Gastkommentar
Die Grundlagen der Menschenrechte und der Menschenwürde

Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır

Menschenrechte erscheinen heute häufig als selbstverständliche Grundlage einer modernen Gesellschaft. Jeder Mensch besitzt Würde, unabhängig von Herkunft, Religion, Sprache, gesellschaftlichem Rang oder politischer Zugehörigkeit. Doch philosophisch stellt sich eine grundlegende Frage: Warum besitzt der Mensch überhaupt eine unantastbare Würde?

Eine Antwort darauf reicht weit hinter die modernen Menschenrechtserklärungen zurück. Die Idee der Menschenwürde entstand nicht erst mit der Aufklärung. Ihre Wurzeln liegen in antiken Vorstellungen des Naturrechts, in der Vorstellung des Menschen als Geschöpf Gottes und später in theologischen und philosophischen Debatten über die Einheit des Menschengeschlechts.

Der Mensch als Geschöpf

Eine der stärksten Begründungen universaler Menschenwürde liegt in der Vorstellung, dass der Mensch seinen Wert nicht selbst erwerben muss. Wenn Gott als Schöpfer aller Menschen gedacht wird, kann menschliche Würde nicht von Staat, Herkunft, Besitz oder gesellschaftlicher Anerkennung verliehen werden. Der Mensch besitzt Würde, weil er Mensch ist.

Darin liegt eine philosophisch weitreichende Konsequenz. Politische Herrschaft kann die Rechte eines Menschen verletzen, aber sie kann ihn nicht erst zum Menschen machen. Sein grundlegender Wert liegt damit vor der staatlichen Ordnung und entzieht sich im Prinzip ihrer Verfügungsgewalt. Gerade diese Vorstellung begrenzt politische Macht.

Naturrecht und universale Menschheit

Aus dieser Grundlage entwickelte sich über Jahrhunderte das Naturrechtsdenken. Bestimmte Rechte und Pflichten sollten nicht deshalb gelten, weil ein Herrscher sie angeordnet hatte, sondern weil sie aus der Natur des Menschen und einer übergeordneten Ordnung hervorgingen.

Von besonderer Bedeutung wurde im 16. Jahrhundert die Schule von Salamanca. In der Auseinandersetzung mit der spanischen Expansion nach Amerika stellten Denker wie Francisco de Vitoria grundlegende Fragen: Haben fremde Völker eigene Rechte? Dürfen sie allein deshalb unterworfen werden, weil sie keine Christen sind? Verliert ein Mensch seine natürlichen Rechte durch einen anderen Glauben?

Damit wurde eine Frage formuliert, die für die spätere Menschenrechtsgeschichte entscheidend werden sollte: Gelten grundlegende Rechte nur für die eigene Gemeinschaft oder für den Menschen als Menschen?

Francis Bacon: Liebe, Nachbarschaft und gemeinsame Abstammung

Auch bei Francis Bacon (1561–1626) begegnet uns zu Beginn des 17. Jahrhunderts ein bemerkenswerter Gedankengang. In seinem Dialog An Advertisement Touching an Holy War untersucht Bacon die Frage, unter welchen Voraussetzungen ein Krieg überhaupt als gerecht oder „heilig“ bezeichnet werden könnte.

Dabei führt er drei Gesetze an, deren Bedeutung weit über die unmittelbare Kriegsfrage hinausweist: die „lex charitatis“, das Gesetz der Liebe; die „lex proximi“, das Gesetz des Nächsten beziehungsweise der Nachbarschaft; und die „lex filiorum Adae de massâ unâ“, das Gesetz der Kinder Adams aus einer einzigen Masse.

Gerade die letzte Formulierung besitzt eine bemerkenswerte universalistische Kraft. Die Menschen erscheinen zunächst nicht als Engländer oder Türken, Christen oder Muslime, Freunde oder Feinde, sondern als Kinder Adams aus einer einzigen Masse. Vor allen politischen, religiösen und kulturellen Unterscheidungen steht damit ihre gemeinsame Menschlichkeit.

Die drei Gesetze lassen sich als aufeinander bezogene Ebenen lesen: Die Liebe verpflichtet den Menschen gegenüber dem anderen; die Nachbarschaft erweitert seine Verantwortung über das eigene Selbst hinaus; die gemeinsame Abstammung führt schließlich alle Menschen auf einen gemeinsamen Ursprung zurück. Bacon formuliert damit noch keine moderne Menschenrechtstheorie. Dennoch berührt seine Argumentation eine ihrer späteren Grundfragen: Welche Verpflichtungen bestehen gegenüber einem Menschen allein aufgrund der Tatsache, dass er Mensch ist?

Gerade im Zusammenhang mit der Diskussion eines „heiligen Krieges“ erhält diese Frage besondere Schärfe. Die Bezeichnung des anderen als Fremden oder Feind hebt seine Zugehörigkeit zur gemeinsamen Menschheit nicht auf.

Von der Naturordnung zum modernen Menschenrecht

Die Aufklärung entwickelte solche Gedanken in neuen philosophischen Formen weiter. Menschenrechte wurden zunehmend aus Vernunft, Freiheit, Gleichheit und menschlicher Autonomie begründet. Die amerikanischen und französischen Menschenrechtserklärungen des 18. Jahrhunderts machten aus philosophischen Forderungen politische Programme.

Dabei verschwand die ältere religiöse Grundlage keineswegs vollständig. Religiöse und säkulare Begründungen der Menschenwürde bestanden zunehmend nebeneinander. Das zeigt sich auch im deutschen Grundgesetz. Bereits seine Präambel spricht vom Bewusstsein der „Verantwortung vor Gott und den Menschen“. Artikel 1 stellt anschließend fest:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Das Grundgesetz schreibt damit keine bestimmte Religion vor. Dennoch steht seine Ordnung historisch nicht in einem weltanschaulich leeren Raum. Nach den Verbrechen des Nationalsozialismus sollte der Wert des Menschen gerade der freien Verfügung staatlicher Macht entzogen werden.

Warum Menschenwürde mehr als Mehrheitsentscheidung sein muss
Hier liegt das philosophische Problem jeder rein politischen Begründung der Menschenwürde. Wenn Würde ausschließlich durch gesellschaftlichen Konsens verliehen würde, könnte ein anderer gesellschaftlicher Konsens sie theoretisch wieder entziehen.

Der Anspruch der Menschenwürde ist jedoch gerade stärker: Ein Mensch besitzt sie auch dann, wenn eine Mehrheit sie ihm abspricht. Religiöse Naturrechtslehren begründen dies durch Gott und die Schöpfungsordnung. Kant begründet die besondere Stellung des Menschen auf andere Weise, insbesondere durch Vernunft und die Forderung, den Menschen niemals bloß als Mittel, sondern immer zugleich als Zweck zu behandeln.

Moderne Menschenrechtsphilosophien haben weitere Begründungsmodelle entwickelt. Sie unterscheiden sich erheblich. Gemeinsam ist ihnen jedoch der Versuch, die Würde des Menschen jenseits bloßer Willkür und Macht zu verankern.

Menschenrechte müssen universal sein

Der eigentliche Prüfstein eines Menschenrechts liegt deshalb nicht allein darin, wie eine Gesellschaft mit ihren eigenen Angehörigen umgeht. Entscheidend ist auch ihr Umgang mit dem Fremden, dem Andersgläubigen und demjenigen, der außerhalb der Mehrheit steht.

Eine Menschenwürde, die nur dem eigenen Volk, der eigenen Religion oder der eigenen gesellschaftlichen Gruppe zukommt, wäre keine universale Menschenwürde. Hier erhält Bacons Gedanke von den „Kindern Adams aus einer einzigen Masse“ seine besondere Bedeutung. Noch bevor der moderne Begriff universaler Menschenrechte seine heutige Gestalt annahm, wird eine anthropologische Grundlage ausgesprochen, die jede dauerhafte Trennung der Menschheit in grundsätzlich höher- und minderwertige Gruppen infrage stellt.

Die Geschichte zeigt allerdings eine erhebliche Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Gerade das christliche Europa, in dem wichtige naturrechtliche Grundlagen universaler Menschenrechte entstanden, war zugleich von Religionskriegen, Judenverfolgungen, konfessioneller Unterdrückung, Zwangskonversionen und Vertreibungen geprägt. Philosophische Universalität bedeutete keineswegs automatisch gesellschaftliche Toleranz.

Ein notwendiger Blick über Europa hinaus

Deshalb darf auch die Geschichte der Menschenrechte nicht als geradlinige europäische Erfolgsgeschichte erzählt werden. Ein bemerkenswerter Vergleich ergibt sich mit dem Osmanischen Reich.

Während im christlichen Europa grundlegende Gedanken des Naturrechts und der Menschenwürde formuliert wurden, war die praktische Toleranz gegenüber unterschiedlichen Religionsgemeinschaften im Osmanischen Reich zeitweise stärker ausgeprägt als in zahlreichen europäischen Staaten.

Während Juden und Muslime etwa auf der Iberischen Halbinsel Vertreibung und Konversionsdruck erfuhren, fanden viele sephardische Juden Aufnahme im Osmanischen Reich; orthodoxe, armenische und jüdische Gemeinschaften konnten dort über lange Zeiträume fortbestehen.

Gerade hier treffen philosophische Idee und historische Erfahrung aufeinander. Was Salamanca im Naturrecht diskutierte und Bacon mit der Liebe, der Nachbarschaft und den Kindern Adams aus einer einzigen Masse auf eine universale menschliche Grundlage bezog, musste sich in der Wirklichkeit daran messen lassen, ob der Andersgläubige tatsächlich als Mensch und Nachbar bestehen durfte.

Die Geschichte der Menschenrechte gehört deshalb keiner einzelnen Nation, Religion oder Zivilisation. Sie ist die Geschichte einer immer wieder neu gestellten Frage: Was schuldet der Mensch dem Menschen?

Die vielleicht einfachste Antwort liegt bereits in ihrem Ausgangspunkt: Der andere besitzt seine Würde nicht erst dann, wenn er uns gleicht. Er besitzt sie, weil er mit uns Mensch ist.

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor

Çağıl Çayır hat sich als Kölner Geschichtsstudent auf historisch-vergleichende Kulturwissenschaft und Wissenschaftsgeschichte spezialisiert und studiert aktuell Philosophie im Master an der Universität Wuppertal. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Wissenschaftstheorie und Seinsphilosophie. Seine Arbeiten erscheinen international in renommierten Fach- und Populärmedien.Er engagiert sich wissenschaftlich wie gesellschaftlich für eine intellektuelle Völkerverständigung. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Bonn sowie Gründer der Kultur-Akademie Çayır und der Çayır Kultur Akademisi auf YouTube.Seine größte Weisheit lautet: „Liebe ist die Lektion der Geschichte.“


AUCH INTERESSANT

Ein historisch-philosophischer Blick auf das Deutschsein: Warum unsere gesellschaftlichen Wurzeln weiter reichen als bisher angenommen.

Eurasische Wurzeln: Ein historisches Urteil über das Deutschsein

Ed Sheeran Tournee
Lewis Hamilton unterstützt Pro-Palästina-Rapper Macklemore

London – Der siebenfache Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton hat sich öffentlich hinter den US-amerikanischen Rapper Macklemore gestellt. Anlass sind die jüngsten Auseinandersetzungen um Auftritte des Musikers im Rahmen der Nordamerika-Tournee des britischen Sängers Ed Sheeran.

Pro-palästinensische Äußerungen führen zu Konzertabsage

Macklemore war von den verbleibenden Auftritten der Tournee ausgeschlossen worden, nachdem er während eines Konzerts im US-Bundesstaat New Jersey pro-palästinensische Parolen auf der Bühne geäußert hatte. Stadionbesitzer Robert Kraft sowie weitere Führungskräfte der Veranstaltungsorte reagierten auf die Äußerungen und die anschließenden Kontroversen mit dem sofortigen Ausschluss des Musikers von der Tour.

Macklemore reagierte auf die Absage mit einer ausführlichen Stellungnahme auf der Plattform Instagram. Darin begründete er seine Haltung ausführlich, sprach sich für die Rechte der palästinensischen Zivilbevölkerung aus und verurteilte die humanitäre Lage im Gazastreifen. Zugleich stellte der Rapper klar, dass die persönliche Freundschaft zu Ed Sheeran trotz der unterschiedlichen Standpunkte und der veranstaltenden Entscheidungen unberührt fortbestehe.

Kommentar unter Instagram-Beitrag

Lewis Hamilton reagierte direkt auf den Beitrag des Musikers und kommentierte die öffentliche Stellungnahme auf Instagram mit den Worten: „Thank you for using your voice, standing with you.“

Hamilton, der sich seit Jahren regelmäßig zu gesellschaftspolitischen Themen, Menschenrechten und Antirassismus äußert, schloss sich damit weiteren prominenten Unterstützern wie Greta Thunberg, Paloma Faith oder der irischen Rap-Gruppe Kneecap an. Der britische Rennfahrer nutzt seine globale Reichweite in der Formel 1 immer wieder, um auf soziale Ungerechtigkeiten, Rassismus und humanitäre Krisen aufmerksam zu machen.

Reaktionen und Umfeld der Entscheidung

Der Ausschluss Macklemores löste in den sozialen Medien und in der Musikbranche eine breite Debatte über Meinungsfreiheit, politische Äußerungen von Künstlern auf der Bühne und die Rolle von Sponsoren sowie Stadionbetreibern aus. Robert Kraft, der Besitzer des Gillette Stadiums und der New England Patriots, begründete die Schritte mit der Verantwortung gegenüber dem Publikum und den Partnern der Veranstaltungsreihe.

Trotz der Absagen und der öffentlichen Kritik kündigte Macklemore an, sich auch künftig nicht das Wort verbieten zu lassen und seine Reichweite weiterhin für gesellschaftspolitische Fragen sowie humanitäre Anliegen zu nutzen.

 


AUCH INTERESSANT

Völkermord-Prozess: Game of Throne Stars unterstützen Südafrika

Dokumentarfilm „NAZA“
Israel: Demonstranten fordern Todesstrafe für NAZA-Filmemacher

0

Tel Aviv – Aktivisten haben in der zentralisraelischen Stadt Savyon vor dem Haus der Eltern der Filmemacherin Rachel Szor (auch als Rachel Tzur geführt) protestiert.

Die Mitregisseurin des Dokumentarfilms „NAZA“ hielt sich zu diesem Zeitpunkt im Ausland auf. Wie israelische Medien berichten, versammelten sich die Demonstranten aus dem Umfeld der rechtsextremen Partei Otzma Yehudit und forderten unter anderem die Todesstrafe für Verräter.

Parolen und Gegendemonstration vor dem Elternhaus

Zudem trugen sie Spruchbänder mit Vorwürfen des Verrats an den israelischen Streitkräften (IDF). Vor Ort kam es zu Spannungen, als sich auch Gegendemonstranten einfanden. Die Polizei schritt ein, um eine Eskalation zu verhindern.

Der Protest folgte auf Äußerungen des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Dieser kündigte an, zwei Gesetzesentwürfe auf den Weg bringen zu wollen, die sich gegen Personen richten, denen die Diffamierung israelischer Soldaten vorgeworfen wird. Die Äußerungen bezogen sich unter anderem auf die Macher der Dokumentation.

Netanjahu erklärte am Mittwoch zudem, er wolle neue Gesetze durchsetzen, die es ermöglichen, Personen die Staatsbürgerschaft zu entziehen, die israelische Soldaten „diffamieren“. Dies stellt eine weitere Eskalation der Kampagne gegen die Filmemacher dar, die sich Drohungen von hochrangigen Regierungs- und Militärvertretern ausgesetzt sehen. Zudem stehen rechtliche Schritte und Prüfungen durch die Militärstaatsanwaltschaft sowie den Inlandsgeheimdienst Schin Bet im Raum.

Auszeichnung in Venedig und internationale Produktion

Der 80-minütige Dokumentarfilm „NAZA“, der von Rachel Szor und Yuval Abraham gedreht wurde, feierte beim 83. Internationalen Filmfestival in Venedig Premiere, wurde mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet und erhielt eine rund 25-minütige Standing Ovation.

Abraham und Szor, die bereits Teil des Regieteams hinter „No Other Land“ waren, produzierten das Werk in internationaler Kooperation mit der britischen Zeitung The Guardian, dem Produzenten James Wilson sowie dem Oscar-Preisträger Jonathan Glazer („The Zone of Interest“).

Aussagen von Militärangehörigen und Akronym für Begleitschäden

Das Werk basiert auf dreijährigen verdeckten Interviews mit 24 israelischen Soldaten und Geheimdienstoffizieren. In den Gesprächen schildern die Befragten die internen Prozesse bei der Zielauswahl sowie die Handhabung ziviler Opferquoten bei Luftangriffen im Gaza-Streifen.

Der Titel „NAZA“ bezieht sich auf ein hebräisches Militär-Akronym für zivile Begleitschäden. Die Informanten berichten unter anderem über den Einsatz KI-gestützter Zielsysteme auf Basis abgefangener Handydaten sowie über Angriffe auf Wohnhäuser. Um die Identität der Informanten zu schützen, wurden die Gesichter und Stimmen der Soldaten digital unkenntlich gemacht. Das israelische Militär wies die Vorwürfe einer gezielten Tötungspolitik gegenüber Zivilisten im Vorfeld der Veröffentlichung zurück.

 


AUCH INTERESSANT

Rekord in Venedig: 25 Minuten Standing Ovation für Gaza-Dokumentation „NAZA“

Ahilik kehrt zurück
Türkei entdeckt die Wirtschaftsmoral des Mittelalters neu

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel

Gewinn machen, aber nicht um jeden Preis: Die Türkei greift derzeit auf eine jahrhundertealte Tradition zurück, die genau solche Regeln für Handel und Handwerk formulierte. Ahilik verband Ausbildung, Berufsehre, Qualität, Ehrlichkeit und gegenseitige Hilfe – und wird von der türkischen Regierung heute wieder stärker ins Zentrum gerückt.

Es gibt historische Begriffe, die plötzlich erstaunlich modern klingen. Ahilik gehört dazu. Im mittelalterlichen Anatolien war es ein System, das Handwerk, Ausbildung, Berufsethos, gegenseitige Hilfe und soziale Verantwortung miteinander verband. Der Händler sollte nicht betrügen, der Handwerker keine minderwertige Ware verkaufen, der Meister seinen Lehrling ausbilden und die Gemeinschaft notfalls denjenigen auffangen, der in Schwierigkeiten geriet.

Und nun entdeckt auch der türkische Staat diese alte Idee wieder.

Das ist keine bloße Folkloreveranstaltung. Die türkische Regierung baut das Thema tatsächlich institutionell aus. Das Handelsministerium organisiert die Ahilik-Woche, vergibt das „Ahi Esnaf Beratı“ an Händler und Handwerker und verbindet die Tradition mit Bildungsangeboten, Unternehmertum und der Förderung des Kleingewerbes. 2026 findet bereits die 39. Ahilik-Woche statt.

Auch die Größenordnung des heutigen Handwerks ist beträchtlich. Nach Angaben des Handelsministeriums gibt es in der Türkei mehr als 2,2 Millionen Handwerker und Kleingewerbetreibende in 184 Berufsgruppen.

Genau deshalb ist Ahilik auch politisch interessant: Die Regierung verbindet die historische Tradition mit einem Leitbild für das heutige Wirtschaftsleben.

Gewinn ja – aber nicht um jeden Preis

An Ahilik lässt sich eine wirtschaftspolitische Botschaft hängen: Gewinn ja – aber nicht um jeden Preis. Keine Wucherei, keine Täuschung, keine schlechte Ware und keine hemmungslose Spekulation. Dafür stehen Solidarität, Berufsehre, Ausbildung und gesellschaftliche Verantwortung.

Das klingt fast wie ein Gegenentwurf zu einer Wirtschaft, in der der Kunde am Ende nur noch fragt, ob er beim Kauf eines Produkts gerade betrogen, übervorteilt oder inflationsbedingt enteignet wurde. Und genau hier wird es für die Regierung Erdoğan politisch interessant.

Denn Ankara versucht, Ahilik nicht nur als historische Erinnerung zu behandeln, sondern als gesellschaftliches Leitbild. Handelsminister Ömer Bolat spricht ausdrücklich von Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, Solidarität und guter Moral in Handel und Wirtschaft.

Das Ministerium verbindet die Tradition außerdem mit Berufsausbildung, Unternehmertum, Kooperativen und staatlicher Unterstützung des Kleingewerbes. Seit 2024 werden Unternehmer, die nach Ahilik-Grundsätzen arbeiten, mit einem offiziellen „Ahi Esnaf Beratı“ ausgezeichnet. Doch hier beginnt die historische Ironie.

Das Mittelalter brauchte kein Ministerium

Das mittelalterliche Ahilik war gerade deshalb interessant, weil es nicht einfach ein staatliches Moralprogramm war. Es war eine Form gesellschaftlicher Selbstorganisation.

Die Handwerker kontrollierten sich gegenseitig. Meister bildeten Lehrlinge aus. Berufsverbände regelten Qualität und Berufszugang. Die Gemeinschaft half ihren Mitgliedern. Der Staat arbeitete mit diesen Strukturen, aber Ahilik entstand nicht als Marketingkampagne eines Ministeriums.

Heute hingegen kommt der Staat mit großem Protokoll: Ministerium, Kommission, Ahilik-Woche, Zertifikate, Siegerehrungen, Symposium und Fernsehübertragung.

Das offizielle Programm der Ahilik-Woche 2026 umfasst unter anderem Koranrezitationen, Gebete, Predigten in Moscheen, ein Ahilik-Symposium sowie Auszeichnungen für den „Ahi des Jahres“, den „Gesellen des Jahres“ und den „Lehrling des Jahres“. Dazu kommen Konzerte und weitere Veranstaltungen.

Das Mittelalter hätte vermutlich weniger Bühnenprogramm gebraucht. Der eigentliche Test wäre ein anderer. Der eigentliche Test beginnt im Alltag Wenn Ankara Ahilik wirklich wiederbeleben möchte, müsste es nicht nur Ahi-Wochen veranstalten.

Es müsste die Prinzipien ernst nehmen: ehrliche Preise, faire Konkurrenz, gute Berufsausbildung, Schutz vor Wucher, Qualität, soziale Verantwortung und vor allem Vertrauen zwischen Verkäufer und Käufer. Das ist schwieriger als ein Fest in Kırşehir. Denn Ahilik war ursprünglich keine Nostalgieveranstaltung. Es war ein Verhaltenskodex für das Wirtschaftsleben.

Und genau darin liegt die Pointe:

Die türkische Regierung möchte eine mittelalterliche Tradition wiederbeleben, die sagt:

Der Handel hat eine Moral.

Eine ziemlich unbequeme Botschaft – gerade für eine Regierung, die gleichzeitig mit Inflation, Preissteigerungen, Marktaufsicht und der Frage kämpfen muss, wie viel staatliche Kontrolle eine Wirtschaft verträgt. Ahilik könnte deshalb mehr sein als osmanisch-islamische Folklore.

Es könnte der Versuch sein, dem Kapitalismus wieder ein Gewissen anzunähen.

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


AUCH INTERESSANT

Mattner: Israelkritik ist kein linkes Randphänomen

Naher Osten
Bericht: Israel soll Türkei Aufteilung Syriens angeboten haben

0

Ankara – Israel soll der Türkei Berichten zufolge einen weitreichenden Deal zur Aufteilung von militärischen Einflusszonen in Syrien angeboten haben. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu habe demnach vor Wahlen vorgeschlagen, das syrische Staatsgebiet in eine nördliche und eine südliche Einfluss- beziehungsweise Aktivitätssphäre zu gliedern. Ankara habe diesen Vorstoß jedoch umgehend und entschieden abgelehnt.

Vorgeschlagene Demarkationslinie und militärische Sperrzonen

Wie türkische Medien unter Berufung auf ungenannte Quellen berichten, sei der Vorschlag über ein Drittland an die Türkei übermittelt worden. Demnach habe Israel angestrebt, eine militärische Aktivitätszone entlang der Linie Homs, Quneitra, Tartus, Damaskus und Daraa zu etablieren.

Im Gegenzug habe die israelische Seite zugesichert, türkische Militäraktionen in Regionen wie Aleppo, Hama, al-Hasaka, Deir ez-Zor und Raqqa nicht zu behindern. Zudem habe Netanjahu gefordert, dass Ankara weder dem Aufbau eines israelischen Militärkorridors von den Golan-Höhen nach as-Suwaida noch der Errichtung einer israelischen Luftverteidigungszone im Süden des Landes widerspreche.

Geplante Operation in Damaskus vorerst gestoppt

Darüber hinaus heben die Berichte hervor, dass Netanjahu ursprünglich auch Optionen für ein militärisches Eingreifen in der syrischen Hauptstadt Damaskus geprüft habe, um politisches Kapital für den Wahlkampf zu schlagen. Diese Pläne seien jedoch vorerst ausgesetzt worden, nachdem Vorbereitungen für einen Besuch des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Damaskus bekannt geworden seien. Die israelische Führung habe befürchtet, durch diesen Schritt in eine politisch schwierige Lage zu geraten.

Aserbaidschan als möglicher Vermittler im Gespräch

Welcher Staat als Vermittler auftrat und wann sowie auf welcher Ebene die Verhandlungen stattfanden, geht aus den vorliegenden Informationen nicht hervor. Beobachter vermuten jedoch Aserbaidschan hinter der Vermittlerrolle.

Ankara habe das Angebot laut den Berichten jedoch mit dem Verweis abgelehnt, dass Syrien allein den Syrien gehört.

Vom pragmatischen Ausgleich zur strategischen Rivalität

Die geopolitischen Beziehungen zwischen der Türkei und Israel in Bezug auf Syrien haben sich in den letzten Jahren von einer pragmatischen Abstimmung hin zu einer offenen strategischen Rivalität verschärft. Syrien bildet dabei den zentralen Schauplatz, auf dem beide Staaten ihre jeweiligen nationalen Sicherheitsinteressen und Einflusszonen durchzusetzen versuchen.

Auf türkischer Seite steht dabei die Sicherung der eigenen Nordgrenze im Vordergrund. Hauptziel Ankaras ist es, die Kontrolle über den Norden Syriens zu behalten. Gleichzeitig verfolgt Ankara das Ziel, durch kontrollierte Pufferzonen die Rückkehr syrischer Geflüchteter zu ermöglichen.

Israels Interessen konzentrieren sich hingegen vor allem auf den Süden des Landes. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Sicherung der eigenen Nordgrenze sowie der Pufferzone im Bereich der Golan-Höhen. Israel interveniert regelmäßig militärisch, um das Festsetzen feindlicher Akteure, etwa pro-iranischer Gruppen oder radikal-islamistischer Fraktionen, im Südwesten Syriens zu unterbinden.

Um flexibel auf drohende Sicherheitsrisiken reagieren zu können, beansprucht Tel Aviv die strategische Handlungsfreiheit und Lufthoheit über weiten Teilen Süd- und Zentralsyriens. Zudem versucht Israel in Regionen wie Quneitra, Daraa und as-Suwaida seinen Einfluss auszuweiten und Partnerschaften mit lokalen Gruppen, darunter Teile der drusischen Bevölkerung, aufzubauen.

Wachsende Gefahr von Konfrontationen und unvereinbare Konzepte

Diese unterschiedlichen Zielsetzungen führen zu deutlichen Spannungsfeldern. Nach den Umbrüchen in Syrien geraten die Interessen der Türkei im Norden und der Landesmitte zunehmend in Konflikt mit den israelischen Sicherheitsansprüchen im Süden. Israels Warnungen bezüglich einer Ausweitung türkischer Militärstützpunkte weiter nach Süden verdeutlichen die wachsende Gefahr unkoordinierter militärischer Aktionen.

Zudem offenbart sich eine grundlegende strategische Unvereinbarkeit: Während Ankara Syrien als geschlossenen Staat im eigenen Einflussbereich konsolidieren möchte, setzt Israel primär auf die Durchsetzung eigener entmilitarisierter Pufferzonen, was von türkischer Seite als Verletzung der syrischen Souveränität gewertet wird.

 


AUCH INTERESSANT

Gastkommentar: Wie Netanjahus Politik Erdoğans Einfluss in Syrien stärkt

EU-Mitgliedschaft-Kanada
Von der Leyen will Kanada zum assoziierten EU-Mitglied machen

0

Brüssel – Die Europäische Union will ihre Beziehungen zu Kanada deutlich ausbauen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen schlug am Mittwoch in ihrer Rede zur Lage der Union vor, Kanada zum ersten „assoziierten Mitglied“ der EU zu machen.

„Ich möchte mit Ihnen daran arbeiten, Kanada die Tür zu öffnen, damit es das erste assoziierte Mitglied der EU wird“, sagte von der Leyen an den kanadischen Premierminister Mark Carney gerichtet.

Der Vorstoß kommt zu einem Zeitpunkt, an dem sich Kanada und die USA unter Präsident Donald Trump immer weiter voneinander entfernen. Der Handelskonflikt zwischen Ottawa und Washington hat sich verschärft, zugleich hat Trump wiederholt davon gesprochen, Kanada könne zum 51. US-Bundesstaat werden. Die Regierung von Premierminister Mark Carney versucht deshalb, Kanadas wirtschaftliche und politische Abhängigkeit von den USA zu verringern und neue Partnerschaften aufzubauen. Erst im Juli hatte Kanada zudem offizielle Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen (FTA) mit der Türkei aufgenommen. 

Kanada rückt näher an Europa

Carney hatte bereits vor seinem Besuch in Europa eine „einzigartige Allianz“ mit der EU angestrebt. Kanada will seine Handelsbeziehungen breiter aufstellen und insbesondere die starke Abhängigkeit vom US-Markt reduzieren. Rund 70 Prozent der kanadischen Exporte gehen bislang in die USA.

Von der Leyen kündigte an, die Beziehungen zwischen der EU und Kanada auf „das höchstmögliche Niveau“ zu bringen. Geplant ist eine umfassendere Zusammenarbeit bei Verteidigung, Technologie, Energie, kritischen Rohstoffen, künstlicher Intelligenz, Cybersicherheit und Lieferketten. Beide Seiten wollen dabei auf dem bestehenden Freihandelsabkommen CETA aufbauen.

Kein EU-Beitritt im klassischen Sinn

Bei dem vorgeschlagenen Status handelt es sich allerdings nicht um eine reguläre EU-Mitgliedschaft. Ein „assoziiertes Mitglied“ ist in den EU-Verträgen bislang nicht als eigener Status festgelegt. Wie weit die Rechte und Pflichten eines solchen Mitglieds reichen würden, ist deshalb noch offen. Auch innerhalb der EU gibt es laut Reuters noch keine klare Vorstellung davon, wie ein solcher Status rechtlich ausgestaltet werden könnte.

Der Vorschlag muss zudem von den EU-Mitgliedstaaten mitgetragen werden. Weitere Gespräche sollen unter anderem beim EU-Kanada-Gipfel im Oktober in Montreal stattfinden.

Auch bei Freizügigkeit wäre ein Sondermodell denkbar

Ein möglicher assoziierter Status müsste nicht zwangsläufig auf eine vollständige politische Mitgliedschaft hinauslaufen. Denkbar wäre eine stärkere Einbindung Kanadas in einzelne europäische Bereiche. Auch Fragen der Reisefreiheit könnten dabei langfristig eine Rolle spielen, wobei Kanada derzeit nicht zum Schengen-Raum gehört und ein Beitritt zum Schengen-Abkommen nicht Bestandteil des am Mittwoch angekündigten Vorstoßes ist. Wie weit die neue Partnerschaft gehen soll, ist noch offen.

Hintergrund ist auch der Konflikt mit Trump

Für Kanada ist die Annäherung an Europa Teil einer größeren außen- und wirtschaftspolitischen Neuorientierung. Carneys Regierung versucht, neue Märkte und strategische Partner zu erschließen, während die Beziehungen zu Trump durch Zölle, gescheiterte Handelsverhandlungen und wiederholte politische Spannungen belastet sind.

Auch die EU befindet sich gleichzeitig in einem schwieriger gewordenen Verhältnis zu Washington. Von der Leyen verwies in ihrer Rede auf eine zunehmend instabile Weltlage und die Notwendigkeit, Partnerschaften mit Ländern zu vertiefen, die ähnliche Interessen und Werte teilen.

 


AUCH INTERESSANT

Türkei und Kanada planen Freihandelsabkommen

Gesundheit
Gezielt auf Arztgespräche vorbereiten: AOK bietet neuen Patienten-Trainer

0

Berlin – Die AOK hat ihr Internet-Angebot um einen Patienten-Trainer für das Arztgespräch ergänzt.

Er unterstützt Patientinnen und Patienten dabei, sich gezielt und strukturiert auf anstehende Gespräche in der Arztpraxis oder im Krankenhaus vorzubereiten. Ziel des neuen Online-Angebotes ist es, die Selbstwirksamkeit und Gesundheitskompetenz von Patientinnen und Patienten zu stärken und so zu gelingenden Arztgesprächen beizutragen.

Der Patienten-Trainer basiert auf einer qualitativen Studie, in der das Heidelberger Institut für Kommunikations- und Prüfungsforschung (IKPF) sowohl Patientinnen und Patienten und deren Angehörige als auch behandelnde Ärztinnen und Ärzte nach ihren Herausforderungen und Bedarfen gefragt hat. Das Angebot ist in enger Zusammenarbeit mit Fachärztinnen und Fachärzten verschiedener Fachrichtungen entwickelt worden.

Vier Video-Tutorials mit praxisnahen Fallbeispielen

Der Patienten-Trainer vermittelt nicht nur Wissen, sondern auch konkrete Kommunikations-Strategien. Es soll Patientinnen und Patienten ermuntern, sich aktiv in das Gespräch einzubringen und Fragen zu stellen, um zu guten gemeinsamen Behandlungsentscheidungen zu kommen.

In vier Video-Tutorials werden praxisnahe Fallbeispiele dargestellt, die auf Basis der Studieninterviews erarbeitet worden sind. Die Videos zeigen unter anderem, wie Patientinnen und Patienten mit Zeitdruck umgehen können und wie sie ihre Anliegen klar in das Gespräch mit dem Arzt oder der Ärztin einbringen können.

Eine ausdruckbare Checkliste hilft, den Arzttermin gut vor- und nachzubereiten. Außerdem umfasst der Patienten-Trainer Videostatements von Ärztinnen zum Thema und einen eigens entwickelten Selbsttest, der nach Abfrage verschiedener Aspekte konkrete Empfehlungen zur Verbesserung anstehender Arztgespräche gibt.

Reimann: AOK will mit neuem Angebot eine Lücke schließen

„Eine gelingendes Arzt-Patienten-Gespräch ist ganz zentral für eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung“, betont die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Dr. Carola Reimann. Es könne die Therapietreue, den Behandlungserfolg und die Patientenzufriedenheit maßgeblich beeinflussen.

„Patienten und Patientinnen wollen und müssen heute in die Entscheidungsfindung eingebunden werden. Das gelingt am besten, wenn sie ihre Bedürfnisse äußern, gezielt Fragen stellen und eigene Anliegen formulieren können, um ihre Erkrankung und deren Behandlung besser zu verstehen“, so Reimann. Mit dem neuen Angebot wolle die AOK eine Lücke schließen: „Bisherige Angebote setzen vor allem bei den Kompetenzen der Ärztinnen und Ärzte an, während wir mit unserem neuen Patienten-Trainer gezielt auf die Aktivierung und Stärkung der Patientenseite fokussieren“.

Patienten-Trainer hilft bei strukturierter Vorbereitung von Gesprächen

Die Ergebnisse der Studie haben gezeigt, dass viele Patientinnen und Patienten ihre Möglichkeiten zur aktiven Mitgestaltung des Gesprächsverlaufs nicht nutzen. „Voraussetzung dafür ist, dass entsprechende Kompetenzen bewusst gemacht, strukturiert vermittelt und eingeübt werden“, sagt Prof.

Dr. med. Jana Jünger, MME vom Institut für Kommunikations- und Prüfungsforschung. „Schon eine einzige Frage kann einem Gespräch eine ganz neue Richtung geben.“ Der Patienten-Trainer helfe bei der strukturierten Vorbereitung auf ein Gespräch und bei der Reflektion des eigenen Verhaltens im Arztgespräch.

AUCH INTERESSANT

Ärztechef fordert Ende der freien Facharztwahl

Künstliche Intelligenz
BWA: KI-Agenten halten Einzug in den Alltag

Bonn – Die Fachwelt redet schon länger von sogenannter „Agentic AI“, also „KI-Agenten“. Mit dem neuen KI-System Grok Bot von SpaceXAI wird dieser abstrakte Begriff erstmals für einen breiten Nutzerkreis praktisch erlebbar.

Diese Einschätzung vertritt die Bonner Wirtschafts-Akademie (BWA). Geschäftsführer Harald Müller sagt: „Grok Bot wird für Agentic AI die Rolle übernehmen, die ChatGPT Ende 2022 für die breite Wahrnehmung Künstlicher Intelligenz gespielt hat. Aus einem Schlagwort wird eine persönliche Erfahrung.“

Der BWA-Chef spricht von einem „Wendepunkt für die Produktivität“, dessen Ausmaße die meisten Menschen noch gar nicht begreifen würden. Harald Müller: „Das System kann praktisch jede Anwendung und jede Website automatisiert bedienen, und zwar in jedweder Kombination. Man beschreibt ein Ziel und die KI-Agenten übernehmen alle Schritte auf dem Weg zum Ergebnis.“

Eine Website auf Zuruf

Als Beispiel dafür, wie greifbar dieser Wandel ist, nennt die BWA die Erstellung einer Website. Menschen ohne Programmierkenntnisse können einem Agenten wie Grok Bot beschreiben, wie ein Internetauftritt aussehen und welche Funktionen er bieten soll. Ein denkbarer Auftrag lautet: „Erstelle eine Website für meinen Handwerksbetrieb mit Leistungsübersicht und Kontaktformular.“ Der Agent übernimmt die technische Umsetzung; der Auftraggeber beurteilt das Ergebnis und beschreibt Änderungen.

Im Berufsalltag reichen die Einsatzmöglichkeiten weit darüber hinaus, heißt es bei der Bonner Wirtschafts-Akademie. Im Vertrieb kann ein Agent potenzielle Kunden recherchieren und Entwürfe für die Ansprache vorbereiten. Für den Kundendienst kann er Anfragen sichten und Antwortvorschläge ausarbeiten.

Die Vorbereitung eines Kundentermins lässt sich mit Kalenderdaten und aktuellen Unternehmensnachrichten verbinden; aus einer Wettbewerbsanalyse kann unmittelbar eine Präsentation entstehen. „Über einzelne KI-Antworten hinausgehend, wie sie längst im Alltag üblich sind, absolviert Grok Bot komplette Abläufe und liefert zusammenhängende Arbeitsergebnisse.“

Agentic AI nimmt Fahrt auf

Die BWA erwartet für die nächsten Monate eine rasche Zunahme der Nutzung. Geschäftsführer Harald Müller verweist auf eine Marktprognose von Gartner, wonach schon bis Ende dieses Jahres rund 40 Prozent der Unternehmensanwendungen aufgabenspezifische KI-Agenten enthalten sollen. Zum Vergleich: Mitte 2025 hatte der Anteil noch bei weniger als fünf Prozent gelegen. „Mit Grok Bot kann tatsächlich jeder für wenige Euro im Monat KI-Agenten für sich arbeiten lassen, ohne sich mit IT oder KI auszukennen“, verdeutlicht der BWA-Chef das Potenzial.

Das prognostizierte Wachstum wird nicht nur von Grok Bot herrühren, stellen die Bonner klar. Wettbewerber wie OpenAI und Anthropic setzen ebenfalls auf KI-Agenten. So könne das jüngste KI-Modell Astra von OpenAI ebenfalls die komplette Steuerung eines PC übernehmen – und damit alle Aufgaben genau wie ein Mensch erledigen.

Harald Müller verdeutlicht beispielhaft: „An einem Office-PC funktioniert Astra so gut wie ein Mensch, der sagen wir Word, Excel, PowerPoint, Illustrator, Photoshop, Canva, Slack, Teams und Zoom perfekt beherrscht. Nur, in der Realität kann kein Mensch mit allen diesen Programmen perfekt umgehen, aber Astra eben schon.“

Grok Bot geht laut Müller noch einen entscheidenden Schritt darüber hinaus: „Das Programm kann auch komplexe Unternehmenssoftware bedienen, mit der viele Beschäftigte nur in Ausschnitten vertraut sind – etwa ein ERP-System wie SAP oder Lexware, ein CRM wie Salesforce, HubSpot oder Microsoft Dynamics, Buchhaltungs- und Warenwirtschaftsprogramme wie DATEV oder Sage, Ticketsysteme wie Zendesk oder ServiceNow oder das Backend eines Online-Shops.“

Harald Müller analysiert: „Unternehmen, die es verstehen, das enorme Produktivitätspotenzial von Agentic AI zügig auszunutzen, werden davon massiv profitieren. Ein Mitarbeiter kann damit beispielsweise, sofern er den Zugang dazu erhält, binnen Minuten eine Kundenanfrage mit dem Datenbestand im Vertrieb abgleichen, Produktinformationen heranziehen und ein Angebot erstellen. Und es lassen sich unzählige derartige Beispiele anführen.“

Hürden: Governance, Sicherheit, Abhängigkeit und Transparenz

Als größte Hürden hat der BWA-Geschäftsführer Governance und Security ausgemacht. „Der KI-Agent kann zwar das Angebot erstellen, aber ob er es auch automatisch an den Kunden schicken darf, muss in den Betriebsregeln festgelegt werden“, bleibt Harald Müller bei seinem Beispiel.

Er ergänzt: „Richtig wirksam können die KI-Agenten natürlich nur agieren, wenn man ihnen Zugang zu den Kernsystemen einer Firma gewährt, von ERP über CRM und DMS bis hin zu PPS und SCM. Aber die Entscheidung, ob und in welchem Umfang man einer KI erlaubt, am digitalen Herzen eines Unternehmens zu operieren, ist keine IT-Frage, sondern Chefsache. Diese Abwägung zwischen Produktivität und Kontrollsicherheit gehört in den Führungsgremien der Wirtschaft aktuell sicherlich zu den wichtigsten Aufgaben.“

Diese Entscheidungen seien auch vor dem Hintergrund zu fällen, dass führende KI-Unternehmenslenker wie Dario Amodei (Anthropic), Sam Altman (OpenAI), Demis Hassabis (Google DeepMind) und Elon Musk (SpaceXAI) unisono vor möglichen katastrophalen Folgen warnen, falls die KI-Systeme zu mächtig werden.

„Wenn die KI-Elite befürchtet, dass Künstliche Intelligenz die Welt oder jedenfalls das Internet an sich reißen könnte, dann sind die Führungsgremien der Wirtschaft ebenfalls aufgerufen, dafür Sorge zu tragen, dass die KI nicht ihre Unternehmen von innen heraus erobert“, zieht BWA-Chef Harald Müller eine Parallele zwischen der globalen Entwicklung und dem betrieblichen Einsatz.

Zudem könnten sich Abhängigkeit und Transparenz zu Problemfeldern entwickeln, gibt Müller zu bedenken, wenn Entscheidungen und Prozesse zunehmend durch KI vorbereitet oder sogar automatisiert werden. Er sagt: „Die Gefahr liegt bei Pseudo-Entscheidungen. Wenn wir privat oder beruflich immer stärker davon ausgehen, dass die Vorschläge der KI schon richtig sein werden und wir sie nur noch pro forma abnicken, übernimmt die KI faktisch schleichend die Entscheidungsgewalt.“

Der BWA-Chef warnt außerdem vor „KI-Schattenagenten“. Was er damit meint, sind Mitarbeitende, die unabhängig von der betrieblichen IT eigenständig Grok Bot oder ähnliche Agentensysteme einsetzen, um ihre persönliche Produktivität zu erhöhen. „Zwar speichert Grok Bot zumindest nach heutigem Kenntnisstand keine Logins oder ähnlich vertrauliche Daten bei sich ab, aber letztlich erhält die KI Zugang zu den Kernsystemen eines Unternehmens, wenn man beispielsweise die Bildschirmmasken von der KI ausfüllen und dazu Daten zwischen verschiedenen Anwendungen übertragen lässt, was ohne weiteres möglich ist.“

Vom Solopreneurship zum One-Person Unicorn

Der BWA-Chef sieht die Entwicklung der Agentic AI noch aus anderen Gründen zweischneidig. „Konsequent zu Ende gedacht kann eine einzige Person eine ganze Abteilung ersetzen. Das stärkt die Produktivität und senkt die Kosten, führt aber auch direkt in die Massenarbeitslosigkeit.“

Er verweist auf das Phänomen Solopreneurship, das in den USA immer stärker um sich greift. Der Begriff beschreibt, dass eine einzige Person mithilfe von KI eine komplette Firma aufbaut und steuert; Angestellte werden nicht mehr benötigt. Die KI fungiert gleichzeitig als Programmierer, um Apps oder eine Website aufzubauen, als Vertriebsteam, zur Kundenberatung und als Buchhalter.

Harald Müller: „In den USA ist das Rennen um das erste One-Person Unicorn bereits in vollem Gange, also das erste Ein-Personen-Startup mit einer Marktbewertung von über 1 Milliarde Dollar. Nach meinem Wissen hat Deutschland dieses Rennen noch gar nicht zur Kenntnis genommen, geschweige denn sich daran beteiligt.“

Verbindung mit der physischen Welt

Während der Zugang der KI-Agenten zu den IT-Systemen in den meisten Firmen noch am Anfang steht, sieht BWA-Geschäftsführer Harald Müller schon in wenigen Jahren die zweite Welle auf die Wirtschaft zurollen. „Heute reden wir von ‚digitalen Agenten‘, künftig werden es ‚physische Agenten‘ sein, sprich humanoide Roboter“, verdeutlich er seine Prognose.

Im Smart Home sei bereits heute die Steuerung der physischen Umgebung über Grok Bot und ähnliche Agentensysteme möglich. Der Schritt in die industrielle Welt könnte zügig erfolgen, schon bevor Humanoide zur Realität werden, gibt Harald Müller zu bedenken. Er erläutert: „Alle industriellen Steuerungssysteme arbeiten mit Software, die Maschinen kontrollieren. Kommt die KI an diese Software heran, kann sie letztendlich die Steuerung der Anlagen übernehmen.“ Das gelte analog für Smart Buildings, die weitgehend durch Software gesteuert werden.

„Mit Grok Bot und Konsorten wächst die Verantwortung enorm“

Für Eingriffe in Gebäude oder Maschinen braucht es nach Einschätzung der BWA klar begrenzte Berechtigungen, überprüfbare Abläufe und technische Schutzmechanismen. „Mit dem Übergang der KI in die reale Welt wächst die Verantwortung“, sagt Harald Müller. „Unternehmen sollten zunächst mit überschaubaren Aufgaben beginnen und ihre Beschäftigten befähigen, KI-Agenten kompetent anzuleiten. Wer diese Zusammenarbeit beherrscht, kann die neue Technik gezielt für bessere Arbeit einsetzen.“

Parallel dazu sollten die Unternehmen „umgehend“ Maßnahmen ergreifen, um der unkontrollierten Ausbreitung von KI-Agenten im Betrieb vorzubeugen. „Mit Grok Bot und Konsorten wächst die Verantwortung der unternehmerischen Führung enorm“, erklärt BWA-Chef Harald Müller.

AUCH INTERESSANT

Fast jeder zweite Erwerbstätige nutzt Künstliche Intelligenz im Job

Sanktionen
Norwegen: Gefängnisstrafe für Handel mit israelischen Siedlungen

0

Oslo – Oslo verschärft den Kurs: Norwegen erwägt ein Gesetz, das den Handel mit israelischen Siedlungen verbieten und bei Verstößen Haftstrafen von bis zu drei Jahren vorsehen soll. Außenminister Espen Barth Eide begründet den Vorstoß mit der Entwicklung im Westjordanland.

Bis zu drei Jahre Haft

Nach Angaben Eides gegenüber dem norwegischen Rundfunk NRK soll das geplante Gesetz nicht nur Unternehmen, sondern auch Einzelpersonen betreffen. Vorgesehen sind demnach bis zu drei Jahre Gefängnis für Verstöße gegen das Handelsverbot. Auch israelische Siedlungen in Ostjerusalem sollen nach den bisherigen Plänen erfasst werden.

Norwegen hatte bereits im Juni einen entsprechenden Gesetzentwurf zur öffentlichen Konsultation vorgelegt. Dieser sieht ein Verbot für den Import von Waren aus israelischen Siedlungen sowie für Exporte in diese Gebiete vor. Auch bestimmte Dienstleistungen, Immobiliengeschäfte und der Erwerb von Unternehmen mit Sitz und Produktion in den Siedlungen sollen untersagt werden. Die Konsultation läuft bis zum 19. September 2026.

Eide sagte nun, die Argumente für das Gesetz seien angesichts der Entwicklung im Westjordanland noch stärker geworden. Zudem gingen inzwischen weitere Staaten in eine ähnliche Richtung.

Zwölf Staaten kündigen ähnliche Schritte an

Der norwegische Vorstoß steht im Zusammenhang mit einer breiteren europäischen und westlichen Initiative. Kanada, Dänemark, Finnland, Frankreich, Island, Irland, Norwegen, Polen, Portugal, Spanien, Schweden und Großbritannien erklärten am 8. September, nationale Beschränkungen für den Handel mit Waren aus Siedlungen einzuführen beziehungsweise europäische Maßnahmen zu unterstützen oder entsprechende Schritte zu prüfen.

Die zwölf Staaten begründen ihren Kurs mit der zunehmenden Siedlungsausweitung und der Situation im Westjordanland. Ein gemeinsames EU-weites Handelsverbot ist damit allerdings nicht beschlossen – es handelt sich um nationale Maßnahmen beziehungsweise Vorhaben einzelner Staaten.

Israel reagiert mit Kritik

Die israelische Botschaft in Oslo kritisierte den norwegischen Vorstoß scharf. Sie bezeichnete die geplante Kriminalisierung des Handels als Ausdruck einer „obsessiven anti-israelischen Aktivität“ des norwegischen Außenministers.

Norwegen hatte bereits zuvor Sanktionen und Einreiseverbote gegen mehrere Personen wegen Gewalt gegen Palästinenser im Westjordanland verhängt.


ZUM THEMA

Israel verurteilt Sanktionen aus Europa

Sachsen-Wahlen
AfD-Sieg: Die Brandmauer allein wird nicht reichen

Ein Gastbeitrag von Özgür Çelik

Die wichtigste Erkenntnis aus den jüngsten Wahlen in Sachsen-Anhalt ist vielleicht nicht einmal das außergewöhnlich starke Ergebnis der AfD. Es ist die Tatsache, dass eine politische Entwicklung, die lange Zeit als theoretisches Szenario behandelt wurde, inzwischen konkret geworden ist: Die AfD kann in einem deutschen Bundesland stärkste politische Kraft werden.

Und wenn eine Partei in freien Wahlen einen derart großen Teil der Bevölkerung erreicht, reicht es nicht mehr, ihren Erfolg mit dem Hinweis zu kommentieren, dass sie „rechts“ oder „rechtsextrem“ sei und deshalb nicht gewählt werden sollte. Das mag politisch verständlich sein. Demokratisch ist es jedoch keine ausreichende Antwort.

Denn solange eine Partei auf dem Boden des geltenden Wahlrechts kandidieren kann, solange Bürgerinnen und Bürger ihre Stimme für sie abgeben können und solange diese Stimmen in Mandate umgewandelt werden, muss sich eine Demokratie mit dieser Möglichkeit auseinandersetzen. Nicht, weil man die politischen Positionen der AfD gutheißen muss. Nicht, weil man ihre Vertreter unterstützen muss. Sondern weil Demokratie auch bedeutet, sich auf Wahlergebnisse vorzubereiten, die einem selbst nicht gefallen. Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung.

Die AfD ist längst mehr als ein Protestsignal

Über Jahre konnte man den Erfolg der AfD als Protest interpretieren. Menschen seien unzufrieden mit der Bundesregierung, enttäuscht von etablierten Parteien, frustriert über Migration, steigende Preise, Energiepolitik oder die wirtschaftliche Entwicklung. Bei der nächsten Wahl würden viele dieser Wähler vielleicht wieder zu CDU, SPD oder einer anderen Partei zurückkehren.

Diese Erklärung war bequem – und sie war vermutlich teilweise richtig. Doch irgendwann reicht sie nicht mehr aus.

Wenn eine Partei ihre Ergebnisse innerhalb weniger Jahre verdoppelt und in bestimmten Regionen weit über 40 Prozent erreicht, muss man sich eine unangenehme Frage stellen: Handelt es sich noch um Protest oder bereits um eine dauerhafte politische Verschiebung?

Die Antwort dürfte irgendwo dazwischen liegen. Die AfD wird von Menschen aus sehr unterschiedlichen Gründen gewählt. Für manche ist sie Ausdruck grundsätzlicher politischer Überzeugung. Andere wollen einen Denkzettel verteilen. Wieder andere sind vor allem mit der Migrationspolitik unzufrieden. Manche sorgen sich um wirtschaftliche Perspektiven, Arbeitsplätze oder Energiepreise. Andere haben das Gefühl, dass ihre Lebenswirklichkeit in Berlin oder Brüssel nicht mehr verstanden wird.

Und genau deshalb ist es zu einfach, Millionen Wählerinnen und Wähler unter einem einzigen Etikett zusammenzufassen. Wer verstehen will, warum eine Partei wächst, muss zunächst verstehen, warum Menschen ihr ihre Stimme geben. Das bedeutet nicht, jede ihrer Antworten für richtig zu halten. Es bedeutet aber, die Fragen ernst zu nehmen.

Eine Demokratie kann nicht auf Dauer gegen ihre Wähler argumentieren
In den vergangenen Jahren ist ein politisches Muster entstanden, das zunehmend an seine Grenzen stößt. Wenn die AfD an Zustimmung gewinnt, lautet die Reaktion häufig: Man müsse verhindern, dass sie stärker wird. Man müsse die „Brandmauer“ verteidigen. Man müsse erklären, warum diese Partei nicht wählbar sei. All das kann Teil einer demokratischen Strategie sein. Aber es kann keine politische Gesamtstrategie ersetzen.

Denn ein Wähler, der sich über steigende Lebenshaltungskosten ärgert, wird nicht automatisch weniger unzufrieden, wenn man ihm erklärt, dass die AfD rechts ist. Ein Mensch, der sich wegen Migration oder innerer Sicherheit Sorgen macht, erhält dadurch noch keine Antwort auf seine Sorgen. Und jemand, der das Vertrauen in staatliche Institutionen verloren hat, wird dieses Vertrauen nicht allein deshalb zurückgewinnen, weil andere Parteien ihm sagen, dass die AfD keine gute Alternative sei.

Politik funktioniert nicht so einfach. Demokratische Parteien müssen deshalb nicht nur erklären, warum sie die AfD ablehnen. Sie müssen erklären, warum man ihnen selbst vertrauen sollte. Das ist ein entscheidender Unterschied.

Die Frage lautet nicht nur: „Wie verhindern wir die AfD?“ Sie muss auch lauten: „Was müssen wir besser machen, damit Menschen keinen Grund mehr sehen, aus Enttäuschung, Protest oder Überzeugung zur AfD zu wechseln?“

Migration ist dabei nur ein Teil des Problems

Besonders deutlich wird dieses Dilemma beim Thema Migration. Die Debatte darüber wird häufig zwischen zwei Extremen geführt. Auf der einen Seite steht die Vorstellung, jede Kritik an Migration sei Ausdruck von Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit. Auf der einen Seite steht die Vorstellung, Migration sei die Ursache für nahezu alle gesellschaftlichen Probleme. Beides wird der Realität nicht gerecht.

Migration kann konkrete Herausforderungen für Kommunen, Schulen, Wohnungsmarkt, Verwaltung, Arbeitsmarkt und innere Sicherheit mit sich bringen. Gleichzeitig sind Migranten nicht automatisch die Ursache für wirtschaftliche Stagnation, Wohnraummangel oder den Vertrauensverlust in politische Institutionen. Eine demokratische Politik müsste in der Lage sein, beides gleichzeitig auszusprechen.

Man kann für humanitären Schutz eintreten und gleichzeitig eine funktionierende Steuerung von Migration verlangen. Man kann Integration fördern und zugleich erwarten, dass Regeln eingehalten werden. Man kann Abschiebungen fordern, wenn Menschen kein Bleiberecht haben, und gleichzeitig rechtsstaatliche Verfahren verteidigen.

Das Problem entsteht dort, wo politische Debatten nur noch aus moralischen Etiketten bestehen. Wenn ein Bürger eine Frage zur Migration stellt und als „rechts“ bezeichnet wird, ist die Frage damit nicht beantwortet. Wenn die AfD behauptet, Migranten seien die Ursache für die meisten Probleme Deutschlands, ist das ebenfalls keine ausreichende Antwort. Die demokratische Mitte muss besser sein als beide Vereinfachungen.

Und was passiert, wenn die AfD tatsächlich regiert?
Genau diese Frage darf nicht länger tabuisiert werden. Eine Partei, die gewählt werden kann, muss auch auf eine mögliche Regierungsverantwortung vorbereitet sein. Das gilt für die AfD genauso wie für jede andere Partei.

Die AfD selbst scheint sich auf ein solches Szenario vorzubereiten. Parteieigene Ausbildungsprogramme, Personalentwicklung und Überlegungen zur Besetzung von Ministerien und Behörden zeigen, dass eine mögliche Regierungsübernahme nicht ausschließlich als theoretisches Gedankenspiel betrachtet wird. Auch deshalb sollte die politische Konkurrenz genau hinschauen. Nicht mit Panik, sondern mit Sachlichkeit.

Was würde eine AfD-geführte Landesregierung tatsächlich verändern können? Welche Kompetenzen liegen beim Land, welche beim Bund? Welche Entscheidungen könnten unmittelbar getroffen werden? Wo würden Gerichte, Parlamente, Beamtenrecht, Bundesrecht oder europäisches Recht Grenzen setzen? Diese Fragen sind viel wichtiger als die Vorstellung eines politischen „Durchregierens“.

Deutschland ist kein Präsidialsystem. Eine Landesregierung kann nicht einfach sämtliche Institutionen nach Belieben umformen. Es gibt Parlamente, Gerichte, Verfassungen, Beamtenrecht, Kommunen, Bundeskompetenzen und zahlreiche weitere Kontrollmechanismen.

Aber daraus folgt nicht, dass eine Landesregierung machtlos wäre. Sie kann Prioritäten setzen. Sie kann Ministerien organisieren. Sie kann Personalentscheidungen beeinflussen, soweit das rechtlich möglich ist. Sie kann politische Themen bestimmen. Sie kann den öffentlichen Diskurs prägen. Sie kann über den Bundesrat Einfluss nehmen. Sie kann Verwaltungsstrukturen verändern und bestimmte Bereiche stärker oder schwächer gewichten.

Und gerade deshalb wäre es naiv, eine mögliche AfD-Regierung entweder als unmittelbar bevorstehenden Untergang der Demokratie oder als völlig bedeutungsloses Experiment zu betrachten. Beides wäre falsch.

Die entscheidende Frage ist die Funktionsfähigkeit des Staates
Eine demokratische Gesellschaft sollte deshalb weniger darüber diskutieren, ob man einer AfD-Regierung „eine Chance geben“ sollte, sondern darüber, ob die Institutionen unabhängig von der jeweiligen Regierung funktionieren. Das ist eine viel grundlegendere Frage.

Ein demokratischer Staat darf nicht davon abhängig sein, ob gerade eine CDU-, SPD-, Grünen- oder AfD-Regierung im Amt ist. Richter müssen unabhängig bleiben. Behörden müssen nach Recht und Gesetz arbeiten. Beamte müssen dem Staat und der Verfassung verpflichtet sein. Parlamente müssen kontrollieren können. Medien müssen frei berichten können. Sicherheitsbehörden müssen unabhängig von parteipolitischen Interessen funktionieren.

Das ist kein spezielles Problem der AfD. Es ist ein Grundprinzip demokratischer Staatlichkeit. Und genau deshalb sollte man auch nicht darauf vertrauen, dass sich eine möglicherweise problematische Regierung einfach selbst begrenzen wird. Demokratie funktioniert nicht nach dem Prinzip: „Wir hoffen, dass die Richtigen sich richtig verhalten.“ Sie funktioniert durch Institutionen.

Vorbereitung ist nicht Alarmismus

Eine besonders wichtige Lehre aus den vergangenen Jahren lautet deshalb: Vorbereitung darf nicht mit Panik verwechselt werden.

Wenn sich die AfD auf eine mögliche Regierungsbeteiligung vorbereitet, sollte sich auch der demokratische Staat darauf vorbereiten. Nicht, indem man Wahlergebnisse manipuliert oder eine Partei außerhalb des geltenden Rechts bekämpft. Sondern indem man die Widerstandsfähigkeit demokratischer Institutionen stärkt.

Dazu gehört eine funktionierende Verwaltung. Dazu gehören klare Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern. Dazu gehören belastbare Sicherheitsstrukturen. Dazu gehört der Schutz sensibler Informationen. Dazu gehört parlamentarische Kontrolle. Dazu gehört eine unabhängige Justiz. Und dazu gehört vor allem ein öffentlicher Dienst, der sich nicht einer Partei, sondern dem Grundgesetz und dem geltenden Recht verpflichtet fühlt.

Wenn eine Regierung politische Entscheidungen trifft, die einem nicht gefallen, muss der Rechtsstaat funktionieren. Wenn eine Regierung versucht, Kompetenzen auszuweiten, müssen Kontrollmechanismen greifen. Wenn eine Regierung scheitert, muss sie demokratisch abgewählt werden können. Das ist die eigentliche Stärke einer Demokratie.

Die Brandmauer allein wird nicht reichen

Die politische Debatte über die AfD konzentriert sich derzeit stark auf die sogenannte Brandmauer: keine Koalition, keine Zusammenarbeit, keine gemeinsame Regierungsbildung. Diese Frage ist zweifellos wichtig. Aber eine Brandmauer kann kein Ersatz für gute Politik sein.

Wenn die etablierten Parteien weiterhin Wähler verlieren, während sie gleichzeitig ausschließlich darüber diskutieren, wie man die AfD von Regierungsverantwortung fernhält, wird das grundlegende Problem nicht verschwinden.

Denn die AfD wird nicht dadurch kleiner, dass man über sie schweigt. Und sie wird auch nicht dadurch kleiner, dass man ihre Wähler beschimpft. Sie wird nur dann kleiner, wenn andere Parteien wieder überzeugendere Antworten geben. Das betrifft Wirtschaftspolitik genauso wie Migration, Energie, Sicherheit, Infrastruktur, Bildung oder soziale Gerechtigkeit. Vor allem aber betrifft es Vertrauen.

Viele Menschen haben nicht unbedingt das Gefühl, dass Deutschland grundsätzlich nicht mehr funktioniert. Sie haben das Gefühl, dass der Staat zu langsam, zu kompliziert oder zu weit von ihrem Alltag entfernt ist.

Wenn ein Bürger monatelang auf eine Verwaltungsentscheidung wartet, wenn eine Kommune keine Wohnungen, Schulplätze oder Kita-Plätze findet, wenn Unternehmen über Bürokratie klagen oder wenn Menschen das Gefühl haben, dass politische Entscheidungen ständig angekündigt, aber nur langsam umgesetzt werden, entsteht Frustration. Und politische Frustration sucht sich irgendwann eine Stimme.

Auch die AfD muss sich an der Realität messen lassen

Eine faire demokratische Debatte bedeutet allerdings auch, die AfD nicht nur an ihren Absichten, sondern an ihren konkreten politischen Konzepten zu messen. Wer behauptet, Migration deutlich reduzieren zu können, muss erklären, wie das rechtlich, praktisch und europapolitisch funktionieren soll.

Wer eine andere Energiepolitik fordert, muss erklären, welche Folgen das für Preise, Versorgungssicherheit und Industrie hätte. Wer den Staat umbauen möchte, muss erklären, welche Behörden betroffen wären, welche Kosten entstehen und wie die Funktionsfähigkeit gewährleistet bleibt. Wer eine andere Außen- und Sicherheitspolitik fordert, muss erklären, welche Folgen dies für Deutschlands Verhältnis zu Europa, der NATO und seinen internationalen Partnern hätte.

Und wer eine politische Wende verspricht, muss sich letztlich daran messen lassen, ob sich das Leben der Menschen tatsächlich verbessert. Das ist keine Kampagne gegen die AfD. Das ist Demokratie. Eine Partei, die regieren möchte, muss genauso hart nach ihren Konzepten und ihrer Regierungsfähigkeit befragt werden wie jede andere Partei.

Vielleicht braucht Deutschland weniger Empörung und mehr Nüchternheit

Der vielleicht wichtigste Schritt wäre deshalb, die politische Debatte wieder zu versachlichen. Nicht jede Kritik an der Regierung ist extremistisch. Nicht jeder AfD-Wähler ist rechtsextrem. Nicht jeder AfD-Gegner ist ein Vertreter der „Systemparteien“. Und nicht jede politische Forderung der AfD ist automatisch falsch, nur weil sie von der AfD kommt. Genauso wenig wird eine politische Forderung dadurch richtig, dass die AfD sie aufgreift.

Eine demokratische Gesellschaft muss diese Unterscheidungen aushalten können. Sie muss sogar darauf bestehen. Denn wer beginnt, Millionen Menschen pauschal abzuschreiben, überlässt sie möglicherweise genau jener Partei, die man eigentlich zurückdrängen möchte.

Das bedeutet nicht, dass demokratische Parteien ihre Grundsätze aufgeben sollen. Im Gegenteil. Sie sollten ihre Grundsätze klarer formulieren und gleichzeitig bessere politische Antworten liefern.

Am Ende entscheidet der Wähler

Die vielleicht unbequemste Wahrheit lautet: In einer Demokratie entscheidet am Ende der Wähler. Man kann Wahlergebnisse bedauern. Man kann politische Programme für falsch oder gefährlich halten. Man kann vor bestimmten Entwicklungen warnen. Aber solange eine Partei legal an Wahlen teilnehmen kann, muss man akzeptieren, dass Bürgerinnen und Bürger sie wählen dürfen.

Die Antwort darauf kann deshalb nicht lauten: „Diese Menschen dürfen das nicht wählen.“ Sie muss lauten: „Wir müssen verstehen, warum sie es wählen – und wir müssen politisch so überzeugend sein, dass sie sich anders entscheiden können.“

Gleichzeitig muss der Staat vorbereitet sein auf den Fall, dass diese Stimmen tatsächlich zu einer Regierung führen. Nicht aus Angst. Nicht aus Sympathie. Sondern aus demokratischer Nüchternheit. Vielleicht ist genau das die eigentliche Lehre aus Sachsen-Anhalt.

Die Demokratie muss nicht beweisen, dass sie verhindern kann, dass die AfD gewählt wird. Sie muss beweisen, dass sie auch dann funktioniert, wenn eine Partei, deren Politik viele Menschen ablehnen, erhebliche Wahlerfolge erzielt. Das bedeutet: Wahlen akzeptieren, Institutionen schützen, Macht kontrollieren, politische Konzepte prüfen und Probleme lösen. Und vor allem bedeutet es, den Bürger nicht zum Gegner der Demokratie zu erklären, nur weil er anders wählt als man selbst.

Denn Demokratie bedeutet nicht, dass immer die richtige Partei gewinnt. Demokratie bedeutet, dass ein System existiert, das auch mit unbequemen Wahlergebnissen umgehen kann.

Wenn die AfD eines Tages eine Bundesregierung führen sollte, wird Deutschland nicht automatisch seine Demokratie verlieren. Aber ebenso wenig sollte man davon ausgehen, dass eine solche Regierung keine Folgen hätte. Darauf muss sich Deutschland vorbereiten. Und zwar heute – solange die Regeln noch klar sind, die Institutionen funktionieren und politische Auseinandersetzungen noch an der Wahlurne entschieden werden.

Denn die beste Antwort auf eine mögliche politische Wende ist weder Angst noch Verharmlosung. Es ist eine Demokratie, die ihre eigenen Prinzipien ernst nimmt – und gleichzeitig gut genug funktioniert, dass Menschen keinen Grund haben, sie aufzugeben.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


 Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland.


AUCH INTERESSANT

– Sachsen-Wahlen –
US-Kommentatorin Hernandez – Darf ich vorstellen: Alice Weidel

US-Autorin Hernandez analysiert die Polit-Rhetorik von Alice Weidel und stellt sie der eigenen Biografie und Familiengeschichte gegenüber.

US-Kommentatorin Hernandez – Darf ich vorstellen: Alice Weidel