De Volkskrant
Getötete Kinder in Gaza: Pressepreis für Recherche

Amsterdam – Die niederländische Zeitung De Volkskrant ist für eine umfangreiche investigative Recherche über die medizinische Lage und Schussverletzungen bei Kindern im Gazastreifen mit dem European Press Prize 2026 ausgezeichnet worden. Die Arbeit mit dem Titel „What the Wounds Are Telling Us“ wurde in der Kategorie „Distinguished Reporting“ prämiert und von der Jury für ihre investigative Tiefe unter extrem schwierigen Bedingungen gewürdigt.

Im Zentrum der Untersuchung stehen Aussagen von 17 internationalen Ärzten und einer Krankenschwester, die seit Beginn des Krieges in verschiedenen Krankenhäusern im Gazastreifen tätig waren. Die von de Volkskrant interviewten Ärzte arbeiteten während des gesamten Krieges in verschiedenen Krankenhäusern und Feldkliniken, darunter Nasser, Al-Aqsa, das Europäische Krankenhaus und Al-Shifa.

Einige arbeiteten mit Ärzte ohne Grenzen (MSF) und mit Organisationen zusammen, die darum baten, nicht namentlich genannt zu werden, da sie befürchteten, dass eine Identifizierung sie daran hindern könnte, ihre Arbeit fortzusetzen. Zu ihnen gehören Allgemeinchirurgen, Orthopäden, Intensivmediziner, plastische Chirurgen, Unfallchirurgen und Notärzte. Einige befanden sich zum Zeitpunkt der Interviews noch in Gaza. Die Zeitung sprach auch mit einer Unfallkrankenschwester mit Kriegserfahrung.

„Dieser Junge wurde in den Kopf geschossen. Ich habe versucht, ihn zu retten. Aber er starb kurz nachdem ich ihn intubiert hatte. Er starb direkt vor meinen Augen.“ Dr. Mimi Syed, Notärztin.

 

Nach Angaben der Mediziner behandelten 15 von ihnen Kinder im Alter von 15 Jahren oder jünger mit jeweils einer einzelnen Schussverletzung im Kopf- oder Brustbereich. Insgesamt berichten die Ärzte von 114 dokumentierten Fällen, von denen viele tödlich verliefen. Die Angaben beruhen auf medizinischen Aufzeichnungen, Bildmaterial sowie persönlichen Beobachtungen aus dem Klinikalltag unter Kriegsbedingungen.

Unter all den Patienten gibt es eine Gruppe, die die Ärzte am meisten schockiert: Kinder mit Schussverletzungen an Kopf oder Brust – deren Körper ansonsten unversehrt sind. Ein einziger Schuss in diese Bereiche ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass das Kind gezielt angegriffen wurde. Das stellt ein Kriegsverbrechen dar. In anderen Konfliktgebieten sind die Ärzte selten auf solche Fälle gestoßen.

Die Ärzte schildern dabei eine extreme Belastung der medizinischen Infrastruktur in den Krankenhäusern. Die Lage in den Krankenhäusern im Gazastreifen, von denen viele weitgehend zerstört sind, ist weitaus schlimmer, als die Ärzte erwartet hatten.

„Ich musste einer Frau mit einer Schere das Bein abtrennen“, sagt die Notärzt Mimi Syed. „Ohne Schmerzmittel. Ich hatte keine andere Wahl.“

In den Stationen liegt der Geruch verbrannter Gliedmaßen schwer in der Luft. „Wir hörten ständig Menschen schreien“, erinnert sich der Rotterdamer Arzt Salih el Saddy.

„In unserem Krankenhaus hatten wir Anästhetika, aber keine Schmerzmittel. Die Patienten wachten nach Amputationen mit extremen Schmerzen auf. Wir konnten nichts für sie tun.“

Die überwiegende Mehrheit der Verletzungen wird durch Bomben- und Granatenexplosionen verursacht: Die Menschen werden von den Druckwellen, der Hitze, umherfliegenden Splittern und einstürzenden Gebäuden getroffen. Splitter reißen sich direkt durch Zelte. Und durch die Körper unzähliger Kinder – die mehr als vierzig Prozent der Bevölkerung Gazas ausmachen.

„Ich habe zahlreiche Kinder gesehen, bei denen Hirnmasse heraushing“, sagt der MSF-Krankenpfleger Jack Latour.

„Es tut mir leid – ich weiß, dass niemand das hören will. Aber genau das passiert hier.“ Als der Chirurg Goher Rahbour zum ersten Mal mit einem Massenunfall konfrontiert wurde, sah er ein fünfjähriges Mädchen ohne Fuß. „Er lag auf dem Boden. Das Kind neben ihr war ebenfalls noch ein Kind. Ihr Bein fehlte ab dem Knie. Dann kam noch eines. Ich erstarrte. Ich dachte: Das ist die absolute Hölle.“

(Foto: Volksgrant)

 

Neben überfüllten Notaufnahmen und akutem Mangel an medizinischem Material berichten sie auch von zerstörter oder unbrauchbarer Technik. In einzelnen Fällen seien Operationssäle beschädigt oder in Brand geraten, während Kabel von Diagnosegeräten durchtrennt worden seien, wodurch eine reguläre Behandlung nur eingeschränkt möglich gewesen sei.

Besonders drastisch sind Berichte aus Operations- und Intensivstationen, in denen medizinisches Personal unter schwierigsten Bedingungen arbeiten musste. Der britische Chirurg Nizam Mamode beschreibt in der Recherche eine Situation, in der ein Kind auf der Intensivstation behandelt wurde, dessen Beatmungsgerät nicht korrekt funktionierte.

Beim Entfernen eines Beatmungsschlauchs habe sich gezeigt, dass dieser verstopft gewesen sei. „Voller Maden“, wird Mamode zitiert, die aus dem Hals des Kindes gekommen seien. Zudem berichten Ärzte, dass sie teilweise Fliegen von offenen Wunden fernhalten mussten, während gleichzeitig mehrere Notfälle gleichzeitig versorgt wurden.

Mehrere der befragten Mediziner berichten von wiederkehrenden Verletzungsmustern, insbesondere einzelnen Schüssen im Bereich von Kopf oder Brust. Forensische Experten, die ausgewählte Bildaufnahmen begutachteten, kommen laut Bericht zu dem Schluss, dass die Verletzungen mit hoher Wahrscheinlichkeit durch Projektile verursacht wurden. Eine abschließende Bewertung der Umstände einzelner Fälle sei jedoch nicht möglich gewesen.

Ein 6- oder 7-jähriges Mädchen mit einer Schusswunde am Kopf.
(Foto: Mimi Syed)

 

Die israelischen Streitkräfte (IDF) weisen Vorwürfe, wie sie in verschiedenen Kontexten im Zusammenhang mit zivilen Opfern erhoben werden, zurück und betonen, dass entsprechende Darstellungen nicht zutreffend seien. Die Untersuchung selbst trifft keine abschließenden Aussagen zur Verantwortlichkeit einzelner Vorfälle, sondern konzentriert sich auf die dokumentierten medizinischen Beobachtungen sowie die Aussagen der beteiligten Fachkräfte.

Der European Press Prize zählt zu den bedeutendsten Auszeichnungen für Journalismus in Europa und würdigt Arbeiten, die sich durch investigative Tiefe und gesellschaftliche Relevanz auszeichnen. Die Jury hob insbesondere hervor, dass die Recherche unter Bedingungen entstanden sei, die klassische journalistische Vor-Ort-Berichterstattung nur eingeschränkt zuließen.

 


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Gaza: Ärzte ohne Grenzen trauern um weitere Kollegen

Armenien-Wahlen
Frieden mit der Türkei: Paschinjan gewinnt die Wahlen

Eriwan – Es ist ein Wahlergebnis das weit über Armenien hinausstrahlt. Premierminister Nikol Paschinjan hat die Parlamentswahlen vom 7. Juni 2026 mit rund 54 Prozent der Stimmen gewonnen — und sprach von einem „historischen Sieg, der Armeniens Ewigkeit und Entwicklung sichern wird.“

Unmittelbar nach der Wahl bekräftigte er, was den Kern seiner Politik ausmacht: die Fortsetzung der historischen Annäherung an die Türkei und Aserbaidschan.

„Das armenische Volk hat für regionalen Wohlstand und Zusammenarbeit gestimmt — ich hoffe, dass dies eine positive Antwort aus der Türkei und Aserbaidschan hervorrufen wird“, sagte Paschinjan auf einer Pressekonferenz.

„Wir müssen den Frieden zwischen Armenien und Aserbaidschan institutionalisieren.“

Eine Annäherung die noch vor wenigen Jahren undenkbar schien

Paschianjans Wahlsieg fällt in eine Phase des Südkaukasus, die Geschichte schreibt. Armenien und Aserbaidschan unterzeichneten im August 2025 unter US-Vermittlung ein Friedensabkommen im Weißen Haus. Flugverbindungen zwischen Eriwan und Istanbul wurden aufgenommen.

Im Juni 2025 reiste Paschinjan erstmals auf offizielle Einladung nach Istanbul und traf dort den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan — ein Bild das noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre. Die seit über drei Jahrzehnten geschlossene armenisch-türkische Grenze könnte nach Medienberichten bald wiedereröffnet werden.

Geplant ist zudem eine Eisenbahnverbindung zwischen Armenien, Aserbaidschan, der Türkei und weiter nach Europa — die auch China und Zentralasien mit dem Mittelmeer verbinden soll. Die seit 1993 geschlossene Bahnstrecke zwischen dem türkischen Kars und dem armenischen Gümrü soll wiederbelebt werden. Im April 2026 trafen sich türkische und armenische Vertreter in Kars zu konkreten Verhandlungen.

„Bergkarabach gehörte nie uns“

Diese Annäherung hatte Paschinjan im Wahlkampf mit einer Aussage untermauert, die im eigenen Land für heftige Debatten sorgte: Bei einer Wahlkampfveranstaltung bezeichnete er die Bewegung zur Vereinigung Karabachs mit Armenien als „fatalen Fehler“ — und erklärte: „Es war nicht unseres, es war nicht unseres.“

Kritiker im eigenen Land nannten ihn daraufhin einen Verräter. Eduard Scharmasanow von der Republikanischen Partei fragte direkt: „Wenn Karabach nicht unseres war — warum hast du dann 5.000 unserer Söhne geopfert?“

Paschinjan ließ sich nicht beirren. Die Wähler haben ihm nun ein klares Mandat erteilt. Russland verliert an Einfluss — Europa gewinnt

Paschianjans Wiederwahl signalisiert auch eine tektonische Verschiebung im russischen Einflussbereich. Sein engster Konkurrent war der pro-russische armenisch-russische Oligarch Samvel Karapetyan, dessen Partei Strong Armenia laut Teilergebnissen auf rund 23,5 Prozent kam.

Armenien hatte 2024 sein Militärbündnis mit Russland ausgesetzt — Moskau reagierte mit wirtschaftlichen Restriktionen und Drohungen. Russlands Präsident Vladimir Putin warnte zuletzt, Armeniens Kurs auf die EU könnte zu einem „Ukraine-Szenario“ führen.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gratulierte Paschinjan umgehend:

„Der Geist der Samtenen Revolution, die Sie 2018 anführten, ist lebendig.“ Sie fügte hinzu: „Wir schätzen unsere Partnerschaft mit einem demokratischen Armenien, das sich immer mehr Europa annähert. Armenien kann auf uns zählen.“

US-Präsident Donald Trump hatte Paschinjan vor der Wahl öffentlich unterstützt — ein ungewöhnlicher Schritt der die geopolitische Bedeutung dieser Wahl unterstrich.
Armenische Analysten warnen jedoch vor zu einfachen Schlussfolgerungen.

Richard Giragosian vom Regional Studies Centre in Eriwan erwartet, dass Paschinjan nach der Wahl zunächst nach Moskau reisen wird um Russland zu versichern, dass Armenien der Eurasischen Wirtschaftsunion verbunden bleibt. „Das hier ist nicht EU gegen Russland — das ist Armeniens delikater Balanceakt“, sagte er.

 

 

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Paschinjan: Bergkarabach gehörte nie uns

Europa
Slowenien: Präsidentin Musar hisst erneut Palästina-Flagge

Ljubljana – Ein symbolischer Machtkampf erschüttert Slowenien. Kaum hatte der neue Premierminister Janez Jansa sein Amt angetreten, ließ er die Palästina-Flagge vom Hauptregierungsgebäude in Ljubljana entfernen — wo sie zwei Jahre lang gehangen hatte.

Wenige Tage später antwortete Staatspräsidentin Nataša Pirc Musar mit einer klaren Geste: Sie ließ die Flagge am Präsidentenpalast hissen.

„Der Völkermord an den Palästinensern ist nicht beendet worden, und die Menschen in Gaza und im Westjordanland leben nicht in Frieden und Würde“, schrieb Pirc Musar auf X.

Die Flagge solle für eine Woche an der Fassade des Palastes wehen und danach dauerhaft im Inneren des Gebäudes als Erinnerung für alle Besucher ausgestellt werden. Sie stehe als Symbol für „schwere Verletzungen des humanitären Völkerrechts und der Menschenrechte — nicht nur in Palästina, sondern auch anderswo auf der Welt.“

Jansa: Schulterschluss mit Trump und Israel

Der neue Premierminister Jansa, der seinen vierten Amtsantritt am Donnerstag vollzog, gilt als enger Verbündeter von US-Präsident Donald Trump und als ausgesprochener Unterstützer Israels.

Die Entfernung der Flagge war seine erste symbolische Amtshandlung — sein Vorgänger Robert Golob kommentierte sie mit den Worten, sie sage „mehr als tausend Worte“ und stelle Slowenien auf die „beschämende Seite der Geschichte“.

Auf X erklärte Jansa, seine Regierung werde eine „verantwortungsvolle“ Außenpolitik „auf Basis von Fakten“ verfolgen — eine Formulierung, die viele als versteckte Absage an Sloweniens bisherige Haltung zu Gaza und zum Völkerrecht werteten.

Jansa hatte die Anerkennung Palästinas durch seinen Vorgänger als illegal bezeichnet, Israels Recht auf Angriffe gegen Gaza und andere Länder verteidigt und wiederholt erklärt: „Wir stehen an Israels Seite.“

Er hat zudem angekündigt, die slowenische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen zu wollen — ein Schritt der dem internationalen Konsens widerspräche.
Israel reagierte umgehend positiv: Außenminister Gideon Saar dankte Jansa und kündigte an, Israel werde „ohne Verzug“ eine Botschaft in Ljubljana eröffnen — das wäre die erste israelische Botschaft in Slowenien überhaupt.

Was die Vorgängerregierung hinterlässt

Unter Golob hatte Slowenien eine der konsequentesten Israel-kritischen Positionen innerhalb der EU eingenommen. Das Land erkannte Palästina im Mai 2024 als Staat an — gemeinsam mit Spanien, Irland und Norwegen.

Slowenien wurde zudem das erste EU-Land, das ein vollständiges Waffenembargo gegen Israel verhängte, und belegte die rechtsextremen Minister Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich im Juli 2025 mit Sanktionen.

Als erstes EU-Land sprach Slowenien auch ein Einreiseverbot gegen Premierminister Benjamin Netanyahu aus, der vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Gaza gesucht wird.
Ob Jansa diese Maßnahmen rückgängig machen wird, gilt als wahrscheinlich — konkrete Ankündigungen dazu stehen jedoch noch aus.

 


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Naher Osten
Israel: Ex-Spion Pollard sieht Türkei als nächstes Ziel

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Jerusalem/Ankara – Jonathan Pollard, der frühere US-Geheimdienstmitarbeiter, der 1987 von einem US-Bundesgericht wegen Spionage für Israel zu lebenslanger Haft verurteilt wurde und nach seiner Freilassung 2015 nach Israel auswanderte, hat in einem Podcast-Interview auf dem israelischen Sender Arutz Sheva eine unverblümte Warnung ausgesprochen: Israel müsse sich auf einen Krieg gegen die Türkei vorbereiten.

„Ich bin nicht so sicher, dass wir es mit den Türken so leicht haben werden wie mit den Iranern“, sagte Pollard. „Wir müssen uns auf den nächsten Krieg vorbereiten, der wahrscheinlich gegen die Türkei und Ägypten geführt wird. Der Sturm kommt.“

Pollard begründete seine Einschätzung mit der militärischen Stärke der Türkei — einem NATO-Mitglied mit einer der schlagkräftigsten Streitkräfte der Region. Einen Konflikt mit Ankara zu führen sei eine erheblich komplexere Herausforderung als der Krieg gegen Iran.

Er warnte Israel zudem davor, der von der Türkei unterstützten syrischen Übergangsregierung die Kontrolle über die von israelischen Streitkräften besetzten südlichen Gebiete Syriens zurückzugeben — das würde bedeuten, „die Türken an unsere Grenze zu bringen“.

Israelische Sicherheitskreise: Ankara als „neuer Iran“

Pollards Aussagen stehen nicht isoliert. Sie spiegeln eine wachsende Strömung in israelischen Sicherheits- und Politikkreisen wider, die Ankara unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan zunehmend als strategischen Hauptfeind der Zukunft betrachtet.

Der frühere israelische Premierminister Naftali Bennett hatte die Türkei — mit Unterstützung Katars — bereits als denjenigen bezeichnet, der Iran als Israels wichtigste strategische Herausforderung ablöse.

Im Januar 2025 warnte ein von der israelischen Regierung eingesetztes Komitee in einem Bericht an Premierminister Benjamin Netanyahu, Verteidigungsminister Israel Katz und Finanzminister Bezalel Smotrich vor einer möglichen direkten Konfrontation mit der Türkei in Syrien und bezeichnete Ankara als „neue regionale Bedrohung“ für israelische Interessen.

Israelischer Minister: Türkei als größte Bedrohung

Ein israelischer Minister hat die Türkei darüber hinaus als die „größte Sicherheitsbedrohung“ für den israelischen Staat bezeichnet — und vor den strategischen Risiken gewarnt die von Ankaras wachsendem regionalem Einfluss ausgehen. Amichai Chikli, Israels Minister für Diaspora-Angelegenheiten und Bekämpfung von Antisemitismus, warnte in einem Interview mit dem israelischen Fernsehsender Kan, dass die Türkei derzeit die größte Bedrohung für Israel darstelle

Türkei-Ägypten-Achse als neues Sorgenkind

Besorgniserregend für Tel Aviv ist auch die zunehmende Annäherung zwischen Türkei und Ägypten. Eine israelische Analyse vom Februar warnte vor dem Entstehen einer türkisch-ägyptischen Allianz — einem sogenannten „sunnitischen Ring“ um Israel — und reflektiert damit wachsende Sorgen über die engere Koordinierung zweier Staaten, die historisch Beziehungen zu Israel pflegten, aber Israels Vorgehen in Gaza scharf verurteilt haben.

Analysten mahnen zur Vorsicht: Die Umdeutung der Türkei zum „neuen Iran“ berge das Risiko, eine Rivalität in eine offene Konfrontation zu verwandeln.

Türkei-Iran: Komplexe Nachbarschaft

Die Türkei und Iran teilen eine 534 Kilometer lange Grenze und verbindet eine vielschichtige Beziehung — geprägt von Konkurrenz um Einfluss in Syrien und dem Kaukasus, aber auch von Kooperation im Energiebereich.

Die Türkei bezieht einen erheblichen Teil ihres Erdgases aus Iran. Beide Länder haben ein gemeinsames Interesse daran, eine unkontrollierbare regionale Eskalation und neue Flüchtlingswellen zu verhindern.

Die türkisch-israelischen Beziehungen hingegen haben sich insbesondere seit dem Gaza-Krieg drastisch verschlechtert. Die politische Rhetorik hat sich auf beiden Seiten verschärft — während israelische Stimmen Ankaras wachsenden regionalen Einfluss als strategische Herausforderung beschreiben, hat Erdoğan Israel wiederholt scharf kritisiert und den israelischen Angriff auf Gaza als „Völkermord an den Palästinensern“ bezeichnet.

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Israel: Türkei stellt „größte Bedrohung“ dar

 

Arbeitszeitgesetz
Union drängt auf raschen Gesetzentwurf zur Abschaffung des Acht-Stunden-Tages

Berlin – Angesichts von Verzögerungen bei der Umsetzung von Regierungsbeschlüssen fordert der Koordinator der Bundesregierung für maritime Wirtschaft und Tourismus, Christoph Ploß (CDU), eine sofortige Reform des Arbeitszeitgesetzes hin zu mehr Flexibilität für die Wirtschaft.

„Die Reform des Arbeitszeitgesetzes ist überfällig und muss jetzt zügig auf den Weg gebracht werden. Eine Verzögerung können wir uns nicht mehr leisten“, sagte der CDU-Politiker im Gespräch mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (noz).

Dass die Regelungen flexibilisiert und von einer täglichen zu einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit umgestellt werden müssten, sei im Koalitionsvertrag verankert und auch Bestandteil der vom Kabinett einstimmig beschlossenen Nationalen Tourismusstrategie.

Die Bundesregierung hatte sich im vergangenen Jahr darauf verständigt, den Acht-Stunden-Tag abzuschaffen und die Arbeitszeitregelungen zu flexibilisieren. Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hat die Vorlage eines entsprechenden Gesetzentwurfs für den Juni 2026 angekündigt, sich zuletzt aber inhaltlich von den Plänen distanziert.

Ploß verlangte, dass die neuen Regelungen ausdrücklich nicht an eine Tarifbindung gekoppelt werden dürften.

„Die neue Regelung muss ausdrücklich auch solche Betriebe einschließen, die nicht tarifgebunden sind“, sagte er noz. Davon profitierten laut Ploß Unternehmen, die ihre Mitarbeiter bei saisonalen Spitzen und größeren Veranstaltungen flexibler einsetzen könnten.

Als Beispiel nannte er einen Gasthof auf dem Land, der bei einer großen Hochzeitsfeier seine Mitarbeiter auch mal länger einsetzen und ihnen dafür anschließend frei geben könne. Die Anzahl der wöchentlichen Arbeitsstunden bleibe bei der Reform gleich.

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Arbeitszeitreform: Deutschland diskutiert den 13-Stunden-Tag

UN-Klimaverhandlungen
Klimakrise raubt Millionen Menschen die Lebensgrundlage

Berlin – Dürren, Überschwemmungen und extreme Hitze treiben weltweit immer mehr Menschen in den Hunger. Gleichzeitig wächst die Sorge vor einem starken Klimaphänomen El Niño mit gravierenden Folgen für Ernten und Lebensmittelpreise.

Und auch der Irankrieg verschärft die globale Ernährungskrise schon jetzt. Vor Beginn der UN-Klimaverhandlungen in Bonn fordert die Welthungerhilfe entschlossene politische Entscheidungen und deutlich mehr öffentliche Klimafinanzierung für besonders betroffene Länder.

„Die Bonner Klimakonferenz ist ein Lackmustest für die internationale Gemeinschaft und die zentrale Vorbereitung auf die Weltklimakonferenz COP31 im November“, betont Dunja Krause, Klimaexpertin der Welthungerhilfe. Klimaschocks, gewaltsame Konflikte und Hunger verstärken sich gegenseitig.

„Die Klimakrise ist längst auch eine Ernährungskrise. Wenn Ernten in Folge von Extremwetterereignissen wie Dürren und Überschwemmungen ausfallen, steigen die Lebensmittelpreise und der Hunger nimmt zu. Besonders betroffen sind Menschen im Globalen Süden, die am wenigsten zur Krise beigetragen haben. Durch einen starken El Niño werden Regenfälle und lange Dürreperioden noch stärker ausfallen“, warnt Dunja Krause. Der Irankrieg zeigt, wie eng fossile Abhängigkeiten und Ernährungssicherheit miteinander verknüpft sind.

„Die Blockade der Straße von Hormus hat eine fatale Kettenreaktion angestoßen. Die hohen Preise für Energie und Düngemittel lassen die Preise für Lebensmittel enorm ansteigen.“

Deutschlands Anspruch als Vorreiter im Klimaschutz und verlässlicher Partner des Globalen Südens muss sich auch im Bundeshaushalt widerspiegeln.

„Bundeskanzler Merz fordert international ambitionierten Klimaschutz ein und will auch weiterhin einen fairen Anteil am internationalen Klimafinanzierungsziel in Höhe von 300 Milliarden leisten. Dann muss die Bundesregierung auch konsequent handeln und in Zukunft deutlich mehr als die sechs Milliarden Euro aus dem öffentlichen Haushalt bereitstellen. Gerade bei der Anpassung an den Klimawandel sollte dabei öffentlichen Zuschüssen Vorrang vor Krediten eingeräumt werden. Kürzungen bei der internationalen Klimafinanzierung oder im Haushalt des Entwicklungsministeriums senden hier das völlig falsche Signal“, betont Krause.

Zudem müsse der Ausstieg aus fossilen Energien deutlich beschleunigt werden. Agrar- und Ernährungssysteme sind Treiber der Klimakrise und zugleich Teil der Lösung. Die Art und Weise, wie Lebensmittel produziert, verteilt und konsumiert werden, verursacht erhebliche Treibhausgasemissionen und ist gleichzeitig besonders anfällig für Klimafolgen.

„Die Umgestaltung von Agrar- und Ernährungssystemen muss zu einer zentralen Säule der Klimapolitik werden. Wer Hunger bekämpfen will, sollte Landwirtschaft klimaresilient machen und lokale Ernährungssysteme als Ganzes stärken – vom Acker bis zum Teller“, fordert Krause.

„Dazu gehören besserer Boden- und Wasserschutz, klimaangepasste Anbaumethoden, dürretolerantes Saatgut, ein geringerer Einsatz fossiler Düngemittel und stärkere lokale und regionale Märkte und Lieferketten“, unterstreicht Krause.

Beispiel Somalia: Investitionen in Klimaanpassung zeigen Wirkung

Wie wichtig frühzeitige Investitionen in Klimaresilienz sind, zeigt das Beispiel Somalia. Das Land leidet seit Jahren unter extremen Dürren, infolgedessen einige Gebiete aktuell sogar vor einer Hungersnot stehen.

Nachdem nun erstmals seit über einem Jahr wieder leichte Regenfälle eingesetzt haben, werden dort erste Erfolge sichtbar, wo die Welthungerhilfe gemeinsam mit somalischen Partnern frühzeitig in Boden- und Wasserschutz investiert hat. Gemeinden konnten während der Trockenzeit Rückhalte- und Schutzstrukturen errichten, die das Regenwasser speichern und nutzbar machen. Erste Weideflächen beginnen sich zu erholen und sichern damit Lebensgrundlagen.

El Niño erhöht das Risiko neuer Extremwetterereignisse

Diese Maßnahmen sind besonders entscheidend, da Prognosen auf die mögliche Entwicklung eines starken El Niño noch in diesem Jahr hindeuten. Dadurch könnten sich auch die Niederschlagsmuster in Somalia und anderen Teilen des Horns von Afrika verändern und – je nach Region – sowohl das Risiko von Überschwemmungen als auch von Dürren erhöhen.

Klimaanpassung und humanitäre Hilfe gemeinsam stärken

Der Umgang mit diesen zunehmenden Extremwetterereignissen zeigt: Humanitäre Hilfe und langfristige Klimaanpassung müssen stärker zusammengedacht werden. Entscheidend sind dabei frühzeitige Investitionen in klimaresiliente Landwirtschaft, lokale Frühwarnsysteme und vorausschauende humanitäre Hilfe, um Gemeinden besser auf drohende Krisen vorzubereiten und widerstandsfähiger gegenüber der Klimakrise zu machen.

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UN-Sicherheitsrat
Israel-Politik: Wagenknecht wirft Deutschland Doppelmoral vor

Berlin – Das Scheitern Deutschlands bei der Wahl für einen nicht-ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat sorgt international für politische Debatten. Erstmals seit Jahrzehnten konnte sich Deutschland keinen Sitz im mächtigsten Gremium der Vereinten Nationen sichern. Stattdessen setzten sich Portugal und Österreich in der Gruppe der westlichen Staaten durch.

Die BSW-Politikerin Sahra Wagenknecht sieht die Ursache dafür in der Außenpolitik der Bundesregierung und insbesondere in der deutschen Haltung zu Israel und dem Gaza-Krieg.

„Die Bundesregierung ist nicht Anwalt des Völkerrechts, wie sie von sich behauptet, sondern sie hat das Völkerrecht zum Spielball der eigenen Politik gemacht“, erklärte Wagenknecht auf X. Wenn es um Russland gehe, zähle das Völkerrecht, „wenn es um die USA und Israel geht, zählt es nicht“.

Die deutsche Außenpolitik messe „mit zweierlei Maß“. Diese „Doppelmoral“ sei von der Weltgemeinschaft abgewählt worden. Das Ergebnis müsse laut Wagenknecht eine Lehre sein: Deutschland brauche wieder eine „kluge, ausgewogene Außenpolitik statt dieser skurrilen Mischung von Moralmaulheldentum und neuer Großmannssucht“.

Wagenknecht erklärte weiter, Deutschland werde nur dann wieder mehr Respekt und Ansehen genießen, wenn die Bundesregierung zu einer ausgewogeneren Außenpolitik zurückkehre.

Besonders scharf kritisierte sie Bundeskanzler Friedrich Merz. Für den „selbsternannten Außenkanzler“ sei das Ergebnis eine „Blamage“. Merz sei „nicht nur in Deutschland beispiellos unbeliebt, sondern auch weltweit“. Seine umstrittenen „Drecksarbeit“-Aussagen seien ein „diplomatisches Desaster“ gewesen.

Zudem warf Wagenknecht der Bundesregierung vor, mit ihrer Israel-Politik „Beihilfe zum Völkermord in Gaza“ geleistet zu haben. „Merz, Wadephul und zuvor Baerbock haben uns in der Welt unmöglich gemacht“, schrieb sie.

Iran sieht Israel-Politik als Grund für Niederlage

Auch aus dem Iran kam deutliche Kritik an Deutschlands außenpolitischem Kurs. Der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Esmaeil Baghaei, bezeichnete das deutsche Wahlergebnis als „deutliche Rüge der internationalen Gemeinschaft“.

Das Scheitern Deutschlands spiegele die „wachsende weltweite Empörung über die verantwortungslose, heuchlerische und mitschuldige Haltung des deutschen Regierungsestablishments gegenüber dem Genozid in Gaza und der militärischen Aggression der USA und Israels gegen den Iran“ wider, erklärte Baghaei auf X.

Deutschland habe als einer der größten Waffenlieferanten Israels den Krieg in Gaza „konsequent gerechtfertigt“. Zudem habe Berlin die israelischen Angriffe auf Iran nicht verurteilt. Stattdessen sei die israelische Militäraktion von deutscher Seite als „Drecksarbeit, die Israel für uns alle erledigt“ bezeichnet worden.

Baghaei erklärte weiter, die Welt verändere sich. Staaten würden Regierungen nicht länger nach ihrer Rhetorik über Völkerrecht beurteilen, sondern nach ihrem tatsächlichen Verhalten. Länder, die diesen Wandel ignorierten, würden „einen hohen diplomatischen Preis zahlen“.

Wadephul deutet Zusammenhang an

Auch Bundesaußenminister Johann Wadephul deutete einen möglichen Zusammenhang zwischen Deutschlands Israel-Politik und dem Wahlergebnis an. Er erklärte gegenüber Journalisten, die besondere Verantwortung Deutschlands für Israel im Nahostkonflikt könne möglicherweise Stimmen gekostet haben.

Deutschland hatte intensiv für den Sitz im Sicherheitsrat geworben. Das Land erhielt jedoch lediglich 104 Stimmen, während Portugal auf 134 und Österreich auf 131 Stimmen kamen.

Der UN-Sicherheitsrat besteht aus 15 Mitgliedern, darunter fünf ständige Mitglieder mit Vetorecht. Die nicht-ständigen Mitglieder werden jeweils für zwei Jahre gewählt.

 


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US-Israel-Krise
USA: Pentagon stuft Israel als höchste Spionage-Bedrohung ein

Washington – Das US-Verteidigungsministerium hat Israel auf die höchste Stufe seiner internen Geheimdienstbedrohungsbewertung hochgestuft — die Kategorie „Kritisch“. Das berichtete NBC News am Freitag unter Berufung auf zwei aktuelle und einen ehemaligen US-Regierungsbeamten.

Es ist das erste Mal, dass ein enger US-Verbündeter in diese höchste Bedrohungsstufe eingestuft wird.

Die Defense Intelligence Agency des Pentagon habe in den vergangenen Wochen eine neue Gegenspionage-Bewertung herausgegeben, heißt es in dem Bericht. In einem internen Dokument — einem sieben Seiten umfassenden Bericht, der konkrete Vorfälle beschreibt — wurde Israel auf die Stufe „Kritisch“ angehoben.

Hintergrund sind wachsende Spannungen zwischen den USA und Israel über den weiteren Verlauf des Krieges gegen Iran und im Libanon.
Was Israel vorgeworfen wird

Laut den zitierten Beamten ist das Pentagon besorgt, dass Israel gezielt hochrangige US-Regierungsbeamte ausspäht — um an Informationen über interne Beratungen und Entscheidungsprozesse der Trump-Administration im Nahen Osten zu gelangen.

Die Einschätzung der US-Geheimdienste: Israels Fähigkeit zur menschlichen Spionage und technischen Informationsgewinnung befinde sich auf einem „kritischen Niveau“.

Emily Harding, Vizepräsidentin des Center for Strategic and International Studies in Washington, bezeichnete Israel gegenüber NBC News als einen Staat mit einem „hyper-aggressiven Geheimdienst“ — und verwies darauf, dass die israelische Spionage gegen die USA eine lange Geschichte habe, die bis zum Fall Jonathan Pollard in den 1980er Jahren zurückreiche.

Israelische und amerikanische Reaktionen

Ein Sprecher der israelischen Botschaft in Washington wies die Vorwürfe scharf zurück:

„Es ist völlig falsch, dass Israel die USA ausspioniert. Israel sammelt keine Geheimdienstinformationen über amerikanische Stellen, geschweige denn über US-Regierungsbeamte. Unsere Geheimdienstbemühungen richten sich gegen unsere Feinde, nicht gegen unsere Verbündeten. Anderslautende Behauptungen sind entweder falsch informiert oder politisch motiviert.“


Das Pentagon lehnte eine Stellungnahme ab. Ein Sprecher des Weißen Hauses erklärte, die gesamte Geschichte sei „falsch und auf jemanden zurückzuführen, der keine Ahnung hat, was vor sich geht.“

Wachsende Spannungen zwischen Washington und Tel Aviv

Die Hochstufung kommt zu einem Zeitpunkt erheblicher Spannungen zwischen den USA und Israel. Bereits in den vergangenen Wochen hatte NBC News berichtet, dass das US-Militär im Iran-Konflikt weit mehr hochentwickelte Raketenabwehr-Abfangraketen zum Schutz Israels eingesetzt hatte als israelische Streitkräfte selbst — und damit erhebliche Teile seiner eigenen Vorräte aufgebraucht hatte.

Hinzu kommt der öffentlich bekannte Streit zwischen Präsident Donald Trump und Premier Benjamin Netanyahu über das weitere Vorgehen im Libanon und die Verhandlungen mit Iran.

Experten betonten, dass die Einstufung nicht bedeute, dass die USA und Israel keine enge Zusammenarbeit in Verteidigungsfragen, Terrorismusbekämpfung und regionaler Sicherheit mehr pflegten. Sie zeige jedoch, dass das Vertrauen zwischen den beiden Regierungen auf einem historischen Tiefpunkt angekommen sei.

 


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Islam in Deutschland
Benjamin Idriz: „Muslime gestalten Deutschland mit“

Ein Gastkommentar von Benjamin Idriz

Wenn in den Medien über den Islam oder Muslime berichtet wird – positiv oder negativ –, genügt oft ein Blick in die Kommentarspalten. Dort begegnet einem nicht selten eine Welle von Hass, Verachtung und pauschalen Urteilen.

Besonders häufig liest man den Satz: „Geht zurück in eure Heimat!“
Dabei vergessen viele, dass Millionen Muslime in Deutschland Deutsche sind. Sie wurden hier geboren, sind hier aufgewachsen und kennen keine andere Heimat. Für sie würde „Zurück in die Heimat“ vielleicht bedeuten: von München nach Münster, von Hamburg nach Köln oder von Berlin nach Stuttgart.

Gestern beklagte die AfD-Vorsitzende, in manchen Schulklassen sitze kein deutsches Kind mehr. Frau Weidel, die Schülerinnen und Schüler, die Sie meinen, sind Deutsche. Sie sind hier geboren, sprechen Deutsch und gestalten die Zukunft dieses Landes mit. Deutschsein wird nicht durch Herkunft oder Namen bestimmt, sondern durch die Zugehörigkeit zu diesem Land.

Zurück zu den Kommentarspalten:

Menschen schreiben dort über Muslime Dinge, die sie ihrem muslimischen Nachbarn, Kollegen, Arzt, Pfleger oder Freund niemals ins Gesicht sagen würden.

Dabei frage ich mich: Wer sind diese Menschen, die so schreiben?
Sind es nicht oft dieselben Menschen, die jeden Tag von Muslimen profitieren? Die ihre Briefe und Pakete von Muslimen erhalten, von muslimischen Pflegekräften betreut, von muslimischen Ärztinnen und Ärzten behandelt, von muslimischen Bus- und Taxifahrern befördert oder von muslimischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Restaurants, Hotels und Geschäften bedient werden?

Muslime stehen nicht am Rand dieser Gesellschaft. Sie sind Teil ihres täglichen Lebens. Sie arbeiten in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Schulen, Handwerksbetrieben, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen. Sie zahlen Steuern, erziehen ihre Kinder, engagieren sich ehrenamtlich und tragen jeden Tag dazu bei, dass dieses Land funktioniert.

Muslime sind längst nicht nur Beschäftigte in den Berufen des Alltags. Sie sind Kulturschaffende, Künstler, Wissenschaftler, Professorinnen und Professoren, Unternehmer, Politiker, Journalistinnen und Journalisten, Sportlerinnen und Sportler. Sie forschen an Universitäten, gründen Unternehmen, sitzen in Parlamenten, gewinnen Medaillen, schreiben Bücher, komponieren Musik und bereichern das kulturelle Leben unseres Landes.

Sie gestalten Deutschland nicht nur mit ihrer Arbeit, sondern auch mit ihren Ideen, ihrer Kreativität und ihrem gesellschaftlichen Engagement. Viele von ihnen tragen Verantwortung in Vereinen, Stiftungen, Bildungsprojekten und sozialen Initiativen. Sie helfen mit, die Zukunft dieses Landes zu formen – genauso selbstverständlich wie Millionen andere Bürgerinnen und Bürger auch.

Es sind Menschen mit Hoffnungen und Sorgen, mit Familien und Träumen. Menschen, die in Frieden leben und ihren Beitrag zum Gemeinwohl leisten möchten. Umso schmerzlicher ist es, wenn Menschen, die täglich von ihrer Arbeit, ihrer Freundlichkeit und ihrem Einsatz profitieren, ihnen mit Misstrauen, Ablehnung oder gar Hass begegnen.

Kritik gehört zu einer freien Gesellschaft. Aber Hass auf Millionen Menschen allein wegen ihrer Religion ist keine Kritik. Er verletzt die Würde von Menschen und vergiftet das gesellschaftliche Klima.

Wer jeden Tag das Gute eines Menschen annimmt, sollte ihm nicht gleichzeitig Respekt und Anerkennung verweigern. Eine gerechte Gesellschaft beurteilt Menschen nicht nach ihrer Herkunft, ihrem Namen oder ihrer Religion, sondern nach ihrem Charakter, ihrem Handeln und ihrem Beitrag zum Gemeinwohl.

Und vielleicht sollten wir uns deshalb weniger fragen, woher ein Mensch kommt, sondern vielmehr, wohin wir als Gesellschaft gemeinsam gehen wollen. Denn die Zukunft Deutschlands wird nicht von Menschen unterschiedlicher Herkunft gegeneinander gestaltet, sondern von Menschen, die gemeinsam Verantwortung für dieses Land übernehmen.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


ZUM AUTOR

Benjamin Idriz dürfte der einzige Imam Deutschlands sein, der promovierter islamischer Theologe ist und zugleich auf deutsch schreibt. Beides – die Praxisbezogenheit des Seelsorgers und die wissenschaftliche Vertrautheit mit den Quellen – zeichnet sein neues Buch aus. Mit diesen Qualitäten ragt es aus einer wahren Flut von Veröffentlichungen aller Art über die „Frauenfrage“ im Islam wohltuend heraus.

Der Autor ist seit vielen Jahren weit über die oberbayerische Kleinstadt Penzberg, wo er als Imam wirkt, und über München, wo er das „Münchner Forum für Islam“ initiiert hat, bekannt: Sein Wirken und Schaffen gilt einem authentischen Islamverständnis, das mit den Wertvorstellungen der deutschen und europäischen Gesellschaft unserer Zeit nicht nur kompatibel ist, sondern die gemeinsamen Werte aus den Quellen des Islams – dem Koran und der Tradition der Propheten – ableitet.

Buch: Wie verstehen Sie den Koran, Herr Imam?: Grundgedanken für einen Islam heute und hier


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Israels Tempelberg-Pläne: Zündschnur eines globalen Krieges

Ein Gastkommentar von Michael Thomas

Israel, wie aus einem Berg mit einer Kuh Krieg gemacht werden kann. Gemeint ist hier natürlich der berühmte Tempelberg. Da sich in der letzten Zeit besonders beunruhigende Anzeichen dafür mehren, dass nun die israelische Regierung die volle Kontrolle über das Gebiet an sich ziehen will und damit Auseinandersetzungen ungeahnten Ausmaßes provoziert, muss man sich für das Thema näher interessieren.

Zunächst müssen historische Tatsachen gewürdigt werden, sofern sie überhaupt vorliegen. Sowohl seitens der jüdischen, als aber auch der islamischen Position gibt es Unsicherheiten.

Es liegt nämlich bis heute kein einziger, archäologisch überprüfbarer Beweis für die bloße Existenz des berühmten „Zweiten Tempels“ vor, der einst dort stand und von Rom im Widerstandskampf vernichtet worden sein soll.

Er soll etwa 21 vor Christi von König Herodes errichtet worden sein und barg neben spirituell wichtigem Tempelgerät auch die Bundeslade. Jahrzehntelange Ausgrabungen förderten bisher nur Unmengen an Pfeilspitzen hervor, die etwa in die Zeit dieser letzten Schlacht datiert werden können.

Muslime machen geltend, dass ihnen dieser Platz aufgrund der Himmelfahrt des Propheten besonders wichtig, jahrhundertelang zueigen und unumstrittenes Zentrum ihres Glaubens ist.

Tatsächlich gab es mit der Erklärung des „Status Quo“, den 1967 für Israel der damalige Verteidigungsminister Moshe Dayan und für Libanon der jordanische König vereinbart hatten, für beide Seiten kein Problem: jeder durfte fortan das Gebiet betreten, aber nur Muslimen war dort das Gebet gestattet.

Es war ohnehin weit verbreitete Lehrmeinung unter Juden, dass dort auf dem Gelände des damals zerstörten Tempels keine Kulthandlung zulässig und das Gebiet als „unrein“ zu betrachten sei.

Der damals vereinbarte Status Quo hätte für lange Zeit eine tragbare Basis sein können. Hier müsste nun eine genaue und kenntnisreiche Abhandlung über die diversen, jüdischen Sichtweisen und Meinungen folgen – da mir hierfür jedoch die Kompetenz fehlt, belasse ich es bei der bloßen Erwähnung dieser Positionen:

Ausgehend von der Gewissheit, die exakte Position des zerstörten Tempels nicht bestimmen zu können, betrachten viele das Risiko, unabsichtlich das einstige Allerheiligste zu betreten, was normalen Menschen unter Androhung schwerster Strafen verboten war, als viel zu hoch. (1.)

Andere hingegen sind davon überzeugt, dass mithilfe eines Reinigungsrituals die benötigte, spirituelle Reinheit erlangt, dadurch das Gelände gesäubert und mit dem Bau eines „Dritten Tempels“ begonnen werden könne. Hierzu bedarf es einer makellosen, roten Kuh, die geopfert und dann zu Asche verbrannt werden müsse. Mit Wasser vermengt, erhält man das notwendige „Reinigungswasser“.

Seit vielen Jahren dreht sich die Spirale des Hasses zwischen Juden und Muslimen immer höher. Während Muslime vielfach der irrigen Annahme sind, dass die bloße Anwesenheit von Juden auf dem Gelände nichts als Boshaftigkeit, Provokation und Bedrohung darstellt, planen jüdische Extremisten die gewaltsame Übernahme und Umwidmung des Geländes mit erschreckender Offenheit vor.

Während selbst der vorbestrafte Rechtsextremist Itamar Ben-Gvir (noch) aus realpolitischen Gründen davor zurückschreckt und alle Versuche, ein solches „Reinigungsopfer“ und die Zerstörung des Felsendoms nebst der Al-Aqsa-Moschee zu verhindern versucht, schreiten die Planungen dazu allerdings zügig voran.

Derzeit laufen um das Gebiet in Ostjerusalem herum umfangreiche Enteignungsverfahren, die das Viertel von palästinensischen Eigentümern „säubern“ soll.

Und jetzt wird ein Plan der israelischen Regierung bekannt, Jordanien als Schutzmacht des Tempelbergs auszuhebeln und die Kontrolle über alle islamischen Geistlichen samt des Inhalts ihrer Predigten zu übernehmen. Das wird gemeinhin in der gesamten, islamischen Welt als ungeheuerlicher Vorgang maximaler Aggression gewertet – und drückt das jordanische Königshaus mit dem Gesicht an die Wand. (2.)

Denn die jordanische Waqf-Behörde ist gemäß des Abkommens für den Tempelberg verantwortlich – und wenn ihr die Kontrolle durch Israel entzogen wird, fällt der Tempelberg insgesamt in die Hand Israels.

Da Israel in seinen Kriegen bisher besonderes Augenmerk darauf verwendet hat, für Palästinenser und Muslime relevante Plätze und Gebäude zu vernichten, würde dies allgemein als Angriff auf den Islam gewertet. Kein Muslim auf der Welt hätte genug Vertrauen in Israel, wenn es garantieren würde, weder Unwidmung, noch Zerstörungen durchführen zu wollen. (3.)

Es ist kaum vorstellbar, dass König Abdullah diesen Vorstoß ohne Gegenwehr geschehen lassen und dennoch politisch und als Staat Jordanien überleben könnte. Im Gegenteil wäre dies genau das benötigte, brennende Zündholz, um endlich alle noch verbleibenden Benzinfässer in der gesamten Region und auf der ganzen Welt zur Explosion zu bringen.

Obschon Jordanien eine militärische Auseinandersetzung mit Israel unmöglich bestehen könnte, würde sie der König letztlich auch wegen der Millionen palästinensischer Flüchtlinge, die er beherbergt, dennoch führen müssen, da sein Land sonst vor Wut implodiert.

Andererseits befänden sich im Grunde alle islamischen Staaten, Organisationen und Einzelpersonen in genau der gleichen Lage. Die Stimmung ist viel zu sehr aufgeheizt, als dass es Spielraum für Verhandlungen gäbe. Die Nerven der Menschen in Israels mittelbarer und unmittelbarer Nachbarschaft liegen blank.

Sie würden keine Sekunde zögern, gegen die eigene Regierung loszuschlagen, wenn die sich in diesem Konflikt zurückhalten wollte. Selbst für säkulare Araber wäre das Zurückstoßen Jordaniens unter klarem Bruch des Abkommens unerträglich.

Mit absoluter Sicherheit würden und müssten sich die USA militärisch zurückhalten, da sie schwer angeschlagen sind und keinen Krieg bestehen könnten, der mehr als ein Dutzend Fronten hätte.

Jeden Krieg und Angriff im Nahen Osten haben die USA, wohlwissend um die Gefahr einer drohenden, breitflächigen und unkontrollierbaren Eskalation, immer mit dem Hinweis geführt, dass es sich keineswegs um einen Angriff auf den Islam handele. Selbst Iran, bisher recht isoliert, wäre Teil des internationalen Zornes, der in jedem Fall zum Krieg führt.

Für viele Muslime weltweit wäre das der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brächte. Diejenigen, die bisher noch differenzierte Positionen innehatten, würden sich über Nacht radikalisieren. Überall käme es zu gewaltsamen Über- und Angriffen, Bombenanschlägen und Lynchaktionen nicht nur gegen Israel, sondern aller seiner „Freunde“ und Verbündeten.

Der Krieg wäre damit überall auf der Welt angekommen.

Sowohl Benjamin Netanyahu, als auch Donald Trump könnten theoretisch daran Interesse haben. Ein derart ausufernder Krieg würde sowohl die USA, als aber auch Israel, maximaler Gefahr aussetzen und beiden ermöglichen, die kommenden Wahlen absagen und sich über Notstands- und Kriegsgesetze ermächtigen zu lassen. Beide könnten die letzten Reste ihrer „Demokratie“ nebst aller parlamentarischen oder sonstigen Kontrollen vom Tisch fegen

  1. https://www.juedische-allgemeine.de/politik/tempel-und-traeume/
  2. https://www.mena-watch.com/jerusalem-worin-besteht-der-status-quo-auf-dem-tempelberg/
  3. https://www.deutschlandfunk.de/heiliges-sperrgebiet-die-juden-und-der-tempelberg-100.html

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor 

Michael Thomas ist Privatier, Fotograf, leidenschaftlich an Ägyptologie und Literatur interessiert, mit der er vor vielen Jahren als Autor regional einige Beachtung fand. Er verfolgt interessiert das Weltgeschehen durch Beobachtung internationaler Presse. Seinen Fokus legt er insbesondere auf die Palästinafrage und auf die islamische Welt.