Sachsen-Wahlen
US-Kommentatorin Hernandez – Darf ich vorstellen: Alice Weidel

Ein Gastkommentar von Mariana Hernandez

Am Sonntag holte ihre Partei in einem deutschen Bundesland fast 44 Prozent. Sie führte ihren Wahlkampf mit einer Deportations- und Remigrationsoffensive – ihre Worte: Remigration. So nennt man eine Massenausweisung, wenn es nach einem Reise arrangement klingen soll.

Punkt sieben desselben Hundert-Tage-Plans sieht vor, die Regenbogenflagge aus Schulen zu verbannen. Denn laut Weidel und ihrer Partei geht es dabei gar nicht um die Rechte von Homosexuellen, sondern um die Entwertung der Familie und der traditionellen gesellschaftlichen Normalität. Schulen sollten den Kindern stattdessen das richtige Modell vorleben: Ein Mann, eine Frau und die Kinder, die aus dieser Verbindung hervorgehen.

Der deutsche Verfassungsschutz stuft genau diesen Landesverband als gesichert rechtsextremistisch ein. Es gibt eine Akte darüber. Irgendjemand hat den Job, sie auf dem neuesten Stand zu halten.

Und nun zur Entwertung der Familie.

Die Erfindung der „gesellschaftlichen Normalität“

Alice Weidel ist lesbisch. Seit 2009 lebt sie mit derselben Partnerin zusammen – einer in Sri Lanka geborenen Filmproduzentin, die als Kind von einem Schweizer Ehepaar adoptiert wurde. Sie haben zwei Söhne. Sie ziehen die Kinder in einem Schweizer Dorf groß, während Weidel weiterhin einen Wohnsitz in Deutschland hat – damit sie in dem Land, das sie draußen gerade rettet, wählen und Steuern zahlen kann.

Das ist der Haushalt. Das ist die Flagge. Das ist die Entwertung der traditionellen gesellschaftlichen Normalität – um in den Worten ihrer eigenen Partei zu sprechen –, die draußen vor den Toren Zürichs ihre Wäsche aufhängt.

Ihre Partei hat außerdem dafür gestimmt, die Definition „Vater, Mutter, Kinder“ als offizielle Familienform ins Parteiprogramm aufzunehmen. Weidel sah sich diese Formulierung an, blickte in ihre eigene Küche – und unterschrieb sie trotzdem. Eine bemerkenswerte Fokussierung. Ich muss immer wieder an diese Küche denken. Ich weiß nicht, warum ausgerechnet dieser Teil hängenbleibt.

Wenn genau dieser Haushalt morgen mit einem anderen Nachnamen und ohne Geld an der deutschen Grenze stünde, würde das Parteiprogramm, das sie unterschrieben hat, am Schalter auf sie warten. Wenn sie es tut, ist es privat. Wenn Sie es tun, ist es eine Invasion.

Der Großvater und das Gericht von Warschau

Und dann ist da noch der Großvater.

Hans Weidel trat der NSDAP und der SS bei, noch bevor Hitler an der Macht war – ein Detail, das in der Berichterstattung immer wieder untergeht. Es bedeutet nämlich, dass er nicht eingezogen wurde. Er war früh dabei, als es noch ein Aufnahmeverfahren gab.

Danach verbrachte er vier Jahre als Militärrichter im besetzten Warschau. 1944 unterzeichnete Hitler persönlich das Dokument, das ihn zum Chef richter dieses Gerichts machte. Hitlers eigene Unterschrift bekommt man nicht einfach dafür, dass man pünktlich erscheint und die Stempel ordentlich sortiert.

Nach dem Krieg wurde wegen der Erschießung von zwanzigtausend Menschen gegen ihn ermittelt. Die Ermittlungen wurden eingestellt. Nicht genügend Dokumente. Zwanzigtausend. Und das offizielle Problem war die Aktenführung. Natürlich war es das.

1948 sitzt er dann vor der Spruchkammer zur Entnazifizierung und schwört Stein und Bein, er habe von nichts etwas mitbekommen. Nicht von der SS, nicht von den Juden, nicht von dem Gebäude, in das er vier Jahre lang jeden Morgen hineinspaziert ist. Ein Richter, der auf Unwissenheit plädiert – ausgerechnet die Verteidigung, die er vier Jahre lang aus seinem eigenen Gerichtssaal gefegt hatte. Sie kauften es ihm ab. Natürlich taten sie das.

Und wie landete diese Familie überhaupt erst in Deutschland? Sie flohen. Im Mai 1945 aus Schlesien, mit nichts in den Händen, hinein in ein Land, das in Trümmern lag. Kein Essen, kein Dach über dem Kopf, nichts, was man irgendjemandem hätte geben können. Deutschland nahm sie auf.

Das Wort ihrer Enkelin dafür lautet heute Remigration – und sie ist dagegen. Den Teil mit der Flucht erzählt sie übrigens selbst. Im Fernsehen. Immer und immer wieder. Sie sagt allerdings auch, sie habe den Mann nie gekannt. Sie war sechs, als er starb, es gab Familienstreitigkeiten, niemand sprach darüber.

Schön und gut. Niemand setzt einen Erstklässler hin für das Gespräch über den Nazi-Opa. Aber sie weiß, dass sie aus Schlesien flohen. Sie weiß das Jahr, sie weiß die Richtung. Jemand an diesem Esstisch hat ihr das Jahr 1945 so detailliert geschildert, dass sie es vierzig Jahre später unter dem Studiolicht immer noch aufführen kann. Die Geschichte stoppt nur exakt an dem Punkt, an dem sie aufhört, nützlich zu sein.

Geschichten am Esstisch

Ich habe meine Großmutter auch nie kennengelernt. Das heißt aber nicht, dass ich die Geschichten nicht kenne. Sie kam als kleines Mädchen mit ihren Eltern auf einem Schiff in Brasilien an. Die Version, die wir am Tisch immer zu hören bekamen, war, dass sie sich einmal umsah, zum ersten Mal in ihrem Leben Schwarze Menschen sah und ohnmächtig wurde. Als sie wieder zu sich kam, fragte sie ihren Vater, wo zur Hölle er sie da hingebracht habe.

Früher haben die Leute über die Ohnmacht gelacht. Die Geschichte wurde an jedem Feiertag erzählt. Erzählen Sie mir also nicht, dass die Familie von nichts wusste. Solche Geschichten kommen heraus. Jemand erzählt einem immer, woher man kommt und was die Leute vor einem dachten, als sie dort ankamen. Man entscheidet danach nur selbst, was man daraus macht.

Ich bin den einen Weg gegangen. Sie den anderen.

Und als er es sich erst einmal gemütlich gemacht hatte, eröffnete der Großvater eine Anwaltskanzlei und verbrachte Jahre damit, Anträge zu stellen, um seinen schlesischen Besitz zurückzubekommen. Recht auf Rückkehr. Rückerstattung. Ansprüche, Dokumente, der gesamte Apparat. Der Mechanismus funktioniert also. Er funktioniert sogar wunderbar. Er funktioniert hervorragend, wenn er selbst den Stift in der Hand hält.

Freibier und die Abschaffung der Schuld

Dann Elon Musk. Im Januar 2025 gibt er ihr einen Livestream, und sie erklärt der Weltöffentlichkeit, Hitler sei ein Kommunist gewesen – und niemand in der Schalte verliert auch nur ein Wort darüber. Die gesamte Geschichtswissenschaft entwickelte plötzlich ein spontanes Interesse an der Zimmerdecke.

Zwei Wochen später prangt er auf einer leinwandgroßen Fläche vor 4.500 ihrer Anhänger und erklärt den Deutschen, sie seien zu fixiert auf vergangene Schuld; Kinder sollten nicht das tragen müssen, was ihre Urgroßeltern getan haben. In Halle. Ausgerechnet dort, wo 2019 ein rechtsextremer Attentäter an Jom Kippur die Synagoge überfiel.

Er verkaufte in diesem Raum keine Einwanderungspolitik. Er verteilte Absolutionen, um sich nicht länger schlecht zu fühlen – der reichste Mann der Welt, zugeschaltet aus Texas, der einem gefüllten Saal in dieser Stadt erzählt, dass die Vergangenheit nicht ihre Last sei. Im Namen von Toten, die irgendwie nie die Gelegenheit hatten, über ihren Sprecher abzustimmen. Die Leute standen auf und jubelten ihm zu, als hätte er Freibier und die Abschaffung der Schuld verkündet.

Irgendjemand da drin hatte einen Großvater mit einem verdammt guten Anwalt.

Kein deutsches Einzelfallphänomen

Und das, was mich daran wirklich trifft, ist, dass das kein rein deutsches Phänomen ist. Im Dezember wählt Chile José Antonio Kast mit 58 Prozent – mit dem Versprechen, Hunderte von Tausenden Migranten rauszuwerfen. Journalisten recherchieren und finden die NSDAP-Mitgliedskarte seines in Deutschland geborenen Vaters. Kast sagt, der Mann sei eingezogen worden. Er hatte keine Wahl.

Es ist immer dieser eine Satz. Niemandes Vater hat sich freiwillig gemeldet, niemandes Großvater war dabei, die Uniform fiel einfach so vom Himmel auf einen Mann, der nur seine Ruhe haben wollte. Acht Millionen Parteimitglieder, und anscheinend wollte nicht ein einziger von ihnen dort sein. Ein Wunder der unfreiwilligen Personalbeschaffung.

Aber sehen Sie sich an, was Kasts Vater als Nächstes tut. Er steigt auf ein Schiff. Überquert einen Ozean. Betritt ein Land, dessen Sprache er nicht spricht, in dem ihm niemand viele Fragen stellt, baut sich am Fuße der Anden ein komplettes Leben auf und zieht dort seine Kinder groß. Chile hat ihn reingelassen. Sein Sohn will diese Tür nun zuschweißen – und 58 Prozent des Landes sagten: Klingt gut.

Ihr Großvater kam davon, weil die Dokumente verschwanden. Sie kommt davon, weil es niemand laut ausspricht. Und der reichste Mann des Planeten verteilte den Freifahrtschein per Videoschalte. Ohne Antrag, ohne Gespräch, ohne Warteliste. Erstaunlich, wie schnell der Prozess plötzlich abgewickelt werden kann, wenn die richtigen Leute darum bitten.

Nur Papierkram

Die Familien, die entkommen sind, behielten den Namen, das Haus, die Anwaltskanzlei und die Enkelkinder, die heute ins Fernsehen gehen und die verkürzte Version erzählen. Diejenigen, die nicht entkommen sind, bekamen einfach eine Nummer.

Jetzt zeichnen die Söhne und Enkel derer, die entkommen sind, wieder Listen. Nichts Persönliches, sagen sie. Nur Papierkram.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zur Autorin

Mariana Hernandez ist US-Autorin und veröffentlicht politische Analysen und Kommentare auf ihrer Plattform „Not Saints Not Saviors“.


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Türkologie
300 Jahre Strahlenberg – Der deutschstämmige Vater der Türkologie

Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır

Vor 300 Jahren, im Jahr 1726, veröffentlichte Philipp Johann von Strahlenberg seinen „Vorbericht“ zu einem großen Werk über die nördlichen und östlichen Teile Europas und Asiens. Der aus Stralsund stammende deutschstämmige Offizier und Forschungsreisende in schwedischen Diensten wurde damit zu einem entscheidenden Wegbereiter der modernen Türkologie.

Aufgrund seiner Forschungen zu den türkischen Sprachen, seiner vergleichenden Sprachstudien und seiner frühen Bekanntmachung der alttürkischen Inschriften kann er als „Vater der Türkologie“ bezeichnet werden.

Strahlenberg wurde 1676 als Philipp Johann Tabbert in Stralsund geboren, das damals zu Schwedisch-Pommern gehörte. Nach der schwedischen Niederlage bei Poltawa 1709 geriet er in russische Kriegsgefangenschaft und verbrachte viele Jahre in Sibirien. Was als Folge eines Krieges begann, entwickelte sich zu einer Forschungsreise von bleibender Bedeutung.

Gemeinsam mit dem deutschen Naturforscher Daniel Gottlieb Messerschmidt erforschte Strahlenberg den eurasischen Raum. Messerschmidt kommt bei der wissenschaftlichen Entdeckung der alttürkischen Inschriften am Jenissei eine zentrale Rolle zu. Strahlenberg wiederum brachte die Nachricht von diesen Schriftdenkmälern und ihre Abbildungen nach Europa und machte sie einem größeren gelehrten Publikum bekannt.

Türkische Sprachen im Vergleich mit Europa

Strahlenbergs Bedeutung für die Türkologie reicht jedoch weit über die Inschriften hinaus. Er sammelte und verglich zahlreiche Sprachen Eurasiens. Dabei nahmen die damals häufig als „tatarisch“ bezeichneten türkischen Sprachen eine bedeutende Stellung ein. Er stellte Wörter verschiedener Sprachen nebeneinander und suchte nach sprachlichen und historischen Verwandtschaften zwischen den Völkern Europas und Asiens.

Damit gehörte Strahlenberg zu den frühen Forschern, die die türkischen Sprachen nicht als isolierte Erscheinung betrachteten, sondern in einen weitgespannten eurasischen Vergleich einbezogen. Seine Arbeiten entstanden lange vor der Ausbildung der modernen vergleichenden Sprachwissenschaft und müssen daher aus dem wissenschaftlichen Horizont des frühen 18. Jahrhunderts verstanden werden.

Besonders bemerkenswert sind die historischen Folgerungen, die Strahlenberg aus solchen Vergleichen zog. Er beschäftigte sich mit möglichen alten Verbindungen zwischen europäischen und asiatischen Völkern und vertrat unter anderem die Auffassung, dass Türken und Franken miteinander verwandt seien. Sprachvergleich war für ihn deshalb zugleich ein Mittel zur Rekonstruktion einer sehr viel älteren gemeinsamen Geschichte Eurasiens.

Odin und der eurasische Norden

Auch die Herkunft der nordischen Völker betrachtete Strahlenberg in diesem großen eurasischen Zusammenhang. Dabei griff er ältere Überlieferungen über die asiatische Herkunft Odins auf und verband sie mit seinen eigenen geografischen und historischen Beobachtungen. In seiner Darstellung erscheint Odin als eine aus dem sibirisch-asiatischen Raum nach Europa gekommene Gestalt.

Strahlenberg dachte die Geschichte Europas nicht ausschließlich aus Europa heraus. Er suchte ihre ältesten Zusammenhänge weit im Osten und bezog Sibirien und die türkischen Völker in die Frage nach den Ursprüngen europäischer Geschichte ein.

Die alttürkischen Inschriften

Die Tragweite der von Messerschmidt und Strahlenberg dokumentierten Schriftdenkmäler zeigte sich erst später. Im 19. Jahrhundert wurden in der Mongolei die großen Orchoninschriften bekannt. 1893 gelang Vilhelm Thomsen die Entzifferung der alttürkischen Schrift.

Damit wurde endgültig deutlich, welch bedeutende Schriftkultur hinter jenen Zeichen stand, die bereits im frühen 18. Jahrhundert in Sibirien wissenschaftliche Aufmerksamkeit gefunden hatten.

Strahlenberg selbst betrachtete die außergewöhnlichen Umstände seiner Forschungen als eine Fügung der göttlichen Vorsehung. Aus Kriegsgefangenschaft und jahrelanger Entfernung von seiner Heimat war eine wissenschaftliche Arbeit hervorgegangen, deren Wirkung weit über sein eigenes Leben hinausreichte.

300 Jahre später

Der 300. Jahrestag seines „Vorberichts“ von 1726 bietet Anlass, Strahlenbergs Stellung in der Wissenschaftsgeschichte neu zu betrachten. Die moderne Türkologie entstand nicht an einem einzigen Tag.

Doch Strahlenberg vereinte bereits früh wesentliche Elemente, die sie später prägen sollten: die Erforschung türkischer Sprachen, den Sprachvergleich, die Beschäftigung mit Geschichte und Geografie der Turkvölker sowie die Bekanntmachung ihrer ältesten Schriftdenkmäler.

Zugleich steht sein Werk für einen Blick auf Europa und Asien, der beide Räume nicht grundsätzlich voneinander trennte. Seine Überlegungen zur Verwandtschaft von Türken und Franken und zur Herkunft Odins zeigen wie konsequent Strahlenberg nach gemeinsamen sprachlichen und historischen Wurzeln Eurasiens suchte.

Dreihundert Jahre nach seinem „Vorbericht“ ist es deshalb an der Zeit, Philipp Johann von Strahlenberg wiederzuentdecken: den deutschstämmigen Forscher aus Stralsund und „Vater der Türkologie“.


Zum Autor

Çağıl Çayır hat sich als Kölner Geschichtsstudent auf historisch-vergleichende Kulturwissenschaft und Wissenschaftsgeschichte spezialisiert und studiert aktuell Philosophie im Master an der Universität Wuppertal. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Wissenschaftstheorie und Seinsphilosophie. Seine Arbeiten erscheinen international in renommierten Fach- und Populärmedien.Er engagiert sich wissenschaftlich wie gesellschaftlich für eine intellektuelle Völkerverständigung. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Bonn sowie Gründer der Kultur-Akademie Çayır und der Çayır Kultur Akademisi auf YouTube.Seine größte Weisheit lautet: „Liebe ist die Lektion der Geschichte.“


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Islamische Gemeinde Penzberg
Penzberg: Imam Benjamin Idriz erhält Schreiben mit „NSU 2.0“-Bezug

Penzberg – Nach mehreren islamfeindlichen Schmierereien in Penzberg ist es zu einem weiteren Vorfall gekommen. Imam Benjamin Idriz hat nach eigenen Angaben ein anonymes Schreiben mit antimuslimischer Hetze und dem Schriftzug „NSU 2.0“ erhalten. Am Donnerstag informierte er die Polizei. Nach Angaben des Imams ging das Schreiben nicht nur an ihn, sondern auch an weitere Persönlichkeiten in Penzberg.

Idriz veröffentlichte am Donnerstag ein Video, in dem er den Inhalt des erhaltenen Pakets zeigt. Zu sehen sind mehrere Schreiben mit beleidigenden und gegen Muslime gerichteten Aussagen sowie Abbildungen. Auf einem der Blätter findet sich der Schriftzug „NSU 2.0“.

Der Begriff hat in Deutschland eine besondere Vorgeschichte. Unter dem Kürzel „NSU 2.0“ wurden ab 2018 zahlreiche rechtsextreme Droh- und Hassschreiben verschickt. Betroffen waren unter anderem Politiker, Journalisten, Anwälte und andere Personen des öffentlichen Lebens. 2022 wurde ein Mann wegen einer Serie von mehr als 80 Drohschreiben verurteilt.

Idriz: „Heute haben wir die Polizei informiert“

„Ein anonymer Brief mit falscher Absenderadresse, voller Beleidigungen, Hass und Hetze gegen Muslime, wurde nicht nur mir, sondern auch anderen Persönlichkeiten in Penzberg zugestellt“, erklärte Idriz zu dem Vorfall.

Die Polizei sei inzwischen informiert worden. Wer hinter dem Schreiben steckt und ob es einen Zusammenhang zu den früheren Vorfällen in Penzberg gibt, ist derzeit nicht bekannt.

Idriz warnt zugleich davor, solche Fälle als bloße Randerscheinung abzutun. Der Hass gegen den Islam sowie gegen Musliminnen und Muslime nehme spürbar zu. Die Statistiken zu antimuslimischen Straftaten und Anfeindungen seien alarmierend, so der Imam.

Besonders deutlich kritisierte Idriz das aus seiner Sicht fehlende öffentliche Signal demokratischer Parteien. Wer sich zu Recht gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus und andere Formen der Menschenfeindlichkeit stelle, müsse mit derselben Entschlossenheit auch gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit auftreten.

„Hass darf nicht erst dann ernst genommen werden, wenn aus Worten Taten werden“, schrieb Idriz.

Bereits mehrfach islamfeindliche Vorfälle in Penzberg

Der neue Vorfall folgt auf eine Reihe von Angriffen auf Hinweistafeln in Penzberg. Die Schilder weisen neben christlichen Gottesdiensten auch auf das muslimische Freitagsgebet hin und waren innerhalb weniger Wochen mehrfach mit Farbe beschmiert worden.

Bei einem der Vorfälle war nach Angaben des Bayerischen Rundfunks zudem das Symbol der rechtsextremen Kleinstpartei „Der III. Weg“ auf einem Schild zu sehen. Die Kriminalpolizei ermittelt in den Fällen.

Bereits vor der ersten Schmiererei hatte Idriz nach eigenen Angaben zahlreiche hasserfüllte Beiträge und Drohungen in sozialen Netzwerken registriert. Darunter habe sich auch die Aussage befunden, das muslimische Hinweisschild werde bald „Geschichte“ sein.

Die wiederholten Angriffe lösten in Penzberg eine breite Solidaritätsbewegung aus. Rund 450 Menschen bildeten vor der Moschee eine Menschenkette. Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften, Bürgermeister und Stadträte beteiligten sich an der Aktion.

Idriz hatte sich bereits damals für Besonnenheit ausgesprochen und angekündigt, trotz der Angriffe am Dialog zwischen den Religionsgemeinschaften festzuhalten. Die große Solidarität der Penzberger Bevölkerung bezeichnete er als überwältigend.

Der nun bekannt gewordene Brief gibt dem Thema eine neue Dimension. Während sich die bisherigen Vorfälle vor allem gegen öffentliche Hinweistafeln richteten, wurde Idriz diesmal persönlich mit einem anonymen Schreiben konfrontiert, das nach seinen Angaben gezielt gegen Muslime hetzt und den Schriftzug „NSU 2.0“ trägt.

Idriz fordert deshalb eine klare Haltung gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit. Demokratie brauche eine Stimme gegen Hass – „ohne Ausnahme und ohne doppelten Maßstab“.

 


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Gastbeitrag
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Ein Gastkommentar von Çağıl Çayır

Unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier machte in seiner Festaktrede zum 60. Jubiläum des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens am 05. Oktober 2021 in Berlin nicht nur auf die besonderen Leistungen der türkischen „Gastarbeiter“ und deren Nachkommen aufmerksam, sondern verurteilte auch unsere eigene Vernachlässigung, Verachtung und Gewalt gegenüber Türken und anderen Einwanderern in Deutschland.

Dabei sprach er nicht nur von Einzelfällen, sondern von einem Grundproblem – „mitten in Deutschland, mitten in dieser Gesellschaft“:

Die niederträchtigen Morde des NSU, die Toten in Mölln und Solingen und Hanau, sie sind Opfer eines Hasses, der mitten in Deutschland, mitten in dieser Gesellschaft seine Wurzeln hat. Nach wie vor. Und deshalb sind wir alle, im Angesicht dieser Opfer, traurig, betroffen, auch wütend. Aber wir sind nicht ohnmächtig! Es ist die Pflicht des Staates, alle Menschen zu schützen. Fremdenhass ist Menschenhass. Und diesen Hass dürfen und werden wir in Deutschland niemals dulden!

Stimmen wir den mahnenden Worten unseres Bundespräsidenten zu und wollen ihnen folgen und das Problem der Türken- bzw. Fremden-feindlichkeit mitten in Deutschland, mitten in dieser Gesellschaft suchen und aufklären, dann stellt sich zunächst die Frage: Wo ist die „Mitte“ von Deutschland?

Die „Mitte“ dieser Gesellschaft? Dabei geht es nicht um ein fremdes Land oder eine fremde Gesellschaft, sondern um unser Land und unsere Gesellschaft – als Deutsche. Die Frage, die wir uns als Deutsche stellen müssen, lautet also: Wo ist unsere Mitte?

Wo ist unsere Mitte?

Dabei ist der Begriff „unsere“ ebenso doppeldeutig wie der Begriff „Mitte“. Beide Begriffe bedeuten sowohl eine Vielheit wie auch eine Einheit. „Unsere“ bedeutet eine Vielheit von verschiedenen Menschen, die gemeinsam eine Einheit bilden, zu der wir selbst zählen. In unserem Fall geht es um „unsere“ Viel-Einheit als die deutsche Gesellschaft – als das deutsche Volk.

„Mitte“ bedeutet „Punkt eines Ganzen, der von dessen äußerer Begrenzung überall gleich weit entfernt ist“. Zudem bedeutete „Mitte“ auch „Gruppe von Menschen“ – „Kreis“. Des Weiteren gibt es die seltene Verwendung des Wortes für „Taille“. Der Zusammenhang vom Mittelteil zum Ganzem liegt in allen Fällen offensichtlich vor.

Die „Mitte“ ist also etwas, das mit der äußeren Begrenzung des Ganzen zusammenhängt. Das Ganze sind wir – die Deutschen. Doch, wo ist unsere äußere Begrenzung? Diese müssen wir kennen, um unsere Mitte zu ermitteln.

Nun ist das Wort „Begrenzung“ ebenfalls ein mehrdeutiger Begriff. Denn das Wort bedeutet sowohl „Begrenzen“ als auch „Grenze, Eingrenzung“. Im übertragenen Sinn bedeutet es auch „Schranke“. Dabei bedeutet „Grenze“ nicht nur eine einfache Grenzlinie, die isoliert vom Ganzen ist, sondern immer eine Grenzmarkierung – eine Grenzmarke, die das Innere vom Äußeren trennt.

Auch die Wörter „unsere“ und „Mitte“ können eine übertragene Bedeutung haben – wie im „Vater unser“ oder „innere Mitte“, „Herz“, „Seele“, „Wesen“. Unsere Frage trägt also eine doppelte Doppeldeutigkeit in sich, die schon an der Beschreibung unseres Bundespräsidenten deutlich wird, wenn er „mitten in Deutschland“ und „mitten in dieser Gesellschaft“ synonym verwendet.

Denn es geht nicht nur um die politische, juristische und wirtschaftliche, sondern vor allem um die soziale Viel-Einheit von uns „Deutschen“. Doch allein politisch und juristisch lassen sich die Grenzen von Deutschland nicht eindeutig bestimmen. Es gibt Gebiete, wie im Obersee des Bodensees, wo die Bundesgrenze nicht durch Grenzsteine eindeutig markiert ist.

Zudem gibt es deutsche Inseln in der Ost- und Nordsee, die die Berechnung der deutschen Landesgrenze und damit auch der deutschen Landesmitte erschweren. Juristisch sind die Grenzen von Deutschland ebenfalls nicht nur auf unser Hoheitsgebiet beschränkt.

Denn deutsches Recht gilt auch in unseren exterritorialen Gebieten im Ausland, unseren Botschaften und Konsulaten sowie teilweise auch für unsere im Ausland lebenden Staatsbürger. Zugleich gilt das deutsche Recht auch für in Deutschland lebende und arbeitende Ausländer.

Daher sind die deutsche Politik und das deutsche Recht nicht nur auf Deutschland und Deutsche beschränkt. Wie können wir dann eine klare politische und juristische deutsche Grenze ziehen? Zudem sind Ausländer in Deutschland ebenfalls steuerpflichtig.

Das heißt die Steuereinnahmen in der Bundesrepublik, von der unsere öffentliche Hand lebt, stammen nicht nur von deutschen Staatsbürgern, sondern zu einem beträchtlichen Teil auch von Ausländern. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2014 teilt mit, dass Deutschland finanziell stark von Zuwanderung profitiert:

Die 6,6 Millionen Menschen ohne deutschen Pass sorgten 2012 für einen Überschuss von insgesamt 22 Milliarden Euro. Jeder Ausländer zahlt demnach pro Jahr durchschnittlich 3.300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben, als er an staatlichen Leistungen erhält. Das Plus pro Kopf ist in den vergangenen zehn Jahren um über die Hälfte gestiegen. Für einen weiteren Anstieg sind bessere Bildungspolitik und gesteuerte Zuwanderung die wichtigsten Voraussetzungen. (Ulrich Kober, 2014)

Folglich sind Deutschland und das deutsche Volk politisch, juristisch und wirtschaftlich eine offene Viel-Einheit verschiedener Gebiete und Menschen verschiedener Herkunft. Dabei leben die meisten Zuwanderer erst seit den 1960er Jahren in Deutschland – meist kamen sie als sogenannte „Gastarbeiter“.

Dagegen lebt die Mehrheit der Deutschen schon länger in Deutschland. Sie haben eine andere Geschichte als die meisten Zuwanderer, die in historischer Sicht vergleichsweise „neu“ nach Deutschland gekommen sind.

Denn die Zuwanderung ab den 1960er Jahren ist noch keine 100 Jahre her, während die Geschichte der Mehrheit der Deutschen im Wesentlichen schon weit über 1000 Jahre in dem heutigen deutschen Hoheitsgebiet verlief.

Dass heute Menschen mit verschiedenen Herkunftsgeschichten in der deutschen Bundesrepublik und der deutschen Gesellschaft vereint sind, bedeutet historisch gesehen eine Ausweitung – nicht nur der politischen und juristischen, sondern auch der intellektuellen Grenzen von Deutschland und der Deutschen. Es zählen nicht mehr nur diejenigen dazu, die gefühlt „schon immer“ hier gelebt haben, sondern auch diejenigen, die erst später aus anderen Ländern und Gesellschaften hierhergezogen sind.

Bekanntlich war lange Zeit der historische Unterschied zwischen „Einheimischen“ und „Einwanderern“ der Hauptfaktor zur Unterscheidung zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen – und er ist es – „nach wie vor“. Folglich handelt es sich bei der für uns entscheidenden „Grenze“, nicht nur um eine politische und juristische, sondern auch um eine intellektuelle, vor allem historische „Grenze“. Deshalb müssen wir fragen: Wo sind unsere historischen „Grenzen“?

Dabei können wir unsere Geschichte gar nicht getrennt von anderen Geschichten betrachten. Das heißt wir müssen nicht nur wissen, wo unsere Geschichte, sondern auch wo die Geschichte der „Anderen“ beginnt und aufhört. Schließlich bedeutet eine Grenze genau das. Sie markiert Beginn und Ende von innen und außen. Aber ist das historisch überhaupt möglich?

Politisch, juristisch und wirtschaftlich sind unsere Grenzen im Grunde schon international und global. Wenn wir glauben, dass wir jemals oder sogar immer noch vom Rest der Welt isoliert existierten, hätten wir ein Zerrbild von unserer historischen Realität. Politisch, juristisch und wirtschaftlich sind wir aktuell ein global vernetztes Land und eine international verbundene Gesellschaft – vereint im Namen der Deutschen.

Das heißt wir sind inzwischen auch historisch global und international. Wenn wir uns dessen bewusst werden, erkennen wir unsere Mitte. Noch haben wir landläufig ein stark „begrenztes“ Geschichtsbild, das unsere Mitte verzerrt.

Fragen wir nach unseren bisherigen äußeren historischen Grenzen, dann können wir uns an der Geschichte unserer Sprache orientieren, die ja selbst eine Bedeutung des Wortes „Deutsch“ ist und zudem im Grunde die gesamte politische, juristische, wirtschaftliche und darüberhinausgehende, ganze Erfahrungsgeschichte des deutschen Landes und deutschen Volkes widerspiegelt. „

Deutsch“ ist also nicht nur ein Land und dessen Gesellschaft, sondern auch eine Sprache, die wiederum repräsentativ für die deutsche Geschichte ist. So lässt sich auch sprachlich – weder heute noch zu einer früheren Zeit – eine klare historische Grenze zwischen Deutsch und anderen Sprachen ziehen. Denn die deutsche Sprache trägt viele Lehnwörter aus anderen Sprachen in sich.

Selbst althochdeutsche Begriffe haben oft noch ältere Wurzeln, die in den Sprachwissenschaften der vergangenen Jahrhunderte gemeinsam mit vielen anderen Sprachen auf „indo-germanische“ Wurzeln zurückgeführt wurden. Dabei handelt es sich um eine konstruierte Sprache, die wegen der historisch exklusivierenden Implikationen des Germanenbegriffs mittlerweile auch „indo-europäisch“ genannt wird.

Der deutsche Mittelalterhistoriker Jörg Jarnut plädierte sogar für die Abschaffung des Germanen-Begriffs aus der deutschen Mittelalterforschung, weil keiner der deutschen Stämme sich im Frühmittelalter selbst als „Germanen“ bezeichnete und der neuzeitliche Germanen-Begriff irreführende Implikationen mit katastrophale Folgen birgt, wie zum Beispiel die NS-Verbrechen, die von der NS-Germanenideologie geistig vorbereitet, getragen und begleitet wurden.

Doch wurde Jarnuts Warnung noch nicht ernstgenommen oder gar umgesetzt. Das Forschungsfach zur deutschen Sprache heißt immer noch „Germanistik“ und auf Englisch heißt Deutschland immer noch „Germany“ sowie die Deutschen immer noch „Germans“.

Dadurch werden nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland historisch exklusivierende Stereotype impliziert, die hier wie dort spaltend wirken und immer wieder die Grundlage für Fremdenfeindlichkeit bilden. Dabei ist inzwischen klar, dass wir im Grunde niemanden aus unserem Land, unserer Gesellschaft und unserer Sprache und Geschichte völlig ausgrenzen können. Es sei denn zu Unrecht – um den Preis sich und die anderen zu verkennen.

Fragen wir nach den äußersten historischen Selbst-Vorstellungen der Deutschen, müssen wir auch nach den ältesten Herkunftslegenden fragen. Hier ist vor allem die fränkische Herkunftslegende aus dem 7. Jahrhundert zu beachten. Das ist die älteste erhaltene Herkunftslegende eines deutschen Stammes.

Der sogenannten Fredegar-Chronik zufolge sind die Franken gemeinsam mit den Türken aus Troja nach Europa eingewandert. Die Türken seien an der Donau geblieben und die Franken wären weiter nordwärts ins Rheinland gezogen. Eine ähnliche Legende findet sich aus Island. In der Edda des Snorri Sturluson aus dem 13. Jahrhundert wird Odin aus Türkland in Asien hergeleitet. Die eigenen und fremden Grenzen waren offenfließend.

Erst nach der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 durch Mehmet II. grenzte die römische Kirche die Türken mit dem Rückgriff auf antike Quellen aus der europäischen und deutschen Geschichte aus. Mithilfe des Buchdrucks (Karoline Döring) wurde innerhalb nur weniger Jahre eine neue die gesamte europäische Christenheit umfassende geschlossene Öffentlichkeit im Zeichen eines neuen Kreuzzugs gegen die Türken geschaffen.

In diesem Kontext und zu diesem Zweck wurden die Idee von „Europa“ als Festung der Christenheit sowie die Gleichsetzung der Deutschen mit den antiken „Germanen“ als Kampfbegriffe in Europa und Deutschland eingeführt: Es war ja Enea, der Italiener, der zum ersten Mal überhaupt deutschen Zuhörern zuruft: „Vos Germani / Ihr Germanen!“

Im 15. Jahrhundert wurden die äußersten historischen Grenzvorstellungen der „Deutschen“ also von Rom aus politisch „begrenzt“. Das hatte auch die Verschiebung der Vorstellung von der historischen „Mitte“ von Deutschland und dem deutschen Volk zur Folge. Anstelle von Vorstellungen von langen und gemeinsamen Wanderungen – vor allem mit den Türken – traten Vorstellungen von Abgrenzung und Isolation – vor allem gegen die „Türken“.

Das betrifft nicht nur „Deutsche“, sondern alle „Europäer“, deren Selbst- und Fremdbild nach 1453 maßgeblich anti-türkisch geprägt wurde. Der Mittelalterhistoriker Johannes Helmrath scheibt: „Die Türken wurden zum traumatischen Auslöser und Wetzstein europäischer Identität.“

Wenn wir also festgestellt haben, dass die heutigen äußersten historischen Grenzvorstellungen der „Europäer“ und „Germanen“ maßgeblich zur Aus- und Abgrenzung von Türken konstruiert wurden, dann verstehen wir auch, warum Türken- und Fremdenfeindlichkeit nicht nur einen Teil von Deutschland und der deutschen Gesellschaft betrifft, sondern alles, was „Deutsch“ ist.

Was ist Deutsch?

Deutsch ist nicht nur der Name eines Landes, eines Volkes und einer Sprache, sondern auch ein Geschichtsbild. Vor allem die historische Vorstellung von Deutschland und den Deutschen ist entscheidend für die intellektuelle Inklusion oder Exklusiven von anderen Menschen.

Wenn wir die äußersten historischen Grenzen der „Deutschen“ dort denken, wo sie einst der Papst und Hitler gesetzt haben, finden wir unsere Mitte dort, wo Angst, Hass und Gewalt zugrundeliegen. Wenn wir die äußersten historischen Grenzen als Maßstab nehmen, die uns die ältesten erhaltenen Sagen der Franken und Isländer vorgeben, dann finden wir unsere Mitte innerhalb eines eurasischen Netzwerks, in dem die Türken und Türkvölker uns als Verwandte erscheinen.

Wollen wir uns über die bisherigen Geschichtsbilder hinaus an den neuesten geschichtswissenschaftlichen Studien orientieren. Dann kommen wir zu demselben Schluss. Denn auch die neuesten umfassenden globalgeschichtlichen Studien zeigen, dass Deutschland schon immer Einwanderer aus Anatolien und Zentralasien aufnahm. Daran müssen wir unsere Mitte messen.

Darauf wies schon der Autor, Kabarettist, Schauspieler und Regisseur Wolfgang Neuss hin:

Was Die Berliner Immer Vergessen

« Was die Berliner immer vergessen,
abgesehen davon, daß sie völlig vergessen,
dass es nicht die Türken sind,
die uns hier aufsuchen, ansuchen, heimsuchen,
die hier aufgenommen werden wollen,
sondern, dass es unsere Verwandten
von früher sind, die wir selber mal waren!

Wir sind da mal hingezogen,
ich mach noch darauf aufmerksam,
Ernst Reuter ist selbst in die Türkei gezogen, ja?,
als – irgendwas, als CIA-Agent,
im Krieg konnte man ja nur als CIA-Agent,
So war der in der Türkei —
Und der alleine hat schon das ganze Volk
Nach sich gezogen hier, ja?

Man darf doch nicht vergessen:
dass wir da zwar Fremde sehen, und dass das auch das schöne Spiel der Erde ist, dass es immer Fremde sind, die da kommen, aber: wir sind es doch selbst. Wir sind es doch selbst, die vor sechshundert Jahren da mal hingezogen sind, oder vor achthundert Jahren. – Ganz klar!

Warum hilft uns die Wissenschaft bei diesem Ausländer- problem nicht, frage doch mal provokativ natürlich, warum: Die können längst belegen, die Leute, dass es wir selber sind, also dass wir zu denen ein ganz anderes Verhältnis entwickeln könnten als zu Tante Emma im Osten oder zu Onkel Paul in Zehlendorf, dass wir erfreut sein könnten,

»Guten Tag, Emil, wir werden schon zurechtkommen hier in der Stadt, aber dass ihr wieder da seid! « – so müsste doch erstmal die Parole lauten:
»Dass ihr wieder da seid! ! Das hätten wir ja nie gedacht, dass wir uns nochmal wiedersehen! «

(Wolfgang Neuss, Was Die Berliner Immer Vergessen, in: Verstehste? Üben, Üben, Üben! 60
Minuten Rauschmodulation, Kassette, 1983.)

 


Zum Autor

Çağıl Çayır hat sich als Kölner Geschichtsstudent auf historisch-vergleichende Kulturwissenschaft und Wissenschaftsgeschichte spezialisiert und studiert aktuell Philosophie im Master an der Universität Wuppertal. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Wissenschaftstheorie und Seinsphilosophie. Seine Arbeiten erscheinen international in renommierten Fach- und Populärmedien.Er engagiert sich wissenschaftlich wie gesellschaftlich für eine intellektuelle Völkerverständigung. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Bonn sowie Gründer der Kultur-Akademie Çayır und der Çayır Kultur Akademisi auf YouTube.Seine größte Weisheit lautet: „Liebe ist die Lektion der Geschichte.“


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Im Jahr 2020 entdeckte ein Sondengänger in Vindelev, einem Dorf in Mitteljütland in Dänemark, einen spektakulären Goldschatz aus der Mitte des 5. Jahrhunderts

Türkei
„Das Massaker von Atça Çomaklı Ovası“ feiert Premiere

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Atça/Aydın – Ein wenig bekanntes Kapitel der Geschichte Westanatoliens ist auf die Kinoleinwand gebracht worden: Der Kurzfilm „Das Massaker von Atça Çomaklı Ovası“ hat im Muhsin-Aksay-Theater- und Kinosaal in Atça seine Premiere gefeiert. Die beiden Vorstellungen stießen auf großes Interesse und lockten zahlreiche Zuschauerinnen und Zuschauer an.

Im Mittelpunkt des Films steht ein historisch dokumentiertes Ereignis aus dem Jahr 1921 in der Çomaklı-Ebene bei Atça. Nach den Erkenntnissen von Historikern wurden dort 15 Menschen aus der Region gefangen genommen, gefoltert und getötet. Unter den Opfern waren zwölf junge Menschen und drei ältere Männer. Drei der 15 Gefangenen überlebten das Massaker.

Besonders bemerkenswert ist der weitere Lebensweg eines der Überlebenden: Er soll später der erste Lokomotivführer der Türkei geworden sein. Der Film erzählt damit nicht nur die Geschichte der Opfer, sondern zeichnet zugleich den Lebensweg eines Menschen nach, der das Geschehen überlebte.

Geschichte aus der Region wird filmisch erzählt

Realisiert wurde die Produktion mit Unterstützung der Kreisverwaltung Sultanhisar, des Atça-Ortsvorstehers Ali Keleş und der Bevölkerung von Atça. Grundlage für den Film ist der dritte Band des Werks Yörük Ali Efe des Schriftstellers Sabahattin Burhan.
Regie führte Osman Emre, für die Kamera zeichneten Deniz Kuyumcu und Aydın Yücel verantwortlich. In den Hauptrollen sind unter anderem Mustafa Benli, Alperen Şahin und Mehmet Gülseven zu sehen. Für die musikalische Untermalung des Films zeichnen Oğuz Mucan und SAYKI verantwortlich.

Zum Abschluss der Gala würdigten Landrat Ali Ekber Ateş, der stellvertretende Bürgermeister von Sultanhisar Okan Yalçınkaya sowie Vertreter der örtlichen Behörden die Arbeit des Filmteams. Als Zeichen der Anerkennung wurden den Beteiligten Dankesplaketten überreicht.

Erinnerung an die Gewaltverbrechen der Besatzungszeit

Das im Film behandelte Massaker steht im Zusammenhang mit den schweren Gewaltverbrechen, die während der griechischen Besatzung weiter Teile Westanatoliens zwischen 1919 und 1922 gegen die türkische Zivilbevölkerung verübt wurden. Historische Forschungen haben für diese Zeit zahlreiche Fälle von Tötungen, Vertreibungen und weiteren Übergriffen auf die Zivilbevölkerung dokumentiert.

Mit „Das Massaker von Atça Çomaklı Ovası“ soll nun ein konkretes Ereignis dieser Epoche stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden. Die Filmemacher wollen damit einen Beitrag zur historischen Erinnerungskultur leisten und das Wissen über die Opfer und die Geschehnisse von 1921 an kommende.

Kemal Bölge

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Sachsen-Wahlen
Karasun: „Die AfD bekämpft man nicht mit mehr AfD-Politik“

Ein Gastkommentar von Aras Karasun

Sowas gab es in der Geschichte der BRD nicht, weder davor noch danach, von der CDU sowieso nicht. Wir reden vom Jahr 1999. Damals waren Social Media und Internetkampagnen noch nicht einmal erfunden. Es waren physische Unterschriften in den Fußgängerzonen, von den Menschenmassen, die in die Fußgängerzonen stürmten. Und das war nicht im Osten, sondern in westlichen Innenstädten der Metropolregionen.

Die älteren Semester unter uns erinnern sich eigentlich alle ganz genau. Damals mobilisierte die CDU bundesweit gegen die geplante Reform des Staatsangehörigkeitsrechts. In den Fußgängerzonen wurden fünf Millionen Unterschriften gegen die doppelte Staatsbürgerschaft gesammelt.

Mehr als fünf Millionen Menschen unterschrieben, bis heute ein Bundesrekord in dieser Form und einmalig. Das galt vor allem für eine Partei wie die CDU, die eigentlich keine Straßenprotestpartei war und überhaupt nicht als solche bekannt war.

Rassistische Stimmung in den Fußgängerzonen

Ich erinnere mich als Zeitzeuge noch an die rassistische Atmosphäre dieser Kampagne. Menschenmassen gut angezogener, normaler Menschen aus der Mitte der Gesellschaft marschierten durch die Fußgängerzonen. Beflügelt von Rassismus und einem sogenannten rassistischen Gemeinschaftsgefühl hörte man in den Fußgängerzonen ständig laut die Frage, wo man hier gegen die „Scheiß-Türken“ unterschreiben könne.

Ein Nährboden für den heutigen Rechtspopulismus

Wurden die Geister von Sachsen-Anhalt 1999 von der CDU selbst gerufen? Ja, zu 100 Prozent. Politische Kampagnen bestehen nicht nur aus ihren offiziellen Formulierungen. Sie bestehen auch aus den Bildern und Botschaften, die in der Gesellschaft nachwirken.

Und bei vielen Menschen türkischer Herkunft kam die Botschaft an, dass sie als Türken das Problem seien. Nur ihre türkische Staatsangehörigkeit sei ein politisches Problem. Nur ihre Gleichberechtigung sei unwichtig und verhandelbar. Das galt natürlich nicht für US-amerikanische Geschäftsleute und nicht für Menschen aus anderen Staaten, die durften die doppelte Staatsbürgerschaft mit ein paar bürokratischen Tricks bekommen. Nur die türkische Identität wurde aus der Mitte der Gesellschaft zum Problem erklärt.

Das war eine Regelung, die faktisch 24 Jahre lang als Rassengesetz praktiziert wurde. In derselben Behörde kamen andere Menschen mit zwei Pässen heraus, während Türken sich entscheiden mussten. Das hinterließ natürlich Spuren.

Die CDU sollte sich deshalb heute eine unangenehme Frage stellen: Ob sich die Tabubrüche von 1999 auf die heutigen Stimmverluste auswirken? Hat sie mit solchen Kampagnen nicht selbst einen zukünftigen politischen Resonanzraum für die AfD geschaffen, in dem spätere Rechtspopulisten erfolgreich werden konnten?

Ja, das hat sie gemacht.

Denn politische Geister verschwinden nicht einfach. Wer jahrelang Migration, Staatsangehörigkeit und Zugehörigkeit rassistisch polemisiert, darf sich nicht wundern, wenn andere irgendwann noch einen Schritt und noch weitere Schritte weitergehen.

Der Irrtum der Kopie

Und heute? Heute versucht die CDU immer noch, der AfD Stimmen abzunehmen, indem sie deren Themen und politische Sprache übernimmt. Das ist ein weiterer strategischer Irrtum. Und eine weitere Einladung zum Untergang.

Braune Kloakensuppe wird nicht dadurch bekämpft, dass man noch mehr davon in den Topf kippt. Wer die AfD kopiert, schwächt die AfD nicht. Er stärkt und bestätigt nur ihre Agenda. Die CDU ist immer noch nicht gewillt, daraus zu lernen.

Den braunen Zufluss abdrehen

Eine demokratische Volkspartei gewinnt gegen Rechtspopulisten nicht, indem sie selbst immer dreckiger, rechtspolemischer und rechtspopulistischer wird. Sie gewinnt mit dem, was die AfD nicht bieten kann, wie Rechtsstaatlichkeit, Vernunft, Fairness, Menschlichkeit, gesellschaftlichem Zusammenhalt, Respekt, wirtschaftlicher Kompetenz, klaren Grenzen gegenüber Rassismus und Extremismus sowie einer klaren Kante gegen den rassistischen Missbrauch gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Probleme. Vielleicht braucht die CDU deshalb keine neue Strategie gegen die AfD.

Vielleicht braucht sie zunächst eine ehrliche Selbstkritik über den alten Richtungswechsel von 1999. Denn möglicherweise stehen genau die politischen Geister, die man 1999 gerufen hat, in Sachsen-Anhalt vor der Tür. Die AfD bekämpft man nicht mit mehr AfD-Politik. Man sollte ihr die braune Kloakensuppe nicht nachkochen. Man muss den braunen Zufluss komplett abdrehen.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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EuroVolley
Volleyball: Türkinnen erneut Europameister

Istanbul – Die türkische Frauen-Volleyballnationalmannschaft hat ihren Titel als Europameister erfolgreich verteidigt. In einem dramatischen Fünf-Satz-Krimi im Sinan Erdem Spor Salonu setzte sich das Team von Cheftrainer Daniele Santarelli mit 3:2 (16:25, 25:22, 12:25, 25:21, 15:10) gegen den amtierenden Welt- und Olympiasieger Italien durch.

Das Endspiel verlangte den Gastgeberinnen alles ab. Italien erwischte den besseren Start und sicherte sich den ersten Satz souverän. Im zweiten Durchgang kämpfte sich die Türkei nach einem Rückstand durch starke Aktionen von Melissa Vargas und Spielführerin Eda Erdem zurück ins Spiel und glich aus. Nachdem Italien den dritten Satz erneut dominierte, erzwang die Türkei mit einem starken vierten Durchgang den entscheidenden Tiebreak.

Im fünften Satz behielten die Gastgeberinnen die Nerven und machten vor heimischem Publikum mit 15:10 den erneuten EM-Triumph perfekt. Melissa Vargas auf türkischer Seite und Paola Egonu für Italien überragten als überragende Scorerinnen des Finales mit jeweils 28 Punkten.

Der erneute Triumph ist kein Zufall, sondern reiht sich ein in eine beispiellose Ära des Erfolgs. Die türkische Frauen-Nationalmannschaft gehört seit Jahren zur absoluten Weltspitze im Volleyball. Nach den zweifachen Erfolgen in der Volleyball Nations League in den Jahren 2023 und 2026 sowie dem historischen Gold-Gewinn bei der Europameisterschaft 2023 gegen Serbien folgt nun die erfolgreiche Titelverteidigung auf heimischem Boden. Bei der Weltmeisterschaft 2025 hatte das Team zudem die Silbermedaille errungen, nachdem man sich im Finale Italien geschlagen geben musste.

Die Basis für diese Dominanz liegt vor allem in der heimischen Liga, der Sultanlar Ligi. Türkische Spitzenklubs wie VakıfBank SK, Eczacıbaşı und Fenerbahçe dominieren regelmäßig die europäischen Klubwettbewerbe und bringen fortlaufend Weltklassespielerinnen hervor. Mit dem aktuellen Triumph im Rücken festigen die Sultane des Netzes ihren Status als globale Volleyball-Macht.

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— ¹⁹⁰⁷ (@sensibledeist) September 6, 2026

Gastkommentar
Sachsen-Anhalt wählt: Eine Richtungsentscheidung für Deutschland

Ein Gastkommentar von Kemal Bölge

Heute steht eine richtungsweisende, wichtige Landtagswahl in Deutschland an: die Wahl in Sachsen-Anhalt. Gewinnt die Alternative für Deutschland (AfD) die Landtagswahl, bedeutet das eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Der offen rechtsextremen und rassistischen AfD könnte mit einem Wahlsieg die politische Landschaft in Deutschland verändern.

Zuletzt hatte die Ex-Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Deutschland, Charlotte Knobloch, bezüglich eines möglichen Wahlsiegs der AfD Alarm geschlagen und historische Parallelen zwischen der NSDAP und der AfD gezogen. Aber nicht nur Jüdinnen und Juden sind äußerst besorgt, sondern auch viele Migrantinnen und Migranten.

Historische Parallelen: Anhalt und die NSDAP

Apropos historische Parallelen: Bevor die NSDAP mit Adolf Hitler am 30. Januar 1933 im damaligen Deutschland an die Macht kam, gab es unter anderem in Anhalt Reichstagswahlen. Bei der Reichstagswahl am 31.07.1932 in Anhalt bekam die NSDAP 45,2 %, und am 06.11.1932 erhielt sie 40,5 %. Diese Wahlen waren richtungsweisend für die spätere Machtübernahme durch die Nazis.

Rechtsextreme Parteien in der Bundesrepublik

In der bundesrepublikanischen Parteiengeschichte gab es rechtsextreme Parteien wie die NPD (heute Die Heimat), die Republikaner, die DVU, Der III. Weg oder die Freien Sachsen. Kleinere Wahlerfolge konnte die NPD oder konnten die Republikaner auf kommunaler Ebene verzeichnen. Keiner dieser rechtsextremen Parteien ist das gelungen, was an den Erfolg der AfD herankommt.

Die anderen rechtsextremistisch-rassistischen Parteien thematisierten auch die Zuwanderung als Wahlkampfthema, konnten aber daraus kein Kapital schlagen.

AfD und FPÖ: Strategische Nähe

Die AfD betrachtet die in Österreich etablierte, aber ebenfalls rechtsextremistisch-rassistische FPÖ als strategisches Vorbild. Es ist bekannt, dass sich beide Parteien regelmäßig austauschen und persönliche Kontakte pflegen.

Es ist ein Geben und Nehmen, denn beide verfolgen ähnliche politische Ziele: Was Migration und Gesellschaft angeht, verfolgen beide eine harte Migrationspolitik, Kritik an Diversität und traditionelle Rollenbilder.

Sowohl die AfD als auch die FPÖ stehen kritisch zur Europäischen Union (EU) und fordern Brüssel auf, Macht an die Nationalstaaten zurückzugeben. Was insbesondere ins Auge fällt, ist eine russlandfreundliche Politik. Die westlichen Sanktionen gegen Russland oder Waffenlieferungen an die Ukraine werden kritisiert. Es werden Sympathien für rechtsautoritäre Regierungen gezeigt. Beide Parteien pflegen Kontakte zu rechtsextremen Gruppen, Burschenschaften oder identitären Bewegungen.

Die Wählerschaft von AfD und FPÖ

Zur Zielgruppe beider Parteien gehören frustrierte Wählerinnen und Wähler, die sich von den etablierten Parteien nicht vertreten fühlen. Sie sprechen Menschen an, die sich als die Verlierer der Globalisierung betrachten, die soziale Abstiegsängste haben oder wirtschaftliche Nachteile durch den Wirtschaftswandel befürchten oder erleben.

Wie die AfD die politische Landschaft verändert

Die Wahlerfolge der AfD sind nicht spurlos an den traditionellen Parteien vorbeigegangen. Insbesondere radikale Forderungen der AfD in der Migrationspolitik haben die etablierten Parteien entweder 1:1 übernommen oder in abgeänderter Form umgesetzt. Mit der Übernahme von AfD-Forderungen durch die etablierten Parteien werden diese legalisiert.

Früher konnte man Nazis an Baseballjacken und Springerstiefeln ganz leicht erkennen, aber die heutigen Nazis sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Sie sitzen mit Anzug und Krawatte im Bundestag und in den Landesparlamenten und können ihren Hass gegen das politische System des demokratischen Deutschlands, die Ausgrenzung von Migrantinnen und Migranten und Geflüchteten frei ausleben.

„Wehret den Anfängen!“

„Wehret den Anfängen!“ ist eine oft verwendete Redewendung, die zum Schutz der Demokratie und dem Gedenken an historische Verbrechen verwendet wurde. Die Gefahr für die Demokratie in Deutschland war noch nie so groß wie heute.

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


 

Israel
Bumerang-Effekt im Mittelmeer: Wie die Zerstörung von Gazas Abwassernetz Israels Wasserversorgung trifft

Tel Aviv – Die massive Zerstörung der zivilen Infrastruktur im Gazastreifen entfaltet zunehmend grenzüberschreitende Folgen für das Ökosystem und die Trinkwasserversorgung in Israel.

Nach Berichten israelischer Medien, darunter die Tageszeitung Haaretz, mussten fünf der sechs großen Meerwasserentsalzungsanlagen an Israels Mittelmeerküste vorübergehend abgeschaltet oder gedrosselt werden. Der Grund: Eine beispiellose, seltene Algenblüte, die durch ungeklärte Abwässer aus dem Küstenstreifen befeuert worden sein soll.

„Die Entsalzungskrise in Israel macht die Folgen deutlich, die sich daraus ergeben, dass das Abwassersystem im Gazastreifen zerstört wurde, dessen Wiederaufbau verweigert wird und die israelische Wasserwirtschaft nicht auf eine sich verschärfende Klimakrise vorbereitet wurde“, so die Haaretz.

Nährstoffe im Meer als Auslöser

Seit den großflächigen Beschädigungen der Abwasserkanäle und Kläranlagen im Gazastreifen fließen schätzungsweise täglich rund 40.000 Kubikmeter ungeklärtes Abwasser direkt ins Mittelmeer. Wissenschaftler und Meeresökologen verweisen darauf, dass die im Abwasser enthaltenen hohen Mengen an Phosphor und Stickstoff zusammen mit ungewöhnlich hohen Wassertemperaturen ideale Nährstoffbedingungen für Mikroalgen schaffen.

Verstärkt durch Küstenströmungen breitete sich der extrem dichte Algenteppich entlang der Meeresküste nach Norden aus. Die Folge: Die feinen Filter der israelischen Entsalzungsanlagen – die den Großteil des nationalen Trinkwassers liefern – drohten zu verstopfen oder wurden durch die Trübung des Wassers lahmgelegt.

Infrastrukturschäden schlagen auf Verursacher zurück

In den sozialen Medien und in Fachkreisen wird die Entwicklung intensiv diskutiert. Viele Beobachter werten das Ereignis als direkten Beleg dafür, dass Umweltzerstörung und Kriegshandlungen in eng vernetzten Ökosystemen keine Grenzen kennen und letztlich auch auf den Verursacher zurückschlagen.

Während die israelische Wasserbehörde versichert, die Trinkwasserversorgung durch Reserven sichern zu können, wurden bereits erste Einschränkungen für die Bewässerung von öffentlichen Parks und der Landwirtschaft erlassen. Experten mahnen, dass die anhaltende ökologische Krise im Küstenstreifen langfristig das gesamte östliche Mittelmeer gefährden könnte.

Kunst
Zwischen Anatolien und Frankfurt: Die transformative Musik des Halil Kıratlı

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Frankfurt – Eine Frau sitzt im Feld. Ihr Rock ist weit ausgestellt, ein Tuch bedeckt ihr Haar, vor ihr steht ein golden glänzendes Saxofon.

Doch was aus dem Instrument strömt, gehört längst nicht mehr allein in diese ländliche Landschaft. Rote und violette Linien steigen wie Klangwellen in den Himmel, Häuser geraten ins Wanken, ein Drache oder Fabelwesen scheint sich aus der Musik zu lösen. Darüber schweben Planeten, Sterne und eine Rakete. Die Grenze zwischen Dorf, Kosmos und Traum ist aufgehoben.

Das Bild stammt von dem türkischen Künstler Halil Kıratlı, der heute in Frankfurt am Main lebt. Kıratlı lässt in dieser Arbeit zwei Welten aufeinanderprallen, die auf den ersten Blick kaum zusammengehören: die bäuerliche Lebenswelt Anatoliens und die Bildsprache einer urbanen, globalisierten Gegenwart.

Im Zentrum steht die Musikerin. Sie wirkt auf den ersten Blick wie eine Figur aus einer Erinnerung: die Kleidung, die Körperhaltung, die Landschaft und die Felder verweisen auf ein ländliches Leben. Doch dann fällt der Blick auf das Saxofon. Es ist nicht bloß ein Musikinstrument, sondern der Motor des gesamten Bildes. Aus seinem Schalltrichter scheint sich eine andere Wirklichkeit zu ergießen.

Musik als Kraft, die die Welt verändert

Kıratlı malt keinen realistischen Klang. Er macht Musik sichtbar.
Die farbigen Ströme, die aus dem Saxofon hervorkommen, ziehen sich über das Bild und verwandeln die Landschaft. Gebäude stehen schief, als würden sie von den Schwingungen erfasst. Eine Rakete steigt in den Himmel. Ein Planet schwebt über der Szenerie. Selbst die Sterne wirken weniger wie astronomische Objekte als wie Zeichen einer persönlichen Mythologie.

Gerade diese Mischung macht die Arbeit so eigenwillig. Sie erzählt nicht einfach von einem Dorf in der Türkei. Sie erzählt von Erinnerung, Fantasie und dem Wunsch, Grenzen zu überschreiten. Die Frau mit dem Saxofon wird dabei zur Vermittlerin zwischen den Welten. Sie sitzt fest auf dem Boden – und ihre Musik reicht bis in den Weltraum.

Zwischen anatolischem Bildgedächtnis und Underground

Kıratlıs Bildsprache verweigert sich einer klaren Zuordnung. Sie ist weder klassische Volksmalerei noch reine Pop-Art. Auch surrealistische Elemente finden sich darin, ohne dass das Werk einfach als Surrealismus abgeheftet werden könnte. Die handgezeichneten Linien, die dicht ausgearbeiteten Flächen und die kräftigen Farben erzeugen vielmehr den Eindruck einer ganz eigenen, privaten Bilderwelt.

Gerade darin liegt etwas zutiefst „Underground“-haftes: Das Bild scheint sich nicht darum zu kümmern, ob seine Motive zusammenpassen. Eine Dorfbewohnerin mit Saxofon? Ein startendes Raumschiff über einem Feld? Häuser, die wie Spielzeug in eine imaginäre Strömung geraten? Warum eigentlich nicht? Kıratlı erlaubt sich eine Freiheit, die in der Gegenwartskunst keineswegs selbstverständlich ist: Er muss seine Fantasie nicht rational erklären.

Frankfurt im Hintergrund

Dass der Künstler heute in Frankfurt lebt, verleiht der Arbeit eine zusätzliche Ebene. Frankfurt ist eine Stadt der Hochhäuser, des Finanzwesens, der internationalen Mobilität und der Migration. Anatolische Dorfwelten und die urbane Realität Deutschlands liegen für viele Menschen mit türkischen Wurzeln nicht in getrennten Universen. Sie existieren gleichzeitig – in Erinnerungen, Familiengeschichten, Bildern und persönlichen Biografien.

Kıratlı macht aus diesem Nebeneinander keine nüchterne Dokumentation. Er übersetzt es in eine fantastische Bildsprache.So kann das Feld im Vordergrund für Herkunft und Erinnerung stehen, während der Himmel zum Raum des Möglichen wird. Die Rakete ist dann nicht nur eine Rakete. Sie kann für Aufbruch stehen, für Entfernung, für Migration – oder schlicht für die kindliche Lust, die eigene Welt zu verlassen. Und vielleicht ist genau diese Offenheit die Stärke des Bildes.

Eine Frau, die nicht nur zuhört

Bemerkenswert ist auch die Rolle der Frau. Sie ist nicht Staffage und nicht bloß Teil einer folkloristischen Szene. Sie macht etwas. Sie erzeugt den Sturm, der das gesamte Bild bewegt.

Das traditionelle Bild der Dorfbewohnerin wird damit aufgebrochen. Ihre Musik besitzt eine geradezu kosmische Wirkung. Während sie scheinbar unbeirrt auf ihrem Instrument spielt, gerät um sie herum die Wirklichkeit in Bewegung.Man könnte sagen: Kıratlı gibt dieser Frau eine Stimme – oder genauer: einen Klang.
Und dieser Klang ist laut genug, um bis zu den Sternen zu reichen.

Eine Kunst der Zwischenräume

Kıratlıs Arbeit lädt dazu ein, über die geografischen Grenzen hinauszusehen. Türkei und Deutschland, Dorf und Großstadt, Vergangenheit und Zukunft, Realität und Fantasie: Das Bild entscheidet sich für keine dieser Seiten. Es bringt sie zusammen.
Vielleicht liegt darin auch die besondere Qualität von Kunst aus einer Migrationsgesellschaft. Sie muss nicht erklären, zu welcher Welt ein Mensch gehört. Sie kann zeigen, dass mehrere Welten gleichzeitig existieren.

Die Frau im Feld spielt Saxofon. Über ihr schwebt der Kosmos. Zwischen den Häusern fließt Musik wie ein Fluss. Und irgendwo zwischen Anatolien und Frankfurt beginnt eine neue, eigensinnige Welt. Halil Kıratlı malt sie nicht, als wolle er sie beweisen. Er malt sie, als hätte sie schon immer existiert.

Kemal Bölge

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