Gastkommentar
Alijew-Rede und die Türkei: Warum die Kritik am eigentlichen Thema vorbeigeht

Ein Gastkommentar von Toghrul Hasanzadeh

Die Rede des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev auf dem VIII. Parteitag der regierenden Partei „Yeni Azərbaycan“ am 2. Oktober 2026 hat weit über Baku hinaus für Diskussionen gesorgt. Besonders beachtet wurden seine Aussagen, Aserbaidschan brauche keine „Hilfe oder Schirmherrschaft“ von außen und müsse seine Außenpolitik so gestalten, dass sich niemand in seine Angelegenheiten einmische.

Aliyev verwies auf die eigene Armee, auf Waffen, die mit eigenen Mitteln gekauft worden seien, auf wirtschaftliche Eigenständigkeit und auf die Unabhängigkeit als Ergebnis einer langjährigen Politik. Zugleich erklärte er, es gebe in der Welt zwei Supermächte, die USA und China, eine dritte gebe es nicht. Russland nannte er in diesem Zusammenhang nicht. Auch das ist für Baku eine sehr direkte Botschaft.

Ein Teil der Kommentatoren interpretierte die Rede als Kritik an der Türkei und als Zeichen einer Abkühlung zwischen Baku und Ankara. Das ist zu direkt. Die Türkei wurde in diesem Abschnitt nicht genannt. Zudem gibt es mehrere mögliche Adressaten solcher Aussagen, die näher liegen als Ankara.

An wen richtet sich die Rede?

Aserbaidschan liegt zwischen Russland und Iran, zwei Staaten, die historisch Einfluss auf den Südkaukasus beansprucht haben. Nach den russisch-persischen Kriegen wurde die Region zwischen dem Russischen und dem Persischen Reich aufgeteilt. Festgeschrieben wurde dies durch den Vertrag von Gulistan von 1813 und den Vertrag von Turkmenchai von 1828.

Seit der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Aserbaidschans im Jahr 1991 haben die Beziehungen zu Teheran wiederholt Krisen und Phasen der Normalisierung erlebt. Im Januar 2023 wurde die aserbaidschanische Botschaft in Teheran Ziel eines bewaffneten Angriffs. Nach langen Verhandlungen nahm die Botschaft im Sommer 2024 ihre Arbeit wieder auf.

Auch das Verhältnis zu Moskau hat sich deutlich abgekühlt. Im Dezember 2024 wurde ein aserbaidschanisches Passagierflugzeug beim Anflug auf Grosny über russischem Gebiet abgeschossen. Nach Einschätzung Bakus und mehrerer Experten traf es die russische Flugabwehr. Es folgte eine diplomatische Krise. Im Februar 2025 stellte Baku die Tätigkeit des „Russischen Hauses“ ein.

Als Begründung wurden unter anderem fehlende Registrierung und Verstöße gegen aserbaidschanisches Recht genannt. Im Sommer 2025 verschärfte eine Welle von Festnahmen unter Angehörigen der aserbaidschanischen Diaspora in Russland die Spannungen zusätzlich.

Vor diesem Hintergrund wirken Aliyevs Aussagen über die eigene Unabhängigkeit vor allem wie eine Fortsetzung der allgemeinen Logik der aserbaidschanischen Außenpolitik. Für einen Staat mit einer solchen geografischen Lage ist es eine langfristige strategische Frage, den eigenen Handlungsspielraum zu bewahren.

Aserbaidschan pflegt gleichzeitig Beziehungen zu vielen Partnern. Es ist mit der Türkei eng verbündet, unterhält Arbeitsbeziehungen zu Russland und Iran und kooperiert mit der EU, Israel, China und den Staaten Zentralasiens. Die Interessen dieser Partner überschneiden sich nicht immer. Baku muss daher ständig zwischen unterschiedlichen Interessen und Machtzentren ausbalancieren.

Warum Europa davon betroffen ist

Aserbaidschan kann Russland als Gaslieferanten für Europa und insbesondere für Deutschland nicht ersetzen. Seine Bedeutung liegt vielmehr in der Diversifizierung.
2025 lieferte Aserbaidschan rund 11,3 Milliarden Kubikmeter Gas in die EU, etwa 3,9 Prozent der gesamten Gasimporte der Europäischen Union.

Seit Januar 2026 fließt aserbaidschanisches Gas auch nach Deutschland und Österreich. Für Deutschland ist insbesondere der Zehnjahresvertrag zwischen SOCAR und SEFE relevant, der Lieferungen von bis zu rund 1,5 Milliarden Kubikmetern pro Jahr vorsieht.

Über Aserbaidschan und die Türkei verlaufen zudem weitere wichtige Verbindungen. Die Ölpipeline Baku–Tiflis–Ceyhan und die TANAP-Gaspipeline verbinden die Ressourcen des Kaspischen Raums mit dem europäischen Markt. Die Eisenbahnstrecke Baku–Tiflis–Kars und der Mittlere Korridor bilden eine Landverbindung von Zentralasien über das Kaspische Meer, den Kaukasus und die Türkei nach Europa.

2022 vereinbarten die EU und Aserbaidschan, den Südlichen Gaskorridor auszubauen und bis 2027 mindestens 20 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr zu liefern. Die tatsächlichen Mengen liegen bislang deutlich darunter. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine sind alternative Energiequellen und Transportrouten für Europa wichtiger geworden.

Deshalb sind die Beziehungen zwischen Baku und Ankara längst mehr als eine regionale Angelegenheit. Von ihrer Stabilität hängen Energie-, Verkehrs- und Handelsverbindungen zwischen Europa, dem Kaukasus und Zentralasien ab.
Was die beiden Länder verbindet

Die Formel „Eine Nation, zwei Staaten“ wird häufig als politischer Slogan verstanden. Tatsächlich beschreibt sie zwei Realitäten zugleich. Zum einen gibt es eine enge historische und kulturelle Verbindung zwischen den beiden Gesellschaften. Zum anderen existieren zwei souveräne Staaten mit eigenen Interessen.

Nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Aserbaidschans 1991 war die Türkei das erste Land, das die Unabhängigkeit anerkannte. 1993 schloss Ankara nach der Einnahme von Kelbadschar durch armenische Kräfte die Grenze zu Armenien. Die Türkei unterstützte außerdem Nachitschewan, die aserbaidschanische Exklave zwischen Armenien und Iran.

In den folgenden Jahrzehnten gingen die Beziehungen weit über klassische Diplomatie hinaus und umfassten Kultur, Bildung, Wirtschaft, Verkehr und zahlreiche persönliche Verbindungen.

In der Schuscha-Deklaration von 2021 stehen zwei bekannte Formeln nebeneinander. Mustafa Kemal Atatürk wird der Satz zugeschrieben: „Die Freude Aserbaidschans ist unsere Freude, sein Leid ist unser Leid.“ Heydar Aliyev, der Vater des heutigen Präsidenten, prägte die Formel „Eine Nation, zwei Staaten“. Die Deklaration bezeichnet beide Formeln als nationales und geistiges Erbe der beiden Völker.

Gleichzeitig betont dasselbe Dokument die Unabhängigkeit, die Souveränität und das Prinzip der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten. Beide Seiten behalten das Recht auf eine eigenständige Außenpolitik und verpflichten sich zugleich, in Fragen von gemeinsamem Interesse ihre Politik zu koordinieren.

Genau diese Kombination beschreibt die heutigen Beziehungen am besten. Die enge Verbindung zwischen den Gesellschaften bedeutet nicht, dass einer der beiden Staaten dem anderen untergeordnet ist.

Von der Brüderlichkeit zur strategischen Partnerschaft

Hinter der historischen Nähe steht längst ein konkretes System gegenseitiger Interessen. Die Türkei ist zu einem der wichtigsten politischen, wirtschaftlichen, militärischen und verkehrspolitischen Partner Aserbaidschans geworden. Für Ankara ist Aserbaidschan ein zentraler Verbündeter im Südkaukasus, ein wichtiger Energiepartner und eine Verbindung zum Kaspischen Raum und nach Zentralasien.

Während des Zweiten Karabachkriegs 2020 zeigte sich diese Verbindung besonders deutlich. Die eigentlichen Kampfhandlungen wurden von der aserbaidschanischen Armee geführt, die ihren militärischen Fähigkeiten über Jahre hinweg ausgebaut und Waffen aus verschiedenen Ländern beschafft hatte. Die Türkei leistete Baku zugleich wichtige politische und strategische Unterstützung. Beide Seiten dieser Gleichung sind relevant.

Heute baut Aserbaidschan seine militärischen Fähigkeiten weiter aus und entwickelt seine eigene Rüstungsindustrie. Die Zusammenarbeit mit der Türkei ist daher nicht nur als Beschaffung fertiger Waffensysteme zu verstehen. Auf der Rüstungsmesse ADEX 2026 unterzeichneten türkische Unternehmen mit aserbaidschanischen Partnern Vereinbarungen und Verträge im Wert von mehr als 500 Millionen US-Dollar.

Dazu gehören unter anderem Lieferungen von HÜRKUŞ-Ausbildungsflugzeugen, der Loitering Munition Mızrak, dem System Antidot und dem Küstenverteidigungssystem Barbaros. Darüber hinaus wurden Vereinbarungen über eine lokale Produktion sowie ein Vorprotokoll über die Errichtung eines gemeinsamen Werks von ASELSAN und NOVASİS in Nachitschewan unterzeichnet.

Damit funktioniert die gegenseitige Abhängigkeit nicht nur in eine Richtung. Die Türkei unterstützt Aserbaidschan dabei, seine Verteidigungsfähigkeiten eigenständiger zu entwickeln. Gleichzeitig schafft das Bündnis neue Möglichkeiten für den Aufbau einer eigenen industriellen Basis in Aserbaidschan.

Dennoch besteht zwischen beiden Ländern ein deutliches wirtschaftliches und politisches Gefälle. Die Türkei ist Aserbaidschan bei Bevölkerung, Wirtschaft, Industrie und militärischem Potenzial deutlich überlegen. Aserbaidschan ist zudem auf türkisches Territorium als wichtigen Zugang zu den europäischen Märkten und in bestimmten Bereichen der Verteidigung auf türkische Technologien angewiesen.

Für Baku ist es daher besonders wichtig, seine Partnerschaften zu diversifizieren und aus der strategischen Allianz keine einseitige Abhängigkeit entstehen zu lassen.
Auch deshalb hat die Rhetorik über Souveränität für Aserbaidschan eine ganz praktische Bedeutung.

Brüderlichkeit bedeutet nicht Einigkeit in allen Fragen

Zwischen Baku und Ankara gibt es zeitweise unterschiedliche Positionen. Am sichtbarsten waren sie in den vergangenen Jahren bei den Beziehungen zu Israel und beim Krieg in Gaza. Auch bei Russland, Iran, der Energiepolitik und einzelnen regionalen Krisen sehen beide Seiten manches unterschiedlich.

Auf offizieller Ebene gibt es dennoch keinen offenen Konflikt zwischen den beiden Hauptstädten. Die Zusammenarbeit wird weiter ausgebaut.
Wer in der Türkei die aserbaidschanische Regierung kritisiert, ist deshalb nicht feindlich gegenüber Aserbaidschan eingestellt.

Dasselbe gilt umgekehrt für Kritik an der türkischen Regierung in Aserbaidschan. Ilham Aliyev ist seit 2003 an der Macht, Recep Tayyip Erdoğan prägt die türkische Politik seit vielen Jahren. Beide pflegen ein erkennbar enges persönliches Verhältnis. Die Verbindung der beiden Gesellschaften reicht jedoch weiter und würde auch ohne dieses Verhältnis bestehen.

Sie stützt sich auf gemeinsame Geschichte, Sprache, Infrastruktur und wirtschaftliche Interessen. Aus diesem Grund gelten die Türkei und Aserbaidschan vielen in beiden Ländern als natürliche Verbündete.
Für europäische Leser ist diese Unterscheidung wichtig. Man kann das politische System Aserbaidschans oder der Türkei kritisch sehen und trotzdem anerkennen, dass die beiden Gesellschaften eine besondere historische und kulturelle Verbindung haben.

Was die vergangenen Wochen zeigen

Wer nicht auf einzelne Schlagzeilen, sondern auf konkrete politische und wirtschaftliche Schritte schaut, sieht eher eine Vertiefung der Zusammenarbeit.
Ende September und Anfang Oktober fanden in Aserbaidschan die Militärübungen „Einheitsstärke 2026“ mit mehr als 3.500 Soldaten aus Aserbaidschan, der Türkei und Usbekistan statt. Vertreter aus Iran, Georgien, Pakistan und mehreren zentralasiatischen Staaten waren als Beobachter anwesend.

Am 2. Oktober fand in Schuscha ein weiteres trilaterales Treffen der Verteidigungsminister Aserbaidschans, der Türkei und Georgiens statt. Im Mittelpunkt standen die militärische Zusammenarbeit und die regionale Sicherheit.
Für Europa hat das eine konkrete Bedeutung.

Aserbaidschan, die Türkei und Georgien liegen entlang einer der wichtigsten Verbindungen zwischen dem Kaspischen Raum und dem europäischen Markt. Je stabiler diese Verbindung ist, desto größer sind die Möglichkeiten für Energie- und Verkehrsprojekte, darunter auch für den Mittleren Korridor.

In einer Zeit, in der die Lage im Nahen Osten, rund um die Straße von Hormus und im Persischen Golf instabil ist, gewinnen verlässliche Land- und Kaspirouten zusätzlich an Bedeutung.

Aliyevs Aussagen über die Souveränität sind daher für sich genommen kein Hinweis auf eine Krise des aserbaidschanisch-türkischen Bündnisses. Zwei Staaten können enge Verbündete sein und gleichzeitig auf dem Recht auf eine eigenständige Außenpolitik bestehen.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor

Toghrul Hasanzade ist politischer Analyst und freier Autor mit Schwerpunkten in der europäischen Außenpolitik, internationalen Beziehungen und dem postsowjetischen Raum. Er hat Europäische Studien an der Europa-Universität Viadrina studiert und war Stipendiat des Internationalen Parlaments-Stipendiums des Deutschen Bundestages. Seine Texte erscheinen regelmäßig in aserbaidschanischen Medien. Zudem tritt er als Experte für europäische Politik in Fernsehsendungen auf.


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Stockholm
Medizin-Nobelpreis geht an zwei Deutsche

Stockholm – Der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin geht im Jahr 2026 an die deutschen Forscher Peter Hegemann und Georg Nagel sowie an den US-Amerikaner Karl Deisseroth. Die Wissenschaftler werden für ihre bahnbrechenden Entdeckungen im Bereich der Optogenetik ausgezeichnet, wie das Nobelpreis-Komitee am Montag in Stockholm mitteilte.
 
Die höchste Auszeichnung in der Medizinwelt geht in diesem Jahr zu Teilen nach Deutschland. Der Biophysiker Prof. Peter Hegemann (Humboldt-Universität Berlin) und der Biologe Prof. Georg Nagel (Universität Würzburg) teilen sich den renommierten Preis gemeinsam mit dem US-Neurobiologen Prof. Karl Deisseroth von der Stanford University.
 
Die drei Wissenschaftler begründeten mit ihren Arbeiten die Methode der Optogenetik, mit der sich Nervenzellen durch Licht steuern lassen. Die Auszeichnung ist in diesem Jahr mit insgesamt 12 Millionen Schwedischen Kronen (rund eine Million Euro) dotiert, die zu gleichen Teilen an die drei Laureaten gehen.

Durchbruch durch lichtempfindliche Proteine

Den Grundstein für das Forschungsfeld legten Hegemann und Nagel bei der Untersuchung von Grünalgen. Sie entdeckten lichtempfindliche Proteine – sogenannte Channelrhodopsine –, die als lichtgesteuerte Ionenkanäle in Zellmembranen fungieren. In Zusammenarbeit mit Deisseroth gelang es später, diese Proteine gezielt in Nervenzellen einzubringen und die Aktivität der Zellen präzise mit Lichtimpulsen zu steuern.
 
Diese Methode erlaubt es Forschern weltweit, die Funktionsweise komplexer neuronaler Netzwerke im Gehirn im Detail zu untersuchen. Durch die Optogenetik lassen sich fundamentale Prozesse wie Erinnern, Lernen oder die Entstehung von Gefühlen im lebenden Organismus erforschen.

Meilenstein für die Gehirnforschung

Nach Angaben der Nobelversammlung am Karolinska-Institut haben die drei Preisträger mit ihren Entdeckungen eine neue Ära in den Neurowissenschaften eingeläutet. Die Werkzeuge der Optogenetik gelten heute als unverzichtbar für die Erforschung neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen, darunter Parkinson, Depressionen und Angststörungen.
 
Die diesjährige Verleihung hat zudem historischen Charakter: Die Vergabe des Nobelpreises jährt sich 2026 zum 125. Mal. Den allerersten Medizin-Nobelpreis der Geschichte im Jahr 1901 erhielt mit Emil von Behring ebenfalls ein deutscher Forscher. Für Deutschland ist es zudem der erste Medizin-Nobelpreis seit 13 Jahren, nachdem Thomas Südhof die Auszeichnung im Jahr 2013 erhalten hatte.
 

Raumfahrt
Türkei plant Mondmission 2027: Erdoğan setzt auf Raumfahrt

Antalya – Die Türkei unternimmt einen historisch ernsthaften Versuch, sich als feste und eigenständige Größe in der internationalen Raumfahrt zu etablieren.

Beim International Astronautical Congress (IAC 2026), der derzeit unter der Schirmherrschaft des türkischen Industrieministeriums in der südtürkischen Metropole Antalya ausgetragen wird, setzte das Land ein weltweit beachtetes diplomatisches und technologisches Zeichen.

Insgesamt 32 Minister, Parlamentarier und Leiter von Raumfahrtbehörden aus 21 Ländern unterstützten eine von der Türkei initiierte Erklärung für die friedliche Zusammenarbeit im Weltraum. Es ist das erste Mal in der Geschichte dieses Treffens überhaupt, dass sich die internationale Ministerversammlung auf eine solche gemeinsame Deklaration geeinigt und diese unterzeichnet hat. Der türkische Industrie- und Technologieminister Mehmet Fatih Kacır betonte stolz:

„Der Text wurde in enger Absprache mit unseren Partnern entwickelt. Unser Ziel ist es, einen gemeinsamen internationalen Rahmen für einen friedlichen, nachhaltigen und verantwortungsvollen Umgang mit dem Weltraum zu schaffen.“

Er fügte hinzu, dass dieser Erfolg den „Geist von Antalya“ widerspiegele, der von gegenseitigem Respekt geprägt sei.

Eigene Mondmission für Anfang 2027 geplant

Hinter diesem diplomatischen Meilenstein steckt weit mehr als nur bürokratischer Papierkram. Die Regierung in Ankara verfolgt handfeste strategische Ziele und hat bereits konkrete Pläne für die nahe Zukunft vorgelegt: Schon Anfang des Jahres 2027 will die Türkei ihre erste eigene Raumsonde zum Mond schicken.

Das Besondere an diesem Prestigeprojekt ist der extrem hohe Grad an technologischer Unabhängigkeit. Mehr als 80 Prozent des gesamten Raumfahrzeugs werden im eigenen Land entwickelt und gebaut. Die Sonde wird zudem mit einem im Inland entwickelten Hybridantriebssystem ins All fliegen. „Diese Mission wird eine internationale Prüfung unserer technischen Fähigkeiten sein und zeigen, dass wir unsere Weltraumambitionen in konkrete Ergebnisse umsetzen können“, so Minister Kacır vor den internationalen Delegationen.

Präsident Recep Tayyip Erdoğan stellte das Nationale Weltraumprogramm ursprünglich im Februar 2021 vor und nannte damals das Jahr 2023 (zum 100-jährigen Jubiläum der Republik) als ursprüngliches Ziel für den ersten Kontakt mit dem Mond.

Von den Flugversuchen des Osmanischen Reichs zur Hightech-Industrie

Diese ambitionierte Mondmission für 2027 ist der vorläufige Höhepunkt einer langen Entwicklung, deren historische Wurzeln tief in der Kultur verankert sind. In der Türkei wird diese neue Dynamik oft symbolisch mit dem Aufstieg einer langen Pionierkraft verknüpft, die fast schon poetisch an die Visionen des legendären „Rocket-Man“ im historischen Osmanischen Reich erinnert.

Bereits im 17. Jahrhundert gab es dort Berichte über den Flugpionier Lagâri Hasan Çelebi, der sich der Überlieferung nach mit einer selbstgebauten, mit Schwarzpulver betriebenen Rakete in den Himmel katapultierte. Was damals als wagemutiges Spektakel begann, hat den Traum vom Vorstoß in ungekannte Höhen tief in der regionalen Identität verankert und gilt heute als historischer Vorläufer des modernen türkischen Forschungsdrangs.

Heute, Jahrhunderte nach den ersten osmanischen Flugversuchen, ist aus dem einstigen Traum eine florierende und hochmoderne Hightech-Industrie geworden. Aktuell operieren bereits über 300 spezialisierte Raumfahrtunternehmen in den Technoparks des Landes, die von Satellitentechnik über Antriebssysteme bis hin zu modernster Software alles entwickeln.

Ankara will festen Platz in der globalen Weltraumwirtschaft

Die Regierung plant zudem bereits die Errichtung eines dedizierten Weltraum-Technoparks in der Hauptstadt Ankara.

Der weltweite Weltraumsektor boomt: Allein im Jahr 2025 erreichte die globale Weltraumwirtschaft einen Rekordwert von 686 Milliarden US-Dollar, wovon rund vier Fünftel auf kommerzielle Aktivitäten entfallen.

Mit der erfolgreichen Ausrichtung des Weltraumkongresses in Antalya, dem jüngsten Beitritt zu den von der NASA koordinierten Artemis Accords und der strikten Roadmap für das Jahr 2027 macht Ankara unmissverständlich klar: Die Türkei fordert einen permanenten und gewichtigen Sitz am Tisch der globalen Weltraum-Nationen ein und ist bereit, die Zukunft der orbitalen Infrastruktur aktiv mitzugestalten.

 


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Erdogan und Elon Musk besprechen Raketenprogramm

Epstein-Whistleblower
Berichte über Suizid von Epstein-Whistleblower Simon Andriesz

London/Washington – Der britische Banker und Whistleblower Simon Andriesz ist im Alter von 57 Jahren gestorben. Wie The Banker berichtete,  sei Andriesz durch Suizid ums Leben gekommen. Auch The Daily Beast berichtete über seinen Tod und bezeichnete ihn als Suizid.

Die Nachricht sorgt insbesondere wegen der Rolle Andriesz’ bei den Enthüllungen über die Verbindungen zwischen dem US-Handelsminister Howard Lutnick und dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein für Aufmerksamkeit.

Der Tod wurde von Andy Agathangelou, dem Gründer der Transparency Task Force, bestätigt, mit der Andriesz verbunden war. Eine separate offizielle Mitteilung zu den genauen Todesumständen liegt bislang nicht vor. Medienberichte verweisen deshalb auf die Angaben von The Banker beziehungsweise auf die Berichterstattung über seinen Tod.

Andriesz machte Lutnicks Epstein-Verbindungen öffentlich

Andriesz war früher Managing Director beim Finanzunternehmen BGC Partners, das zur Unternehmensgruppe von Lutnick gehört. Dort hatte er bereits 2016 auf mögliche Unregelmäßigkeiten in der Buchhaltung hingewiesen. 2017 wurde er entlassen. Nach Angaben der BBC führten Teile seiner Vorwürfe später zu einer Strafe von drei Millionen Dollar gegen BGC wegen Verstößen bei Aufsicht, Berichterstattung und Aufzeichnungen.

Andriesz wandte sich in den Jahren 2020 und 2021 außerdem an das FBI. Dabei ging es unter anderem um Vorwürfe gegen Lutnick und um dessen mögliche geschäftliche Verbindungen zu Epstein. Die BBC berichtete im Juli 2026, dass die damaligen Hinweise des Whistleblowers vom FBI nicht weiter untersucht wurden.

Neue Aufmerksamkeit erhielt Andriesz in diesem Jahr, nachdem zahlreiche Dokumente aus dem Epstein-Komplex veröffentlicht worden waren. Bei der Suche nach dem Kürzel „HWL“ – den Initialen von Howard William Lutnick – stieß er auf E-Mails aus dem Jahr 2018 zwischen Lutnick und Epstein.

Darin ging es um das digitale Werbeunternehmen AdFin. Epstein hatte Lutnick direkt nach den Aussichten des Unternehmens gefragt. Lutnick antwortete unter anderem, dass AdFin endlich Umsätze erziele und in den folgenden zwölf Monaten wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen müsse. Die BBC berichtete, dass sowohl Epstein als auch ein Unternehmen aus Lutnicks Cantor-Fitzgerald-Gruppe in AdFin investiert hatten.

E-Mails widersprachen früheren Angaben

Die E-Mails sorgten deshalb für politische Aufmerksamkeit, weil Lutnick zuvor erklärt hatte, seinen Kontakt zu Epstein nach einem Treffen im Jahr 2005 beendet zu haben. Die später veröffentlichten Dokumente zeigten jedoch Kontakte zwischen beiden Männern auch noch Jahre danach.

Lutnick räumte zudem ein, 2012 mit seiner Familie auf Epsteins Privatinsel gewesen zu sein. In einer Anhörung vor dem US-Repräsentantenhaus erklärte er allerdings, er habe zum damaligen Zeitpunkt nicht gewusst, dass Epstein ebenfalls an AdFin beteiligt gewesen sei. Auch die 2018er E-Mail habe er nach seiner Darstellung nicht im Wissen um Epsteins Beteiligung beantwortet.

Andriesz übermittelte die von ihm gefundenen Unterlagen anschließend Mitgliedern des House Oversight Committee, des wichtigsten Untersuchungsausschusses des US-Repräsentantenhauses. Lutnick wurde daraufhin im Mai zu einer nicht öffentlichen Anhörung geladen.

Demokratische Mitglieder des Ausschusses warfen ihm anschließend vor, bei seinen Angaben nicht die Wahrheit gesagt zu haben, und forderten seinen Rücktritt. Das Handelsministerium wies die Vorwürfe dagegen als parteipolitisch motivierte Ablenkung zurück.

Tod sorgt für neue Debatte

Mit dem Tod des Whistleblowers rücken nun auch die persönlichen Folgen seiner jahrelangen Auseinandersetzungen wieder in den Mittelpunkt. Andriesz hatte der BBC bereits im Sommer geschildert, welchen Preis sein Vorgehen für ihn gehabt habe.

Neben seinem beruflichen Konflikt mit seinem früheren Arbeitgeber beschäftigte er sich über Jahre mit Verfahren und Auseinandersetzungen mit Behörden und Regulierern. Die BBC berichtete zudem über seine Schilderungen zu den persönlichen Belastungen dieser Zeit.

In sozialen Netzwerken wird der Tod inzwischen auch mit den von Andriesz aufgedeckten Verbindungen rund um Epstein und Lutnick in Zusammenhang gebracht. Auf X und anderen Plattformen wird teilweise über mögliche andere Todesumstände spekuliert. Für diese Spekulationen liegen bislang jedoch keine öffentlich belegten Hinweise vor.

Fest steht: Andriesz hatte in den vergangenen Jahren mehrfach Vorwürfe gegen seinen früheren Arbeitgeber und dessen damaligen Chef Lutnick vorgebracht und später Dokumente öffentlich gemacht, die Lutnicks Kontakte zu Epstein bis mindestens 2018 belegten. Nun ist der Whistleblower im Alter von 57 Jahren gestorben. 

 


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Buchvorstellung
Towards Disaster: Eine Autobiografie zwischen Selbstrechtfertigung und Kriegsrealität

Von Kemal Bölge

Die englischsprachige Autobiografie „Towards Disaster: The Greek Army in Asia Minor in 1921“ (erstmals 1930 veröffentlicht) von Prinz Andrew von Griechenland und Dänemark ist weniger eine klassische Autobiografie als vielmehr eine militärische Rechtfertigungsschrift und ein Erinnerungsbericht über die griechische Besetzung Westanatoliens nach dem Ersten Weltkrieg.

Andrew schildert darin seine Sicht auf den Feldzug der griechischen Armee in Anatolien im Jahr 1921 und verteidigt seine eigenen Entscheidungen als Kommandeur. Eines seiner Kinder war der spätere Prinz Philip, Herzog von Edinburgh (Ehemann der verstorbenen Königin Elisabeth II.). Prinz Andrew von Griechenland und Dänemark ist der Großvater des heutigen Königs Charles III.

Die Vorgeschichte: Die „Megali Idea“ und die Besetzung Izmirs

Im 19. und 20. Jahrhundert propagierte die Ideologie des griechischen Nationalismus die „Megali Idea“ („Die große Idee“), die die Vereinigung aller von Griechen besiedelten Gebiete vorsah und als „griechischer Irredentismus“ bezeichnet wird. Dieser Plan sah die Besetzung von weiten Teilen Anatoliens zum Nachteil des früheren Osmanischen Reiches vor.

Mit der Niederlage des Osmanischen Reiches während des Ersten Weltkriegs sah die griechische Regierung unter Ministerpräsident Eleftherios Venizelos, der als „größter Verfechter“ des irredentistischen Plans zu Beginn des 20. Jahrhunderts gilt, die Gelegenheit gekommen, um die „Megali Idea“ zu verwirklichen. Das Buch beginnt mit dem politischen und militärischen Kontext des Krieges zwischen Griechenland und der türkischen Nationalbewegung (1919–1922).

Die Landung der griechischen Armee am 15. Mai 1919 in Izmir stellte aus türkischer Sicht eine Zäsur dar. In den ersten drei Tagen der Besetzung Izmirs wurden über 800 türkische Zivilisten Opfer von Massakern der griechischen Besatzungsarmee. Der Feldzug wurde durch den Zerfall des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg möglich. Die griechische Führung plante eine militärische Offensive tief ins anatolische Inland.

Prinz Andrew als Korpskommandeur und die Offensive auf Ankara

In seiner Autobiografie stellt Andrew seine zentrale These auf: Der Feldzug war strategisch überdehnt und politisch schlecht geplant. Der Prinz beschreibt seine Rolle als Kommandeur eines Armeekorps der griechischen Armee. Er schildert die Organisation der Truppen und logistische Probleme wie Nachschub, Entfernungen und Gelände. Ein wiederkehrendes Thema ist seine Kritik an der unrealistischen Strategie der politischen Führung und des Generalstabs.

Der Kern des Buches ist die Beschreibung der griechischen Offensive im Sommer 1921, die schließlich zur Schlacht von Sakarya führte. Andrew argumentiert, dass die griechische Armee zu weit ins Landesinnere vorgedrungen sei, die Versorgungslinien zu lang und unsicher gewesen seien und das türkische Heer unter Mustafa Kemal Atatürk defensiv gut positioniert gewesen sei. Er beschreibt die Kämpfe als äußerst verlustreich und militärisch aussichtslos.

Konflikte im Oberkommando und der Zusammenbruch

Ein entscheidender Punkt der Memoiren ist sein Streit mit dem Oberbefehlshaber Anastasios Papoulas. Andrew erhielt den Befehl, frontal anzugreifen. Er hielt den Angriff für militärisch unsinnig und setzte teilweise eigene taktische Entscheidungen um. Nach der erfolglosen Offensive gab das Oberkommando ihm eine Mitschuld am Rückzug. Im Buch verteidigt er sich ausführlich und argumentiert, er habe das Leben seiner Soldaten schützen wollen.

Der Prinz sieht mehrere Gründe für das Scheitern Griechenlands:

  • Überdehnung der Front – zu große Entfernungen von den Versorgungsbasen

  • Politische Einmischung in militärische Entscheidungen

  • Mangelhafte Koordination im Generalstab

  • Unterschätzung der türkischen Kräfte

Er beschreibt die Kampagne insgesamt als eine Bewegung „towards disaster“ – auf eine Katastrophe zu.

Gerichtsprozess, Exil und das Schweigen über Kriegsverbrechen

Obwohl das Buch hauptsächlich die Ereignisse von 1921 behandelt, weist Andrew auf die Konsequenzen hin: 1922 kollabierte die griechische Front vollständig. Nach der Niederlage kam es zu einer Revolution in Griechenland.

Andrew wurde in Athen vor ein Militärgericht gestellt, und ihm drohte wegen Hochverrats und Befehlsverweigerung die Todesstrafe. Auf massiven Druck der britischen Regierung und des Königshauses wurde er mit einem britischen Schiff nach Frankreich ins Exil gezwungen. Das Buch fungiert daher auch als Selbstverteidigung gegen die Vorwürfe, er habe zum militärischen Desaster beigetragen.

In seiner Autobiografie geht Prinz Andrew mit keinem Wort auf die systematischen Kriegsverbrechen seiner von ihm befehligten, berüchtigten Einheiten gegen die türkische Zivilbevölkerung ein. Die Schergen des Generalmajors Prinz Andrew vergewaltigten massenhaft junge Mädchen und Frauen, schlossen Dorfbewohner in Moscheen und Gebäuden ein, um diese in Brand zu stecken. Wer aus der Todesfalle zu fliehen versuchte, wurde erschossen. Diese Einheiten nannten sich selbst „Teufelsbataillone“ und verbreiteten Angst und Schrecken unter der Bevölkerung.

Alle Städte und Dörfer in Westanatolien, die in die Hände dieser Besatzer kamen, wurden von diesen in Schutt und Asche gelegt. Kein Haus, keine Schule und keine Scheune blieb von diesen Todesschwadronen verschont. Schätzungen von Historikern zufolge wurden während der drei Jahre und drei Monate andauernden griechischen Besetzung Westanatoliens über 600.000 unschuldige türkische Zivilisten getötet. Weder Prinz Andrew noch ein anderer griechischer Kommandeur mussten sich für den Genozid an der türkisch-muslimischen Zivilbevölkerung vor Gericht verantworten.


Zum Autor

Kemal Bölge, studierter Politologe und Historiker. Ressortleiter Balkan bei der Forschungseinrichtung für Mezalim. Er schreibt zudem als freier Autor für verschiedene Online-Publikationen. Seine Schwerpunkte sind die Außen- und Sicherheitspolitik, insbesondere die Beziehungen EU-Türkei, die zukünftige Struktur der NATO und die Außen- und Sicherheitspolitik der Türkei.


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Italien
Gaza-Doku „NAZA“ schlägt „Avengers Endgame: Encore“ an Kinokassen

Rom – Der israelische Dokumentarfilm „NAZA“ über die israelischen Militäroperationen im Gazastreifen hat in Italien einen überraschenden Kinoerfolg erzielt. Die preisgekrönte Produktion spielte in den ersten beiden Tagen rund 1,1 Millionen Euro ein und lag damit deutlich vor der Wiederaufführung von „Avengers: Endgame“ mit neuen Szenen. Der Marvel-Film kam im selben Zeitraum auf rund 356.000 Euro.

„NAZA“ wurde von den israelischen Filmemachern Yuval Abraham und Rachel Szor gedreht, die bereits für den Dokumentarfilm „No Other Land“ mit einem Oscar ausgezeichnet wurden. Der 80-minütige Film basiert unter anderem auf Interviews mit 24 anonymisierten israelischen Soldaten und Geheimdienstmitarbeitern. Sie schildern darin den Einsatz von Überwachungs- und KI-Systemen bei der Auswahl militärischer Ziele im Gazastreifen. Die Identitäten der Gesprächspartner wurden technisch verfremdet.

25 Minuten stehende Ovation in Venedig

Seine Weltpremiere feierte „NAZA“ beim Filmfestival von Venedig. Dort erhielt der Film den Spezialpreis der Jury. Bei der Vorführung reagierte das Publikum mit einer 25-minütigen stehenden Ovation – laut mehreren Berichten ein Rekord für das Festival.

In Italien war der Film zunächst lediglich für drei Tage angekündigt. Wegen ausverkaufter Vorstellungen wurde die Laufzeit jedoch verlängert. Nach Angaben des italienischen Verleihs sollen zudem mehr als 150 weitere Kinos den Film ins Programm aufnehmen oder ihre Laufzeit verlängern.

Scharfe Kritik aus Israel

Der Erfolg steht im Gegensatz zu den Reaktionen führender israelischer Politiker. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kritisierte den Film scharf und warf den Regisseuren vor, die israelischen Streitkräfte als Kriegsverbrecher darzustellen. Kulturminister Miki Zohar forderte bereits nach der Auszeichnung in Venedig, Abraham und Szor die israelische Staatsbürgerschaft zu entziehen, und sprach von „Verrat am Staat“.

Netanjahu kündigte anschließend an, gesetzliche Änderungen voranzutreiben, die den Entzug der Staatsbürgerschaft von Personen ermöglichen sollen, die israelische Soldaten im Ausland diffamieren. Die angekündigten Gesetzesvorhaben sind bislang nicht geltendes Recht.

Die Regisseure waren zudem Todesdrohungen und weiteren Einschüchterungsversuchen ausgesetzt. Nach Angaben des „Guardian“ riefen Demonstranten unter anderem vor dem Haus von Szors Eltern zur Todesstrafe für die Filmemacher auf. Rechtsextreme Aktivisten organisierten demnach Proteste an mit den Regisseuren verbundenen Adressen.

Das Committee to Protect Journalists (CPJ) verurteilte die Drohungen und warnte vor einer Einschüchterung der beiden Filmemacher.

Weltweiter Kinostart

„NAZA“ soll in den kommenden Wochen in mehr als 50 Ländern in die Kinos kommen. Im November soll der Dokumentarfilm zudem kostenlos auf der Website des „Guardian“ verfügbar werden.

Die Filmemacher erklärten, sie hätten den Film aus der Überzeugung heraus produziert, ihre Position als Israelis nutzen zu müssen, um die Strukturen hinter den Militäroperationen im Gazastreifen zu untersuchen.

Die israelischen Streitkräfte haben zentrale Darstellungen des Films zurückgewiesen und den Machern unter anderem erhebliche sachliche Fehler vorgeworfen. Die Regisseure weisen diese Kritik zurück und verweisen auf ihre Quellen und die journalistische Recherche, auf der der Film basiert.

„Erschütternd und schwer erträglich“

Inhaltlich setzt sich „NAZA“ mit der israelischen Kriegsführung im Gazastreifen auseinander. Der Film basiert unter anderem auf den Aussagen von 24 anonymisierten israelischen Soldaten und Geheimdienstmitarbeitern und zeigt, wie Ziele ausgewählt und Angriffe vorbereitet wurden.

Thematisiert werden dabei unter anderem KI-gestützte Systeme zur Zielerfassung, erwartete zivile Opferzahlen, Angriffe auf Wohnhäuser und die Zerstörung ganzer Stadtviertel. Die geschilderten Vorgänge sind teilweise äußerst drastisch: Menschen, die den Film gesehen haben, beschrieben die Bilder und Aussagen als erschütternd und schwer erträglich. Im Mittelpunkt stehen auch Vorgänge, die als mögliche Kriegsverbrechen eingeordnet werden.

 


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New York
Mamdani nennt Netanjahu „Architekt eines schrecklichen Völkermordes“

New York – Der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani hat seine Kritik an der israelischen Regierung drastisch verschärft. In einem viel beachteten Interview bezeichnete er den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu als „Architekten eines schrecklichen Völkermordes“.

Mamdani äußerte sich in einem Interview im Podcast This Past Weekend sichtlich emotional über die anhaltende Gewalt im Nahostkonflikt. „Wenn Sie mich nach Netanjahu fragen, dann sprechen wir über den Architekten eines schrecklichen Völkermordes“, so der Bürgermeister wörtlich.

Kritik an anhaltendem Militäreinsatz trotz Waffenstillstandsdebatten

Der New Yorker Politiker zog in diesem Zusammenhang die internationalen Bemühungen um eine Befriedung der Region in Zweifel. Während weltweit über einen Waffenstillstand verhandelt werde, halte das Sterben der Zivilbevölkerung unvermindert an.

Als konkretes Beispiel führte Mamdani einen Vorfall an, bei dem das israelische Militär im Gazastreifen einen elfjährigen palästinensischen Jungen getötet habe – und das in einem Gebiet, das offiziell als humanitäre Schutzzone ausgewiesen war.

„Das geht immer weiter“, betonte Mamdani mit Blick auf die fortlaufenden Militäroperationen.

Rückhalt von jüdischen Gruppen in den USA

Während Netanjahu bei seinem UN-Auftritt Ende September behauptete, unter Mamdani würden sich Juden in New York „nicht mehr sicher fühlen“, formiert sich in den USA deutliche jüdische Unterstützung für den Bürgermeister. Progressive jüdische Organisationen weisen Netanjahus Vorwürfe entschieden zurück.

Aktivisten der Organisation Jewish Voice for Peace (JVP), die parallel zu Netanjahus UN-Rede massive Blockaden und Proteste in New York organisierten, sprachen Mamdani ihr Vertrauen aus. Sie betonten, dass die Kritik an der israelischen Kriegsführung notwendig sei und nicht mit Antisemitismus gleichgesetzt werden dürfe.

Auch die landesweite progressive jüdische Vereinigung Bend the Arc: Jewish Action stellte sich hinter den Bürgermeister. Die Organisation erklärte, dass Mamdanis Vision einer multireligiösen und multikulturellen Koalition der beste Schutz gegen Hass und Faschismus sei.

Unterstützer aus der jüdischen Gemeinde hoben hervor, dass Mamdanis Fokus auf bezahlbaren Wohnraum und soziale Gerechtigkeit für viele jüdische New Yorker oberste Priorität habe, während Netanjahu versuche, von der Verantwortung für die humanitäre Katastrophe in Gaza abzulenken.

Zuspitzung einer monatelangen Debatte

Die jüngsten Äußerungen markieren einen vorläufigen Höhepunkt in den Spannungen zwischen dem New Yorker Rathaus und der israelischen Führung. Bereits im Juli hatte Mamdani Netanjahu als „Kriegsverbrecher“ bezeichnet und die US-Regierung aufgefordert, die Haftbefehle des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) zu vollstrecken.

Um den Vorwürfen konservativer Rabbiner entgegenzuwirken, stellte Mamdani zeitgleich einen millionenschweren kommunalen Aktionsplan zur Bekämpfung von Antisemitismus vor, der unter anderem den Schutz von Synagogen finanziert. Mamdani stellte jedoch klar, dass seine Pflicht zum Schutz jüdischer Bürger in New York nichts an seiner scharfen Verurteilung der israelischen Regierungspolitik ändern werde.

 


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NATO
Frankreich und Türkei blockieren neue NATO-Partnerschaften mit Armenien und Aserbaidschan

Brüssel – Neue Pläne der NATO für eine engere Zusammenarbeit mit Armenien und Aserbaidschan stecken seit mehr als einem Jahr fest. Nach Angaben von NATO-Diplomaten verhindern Frankreich und die Türkei jeweils eines der beiden geplanten Partnerschaftsabkommen.

Frankreich blockiert demnach die Vertiefung der Beziehungen zu Aserbaidschan, während die Türkei eine entsprechende Vereinbarung mit Armenien zurückhält.

Nach den Plänen sollen die beiden Länder ihre Zusammenarbeit mit dem Militärbündnis unter anderem durch gemeinsame Übungen, militärische Ausbildung und einen intensiveren politischen Austausch ausbauen. Beide Staaten arbeiten bereits seit Jahrzehnten mit der NATO zusammen. Die Allianz führt Armenien und Aserbaidschan weiterhin als Partnerländer und unterstützt nach eigenen Angaben die Bemühungen beider Staaten um eine dauerhafte Friedensregelung.

Frankreich gegen Aserbaidschan, Türkei gegen Armenien

Der Streit hat nach Angaben von NATO-Diplomaten einen ungewöhnlichen Mechanismus: Frankreich lehnt eine weitere Vertiefung der NATO-Partnerschaft mit Aserbaidschan ab, während Ankara eine entsprechende Vereinbarung mit Armenien blockiert. Die türkische Position besteht demnach darin, beide Partnerschaften gemeinsam zu verabschieden.

Hinter dem französischen Widerstand stehen die seit Jahren angespannten Beziehungen zwischen Paris und Baku. Das französische Außenministerium führt als Gründe unter anderem den Krieg um Bergkarabach und die aserbaidschanische Militäroperation vom September 2023 an. Frankreich habe sich deutlich gegen den Einsatz militärischer Gewalt durch Aserbaidschan positioniert. Zugleich nahm Paris Anfang 2025 den diplomatischen Dialog mit Baku wieder auf.

Auch die Türkei und Armenien haben weiterhin keine regulären diplomatischen Beziehungen. Ankara steht zugleich eng an der Seite Aserbaidschans. Die türkisch-aserbaidschanische Zusammenarbeit wurde 2021 mit der Schuscha-Erklärung zu einer strategischen Partnerschaft ausgebaut.

NATO will Zusammenarbeit ausbauen

Die geplanten Vereinbarungen wären keine NATO-Beitritte. Armenien und Aserbaidschan sind bereits seit 1994 Teil des NATO-Programms „Partnerschaft für den Frieden“. Die Zusammenarbeit umfasst unter anderem Verteidigungsreformen, Ausbildung und die Verbesserung der militärischen Interoperabilität.

Die NATO hat ihr Partnerschaftssystem in den vergangenen Jahren neu geordnet. Heute bilden sogenannte „Individually Tailored Partnership Programmes“ (ITPP) den zentralen Rahmen für eine vertiefte Zusammenarbeit mit einzelnen Partnerstaaten. Sie bündeln politische, sicherheitspolitische und militärische Kooperation in einem mehrjährigen Programm.

Für Aserbaidschan hatte die NATO bereits Anfang 2026 eine weitere Vertiefung angekündigt. Bei einem Besuch der stellvertretenden NATO-Generalsekretärin Radmila Šekerinska in Baku wurde über den Abschluss eines solchen ITPP gesprochen. Das Programm soll unter anderem Verteidigungsbildung, Minenräumung, Cybersicherheit und den Schutz vor Informationsbedrohungen umfassen.

Armenien und Aserbaidschan orientieren sich stärker nach Westen

Der Stillstand kommt zu einem Zeitpunkt, an dem sich die außenpolitische Ausrichtung beider Länder verändert. Armenien hat seine Beziehungen zu Russland in den vergangenen Jahren deutlich zurückgefahren und treibt seine Annäherung an Europa voran.

Bei der Parlamentswahl im Juni 2026 setzte sich die proeuropäische Regierungspartei von Ministerpräsident Nikol Paschinjan durch. Paschinjan kündigte zugleich an, die Beziehungen zum Westen weiter auszubauen.

Auch Aserbaidschan hat seine internationalen Partnerschaften ausgeweitet. Baku vertiefte zuletzt insbesondere die Zusammenarbeit mit den USA und baute seine Beziehungen zu westlichen Staaten sowie den zentralasiatischen Turkstaaten aus.

NATO-Diplomaten warnen nach Angaben aus Bündniskreisen deshalb davor, dass die Blockade die Bemühungen beider Staaten um eine stärkere Anbindung an den Westen erschweren könnte. Zugleich könnte die festgefahrene Situation die Rolle der NATO im Südkaukasus begrenzen – gerade in einer Phase, in der der Einfluss Russlands in der Region zurückgeht.

Die NATO selbst hat wiederholt erklärt, sie unterstütze die Normalisierung der Beziehungen zwischen Armenien und Aserbaidschan und wolle ihre Zusammenarbeit mit beiden Ländern fortsetzen.

 


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NEX24-Interview
„Der Rechtsruck beginnt dort, wo Ausgrenzung normal wird“

Enis Gülegen über den Rechtsruck, die Sorgen von Menschen mit Einwanderungsgeschichte und die Verantwortung der demokratischen Gesellschaft.

Im Gespräch mit NEX24 spricht der Vorsitzende des Landesausländerbeirats Hessen (agah-hessen) über wachsende Verunsicherung, die politische Normalisierung ausgrenzender Positionen und die Grenzen demokratischer Zusammenarbeit.

Er fordert eine klare Haltung gegen Rassismus und Rechtsextremismus – und mehr gesellschaftliche Teilhabe. Seine Botschaft: Wer Angst hat, soll sich nicht zurückziehen, sondern gerade jetzt seine Stimme erheben.

Die Wahlergebnisse in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin haben bei vielen Menschen mit Einwanderungsgeschichte Sorgen ausgelöst. Was genau beunruhigt Sie mit Blick auf die politische Entwicklung am meisten?

Mich beunruhigt vor allem, dass Positionen immer mehr Zustimmung erhalten, die Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrer Familiengeschichte die Gleichwertigkeit absprechen.

In Mecklenburg-Vorpommern hat die AfD ihr Ergebnis gegenüber 2021 mehr als verdoppelt, und auch in Berlin hat sie deutlich hinzugewonnen. Das kann man nicht einfach als vorübergehenden Protest abtun. Das ist eine Entwicklung, die unserer demokratischen Gesellschaft Sorgen bereiten muss. Denn neu ist sie im Grunde genommen nicht.

Für Menschen mit Einwanderungsgeschichte ist diese Entwicklung existenzieller. Sie fragen sich nicht nur, welche Partei künftig wie viele Sitze in einem Parlament hat. Sie fragen sich, ob ihre Zugehörigkeit zu diesem Land weiterhin selbstverständlich ist und ob ihre Rechte und ihre Sicherheit auch dann geschützt werden, wenn sich das gesellschaftliche Klima weiter verändert.

Die Verunsicherung entsteht deshalb nicht allein durch Wahlergebnisse. Sie wächst gerade dann am stärksten, wenn innerhalb demokratischer Parteien darüber diskutiert wird, die bisherige klare Abgrenzung zur AfD aufzuweichen oder die sogenannte Brandmauer infrage zu stellen.

Der Vorstoß des hessischen Ministerpräsidenten in der vergangenen Woche ist dafür das jüngste schockierende Beispiel. Für viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte ist das ein alarmierendes Signal. Sie beobachten sehr genau, ob menschenfeindliche oder ausgrenzende Positionen politisch isoliert bleiben oder ob sie sich zunehmend als normaler Bestandteil des politischen Wettbewerbs etablieren.

Natürlich gibt es auch eine demokratische Zivilgesellschaft: viele engagierte Kommunen, Vereine, Initiativen und Menschen, die dieser Gefahr täglich entgegentreten. Dennoch erwarte ich mehr von der Zivilgesellschaft. Es darf nicht sein, dass am Ende wieder einmal die schweigende Mehrheit durch ihr Schweigen dazu beiträgt, einer menschenfeindlichen und rassistischen Partei zur Macht zu verhelfen.

Sie sprechen davon, dass es für Menschen mit Einwanderungsgeschichte um Sicherheit, Rechte und das Vertrauen in ihre gleichberechtigte Zugehörigkeit geht. Woran machen Sie fest, dass dieses Vertrauen derzeit gefährdet ist?

Wir erleben seit Jahren eine politische Debatte, in der Migration zunehmend mit Krise, Kriminalität oder Kontrollverlust verbunden wird. Wenn Menschen immer wieder hören, dass über sie vor allem als Problem gesprochen wird, bleibt das nicht ohne Folgen. 

Hinzu kommen konkrete Diskriminierungserfahrungen. Untersuchungen des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors zeigen, dass Diskriminierung für viele rassistisch markierte Menschen zum Alltag gehört und dass solche Erfahrungen Auswirkungen auf das Vertrauen in Gesellschaft und staatliche Institutionen haben können und tatsächlich auch haben. 

Vertrauen entsteht nicht allein durch Sonntagsreden. Menschen müssen im Alltag erleben, dass sie bei der Wohnungssuche, auf dem Arbeitsmarkt, in Behörden oder in der Schule gleichberechtigt behandelt werden und dass der Staat sie schützt, wenn sie diskriminiert oder angegriffen werden.

Viele Migrantinnen und Migranten fragen sich angesichts des Erstarkens der AfD ganz konkret: Was bedeutet diese Entwicklung für meinen Alltag, meine Familie und meine Zukunft in Deutschland? Was antworten Sie diesen Menschen?

Ich verstehe diese Sorgen sehr gut, denn ich teile sie – insbesondere mit Blick auf die Zukunft meiner beiden Söhne. Meine Botschaft ist dennoch eindeutig: Wir gehören zu diesem Land und zu dieser Gesellschaft. Unsere Grundrechte gelten nicht abhängig von Wahlergebnissen.

Gleichzeitig wäre es falsch, Ängste kleinzureden oder die Sorgen von Menschen mit Einwanderungsgeschichte zu ignorieren. Politik und Gesellschaft müssen unmissverständlich zeigen, dass sie diejenigen schützen, die von Rassismus, Antisemitismus, antimuslimischem Rassismus oder anderen Formen der Menschenfeindlichkeit betroffen sind. Hier stehen Politik und Zivilgesellschaft in einer besonderen Verantwortung und in einer großen Bringschuld.

Ich möchte Menschen mit Einwanderungsgeschichte deshalb ausdrücklich dazu auffordern, sich einzumischen und ihre Stimme zu erheben. Das kann in Vereinen, Initiativen, Parteien, Gewerkschaften, Migrantenorganisationen und gerade auch in den kommunalen Ausländerbeiräten geschehen. Demokratie lebt davon, dass Menschen nicht nur betroffen sind, sondern selbst mitreden, mitentscheiden und mitgestalten.

Wir dürfen allerdings auch nicht verschweigen, dass rechtspopulistische Positionen der AfD inzwischen auch unter Teilen der Menschen mit Einwanderungsgeschichte Zustimmung finden. Der kritische Blick auf die eigenen Reihen ist deshalb eine besonders wichtige Aufgabe der migrantischen Gesellschaft. Es reicht nicht, Rassismus und Ausgrenzung nur bei anderen zu kritisieren. Wir müssen uns auch mit den Einstellungen und Entwicklungen innerhalb unserer eigenen Gemeinschaften auseinandersetzen.

Gerade den Ausländerbeiräten kommt dabei eine immense Verantwortung zu. Sie müssen Orte demokratischer Auseinandersetzung sein, in denen unterschiedliche Positionen offen diskutiert, demokratische Werte verteidigt und Menschen zur politischen Teilhabe ermutigt werden.

Sie dürfen sich nicht darauf beschränken, Interessen zu vertreten. Sie müssen auch dazu beitragen, Demokratie zu stärken und menschenfeindlichen, rassistischen und ausgrenzenden Positionen entgegenzutreten – unabhängig davon, aus welcher Richtung sie kommen.

Die AfD hat bei den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin deutlich an Zustimmung gewonnen. Was sagt dieses Ergebnis aus Ihrer Sicht über die Stimmung in der Gesellschaft aus – und was sagt es möglicherweise nicht aus?

Die Wahlergebnisse zeigen, dass die AfD inzwischen in Teilen der Gesellschaft auf ein Fundament trifft, auf dem ihre Parolen verfangen. Dazu gehören rassistische Ressentiments und die Abwertung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Religion. Gleichzeitig erleben viele Menschen wirtschaftliche Unsicherheit, Abstiegsängste und das Gefühl, dass ihre Sorgen von der Politik nicht ausreichend gesehen werden.

Problematisch wird es dort, wo sich beides miteinander verbindet. Wenn soziale oder wirtschaftliche Unsicherheit mit rassistischen Erklärungen beantwortet wird, entsteht ein gefährlicher politischer Nährboden. Dann werden komplexe gesellschaftliche Probleme auf einzelne Gruppen projiziert und Menschen zu Sündenböcken gemacht.

Deshalb tragen die demokratischen Parteien eine besondere Verantwortung. Sie müssen die sozialen und wirtschaftlichen Sorgen der Menschen ernst nehmen und konkrete Lösungen anbieten, gleichzeitig aber jeder Form von Rassismus und Ausgrenzung klar entgegentreten. Aus der deutschen Geschichte folgt eine eindeutige Verpflichtung. Demokratische Politik muss alles daransetzen, dass rechtsextreme Kräfte niemals wieder politische Macht erlangen.

Sie bezeichnen die AfD als „rechtsextreme Bedrohung für die Demokratie“. Welche konkreten politischen Positionen oder Entwicklungen innerhalb der AfD sehen Sie als besonders problematisch für Menschen mit Einwanderungsgeschichte?

Bei der AfD geht es nicht nur um einzelne Forderungen in der Migrationspolitik. Entscheidend ist das Gesellschaftsbild, das dahintersteht. Immer wieder wird die Zugehörigkeit von Menschen zu Deutschland an Herkunft, Abstammung oder vermeintlich „fremde“ kulturelle Vorstellungen geknüpft.

Dahinter steht ein völkisches Gesellschaftsbild, das Menschen nicht als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger betrachtet, sondern ihre Zugehörigkeit nach Herkunft und Abstammung bewertet. Ein solches Denken hat unser Land schon einmal in Schutt und Asche getrieben.

Das zeigt sich besonders beim Begriff der „Remigration“. Er klingt technisch, meint aber eine Politik massenhafter Deportationen – und ich war überrascht, dass ich mit unserem Bundeskanzler in diesem Punkt gänzlich gleicher Meinung bin: Es handelt sich um ethnische Säuberung. Für viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte ist das eine direkte Bedrohung ihrer Existenz.

Auch der Verfassungsschutz warnt seit Jahren vor rechtsextremistischen Bestrebungen in der AfD. Für mich ist deshalb klar, dass diese Partei eine ernsthafte Gefahr für unsere Demokratie darstellt. Unser Grundgesetz macht ebenso klar, dass die Würde und die Rechte eines Menschen nicht von Herkunft oder Familiengeschichte abhängen. Ein AfD-Verbot muss jetzt kommen. Denn „nie wieder“ ist jetzt!

In Ihrer Erklärung fordern Sie eine klare Abgrenzung der demokratischen Parteien gegenüber der AfD. Wo beginnt für Sie diese Abgrenzung – und wo wird sie aus Ihrer Sicht derzeit aufgeweicht?

Abgrenzung bedeutet für mich zunächst etwas sehr Konkretes. Keine politischen Mehrheiten, die von der AfD abhängig sind, keine Zusammenarbeit und keine Normalisierung ihrer Positionen.

Aber eine Brandmauer besteht nicht nur aus der Frage, mit wem man abstimmt. Sie betrifft auch politische Sprache und politische Inhalte. Wenn demokratische Parteien Begriffe, Feindbilder oder Erklärungsmuster übernehmen, weil sie hoffen, dadurch Wählerinnen und Wähler zurückzugewinnen, verschiebt sich der gesamte politische Diskurs. Die bessere Antwort ist, ein eigenes demokratisches Angebot zu machen und Probleme tatsächlich zu lösen.

Sie warnen davor, dass demokratische Parteien die Sprache der Rechtspopulisten übernehmen könnten. Welche politischen Debatten oder Formulierungen beobachten Sie derzeit besonders kritisch?

Kritisch sehe ich vor allem eine politische Sprache, in der Migration fast nur noch mit Belastung, Kriminalität oder Kontrollverlust verbunden wird. Das wird der Realität nicht gerecht. Migration prägt unser Land seit Jahrzehnten und ist für unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft und unser Zusammenleben vor allem auch eine große Chance.

Wenn Menschen mit Einwanderungsgeschichte trotzdem immer wieder hauptsächlich als Problem dargestellt werden, verändert das den gesellschaftlichen Blick auf sie. Sprache schafft Bilder und diese Bilder haben Folgen im Alltag. Demokratische Politik trägt deshalb eine besondere Verantwortung dafür, wie sie über Migration und über Menschen spricht.

Die Sorgen vieler Menschen mit Migrationsgeschichte richten sich nicht nur auf Wahlergebnisse, sondern auch auf die Frage, ob sie langfristig als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft akzeptiert werden. Was müssen Politik und Gesellschaft konkret tun, um dieses Vertrauen zu stärken?

Zunächst müssen wir Zugehörigkeit selbstverständlich machen. Ein deutscher Staatsbürger mit türkischen, syrischen oder ghanaischen Eltern ist nicht weniger deutsch als jemand, dessen Familie seit Generationen hier lebt.

Zweitens brauchen wir konsequenten Schutz vor Diskriminierung. Dazu gehören funktionierende Beratungsstellen, eine konsequente Verfolgung rassistischer Straftaten und diskriminierungsfreie Behörden.

Drittens braucht es politische Teilhabe. Viele Menschen leben seit Jahrzehnten in unseren Kommunen, dürfen aber aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit nicht an Kommunalwahlen teilnehmen. Deshalb setzt sich die AGAH seit langem für stärkere Beteiligungsmöglichkeiten und ein kommunales Wahlrecht für dauerhaft hier lebende Drittstaatsangehörige ein.

Und schließlich entscheidet sich Zugehörigkeit im Alltag – in Schulen, Betrieben, Vereinen, Verwaltungen und Nachbarschaften.

Außerdem brauchen wir ein Einbürgerungsgesetz, das einem Einwanderungsland würdig ist. Das neue Gesetz wurde als eine Verbesserung gepriesen. In Wahrheit birgt es insbesondere für vulnerable Bevölkerungsgruppen desolate Erschwernisse. Die Umsetzung des Gesetzes in der Praxis – beispielsweise Wartezeiten bei Einbürgerungsanträgen von bis zu drei Jahren, bevor der Antrag überhaupt bearbeitet wird – spricht Bände darüber, wie wenig wir uns als Einwanderungsland verstehen.

Welche Verantwortung tragen die demokratischen Parteien selbst für den Erfolg der AfD? Gibt es aus Ihrer Sicht politische Themen, bei denen sie den Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern verloren haben?

Wir leben in schwierigen Zeiten. Die Lebenshaltungskosten sind gestiegen, viele Menschen machen sich Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft und erleben gesellschaftliche Veränderungen als Belastung.

Gerade deshalb halte ich es für falsch, wenn demokratische Parteien glauben, sie könnten die AfD schwächen, indem sie ihre Sprache oder Teile ihrer Migrationspolitik übernehmen. Die Verschärfung des Tons, Forderungen nach immer weiteren Einschränkungen des Flüchtlingsrechts und die zunehmende Verrohung der Debatte haben die AfD offensichtlich nicht kleiner gemacht.

Die demokratischen Parteien müssen deshalb wieder stärker eigene Antworten geben, soziale Sicherheit schaffen und zugleich deutlich machen, dass Menschenrechte und das Recht auf Schutz nicht zur politischen Verhandlungsmasse werden.

Sie schreiben, demokratische Politik müsse „durch eigenes Handeln zeigen, dass sie das Leben der Menschen verbessern kann“. Was wären aus Sicht der agah konkrete politische Maßnahmen, die jetzt besonders wichtig wären?

Viele Probleme betreffen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft. Bezahlbares Wohnen, gute Schulen und Kitas, funktionierende Kommunen, eine gute Gesundheitsversorgung und sichere Beschäftigung.

Für Menschen mit Einwanderungsgeschichte kommen zusätzliche Fragen hinzu. Wir brauchen schnellere Anerkennungsverfahren für ausländische Berufsabschlüsse, ausreichende Sprach- und Integrationsangebote, besseren Schutz vor Diskriminierung und mehr politische Beteiligung.

Ein weiterer Punkt ist die finanzielle Situation der Kommunen. Integration findet nicht abstrakt im Bund oder im Land statt. Sie findet in der Kita, in der Schule, im Bürgeramt, im Sportverein und im Stadtteil statt. Dafür brauchen Kommunen ausreichende Ressourcen.

Welche Rolle spielen dabei Fragen wie Migration, Integration, Einbürgerung und die Bekämpfung von Diskriminierung?

Migration ist für unser Land vor allem eine Chance. Viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte leben seit Jahrzehnten hier, arbeiten, gründen Familien und prägen unsere Gesellschaft mit. Trotzdem erleben sie noch immer, dass ihre Zugehörigkeit infrage gestellt wird oder sie politisch nicht vollständig mitentscheiden können.

Deshalb darf Einbürgerung nicht erst am Ende eines Integrationsprozesses stehen. Sie kann im Gegenteil ein wichtiger Schritt am Anfang gesellschaftlicher und politischer Teilhabe sein.

Wer dauerhaft hier lebt, sollte die Möglichkeit haben, sich auch rechtlich und demokratisch vollständig als Teil dieser Gesellschaft zu verstehen.
Eines der größten Hindernisse dabei bleibt Rassismus. Solange Menschen wegen ihres Namens, ihrer Herkunft oder ihres Aussehens benachteiligt werden, können wir nicht von wirklicher Gleichberechtigung sprechen.

Viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte erleben derzeit eine Debatte, in der Migration häufig mit Problemen und Gefahren verbunden wird. Was macht diese politische Sprache mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Diese Sprache hat Folgen, weil sie Menschen vermittelt, dass sie nicht selbstverständlich dazugehören. Wer ständig hört, Migration sei vor allem Belastung, Gefahr oder Problem, erlebt irgendwann auch im Alltag, dass die eigene Zugehörigkeit infrage gestellt wird.

Dabei ist Deutschland längst eine Einwanderungsgesellschaft. Menschen mit Einwanderungsgeschichte tragen dieses Land in allen Bereichen mit und gehören selbstverständlich dazu.

Wenn Politik trotzdem immer wieder über sie spricht, als seien sie ein Problem, schwächt das den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wir brauchen deshalb eine Sprache, die nicht trennt, sondern deutlich macht, dass Vielfalt und Einwanderung Teil unserer gesellschaftlichen Realität und eine Stärke dieses Landes sind.

Sie fordern auch in Hessen eine verlässliche Brandmauer zur AfD. Was erwarten Sie konkret von der hessischen Landespolitik und von den Parteien im Hessischen Landtag?

Wir erwarten Klarheit. Demokratische Mehrheiten sollten nicht von Stimmen der AfD abhängig gemacht werden. Gerade Hessen trägt hier eine besondere Verantwortung. Der hessische AfD-Landesverband wird vom Landesamt für Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall geführt. Das Verwaltungsgericht Wiesbaden hat diese Einstufung im Juni dieses Jahres im Hauptsacheverfahren bestätigt.

Eine klare Abgrenzung bedeutet für uns aber ebenfalls, dass demokratische Parteien nicht versuchen sollten, die AfD sprachlich oder inhaltlich zu kopieren. Wer ihr die Themen und Begriffe überlässt oder sie übernimmt, stärkt am Ende häufig das Original. Wir erwarten deshalb von allen demokratischen Fraktionen eine eigenständige Politik auf Grundlage unserer Verfassung und der gleichen Würde aller Menschen.

Wo sehen Sie in Hessen derzeit die größten Gefahren für ein weiteres Erstarken der AfD – und wo sehen Sie Möglichkeiten, dieser Entwicklung entgegenzuwirken?

Die größte Gefahr sehe ich darin, wenn Ausgrenzung und rassistische Positionen immer stärker normalisiert werden und demokratische Parteien darauf mit Anpassung reagieren. Das stärkt nicht die Demokratie, sondern verschiebt die Grenzen des Sagbaren.

Gerade in Hessen müssen wir deshalb zeigen, dass eine vielfältige Gesellschaft funktioniert und dass alle Menschen die gleichen Chancen auf Teilhabe haben. Dafür braucht es starke Kommunen, gute soziale Infrastruktur und Orte, an denen Menschen miteinander in Kontakt kommen.

Ausländerbeiräte, Vereine, Schulen und Initiativen leisten dabei einen wichtigen Beitrag. Sie schaffen Begegnung und zeigen im Alltag, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht durch Abgrenzung, sondern durch Beteiligung entsteht.

Welche Rolle können Migrantenorganisationen, Ausländerbeiräte, Vereine, Schulen und Kommunen dabei spielen, dem Rechtsruck etwas entgegenzusetzen?

Eine sehr große. Demokratie entsteht nicht nur im Bundestag oder im Hessischen Landtag. Ausländerbeiräte beispielsweise bringen Menschen in kommunale Entscheidungsprozesse, die sonst häufig zu wenig gehört werden. Sie kennen Konflikte und Probleme vor Ort und können zwischen Verwaltung, Politik und Communities vermitteln.

Schulen vermitteln demokratische Werte. Vereine schaffen Begegnung. Migrantenorganisationen erreichen Menschen, die klassische politische Institutionen teilweise nicht erreichen. Kommunen wiederum sind der Ort, an dem Menschen Demokratie jeden Tag praktisch erleben. Diese Strukturen dürfen deshalb nicht nur gelobt werden. Sie brauchen Ressourcen, Räume und echte Beteiligungsmöglichkeiten.

In Ihrer Pressemitteilung betonen Sie das Engagement vieler Menschen für ein solidarisches Zusammenleben. Wo erleben Sie dieses Engagement derzeit besonders stark – und welche Unterstützung brauchen diese Menschen?

Ich erlebe dieses Engagement überall dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen. In Nachbarschaften, Vereinen, Schulen, Betrieben, Religionsgemeinden und natürlich auch in den Ausländerbeiräten. Oft sind es ganz alltägliche Begegnungen, die zeigen, dass unser Zusammenleben viel stärker ist, als manche politische Debatte vermuten lässt.

Diese Menschen brauchen vor allem Anerkennung, verlässliche Rahmenbedingungen und echte Möglichkeiten, sich einzubringen. Wer sich für Zusammenhalt, gegen Rassismus und für Teilhabe engagiert, sollte nicht das Gefühl haben, gegen den Strom arbeiten zu müssen. Politik muss dieses Engagement unterstützen und deutlich machen, dass eine vielfältige Gesellschaft gewollt ist und zu diesem Land gehört.

Was wünschen Sie sich von den demokratischen Parteien: mehr klare Abgrenzung, eine andere politische Sprache oder vor allem konkrete Verbesserungen im Alltag der Menschen?

Ich wünsche mir vor allem, dass die demokratischen Parteien wieder stärker aus eigener Überzeugung heraus handeln. Sie dürfen sich nicht daran orientieren, welche Begriffe oder Forderungen die AfD setzt, sondern müssen selbst deutlich machen, wofür sie stehen. 

Dazu gehört eine klare Abgrenzung gegenüber rechtsextremen Positionen, aber auch eine Sprache, die Menschen nicht gegeneinander ausspielt. Wer versucht, die AfD durch Anpassung zu schwächen, macht ihre Sichtweisen am Ende nur gesellschaftsfähiger.

Demokratische Parteien müssen deshalb Haltung zeigen, Vertrauen schaffen und deutlich machen, dass Menschenwürde, Gleichberechtigung und gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht verhandelbar sind.

Und zum Schluss: Was möchten Sie den Menschen mit Einwanderungsgeschichte sagen, die angesichts des politischen Rechtsrucks Angst um ihre Zukunft in Deutschland haben?

Ich möchte ihnen sagen, dass Angst nicht dazu führen darf, sich zurückzuziehen. Gerade jetzt ist es wichtig, sichtbar zu bleiben, sich einzumischen und die eigenen Rechte selbstbewusst wahrzunehmen.

Dieses Land gehört allen, die hier leben. Rechtsextreme Kräfte dürfen nicht darüber bestimmen, wer sich als Teil unserer Gesellschaft fühlen darf und wer nicht.

Das Interview führte Kemal Bölge

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Gastbeitrag
Die „Andonian-Dokumente“ und der Einfluss der Kriegspropaganda

Ein Gastbeitrag von Kemal Bölge

Die Verfechter der armenischen Genozidthese und ihre Unterstützer versuchen seit Jahrzehnten mit allen Mitteln die Öffentlichkeit von einem Genozid an den Armeniern zu überzeugen. In einigen Landesparlamenten waren sie damit erfolgreich, aber der Grund dafür besteht nicht etwa in der Entdeckung von neuen Archivdokumenten oder dergleichen, sondern in einer guten Lobbyarbeit der armenischen Diaspora.

Die von der Historikerin Tessa Hofmann in ihrem Gasteitrag im Tagesspiegel  vorgetragene Behauptung die „Andonian-Dokumente“ seien echt und damit wäre eine Vernichtungsabsicht bewiesen, entbehrt jeglicher Grundlage.

Bereits in den 90er Jahren hatten Historiker wie Klaus Kreiser, Andrew Mango, Michael M. Gunter oder Erick Zürcher auf die gefälschten Telegramme in den Andonian-Dokumenten hingewiesen.

Kalenderrechnung und Datierungsfehler

Die im Artikel erwähnten beiden Wissenschaftler Şinasi Orel und Süreyya Yuca fanden in den von Aram Andonian 1919 veröffentlichten Papers neben zahlreichen Unstimmigkeiten vor allem die falsche Datierung der Dokumente als entscheidend. Hofmann und Taner Akçam gehen auf diese Details, die ich Anhand von zwei Beispielen erläutern werde, mit keinem Wort ein.

 Ich will es für Laien mit einfachen Worten erklären. Im Gegensatz des in Europa verwendeten gregorianischen Kalenders, wurde im Osmanischen Reich (Ämter, Behörden etc.) zum damaligen Zeitpunkt der Rumi-Kalender verwendet.

Der osmanische Rumi-Kalender weist gegenüber dem gregorianischen Kalender einen Unterschied von 584 Jahren und 13 Tagen auf. Wer beispielsweise vom osmanischen Kalender auf den gregorianischen Kalender umrechnet, muss die Differenz hinzuaddieren. Es gibt aber noch einen weiteren Faktor, der unbedingt beachtet werden muss.

Der Jahresanfang beim Rumi-Kalender beginnt nicht wie beim gregorianischen Kalender am 01. Januar, sondern am 01. März. Die letzten zwei Monate des Jahres sind beim osmanischen Kalender nicht der November und Dezember, sondern der Januar und Februar.

Es sei hier noch erwähnt, dass die Differenz von 13 Tagen 1917 durch ein Gesetz abgeschafft wurde und der Jahresanfang vom 01. März auf den 01. Januar vorverlegt wurde. In einem Dokument, das Andonian veröffentlichte, findet sich das osmanische Rumi-Kalenderdatum 18. Februar 1331.

Wenn man dies in den gregorianischen Kalender umrechnet, 1916 war ein Schaltjahr, der 02. März 1916. Das wäre aber neun Monate nach dem Umsiedlungsbeschluss der osmanischen Regierung. Es handelt sich um ein vermeintliches Telegramm von Bahattin Şakir Bey, den dieser von Istanbul nach Adana übermittelt haben soll, nur befand er sich zu diesem Zeitpunkt nicht in Istanbul, sondern in der osttürkischen Stadt Erzurum.

Ungereimtheiten bei Unterschriften und Siegeln

Beim zweiten Beispiel handelt es sich um das Dokument Nummer 502 aus den erwähnten „Andonian Papers“. Der ehemalige Gouverneur von Aleppo, Mustafa Abdülhalik Bey, soll ein amtliches Dokument an den damaligen Innenminister Talat Pascha unterschrieben und versendet haben. Datiert ist es auf den 3. September 1331, also nach dem gregorianischen Kalender der 16. September 1915.

Das Problem dabei: Mustafa Abdülhalik Bey wurde erst am 10. Oktober 1915 zum Gouverneur von Aleppo ernannt und trat am 14. Oktober sein Amt an. Folglich kann er dieses amtliche Dokument am 16. September 1915 gar nicht unterschrieben und versendet haben.

Neben dieser Unstimmigkeit ist auch die Unterschrift von Mustafa Abdülhalik Bey eine Fälschung. Ferner fehlt in dem Schreiben auch das offizielle Siegel des Osmanischen Reiches und das Besmele Zeichen. Die gesamte Publikation der „Andonian Papers“ ist durchsetzt mit Fehlern und Unstimmigkeiten und ließe sich fortführen.

Ferner behaupten Hofmann und Akçam, dass die beiden türkischen Wissenschaftler Orel und Yuca in ihrer Arbeit die Existenz des osmanischen Beamten Naim Bey bestreiten, also gar nicht existiert habe. Das ist nicht richtig, weil Orel und Yuca in ihrem Buch von drei Möglichkeiten zur Person von Naim Bey ausgehen:

a) Bei Naim Bey handelt es sich um eine fiktive Person

b) Naim Bey ist ein fingierter Name bzw. ein Pseudonym

c) Naim Bey ist eine real existierende Person

Anders ausgedrückt gehen Orel und Yuca davon aus, dass es unter den vorhandenen Informationen nicht möglich ist, zu einem abschließenden Urteil zu kommen.

Die Mechanik der Kriegspropaganda

Während des Ersten Weltkriegs wurde in Ländern wie Großbritannien, Deutschland, Frankreich und anderen Staaten Kriegspropaganda betrieben. Das Ziel von Kriegspropaganda ist vielfältig, denn die Medien spielen darin eine große Rolle, auch wenn es mit unseren heutigen Maßstäben nicht vergleichbar ist.

Zum besseren Verständnis: Frankreich, Großbritannien und später die Vereinigten Staaten waren Kriegsgegner Deutschlands während des Ersten Weltkriegs. So wurde in diesen Staaten durch die betriebene Propaganda eine regelrechte antideutsche Stimmung erzeugt. In Großbritannien wurde im Wellington House ein „War Propaganda Bureau“ eingerichtet, aber die Existenz eines solchen Büros wurde geheim gehalten.

So gab es immer wieder Berichte über deutsche Gräueltaten in Belgien. Es soll hier aber nicht der Eindruck erweckt werden, dass deutsche Truppen keine Massaker begangen haben. Das Massaker von Dinant/Belgien sei hier als Beispiel genannt. Vielmehr geht es um die Instrumentalisierung für die Kriegspropaganda, denn die Presse, Populärliteratur, Postkarten, aber auch Karikaturen bedienten das Bild des „deutschen Barbaren“, der sich an unschuldigen Frauen vergreift. Der gerade erwähnte Fall von Propaganda ließe sich fortführen, allerdings sollte das kurz als Erklärung angerissen werden.

Historische Aufarbeitung und die Rolle der Verlage

In der Geschichtswissenschaft ist das Thema der Kriegspropaganda während des Ersten Weltkriegs gegenüber Deutschland weitgehend aufgearbeitet und derartige Publikationen werden nicht als seriöse Quellen herangezogen.

Das lässt sich in Bezug auf das Osmanische Reich leider nicht sagen, denn das britische „War Propaganda Bureau“ ließ massenweise Publikationen über angebliche türkische Massaker an Armeniern veröffentlichen. Hier einige Titel, die eindeutig als Kriegspropaganda einzustufen sind. Von Arnold J. Toynbee (1915) Armenian atrocities: the murder of a nation, Viscount Bryce (1916) The treatment of Armenians in the Ottoman Empire. Es handelt sich um die berühmte Propagandaschrift „Blue Book“.

Das Deutsche Reich war mit Österreich-Ungarn, Bulgarien und dem Osmanischen Reich verbündet. Also Großbritannien war Kriegsgegner des Osmanischen Reiches und die Armenier bzw. die armenischen Milizen wurden unter anderem von Großbritannien, Frankreich und Russland unterstützt. Das dritte Buch ist von A.P. Jacowbean und James Bryce (1917) Armenia and the War.

Alle diese Bücher erschienen damals beim gleichen Verlag: Hodder and Stoughton, der noch heute existiert. Wie bereits erwähnt, publizierte Aram Andonian 1919 seine „Andonian Papers“, aber relevant dabei ist, in welchem Verlagshaus er das tat: Bei Hodder and Stoughton.

Der Verlag, der damals Kriegspropagandaschriften im Auftrag des britischen Kriegspropagandabüros veröffentlichte. Die Bücher, die ich genannt habe, werden noch heute als seriöse Quellen seitens der armenischen Diaspora und ihrer akademischen Unterstützer aufgelistet.

Man muss sich das kurz vergegenwärtigen. Kriegspropagandapublikationen, die während des Ersten Weltkriegs über die Kriegsgegner erschienen sind, das Beispiel Deutschland habe ich erwähnt, sind weitgehend aufgearbeitet, aber beim Osmanischen Reich ist das nicht der Fall und es wird noch immer so getan, als ob es sich bei diesen Schriften um Faktenerzählungen handelt, obwohl der propagandistische Zweck offensichtlich war und ist.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor

Kemal Bölge, studierter Politologe und Historiker. Ressortleiter Balkan bei der Forschungseinrichtung für Mezalim. Er schreibt zudem als freier Autor für verschiedene Online-Publikationen. Seine Schwerpunkte sind die Außen- und Sicherheitspolitik, insbesondere die Beziehungen EU-Türkei, die zukünftige Struktur der NATO und die Außen- und Sicherheitspolitik der Türkei.