Islamische Gemeinde Penzberg
Penzberg: Imam Benjamin Idriz erhält Schreiben mit „NSU 2.0“-Bezug

Penzberg – Nach mehreren islamfeindlichen Schmierereien in Penzberg ist es zu einem weiteren Vorfall gekommen. Imam Benjamin Idriz hat nach eigenen Angaben ein anonymes Schreiben mit antimuslimischer Hetze und dem Schriftzug „NSU 2.0“ erhalten. Am Donnerstag informierte er die Polizei. Nach Angaben des Imams ging das Schreiben nicht nur an ihn, sondern auch an weitere Persönlichkeiten in Penzberg.

Idriz veröffentlichte am Donnerstag ein Video, in dem er den Inhalt des erhaltenen Pakets zeigt. Zu sehen sind mehrere Schreiben mit beleidigenden und gegen Muslime gerichteten Aussagen sowie Abbildungen. Auf einem der Blätter findet sich der Schriftzug „NSU 2.0“.

Der Begriff hat in Deutschland eine besondere Vorgeschichte. Unter dem Kürzel „NSU 2.0“ wurden ab 2018 zahlreiche rechtsextreme Droh- und Hassschreiben verschickt. Betroffen waren unter anderem Politiker, Journalisten, Anwälte und andere Personen des öffentlichen Lebens. 2022 wurde ein Mann wegen einer Serie von mehr als 80 Drohschreiben verurteilt.

Idriz: „Heute haben wir die Polizei informiert“

„Ein anonymer Brief mit falscher Absenderadresse, voller Beleidigungen, Hass und Hetze gegen Muslime, wurde nicht nur mir, sondern auch anderen Persönlichkeiten in Penzberg zugestellt“, erklärte Idriz zu dem Vorfall.

Die Polizei sei inzwischen informiert worden. Wer hinter dem Schreiben steckt und ob es einen Zusammenhang zu den früheren Vorfällen in Penzberg gibt, ist derzeit nicht bekannt.

Idriz warnt zugleich davor, solche Fälle als bloße Randerscheinung abzutun. Der Hass gegen den Islam sowie gegen Musliminnen und Muslime nehme spürbar zu. Die Statistiken zu antimuslimischen Straftaten und Anfeindungen seien alarmierend, so der Imam.

Besonders deutlich kritisierte Idriz das aus seiner Sicht fehlende öffentliche Signal demokratischer Parteien. Wer sich zu Recht gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus und andere Formen der Menschenfeindlichkeit stelle, müsse mit derselben Entschlossenheit auch gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit auftreten.

„Hass darf nicht erst dann ernst genommen werden, wenn aus Worten Taten werden“, schrieb Idriz.

Bereits mehrfach islamfeindliche Vorfälle in Penzberg

Der neue Vorfall folgt auf eine Reihe von Angriffen auf Hinweistafeln in Penzberg. Die Schilder weisen neben christlichen Gottesdiensten auch auf das muslimische Freitagsgebet hin und waren innerhalb weniger Wochen mehrfach mit Farbe beschmiert worden.

Bei einem der Vorfälle war nach Angaben des Bayerischen Rundfunks zudem das Symbol der rechtsextremen Kleinstpartei „Der III. Weg“ auf einem Schild zu sehen. Die Kriminalpolizei ermittelt in den Fällen.

Bereits vor der ersten Schmiererei hatte Idriz nach eigenen Angaben zahlreiche hasserfüllte Beiträge und Drohungen in sozialen Netzwerken registriert. Darunter habe sich auch die Aussage befunden, das muslimische Hinweisschild werde bald „Geschichte“ sein.

Die wiederholten Angriffe lösten in Penzberg eine breite Solidaritätsbewegung aus. Rund 450 Menschen bildeten vor der Moschee eine Menschenkette. Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften, Bürgermeister und Stadträte beteiligten sich an der Aktion.

Idriz hatte sich bereits damals für Besonnenheit ausgesprochen und angekündigt, trotz der Angriffe am Dialog zwischen den Religionsgemeinschaften festzuhalten. Die große Solidarität der Penzberger Bevölkerung bezeichnete er als überwältigend.

Der nun bekannt gewordene Brief gibt dem Thema eine neue Dimension. Während sich die bisherigen Vorfälle vor allem gegen öffentliche Hinweistafeln richteten, wurde Idriz diesmal persönlich mit einem anonymen Schreiben konfrontiert, das nach seinen Angaben gezielt gegen Muslime hetzt und den Schriftzug „NSU 2.0“ trägt.

Idriz fordert deshalb eine klare Haltung gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit. Demokratie brauche eine Stimme gegen Hass – „ohne Ausnahme und ohne doppelten Maßstab“.

 


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Gastbeitrag
Eurasische Wurzeln: Ein historisches Urteil über das Deutschsein

Ein Gastkommentar von Çağıl Çayır

Unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier machte in seiner Festaktrede zum 60. Jubiläum des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens am 05. Oktober 2021 in Berlin nicht nur auf die besonderen Leistungen der türkischen „Gastarbeiter“ und deren Nachkommen aufmerksam, sondern verurteilte auch unsere eigene Vernachlässigung, Verachtung und Gewalt gegenüber Türken und anderen Einwanderern in Deutschland.

Dabei sprach er nicht nur von Einzelfällen, sondern von einem Grundproblem – „mitten in Deutschland, mitten in dieser Gesellschaft“:

Die niederträchtigen Morde des NSU, die Toten in Mölln und Solingen und Hanau, sie sind Opfer eines Hasses, der mitten in Deutschland, mitten in dieser Gesellschaft seine Wurzeln hat. Nach wie vor. Und deshalb sind wir alle, im Angesicht dieser Opfer, traurig, betroffen, auch wütend. Aber wir sind nicht ohnmächtig! Es ist die Pflicht des Staates, alle Menschen zu schützen. Fremdenhass ist Menschenhass. Und diesen Hass dürfen und werden wir in Deutschland niemals dulden!

Stimmen wir den mahnenden Worten unseres Bundespräsidenten zu und wollen ihnen folgen und das Problem der Türken- bzw. Fremden-feindlichkeit mitten in Deutschland, mitten in dieser Gesellschaft suchen und aufklären, dann stellt sich zunächst die Frage: Wo ist die „Mitte“ von Deutschland?

Die „Mitte“ dieser Gesellschaft? Dabei geht es nicht um ein fremdes Land oder eine fremde Gesellschaft, sondern um unser Land und unsere Gesellschaft – als Deutsche. Die Frage, die wir uns als Deutsche stellen müssen, lautet also: Wo ist unsere Mitte?

Wo ist unsere Mitte?

Dabei ist der Begriff „unsere“ ebenso doppeldeutig wie der Begriff „Mitte“. Beide Begriffe bedeuten sowohl eine Vielheit wie auch eine Einheit. „Unsere“ bedeutet eine Vielheit von verschiedenen Menschen, die gemeinsam eine Einheit bilden, zu der wir selbst zählen. In unserem Fall geht es um „unsere“ Viel-Einheit als die deutsche Gesellschaft – als das deutsche Volk.

„Mitte“ bedeutet „Punkt eines Ganzen, der von dessen äußerer Begrenzung überall gleich weit entfernt ist“. Zudem bedeutete „Mitte“ auch „Gruppe von Menschen“ – „Kreis“. Des Weiteren gibt es die seltene Verwendung des Wortes für „Taille“. Der Zusammenhang vom Mittelteil zum Ganzem liegt in allen Fällen offensichtlich vor.

Die „Mitte“ ist also etwas, das mit der äußeren Begrenzung des Ganzen zusammenhängt. Das Ganze sind wir – die Deutschen. Doch, wo ist unsere äußere Begrenzung? Diese müssen wir kennen, um unsere Mitte zu ermitteln.

Nun ist das Wort „Begrenzung“ ebenfalls ein mehrdeutiger Begriff. Denn das Wort bedeutet sowohl „Begrenzen“ als auch „Grenze, Eingrenzung“. Im übertragenen Sinn bedeutet es auch „Schranke“. Dabei bedeutet „Grenze“ nicht nur eine einfache Grenzlinie, die isoliert vom Ganzen ist, sondern immer eine Grenzmarkierung – eine Grenzmarke, die das Innere vom Äußeren trennt.

Auch die Wörter „unsere“ und „Mitte“ können eine übertragene Bedeutung haben – wie im „Vater unser“ oder „innere Mitte“, „Herz“, „Seele“, „Wesen“. Unsere Frage trägt also eine doppelte Doppeldeutigkeit in sich, die schon an der Beschreibung unseres Bundespräsidenten deutlich wird, wenn er „mitten in Deutschland“ und „mitten in dieser Gesellschaft“ synonym verwendet.

Denn es geht nicht nur um die politische, juristische und wirtschaftliche, sondern vor allem um die soziale Viel-Einheit von uns „Deutschen“. Doch allein politisch und juristisch lassen sich die Grenzen von Deutschland nicht eindeutig bestimmen. Es gibt Gebiete, wie im Obersee des Bodensees, wo die Bundesgrenze nicht durch Grenzsteine eindeutig markiert ist.

Zudem gibt es deutsche Inseln in der Ost- und Nordsee, die die Berechnung der deutschen Landesgrenze und damit auch der deutschen Landesmitte erschweren. Juristisch sind die Grenzen von Deutschland ebenfalls nicht nur auf unser Hoheitsgebiet beschränkt.

Denn deutsches Recht gilt auch in unseren exterritorialen Gebieten im Ausland, unseren Botschaften und Konsulaten sowie teilweise auch für unsere im Ausland lebenden Staatsbürger. Zugleich gilt das deutsche Recht auch für in Deutschland lebende und arbeitende Ausländer.

Daher sind die deutsche Politik und das deutsche Recht nicht nur auf Deutschland und Deutsche beschränkt. Wie können wir dann eine klare politische und juristische deutsche Grenze ziehen? Zudem sind Ausländer in Deutschland ebenfalls steuerpflichtig.

Das heißt die Steuereinnahmen in der Bundesrepublik, von der unsere öffentliche Hand lebt, stammen nicht nur von deutschen Staatsbürgern, sondern zu einem beträchtlichen Teil auch von Ausländern. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2014 teilt mit, dass Deutschland finanziell stark von Zuwanderung profitiert:

Die 6,6 Millionen Menschen ohne deutschen Pass sorgten 2012 für einen Überschuss von insgesamt 22 Milliarden Euro. Jeder Ausländer zahlt demnach pro Jahr durchschnittlich 3.300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben, als er an staatlichen Leistungen erhält. Das Plus pro Kopf ist in den vergangenen zehn Jahren um über die Hälfte gestiegen. Für einen weiteren Anstieg sind bessere Bildungspolitik und gesteuerte Zuwanderung die wichtigsten Voraussetzungen. (Ulrich Kober, 2014)

Folglich sind Deutschland und das deutsche Volk politisch, juristisch und wirtschaftlich eine offene Viel-Einheit verschiedener Gebiete und Menschen verschiedener Herkunft. Dabei leben die meisten Zuwanderer erst seit den 1960er Jahren in Deutschland – meist kamen sie als sogenannte „Gastarbeiter“.

Dagegen lebt die Mehrheit der Deutschen schon länger in Deutschland. Sie haben eine andere Geschichte als die meisten Zuwanderer, die in historischer Sicht vergleichsweise „neu“ nach Deutschland gekommen sind.

Denn die Zuwanderung ab den 1960er Jahren ist noch keine 100 Jahre her, während die Geschichte der Mehrheit der Deutschen im Wesentlichen schon weit über 1000 Jahre in dem heutigen deutschen Hoheitsgebiet verlief.

Dass heute Menschen mit verschiedenen Herkunftsgeschichten in der deutschen Bundesrepublik und der deutschen Gesellschaft vereint sind, bedeutet historisch gesehen eine Ausweitung – nicht nur der politischen und juristischen, sondern auch der intellektuellen Grenzen von Deutschland und der Deutschen. Es zählen nicht mehr nur diejenigen dazu, die gefühlt „schon immer“ hier gelebt haben, sondern auch diejenigen, die erst später aus anderen Ländern und Gesellschaften hierhergezogen sind.

Bekanntlich war lange Zeit der historische Unterschied zwischen „Einheimischen“ und „Einwanderern“ der Hauptfaktor zur Unterscheidung zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen – und er ist es – „nach wie vor“. Folglich handelt es sich bei der für uns entscheidenden „Grenze“, nicht nur um eine politische und juristische, sondern auch um eine intellektuelle, vor allem historische „Grenze“. Deshalb müssen wir fragen: Wo sind unsere historischen „Grenzen“?

Dabei können wir unsere Geschichte gar nicht getrennt von anderen Geschichten betrachten. Das heißt wir müssen nicht nur wissen, wo unsere Geschichte, sondern auch wo die Geschichte der „Anderen“ beginnt und aufhört. Schließlich bedeutet eine Grenze genau das. Sie markiert Beginn und Ende von innen und außen. Aber ist das historisch überhaupt möglich?

Politisch, juristisch und wirtschaftlich sind unsere Grenzen im Grunde schon international und global. Wenn wir glauben, dass wir jemals oder sogar immer noch vom Rest der Welt isoliert existierten, hätten wir ein Zerrbild von unserer historischen Realität. Politisch, juristisch und wirtschaftlich sind wir aktuell ein global vernetztes Land und eine international verbundene Gesellschaft – vereint im Namen der Deutschen.

Das heißt wir sind inzwischen auch historisch global und international. Wenn wir uns dessen bewusst werden, erkennen wir unsere Mitte. Noch haben wir landläufig ein stark „begrenztes“ Geschichtsbild, das unsere Mitte verzerrt.

Fragen wir nach unseren bisherigen äußeren historischen Grenzen, dann können wir uns an der Geschichte unserer Sprache orientieren, die ja selbst eine Bedeutung des Wortes „Deutsch“ ist und zudem im Grunde die gesamte politische, juristische, wirtschaftliche und darüberhinausgehende, ganze Erfahrungsgeschichte des deutschen Landes und deutschen Volkes widerspiegelt. „

Deutsch“ ist also nicht nur ein Land und dessen Gesellschaft, sondern auch eine Sprache, die wiederum repräsentativ für die deutsche Geschichte ist. So lässt sich auch sprachlich – weder heute noch zu einer früheren Zeit – eine klare historische Grenze zwischen Deutsch und anderen Sprachen ziehen. Denn die deutsche Sprache trägt viele Lehnwörter aus anderen Sprachen in sich.

Selbst althochdeutsche Begriffe haben oft noch ältere Wurzeln, die in den Sprachwissenschaften der vergangenen Jahrhunderte gemeinsam mit vielen anderen Sprachen auf „indo-germanische“ Wurzeln zurückgeführt wurden. Dabei handelt es sich um eine konstruierte Sprache, die wegen der historisch exklusivierenden Implikationen des Germanenbegriffs mittlerweile auch „indo-europäisch“ genannt wird.

Der deutsche Mittelalterhistoriker Jörg Jarnut plädierte sogar für die Abschaffung des Germanen-Begriffs aus der deutschen Mittelalterforschung, weil keiner der deutschen Stämme sich im Frühmittelalter selbst als „Germanen“ bezeichnete und der neuzeitliche Germanen-Begriff irreführende Implikationen mit katastrophale Folgen birgt, wie zum Beispiel die NS-Verbrechen, die von der NS-Germanenideologie geistig vorbereitet, getragen und begleitet wurden.

Doch wurde Jarnuts Warnung noch nicht ernstgenommen oder gar umgesetzt. Das Forschungsfach zur deutschen Sprache heißt immer noch „Germanistik“ und auf Englisch heißt Deutschland immer noch „Germany“ sowie die Deutschen immer noch „Germans“.

Dadurch werden nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland historisch exklusivierende Stereotype impliziert, die hier wie dort spaltend wirken und immer wieder die Grundlage für Fremdenfeindlichkeit bilden. Dabei ist inzwischen klar, dass wir im Grunde niemanden aus unserem Land, unserer Gesellschaft und unserer Sprache und Geschichte völlig ausgrenzen können. Es sei denn zu Unrecht – um den Preis sich und die anderen zu verkennen.

Fragen wir nach den äußersten historischen Selbst-Vorstellungen der Deutschen, müssen wir auch nach den ältesten Herkunftslegenden fragen. Hier ist vor allem die fränkische Herkunftslegende aus dem 7. Jahrhundert zu beachten. Das ist die älteste erhaltene Herkunftslegende eines deutschen Stammes.

Der sogenannten Fredegar-Chronik zufolge sind die Franken gemeinsam mit den Türken aus Troja nach Europa eingewandert. Die Türken seien an der Donau geblieben und die Franken wären weiter nordwärts ins Rheinland gezogen. Eine ähnliche Legende findet sich aus Island. In der Edda des Snorri Sturluson aus dem 13. Jahrhundert wird Odin aus Türkland in Asien hergeleitet. Die eigenen und fremden Grenzen waren offenfließend.

Erst nach der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 durch Mehmet II. grenzte die römische Kirche die Türken mit dem Rückgriff auf antike Quellen aus der europäischen und deutschen Geschichte aus. Mithilfe des Buchdrucks (Karoline Döring) wurde innerhalb nur weniger Jahre eine neue die gesamte europäische Christenheit umfassende geschlossene Öffentlichkeit im Zeichen eines neuen Kreuzzugs gegen die Türken geschaffen.

In diesem Kontext und zu diesem Zweck wurden die Idee von „Europa“ als Festung der Christenheit sowie die Gleichsetzung der Deutschen mit den antiken „Germanen“ als Kampfbegriffe in Europa und Deutschland eingeführt: Es war ja Enea, der Italiener, der zum ersten Mal überhaupt deutschen Zuhörern zuruft: „Vos Germani / Ihr Germanen!“

Im 15. Jahrhundert wurden die äußersten historischen Grenzvorstellungen der „Deutschen“ also von Rom aus politisch „begrenzt“. Das hatte auch die Verschiebung der Vorstellung von der historischen „Mitte“ von Deutschland und dem deutschen Volk zur Folge. Anstelle von Vorstellungen von langen und gemeinsamen Wanderungen – vor allem mit den Türken – traten Vorstellungen von Abgrenzung und Isolation – vor allem gegen die „Türken“.

Das betrifft nicht nur „Deutsche“, sondern alle „Europäer“, deren Selbst- und Fremdbild nach 1453 maßgeblich anti-türkisch geprägt wurde. Der Mittelalterhistoriker Johannes Helmrath scheibt: „Die Türken wurden zum traumatischen Auslöser und Wetzstein europäischer Identität.“

Wenn wir also festgestellt haben, dass die heutigen äußersten historischen Grenzvorstellungen der „Europäer“ und „Germanen“ maßgeblich zur Aus- und Abgrenzung von Türken konstruiert wurden, dann verstehen wir auch, warum Türken- und Fremdenfeindlichkeit nicht nur einen Teil von Deutschland und der deutschen Gesellschaft betrifft, sondern alles, was „Deutsch“ ist.

Was ist Deutsch?

Deutsch ist nicht nur der Name eines Landes, eines Volkes und einer Sprache, sondern auch ein Geschichtsbild. Vor allem die historische Vorstellung von Deutschland und den Deutschen ist entscheidend für die intellektuelle Inklusion oder Exklusiven von anderen Menschen.

Wenn wir die äußersten historischen Grenzen der „Deutschen“ dort denken, wo sie einst der Papst und Hitler gesetzt haben, finden wir unsere Mitte dort, wo Angst, Hass und Gewalt zugrundeliegen. Wenn wir die äußersten historischen Grenzen als Maßstab nehmen, die uns die ältesten erhaltenen Sagen der Franken und Isländer vorgeben, dann finden wir unsere Mitte innerhalb eines eurasischen Netzwerks, in dem die Türken und Türkvölker uns als Verwandte erscheinen.

Wollen wir uns über die bisherigen Geschichtsbilder hinaus an den neuesten geschichtswissenschaftlichen Studien orientieren. Dann kommen wir zu demselben Schluss. Denn auch die neuesten umfassenden globalgeschichtlichen Studien zeigen, dass Deutschland schon immer Einwanderer aus Anatolien und Zentralasien aufnahm. Daran müssen wir unsere Mitte messen.

Darauf wies schon der Autor, Kabarettist, Schauspieler und Regisseur Wolfgang Neuss hin:

Was Die Berliner Immer Vergessen

« Was die Berliner immer vergessen,
abgesehen davon, daß sie völlig vergessen,
dass es nicht die Türken sind,
die uns hier aufsuchen, ansuchen, heimsuchen,
die hier aufgenommen werden wollen,
sondern, dass es unsere Verwandten
von früher sind, die wir selber mal waren!

Wir sind da mal hingezogen,
ich mach noch darauf aufmerksam,
Ernst Reuter ist selbst in die Türkei gezogen, ja?,
als – irgendwas, als CIA-Agent,
im Krieg konnte man ja nur als CIA-Agent,
So war der in der Türkei —
Und der alleine hat schon das ganze Volk
Nach sich gezogen hier, ja?

Man darf doch nicht vergessen:
dass wir da zwar Fremde sehen, und dass das auch das schöne Spiel der Erde ist, dass es immer Fremde sind, die da kommen, aber: wir sind es doch selbst. Wir sind es doch selbst, die vor sechshundert Jahren da mal hingezogen sind, oder vor achthundert Jahren. – Ganz klar!

Warum hilft uns die Wissenschaft bei diesem Ausländer- problem nicht, frage doch mal provokativ natürlich, warum: Die können längst belegen, die Leute, dass es wir selber sind, also dass wir zu denen ein ganz anderes Verhältnis entwickeln könnten als zu Tante Emma im Osten oder zu Onkel Paul in Zehlendorf, dass wir erfreut sein könnten,

»Guten Tag, Emil, wir werden schon zurechtkommen hier in der Stadt, aber dass ihr wieder da seid! « – so müsste doch erstmal die Parole lauten:
»Dass ihr wieder da seid! ! Das hätten wir ja nie gedacht, dass wir uns nochmal wiedersehen! «

(Wolfgang Neuss, Was Die Berliner Immer Vergessen, in: Verstehste? Üben, Üben, Üben! 60
Minuten Rauschmodulation, Kassette, 1983.)

 


Zum Autor

Çağıl Çayır hat sich als Kölner Geschichtsstudent auf historisch-vergleichende Kulturwissenschaft und Wissenschaftsgeschichte spezialisiert und studiert aktuell Philosophie im Master an der Universität Wuppertal. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Wissenschaftstheorie und Seinsphilosophie. Seine Arbeiten erscheinen international in renommierten Fach- und Populärmedien.Er engagiert sich wissenschaftlich wie gesellschaftlich für eine intellektuelle Völkerverständigung. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Bonn sowie Gründer der Kultur-Akademie Çayır und der Çayır Kultur Akademisi auf YouTube.Seine größte Weisheit lautet: „Liebe ist die Lektion der Geschichte.“


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Türkei
„Das Massaker von Atça Çomaklı Ovası“ feiert Premiere

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Atça/Aydın – Ein wenig bekanntes Kapitel der Geschichte Westanatoliens ist auf die Kinoleinwand gebracht worden: Der Kurzfilm „Das Massaker von Atça Çomaklı Ovası“ hat im Muhsin-Aksay-Theater- und Kinosaal in Atça seine Premiere gefeiert. Die beiden Vorstellungen stießen auf großes Interesse und lockten zahlreiche Zuschauerinnen und Zuschauer an.

Im Mittelpunkt des Films steht ein historisch dokumentiertes Ereignis aus dem Jahr 1921 in der Çomaklı-Ebene bei Atça. Nach den Erkenntnissen von Historikern wurden dort 15 Menschen aus der Region gefangen genommen, gefoltert und getötet. Unter den Opfern waren zwölf junge Menschen und drei ältere Männer. Drei der 15 Gefangenen überlebten das Massaker.

Besonders bemerkenswert ist der weitere Lebensweg eines der Überlebenden: Er soll später der erste Lokomotivführer der Türkei geworden sein. Der Film erzählt damit nicht nur die Geschichte der Opfer, sondern zeichnet zugleich den Lebensweg eines Menschen nach, der das Geschehen überlebte.

Geschichte aus der Region wird filmisch erzählt

Realisiert wurde die Produktion mit Unterstützung der Kreisverwaltung Sultanhisar, des Atça-Ortsvorstehers Ali Keleş und der Bevölkerung von Atça. Grundlage für den Film ist der dritte Band des Werks Yörük Ali Efe des Schriftstellers Sabahattin Burhan.
Regie führte Osman Emre, für die Kamera zeichneten Deniz Kuyumcu und Aydın Yücel verantwortlich. In den Hauptrollen sind unter anderem Mustafa Benli, Alperen Şahin und Mehmet Gülseven zu sehen. Für die musikalische Untermalung des Films zeichnen Oğuz Mucan und SAYKI verantwortlich.

Zum Abschluss der Gala würdigten Landrat Ali Ekber Ateş, der stellvertretende Bürgermeister von Sultanhisar Okan Yalçınkaya sowie Vertreter der örtlichen Behörden die Arbeit des Filmteams. Als Zeichen der Anerkennung wurden den Beteiligten Dankesplaketten überreicht.

Erinnerung an die Gewaltverbrechen der Besatzungszeit

Das im Film behandelte Massaker steht im Zusammenhang mit den schweren Gewaltverbrechen, die während der griechischen Besatzung weiter Teile Westanatoliens zwischen 1919 und 1922 gegen die türkische Zivilbevölkerung verübt wurden. Historische Forschungen haben für diese Zeit zahlreiche Fälle von Tötungen, Vertreibungen und weiteren Übergriffen auf die Zivilbevölkerung dokumentiert.

Mit „Das Massaker von Atça Çomaklı Ovası“ soll nun ein konkretes Ereignis dieser Epoche stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden. Die Filmemacher wollen damit einen Beitrag zur historischen Erinnerungskultur leisten und das Wissen über die Opfer und die Geschehnisse von 1921 an kommende.

Kemal Bölge

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Sachsen-Wahlen
Karasun: „Die AfD bekämpft man nicht mit mehr AfD-Politik“

Ein Gastkommentar von Aras Karasun

Sowas gab es in der Geschichte der BRD nicht, weder davor noch danach, von der CDU sowieso nicht. Wir reden vom Jahr 1999. Damals waren Social Media und Internetkampagnen noch nicht einmal erfunden. Es waren physische Unterschriften in den Fußgängerzonen, von den Menschenmassen, die in die Fußgängerzonen stürmten. Und das war nicht im Osten, sondern in westlichen Innenstädten der Metropolregionen.

Die älteren Semester unter uns erinnern sich eigentlich alle ganz genau. Damals mobilisierte die CDU bundesweit gegen die geplante Reform des Staatsangehörigkeitsrechts. In den Fußgängerzonen wurden fünf Millionen Unterschriften gegen die doppelte Staatsbürgerschaft gesammelt.

Mehr als fünf Millionen Menschen unterschrieben, bis heute ein Bundesrekord in dieser Form und einmalig. Das galt vor allem für eine Partei wie die CDU, die eigentlich keine Straßenprotestpartei war und überhaupt nicht als solche bekannt war.

Rassistische Stimmung in den Fußgängerzonen

Ich erinnere mich als Zeitzeuge noch an die rassistische Atmosphäre dieser Kampagne. Menschenmassen gut angezogener, normaler Menschen aus der Mitte der Gesellschaft marschierten durch die Fußgängerzonen. Beflügelt von Rassismus und einem sogenannten rassistischen Gemeinschaftsgefühl hörte man in den Fußgängerzonen ständig laut die Frage, wo man hier gegen die „Scheiß-Türken“ unterschreiben könne.

Ein Nährboden für den heutigen Rechtspopulismus

Wurden die Geister von Sachsen-Anhalt 1999 von der CDU selbst gerufen? Ja, zu 100 Prozent. Politische Kampagnen bestehen nicht nur aus ihren offiziellen Formulierungen. Sie bestehen auch aus den Bildern und Botschaften, die in der Gesellschaft nachwirken.

Und bei vielen Menschen türkischer Herkunft kam die Botschaft an, dass sie als Türken das Problem seien. Nur ihre türkische Staatsangehörigkeit sei ein politisches Problem. Nur ihre Gleichberechtigung sei unwichtig und verhandelbar. Das galt natürlich nicht für US-amerikanische Geschäftsleute und nicht für Menschen aus anderen Staaten, die durften die doppelte Staatsbürgerschaft mit ein paar bürokratischen Tricks bekommen. Nur die türkische Identität wurde aus der Mitte der Gesellschaft zum Problem erklärt.

Das war eine Regelung, die faktisch 24 Jahre lang als Rassengesetz praktiziert wurde. In derselben Behörde kamen andere Menschen mit zwei Pässen heraus, während Türken sich entscheiden mussten. Das hinterließ natürlich Spuren.

Die CDU sollte sich deshalb heute eine unangenehme Frage stellen: Ob sich die Tabubrüche von 1999 auf die heutigen Stimmverluste auswirken? Hat sie mit solchen Kampagnen nicht selbst einen zukünftigen politischen Resonanzraum für die AfD geschaffen, in dem spätere Rechtspopulisten erfolgreich werden konnten?

Ja, das hat sie gemacht.

Denn politische Geister verschwinden nicht einfach. Wer jahrelang Migration, Staatsangehörigkeit und Zugehörigkeit rassistisch polemisiert, darf sich nicht wundern, wenn andere irgendwann noch einen Schritt und noch weitere Schritte weitergehen.

Der Irrtum der Kopie

Und heute? Heute versucht die CDU immer noch, der AfD Stimmen abzunehmen, indem sie deren Themen und politische Sprache übernimmt. Das ist ein weiterer strategischer Irrtum. Und eine weitere Einladung zum Untergang.

Braune Kloakensuppe wird nicht dadurch bekämpft, dass man noch mehr davon in den Topf kippt. Wer die AfD kopiert, schwächt die AfD nicht. Er stärkt und bestätigt nur ihre Agenda. Die CDU ist immer noch nicht gewillt, daraus zu lernen.

Den braunen Zufluss abdrehen

Eine demokratische Volkspartei gewinnt gegen Rechtspopulisten nicht, indem sie selbst immer dreckiger, rechtspolemischer und rechtspopulistischer wird. Sie gewinnt mit dem, was die AfD nicht bieten kann, wie Rechtsstaatlichkeit, Vernunft, Fairness, Menschlichkeit, gesellschaftlichem Zusammenhalt, Respekt, wirtschaftlicher Kompetenz, klaren Grenzen gegenüber Rassismus und Extremismus sowie einer klaren Kante gegen den rassistischen Missbrauch gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Probleme. Vielleicht braucht die CDU deshalb keine neue Strategie gegen die AfD.

Vielleicht braucht sie zunächst eine ehrliche Selbstkritik über den alten Richtungswechsel von 1999. Denn möglicherweise stehen genau die politischen Geister, die man 1999 gerufen hat, in Sachsen-Anhalt vor der Tür. Die AfD bekämpft man nicht mit mehr AfD-Politik. Man sollte ihr die braune Kloakensuppe nicht nachkochen. Man muss den braunen Zufluss komplett abdrehen.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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EuroVolley
Volleyball: Türkinnen erneut Europameister

Istanbul – Die türkische Frauen-Volleyballnationalmannschaft hat ihren Titel als Europameister erfolgreich verteidigt. In einem dramatischen Fünf-Satz-Krimi im Sinan Erdem Spor Salonu setzte sich das Team von Cheftrainer Daniele Santarelli mit 3:2 (16:25, 25:22, 12:25, 25:21, 15:10) gegen den amtierenden Welt- und Olympiasieger Italien durch.

Das Endspiel verlangte den Gastgeberinnen alles ab. Italien erwischte den besseren Start und sicherte sich den ersten Satz souverän. Im zweiten Durchgang kämpfte sich die Türkei nach einem Rückstand durch starke Aktionen von Melissa Vargas und Spielführerin Eda Erdem zurück ins Spiel und glich aus. Nachdem Italien den dritten Satz erneut dominierte, erzwang die Türkei mit einem starken vierten Durchgang den entscheidenden Tiebreak.

Im fünften Satz behielten die Gastgeberinnen die Nerven und machten vor heimischem Publikum mit 15:10 den erneuten EM-Triumph perfekt. Melissa Vargas auf türkischer Seite und Paola Egonu für Italien überragten als überragende Scorerinnen des Finales mit jeweils 28 Punkten.

Der erneute Triumph ist kein Zufall, sondern reiht sich ein in eine beispiellose Ära des Erfolgs. Die türkische Frauen-Nationalmannschaft gehört seit Jahren zur absoluten Weltspitze im Volleyball. Nach den zweifachen Erfolgen in der Volleyball Nations League in den Jahren 2023 und 2026 sowie dem historischen Gold-Gewinn bei der Europameisterschaft 2023 gegen Serbien folgt nun die erfolgreiche Titelverteidigung auf heimischem Boden. Bei der Weltmeisterschaft 2025 hatte das Team zudem die Silbermedaille errungen, nachdem man sich im Finale Italien geschlagen geben musste.

Die Basis für diese Dominanz liegt vor allem in der heimischen Liga, der Sultanlar Ligi. Türkische Spitzenklubs wie VakıfBank SK, Eczacıbaşı und Fenerbahçe dominieren regelmäßig die europäischen Klubwettbewerbe und bringen fortlaufend Weltklassespielerinnen hervor. Mit dem aktuellen Triumph im Rücken festigen die Sultane des Netzes ihren Status als globale Volleyball-Macht.

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Gastkommentar
Sachsen-Anhalt wählt: Eine Richtungsentscheidung für Deutschland

Ein Gastkommentar von Kemal Bölge

Heute steht eine richtungsweisende, wichtige Landtagswahl in Deutschland an: die Wahl in Sachsen-Anhalt. Gewinnt die Alternative für Deutschland (AfD) die Landtagswahl, bedeutet das eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Der offen rechtsextremen und rassistischen AfD könnte mit einem Wahlsieg die politische Landschaft in Deutschland verändern.

Zuletzt hatte die Ex-Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Deutschland, Charlotte Knobloch, bezüglich eines möglichen Wahlsiegs der AfD Alarm geschlagen und historische Parallelen zwischen der NSDAP und der AfD gezogen. Aber nicht nur Jüdinnen und Juden sind äußerst besorgt, sondern auch viele Migrantinnen und Migranten.

Historische Parallelen: Anhalt und die NSDAP

Apropos historische Parallelen: Bevor die NSDAP mit Adolf Hitler am 30. Januar 1933 im damaligen Deutschland an die Macht kam, gab es unter anderem in Anhalt Reichstagswahlen. Bei der Reichstagswahl am 31.07.1932 in Anhalt bekam die NSDAP 45,2 %, und am 06.11.1932 erhielt sie 40,5 %. Diese Wahlen waren richtungsweisend für die spätere Machtübernahme durch die Nazis.

Rechtsextreme Parteien in der Bundesrepublik

In der bundesrepublikanischen Parteiengeschichte gab es rechtsextreme Parteien wie die NPD (heute Die Heimat), die Republikaner, die DVU, Der III. Weg oder die Freien Sachsen. Kleinere Wahlerfolge konnte die NPD oder konnten die Republikaner auf kommunaler Ebene verzeichnen. Keiner dieser rechtsextremen Parteien ist das gelungen, was an den Erfolg der AfD herankommt.

Die anderen rechtsextremistisch-rassistischen Parteien thematisierten auch die Zuwanderung als Wahlkampfthema, konnten aber daraus kein Kapital schlagen.

AfD und FPÖ: Strategische Nähe

Die AfD betrachtet die in Österreich etablierte, aber ebenfalls rechtsextremistisch-rassistische FPÖ als strategisches Vorbild. Es ist bekannt, dass sich beide Parteien regelmäßig austauschen und persönliche Kontakte pflegen.

Es ist ein Geben und Nehmen, denn beide verfolgen ähnliche politische Ziele: Was Migration und Gesellschaft angeht, verfolgen beide eine harte Migrationspolitik, Kritik an Diversität und traditionelle Rollenbilder.

Sowohl die AfD als auch die FPÖ stehen kritisch zur Europäischen Union (EU) und fordern Brüssel auf, Macht an die Nationalstaaten zurückzugeben. Was insbesondere ins Auge fällt, ist eine russlandfreundliche Politik. Die westlichen Sanktionen gegen Russland oder Waffenlieferungen an die Ukraine werden kritisiert. Es werden Sympathien für rechtsautoritäre Regierungen gezeigt. Beide Parteien pflegen Kontakte zu rechtsextremen Gruppen, Burschenschaften oder identitären Bewegungen.

Die Wählerschaft von AfD und FPÖ

Zur Zielgruppe beider Parteien gehören frustrierte Wählerinnen und Wähler, die sich von den etablierten Parteien nicht vertreten fühlen. Sie sprechen Menschen an, die sich als die Verlierer der Globalisierung betrachten, die soziale Abstiegsängste haben oder wirtschaftliche Nachteile durch den Wirtschaftswandel befürchten oder erleben.

Wie die AfD die politische Landschaft verändert

Die Wahlerfolge der AfD sind nicht spurlos an den traditionellen Parteien vorbeigegangen. Insbesondere radikale Forderungen der AfD in der Migrationspolitik haben die etablierten Parteien entweder 1:1 übernommen oder in abgeänderter Form umgesetzt. Mit der Übernahme von AfD-Forderungen durch die etablierten Parteien werden diese legalisiert.

Früher konnte man Nazis an Baseballjacken und Springerstiefeln ganz leicht erkennen, aber die heutigen Nazis sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Sie sitzen mit Anzug und Krawatte im Bundestag und in den Landesparlamenten und können ihren Hass gegen das politische System des demokratischen Deutschlands, die Ausgrenzung von Migrantinnen und Migranten und Geflüchteten frei ausleben.

„Wehret den Anfängen!“

„Wehret den Anfängen!“ ist eine oft verwendete Redewendung, die zum Schutz der Demokratie und dem Gedenken an historische Verbrechen verwendet wurde. Die Gefahr für die Demokratie in Deutschland war noch nie so groß wie heute.

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


 

Israel
Bumerang-Effekt im Mittelmeer: Wie die Zerstörung von Gazas Abwassernetz Israels Wasserversorgung trifft

Tel Aviv – Die massive Zerstörung der zivilen Infrastruktur im Gazastreifen entfaltet zunehmend grenzüberschreitende Folgen für das Ökosystem und die Trinkwasserversorgung in Israel.

Nach Berichten israelischer Medien, darunter die Tageszeitung Haaretz, mussten fünf der sechs großen Meerwasserentsalzungsanlagen an Israels Mittelmeerküste vorübergehend abgeschaltet oder gedrosselt werden. Der Grund: Eine beispiellose, seltene Algenblüte, die durch ungeklärte Abwässer aus dem Küstenstreifen befeuert worden sein soll.

„Die Entsalzungskrise in Israel macht die Folgen deutlich, die sich daraus ergeben, dass das Abwassersystem im Gazastreifen zerstört wurde, dessen Wiederaufbau verweigert wird und die israelische Wasserwirtschaft nicht auf eine sich verschärfende Klimakrise vorbereitet wurde“, so die Haaretz.

Nährstoffe im Meer als Auslöser

Seit den großflächigen Beschädigungen der Abwasserkanäle und Kläranlagen im Gazastreifen fließen schätzungsweise täglich rund 40.000 Kubikmeter ungeklärtes Abwasser direkt ins Mittelmeer. Wissenschaftler und Meeresökologen verweisen darauf, dass die im Abwasser enthaltenen hohen Mengen an Phosphor und Stickstoff zusammen mit ungewöhnlich hohen Wassertemperaturen ideale Nährstoffbedingungen für Mikroalgen schaffen.

Verstärkt durch Küstenströmungen breitete sich der extrem dichte Algenteppich entlang der Meeresküste nach Norden aus. Die Folge: Die feinen Filter der israelischen Entsalzungsanlagen – die den Großteil des nationalen Trinkwassers liefern – drohten zu verstopfen oder wurden durch die Trübung des Wassers lahmgelegt.

Infrastrukturschäden schlagen auf Verursacher zurück

In den sozialen Medien und in Fachkreisen wird die Entwicklung intensiv diskutiert. Viele Beobachter werten das Ereignis als direkten Beleg dafür, dass Umweltzerstörung und Kriegshandlungen in eng vernetzten Ökosystemen keine Grenzen kennen und letztlich auch auf den Verursacher zurückschlagen.

Während die israelische Wasserbehörde versichert, die Trinkwasserversorgung durch Reserven sichern zu können, wurden bereits erste Einschränkungen für die Bewässerung von öffentlichen Parks und der Landwirtschaft erlassen. Experten mahnen, dass die anhaltende ökologische Krise im Küstenstreifen langfristig das gesamte östliche Mittelmeer gefährden könnte.

Kunst
Zwischen Anatolien und Frankfurt: Die transformative Musik des Halil Kıratlı

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Frankfurt – Eine Frau sitzt im Feld. Ihr Rock ist weit ausgestellt, ein Tuch bedeckt ihr Haar, vor ihr steht ein golden glänzendes Saxofon.

Doch was aus dem Instrument strömt, gehört längst nicht mehr allein in diese ländliche Landschaft. Rote und violette Linien steigen wie Klangwellen in den Himmel, Häuser geraten ins Wanken, ein Drache oder Fabelwesen scheint sich aus der Musik zu lösen. Darüber schweben Planeten, Sterne und eine Rakete. Die Grenze zwischen Dorf, Kosmos und Traum ist aufgehoben.

Das Bild stammt von dem türkischen Künstler Halil Kıratlı, der heute in Frankfurt am Main lebt. Kıratlı lässt in dieser Arbeit zwei Welten aufeinanderprallen, die auf den ersten Blick kaum zusammengehören: die bäuerliche Lebenswelt Anatoliens und die Bildsprache einer urbanen, globalisierten Gegenwart.

Im Zentrum steht die Musikerin. Sie wirkt auf den ersten Blick wie eine Figur aus einer Erinnerung: die Kleidung, die Körperhaltung, die Landschaft und die Felder verweisen auf ein ländliches Leben. Doch dann fällt der Blick auf das Saxofon. Es ist nicht bloß ein Musikinstrument, sondern der Motor des gesamten Bildes. Aus seinem Schalltrichter scheint sich eine andere Wirklichkeit zu ergießen.

Musik als Kraft, die die Welt verändert

Kıratlı malt keinen realistischen Klang. Er macht Musik sichtbar.
Die farbigen Ströme, die aus dem Saxofon hervorkommen, ziehen sich über das Bild und verwandeln die Landschaft. Gebäude stehen schief, als würden sie von den Schwingungen erfasst. Eine Rakete steigt in den Himmel. Ein Planet schwebt über der Szenerie. Selbst die Sterne wirken weniger wie astronomische Objekte als wie Zeichen einer persönlichen Mythologie.

Gerade diese Mischung macht die Arbeit so eigenwillig. Sie erzählt nicht einfach von einem Dorf in der Türkei. Sie erzählt von Erinnerung, Fantasie und dem Wunsch, Grenzen zu überschreiten. Die Frau mit dem Saxofon wird dabei zur Vermittlerin zwischen den Welten. Sie sitzt fest auf dem Boden – und ihre Musik reicht bis in den Weltraum.

Zwischen anatolischem Bildgedächtnis und Underground

Kıratlıs Bildsprache verweigert sich einer klaren Zuordnung. Sie ist weder klassische Volksmalerei noch reine Pop-Art. Auch surrealistische Elemente finden sich darin, ohne dass das Werk einfach als Surrealismus abgeheftet werden könnte. Die handgezeichneten Linien, die dicht ausgearbeiteten Flächen und die kräftigen Farben erzeugen vielmehr den Eindruck einer ganz eigenen, privaten Bilderwelt.

Gerade darin liegt etwas zutiefst „Underground“-haftes: Das Bild scheint sich nicht darum zu kümmern, ob seine Motive zusammenpassen. Eine Dorfbewohnerin mit Saxofon? Ein startendes Raumschiff über einem Feld? Häuser, die wie Spielzeug in eine imaginäre Strömung geraten? Warum eigentlich nicht? Kıratlı erlaubt sich eine Freiheit, die in der Gegenwartskunst keineswegs selbstverständlich ist: Er muss seine Fantasie nicht rational erklären.

Frankfurt im Hintergrund

Dass der Künstler heute in Frankfurt lebt, verleiht der Arbeit eine zusätzliche Ebene. Frankfurt ist eine Stadt der Hochhäuser, des Finanzwesens, der internationalen Mobilität und der Migration. Anatolische Dorfwelten und die urbane Realität Deutschlands liegen für viele Menschen mit türkischen Wurzeln nicht in getrennten Universen. Sie existieren gleichzeitig – in Erinnerungen, Familiengeschichten, Bildern und persönlichen Biografien.

Kıratlı macht aus diesem Nebeneinander keine nüchterne Dokumentation. Er übersetzt es in eine fantastische Bildsprache.So kann das Feld im Vordergrund für Herkunft und Erinnerung stehen, während der Himmel zum Raum des Möglichen wird. Die Rakete ist dann nicht nur eine Rakete. Sie kann für Aufbruch stehen, für Entfernung, für Migration – oder schlicht für die kindliche Lust, die eigene Welt zu verlassen. Und vielleicht ist genau diese Offenheit die Stärke des Bildes.

Eine Frau, die nicht nur zuhört

Bemerkenswert ist auch die Rolle der Frau. Sie ist nicht Staffage und nicht bloß Teil einer folkloristischen Szene. Sie macht etwas. Sie erzeugt den Sturm, der das gesamte Bild bewegt.

Das traditionelle Bild der Dorfbewohnerin wird damit aufgebrochen. Ihre Musik besitzt eine geradezu kosmische Wirkung. Während sie scheinbar unbeirrt auf ihrem Instrument spielt, gerät um sie herum die Wirklichkeit in Bewegung.Man könnte sagen: Kıratlı gibt dieser Frau eine Stimme – oder genauer: einen Klang.
Und dieser Klang ist laut genug, um bis zu den Sternen zu reichen.

Eine Kunst der Zwischenräume

Kıratlıs Arbeit lädt dazu ein, über die geografischen Grenzen hinauszusehen. Türkei und Deutschland, Dorf und Großstadt, Vergangenheit und Zukunft, Realität und Fantasie: Das Bild entscheidet sich für keine dieser Seiten. Es bringt sie zusammen.
Vielleicht liegt darin auch die besondere Qualität von Kunst aus einer Migrationsgesellschaft. Sie muss nicht erklären, zu welcher Welt ein Mensch gehört. Sie kann zeigen, dass mehrere Welten gleichzeitig existieren.

Die Frau im Feld spielt Saxofon. Über ihr schwebt der Kosmos. Zwischen den Häusern fließt Musik wie ein Fluss. Und irgendwo zwischen Anatolien und Frankfurt beginnt eine neue, eigensinnige Welt. Halil Kıratlı malt sie nicht, als wolle er sie beweisen. Er malt sie, als hätte sie schon immer existiert.

Kemal Bölge

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Israel
Netanjahu zum 7. Oktober: „Sie haben mich nicht geweckt“

Tel Aviv – Im Vorfeld der anstehenden Parlamentswahlen in Israel hat Ministerpräsident Benjamin Netanjahu schwere Vorwürfe gegen die eigene Armee- und Geheimdienstführung erhoben.

In Medienauftritten und Beiträgen in den sozialen Netzwerken erklärte Netanjahu, hochrangige Sicherheitsbeamte hätten ihn am Morgen des 7. Oktober 2023 vorsätzlich nicht rechtzeitig über die kritischen Anzeichen des bevorstehenden Großangriffs der Hamas informiert.

Gezieltes Vorenthalten von Informationen vorgeworfen

Netanjahu behauptet, die Führungsriege der israelischen Verteidigungskräfte (IDF) habe befürchtet, er würde als Regierungschef umgehend die gesamten Streitkräfte mobilisieren und die Luftwaffe aktivieren. Die Verantwortlichen hätten dies vermeiden wollen, um eine aus ihrer Sicht unkontrollierte Eskalation zu verhindern.

„Wenn sie mich geweckt hätten, wäre alles völlig anders verlaufen“, erklärte Netanjahu. Es habe sich um ein katastrophales Versagen der Sicherheitsbehörden gehandelt, er schloss jedoch die Vermutung von gezieltem Verrat aus. Nach Angaben Netanjahus sei er erst gegen 06:29 Uhr telefonisch über erste Raketeneinschläge informiert worden.

Streit um den offiziellen Zeitablauf

Die Veröffentlichung seines offiziellen Tagesablaufs durch das Büro des Premierministers (PMO) befeuerte die Diskussionen weiter. Dokumenten zufolge fand das erste direkte persönliche Lagebriefing zwischen Netanjahu und dem IDF-Chef Herzi Halewi erst knapp drei Stunden nach Beginn der Hamas-Invasion statt. Medien und Kritiker hinterfragen seither, warum in dieser entscheidenden Phase wertvolle Zeit verstrich.

Ehefrau Sara Netanjahu befeuert die Kontroverse

Zusätzliche Brisanz erhielt die Debatte durch Äußerungen von Sara Netanjahu, der Ehefrau des Ministerpräsidenten. Sie warf Teilen der Opposition sowie ehemaligen Sicherheitschefs öffentlich vor, im Vorfeld der Ereignisse Vorwissen über die Pläne der Hamas gehabt zu haben. Diese Anschuldigungen wurden von Oppositionsvertretern umgehend als haltlose und gefährliche Verschwörungstheorie zurückgewiesen.

Empörung bei Opposition und Opferverbänden

Die Reaktionen der politischen Gegner fielen scharf aus. Yair Golan, Vorsitzender der Oppositionspartei The Democrats, warf dem Regierungschef vor, sich jeglicher politischer Verantwortung zu entziehen und die Schuld auf jene Generäle abzuwälzen, die das Land am 7. Oktober verteidigen mussten.

Angehörigenverbände der Opfer erneuerten vor diesem Hintergrund ihre Forderung nach der unverzüglichen Einsetzung einer unabhängigen staatlichen Untersuchungskommission, deren Einrichtung von der Regierung Netanjahu bisher konsequent verweigert wird.

 


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Gastbeitrag
Kommentar: Wenn „Islamismus“ zum politischen Generalschlüssel wird

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel

Es ist wieder soweit. CDU, FDP und andere Parteien haben ein neues altes Lieblingswort entdeckt: Islamismus. Und plötzlich ist er überall. Er sitzt angeblich in Moscheevereinen, Verbänden, Jugendorganisationen, sozialen Netzwerken, Universitäten und selbstverständlich dort, wo sich Muslime politisch äußern.

Wer religiös konservativ ist, steht unter Beobachtung. Wer sich organisiert, könnte „politischen Islam“ betreiben. Wer gesellschaftliche Forderungen formuliert, wird vielleicht „legalistisch“ aktiv. Und wer widerspricht, beweist damit möglicherweise erst recht, wie gefährlich das Problem ist. Willkommen in der wunderbaren Welt eines Begriffs, der inzwischen so dehnbar geworden ist, dass man fast alles in ihn hineinwerfen kann.

„Islamismus ist eine extremistische Ideologie“, heißt es dann. Aha. Dann definieren wir doch einmal. Wo beginnt der Islamismus? Beim Terrorismus? Bei der Ablehnung der Demokratie? Bei Gewalt? Bei der Forderung nach einem Gottesstaat? Oder beginnt er bereits bei einer Frau mit Kopftuch, einem konservativen Imam, einer muslimischen Jugendorganisation oder einem Verband, dessen politische Auffassungen den selbsternannten Verteidigern der „liberalen Gesellschaft“ nicht gefallen?

Das Verwirrspiel mit den Kategorien

Genau hier beginnt das Problem. Denn inzwischen wird munter zwischen Islamismus, politischem Islam, legalistischem Islamismus, religiösem Fundamentalismus und Terrorismus hin- und hergesprungen, als seien das lediglich verschiedene Entwicklungsstufen derselben Krankheit. Heute „politischer Islam“. Morgen „legalistischer Islamismus“. Übermorgen „verfassungsfeindliche Bestrebung“. Und irgendwann reicht dann offenbar schon die falsche theologische Meinung, um auf einer politischen Verdachtsliste zu landen.

Natürlich gibt es Extremisten. Natürlich gibt es Terroristen, die ihre Gewalt religiös legitimieren. Natürlich gibt es Organisationen und Bewegungen, die demokratische und rechtsstaatliche Prinzipien ablehnen. Das zu leugnen wäre absurd. Aber ebenso absurd ist es, aus der Existenz extremistischer Gruppen eine begriffliche Generalvollmacht abzuleiten, mit der man ganze gesellschaftliche Milieus unter Generalverdacht stellen kann.

Denn „Islamismus“ ist längst nicht mehr nur eine analytische Kategorie. Der Begriff ist zu einem politischen Werkzeug geworden, den man aus der Kiste hervorkramt. Zu einer Fremdzuschreibung, mit der Außenstehende – häufig aus einer sicherheitspolitischen oder islamkritischen Perspektive – alles Mögliche etikettieren, was ihnen am Islam oder an muslimischem Leben politisch, kulturell oder normativ missfällt.

Der perfekte Verdachtszirkel

Der religiöse Muslim ist zu konservativ. Der politische Muslim ist zu politisch. Der organisierte Muslim ist verdächtig. Der unorganisierte Muslim ist angeblich nicht integriert. Und wenn er sich gegen diese Zuschreibungen wehrt, dann hat man endlich den „Beweis“, dass Kritik an ihm offenbar nicht erwünscht sei. So funktioniert ein perfekter Verdachtszirkel.

Besonders bemerkenswert ist dabei die Rolle jener „muslimischen“ Stimmen, die inzwischen regelmäßig als Kronzeugen gegen andere Muslime auftreten. Eren Güvercin, Murat Kayman oder Seyran Ateş gehören zu jenen Akteuren, deren Einschätzungen im politischen und medialen Betrieb besondere Aufmerksamkeit genießen. Nicht, weil ihre Aussagen automatisch richtiger wären als die anderer Muslime. Sondern weil sie häufig genau das bestätigen, was Teile des politischen Establishments ohnehin hören möchten:

Das Problem sind nicht etwa gesellschaftliche Ausgrenzung, fehlende politische Teilhabe oder antimuslimische Diskriminierung. Nein. Das Problem sind offenbar immer wieder die Muslime selbst – und natürlich dieser mysteriöse „Islamismus“, der irgendwo zwischen Moschee, Moscheeverein, Familienleben und Terrorzelle lauert.

Wenn aus Analyse Stimmungsmache wird

Doch eine Demokratie sollte vorsichtiger sein. Denn Begriffe sind niemals harmlos. Wer Menschen mit Begriffen kategorisiert, schafft politische Realitäten. Wer Organisationen als „islamistisch“ bezeichnet, muss erklären können, warum.

Wer von „legalistischem Islamismus“ spricht, muss überprüfbare Kriterien nennen. Wer den Begriff „politischer Islam“ verwendet, sollte zunächst einmal erklären, warum christliche, jüdische oder andere religiös motivierte politische Bewegungen nicht automatisch unter vergleichbaren Verdachtsbegriffen subsumiert werden.

Und vor allem: Wer Terrorismus, Extremismus, konservative Religiosität und politische Organisation in einen gemeinsamen begrifflichen Topf wirft, darf sich anschließend nicht wundern, wenn aus wissenschaftlicher Analyse politische Stimmungsmache wird. Der Staat hat das Recht und die Pflicht, tatsächlichen Extremismus zu bekämpfen. Aber er hat nicht das Recht, aus religiöser oder politischer Unbequemlichkeit eine Sicherheitsgefahr zu konstruieren.

Zwischen einem Terroristen und einem konservativen Muslim liegen Welten. Zwischen einer extremistischen Organisation und einem religiösen Verband liegen Welten. Zwischen politischem Engagement und Demokratiefeindlichkeit liegen Welten.

Der politische Generalschlüssel

Wer diese Unterschiede nicht mehr erkennen will, braucht keinen präzisen Begriff wie „Islamismus“. Er braucht lediglich einen politischen Generalschlüssel. Und genau dazu ist der Begriff inzwischen vielerorts geworden: Ein Generalschlüssel, der Türen öffnet, die eigentlich verschlossen bleiben müssten.

Die Tür zum Generalverdacht. Die Tür zur politischen Ausgrenzung. Die Tür zur gesellschaftlichen Stigmatisierung. Und irgendwann vielleicht auch die Tür zu einer Demokratie, die glaubt, sich verteidigen zu müssen, indem sie jene unter Verdacht stellt, die sie eigentlich durch gleiche Rechte und gleiche Maßstäbe schützen sollte.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Gibt es religiösen Extremismus? Natürlich gibt es ihn. Die entscheidende Frage lautet: Wer entscheidet, wer „Islamist“ ist – nach welchen Kriterien und mit welchen Konsequenzen?

Solange darauf keine präzisen und überprüfbaren Antworten gegeben werden, sollte man sehr vorsichtig sein, wenn Politiker und selbsternannte Experten wieder einmal „den Islamismus“ entdeckt haben. Denn ein Begriff, der alles bedeuten kann, bedeutet am Ende meistens vor allem eines: Dass derjenige, der ihn verwendet, die Macht hat zu entscheiden, wer dazugehört.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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