid: Ehemaliger Premier und scharfer Netanyahu-Kritiker

Jair Lapid ist keine unbedeutende Stimme in der israelischen Politik. Von Juli 2022 bis Dezember 2022 war er Premierminister Israels, davor langjährig Finanzminister und Oppositionsführer.

Als Gründer und Chef der Partei Jesch Atid gehört er zu den profiliertesten Kritikern Netanyahus. Lapid hatte Netanyahu bereits in der Vergangenheit mehrfach gewarnt — unter anderem vor dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023, als er öffentlich vor einer drohenden Sicherheitskatastrophe warnte.

Beobachter weisen darauf hin, dass Lapids Aussagen — Netanyahu sei „gealtert“ und „von den falschen Menschen umgeben“ — besonderes Gewicht haben, weil sie aus dem israelischen Establishment selbst kommen und nicht von außen.

Sie treffen Netanyahu in einem Moment, in dem seine Umfragewerte auf einem historischen Tiefpunkt liegen und die Opposition laut aktuellen Erhebungen eine Mehrheit im Parlament erreichen könnte

 


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Krise in der Opposition
Türkei: Oppositionspartei CHP steckt in der Krise

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel

In der Türkei macht sich eine gewisse Ratlosigkeit breit, wenn es darum geht zu erklären, was gerade in der heimischen Parteilandschaft passiert: Die größte Oppositionspartei des Landes, die CHP, steckt nach dem fulminanten Sieg bei der Kommunalwahl Ende März 2024 in der Krise.

Spulen wir zurück: Im Herbst 2023 konnte sich das Trio Özgür Özel, Ekrem İmamoğlu und Mansur Yavaş bei der CHP-Parteiwahl gegen den damals amtierenden Parteivorsitzenden Kemal Kılıçdaroğlu durchsetzen. Özgür Özel wurde zum Parteivorsitzenden gewählt. Kılıçdaroğlu sprach nur wenige Stunden nach der Abwahl von einem Dolchstoß seitens seiner Parteijünger Özel, İmamoğlu und Yavaş gegen ihn und stieß damit ein Stein ins Rollen.

Kennen Sie den Vers aus Eduard Mörikes berühmtem Gedicht „Die traurige Krönung“? Das beschreibt exakt die gegenwärtige Lage.

Nachdem Kemal Kılıçdaroğlu, der aus Tunceli stammt und Alevite ist, die Dolchstoßlegende in die Welt gesetzt hatte, setzten sich immer mehr Mitglieder der CHP, darunter auch namhafte Führungspersönlichkeiten von der neuen Parteiführung ab und fichten die Rechtmäßigkeit des 38. Ordentlichen CHP-Parteitags (bei dem Kılıçdaroğlu im November 2023 gegen Özgür Özel verlor) gerichtlich an. Sie forderten eine absolute Nichtigkeit (Mutlak-Butlan) dieses Parteitags, um die Führung der Partei parteirechtlich neu zu ordnen.

Während Özgür Özel, Ekrem İmamoğlu und Mansur Yavaş den Vorstoß Kılıçdaroğlus als fingierten „Palastputsch“ bezeichneten und damit den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan als Urheber vorhielten, geriet der Istanbuler OB Ekrem İmamoğlu in Zusammenhang mit bandenmäßiger Korruption sowie illegalen Ausschreibungen ins Visier der Justiz, nachdem die ersten Anzeigen und Belastungsmaterialien gegen Ekrem Imamoğlu aus den Reihen seiner eigenen Partei, der CHP, in die Hände der Generalstaatsanwaltschaft gegeben wurden.

Das heißt, die Krise in der Türkei in Zusammenhang mit der CHP, wurde von Mitgliedern der CHP selbst angestoßen, die Ursache aber von der neuen Führung der CHP bei Erdoğan verortet.

Der Punkt ist: Die Erzählgeschichte von Özgür Özel, Ekrem İmamoğlu und Mansur Yavaş über die Rolle der Regierung konnte so nicht stimmig sein. Laut Anzeigenerstattern verlief bereits die Parteiwahl Özels alles andere als demokratisch. Delegierte wurden geschmiert, mit sündhaft teuren Bar-Aufenthalten und Geschenken umgestimmt, damit Özgür Özel an die Parteispitze kommt.

Die Gelder wurden laut belastendem Material von Ekrem İmamoğlu bereitgestellt und auch entsprechend verteilt, um die Delegierten umzustimmen. Es brauchte eine ganze Weile, bis das zu juristischen sowie politischen Konsequenzen führen sollte. Während dieser Zeit ließ sich Özel immer wieder im Amt per Sonderparteitagen bestätigen, um einem Mutlak-Butlan-Urteil vorweg zu greifen.

Es wurde jedoch immer deutlicher, dass die Schockwellen, die die CHP-Führung trafen, den eigenen Entscheidungen der Vergangenheit geschuldet sind. Die Erzählgeschichte war wie für Sozialdemokraten geschrieben, in der sich das Trio nach wie vor sieht: Erdoğan will mit aller Macht den Spitzenkandidaten der CHP, Ekrem İmamoğlu, zu Fall bringen.

Das Problem ist: Die CHP und ihre Wähler wollen es nicht einmal hören, was die Justiz und vor allem das oppositionelle Lager innerhalb der CHP selbst, das sieht. Wie nahezu alle anderen oppositionellen Parteien ist die CHP gefangen in den starren Denkweisen, die erst zu dieser Krise geführt haben.

Namhafte CHP-Mitglieder warnten beizeiten davor, Mitglieder, die wegen Korruption oder Bestechung ins Visier der Justiz geraten, weiterhin in der Partei zu behalten. Nur wenige Wochen nach der Inhaftierung Ekrem İmamoğlus, nahm die Verhaftungswelle ungeahnte Ausmaße an.

Landesweit durchsuchten Ermittler Parteibüros und städtische Betriebe, um belastendes Material zu finden, die die Vorwürfe erhärten. Mitglieder der CHP, gegen die die Vorwürfe erhoben wurden, machten von der Kronzeugenregelung gebrauch, um das mögliche Strafmaß zu mildern, was zu neuerlichen Razzias der Polizei führten.

In der CHP-Führung hielt man entgegen der Ratschläge an den eigenen Mitgliedern fest, die mit Korruptions- und Bestechungsvorwürfen in Untersuchungshaft kamen. Stattdessen unterstrich man die Erzählgeschichte, wonach alles Erdoğan zu verantworten habe, um seine Kontrahenten aus dem Weg zu räumen.

In diesen wirren Zeiten wurden reihenweise CHP-Mitglieder mit Parteiausschlussverfahren überzogen, die sich angeschickt hatten, Kritik an der Führung zu üben oder belastendes Material veröffentlicht zu haben.

Auf der anderen Seite hielt man daran fest, Mitglieder in Schutz zu nehmen, die mit strafrechtlichen Konsequenzen zu rechnen hatten. Die treuen Wählerschichten ertragen bis heute diese Erzählgeschichte, die weit über die Grenzen hinaus getragen werden und daran glauben, dass die Verräter (Hain) in den eigenen Reihen sitzen und Erdoğan zuarbeiten.

Die ohnehin angespannten innerparteilichen Konflikte eskalierten diese Woche weiter, nachdem ein Gericht die Wahl des Parteivorsitzenden Özgür Özel im Herbst 2023 für ungültig erklärte und Kemal Kılıçdaroğlu vorläufig wieder einsetzte. Kılıçdaroğlu prüft derzeit Berichten zufolge, die Parteimitgliedschaft des inhaftierten Ekrem Imamoğlu und anderer angeklagter Mitglieder vorerst auszusetzen.

Dies befeuert die Debatte um den parteiinternen Verrat erneut massiv, wird Kemal Kılıçdaroğlu als „Hain“ bezeichnet. Das konnte man eindrucksvoll nach der Urteilsverkündung verfolgen, als in der CHP-Parteizentrale in Istanbul oder Ankara aus der „Ahnenreihe der CHP“ die Bilderrahmen mit dem Konterfei Kılıçdaroğlus von der Wand gerissen wurden.

Zusammenfassend handelt es sich um eine existenzielle Zerreißprobe für die türkische Oppositionspartei CHP, bei der das Lager um Özel, İmamoğlu und Yavaş versucht, die Errungenschaften der Kommunalwahl und die Präsidentschaftsambitionen gegen den juristisch-politischen Revanche-Versuch Kılıçdaroğlus zu verteidigen. Erdoğan hat sich inzwischen mit der Rolle des lüsternen Machthabers abgefunden, mit der die Opposition die Krise erklärt haben will.


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Flotilla-Skandal
Mattner über Ben Gvir: Wie ein beleidigter Türsteher vor einer Dorfdisco

Ein Gastkommentar von Susanne Mattner

Die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ hat wieder einen großen Auftritt hingelegt. Diesmal: Israels Polizeiminister Itamar Ben-Gvir.

Der Mann, der offenbar dachte: „Wie reagiert man staatsmännisch auf internationale Aktivisten, die auf eine humanitäre Katastrophe aufmerksam machen wollen?“ Vielleicht mit Diplomatie? Mit rechtsstaatlicher Souveränität? Mit irgendeiner Form von Würde?

Nein. Natürlich nicht.

Stattdessen filmt man sich lieber dabei, wie man gefesselte Aktivisten verhöhnt, triumphierend israelische Fahnen schwenkt und sinngemäß erklärt: „Wir sind hier die Hausherren.“ Ein Auftritt irgendwo zwischen Schulhof-Schläger, Fußball-Hooligan und autoritärem Provinzfürsten mit TikTok-Sucht.

Man muss sich das wirklich vorstellen: Menschen sitzen fest, Gaza verhungert, die Welt diskutiert über humanitäre Hilfe — und ein Minister einer angeblichen Vorzeige-Demokratie produziert ein Video, das wirkt, als hätte jemand die Kommentarspalte eines rechtsextremen Telegram-Kanals verfilmt. Aber keine Sorge: Das nennt man vermutlich „westliche Werte“.

Und genau das ist die eigentliche Farce: Wäre ein Minister eines anderen Landes grinsend durch die Gegend gelaufen, während Aktivisten gedemütigt werden, hätten dieselben Medien längst Sondersendungen über autoritäre Entgleisungen produziert. Aber hier? Da heißt es dann: „komplizierte Sicherheitslage.“ Das politische Äquivalent von: „Ja, der Mann hat das Haus angezündet, aber man muss auch seine Perspektive sehen.“

Besonders grotesk ist diese Mischung aus Daueropferrolle und Machtdemonstration. Ein Staat mit einer der stärksten Armeen der Welt benimmt sich gegenüber unbewaffneten Aktivisten wie ein beleidigter Türsteher vor einer Dorfdisco.

Und Ben-Gvir? Der wirkt dabei wie jemand, der Demokratie ausschließlich als die Freiheit versteht, andere öffentlich zu erniedrigen.

Das Beeindruckendste ist fast noch die völlige Abwesenheit jedes politischen Schamgefühls. Früher versuchten Regierungen wenigstens noch, autoritäres Verhalten zu verstecken. Heute wird es offenbar direkt als Social-Media-Content produziert. Mit Fahne. Mit Grinsen. Mit Likes. 

Aber klar: Das ist also die moralische Supermacht, die der Welt permanent erklärt, was Zivilisation bedeutet.

Eine Demokratie, die Aktivisten verspottet, humanitäre Kritik dämonisiert und jede Empathie sofort unter Terrorverdacht stellt — wie beruhigend, dass uns genau solche Leute ständig etwas über Werte erzählen wollen.


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Antisemitismusbeauftragte: Schützen sie Juden oder Israel?

Rechtsextremismus
Der rassistische Mord an Ufuk Şahin: „Ich bin ein Mensch wie Du“

Berlin –  Es war ein gewöhnlicher Frühlingsabend im Berliner Märkischen Viertel. Der 24-jährige Ufuk Şahin und sein Freund Murat P. tranken Tee, gingen spazieren — und begegneten dabei Andreas S. und seiner Verlobten. Andreas S. rief lautstark in ihre Richtung:

„Seitdem diese Ausländer hier sind, gibt es keine Sicherheit mehr. Sieh mal da, zwei Kanaken.“

Şahin und sein Freund gingen weiter, ohne zu antworten. Auf dem Rückweg liefen die beiden abermals in Andreas S. hinein. Dieser brüllte sie erneut an: „Ausländer raus!“, „Kanaken raus!“, „Deutschland den Deutschen!“ Şahin stellte sich vor ihn und fragte, warum er das sage. Andreas S. zog ein Messer und stach zu. Die Klinge traf eine Hauptschlagader. Ufuk Şahin verblutete noch am Tatort. Es war der 12. Mai 1989. Seine letzten Worte an seinen Mörder waren: „Ich bin ein Mensch wie Du.“ Rechts

Ein Leben, das gerade begonnen hatte

Ufuk Şahin war mit fünf Jahren mit seinen Eltern nach West-Berlin gekommen. Er machte seinen Realschulabschluss, absolvierte eine Ausbildung zum Schlosser und arbeitete bei der Berliner Firma Waggon-Union. Nebenbei betrieb er einen kleinen Imbiss.

Zwei Jahre vor seinem Tod hatte er geheiratet — die junge Familie lebte im Märkischen Viertel, ihr Sohn war zwei Jahre alt. Nachbarn beschrieben Şahin als höflich, vernünftig, jemanden der beruhigend auf jüngere Viertelsbewohner einwirkte wenn es nötig war. Er wurde 24 Jahre alt.

Kein rassistisches Motiv — laut Polizei

Die ermittelnde Mordkommission sah keine Anhaltspunkte für ein fremdenfeindliches Motiv des Täters. Das, obwohl Andreas S. wegen Körperverletzung vorbestraft war, Nachbarn und Zeugen ihn übereinstimmend als Ausländerhasser beschrieben, der mit einem Luftdruckgewehr auf Migrantenkinder gezielt hatte, militärisch salutierte und im Wald Wehrsportübungen durchführte.

Im Oktober 1989 verurteilte ihn ein Berliner Gericht wegen Körperverletzung mit Todesfolge — zu fünf Jahren Haft. Weder Gericht noch Staatsanwaltschaft wollten ein rassistisches Motiv erkennen, obwohl der Täter selbst „Ärger über all die Kanaken“ geäußert hatte.

Bei Gedenkveranstaltungen nach dem Mord griffen Neonazis die Trauernden an. In Schöneberg zeigten Rechtsextremisten den Hitlergruß, beleidigten die Trauernden rassistisch und bewarfen sie mit Eiern.

Institutioneller Rassismus — kein Einzelfall

Der Fall Ufuk Şahin steht nicht allein. Er steht für ein Muster, das sich durch die deutsche Nachkriegsgeschichte zieht und das beim NSU-Komplex besonders deutlich wurde. Jahrelang mordeten die Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds ungehindert — neun türkische Kleinunternehmer, ein griechischer Gewerbetreibender, eine Polizistin.

Statt in Richtung Rechtsterrorismus zu ermitteln, beschuldigten die Behörden jahrelang die Familien der Opfer. Der bayerische Kriminalbeamte und Profiler Alexander Horn hatte bereits 2006 in einer Fallanalyse einen rechtsextremistischen Hintergrund identifiziert — niemand nahm seine Analyse ernst.

Beim NSU-Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße am 9. Juni 2004 wurden 22 Menschen verletzt, vier davon schwer. Anwohner und Betroffene wiesen unabhängig voneinander auf ein rassistisches Motiv hin. Die Ermittler verfolgten diese Hinweise nicht.

221 Tote — der Staat zählt nur 117

Seit der Wiedervereinigung dokumentiert die Amadeu-Antonio-Stiftung derzeit 221 Todesopfer rechter und rassistischer Gewalt in Deutschland — staatliche Behörden erkennen lediglich 117 davon offiziell an.

Die Lücke von über 100 anerkannten Toten ist kein Zufall. Für viele Fälle aus den 1990er Jahren wurden keine Ermittlungen in Richtung eines politischen Motivs eingeleitet, Akten wurden vernichtet, Hinweise ignoriert. Die Familien der Opfer wurden häufig kriminalisiert statt unterstützt — staatliches Versagen, das ihre Wunden zusätzlich vertiefte. 

Hanau, 19. Februar 2020: Ein rechtsextremistischer Attentäter erschoss neun Menschen mit Migrationshintergrund in zwei Shisha-Bars. Der Täter hatte zuvor ein rassistisches Manifest veröffentlicht. Hanau wurde zum Symbol — und zur Mahnung, dass rechter Terror in Deutschland keine Geschichte der Vergangenheit ist.

Der 12. Mai 1989 jährt sich. Ufuk Şahin hinterließ eine Frau und einen zweijährigen Sohn. Sein Name steht für Hunderte, die vor ihm und nach ihm starben — und für ein Deutschland, das sich mit der Anerkennung dieser Taten bis heute schwer tut.

 


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Brandmauer-Debatte
Kretschmer: „AfD in Wahrheit nur heiße Luft“

Berlin – Der sächsische Ministerpräsident und stellvertretende CDU-Vorsitzende Michael Kretschmer hat die Brandmauer-Debatte in seiner Partei erneut scharf kritisiert.

„Der Begriff der Brandmauer nutzt den Rechtsextremen enorm. Sie können die Märtyrer geben. Sie stellen sich als politische Kraft dar, die vermeintlich viele Lösungen hat, aber nicht gehört wird“, sagte Kretschmer im Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (noz).

„Das hat der AfD erst ermöglicht, zur verheißungsvollen Projektionsfläche zu werden, die in Wahrheit nur heiße Luft ist. Denn was aus der Partei alles an Vorschlägen kommt, passt vorne und hinten nicht zusammen und würde nichts besser machen.“

Auf die Frage, ob die Brandmauer eingerissen gehört und die CDU mit der AfD gemeinsam regieren solle, sagte Kretschmer: „Das heißt nicht, dass man nicht sehr genau hinschauen muss. Die Partei hat einen sehr harten rechtsextremen Kern. Wenn Menschen wie Björn Höcke eine führende Rolle spielen und immer mehr an Einfluss gewinnen, kann man nicht so tun, als wäre das eine Partei wie jede andere.“

Das Einzige, was den Aufstieg der Rechtspopulisten wirklich stoppen könne, sei es, die Probleme zu lösen und sich nicht hinter Floskeln zu verstecken wie der, man müsse alles nur besser erklären, sagte Kretschmer zu „noz“.

„Die Demokratie zu stärken gelingt nur, wenn wir den Bürgern wieder mehr Freiheit geben und einen Wirtschaftsaufschwung in Gang setzen. Die Strangulierung aus Berlin und Brüssel zu lösen, das ist der Regierung in ihrem ersten Jahr noch nicht gelungen. Und nennenswerte Beiträge zur Beendigung des Ukraine-Krieges oder der Iran-Krise hat sie auch nicht geleistet. Und das enttäuscht die Leute natürlich.“

Weiter sagte der sächsische Regierungschef:

„Wir haben fast 15 Jahre Erfahrung mit der AfD. Aber noch nicht überall scheint man daraus gelernt zu haben. Alle Ausgrenzungen und Warnungen schwächen die AfD nicht, sondern stärken sie.“

Sein Appell: „Lasst uns doch bitte aufhören, über den Umgang mit den Rechtspopulisten zu reden, und endlich die Gründe für ihre Popularität beseitigen! Lasst uns die Gesellschaft zusammenführen, Mut machen zum Anpacken, ernsthaft nachdenken, wie es besser werden kann. Das ist doch eigentlich typisch deutsch, und nicht die billige populistische Verteufelung.“

Mit Blick auf den häufigen Streit in der Berliner Koalition forderte Kretschmer: „Es steht extrem viel auf dem Spiel. Die Regierung muss beweisen, dass Konsens-Demokratie und Rechtsstaatlichkeit das überlegene Konzept sind, um die Herausforderungen der Zeit zu meistern und Probleme erfolgreich zu lösen. Die Ohnmachtserfahrungen müssen für die Bürger enden, die Belehrungen aus Berlin müssen aufhören. Und ja, das sollte einer Bundesregierung in Berlin möglich sein.“

 


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Sozialstaat
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Osnabrück – Achim Truger fordert stärkere Einbindung von Beamten in den Sozialstaat – Wirtschaftsweiser warnt vor „Klassensystem“

Der Wirtschaftsweise Achim Truger hat die hohe Zahl an Beamten in Deutschland hinterfragt und eine Einbeziehung aller Staatsdiener in die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) gefordert.

„Man sollte sich fragen, ob es überhaupt so viele Beamte braucht. Lehrer und Universitätsprofessoren wie ich müssten beispielsweise nicht zwingend verbeamtet werden“, sagte Truger der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (noz).

Langfristig sei dies ein guter Weg, Staatsdiener stärker in die Solidargemeinschaft einzubinden, um die Entstehung eines Klassensystems zu verhindern. „Dass Beamte aus der gesetzlichen Krankenversicherung rausgehalten werden, halte ich für völlig falsch“, so Truger zu noz. Durch die guten Gehälter der Beamten könne die Kassenlage der GKV gestärkt werden.

Zudem kritisiert Truger eine unfaire Verteilung der Kosten im Gesundheitssystem zulasten der Beitragszahler

. „Dass es den Beamten zum Teil so gut geht, hängt auch damit zusammen, dass man das Leben der anderen über die Jahre verschlechtert hat. Etwa indem der Beitragszahler für den Großteil der Kosten der Gesundheitsversorgung von Bürgergeldempfängern aufkommen muss. Da macht sich der Bund einen schlanken Fuß.“

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Nordzypern
Lefkoşa: Israeli mit menschlichen Embryonen im Koffer

Lefkoşa/Nordzypern – Was Sicherheitsbehörden am Flughafen Ercan im türkisch kontrollierten Nordzypern am 19. Mai entdeckten, sorgte für Aufsehen:

In dem Gepäck eines 24-jährigen israelischen Staatsangehörigen befanden sich vier menschliche Embryonen — aufbewahrt in Reagenzgläsern in einem speziellen Kryobehälter mit der Aufschrift „Life Parcel“.

Der Mann stand kurz davor, einen Flug nach Mexiko via Istanbul zu besteigen. Er wurde noch am Flugsteig festgenommen.

Gleichzeitig rückten Ermittler eine IVF-Klinik in Lefkoşa, der de-facto-Hauptstadt Nordzypers, aus. Der Klinikdirektor und ein dort tätiger Arzt, beide türkische Staatsangehörige, wurden ebenfalls verhaftet.

Die Klinik soll nach Angaben der Behörden ohne die erforderliche Zulassung betrieben worden sein. Auch für die Entnahme und den internationalen Transfer der Embryonen habe es keine Genehmigung der zuständigen zyprischen Gesundheitsbehörden gegeben, hieß es. Medienberichten zufolge soll die Klinik mit dem Unternehmen Vita Altera in Verbindung stehen, das von dem in Israel tätigen Embryologen Aharon Peretz gegründet wurde.

Drei Verdächtige vor Gericht

Alle drei Festgenommenen wurden einem Gericht vorgeführt, das ihre Untersuchungshaft um zunächst zwei Tage verlängerte, um den Ermittlern Zeit zu geben, Zeugenaussagen aufzunehmen und Sicherheitskameraaufnahmen auszuwerten.

Sie werden beschuldigt, menschliche Embryonen ohne die vorgeschriebenen Genehmigungen aus Nordzypern entfernt zu haben — ein Verstoß gegen Gesetze zur Übertragung menschlicher Zellen, Gewebe und Organe.

Ziel Mexiko — Hintergründe noch unklar

Warum die Embryonen nach Mexiko gebracht werden sollten und wem sie gehören, ist bislang unklar. Ermittler prüfen laut Ynet auch die mutmaßliche Schmuggelroute: Der Flughafen Ercan im türkisch kontrollierten Teil Zyperns wird von den meisten Ländern nicht offiziell anerkannt.

Flüge von dort führen in der Regel zunächst nach Istanbul — von wo aus dann Verbindungen in alle Welt bestehen. Ob hinter dem Vorfall Leihmutterschaft, Organhandel oder andere Motive stehen, ist Gegenstand der laufenden Ermittlungen. Angaben dazu machten die Behörden bislang nicht.

Der Fall wirft laut Rechtsexperten ein Schlaglicht auf eine wachsende rechtliche Grauzone: Internationale IVF-Verfahren und grenzüberschreitende Embryonentransfers nehmen weltweit zu — die gesetzlichen Regelungen dazu unterscheiden sich jedoch von Land zu Land erheblich.

Medicus-Skandal

Der Fall erinnert an den Medicus-Skandal von 2008: Damals wurden in einer Klinik im Kosovo illegale Nierentransplantationen durchgeführt. Der israelische Staatsbürger Moshe Harel, der als Kopf des Organhandelsrings gilt, wurde 2018 in Zypern verhaftet — kosovarische Behörden beantragten seine Auslieferung. Empfänger der illegal verpflanzten Nieren waren hauptsächlich israelische Staatsbürger, die mehr als 70.000 Euro pro Organ bezahlt haben sollen.

 


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