Israel
Israel-Critical Political Analyst Dr. Ori Goldberg Dies

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Tel Aviv – The renowned Israeli political scientist, Middle East expert, and prominent government critic Dr. Ori Goldberg has passed away at the age of 50 after a severe battle with cancer.

This was confirmed by his eldest daughter, Avigail. In international journalism and academic circles, Goldberg was regarded as one of the most prominent Jewish-Israeli voices opposing the official military and geopolitical strategies of Tel Aviv. His death has triggered deep condolences among analysts, human rights activists, and journalists worldwide.

Academic Background and Military Consulting

Goldberg possessed a profound understanding of the Israeli security apparatus, which he would later criticize so fiercely. He earned his doctorate from Tel Aviv University, focusing on the history and ideology of the Shiite revolutionary movement in Iran. Later, he served as a Fox International Fellow at the prestigious Yale University and taught as a professor at academic institutions including Reichman University and the Israeli National Defense College. His expertise was highly sought after, leading him to serve in the past as a national security advisor and senior research fellow at the IDF’s Dado Center.

A Courageous Voice Within Israeli Civil Society

Rather than representing the official state line, Goldberg transformed into one of the sharpest critics from within Israeli civil society. He published as a freelance commentator and author for international media outlets such as Al Jazeera, New Lines Magazine, The Nation, and South Africa’s Daily Maverick.

His essays for the left-leaning, Tel Aviv-based +972 Magazine—which is operated jointly by Israeli and Palestinian journalists—gained particular recognition. Goldberg also leaves behind an important academic legacy, including his books Faith and Politics in Iran, Israel and the Islamic State and Understanding Shi’i Leadership.

Critique of the Gaza War and Regional Escalation

In his analyses, Goldberg tirelessly warned against a perpetual war and denounced what he described as the moral decay of Israeli society. Particularly since the outbreak of the Gaza war, he criticized the dehumanization of the Palestinian population and accused the Israeli leadership of deliberately fueling the escalatory spiral with Iran and in Lebanon for domestic political gains.

Through his unique Jewish-Israeli perspective, he remained until the very end an irreplaceable and courageous voice for moderation, international law, and empathy in the Middle East.

 

Israel
Israelkritischer Polit-Analyst Ori Goldberg gestorben

Tel Aviv – Der renommierte israelische Politikwissenschaftler, Nahost-Experte und prominente Regierungskritiker Dr. Ori Goldberg ist im Alter von 50 Jahren nach einer schweren Krebserkrankung verstorben. Dies bestätigte seine älteste Tochter Avigail.

Während Goldberg im deutschsprachigen Raum weitgehend unbekannt war, galt er im internationalen Journalismus und in akademischen Kreisen als eine der profiliertesten jüdisch-israelischen Stimmen gegen die offizielle Militär- und Geopolitik Tel Avivs. Sein Tod löste bei Analysten, Menschenrechtlern und Journalisten weltweit große Bestürzung aus.

Goldberg war ein fundierter Kenner des israelischen Sicherheitsapparats, den er später so scharf kritisierte. Er promovierte an der Universität Tel Aviv über die Geschichte und die Denkschule der schiitischen Revolutionsbewegung im Iran. Später war er als Fox International Fellow an der renommierten Yale University tätig und lehrte als Professor an akademischen Einrichtungen wie der Reichman University sowie dem Israeli National Defense College.

Seine Expertise war so gefragt, dass er in der Vergangenheit auch als nationaler Sicherheitsberater und leitender Forschungsmitarbeiter am Dado Center der israelischen Verteidigungskräfte tätig war.

Anstatt jedoch die offizielle Staatslinie zu vertreten, wandelte sich Goldberg zu einem der schärfsten Kritiker aus dem Inneren der israelischen Zivilgesellschaft. Er publizierte als freier Kommentator und Autor für internationale Medien wie Al Jazeera, New Lines Magazine,

The Nation und die südafrikanische Daily Maverick. Besondere Bekanntheit erlangten seine Essays für das linksgerichtete, in Tel Aviv ansässige und von israelischen sowie palästinensischen Journalisten gemeinsam betriebene +972 Magazine. Goldberg hinterlässt zudem ein wichtiges akademisches Erbe, darunter seine Fachbücher Faith and Politics in Iran, Israel and the Islamic State und Understanding Shi’i Leadership.

In seinen Analysen warnte Goldberg unermüdlich vor einem ewigen Krieg und prangerte an, was er als moralischen Verfall der israelischen Gesellschaft bezeichnete. Insbesondere seit dem Ausbruch des Gaza-Kriegs kritisierte er die Dehumanisierung der palästinensischen Bevölkerung und warf der israelischen Führung vor, die Eskalationsspirale mit dem Iran und im Libanon aus innenpolitischem Kalkül gezielt anzuheizen.

Durch seine jüdisch-israelische Perspektive blieb er bis zuletzt eine unersetzliche und mutige Stimme der Mäßigung, des Völkerrechts und der Empathie im Nahen Osten.

 


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Çerkezköy–Kapıkule
Türkei: Neue Schnellzugverbindung Richtung EU offiziell gestartet

Edirne – In der türkischen Region Thrakien hat eine neue Schnellzugverbindung den Betrieb aufgenommen. Nach der offiziellen Eröffnung des 153 Kilometer langen Streckenabschnitts Çerkezköy–Kapıkule am 9. Oktober durch Präsident Recep Tayyip Erdoğan fuhren am 10. Oktober 2026 die ersten Fahrgastzüge.

Die Verbindung verkürzt die Reisezeit zwischen Çerkezköy und Edirne nach Angaben des türkischen Verkehrsministeriums auf 54 Minuten. Zugleich ist die Strecke Teil eines größeren Eisenbahnprojekts, das Istanbul mit der bulgarischen Grenze verbinden und den Personen- und Güterverkehr zwischen der Türkei und der Europäischen Union verbessern soll, berichtet Anadolu.

Sechs Schnellzugfahrten täglich

Der erste Zug in Richtung Çerkezköy verließ den Bahnhof Edirne am 10. Oktober um 9 Uhr. Nach Angaben von Verkehrsminister Abdulkadir Uraloğlu werden auf der Verbindung täglich sechs Schnellzugfahrten in beide Richtungen angeboten.

Die Züge fahren von Çerkezköy nach Edirne um 10.45 Uhr, 15 Uhr und 19.30 Uhr. In der Gegenrichtung starten sie um 9 Uhr, 13 Uhr und 17.45 Uhr. Unterwegs halten sie in Büyükkarıştıran, Lüleburgaz und Babaeski. Die Verbindung führt damit durch mehrere Orte in Thrakien, bevor sie Edirne erreicht.

Nach Angaben des Verkehrsministeriums verfügen die Züge insgesamt über 411 Sitzplätze, darunter zwei für Rollstuhlnutzer vorgesehene Plätze. Die Reisezeit zwischen Çerkezköy und Edirne beträgt demnach 54 Minuten.

Für Reisende aus Istanbul ist weiterhin ein Umstieg vorgesehen. Zwischen Halkalı und Uzunköprü verkehren Regionalzüge, mit denen Fahrgäste nach Çerkezköy gelangen und dort in die Schnellzüge nach Edirne umsteigen können. In der Gegenrichtung ist der Umstieg ebenfalls in Çerkezköy möglich. Zusammen mit den sechs Schnellzugfahrten verkehren auf den genannten Verbindungen täglich acht Personenzüge in beiden Richtungen. Anadolu Ajansı

153 Kilometer lange Strecke mit neuer Infrastruktur

Der Abschnitt Çerkezköy–Kapıkule ist der längste Teil des insgesamt 229 Kilometer langen Projekts Halkalı–Kapıkule. Die Strecke wurde für eine Entwurfsgeschwindigkeit und einen Betrieb von bis zu 200 Kilometern pro Stunde ausgelegt. Sie ist zweigleisig, elektrifiziert und signaltechnisch ausgerüstet.

Zu den Bauwerken entlang der Strecke gehören nach Angaben Erdoğans 31 Brücken, acht Tunnel in offener Bauweise mit einer Gesamtlänge von 2.520 Metern, zwei Viadukte, 114 Unter- und Überführungen sowie 175 Durchlässe. Insgesamt wurden im Rahmen des Projekts 353 Kilometer Schienen verlegt.

Mit der Inbetriebnahme werden die Provinzen Tekirdağ, Kırklareli und Edirne an das türkische Schnellzugnetz angebunden. Der neue Abschnitt reicht bis Kapıkule an der Grenze zu Bulgarien. Der Ausbau des gesamten Korridors soll damit eine moderne Eisenbahnverbindung zwischen Istanbul, Thrakien und dem europäischen Schienennetz schaffen.

(Foto: Screenshot/X)

Kürzere Reisezeiten und mehr Kapazität für Güter

Bei der Eröffnungsfeier erklärte Erdoğan, dass sich mit der Fertigstellung der gesamten Verbindung die Fahrzeit für Reisende zwischen Halkalı und Kapıkule von vier Stunden auf eine Stunde und 30 Minuten verkürzen solle. Für den Gütertransport werde eine Reduzierung von acht Stunden und 30 Minuten auf drei Stunden und 30 Minuten erwartet.

Nach den von Erdoğan genannten Prognosen soll sich die Kapazität der Eisenbahnstrecke etwa vervierfachen. Die jährliche Zahl der beförderten Fahrgäste könne von 600.000 auf drei Millionen steigen. Beim Gütertransport werde eine Zunahme von 1,5 Millionen auf 9,5 Millionen Tonnen pro Jahr erwartet.

Erdoğan bezeichnete die Verbindung als strategisches Verkehrsprojekt. Sie werde, so seine Aussage, die Produktion Anatoliens mit den europäischen Märkten verbinden und als logistisches Rückgrat dazu beitragen, die türkischen Exportziele zu erreichen. Er erwarte außerdem Impulse für Handel, Tourismus, Produktion und Beschäftigung in Thrakien und im übrigen Land.

Die genannten Kapazitäts- und Zeitwerte beziehen sich auf die Wirkung des gesamten Projekts Halkalı–Kapıkule. Die nun aufgenommenen Fahrgastverbindungen verkehren zunächst zwischen Çerkezköy und Edirne.

EU beteiligt sich mit 275 Millionen Euro

Auch die Europäische Union sieht in dem Projekt eine wichtige Verbindung zwischen Europa und der Türkei. Die EU-Kommissarin für Erweiterung, Marta Kos, nahm an der Eröffnung teil. Sie bezeichnete die Strecke in einem Beitrag auf X als Symbol für das Potenzial der Zusammenarbeit zwischen der EU und der Türkei.

Kos zufolge handelt es sich um das größte Infrastrukturprojekt, das bisher im Rahmen der finanziellen Zusammenarbeit zwischen der EU und der Türkei durchgeführt wurde. Die EU-Kommission beziffert ihren Zuschuss für den Abschnitt Çerkezköy–Kapıkule auf 275 Millionen Euro. Die Finanzierung erfolgt im Rahmen des Instruments für Heranführungshilfe IPA II gemeinsam mit türkischen Mitteln. 

Kos erklärte, die Verbindung könne Menschen und Unternehmen näher zusammenbringen, das gegenseitige Vertrauen stärken und gute nachbarschaftliche Beziehungen fördern. Gemeinsam mit Erdoğan und Verkehrsminister Uraloğlu habe sie außerdem über den Ausbau von Verkehrs- und Energieverbindungen von der EU über die Türkei und den Südkaukasus bis nach Zentralasien gesprochen.

Die Europäische Kommission ordnet das Vorhaben in ihre überregionale Konnektivitätsagenda ein. Die Strecke soll die Verbindungen entlang des sogenannten Mittleren Korridors stärken, der Europa über die Türkei und den Südkaukasus mit Zentralasien verbindet.

Mart Kos (Foto: Screenshot/X)

Das türkische Eisenbahnnetz ist deutlich gewachsen

Die neue Verbindung steht auch für den Ausbau der türkischen Eisenbahninfrastruktur unter der seit 2002 regierenden AK-Partei von Erdoğan. Zu Beginn dieser Regierungszeit verfügte das Land zwar bereits über ein konventionelles Eisenbahnnetz, ein Hochgeschwindigkeitszugnetz gab es damals jedoch noch nicht.

Nach Angaben des türkischen Verkehrsministeriums betrug die Gesamtlänge des Schienennetzes 2002 rund 10.948 Kilometer. Ende 2024 waren es 13.919 Kilometer. Das entspricht einem Zuwachs von knapp 3.000 Kilometern. Davon entfielen 2.251 Kilometer auf Hochgeschwindigkeitsstrecken, die seit 2002 neu aufgebaut wurden.

Auch die bestehende Infrastruktur wurde modernisiert. Nach Angaben des Verkehrsministeriums stieg die Länge der elektrifizierten Strecken von 2.122 Kilometern im Jahr 2002 auf 7.274 Kilometer. Das signalisierte Netz wuchs demnach von 2.505 auf 8.419 Kilometer. Die Zahlen zeigen, dass der Ausbau nicht nur neue Strecken umfasst, sondern auch die technische Modernisierung bereits vorhandener Verbindungen.

Die Entwicklung geht über einzelne Schnellzugprojekte hinaus. Die türkische Regierung verfolgt das Ziel, das Eisenbahnnetz weiter auszubauen und mehr Provinzen direkt an den Schnellzugverkehr anzuschließen. Verkehrsminister Uraloğlu nannte als Ziel, die Zahl der direkt an das Schnellzugnetz angebundenen Provinzen bis 2028 von elf auf 27 zu erhöhen. Die geplante Gesamtlänge des Schienennetzes soll ebenfalls weiter steigen.

Weitere Bauarbeiten zwischen Istanbul und Kapıkule

Mit der Eröffnung des Abschnitts Çerkezköy–Kapıkule ist das Gesamtprojekt Halkalı–Kapıkule noch nicht vollständig abgeschlossen. Nach Angaben des Verkehrsministeriums werden die Bauarbeiten am Abschnitt Ispartakule–Çerkezköy sowie an der Verbindung zwischen Ispartakule und Halkalı fortgesetzt.

Erst mit der Fertigstellung der übrigen Abschnitte soll die durchgehende moderne Eisenbahnverbindung von Halkalı in Istanbul bis Kapıkule an der bulgarischen Grenze vollständig zur Verfügung stehen. Der nun begonnene Fahrgastbetrieb zwischen Çerkezköy und Edirne ist ein weiterer Schritt auf diesem Weg.

Gesellschaft
Studie: Deutsche blicken pessimistisch in die Zukunft

Berlin – Die Deutschen sehen der Zukunft einer aktuellen Umfrage zufolge mit großer Skepsis entgegen. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) berichtet, hat das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Zeitung eine repräsentative Bevölkerungsumfrage durchgeführt. Demnach blicken nur 29 Prozent der Befragten den kommenden zehn Jahren mit Hoffnungen entgegen. 36 Prozent geben an, dass die Befürchtungen überwiegen.

Die Ergebnisse markieren einen deutlichen Wandel im Stimmungsbild. Im Jahr 1990 sahen noch 60 Prozent der Bevölkerung der Zukunft hoffnungsvoll entgegen, 2011 waren es 46 Prozent. Der Anteil derer, die mit Befürchtungen in die kommenden Jahre schauen, ist im gleichen Zeitraum von 16 auf 36 Prozent gestiegen.

Studie: Deutsche blicken pessimistisch in die Zukunft

Die Studie zeigt ein tiefes Unbehagen gegenüber der gesellschaftlichen Entwicklung. 74 Prozent der Befragten erwarten, dass die Gesellschaft in zehn Jahren politisch deutlich gespaltener sein wird als heute. Fast ebenso viele, 73 Prozent, gehen davon aus, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. 70 Prozent befürchten, dass die Zukunft unsicherer und weniger berechenbar wird. 62 Prozent erwarten zunehmende Spannungen zwischen Deutschen und Zuwanderern.

Auch die Folgen der Alterung der Gesellschaft bereiten der Bevölkerung Sorgen. 64 Prozent der Befragten gaben an, dass immer mehr Ältere Mühe haben werden, die Gesellschaft zu verstehen, und dass die wachsende Zahl älterer Menschen große Probleme mit sich bringen werde.

Nur wenige positive Erwartungen

Die Umfrage zeigt, dass die Bevölkerung bei den meisten Themen mit einer Verschlechterung rechnet. 65 Prozent erwarten, dass die soziale Absicherung in zehn Jahren schlechter sein wird als heute, 62 Prozent befürchten eine Verschlechterung der Gesundheitsversorgung, 59 Prozent rechnen mit sinkendem Wohlstand und Lebensstandard. Nur bei drei Themen überwiegen positive Erwartungen: Bei der Ausstattung der Bundeswehr (69 Prozent erwarten eine Verbesserung), der Verkehrsinfrastruktur (41 Prozent) und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf (30 Prozent).

Corona und Ukraine-Krieg als Verstärker der Unsicherheit

Als ein Grund für die pessimistische Stimmung gilt die Verunsicherung infolge der Corona-Krise und des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Auf die Frage, ob man heute in einer besonders unsicheren Zeit lebe, antworteten 72 Prozent der Befragten mit Ja. Im Jahr 2019 lag dieser Wert bei 45 Prozent.

Alterung der Gesellschaft verstärkt den Pessimismus

Ein weiterer Faktor ist laut der Analyse die Alterung der Gesellschaft. Während 49 Prozent der unter Dreißigjährigen den kommenden zehn Jahren mit Hoffnungen entgegensehen, sind es bei den Sechzigjährigen und Älteren nur 19 Prozent. Diese Unterschiede zwischen den Altersgruppen seien bis zu einem gewissen Grad naturgegeben, schreibt die F.A.Z. Eine alternde Gesellschaft sei auch eine Gesellschaft, die zunehmend zum Pessimismus neige.

Technologie bleibt ein Hoffnungsträger

Trotz der düsteren Stimmung zeigt die Umfrage auch Lichtblicke. Die Zustimmung zu der Aussage, dass technologische Neuerungen unheimlich seien, ist von 51 Prozent im Jahr 2019 auf 43 Prozent im September 2026 gesunken. Die Vorstellung, dass künstliche Intelligenz die Menschheit auslöschen könnte, halten nur 28 Prozent der Befragten für realistisch, 53 Prozent für unrealistisch.

Bemerkenswert ist auch, dass die Bürger ihren eigenen Vorhersagen wenig zutrauen. Auf die Frage, ob es möglich sei, die Zukunft vorauszusagen, antworteten nur zehn Prozent mit Ja, 81 Prozent verneinten dies.

Yasin Bas

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In Deutschland lernen immer mehr Schüler Türkisch

Bildung
Deutschland als Magnet für ausländische Studierende: Zahlen auf Rekordhoch

Berkin – Deutschland bleibt für junge Menschen aus dem Ausland ein begehrtes Studienziel. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) berichtet, waren im Wintersemester 2025/26 rund 500.000 ausländische Studierende an deutschen Hochschulen eingeschrieben, so viele wie nie zuvor. Damit gehört Deutschland neben den USA, Großbritannien und Australien zu den vier beliebtesten Gastländern weltweit und liegt innerhalb Europas auf Platz eins.

Indien und China als wichtigste Herkunftsländer

Besonders deutlich fällt der Zuwachs aus Asien aus. Nach Angaben der F.A.Z. kamen 2025 rund 60.000 Studierende aus Indien nach Deutschland, ein neuer Höchststand. Auch die Zahl der Studierenden aus China bleibt hoch. Fachlich konzentrieren sich viele von ihnen auf die MINT-Fächer sowie auf Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften.

Ein wesentlicher Grund für die Attraktivität Deutschlands sind die im internationalen Vergleich niedrigen Studienkosten. Während in Großbritannien oder den USA hohe Gebühren anfallen, sind die Kosten an deutschen Hochschulen vergleichsweise gering. Hinzu kommt der gute Ruf vieler Universitäten und die enge Verbindung von Forschung und Lehre. Auch die Möglichkeit, nach dem Abschluss bis zu 18 Monate in Deutschland zu bleiben, um eine passende Stelle zu finden, macht das Land für internationale Absolventen interessant.

Auch Studierende aus der Türkei zieht es nach Deutschland

Neben Indien und China bleibt auch die Türkei ein wichtiges Herkunftsland. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gehören türkische Studierende seit Jahren zu den größten Gruppen ausländischer Studierender in Deutschland. Viele von ihnen entscheiden sich für ein Studium in den Bereichen Ingenieurwesen, Wirtschaft oder Sozialwissenschaften. Neben den vergleichsweise niedrigen Studienkosten spielt für viele auch die bereits bestehende türkische Community in Deutschland eine Rolle, die den Start erleichtert.

Die F.A.Z. weist allerdings auch auf Herausforderungen hin. Die Zeitung weist auf die „exorbitanten Mieten“ hin. Zudem berichtet die F.A.Z. von Schwierigkeiten bei der Integration und geringen Sprachkenntnissen.

Yasin Bas

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Streit um Rentenreform: Lauterbach warnt vor Aus der Rente mit 63

Europaaktive Zivilgesellschaft
Islamische Gemeinde Herne-Röhlinghausen für Deutschen Engagementpreis nominiert

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Herne – Die Islamische Gemeinde Herne-Röhlinghausen e. V. ist für den Deutschen Engagementpreis 2026 nominiert. Die Gemeinde wurde vom Land Nordrhein-Westfalen als „Europaaktive Zivilgesellschaft“ ausgezeichnet und daraufhin für den bundesweiten Preis vorgeschlagen. Nun hofft sie auf genügend Stimmen beim Publikumspreis. Nach eigenen Angaben ist sie die einzige muslimische Gemeinde unter den Nominierten.

Der Deutsche Engagementpreis würdigt freiwilliges Engagement in Deutschland. Beim Publikumspreis können Bürgerinnen und Bürger online für eines der nominierten Projekte abstimmen. Knapp 500 Projekte aus dem gesamten Bundesgebiet stehen zur Wahl. Die Abstimmung läuft noch bis zum 29. Oktober 2026 um 17.59 Uhr. Das Projekt mit den meisten Stimmen erhält 10.000 Euro sowie einen professionell produzierten Imagefilm.

Engagement für Demokratie und Zusammenhalt

Die Islamische Gemeinde Herne-Röhlinghausen setzt sich nach Angaben auf der offiziellen Webseite des Wettbewerbs unter anderem für Demokratie, gesellschaftliche Teilhabe und die europäische Idee ein.

Zu ihren Aktivitäten gehören interreligiöse Vorträge, Bildungsreisen nach Straßburg und Bildungsangebote für Familien. Mit der Veranstaltungsreihe „Wallah, ich steh’ auf Europa“ diskutieren Jugendliche über Demokratie und Vielfalt. Die Gemeinde gibt an, mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit jedes Jahr mehrere Hundert Menschen direkt zu erreichen.

Die Nominierung geht auf die Auszeichnung als „Europaaktive Zivilgesellschaft“ durch das Land Nordrhein-Westfalen zurück. Die Staatskanzlei des Landes schlug die Gemeinde damit für den Deutschen Engagementpreis vor.

Gemeinde bittet um Unterstützung

Tuncay Nazik, Ansprechpartner der Gemeinde, hat sich mit der Bitte um Unterstützung an die Öffentlichkeit gewandt. In einer Nachricht schreibt er, die Gemeinde liege bei der Abstimmung derzeit zurück und verliere allmählich die Hoffnung. Er bittet darum, nicht nur selbst abzustimmen, sondern auch Freunde, Bekannte und weitere Kontakte auf die Abstimmung aufmerksam zu machen.

Nazik verbindet die Teilnahme am Publikumspreis auch mit einer gesellschaftspolitischen Botschaft. Dass erstmals eine muslimische Gemeinde den Preis gewinnen könnte, wäre aus seiner Sicht ein Zeichen gegen rechte Gesinnung und für Demokratie.

Die Abstimmung erfolgt über die offizielle Webseite des Deutschen Engagementpreises. Für die Stimmabgabe ist eine deutsche Mobilfunknummer erforderlich; die Teilnahmebedingungen sehen eine Bestätigung per SMS vor.

Hier geht es zur Abstimmung:

Deutscher Engagementpreis

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Bildung
In Deutschland lernen immer mehr Schüler Türkisch

Berlin – An deutschen Schulen verschiebt sich die Nachfrage nach Fremdsprachen spürbar. Wie Deutschlandfunk unter Berufung auf aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden berichtet, gewinnen Türkisch und Spanisch deutlich an Zulauf, während Französisch, Latein und Russisch weiter an Bedeutung verlieren. Englisch bleibt mit großem Abstand die Nummer eins in Deutschland.

Zahl der Türkischlernenden Schüler hat sich fast verdreifacht

Besonders auffällig ist die Entwicklung des Türkischen. Im Schuljahr 2005/06 lernten bundesweit noch rund 13.000 Schülerinnen und Schüler Türkisch, das entsprach 0,13 Prozent der damals rund 9,5 Millionen Schülerinnen und Schüler. Im vergangenen Schuljahr 2025/26 waren es bereits etwa 29.230 von rund 8,9 Millionen, ein Anteil von 0,31 Prozent. Damit hat sich die Zahl der Türkischlernenden in zwanzig Jahren mehr als verdoppelt, genau genommen fast verdreifacht.

Noch deutlicher fällt der Zuwachs beim Spanischen aus: Rund 549.000 Kinder und Jugendliche lernen die Sprache inzwischen, mehr als doppelt so viele wie vor zwanzig Jahren. Damals waren es etwa 243.400 gewesen, ein Anteil von 2,56 Prozent, heute sind es 6,1 Prozent.

Französisch behauptet zwar weiterhin seinen zweiten Platz hinter Englisch, verliert aber deutlich. Die Zahl der Lernenden sank von 1,7 Millionen im Schuljahr 2005/06 auf rund 1,2 Millionen im vergangenen Schuljahr. Auch Latein und Russisch werden seltener gewählt. Englisch bleibt mit rund sieben Millionen Lernenden unangefochten an der Spitze, auch wenn die Zahlen im Vergleich zu vor zwanzig Jahren leicht zurückgegangen sind.

Herkunftssprachlicher Türkischunterricht in NRW

Neben dem regulären Fremdsprachenunterricht gibt es in mehreren Bundesländern ein separates Angebot: den herkunftssprachlichen Unterricht (HSU). In Nordrhein-Westfalen (NRW) lernen nach Angaben der Bezirksregierung Münster etwa 39.000 Kinder und Jugendliche Türkisch im herkunftssprachlichen Unterricht, weitere rund 8.500 als moderne Fremdsprache.

Der Unterricht findet in der Regel am Nachmittag statt und umfasst bis zu fünf Wochenstunden. In dem Bundesland mit der größten türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland wird der herkunftssprachliche Unterricht derzeit in 30 Sprachen angeboten, darunter Türkisch, Arabisch, Kurdisch und Polnisch.

Yasin Bas

Sachsen-Wahlen
Nach Wahl von AfD-Politiker: SPD-Abgeordneter warnt vor großer Katastrophe

Berlin – Der SPD-Bundestagsabgeordnete Macit Karaahmetoğlu hat scharf auf die Wahl des AfD-Politikers Tobias Rausch zum Präsidenten des Landtags von Sachsen-Anhalt reagiert. Karaahmetoğlu bezeichnete den Vorgang in einer schriftlichen Erklärung als „einen historischen Wendepunkt für Deutschland und den Vorboten einer großen Katastrophe, die noch bevorsteht“.

Der Bundestagsabgeordnete machte zudem deutlich, dass es nicht der AfD selbst bedürfe, um ihr den Weg zu ebnen. „Man muss nicht AfD-Mitglied sein, um der AfD den Weg zu bereiten. Es reicht, ihre Politik zu normalisieren“, betonte Karaahmetoğlu.

Karaahmetoğlu kritisierte, dass eine Politik, die darauf abziele, Migranten außer Landes zu bringen, nun an der Spitze demokratischer Institutionen angekommen sei. „Diejenigen, die gestern Migranten die Tür zeigten, ziehen heute als Präsident durch die Tür des Parlaments. Das ist nicht nur ein politischer Widerspruch, sondern eine gefährliche Etappe in der Normalisierung der extremen Rechten“, so der SPD-Abgeordnete.

Besonders besorgniserregend sei, dass der AfD-Kandidat in der geheimen Abstimmung Unterstützung weit über die eigenen Fraktionsgrenzen hinaus erhalten habe. „Der Einfluss der extremen Rechten beschränkt sich längst nicht mehr auf ihre eigene Wählerschaft. Wer die Rhetorik der AfD übernimmt und die Zusammenarbeit mit ihr zur Selbstverständlichkeit macht, verleiht ihr Legitimität“, warnte Karaahmetoğlu.

Verweis auf 65 Jahre Anwerbeabkommen

Der SPD-Politiker nahm auch Bezug auf das 65-jährige Bestehen des Anwerbeabkommens zwischen der Türkei und Deutschland. „Vor 65 Jahren wurden Menschen gebraucht, heute sagt man ihren Enkeln: Ihr gehört nicht hierher. Eine Politik, die Menschen nach ihrer Herkunft einteilt, kann die gemeinsame Zukunft Deutschlands nicht vertreten“, erklärte er.

Karaahmetoğlu schloss mit einer eindringlichen Warnung: „Die extreme Rechte kommt nicht über Nacht an die Macht. Zuerst gewöhnt man sich an ihre Sprache, dann normalisiert man ihre Forderungen, dann arbeitet man mit ihr zusammen, und schließlich wird es als gewöhnlicher Vorgang dargestellt, wenn sie an der Spitze der Institutionen steht. Heute geht es nicht nur darum, wie weit die AfD noch gehen wird. Es geht vor allem darum, wie viel Raum die demokratische Politik ihr noch bereitet.“

Yasin Bas

ZUM THEMA

Mathematik der Demokratie: Wie die AfD vom System profitiert

Brandanschlag
Hannover: Brandanschlag auf Moschee

Hannover – Unbekannte Täter haben am frühen Freitagmorgen die türkische und die deutsche Nationalflagge an der ATİB Hacı-Bayram-Moschee in Hannover in Brand gesetzt und damit einen Sachschaden verursacht.

Nach bisherigen Erkenntnissen setzten die Täter die an der Moschee gehisste türkische Flagge gegen 05:00 Uhr in Brand. Auch die deutsche Nationalflagge wurde durch das Feuer beschädigt.

Der ATİB-Regionalvorsitzende Yasin Türkyılmaz verurteilte den Vorfall in einer Pressemitteilung aufs Schärfste. Die türkische Flagge sei „ein Symbol der Unabhängigkeit, der Würde sowie der Einheit und des Zusammenhalts unseres Volkes“.

Die deutsche Flagge stehe „für die gemeinsamen Werte des Landes, in dem wir leben und dessen Gesellschaft wir uns zugehörig fühlen“. Ein Angriff auf beide Symbole richte sich „nicht nur gegen bedeutende nationale Symbole, sondern verletzt auch die Grundwerte des gegenseitigen Respekts, des gesellschaftlichen Friedens und des friedlichen Zusammenlebens“.

Türkyılmaz forderte die zuständigen Behörden auf, den Vorfall umfassend aufzuklären und die Verantwortlichen schnellstmöglich zur Rechenschaft zu ziehen. Zugleich rief er alle Bürgerinnen und Bürger zur Besonnenheit auf. „Wir werden nicht zulassen, dass solche Provokationen unsere Gemeinschaft spalten oder das friedliche Zusammenleben und den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden“, betonte er.

Der Angriff werde „weder unsere Verbundenheit mit unserer Herkunft noch unseren Glauben an die deutsch-türkische Freundschaft und ein respektvolles Zusammenleben erschüttern können“.

UID-Vorsitzender Kenan Aslan verurteilt Anschlag scharf

Auch Kenan Aslan, Vorsitzender der Union Internationaler Demokraten (UID) mit Sitz in Köln, verurteilte den Anschlag deutlich. „Ich verurteile den Angriff auf die türkische und die deutsche Flagge an der Hacı-Bayram-Moschee der ATİB in Hannover aufs Schärfste“, erklärte Aslan.

Der Angriff auf eine Gebetsstätte und auf die Flaggen, die die nationale Würde repräsentierten, habe sich „nicht nur gegen die Flaggen gerichtet, sondern auch gegen den gesellschaftlichen Frieden, den gegenseitigen Respekt und die deutsch-türkische Freundschaft“.

Aslan betonte, keine Provokation werde „den Willen zum gemeinsamen Leben in diesem Land erschüttern“. Er sprach der Moscheegemeinde und der ATİB sein Bedauern aus. Zugleich forderte er die Behörden auf, den Vorfall schnellstmöglich aufzuklären und die Täter vor Gericht zu bringen.

„Damit sich solche Angriffe nicht wiederholen, ist es zudem dringend erforderlich, die Schutzmaßnahmen für Moscheen und die muslimische Gemeinschaft wirksamer und dauerhafter zu gestalten“, so Aslan.

Yasin Bas

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Gastkommentar
Mathematik der Demokratie: Wie die AfD vom System profitiert

Ein Gastkommentar von Michael Thomas

Um sich über Stand, Status und Bedeutung einer rechtsradikalen AfD oder einer nicht viel weniger gefährlichen CDU klarer zu werden, Hinweise darauf zu finden, wo sie vorkommt und in welchem Zahlenspiel sie sich versteckt, genügt ein wenig Mathematik.

Wir und unsere Demokratie

Dann verstehen wir das Modell Demokratie nicht nur besser, sondern erkennen auch, wie es wirkt und arbeitet. Zahlreiche, markige Sprüche relativieren sich dann und werden zum Teil geradezu lächerlich und grotesk, die Wahlverlierer und -Gewinner nach vollzogenen Wahlen so absondern.

Beginnen wir – am Beispiel der Bundestagswahl 2025.

Da gab es insgesamt immerhin 83,3 Millionen Bundesbürger, Babies und Behinderte eingeschlossen. Dass nicht alle auch wahlberechtigt sind, dürfte klar sein. Die Bereinigung der Gesamtzahl bringt 60,51 Millionen Wahlberechtigte.

Aus für mich tatsächlich unerfindlichen Gründen aber schaffte es nicht jeder, sich in diesem bedeutsamen Wahljahr die zehn Minuten an der Wahlurne abzuknappsen und „nur“ 49,5 Millionen (82,5%) haben auch gewählt. Diese Wahlbeteiligung wurde aufgrund erheblich niedrigerer Daten bei vorangegangenen Wahlen als „Rekord“ bezeichnet.

Also fanden 11,01 Millionen aller wahlberechtigten Bundesbürger irgendetwas vordringlicher, entspannender oder amüsanter als ihre Pflicht, das Schicksal für über 80 Millionen ihrer Mitbürger mit zu entscheiden.

Immerhin beinahe jeder Sechste in etwa.

Wenn gesagt wird: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus!“ (Artikel 20, Grundgesetz), dann hat das offenbar ein guter Teil der Bevölkerung nicht verstanden – denn so hat nur etwas mehr als die Hälfte aller Bundesbürger ein Votum abgegeben.

Nicht gut für eine Demokratie!

Aber weil eine nicht abgegebene Stimme auch eine ist, MUSS sie meiner Meinung nach betrachtet und in jedes Zahlenspiel eingerechnet werden.

Denn daraus ergibt sich, dass die CDU mit den „behaupteten“ 28,2 Prozent aller Stimmen tatsächlich nur 23,3 Prozent auf sich versammelt hat.

Das bedeutet, dass nur etwa jeder Vierte aller Bundesbürger eine CDU gewählt hat.

Nur die Mathematik und Gesetzgebung schützt die CDU vor dem Vorwurf der Lüge, eine „Mehrheit“ errungen zu haben – grundlegende Staatsphilosophie und das „System Demokratie“ nach seiner Idealvorstellung jedoch nicht.

Nun sind wahlmanipulatorische Anstrengungen bestens bekannt. So hegt und pflegt die CDU seit Jahrzehnten besonders die Alten, sie beglückt sie mit Kaffee- und Kuchenschlachten und fährt sie an Wahlsonntagen mit Bussen zur Urne.

Dazu kommt das Heer aller, die ganz offen oder hinter verschlossenen Türen privatwirtschaftliche Vorteile aus einer CDU ziehen und sie selbstverständlich konsequent und zuverlässig wählen. Diese beiden Wählerblöcke werden einen großen Teil derer bilden, auf die sich eine CDU verlassen kann.

Ich persönlich glaube nicht an große Wählerwanderungen bei der CDU; hinzu kommen nämlich als Block natürlich auch die vielen, denen das Kreuzchen von der Kirchenkanzel anempfohlen wird.

Alle anderen sind Opfer von Schlagzeilen, die eine Medienlandschaft erzeugt, die sich ebenfalls mehr oder weniger von den chronisch Machthabenden, also einer CDU, massiv beeinflussen lässt. Hier gibt es den nichtschriftlichen Vertrag, dass sich die Politik Medien gegenüber zugänglich zeigt, solange es wohlwollende Berichte über sie gibt. Das hat vor gut drei Jahrzehnten selbst das letzte Bollwerk guter Presse, der SPIEGEL, verstanden, ist in die Knie gegangen und marschiert jetzt brav in der Reihe.

Ich behaupte, dass alle Wahlergebnisse und Zahlenspiele außerhalb der CDU erstens nicht aussagekräftig und zweitens nichts als reine Stimmungsbarometer einer zunehmend bildungsprekären Wählerlandschaft sind.

In dieser Gemengelage bildete sich erstaunlich erfolgreich eine AfD aus, die sich nicht nur von der ansteigenden Bildungsnot, sondern mittlerweile auch von der CDU selbst nährt.

Sie erfährt ihren Zulauf von all jenen, deren nationalistische Prägung nirgendwo anders mehr eine Heimat findet und sich nun dort ausgedrückt sieht. Sie schöpft aus dem unüberschaubaren Reservoir aller anderen Parteien, die irgendwie mangels Angebot in den vorausliegenden Jahren gewählt worden sind.

Denn es gibt für meine Behauptung einen schlagenden Beweis:

Kaum ein Wähler hat sich je konzentriert, zeitaufwendig und allgemein gebildet mit den Wahlprogrammen befasst. So blieb beispielsweise (!) völlig unter dem Radar, dass die GRÜNEN klammheimlich ihren Grundsatz: „Keine Waffen in Kriegs- und Krisengebiete!“ gestrichen hatten, was für eine Partei, die sich ihre besondere Prägung und ihren speziellen Auftritt wie Schminke zugelegt hat, eine unglaubliche Katastrophe ist.

Jeder Floh springt von einem toten Hund weg – und so erleben wir, dass Parteien, die in vorangegangenen Jahrzehnten klassisch meist bei dreißig Prozent landeten, heute einstellig und aus Parlamenten gefegt werden.

Und noch ein Spruch: „Man kann kein totes Pferd über die Ziellinie schleppen.“

Gerade eine SPD, der ewige Antagonist der CDU, ist aufgrund ihrer Klientelpolitik, die ihre Zusprache immer stärker bei der Wirtschaft fand, für das große Heer der Arbeitenden zunehmend zur Belastung geworden. Sie hat immer mehr Politik gemacht, die ihnen zuwiderlief, Unternehmer begünstigte, selbst Gewerkschaften leiser und lustlos gemacht und immer höhere Rechnungen für die Lebensführung überreicht hat.

Die AfD ist nichts als ein Staubsauger, der all diese abgefallenen Krümel unterhalb der CDU aufgenommen und in Macht transzendiert hat.

Sie nimmt alle Uninformierten, Uninteressierten, aber zunehmend wütender gewordenen Wähler auf, die sich sowieso nie für Parteiprogramme oder ähnlich anstrengendes Zeugs interessiert hatten, oder dies mangels Bildung nicht konnten.

Die deutsche Demokratie funktionierte noch einigermaßen, als die Wähler große Differenzen in der Ausprägung der Parteien vorfanden und hört nun auf, zu existieren.

Gerade die Epoche Merkel verstand es, zum Segen der Wirtschaft entscheidende Instrumente und Objekte sozialen Handelns zu torpedieren. Unter Kohl begonnen, wurde die Axt gerade ans Bildungssystem und dann an die Sicherheit und Entlohnung von Arbeitsplätzen angelegt. Im Ergebnis haben wir heute schimmelnde Schulen, private Arbeitsvermittler mit Sklavenlöhnen, eine wesentlich erleichterte Kündbarkeit und damit Familien, die eine Vielzahl prekärer Jobs annehmen müssen, um im verordneten Konsum nicht zu verlieren. Immer weniger haben Zeit, Möglichkeit, Geld und Energie, die zuvor erheblich (!) einfachere Zugänglichkeit zur Bildung in Anspruch zu nehmen. Somit natürlich auch nicht der, der sonst immer SPD gewählt hatte.

Ihm fehlt die notwendige Intellektualität, die Falschheit und den Extremismus einer kreischenden AfD in ihrer mangelhaften Substanz zu erkennen.

Ganz grundsätzlich haben nationalistische, rassistische bis hin zu faschistische Vorstellungen ja niemals aufgehört zu existieren; sie haben die Kapitulation überlebt, in kleinen, eher verschwiegenen Zellen überdauert und den Wandel in zahllosen Graustufen in der Gesellschaft überstanden. Sowohl die „Entnazifizierung“, als auch der Versuch, die neuen Generationen an eine neue Welt heranzuführen, waren grandiose Fehlschläge.

Nochmal: deshalb nenne ich die AfD einen Staubsauger.

Sie greift nur diese nationalistischen und rassistischen Überbleibsel auf, die selbst beispielsweise einen klassischen SPD-Wähler denken lässt: „Naja. Irgendwie sind wir den Schwarzen ja wohl doch überlegen.“, nutzt und verstärkt diese Ideen.

Die Büchse der Pandora ist offen. Wir werden nicht nur diese AfD, sondern den Grund ihrer Existenz nicht mehr los. Unsere Chance hätte schwerpunktmäßig in einer konsequent qualitativ hochwertigen, garantierten, barrierefreien Bildung gelegen, aber die existiert nicht mehr.

Konnte früher der Sohn eines Bergmannes noch problemlos studieren und höchste Ämter und Positionen erreichen, steht ihm heute eine Welt von extrem teuren Privatuniversitäten und die Notwendigkeit, mit immer mehr eigenem Geld einen Studienplatz ergattern zu können, gegenüber.

Die Welt der Habenden mauert sich ein, sie schanzt sich Bildung und Option gegenseitig zu und vernagelt den Zutritt von „denen da unten“. Die Zahl der Familien, die ihren Kindern bei sinkenden Reallöhnen und steigenden Kosten Zugang zu Universitäten bieten können, fällt ab. Zumal die Familienväter heute selbst längst Opfer dieser Politik sind.

Die Menschen, die engagiert Parteien wählen oder sie von innen heraus steuern, werden somit, platt gesagt, „dümmer“ und damit zunehmend anfälliger für radikale Ideen.

Demokratie.

„Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“

Die Frage ist: wer oder was ist dieses Volk?


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor 

Michael Thomas ist Privatier, Fotograf, leidenschaftlich an Ägyptologie und Literatur interessiert, mit der er vor vielen Jahren als Autor regional einige Beachtung fand. Er verfolgt interessiert das Weltgeschehen durch Beobachtung internationaler Presse. Seinen Fokus legt er insbesondere auf die Palästinafrage und auf die islamische Welt.

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