Konsum
Zwischen Regulierung und Freiheit: Konsumdebatten in Europa und der Türkei

Gesellschaftliche Debatten über Konsumverhalten haben in den vergangenen Jahren deutlich an Intensität gewonnen. Themen wie:

  • Gesundheitsschutz
  • individuelle Freiheit
  • staatliche Regulierung

stehen zunehmend im Mittelpunkt politischer und gesellschaftlicher Diskussionen. Sowohl in Europa als auch in der Türkei wird kontrovers darüber diskutiert, wie stark Staaten in persönliche Konsumentscheidungen eingreifen sollten und welche Verantwortung Politik, Wirtschaft und Verbraucher tragen.

Dabei geht es längst nicht mehr ausschließlich um klassische Tabak- oder Alkoholprodukte. Auch neue Konsumformen, digitale Vermarktungsstrategien und internationale Lifestyle-Trends verändern die Diskussionen.

Gleichzeitig stehen Regierungen vor der Herausforderung, gesundheitliche Risiken zu begrenzen, ohne dabei individuelle Freiheiten übermäßig einzuschränken. Die folgenden Abschnitte gehen noch ein wenig genauer auf das Thema ein.

Neue Konsumtrends und regulatorische Entwicklungen

Die zunehmende Globalisierung hat dazu geführt, dass sich Konsumtrends heute wesentlich schneller verbreiten als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Besonders soziale Medien und digitale Plattformen beeinflussen Kaufverhalten, Lifestyle-Entscheidungen und gesellschaftliche Wahrnehmungen. Dadurch entstehen regelmäßig neue Märkte und Produktkategorien, die politische und rechtliche Diskussionen auslösen.

Ein Beispiel dafür sind E-Zigaretten, die sowohl in Europa als auch in der Türkei kontrovers diskutiert werden. Befürworter betrachten sie häufig als mögliche Alternative zu klassischen Tabakprodukten, während Kritiker auf gesundheitliche Risiken und den steigenden Konsum unter jungen Menschen hinweisen. Viele Staaten reagieren daher mit strengeren Werbevorschriften, Alterskontrollen oder Einschränkungen beim Verkauf bestimmter Produkte.

Auch internationale Unterschiede spielen eine wichtige Rolle. Während einige europäische Länder stärker auf Regulierung setzen, verfolgen andere Staaten liberalere Ansätze. In der Türkei wiederum stehen gesundheitspolitische Ziele häufig im Zusammenhang mit gesellschaftlichen und kulturellen Debatten über Konsumverhalten und öffentliche Verantwortung.

Gesundheitspolitik und gesellschaftliche Verantwortung

Die Diskussion über Konsumfreiheit wird häufig eng mit gesundheitspolitischen Fragen verknüpft. Manche Regierungen argumentieren, dass bestimmte Regulierungen notwendig seien, um langfristige Gesundheitskosten zu reduzieren und öffentliche Gesundheitssysteme zu entlasten. Kritiker solcher Maßnahmen warnen hingegen vor übermäßiger staatlicher Kontrolle privater Lebensentscheidungen.

Besonders deutlich zeigt sich diese Debatte bei Produkten mit potenziellen
Gesundheitsrisiken. Warnhinweise, Steuererhöhungen oder Werbeverbote zählen
mittlerweile in vielen Ländern zu den wichtigsten Instrumenten staatlicher Regulierung. Gleichzeitig wächst der gesellschaftliche Druck auf Unternehmen, transparenter über Inhaltsstoffe und gesundheitliche Auswirkungen ihrer Produkte zu informieren.

Auch Bildung und Aufklärung spielen eine zentrale Rolle. Viele Gesundheitsexperten betonen, dass langfristige Veränderungen weniger durch Verbote als vielmehr durch bessere Informationsangebote erreicht werden könnten. Besonders junge Menschen gelten als wichtige Zielgruppe präventiver Maßnahmen.

Debatten über Ernährung, Alkohol und gesellschaftlichen Wandel

Nicht nur Tabakprodukte oder neue Konsumformen stehen im Mittelpunkt gesellschaftlicher Diskussionen. Auch Ernährung und Lebensstil gewinnen zunehmend politische Bedeutung. Themen wie Abnehmen, gesunde Ernährung und der Umgang mit Alkohol beschäftigen sowohl Medien als auch politische Institutionen.

Besonders in urbanen Gesellschaften verändert sich das Verhältnis zu Ernährung und Körperbild deutlich. Fitness- und Gesundheitskultur beeinflussen zunehmend dasKonsumverhalten vieler Menschen. Gleichzeitig wächst die Zahl kommerzieller Angebote rund um Diäten, Nahrungsergänzungsmittel und Lifestyle-Produkte. Alkohol bleibt dabei ein kontrovers diskutiertes Thema.

Während alkoholische Getränke in vielen europäischen Ländern fest in gesellschaftlichen Traditionen verankert sind, wird der Konsum zugleich zunehmend kritisch betrachtet. Gesundheitliche Risiken, Jugendschutz und soziale Folgen führen regelmäßig zu politischen Diskussionen über Werbung, Besteuerung und öffentliche Einschränkungen.

Auch kulturelle Unterschiede spielen dabei eine wichtige Rolle. In der Türkei wird Alkohol häufig nicht nur aus gesundheitlicher Perspektive diskutiert, sondern auch im Zusammenhang mit religiösen, gesellschaftlichen und politischen Wertvorstellungen. Dadurch entstehen Debatten, die weit über reine Konsumfragen hinausgehen.

Zuckerhaltige Getränke und staatliche Eingriffe

Ein weiteres stark diskutiertes Thema betrifft zuckerhaltige Getränke. Viele Regierungen betrachten den hohen Zuckerkonsum inzwischen als bedeutendes gesundheitliches Problem, da er mit Übergewicht, Diabetes und anderen Erkrankungen in Verbindung gebracht wird. In mehreren Ländern wurden deshalb Zuckersteuern eingeführt oder strengere Kennzeichnungspflichten beschlossen.

Befürworter solcher Maßnahmen argumentieren, dass wirtschaftliche Anreize das
Konsumverhalten positiv beeinflussen könnten. Kritiker sehen darin hingegen eine
Einschränkung individueller Entscheidungsfreiheit und warnen vor übermäßiger Regulierung alltäglicher Konsumgewohnheiten. Besonders internationale Getränkehersteller geraten zunehmend unter Druck, ihre Produkte anzupassen oder alternative Varianten anzubieten.

Wie sehen die Konsumdebatten der Zukunft aus?

Die Diskussionen über Konsumfreiheit und Regulierung dürften in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen. Technologische Entwicklungen, internationale Märkte und soziale Medien verändern Konsumverhalten schneller als jemals zuvor. Gleichzeitig wächst der politische Druck, gesundheitliche Risiken und gesellschaftliche Folgekosten stärker zu begrenzen.

Besonders junge Generationen beeinflussen diese Entwicklung maßgeblich. Nachhaltigkeit, Gesundheit und bewusster Konsum spielen für viele Menschen eine zunehmend wichtige Rolle. Dadurch verändern sich auch Märkte und Unternehmensstrategien.

 


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Israel-Kritik
Israel-Kritiker Hüseyin Dogru: Jetzt auch Rentenkonto seiner Mutter gesperrt

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Berlin – Die Ausweitung der EU-Sanktionen gegen den Berliner Journalisten und Israel-Kritiker Hüseyin Dogru nimmt eine neue Dimension an. Wie Dogru auf X mitteilte, hat die Bank Comdirect nun auch das Konto seiner Mutter gesperrt — einer Rentnerin.

Als Begründung nennt die Bank ein „bestehendes Kontrollverhältnis über die Gelder durch Ihren Sohn“. Verfügungen über das Konto und ein Wertpapierdepot seien nur noch mit Freigabe der Deutschen Bundesbank im Einzelfall möglich.

„Deutschlands kollektive Bestrafung meiner Familie geht weiter“, schrieb Dogru auf X. „Sie haben jetzt auch das Bankkonto meiner pensionierten Mutter eingefroren und behaupten, ich würde auch dieses Konto kontrollieren. Ihre Ersparnisse sind nicht mehr zugänglich — gleichzeitig hat sie keinerlei offizielle Mitteilung deutscher Behörden erhalten. Keine Anklage, kein rechtsstaatliches Verfahren.“

Yanis Varoufakis, ehemaliger Finanzminister Griechenlands und Mitgründer der Partei MeRA25, teilte Dogrus Tweet. Varoufakis gehört zu den Erstunterzeichnern einer internationalen Solidaritätskampagne, die zum ersten Jahrestag der EU-Sanktionen gegen Dogru gestartet wurde und die sofortige Aufhebung der Maßnahmen fordert.

Ein Fall, der sich zuspitzt

Die Sperrung des Mutterkontos ist die jüngste Eskalation in einem Fall, der seit Monaten Juristen und Bürgerrechtler beschäftigt. Im März waren zunächst die Konten von Dogrus Ehefrau gesperrt worden — damals mit der Begründung der Sanktionsumgehung.

Die Sperrung wurde später aufgehoben. Nun trifft es die Mutter des Journalisten, obwohl diese nach Angaben Dogrus keine offizielle Benachrichtigung irgendeiner deutschen Behörde erhalten hat.

„Es scheint, als bestehe der einzige ‚Beweis‘ hinter dieser außergerichtlichen finanziellen Zerstörung darin, dass sie Mitglieder meiner Familie sind“, erklärte Dogru.
Dem Journalisten stehen derzeit monatlich lediglich 506 Euro zur Verfügung. Geld- oder Sachspenden sind ihm untersagt, da sie als Sanktionsumgehung gewertet werden.

Unter den finanziellen Restriktionen leiden vor allem seine Ehefrau und die drei gemeinsamen Kinder — der Familie fehlen nach eigenen Angaben die Mittel für Miete und täglichen Bedarf.

Russland-Sanktionsliste

Die EU hatte Dogru auf ihre Russland-Sanktionsliste gesetzt — offiziell wegen angeblicher Nähe zu russischen Desinformationsnetzwerken.

Öffentliche Belege für konkrete Verbindungen nach Moskau wurden bislang nicht vorgelegt. Dogru bestätigt, früher für das von Russland finanzierte Format Redfish gearbeitet zu haben — er habe diese Zusammenarbeit jedoch unmittelbar nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine beendet.

Dogru selbst ist überzeugt, dass nicht seine angebliche Russland-Nähe, sondern seine scharfe Israelkritik der eigentliche Grund für die Sanktionen ist — ein Vorwurf, den er seit Beginn des Verfahrens öffentlich erhebt.

Zu den Unterzeichnern der Solidaritätserklärung gehören neben Varoufakis auch der Musiker Brian Eno, Schauspieler Dieter Hallervorden, Schriftstellerin Daniela Dahn sowie die Politiker Gregor Gysi, Sahra Wagenknecht, Martin Sonneborn und Pablo Iglesias. Ein Rechtsgutachten der ehemaligen EuGH-Richterin Ninon Colneric und der Rechtswissenschaftlerin Alina Miron kommt zu dem Schluss, dass die EU-Sanktionen gegen geltendes europäisches Recht verstoßen könnten.

 


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Kindesmisshandlungen in Israel
Israel: Pädophilenring in Siedlungen — rituelle Gruppenvergewaltigungen

Jerusalem – Israel wird von zwei schwerwiegenden Enthüllungen erschüttert. Der staatliche Sender Kan 11 und die auflagenstarke Tageszeitung Israel Hayom haben unabhängig voneinander ein Netzwerk organisierter, ritueller Kindesmisshandlung enthüllt — mit Gruppenvergewaltigungen, religiösen Zeremonien als Deckmantel und systematischer Vertuschung durch Polizei und Gemeinschaften.

Die israelische Polizei bestätigte gegenüber Israel Hayom: „Das Thema ist bekannt und wird untersucht. Naturgemäß können wir zum jetzigen Zeitpunkt keine weiteren Details nennen.“

Kan 11: Organisierter Missbrauch im Siedlungsblock Gush Etzion

Am 25. Mai 2026 strahlte der israelische öffentlich-rechtliche Sender Kan 11 im Rahmen seiner Investigativsendung „Zman Emet“ eine Dokumentation aus, die ein Netzwerk organisierten Kindesmissbrauchs im Siedlungsblock Gush Etzion im Westjordanland aufdeckte.

Die Untersuchung zeigte, dass mehrere Frauen unabhängig voneinander dieselben Täter und dieselben Orte benannten. Dokumentiert wurden Übergriffe in Synagogen, Wäldern und auf Friedhöfen — begangen von Personen mit religiöser oder gemeinschaftlicher Autorität, die ihre Stellung nutzten, um Gehorsam zu erzwingen und Opfer zum Schweigen zu bringen.

Die Dokumentation löste öffentliche Empörung aus — insbesondere über das Versagen der Strafverfolgungsbehörden und eine Gemeinschaftskultur, die den Ruf der Gemeinschaft über den Schutz der Kinder stellte.

Israel Hayom: Rituelle Gruppenvergewaltigungen — Zeugenaussagen von mehr als zehn Frauen

Bereits im April 2025 hatte die Journalistin Na’am Barkan für Israel Hayom einen monatelangen Investigativbericht veröffentlicht, der auf Interviews mit mehr als zehn Frauen im Alter von 20 bis 45 Jahren basierte.

Die Frauen kamen aus verschiedenen Regionen Israels, kannten sich nicht gegenseitig und schilderten dennoch erschreckend ähnliche Erlebnisse: organisierte, rituelle Gruppenvergewaltigungen in der Kindheit — begangen von Männern, die sie kannten, darunter Rabbiner und enge Familienangehörige.

„Vielleicht weiß die Welt von Vergewaltigung, von Inzest — aber das hier weiß die Welt nicht“, sagte eine der Frauen, die im Bericht unter dem Pseudonym Emuna auftritt.

Die Zeremonien: Religiöse Symbolik als Waffe

Laut den von Israel Hayom dokumentierten Zeugenaussagen fanden die Missbrauchshandlungen im Rahmen von Zeremonien statt, bei denen religiöse Texte, Gebete und Symbole gezielt eingesetzt wurden.

Ayala — ein Pseudonym — schilderte folgendes: „Es war immer ein dunkler Ort. Sechs bis neun Männer waren dort. Sie fesselten mich ans Bett, standen im Kreis, murmelten Gebete oder Segenssprüche, und da war der Rabbiner, der immer die Situation anführte und sagte, was zu tun sei. Es gab eine Zeremonie, und jeder von ihnen vergewaltigte mich.“

Eine andere Frau, Limor genannt, beschrieb Zeremonien im Wald: „Das Pentagramm war mit einer Hacke in den Boden gezeichnet, darum Kerzen in einem Kreis. Der Rabbiner segnete: ‚Gelobt sei, der Verbotenes erlaubt.‘ Männer um ihn herum beteten mit Tallit. Manchmal waren sie in Schwarz gekleidet, der Rabbiner trug einen weißen Umhang. Dort waren auch Jungen um 16 oder 17 Jahre, die an den Zeremonien teilnahmen.“

Limor berichtete weiter: „Einmal baten sie mich, ein Loch zu graben, und legten mich hinein. Manchmal injizierten sie mir etwas und sagten: ‚Jetzt wirst du dich besser fühlen‘, und mein Körper wurde schlaff. Sie lasen Psalmen wiederholt: ‚Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.‘ Sie sagten zu mir: ‚Du bist besonders, du bist auserwählt‘ — und dann… Ich erinnere mich an einen Lulav, Chanukka-Kerzen, ein Schofar.“

Amuna schilderte eine Zeremonie in der Synagoge ihres Wohnorts: „Mein Vater war dort, meine Mutter war dort, ein Rabbiner aus der Siedlung. Ich war an einen Tisch gefesselt, blickte auf das Fenster und stellte mir vor, wie ich hindurch springe… Sie öffneten eine Torarolle und lasen die Geschichte von der Bindung Isaaks. Dann taten sie das, was sie vorlasen — an mir. Sie fesselten mich, legten mir das Messer an die Kehle, und Gott sagte, das Messer zu senken. Danach folgte eine Vergewaltigung.“

Noya: Die Überlebende, die vergessen wollte

Noya wurde nach eigenen Angaben von pädagogischem Personal, das sich um sie kümmerte, missbraucht. Diese Personen luden weitere Männer ein, an rituellen Misshandlungen teilzunehmen. Extreme sensorische Reize wurden eingesetzt, um eine Bewusstseinsspaltung zu erzwingen.

„Ich sagte mir selbst, dass mir nichts passiert ist. Ich hatte eine Mante, die ich ohne Unterlass wiederholte: schweigen, verstecken, verschwinden, bewegen, tarnen, abschalten, verbergen, wegwerfen, trennen, vergessen. Und ich vergaß wirklich — für einige Jahre.“

Polizei schloss Fälle — Gemeinden schwiegen

Im Bericht von Israel Hayom werden mehrere Namen von Rabbinern erwähnt, die in verschiedenen Aussagen unabhängig voneinander auftauchten. Trotzdem wurden Anzeigen, die bei verschiedenen Polizeiwachen im ganzen Land erstattet wurden, allesamt relativ schnell geschlossen.

Auch als früher Verdacht auf ein Kindesmissbrauchsnetzwerk in Jerusalem aufkam — die sogenannte Nachlaat-Affäre, die 2019 öffentlich wurde — kamen die Ermittler zu keinen strafrechtlich relevanten Ergebnissen.

Korin, deren Tochter Eden betroffen ist, beschrieb die Situation so: „Es gibt eine ganze Gemeinschaft, die das verbirgt, und offenbar haben viele Menschen etwas zu verbergen. Eden sprach von sechs Männern, die an der Vergewaltigung teilnahmen — und alle müssen dieses Geheimnis bewahren. Es ist schwer, gegen eine ganze Gemeinschaft anzukämpfen.“

Experten: „Dieses Phänomen ist weit verbreitet“

Mehrere führende israelische Psychologen und Traumaexperten bestätigten gegenüber Israel Hayom die Glaubwürdigkeit der Aussagen. Dr. Anat Gur, Psychotherapeutin und Leiterin des Traumaprogramms an der Bar-Ilan-Universität, erklärte:

„Organisierte Vergewaltigung von Kindern ist eines der erschreckendsten Phänomene, auf die ich stoße. Es ist wahrscheinlich weit verbreiteter als wir denken. Es findet an Orten statt, an denen man es am wenigsten erwartet.“

Prof. Daniel Brom, klinischer Psychologe und Gründer des Israelischen Zentrums für Psychotrauma in Jerusalem, erklärte:

„Seit 1990 bin ich immer wieder auf Kinder und Erwachsene gestoßen, die von organisiertem Missbrauch durch Männer berichten, die nicht nur sexuell missbrauchen, sondern auch ihre Taten fotografieren. Ich habe keinen Zweifel, dass das Phänomen des sadistischen organisierten Missbrauchs im Staat Israel existiert.“

Dr. Joianna Silberg, internationale Expertin für dissoziative Störungen bei Kindern und Jugendlichen, begleitete über fünf Jahre lang die Behandlung von 70 Kindern in Israel, die mutmaßlich Opfer organisierten Missbrauchs wurden. Sie erklärte: „Ich hatte die Hoffnung, dass es in Israel ein Verständnis dafür geben würde, dass dies ein internationales Phänomen ist. Aber als eine Beschwerde einging und ein Fall in Israel eröffnet wurde — führte die Polizei die Untersuchung nicht wie erforderlich durch.“

Boaz, ein leitender Therapeut in der religiösen Gemeinschaft, der anonym blieb, sagte: „Die Täter sind meistens keine Randgestalten der Gemeinschaft. Eine Patientin sagte mir: ‚Verstehen Sie — er ist derjenige, der an Rosch ha-Schana das Schofar bläst.‘ Das Schofar ist das Rohr — der Mann, der als am spirituell würdigsten gilt, bläst das Schofar, weil er Gott am nächsten ist. Und er sagt ihr, dass sie das Böse sei und dass er ihr helfe, in diesem Leben zu sühnen. Verstehen Sie die Perversion?“

Israel Hayom: kein Einzelfall, ein Muster

Die Journalistin Barkan betont in ihrem Bericht, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt. Die Frauen kommen aus verschiedenen Landesteilen, aus religiösen und ultraorthodoxen Gemeinschaften, aber auch aus säkularen Kreisen. Die Schilderungen der rituellen Misshandlungen — Pentagramme, Kreise aus Kerzen, Rabbiner in weißen Gewändern, Gebete während der Taten, Drohungen gegen Geschwister — wiederholen sich auffällig und unabhängig voneinander.

Das israelische Recht kennt noch keinen spezifischen Straftatbestand für diese Form organisierten Missbrauchs. Auf Basis bestehender Gesetze — darunter Menschenhandel und Vergewaltigungstatbestände — sind die Strafverfolgungsbehörden jedoch zur Untersuchung verpflichtet.

 


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Kriegsverbrechen
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Den Haag/Doha – Was Fatou Bensouda, frühere Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs, in einem am Sonntag veröffentlichten Interview mit Al Jazeera schilderte, klingt wie ein Spionagethriller — und ereignete sich lange vor dem 7. Oktober 2023 und dem aktuellen Gaza-Krieg:

Ermittlungen gegen Israel wegen Kriegsverbrechen in den besetzten palästinensischen Gebieten sind keine neue Erscheinung — die palästinensische Behörde wandte sich bereits 2009 erstmals an den Gerichtshof.

Der damalige Mossad-Chef Yossi Cohen suchte sie persönlich auf, forderte sie auf, ihre Ermittlungen gegen Israel einzustellen — und drohte ihr, dass die Fortführung der Untersuchungen Konsequenzen für ihre Familie haben könnte. „Er tat es. Er tat es tatsächlich“, sagte Bensouda auf die Frage, ob Cohen ihr gegenüber genau das angedeutet habe.

Bensouda war von 2012 bis 2021 Chefanklägerin des IStGH in Den Haag. 2015 eröffnete sie eine Voruntersuchung zur Lage in Palästina — ein Schritt, der Israel und die USA in helle Aufregung versetzte.

Männer vor ihrer Haustür

Kurz nach Eröffnung der Voruntersuchung erschienen unbekannte Männer an ihrer Privatadresse in Den Haag. „Sie kamen direkt zu meinem Haus“, sagte Bensouda gegenüber Al Jazeera. „Ich verstand die Botschaft, die sie schickten.“

Die Männer übergaben ihr einen Umschlag mit 500 Dollar und deuteten an, er stamme von jemandem, dem sie geholfen habe. Bensouda interpretierte die Geste als Demonstration: Die Absender wussten, wo sie wohnte.

Sie meldete den Vorfall dem IStGH-Sicherheitsdienst und den niederländischen Behörden. Ermittler verfolgten laut ihrer Aussage Telefonnummern, die mit den Besuchern in Verbindung standen, zurück nach Israel — weitere Konsequenzen seien jedoch ausgeblieben. „Ich fühlte mich allein gelassen. Ich fühlte mich ohne Rückhalt“, sagte sie.

Treffen mit dem Mossad-Chef

In der Folge kam es zu mehreren direkten Begegnungen mit dem damaligen Mossad-Direktor Yossi Cohen — darunter ein Treffen in einem New Yorker Hotel während der UN-Generalversammlung.

Bensouda schilderte, wie die Kontakte zunächst freundlich begannen: ein Versuch, sie auf seine Seite zu ziehen. Mit der Zeit wurden die Forderungen direkter. „Was klar war: Sie wollten nicht, dass die Ermittlungen zur Lage in Palästina weitergehen. Das ist der Kern der Sache“, sagte Bensouda.

Cohen habe ihr gegenüber angedeutet, Israel könne sich „um sie kümmern“ — und darauf hingewiesen, dass die Fortführung der Ermittlungen die Sicherheit ihrer Familie gefährden könnte. Bensouda wertete die Begegnungen als direkte Bedrohung ihrer Person und ihrer Familie.

Überwachung des Ehemanns

Die Einschüchterungskampagne beschränkte sich nicht auf direkte Gespräche. Bensouda berichtete auch von Versuchen, ihren Ehemann zu überwachen und zu kompromittieren — durch Fotos und Tonaufnahmen. Sie vermutete einen Zusammenhang mit ihrer späteren Aufnahme auf die US-Sanktionsliste. „Ich glaube, es hatte auch mit den Sanktionen zu tun“, sagte sie.

US-Sanktionen unter Trump

Im September 2020 verhängte die erste Trump-Administration Sanktionen gegen Bensouda und einen weiteren IStGH-Beamten — nachdem der Gerichtshof Ermittlungen zu mutmaßlichen Kriegsverbrechen durch US-Streitkräfte in Afghanistan und durch israelische Streitkräfte in den besetzten palästinensischen Gebieten aufgenommen hatte.

Die Sanktionen umfassten Kontosperrungen und Restriktionen, die nach Bensoudas Angaben ihr berufliches und privates Leben erheblich beeinträchtigten.

Ihr Konto bei der UN Federal Credit Union wurde sofort gesperrt. Hotelbuchungen wurden unmöglich, ebenso Überweisungen in IStGH-Mitgliedstaaten. Niederländische Banken, die US-Finanzregeln unterliegen, zogen nach. Die Bank, bei der sie ihre Hypothek hielt, schloss ihr Konto. Selbst ihr in Gambia lebender Sohn verlor seinen Bankzugang.

„Die Menschen denken, wenn man sanktioniert wird, kann man nicht mehr in die USA einreisen. Aber es geht weit darüber hinaus“, sagte Bensouda.

Schließlich arrangierte das IStGH-Sekretariat mit niederländischen Behörden, dass eine bereits mit dem Gericht zusammenarbeitende Bank ihr Gehalt weiter empfangen konnte. Doch selbst danach schlugen Überweisungen an Familienmitglieder mitunter fehl, wenn Korrespondenzbanken die Abwicklung verweigerten.

Biden hob die Sanktionen 2021 kurz nach seinem Amtsantritt auf. Ihr Nachfolger Karim Khan engte die Afghanistan-Ermittlungen später auf Taliban und Islamischen Staat ein und stellte den US-Strang faktisch ein. Trump reaktivierte die Sanktionspolitik nach seiner Rückkehr ins Amt — per Dekret, das wirtschaftliche und reisebezogene Sanktionen gegen alle IStGH-Mitarbeiter autorisiert, die an Ermittlungen gegen US-Bürger oder amerikanische Verbündete wie Israel beteiligt sind.

Betroffen sind seitdem unter anderem Khan selbst, seine beiden Stellvertreter und acht Richter.

„Es wird Versuche geben, den Gerichtshof zu zerstören“

Bensouda wies Vorwürfe zurück, der IStGH richte sich unverhältnismäßig gegen Afrika. Viele der Untersuchungen seien auf ausdrücklichen Wunsch afrikanischer Staaten eingeleitet worden.

„Die Menschen vergessen immer, dass der IStGH nicht nach Afrika gegangen ist, um zu ermitteln. Es war Afrika, das zum IStGH kam.“

Vergangene Woche hielt Bensouda eine Grundsatzrede beim Rights Forum in Den Haag und rief die Europäische Union auf, den IStGH aktiv vor Sanktionen und Druck zu schützen. Konkret forderte sie die Aktivierung der sogenannten Blocking Statute — einer EU-Verordnung, die europäische Unternehmen und Einzelpersonen vor den extraterritorialen Auswirkungen ausländischer Sanktionen schützt.

„Es wird Versuche geben, den Gerichtshof zum Zerfall zu bringen und verschwinden zu lassen“, sagte Bensouda. „Aber ich weiß, dass es noch Menschen, Institutionen und Länder gibt, die Gerechtigkeit wollen.“

 


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Osnabrück
Frieden und Vielfalt in Osnabrück: Das Akyürek-Fest begeistert Tausende

Von Yasin Baş

Die Stadt Osnabrück hat den verstorbenen Yılmaz Akyürek, einen der ersten türkischen Gastarbeiter in der Hasestadt, mit einem großen „Kultur- und Friedensfest“ geehrt.

Tausende Besucher strömten zum mittlerweile fünften „Akyürek-Fest“, das die Stadt in Kooperation mit dem Büro für Friedenskultur zu Ehren des 2007 verstorbenen Brückenbauers ausrichtete. Akyürek war 1999 mit der Ehrenmedaille der Stadt Osnabrück ausgezeichnet worden.

(Foto: Emily Ates)

Das Festival fand auf dem Yılmaz-Akyürek-Platz statt, einer zentralen Kreuzung zwischen Iburger Straße und Im Brink, die bereits 2008 nach dem engagierten Bürger benannt wurde. Für die türkischstämmigen Osnabrücker ist der Platz zu einem wichtigen Symbol der Anerkennung geworden.

Oberbürgermeisterin Pötter: „Ein Fest der Begegnung“

Osnabrücks Oberbürgermeisterin Katharina Pötter (CDU) betonte in ihrer Eröffnungsrede die Bedeutung des Festes:

„Diese Veranstaltung steht für Zusammenhalt, Respekt und gelebte Vielfalt. Sie bringt Menschen aus der Nachbarschaften und der gesamten Region zusammen – ganz im Sinne von Yılmaz Akyürek.“

Sie würdigte den Verstorbenen als eine Persönlichkeit, die sich mit ganzer Kraft für die Integration von Zugewanderten, den interkulturellen Austausch und den Brückenschlag zwischen den Religionen eingesetzt habe.

Akyürek habe sein Leben dem gegenseitigen Kennenlernen und der Versöhnung gewidmet. Pötter weiter: „Wir ehren heute sein Andenken – und ich bin überzeugt, dass wir damit genau das tun, was ihn glücklich machen würde: Wir reden miteinander, wir lernen uns kennen, wir feiern gemeinsam und profitieren von der Vielfalt unserer Kulturen.“ Die bunte Veranstaltung sei ein unverzichtbarer Beitrag für die Friedensstadt Osnabrück.

(Foto: Emily Ates)

Töchter erinnern an den Brückenbauer

Im Namen der Familie sprach Yılmaz Akyüreks Tochter Tülin Akyürek, die als Unternehmerin in Köln lebt. Sie dankte der Stadt und dem Büro für Friedenskultur für die Organisation und Ausrichtung des Festes.

Ihr Vater sei weit über die Grenzen Osnabrücks als hilfsbereiter und weitsichtiger Mensch bekannt gewesen. „Er hat unermüdlich Brücken gebaut. Er war überzeugt, dass wir alle voneinander lernen können – egal welche Herkunft, welche Sprache oder welchen Glauben wir haben. Für ihn war Vielfalt kein Problem, sondern ein Geschenk, für das man dankbar sein sollte.“

Akyürek war viele Jahre Vorsitzender des „Türkischen Elternvereins Osnabrück“ (1977–1985) und setzte sich besonders für die Bildung türkischer und zugewanderter Schüler ein. Mehr als zwei Jahrzehnte engagierte er sich aktiv im Ausländerbeirat der Stadt.

Im Namen der Familie sprach Yılmaz Akyüreks Tochter Tülin Akyürek (Foto: Emily Ates)

Bunte Show, begeisterte Besucher, internationale Gäste

Das Bühnenprogramm begeisterte Jung und Alt: Besonders die Folklore-Tanzgruppe der Jugendabteilung der DİTİB-Moschee aus der Frankenstraße erntete großen Applaus. Schüler aus umliegenden Schulen sowie weitere Künstler trugen Lieder auf Gitarre und Saz vor, während internationale Musik- und Tanzgruppen für ein weltoffenes Flair sorgten.

Zahlreiche Vereine und städtische Einrichtungen präsentierten sich zudem auf Ständen. Unter den Gästen waren auch Vertreter der Partnerstädte Osnabrücks – aus der Türkei war die Stadt Çanakkale offiziell vertreten. Das Fest endete mit sportlichen und kulturellen Vorführungen verschiedener Organisationen und Vereine – ganz im Sinne des großen Versöhners und Vorbilds Yılmaz Akyürek.

 


Yasin Baş ist Politologe, Historiker, Autor und freier Journalist. Zuletzt erschienen seine Bücher: „Islam in Deutschland – Deutscher Islam?” sowie „nach-richten: Muslime in den Medien”.


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Türkei
Yücel: „Der türkische Rechtsstaat ist kein Wunschkonzert“

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Wer sich in Deutschland öffentlich zur Türkei äußert oder einen Kommentar abgibt, orientiert sich in Teilen der deutschen Öffentlichkeit an einer bereits etablierten stillen Gewissheit — und das hat System: Je komplizierter ein juristisches Verfahren, desto vereinfachter und reißerischer muss seine mediale Aufbereitung ausfallen, desto stärker muss der Blick auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan gelenkt und ausgeschmückt werden.

Und je politisch undurchschaubarer ein Land wahrgenommen wird, desto geringer erscheint offenbar die Notwendigkeit, rechtsstaatliche Abläufe sauber darzustellen oder zumindest informativ zu bleiben.

Der juristische Streit um den 38. CHP-Parteitag von 2023 ist dafür ein Musterbeispiel — und gleichzeitig ein Lehrstück darüber, wie rasch aus rechtlichen Verfahren politische Erzählungen und reißerische Diskurse konstruiert werden, um eine bestehende Gewissheit weiter zu festigen.

Was dabei systematisch verschwiegen wird: Nicht das vermeintliche Ego des ehemaligen und nunmehr wiedereingesetzten CHP-Parteivorsitzenden Kemal Kılıçdaroğlu oder eine unterstellte Schadenfreude Recep Tayyip Erdoğans steht im Zentrum der eigentlichen Auseinandersetzung — sondern der Vorwurf einer manipulierten oder zumindest fragwürdigen Parteitagswahl.

Wenn dieser Aspekt systematisch zur Nebensache erklärt oder bewusst ausgeblendet wird, sagt das mehr über die politischen Prioritäten und moralischen Maßstäbe bestimmter Milieus und Medien aus als über die türkische Justiz. So verfestigt sich zunehmend der Eindruck, dass demokratische Defizite innerhalb der CHP als tolerierbar gelten können — sofern sie dem erhofften Machtwechsel nützen.

Genau diese Bereitschaft zum selektiven Wegsehen wirkt beunruhigend — womöglich beunruhigender als jene Machtstrukturen, die man kritisiert und vorgibt überwinden zu wollen. Wenn europäische Medien diese Narrative unhinterfragt übernehmen, bestärkt das die türkische Gemeinschaft in der Überzeugung, dass es dabei gar nicht um Demokratie geht, sondern um einen herbeigewünschten Machtwechsel — einer, der dem Willen der türkischen Bevölkerung zuwiderläuft.

Aus Recht wird Narrativ

Der Begriff „Mutlak Butlan“ — absolute Nichtigkeit — im Zusammenhang mit der Rückabwicklung des 38. CHP-Parteitags von 2023 und der Wiedereinsetzung des damals abgewählten Parteivorsitzenden wird etwa so behandelt, als handele es sich um eine Art politischen Notausschalter: einmal ausgesprochen, und eine Wahl, ein Parteitag oder eine Entscheidung existiert schlicht nicht mehr.

Tatsächlich handelt es sich um eine außerordentlich hohe juristische Schwelle im Zivilrecht, die nur unter eng definierten Voraussetzungen überhaupt gerichtlich festgestellt werden kann — und zwar nicht politisch, sondern instanzenübergreifend und verfahrensgebunden.

In diesem Fall lag zum 38. CHP-Parteitag zunächst ein erstinstanzliches Urteil vor — gefällt vom Asliye Hukuk Mahkemesi — in dem das Gericht die Klage jener Parteiimitglieder, die Özgür Özel zuvor in Ungnade gefallen waren, einschließlich des ehemaligen Vorsitzenden Kemal Kılıçdaroğlu, in wesentlichen Teilen als unzulässig und unbegründet abwies, ohne den Inhalt der Parteitagswahl von 2023 überhaupt zu prüfen.

Mit anderen Worten: Die Kläger waren höchstwahrscheinlich übereilt und unzulänglich vorbereitet vor Gericht erschienen. Man kann sich noch das Triumphgefühl jener vorstellen, die das erstinstanzliche Urteil mit Genugtuung aufnahmen — allen voran Özgür Özel, der sich damals sichtlich stolz in Pose warf.

Als dieselben Kläger nun gut vorbereitet und mit fundierten Argumenten vor das İstinaf — das Berufungsgericht, Bölge Adliye Mahkemesi — traten, hatten sie Erfolg. Diejenigen, die zuvor Befriedigung über das erstinstanzliche Urteil empfunden hatten, verfielen in Aufregung und Randale — allen voran Özgür Özel, der angesichts des drohenden Verlusts seines Vorsitzes umgehend zum Fraktionsvorsitzenden gewählt wurde und zum Widerstand in den Räumen der Parteizentrale aufrief.

Zu beachten ist dabei: Beide Klagen gingen von CHP-Mitgliedern beziehungsweise von Özgür Özel zuvor aus der Partei ausgeschlossenen ehemaligen Mitgliedern aus, die von parteiinternen Anwälten vertreten wurden.

In der europäischen und deutschen Öffentlichkeit jedoch wird aus diesem differenzierten Rechtsbegriff ein politisches Schlagwort konstruiert — eine Waffe, die stets denselben Schuldigen ins Feld führt. Das gewünschte Ergebnis verdankt sich einer Reihe gezielter Informationsverzerrungen: Nicht das Verfahren selbst steht im Mittelpunkt, sondern die angestrebte politische Lesart — insbesondere in Europa und ganz besonders in Deutschland.

Das ist bemerkenswert, zumal das europäische Parteirecht dem Grunde nach auch in der Türkei Anwendung findet. Vor dem Gang zu staatlichen Gerichten stand den Klägern der innerparteiliche Instanzenzug offen — der jedoch ausgeschöpft oder durch Parteiausschlüsse blockiert worden war, weshalb schließlich ein Zivilgericht angerufen wurde.

Zivilgerichte befassen sich aber weniger mit inhaltlichen Parteibeschlüssen, sondern vorrangig mit Verfahrensfehlern oder dem Ablauf von Wahlen, die etwa auf Willkür beruhen. Und genau das wird in europäischen Zeitungen und deutschen Kolumnen aus unerfindlichen Gründen nicht ausgeführt.

Das klassische Missverständnis: Ein Urteil ist kein Endpunkt

Noch schwerer wiegt die systematische Verkürzung gerichtlicher Abläufe. Ein zweitinstanzliches Urteil wird isoliert herausgegriffen, während erst- oder revisionsinstanzliche Entscheidungen entweder übergangen oder nur selektiv erwähnt werden — je nachdem, wie gut sie in das gewünschte Bild passen.

Dabei bildet genau dieses mehrstufige Verfahren den Kern jedes modernen Rechtsstaats — und es wurde von den Klägern aus den Reihen der CHP vollständig ausgeschöpft. Wer aus einer ersten oder zweiten Entscheidung bereits ein abschließendes politisches Urteil konstruiert, verwechselt Prozess mit Ergebnis. Bereits hier liegt in der europäischen und deutschen Berichterstattung ein Denkfehler, der tiefergehende Fragen aufwirft. Der Unterschied liegt nicht im Rechtssystem selbst — er liegt in der Art seiner Darstellung.

Merkwürdigerweise scheinen die hiesigen Medien den Hintergrund der Abwahl Kemal Kılıçdaroğlus beim 38. Parteitag aus dem Blick verloren zu haben. Seine Person spielt jedoch eine außerordentliche Rolle, weil er selbst Stein des Anstoßes war und heute erneut den Parteivorsitz innehat.

In der Türkei reagieren Anhänger von Özgür Özel, Ekrem İmamoğlu und Mansur Yavaş auch deshalb so aufgewühlt, weil Kılıçdaroğlu und weitere Parteimitglieder die Parteitagswahl unmittelbar danach intern angezweifelt und eine juristische Aufarbeitung eingefordert hatten — und das wird in Europa nicht so kommuniziert.

Jede andere Partei hätte die Vorwürfe möglichst rasch, ruhig und ohne Aufhebens aus dem Weg geräumt — schon im Interesse demokratischer Glaubwürdigkeit. Die CHP-Führung unter Özgür Özel tat das genaue Gegenteil: Parteiinterne Kritiker wurden zunächst ausgeschlossen, Kılıçdaroğlu zum Verräter oder Egoisten erklärt, die Justiz angegriffen — und alles Erdoğan angelastet. Die Folgen sind bekannt: der tiefe Fall von Özgür Özel und seinem Lager.

Weitere rechtsstaatliche Folgeerscheinungen

Und nun wird es interessant: Özgür Özel und seinem Umfeld drohen im gegenwärtigen Kontext nicht nur der Verlust politischer Reputation, sondern konkrete strafrechtliche Konsequenzen — auf mehreren Ebenen.

Erstens begründete das Berufungsgericht sein Mutlak-Butlan-Urteil mit schwerwiegenden Unregelmäßigkeiten bei der Parteitagswahl von 2023. Konkret stand der Vorwurf im Raum, Delegierte seien bestochen worden, um für Özgür Özel zu stimmen und Kılıçdaroğlu abzuwählen. Das Gericht befasste sich vor allem mit der Frage, ob die Zahl der „erkauften“ Stimmen ausreichte, um das Wahlergebnis zu kippen.

Die zweite Instanz sah dies als erwiesen an. Wäre die Zahl der beeinflussten Stimmen nicht ausschlaggebend gewesen, wäre Özel womöglich mit einem blauen Auge davon gekommen. Sollte die Generalstaatsanwaltschaft nun auf Grundlage dieser Urteilsbegründung Anklage wegen politischer Korruption oder Stimmenkaufs erheben, drohen Özel direkte strafrechtliche Konsequenzen. Im Zuge der Ermittlungen rund um den Parteitag wurden bereits erste Delegierte verhaftet.

Zweitens zerriss Özgür Özel das ihm offiziell zugestellte Urteil zur absoluten Nichtigkeit sowie das Räumungsurteil der Parteizentrale öffentlichkeitswirksam vor laufenden Kameras. Im türkischen Strafrecht kann dies als Beschädigung oder Vernichtung amtlicher Dokumente beziehungsweise als gezielte Missachtung der Justiz gewertet werden.

Drittens rief Özel öffentlich zum Widerstand auf, besetzte zeitweise die CHP-Parteizentrale und ließ Barrikaden errichten — bis die Bereitschaftspolizei unter Einsatz von Tränengas räumte. Das Aufstacheln zu Barrikadenbauten und das Nichtbefolgen gerichtlicher Anordnungen bieten der Staatsanwaltschaft reichlich rechtliche Handhabe für Verfahren wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt.

Das kann im äußersten Fall sogar ein politisches Betätigungsverbot nach sich ziehen.
Angesichts dieser Vorkommnisse — und im Zusammenhang mit dem Fall Ekrem İmamoğlu — werden die kommenden Tage und Wochen noch tieferen Einblick gewähren, was im Einzelnen vorgefallen ist. Die ermittelnden Staatsanwaltschaften und Gerichte beschäftigen sich bereits damit.

Die Illusion moralischer Eindeutigkeit

Besonders auffällig ist der europäische Drang, komplexe innerparteiliche Konflikte moralisch aufzuladen und auf Regierungsebene zu heben. Was im Kern ein juristischer Streit über parteirechtliche Verfahrensfragen bei einem Parteitag war, wurde rasch zur Grundsatzfrage von „Demokratie“ oder „Autoritarismus“ umgedeutet — und schon wieder derselbe vertraute Schuldige ins Spiel gebracht, der europäischen Beobachtern offenbar seit mehr als einem Jahrzehnt Kopfschmerzen bereitet.

Das mag politisch bequem sein — juristisch ist es unredlich, moralisch fragwürdig. Parteien sind keine moralischen Reinräume, und Gerichte sind keine politischen Schiedsrichter über die Qualität von Parteiführung. Ob es sich um Kemal oder Özgür handelt, ist dem Gericht vollkommen gleichgültig. Es prüft Rechtmäßigkeit — nicht politische Präferenzen oder persönliche Sympathien.

Der eigentliche blinde Fleck

Der grundlegende Fehler liegt nicht allein in der Berichterstattung über einzelne Urteile, sondern in der beharrlichen Weigerung, Recht als Prozess zu verstehen. Stattdessen wird Recht als Ereignis behandelt: Ein Urteil fällt — also ist die Sache „klar“, und irgendjemand auf Regierungsebene trägt die Schuld.

Doch genau diese Denkweise ist das genaue Gegenteil von Rechtsstaatlichkeit. Sie ersetzt Prüfung durch Schlussurteil und Verfahren durch vorgefasste Meinung.
Rechtsstaat ist kein Erzählformat

Das Urteil zum CHP-Parteitag von 2023 belegt keinen Zusammenbruch rechtsstaatlicher Logik — sondern die mühsame Arbeit, sie in demokratische und parteirechtliche Rahmenbedingungen zurückzuführen, angestoßen von Klägern aus den eigenen Reihen der CHP.

Wer ernsthaft über Recht spricht, muss aushalten, dass es Zwischenschritte, Revisionen, Widersprüche und Korrekturen gibt. Wer stattdessen auf sofortige Eindeutigkeit besteht, eigene politische Präferenzen verteidigt und Moral einem Machtwechsel unterordnet, produziert keine Analyse — sondern politische Dramaturgie im Dienst des Machtwillens.

Der türkische Rechtsstaat ist kein Wunschkonzert — und er verdient keinen europäisch zurecht gebogenen Leitartikel, der seinen Schuldigen bereits kennt, bevor die erste Zeile geschrieben ist.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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Hanau-Attentat
Regensburg fordert dauerhaften Gedenkort für Hanau-Opfer Fatih Saraçoğlu

Regensburg – Am Schwanenplatz in Regensburg ist in den vergangenen Wochen ein Ort entstanden, der für viele Menschen in dieser Stadt lange gefehlt hat: ein sichtbares Zeichen der Erinnerung an Fatih Saraçoğlu — einen jungen Mann, der in Regensburg aufwuchs und am 19. Februar 2020 beim rechtsterroristischen Anschlag in Hanau ermordet wurde.

Fatih Saraçoğlu wurde am 1. April 1985 im türkischen Iskilip in der Provinz Çorum geboren. Er wuchs in Regensburg auf, absolvierte dort seine Schulausbildung und seine Berufsausbildung, lebte mit Familie und Freunden in der Stadt.

Erst wenige Jahre vor seinem Tod war er nach Maintal im Rhein-Main-Gebiet gezogen, um sich als Schädlingsbekämpfer selbstständig zu machen — bundesweit wollte er tätig werden. Sein Bruder Hayrettin beschrieb ihn so: „Er war jemand, der viele Ideen hatte, der viel wollte. Er hat mich auch immer angetrieben.“ Fatih Saraçoğlu wurde 34 Jahre alt. Vier Kugeln trafen ihn auf offener Straße vor der Shisha-Bar „Midnight“ am Hanauer Heumarkt.

Der Anschlag von Hanau

In der Nacht des 19. Februar 2020 verübte der Rechtsterrorist Tobias R. einen rassistisch motivierten Anschlag auf zwei Shisha-Bars in Hanau. Binnen weniger Minuten ermordete er neun Menschen: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kenan Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov.

Ibrahim Akkuş starb am 10. Januar 2026 im Alter von 70 Jahren als zehntes Todesopfer an den Spätfolgen des Anschlags. Der Täter erschoss anschließend seine Mutter und sich selbst. Der Generalbundesanwalt stellte fest, dass die Tat strategisch und planvoll ausgeführt worden war.

Die Familie Saraçoğlu erfuhr vom Tod Fatihs erst durch seine Vermieterin. Gewebeproben wurden ihnen laut Hayrettin Saraçoğlu teilnahmslos ausgehändigt, psychologische Betreuung wurde nicht angeboten. „Das Ursprungsproblem des Anschlags und des Behördenumgangs mit den Angehörigen sei Rassismus“, erklärte Hayrettin Saraçoğlu öffentlich.

Eine temporäre Installation — und eine dauerhafte Forderung

Die aktuelle Initiative am Schwanenplatz geht auf den Neuen Kunstverein Regensburg zurück. In Abstimmung mit der Familie wurde im Rahmen einer sogenannten „Kunsthaltestelle“ ein Schild mit der Aufschrift „Fatih-Saraçoğlu-Platz“ angebracht.

Alle 30 Minuten erklingt ein akustisches Element: das Gedicht „In der Sprache des Mörders“, verfasst von Derya Saraçoğlu, der Schwägerin von Fatih. Der Künstler Jonas Höschl versteht die Intervention als Einladung zur Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur und gesellschaftlicher Verantwortung.

Doch die Installation ist auf drei Monate begrenzt — und genau daran entzündet sich die Kritik. Es ist nicht das erste Mal, dass Regensburg versucht, an Fatih Saraçoğlu zu erinnern.

Bereits zuvor wurde der Neupfarrplatz unter dem Motto „#SayTheirNames“ vorübergehend in „Fatih-Saraçoğlu-Platz“ umbenannt — Plakate wurden damals von Unbekannten heruntergerissen, die Veranstalter erhielten ein Bußgeld vom städtischen Ordnungsamt wegen falsch aufgehängter Plakate. Das Gedenken an den Regensburger verkam zum Rechtsstreit, bei dem die Stadt ein würdeloses Bild abgab.

Sechs Jahre — und noch kein dauerhafter Gedenkort

Sechs Jahre nach dem Anschlag von Hanau gibt es in Regensburg noch immer keinen dauerhaften und würdigen Gedenkort für Fatih Saraçoğlu. Forderungen der Familie sollen über Jahre hinweg unbeantwortet geblieben sein, Zusagen der ehemaligen Oberbürgermeisterin bislang nicht eingehalten worden sein.

Bis heute warten die Angehörigen auf zentrale Zeichen des Erinnerns — darunter eine Grabsteinlegung, eine Straßenumbenennung sowie eine dauerhafte Gedenktafel.
Besonders schmerzlich: In Fatihs Geburtsstadt Iskilip in der Türkei wurde bereits vor Jahren eine Straße nach ihm benannt — ausgerechnet in Regensburg, der Stadt, mit der er den größten Teil seines Lebens verband, fehlt ein solcher Ort bis heute.

„Wir hatten keine Ahnung, wie laut Schweigen sein kann“, wird die Familie zitiert.

Die Forderung

Mutlu Koçak, Autor, Aktivist und Unterstützer der Familie, verweist auf einen Widerspruch, der in vielen deutschen Städten sichtbar ist: Straßen tragen noch immer Namen historischer Persönlichkeiten, die mit Kolonialverbrechen oder autoritären Regimen in Verbindung stehen — während die Würdigung von Opfern rechter Gewalt oft temporär bleibt oder ganz ausbleibt.

Die Forderung der Familie und ihrer Unterstützerinnen und Unterstützer ist klar: Der Fatih-Saraçoğlu-Platz soll dauerhaft bestehen bleiben. Darüber hinaus wird ein grundsätzlicher Wandel im Umgang mit öffentlicher Erinnerung gefordert — Täter-Namen sollen aus dem öffentlichen Raum verschwinden, während die Namen der Opfer sichtbar und dauerhaft verankert werden.

Derya Saraçoğlu/links, Hayrettin Saraçoğlu/Mitte, Mutlu Koçak/rechts

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Sechs Jahre danach: Die Wunde von Hanau bleibt offen

Israel
Oppositionspolitiker Jair Lapid: Netanjahu ist gealtert und müde

Jerusalem – Jair Lapid, ehemaliger israelischer Premierminister und heutiger Oppositionsführer, hat scharfe Kritik an Premierminister Benjamin Netanyahu und dem sich abzeichnenden Abkommen zwischen den USA und Iran geübt.

„Das sich abzeichnende Abkommen mit Iran ist eine Katastrophe“, schrieb Lapid auf X. „Ich habe den Krieg gegen Iran von Anfang an unterstützt, aber das politische Management des gesamten Ereignisses hätte nicht schlechter sein können. Alles, was nicht hätte passieren dürfen — ist passiert.“

Lapid machte Netanyahu persönlich für das Versagen verantwortlich: „Benjamin Netanyahu ist ein talentierter Mensch, aber er ist gealtert, er ist müde geworden — und er ist von den am wenigsten geeigneten Menschen zur Führung eines Staates umgeben.“

Was das Iran-Abkommen vorsieht

Hintergrund ist ein sich abzeichnendes Memorandum of Understanding zwischen den USA und Iran, das die Grundlage für weitere Verhandlungen über Irans Nuklearprogramm legen soll.

US-Präsident Donald Trump hatte erklärt, die Einigung beinhalte die Wiedereröffnung der Straße von Hormus — erwähnte aber das iranische Atomprogramm nicht, obwohl er zuvor wiederholt betont hatte, Iran dürfe keine Atomwaffen entwickeln und müsse seinen Bestand an auf 60 Prozent angereichertem Uran aufgeben.

Israelische Sicherheitsbeamte zeigen sich laut CNN besorgt, dass das Abkommen Iran Zeit zur wirtschaftlichen und militärischen Erholung verschaffe — danach wäre es „für die Amerikaner und uns schwer, zurückzukehren und zu kämpfen“. Auch führende republikanische Senatoren in den USA bezeichneten die gemeldeten Bedingungen als „Alptraum für Israel“.

Avigdor Liberman, Chef der israelischen Oppositionspartei Yisrael Beytenu, erklärte: „Jedes Abkommen ist aus unserer Sicht eine Katastrophe, weil jedes Abkommen die Ajatollahs an der Macht lässt.“

Lapid: Ehemaliger Premier und scharfer Netanyahu-Kritiker

Jair Lapid ist keine unbedeutende Stimme in der israelischen Politik. Von Juli 2022 bis Dezember 2022 war er Premierminister Israels, davor langjährig Finanzminister und Oppositionsführer.

Als Gründer und Chef der Partei Jesch Atid gehört er zu den profiliertesten Kritikern Netanyahus. Lapid hatte Netanyahu bereits in der Vergangenheit mehrfach gewarnt — unter anderem vor dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023, als er öffentlich vor einer drohenden Sicherheitskatastrophe warnte.

Beobachter weisen darauf hin, dass Lapids Aussagen — Netanyahu sei „gealtert“ und „von den falschen Menschen umgeben“ — besonderes Gewicht haben, weil sie aus dem israelischen Establishment selbst kommen und nicht von außen.

Sie treffen Netanyahu in einem Moment, in dem seine Umfragewerte auf einem historischen Tiefpunkt liegen und die Opposition laut aktuellen Erhebungen eine Mehrheit im Parlament erreichen könnte

 


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Israel-Umfrage: Mehrheit fordert Netanjahu-Rücktritt

Krise in der Opposition
Türkei: Oppositionspartei CHP steckt in der Krise

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel

In der Türkei macht sich eine gewisse Ratlosigkeit breit, wenn es darum geht zu erklären, was gerade in der heimischen Parteilandschaft passiert: Die größte Oppositionspartei des Landes, die CHP, steckt nach dem fulminanten Sieg bei der Kommunalwahl Ende März 2024 in der Krise.

Spulen wir zurück: Im Herbst 2023 konnte sich das Trio Özgür Özel, Ekrem İmamoğlu und Mansur Yavaş bei der CHP-Parteiwahl gegen den damals amtierenden Parteivorsitzenden Kemal Kılıçdaroğlu durchsetzen. Özgür Özel wurde zum Parteivorsitzenden gewählt. Kılıçdaroğlu sprach nur wenige Stunden nach der Abwahl von einem Dolchstoß seitens seiner Parteijünger Özel, İmamoğlu und Yavaş gegen ihn und stieß damit ein Stein ins Rollen.

Kennen Sie den Vers aus Eduard Mörikes berühmtem Gedicht „Die traurige Krönung“? Das beschreibt exakt die gegenwärtige Lage.

Nachdem Kemal Kılıçdaroğlu, der aus Tunceli stammt und Alevite ist, die Dolchstoßlegende in die Welt gesetzt hatte, setzten sich immer mehr Mitglieder der CHP, darunter auch namhafte Führungspersönlichkeiten von der neuen Parteiführung ab und fichten die Rechtmäßigkeit des 38. Ordentlichen CHP-Parteitags (bei dem Kılıçdaroğlu im November 2023 gegen Özgür Özel verlor) gerichtlich an. Sie forderten eine absolute Nichtigkeit (Mutlak-Butlan) dieses Parteitags, um die Führung der Partei parteirechtlich neu zu ordnen.

Während Özgür Özel, Ekrem İmamoğlu und Mansur Yavaş den Vorstoß Kılıçdaroğlus als fingierten „Palastputsch“ bezeichneten und damit den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan als Urheber vorhielten, geriet der Istanbuler OB Ekrem İmamoğlu in Zusammenhang mit bandenmäßiger Korruption sowie illegalen Ausschreibungen ins Visier der Justiz, nachdem die ersten Anzeigen und Belastungsmaterialien gegen Ekrem Imamoğlu aus den Reihen seiner eigenen Partei, der CHP, in die Hände der Generalstaatsanwaltschaft gegeben wurden.

Das heißt, die Krise in der Türkei in Zusammenhang mit der CHP, wurde von Mitgliedern der CHP selbst angestoßen, die Ursache aber von der neuen Führung der CHP bei Erdoğan verortet.

Der Punkt ist: Die Erzählgeschichte von Özgür Özel, Ekrem İmamoğlu und Mansur Yavaş über die Rolle der Regierung konnte so nicht stimmig sein. Laut Anzeigenerstattern verlief bereits die Parteiwahl Özels alles andere als demokratisch. Delegierte wurden geschmiert, mit sündhaft teuren Bar-Aufenthalten und Geschenken umgestimmt, damit Özgür Özel an die Parteispitze kommt.

Die Gelder wurden laut belastendem Material von Ekrem İmamoğlu bereitgestellt und auch entsprechend verteilt, um die Delegierten umzustimmen. Es brauchte eine ganze Weile, bis das zu juristischen sowie politischen Konsequenzen führen sollte. Während dieser Zeit ließ sich Özel immer wieder im Amt per Sonderparteitagen bestätigen, um einem Mutlak-Butlan-Urteil vorweg zu greifen.

Es wurde jedoch immer deutlicher, dass die Schockwellen, die die CHP-Führung trafen, den eigenen Entscheidungen der Vergangenheit geschuldet sind. Die Erzählgeschichte war wie für Sozialdemokraten geschrieben, in der sich das Trio nach wie vor sieht: Erdoğan will mit aller Macht den Spitzenkandidaten der CHP, Ekrem İmamoğlu, zu Fall bringen.

Das Problem ist: Die CHP und ihre Wähler wollen es nicht einmal hören, was die Justiz und vor allem das oppositionelle Lager innerhalb der CHP selbst, das sieht. Wie nahezu alle anderen oppositionellen Parteien ist die CHP gefangen in den starren Denkweisen, die erst zu dieser Krise geführt haben.

Namhafte CHP-Mitglieder warnten beizeiten davor, Mitglieder, die wegen Korruption oder Bestechung ins Visier der Justiz geraten, weiterhin in der Partei zu behalten. Nur wenige Wochen nach der Inhaftierung Ekrem İmamoğlus, nahm die Verhaftungswelle ungeahnte Ausmaße an.

Landesweit durchsuchten Ermittler Parteibüros und städtische Betriebe, um belastendes Material zu finden, die die Vorwürfe erhärten. Mitglieder der CHP, gegen die die Vorwürfe erhoben wurden, machten von der Kronzeugenregelung gebrauch, um das mögliche Strafmaß zu mildern, was zu neuerlichen Razzias der Polizei führten.

In der CHP-Führung hielt man entgegen der Ratschläge an den eigenen Mitgliedern fest, die mit Korruptions- und Bestechungsvorwürfen in Untersuchungshaft kamen. Stattdessen unterstrich man die Erzählgeschichte, wonach alles Erdoğan zu verantworten habe, um seine Kontrahenten aus dem Weg zu räumen.

In diesen wirren Zeiten wurden reihenweise CHP-Mitglieder mit Parteiausschlussverfahren überzogen, die sich angeschickt hatten, Kritik an der Führung zu üben oder belastendes Material veröffentlicht zu haben.

Auf der anderen Seite hielt man daran fest, Mitglieder in Schutz zu nehmen, die mit strafrechtlichen Konsequenzen zu rechnen hatten. Die treuen Wählerschichten ertragen bis heute diese Erzählgeschichte, die weit über die Grenzen hinaus getragen werden und daran glauben, dass die Verräter (Hain) in den eigenen Reihen sitzen und Erdoğan zuarbeiten.

Die ohnehin angespannten innerparteilichen Konflikte eskalierten diese Woche weiter, nachdem ein Gericht die Wahl des Parteivorsitzenden Özgür Özel im Herbst 2023 für ungültig erklärte und Kemal Kılıçdaroğlu vorläufig wieder einsetzte. Kılıçdaroğlu prüft derzeit Berichten zufolge, die Parteimitgliedschaft des inhaftierten Ekrem Imamoğlu und anderer angeklagter Mitglieder vorerst auszusetzen.

Dies befeuert die Debatte um den parteiinternen Verrat erneut massiv, wird Kemal Kılıçdaroğlu als „Hain“ bezeichnet. Das konnte man eindrucksvoll nach der Urteilsverkündung verfolgen, als in der CHP-Parteizentrale in Istanbul oder Ankara aus der „Ahnenreihe der CHP“ die Bilderrahmen mit dem Konterfei Kılıçdaroğlus von der Wand gerissen wurden.

Zusammenfassend handelt es sich um eine existenzielle Zerreißprobe für die türkische Oppositionspartei CHP, bei der das Lager um Özel, İmamoğlu und Yavaş versucht, die Errungenschaften der Kommunalwahl und die Präsidentschaftsambitionen gegen den juristisch-politischen Revanche-Versuch Kılıçdaroğlus zu verteidigen. Erdoğan hat sich inzwischen mit der Rolle des lüsternen Machthabers abgefunden, mit der die Opposition die Krise erklärt haben will.


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Flotilla-Skandal
Mattner über Ben Gvir: Wie ein beleidigter Türsteher vor einer Dorfdisco

Ein Gastkommentar von Susanne Mattner

Die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ hat wieder einen großen Auftritt hingelegt. Diesmal: Israels Polizeiminister Itamar Ben-Gvir.

Der Mann, der offenbar dachte: „Wie reagiert man staatsmännisch auf internationale Aktivisten, die auf eine humanitäre Katastrophe aufmerksam machen wollen?“ Vielleicht mit Diplomatie? Mit rechtsstaatlicher Souveränität? Mit irgendeiner Form von Würde?

Nein. Natürlich nicht.

Stattdessen filmt man sich lieber dabei, wie man gefesselte Aktivisten verhöhnt, triumphierend israelische Fahnen schwenkt und sinngemäß erklärt: „Wir sind hier die Hausherren.“ Ein Auftritt irgendwo zwischen Schulhof-Schläger, Fußball-Hooligan und autoritärem Provinzfürsten mit TikTok-Sucht.

Man muss sich das wirklich vorstellen: Menschen sitzen fest, Gaza verhungert, die Welt diskutiert über humanitäre Hilfe — und ein Minister einer angeblichen Vorzeige-Demokratie produziert ein Video, das wirkt, als hätte jemand die Kommentarspalte eines rechtsextremen Telegram-Kanals verfilmt. Aber keine Sorge: Das nennt man vermutlich „westliche Werte“.

Und genau das ist die eigentliche Farce: Wäre ein Minister eines anderen Landes grinsend durch die Gegend gelaufen, während Aktivisten gedemütigt werden, hätten dieselben Medien längst Sondersendungen über autoritäre Entgleisungen produziert. Aber hier? Da heißt es dann: „komplizierte Sicherheitslage.“ Das politische Äquivalent von: „Ja, der Mann hat das Haus angezündet, aber man muss auch seine Perspektive sehen.“

Besonders grotesk ist diese Mischung aus Daueropferrolle und Machtdemonstration. Ein Staat mit einer der stärksten Armeen der Welt benimmt sich gegenüber unbewaffneten Aktivisten wie ein beleidigter Türsteher vor einer Dorfdisco.

Und Ben-Gvir? Der wirkt dabei wie jemand, der Demokratie ausschließlich als die Freiheit versteht, andere öffentlich zu erniedrigen.

Das Beeindruckendste ist fast noch die völlige Abwesenheit jedes politischen Schamgefühls. Früher versuchten Regierungen wenigstens noch, autoritäres Verhalten zu verstecken. Heute wird es offenbar direkt als Social-Media-Content produziert. Mit Fahne. Mit Grinsen. Mit Likes. 

Aber klar: Das ist also die moralische Supermacht, die der Welt permanent erklärt, was Zivilisation bedeutet.

Eine Demokratie, die Aktivisten verspottet, humanitäre Kritik dämonisiert und jede Empathie sofort unter Terrorverdacht stellt — wie beruhigend, dass uns genau solche Leute ständig etwas über Werte erzählen wollen.


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