US-Außenpolitik
F-35-Deal mit Türkei: Hegseth sagt Treffen mit Netanjahu ab

Washington – Der geplante F-35-Verkauf an die Türkei sorgt für massive diplomatische und innenpolitische Spannungen.

Wie ein israelischer Insider der Nachrichtenagentur Reuters bestätigte, hat US-Verteidigungsminister Pete Hegseth ein für Mittwoch geplantes Treffen mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Israel Katz kurzfristig abgesagt.

Es wäre Hegseths erster Besuch als Pentagon-Chef in Israel gewesen. Offiziell hieß es aus israelischen Medienberichten, die Absage sei vor dem Hintergrund der akut steigenden Spannungen zwischen den USA und dem Iran erfolgt. US-Präsident Donald Trump hatte parallel dazu erklärt, dass das von den USA und Israel initiierte Abkommen zur Beendigung des Iran-Konflikts vorbei sei und er keinen Dialog mit Teheran suche. Die US-Botschaft in Israel lehnte eine sofortige Stellungnahme zu den geplatzten Terminen ab.

Hintergründe des abgesagten Besuchs

Hinter den Kulissen gilt der potenzielle Rüstungsdeal mit Ankara jedoch als der eigentliche Sprengsatz für die Gespräche. Hegseth sollte direkt vom NATO-Gipfel aus der Türkei anreisen.

Dort hatte US-Präsident Donald Trump an der Seite des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan verkündet, die US-Sanktionen gegen Ankara aufheben und eine Lieferung der F-35-Tarnkappenjets definitiv in Betracht ziehen zu wollen. Trump betonte dabei die veränderte Dynamik, da sich die Beziehungen zur Türkei seit seiner Rückkehr ins Weiße Haus im Januar 2025 markant verbessert hätten und sich die Türkei in vielerlei Hinsicht loyal verhalten habe.

Zerreißprobe in Washington: Widerstand im Kongress

Dass der geplatzte Besuch in Israel auch dazu dienen sollte, die massiven Bedenken der israelischen Führung zu zerstreuen, verdeutlicht die geopolitische Tragweite. Der potenzielle Jet-Verkauf führt in Washington zu einer echten innenpolitischen Zerreißprobe. Während die Trump-Administration den Deal mit dem NATO-Partner vorantreiben will, formiert sich im US-Kongress, insbesondere aufseiten der Demokraten, aber auch parteiübergreifend, erbitterter Widerstand.

Angeführt von dem Republikaner Mike Lawler und dem Demokraten Brad Sherman warnte eine Abgeordnetengruppe das Weiße Haus in einem Brief vor der antisraelischen Rhetorik Ankaras und dessen Beziehungen zum Iran. Die demokratische Abgeordnete Dina Titus hat zusammen mit 18 weiteren Abgeordneten bereits Gesetzesinitiativen gestartet, um den Transfer von F-35-Jets und Triebwerken an die Türkei gesetzlich zu blockieren.

Auch einflussreiche Senatoren wie Rick Scott betonen, dass ein Verkauf rechtlich so lange blockiert bleibt, bis die gesetzlichen Auflagen bezüglich des russischen S-400-Systems restlos erfüllt sind. Der Kongress beharrt darauf, dass der Präsident bestehende Gesetze nicht einfach per Dekret umgehen darf.

Unterstützt wird diese Blockade von mächtigen Lobbyorganisationen wie dem American Israel Public Affairs Committee (AIPAC). Diese pro-israelische Lobby übt massiven Druck auf Abgeordnete aus und argumentiert, die F-35-Lieferung würde Israels qualitative militärische Überlegenheit in der Region gefährden.

Parallel dazu fordern griechisch-amerikanische Organisationen des Hellenic Caucus den Schutz der Stabilität im Mittelmeerraum und verlangen die Einhaltung bestehender Rüstungsbeschränkungen. Zudem veröffentlichen sicherheitspolitische Think-Tanks wie die Foundation for Defense of Democracies regelmäßige Analysen, die den Kongress explizit auffordern, als gesetzliche Brandmauer gegen Trumps Pläne zu fungieren.

Netanjahu warnt vor Verschiebung der Machtverhältnisse

Israel selbst macht aus seiner Ablehnung kein Geheimnis. Ministerpräsident Netanjahu betonte in einem Interview, dass er den Verkauf von F-35-Jets an die Türkei strikt ablehne und dies auch gegenüber Trump klargestellt habe, da dies das Gleichgewicht der Kräfte im Nahen Osten zerstören würde, weil die Türkei aggressive Ambitionen habe. Israel befürchtet konkret, dass seine eigene Luftüberlegenheit durch moderne türkische Stealth-Jets bedroht werden könnte.

Die Türkei war nach dem Kauf des russischen S-400-Luftabwehrsystems aus dem F-35-Programm ausgeschlossen worden, da Washington Spionage-Risiken für die Jet-Technologie befürchtete. Ankara kritisierte den Ausschluss stets als ungerecht und argumentierte, die USA hätten der Türkei damals keine Wahl gelassen, weil sie die Lieferung von Patriot-Abwehrsystemen verweigerten.

Erdoğan betont seither, dass eine Wiederaufnahme nicht nur gerecht sei, sondern auch die NATO stärken würde. Zudem wirft die Türkei Israel regelmäßig vor, die diplomatischen Bemühungen zwischen den USA und dem Iran gezielt zu untergraben.  Die türkische Führung hat das Vorgehen Israels im Gazastreifen mit dem der Nazis während des Holocaust verglichen.

Obwohl Insider berichten, dass Trump fest entschlossen ist, sich hinter den Verkauf zu stellen, bleibt das Vorhaben durch die Gesetzeslage blockiert.

 


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Trump über NATO-Gipfel: Wegen Erdogan gekommen

 

Kommentar
Pferde-Eskorte für Trump, Ministerin für Sánchez: Die nüchterne Logik des Protokolls

Von Polat Karaburan

Unser Bericht über die lautstarke Kritik in den sozialen Netzwerken hat eines deutlich gezeigt: Die Sympathien für den spanischen Premier Pedro Sánchez und seine klare Haltung im Nahostkonflikt sind in der muslimischen Welt riesig. Die Enttäuschung vieler Nutzer darüber, dass Sánchez am Flughafen in Ankara „nur“ von Familienministerin Mahinur Özdemir Göktaş empfangen wurde – während US-Präsident Donald Trump eine feierliche Pferde-Eskorte erhielt –, ist emotional absolut nachvollziehbar.

Ein genauerer Blick auf die Abläufe zeigt jedoch: Ankara hat hier nicht aus Missachtung gehandelt, sondern sich strikt an das weltweite Protokoll gehalten.

Der entscheidende Unterschied liegt im Charakter der Reise. Donald Trump absolvierte parallel zum NATO-Treffen einen offiziellen, bilateralen Staatsbesuch in der Türkei. Ein solches Format verlangt protokollarisch nach den höchsten staatlichen Ehren und dem persönlichen Empfang durch das Staatsoberhaupt.

Pedro Sánchez hingegen reiste – genau wie die über 30 anderen Staats- und Regierungschefs – im Rahmen einer multilateralen Delegation ausschließlich für den NATO-Gipfel an. Bei solchen Großereignissen ist es absolut standardisiert, dass die Gäste von Regierungsmitgliedern am Rollfeld begrüßt werden. Weder der deutsche Bundeskanzler noch der französische Präsident erhielten einen anderen Empfang als Sánchez. von einer „Abwertung“ kann also rein formal keine Rede sein.

Dass die türkische Führung die Arbeit von Sánchez in Wahrheit zutiefst schätzt, zeigte sich ohnehin abseits der Kameras am Flughafen: Trotz des extrem straffen Gipfel-Zeitplans räumte Recep Tayyip Erdoğan dem spanischen Premier ein exklusives, bilaterales Sondertreffen im Präsidentschaftspalast ein – eine Ehre, die keineswegs jedem Delegationsleiter zuteilwurde.

Soziale Medien leben von schnellen Symbolen und dem direkten Vergleich von Bildern. Reale Diplomatie und politische Wertschätzung bemessen sich jedoch nicht nach den Metern des roten Teppichs am Flughafen, sondern nach der Substanz der Gespräche hinter den Kulissen. Und dort haben Ankara und Madrid einmal mehr bewiesen, wie eng sie in den entscheidenden Fragen beieinanderstehen.

 

 


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Türkei: Breite Verurteilung des Sánchez-Empfangs

Intralogistik und Effizienz
Mehr Effizienz im Lager: Warum Struktur oft mehr bringt als zusätzliche Fläche

Wenn ein Lager eng wird, ist die Ursache nicht immer der fehlende Quadratmeter. Manchmal stehen Paletten nur zu lange an der falschen Stelle. Kartons wandern vom Wareneingang in eine Ecke, später in die nächste, und irgendwann weiß niemand mehr genau, ob sie schon geprüft, reserviert oder nur aus dem Weg geräumt wurden.

Der Wunsch nach mehr Fläche ist dann verständlich. Doch häufig beginnt die eigentliche Entlastung früher: bei klareren Wegen, festen Zuständigkeiten und einer Lagerstruktur, die zum tatsächlichen Warenfluss passt.

Ordnung beginnt bei den beweglichen Einheiten

Regale mögen das Bild eines Lagers prägen, ein großer Teil der Arbeit findet jedoch zwischen den festen Stellplätzen statt. Dort werden die Waren geprüft, kommissioniert, umgepackt oder kurzfristig bereitgestellt. Es ist vor allem die Ausstattung des Lagers, die dann darüber entscheidet, ob aus einer Palette eine brauchbare Lagereinheit wird oder ob es sich einfach nur um eine weitere Abstellfläche handelt.

Durch stapelbare Rahmen, passende Behälter und klar erkennbare Transporteinheiten entstehen klarere Einheiten, die sich besser zählen, bewegen und zwischenlagern lassen. Sie schaffen keine neue Fläche, sondern sie machen die vorhandene Fläche besser nutzbar und bringen wesentlich mehr Struktur ins Lager.

Fläche kostet, auch wenn sie nur blockiert wird

Manchmal lassen sich durch das Mieten von neuen Lagerflächen echte Wachstumsprobleme lösen. Manchmal wird dadurch allerdings auch nur eine unübersichtliche Organisation noch unübersichtlicher gemacht.

Hinzu kommt die Frage nach den Kosten, denn die steigenden Mieten in Deutschlands Städten betreffen nicht nur private Haushalte. Auch die Unternehmen müssen genauer rechnen, wenn es um zusätzliche Räume geht. Jeder Quadratmeter, der bloß durch schlecht sortierte Ware belegt wird, bindet Kapital und erschwert die Abläufe.

Materialfluss ist mehr als Transport

Wenn die Ware an der falschen Stelle steht, wirkt ein Lager oft kleiner, als es eigentlich ist. Für den Wareneingang sind andere Flächen nötig als für die Kommissionierung und für Retouren, die Prüfung brauchen. Die Versandware sollte nicht wieder durch den halben Betrieb geschoben werden. Wenn die Wege verschiedener Warenkategorien durcheinandergeraten, kommt es dadurch zu Umwegen. Die Mitarbeiter müssen länger suchen, Stapler rangieren häufiger, und einfache Tätigkeiten ziehen sich hin.

Die folgenden Fragen zeigen schnell auf, wo es an Struktur fehlt:

  • Welche Waren werden täglich bewegt?

  • Welche Artikel liegen lange auf Zwischenflächen?

  • Wo entstehen Suchzeiten?

  • Welche Wege kreuzen sich unnötig?

Es ist wichtig, Probleme in der Organisation konkret zu identifizieren, um sie lösen zu können. Erst wenn diese Schwachstellen sichtbar sind, kann ein Lager sinnvoll umgestellt werden.

Kleinteile stören den Ablauf besonders schnell

Während große Paletten meist leicht zu erkennen sind, wird es bei den kleineren Teilen schwieriger. Angebrochene Kartons, Ersatzteile, Muster, Rückläufer oder Saisonware landen schnell auf Zwischenflächen, weil ihr endgültiger Platz nicht ganz eindeutig ist. Das führt dann zu Suchzeiten, die im Tagesgeschäft vielleicht kaum auffallen, sich aber summieren.

Wenn niemand genau weiß, ob ein Teil geprüft, reserviert oder nur abgestellt wurde, hilft auch ein großes Lager nicht weiter. Daher sind sichtbare Kategorien, feste Zwischenplätze und einfacher Beschriftungen wichtig. Sie können oft wesentlich mehr Ruhe in den Ablauf bringen als zusätzliche Regalmeter.

 

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Skandinavisches Lebensgefühl
Hygge, Lagom und Co. – Was wir vom skandinavischen Lebensgefühl lernen können

Skandinavien taucht in den Glücksrankings regelmäßig ganz oben auf. Dänemark landete im jüngsten World Happiness Report auf Platz zwei, Finnland auf dem ersten. Schweden lag ebenfalls weit vorn. Die Erklärung dafür lässt sich nicht allein an Sozialsystemen oder Wirtschaftsdaten festmachen.

Ein Teil der Antwort steckt in der Art, wie Menschen im Norden Europas ihren Alltag gestalten – und in zwei Begriffen, die längst auch hierzulande angekommen sind.

Was Hygge tatsächlich bedeutet

Das dänische Wort Hygge wird häufig mit Gemütlichkeit übersetzt. Das trifft es aber nur halb. Hygge beschreibt eher ein Gefühl der Geborgenheit – Momente, in denen man nirgendwo anders sein möchte. Ein Abendessen mit Freunden, ein ruhiger Sonntagmorgen, das leise Knistern einer Kerze. Nichts Aufwendiges, nichts Inszeniertes. Hygge ist keine Frage der Jahreszeit. Die Dänen leben das im Sommer genauso wie im Winter.

Auffällig ist dabei der Stellenwert von Kerzenlicht. Dänen verbrauchen im Schnitt sechs bis acht Kilogramm Kerzen pro Jahr. In Deutschland liegt der Wert bei zwei bis drei Kilogramm. Kerzenlicht hat in Dänemark eine Bedeutung, die weit über Dekoration hinausgeht. Es strukturiert den Abend, markiert den Übergang vom Arbeitsalltag zur Freizeit.

Kleine Details, große Wirkung

Warmes Licht verändert Räume. Ein schlichter Kerzenhalter auf dem Esstisch reicht manchmal aus, um eine Atmosphäre zu schaffen, die den Feierabend vom restlichen Tag trennt. Kein Designkonzept, keine Anleitung nötig. Einfach eine Kerze anzünden. Die Dänen machen das seit Generationen so – und vielleicht liegt genau darin der Reiz. Es geht nicht um das Objekt, sondern um das Ritual dahinter. Dieses bewusste Innehalten am Abend hat etwas Entwaffnend Simples.

Lagom – Schwedens Antwort auf das „Genug“

In Schweden gibt es ein eigenes Konzept dafür: Lagom. Übersetzt heißt es so viel wie „gerade richtig“. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Lagom ist nüchterner als Hygge, weniger emotional, dafür strukturierter. Es beschreibt eine Haltung, die auf Ausgleich setzt – beim Konsum, bei der Arbeit, im Umgang miteinander. Nachhaltigkeit steckt darin ebenso wie ein gewisser Pragmatismus.

Beide Begriffe lassen sich gut nebeneinander denken. Hygge liefert das Gefühl, Lagom die Struktur dahinter. Zusammen ergeben sie eine Lebensphilosophie, die ohne große Gesten auskommt und trotzdem den Alltag verändert.

Warum das Thema in Deutschland ankommt

Die Sehnsucht nach Entschleunigung ist kein neues Phänomen. Diskussionen um die Vier-Tage-Woche, Achtsamkeitskurse und das Bedürfnis nach kleinen Ritualen im Alltag zeigen das deutlich. Selbst ein bewusster Kaffeemoment kann zum täglichen Ankerpunkt werden – eine Miniatur-Auszeit, die den Kopf für ein paar Minuten frei macht.

Was Skandinavien von anderen Ländern unterscheidet, ist die Selbstverständlichkeit. Hygge oder Lagom sind dort keine Lifestyle-Trends, sondern kulturelle Grundlagen. Laut einer Erhebung von Ernst & Young geben lediglich vier Prozent der Dänen an, Regeln zum eigenen Vorteil zu brechen. In Deutschland sind es 23 Prozent. Das sagt einiges über Vertrauen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt aus.

Einen skandinavischen Lebensstil nachzuahmen, indem man sich ein paar Möbel kauft, führt allerdings nicht weit. Die eigentliche Idee dahinter ist simpler:

  • Bewusster mit der eigenen Zeit umgehen, statt sie reflexartig zu füllen

  • Weniger besitzen, dafür gezielter wählen – ob beim Essen, bei der Einrichtung oder bei der Arbeit

Das klingt banal. Ist es im Grunde auch. Man braucht dafür weder ein Sabbatical noch einen Umzug nach Kopenhagen. Manchmal reichen ein freier Abend, ein gedeckter Tisch und ein warmes Licht.

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NATO-Gipfel
Türkei: Breite Verurteilung des Sánchez-Empfangs

Ankara – Der derzeit in der türkischen Hauptstadt stattfindende NATO-Gipfel sorgt nicht nur auf politischer Ebene für weltweite Aufmerksamkeit, sondern bewegt auch die Gemüter in den sozialen Netzwerken.

Besonders die protokollarischen Unterschiede beim Empfang der verschiedenen Staats- und Regierungschefs stehen im Fokus der Kritik.

Während US-Präsident Donald Trump mit einer feierlichen Pferde-Eskorte zum Präsidentschaftspalast begleitet und bereits am Flughafen von Recep Tayyip Erdoğan persönlich begrüßt wurde, fiel der Empfang für die übrigen Staats- und Regierungschefs protokollarisch standardisierter aus.

Dass davon jedoch auch der spanische Premierminister betroffen war, stieß im Netz auf Unverständnis und sorgte für lautstarke Kritik. Sánchez wird in der muslimischen Welt für seine lautstarke Kritik an der israelischen Kriegsführung im Gazastreifen und seinen Einsatz für die Rechte der Palästinenser gefeiert, weshalb viele Nutzer für ihn denselben glanzvollen Empfang erwartet hatten.

Er wurde am Flughafen von der Ministerin für Familie und Soziales, Mahinur Özdemir Göktaş, in Empfang genommen.

Lautstarke Kritik in den sozialen Netzwerken

In den sozialen Medien löste diese protokollarische Handhabung eine Welle der Enttäuschung und des Unverständnisses aus. Viele Nutzer verwiesen auf die große Beliebtheit des spanischen Regierungschefs in der muslimischen Welt, die er sich durch seine deutliche und lautstarke Kritik an der israelischen Kriegsführung im Gazastreffen erworben hat.

In den Kommentarspalten wird Sánchez fraktionsübergreifend für seinen Mut gelobt, während der offizielle Empfang am Flughafen als unpassend empfunden wird. Ein Nutzer kommentierte enttäuscht: „Ausgerechnet Spanien hätte diesen prachtvollen Empfang verdient gehabt.“ Ein anderer User stimmte dem zu und betonte: „Ein Mann mit echtem Format und Charakter hätte auf allerhöchster Ebene empfangen werden müssen.“

Ein weitere Nutzer schrieb: Warum wird für diesen wertvollen Menschen keine angemessene Begrüßungszeremonie abgehalten, während die Unwürdigsten auf Händen getragen werden – das gibt doch zu denken, oder?

Besondere Aufmerksamkeit in dieser emotionalen Debatte erhielt die Wortmeldung der Social-Media-Nutzerin Hülya N., die den Vorfall in einen größeren, weltpolitischen Kontext einordnete. Sie hieß den spanischen Premier herzlich im Land willkommen und betonte, dass der Respekt vom Volk komme, während das Protokoll eine reine Notwendigkeit sei.

Weiter erklärte sie, dass die Welt nach wie vor denjenigen gehöre, die die Macht in den Händen halten. Man lasse es schlicht nicht zu, dass andere Regeln gelten. Dennoch zeigte sie sich überzeugt von der moralischen Kraft des Handelns, da die Mächtigen nicht über die Herzen und Köpfe der Menschen regieren könnten. Dies sei die einzige verbleibende Kraft der Menschheit. Abschließend merkte sie an, es sei leicht, diejenigen zu kritisieren, die jetzt nicht handeln: „Ich glaube fest daran, dass man sich ihnen eines Tages widersetzen wird, ABER NICHT JETZT…“

Treffen im Präsidentschaftspalast und NATO-Kontext

Nach dem Empfang am Flughafen bewegte sich das diplomatische Protokoll in den geplanten Bahnen. Im Präsidentschaftspalast in Ankara kam es zu einem offiziellen Treffen zwischen dem spanischen Premierminister Pedro Sánchez und dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, bei dem die beiden Politiker zu bilateralen Gesprächen zusammenkamen.

Die Begegnung findet vor dem Hintergrund des aktuellen NATO-Gipfels statt, der in diesen Tagen in der türkischen Metropole ausgetragen wird. Das Bündnis berät in Ankara über die künftige strategische Ausrichtung, regionale Sicherheitsfragen sowie die globalen geopolitischen Spannungen.

 

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Schulpolitik
Mehr als jede dritte Lehrkraft 50 Jahre oder älter

Berlin – Vor dem neuen Schuljahr wird vielerorts über den Lehrkräftemangel diskutiert. Dabei steht häufig auch die Altersstruktur innerhalb der Berufsgruppe im Fokus. Ein Viertel (25,4 %) der Lehrkräfte im Schuljahr 2024/2025 war zwischen 50 und 59 Jahre alt, weitere 10,0 % waren 60 Jahre und älter.

Mehr als jede dritte Lehrkraft (35,4 %) war demnach 50 Jahre oder älter, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt. Im Vergleich dazu fällt der Anteil der jüngeren Lehrkräfte geringer aus: Die unter 35-Jährigen machten gut ein Fünftel (20,3 %) des Lehrpersonals an allgemeinbildenden Schulen aus.

Die Hälfte der Lehrkräfte in Sachsen-Anhalt ist 50 Jahre oder älter

Hinsichtlich der Altersstruktur bestehen große Unterschiede zwischen den Bundesländern: In Sachsen-Anhalt war gut die Hälfte (50,7 %) der Lehrkräfte 50 Jahre oder älter, in Mecklenburg-Vorpommern 46,8 %. Am niedrigsten war der Anteil dieser Altersgruppe im Saarland (28,6 %) und in Bremen (30,0 %).

43,9 % der Lehrkräfte arbeiten in Teilzeit

Im Schuljahr 2024/2025 waren deutschlandweit 752 100 Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen tätig, davon 43,9 % in Teilzeit. Damit war die Teilzeitquote bei Lehrkräften etwas höher als im vorherigen Schuljahr (43,1 %) und auf einem neuen Höchststand. Besonders Frauen reduzieren häufig ihre Arbeitszeit: Im Schuljahr 2024/2025 war die Teilzeitquote bei Lehrerinnen (51,4 %) mehr als doppelt so hoch wie bei Lehrern (23,3 %). Im Vergleich zu anderen abhängig Beschäftigten ist die Teilzeitquote an allgemeinbildenden Schulen überdurchschnittlich hoch: Über alle Wirtschaftsbereiche hinweg arbeiteten 31,3 % der abhängig Beschäftigten in Teilzeit.

Frauenanteil bei Lehrkräften überdurchschnittlich hoch

Auch der Frauenanteil bei Lehrkräften an allgemeinbildenden Schulen ist überdurchschnittlich hoch. Während Frauen im Schuljahr 2024/2025 fast drei Viertel (73,2 %) des Lehrpersonals an allgemeinbildenden Schulen ausmachten, stellten sie knapp die Hälfte (48,2 %) der abhängig Beschäftigten aller Wirtschaftsbereiche im Jahr 2024.

Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte in Bremen und Hamburg arbeiten in Teilzeit

Im Hinblick auf den Anteil der Teilzeitkräfte unter den Lehrerinnen und Lehrern zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Bundesländern. Während in Hamburg (55,4 %) und Bremen (51,9 %) im Schuljahr 2024/2025 mehr als die Hälfte des Lehrpersonals an allgemeinbildenden Schulen in Teilzeit arbeitete, traf dies nur auf knapp jede vierte Lehrkraft in Thüringen (23,2 %) und Sachsen-Anhalt (23,8 %) zu.

11,2 % wurden über Quer- oder Seiteneinstieg zur Lehrkraft

Aufgrund des Lehrkräftemangels unterrichten an den Schulen immer mehr sogenannte Quer- und Seiteneinsteigerinnen und -einsteiger, also Lehrkräfte ohne anerkannte Lehramtsprüfung.

Im Schuljahr 2024/2025 traf das auf 11,2 % der Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen zu: 84 100 der insgesamt 752 100 Lehrkräfte dort hatten keine anerkannte Lehramtsprüfung. Im Schuljahr 2014/2015 lag der Anteil mit 4,3 % noch deutlich niedriger. Damals unterrichteten 28 500 der insgesamt 664 200 Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen ohne anerkannte Lehramtsprüfung.

Noch höher als an allgemeinbildenden Schulen ist der Anteil mit Quer- oder Seiteneinstieg an beruflichen Schulen: Im Schuljahr 2024/2025 hatten 20 800 der insgesamt 124 100 Lehrkräfte an beruflichen Schulen keine anerkannte Lehramtsprüfung (16,7 %). Gegenüber dem Schuljahr 2014/2015 hat sich der Anteil kaum verändert: Damals unterrichteten 20 200 von 122 100 Lehrkräften ohne anerkannte Lehramtsprüfung (16,6 %).

Gordon Hoffmann zu Lehrermangel: „Wir sind nicht in einer idealen Situation“

Brandenburgs Minister für Bildung, Jugend und Sport, Gordon Hoffmann (CDU), rechnet damit, dass im neuen Schuljahr nicht alle Lehrerstellen besetzt werden können.

Er hat am Mittwochmorgen im rbb24 Inforadio gesagt: „Die Leute in den staatlichen Schulämtern arbeiten jeden Tag unter Hochdruck daran, so viele Stellen wie möglich zu besetzen. Wir sehen aber, dass das nicht in allen Teilen des Landes zu 100 Prozent gelingen wird.“

Deshalb wird man laut Hoffmann im kommenden Schuljahr mit „kreativen Maßnahmen“ dafür sorgen, dass alle Schüler ihren Abschluss bekommen können.

„Da werden wir darüber reden müssen, dass wir zum Teil die Zusatzausstattung, also zusätzliche Stunden für Teilungsunterricht und Förderunterricht, leider kürzen müssen. Im Ausnahmefall überlegen wir sogar, dass es dann die Möglichkeit gibt, dass einzelne Schulen von der Stundentafel abweichen dürfen.“

Hoffmann hält es zudem für denkbar, verbeamtete Lehrkräfte zeitlich befristet dorthin zu versetzen, wo sie gebraucht werden. Er betonte, dass er nicht nur Verantwortung für die Lehrerinnen und Lehrer trage, sondern auch für die 320.000 Schülerinnen und Schüler in Brandenburg.

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NATO-Gipfel
Türkei und Kanada planen Freihandelsabkommen

Ankara – Die Türkei und Kanada haben offiziell Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen (FTA) aufgenommen. Dies teilte das Büro des kanadischen Premierministers Mark Carney am Dienstag am Rande des NATO-Gipfels in Ankara mit.

Erstes Treffen der Regierungschefs seit elf Jahren

Die Ankündigung erfolgte kurz nach einem Treffen zwischen dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan und dem kanadischen Premierminister Mark Carney in der Hauptstadt Ankara. Es handelt sich um den ersten Besuch eines kanadischen Regierungschefs in der Türkei seit elf Jahren. Wie die türkische Direktion für Kommunikationsmedien mitteilte, erörterten beide Politiker die bilateralen Beziehungen sowie regionale und globale Entwicklungen.

Erdoğan betonte während des Gesprächs, dass die Türkei und Kanada ihre Bemühungen zur Stärkung der Zusammenarbeit in einer neuen Ära intensivieren sollten. Dies gelte insbesondere für die Bereiche Handel, Sicherheit, Verteidigungsindustrie und Energie. Das Ausschöpfen dieses Kooperationspotenzials werde beiden Ländern erhebliche Vorteile bringen, so der türkische Präsident.

Erdogan beim Treffen mit Mark Carney am 7. Juli 2026 in Ankara

Fokus auf Verteidigungspolitik und NATO

Im Hinblick auf die Verteidigungspolitik bekräftigte Erdoğan die Unterstützung Ankaras für die Stärkung des europäischen Pfeilers innerhalb der NATO. Er unterstrich jedoch, dass diese Bemühungen die transatlantische Bindung nicht ersetzen dürften. Zudem forderte der Präsident, dass auch Nicht-EU-Verbündete in die Verteidigungsinitiativen der Europäischen Union einbezogen werden sollten.

Der kanadische Premierminister Carney wird im weiteren Verlauf des NATO-Gipfels voraussichtlich über Kanadas Beiträge zum Verteidigungsbündnis, den Aufbau neuer Partnerschaften und die gemeinsame Sicherheit, einschließlich der Unterstützung für die Ukraine, beraten.

Nächste Schritte zum Handelsabkommen

Die formelle Aufnahme der Verhandlungen folgt auf eine Vereinbarung der kanadischen und türkischen Handelsminister aus dem vergangenen Monat, in der explorative Gespräche für ein Freihandelsabkommen vereinbart wurden.

Laut der offiziellen Erklärung Kanadas werden nun die technischen Teams beider Länder die notwendigen Vorarbeiten leisten, um den genauen Umfang und die Ambitionen des Abkommens zu definieren und die erste Verhandlungsrunde vorzubereiten.

 


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NATO-Gipfel
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Ankara – Auf einem ausgerollten blauen Teppich und berittenen Ehreneskorten hat US-Präsident Donald Trump seinen zweitägigen Besuch in der türkischen Hauptstadt Ankara begonnen.

Bereits bei seiner Ankunft stellte Trump die Machtverhältnisse klar und nutzte die internationale Bühne für eine massive Charmeoffensive in Richtung des Gastgebers.

„Merhaba asker“: Trumps medienwirksame Ankunft

Als die Präsidenten-Limousine vor dem Staatsakt vorfuhr, wurde Trump von seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdoğan empfangen. Der US-Präsident richtete sich sofort an die angetretene Ehrengarde: Mit einem lautstarken „Merhaba asker“ (Hallo Soldaten) grüßte er die Truppen auf Türkisch.

Gegenüber Reportern sparte Trump nicht mit Lob für den türkischen Staatschef:

„Die Türkei ist militärisch ein SEHR mächtiges Land geworden… Ich habe eine Menge Respekt für den Präsidenten.“

 

Präsident Recep Tayyip Erdogan empfängt US-Präsident Donald Trump am 7. Juli 2026 mit einer offiziellen Zeremonie im Präsidentenpalast in Ankara. (Foto: tccb)

Die Abrechnung mit der NATO

Wie tief die Risse innerhalb der Allianz vor dem offiziellen Gipfelstart sitzen, machte Trump bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Erdoğan deutlich. Auf die Frage, ob er einen Abzug von US-Truppen aus Europa in Erwägung ziehe, wich Trump zwar aus, holte aber zu einem Rundumschlag gegen das Bündnis aus. Er sei „sehr enttäuscht“ von der NATO.

„Und ganz ehrlich: Wenn der Gipfel nicht in der Türkei stattfinden würde, wo mein Freund – ein sehr starker Führer, eine sehr starke Person – regiert, wäre ich gar nicht erst erschienen“, so der US-Präsident. Er sei nur angereist, weil er wisse, dass Erdoğan sich für die Organisation dieses Treffens mächtig ins Zeug gelegt habe.

Neue Verhandlungen über F-35-Kampfjets

Diese demonstrative Nähe könnte nun handfeste geopolitische Folgen haben. Trump zeigte sich nämlich überraschend offen für eine Wiederaufnahme der Türkei in das F-35-Kampfjet-Programm. Während seiner ersten Amtszeit hatte Washington Ankara noch aus dem Programm ausgeschlossen, nachdem die Türkei ein russisches Luftverteidigungssystem gekauft hatte.

Nun stehen die Zeichen auf Annäherung: „Das ist eine Entscheidung, die wir treffen werden“, so Trump auf Nachfrage von Journalisten. „Wir haben eine sehr gute Beziehung. Die Türkei war in vielerlei Hinsicht loyaler als andere Länder, von denen wir eigentlich Loyalität erwarten würden. Es ist definitiv etwas, das wir in Betracht ziehen werden.“ Er lobte die F-35-Jets zudem als die „besten der Welt“.

Iran, Verteidigungsausgaben und der Dauerstreit um Grönland

Neben den bilateralen Beziehungen zwischen Washington und Ankara stehen beim zweitägigen Gipfel hochkarätige Krisenherde auf der Agenda: von den Rüstungsausgaben der Mitglieder über die Ukraine-Hilfe bis hin zum US-Konflikt mit dem türkischen Nachbarstaat Iran.

Hierbei warf Trump den europäischen Alliierten mangelnde Unterstützung vor: „Wir wurden nicht gut behandelt, weil wir etwas im Iran getan haben. Wir brauchen keine Hilfe, ich wollte sie nicht einmal.“ Es sei unverständlich, dass die USA Billionen Dollar in die NATO investieren, um Europa vor Russland zu schützen, die Europäer im Gegenzug aber keine Gegenleistung erbringen würden. „Europa ist ein ganz anderer Ort als noch vor 20 Jahren. Wir könnten all unsere Soldaten abziehen“, drohte Trump.

Für ungläubige Blicke unter den Diplomaten sorgte Trump schließlich, als er vor Reportern erneut seine Idee aufwärmte, dass die USA die Kontrolle über Grönland übernehmen sollten. Das autonome Territorium gehöre laut Trump unter die Fittiche Washingtons und nicht Dänemarks.

Bereits 1867 und 1946 (unter Harry S. Truman) hatten die USA versucht, die strategisch wichtige Insel zu kaufen – damals für 100 Millionen Dollar. Kopenhagen hat diese Avancen jedoch stets entschieden zurückgewiesen.

 


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Yücel: Die Türkei verfolgt geostrategische Autonomie

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Manchmal verrät ein Artikel weniger über sein Thema als über die Brille, durch die der Autor schaut. Der Beitrag im IPG Journal trägt den vielversprechenden Titel „Geostrategisches Paradox“. Gemeint ist die Türkei: unverzichtbar für die NATO und zugleich angeblich immer unberechenbarer. Das klingt zunächst plausibel – bis man die Argumentation genauer betrachtet.

Der erste Denkfehler: Autonomie statt Gefolgschaft

Der erste Denkfehler liegt bereits im Ausgangspunkt. Der Artikel setzt stillschweigend voraus, ein verlässlicher NATO-Partner müsse seine Außenpolitik möglichst deckungsgleich mit den Interessen Washingtons und Brüssels gestalten. Genau diese Annahme ist jedoch das eigentliche Missverständnis.

Die Türkei verfolgt seit Jahren keine Politik der Gefolgschaft mehr, sondern eine Politik der strategischen Autonomie. Sie bleibt NATO-Mitglied, kauft aber russisches Gas. Sie liefert Drohnen an die Ukraine und spricht gleichzeitig mit Moskau. Sie konkurriert mit Russland in Syrien, Libyen sowie im Südkaukasus und hält dennoch diplomatische Kanäle offen. Aus westlicher Sicht erscheint das widersprüchlich – aus Sicht klassischer Machtpolitik ist es schlicht Interessenpolitik.

Der zweite Denkfehler: Eigenständigkeit ist keine Unzuverlässigkeit

Damit sind wir beim zweiten Denkfehler. Der Artikel verwechselt Eigenständigkeit mit Unzuverlässigkeit. Ein Staat, der eigene Interessen verfolgt, wird automatisch zum „Vertrauensproblem“ erklärt. Doch seit wann besteht Bündnistreue darin, auf nationale Interessen zu verzichten?

Frankreich verfolgt regelmäßig einen eigenständigen Kurs. Die USA ebenfalls. Auch Griechenland oder Ungarn weichen in einzelnen Fragen von Mehrheitspositionen ab. Niemand käme deshalb auf die Idee, ihre gesamte Bündnisfähigkeit infrage zu stellen. Bei der Türkei scheint jedoch ein anderer Maßstab zu gelten.

Der dritte Denkfehler: Personalisierung der Staatsräson

Der dritte Denkfehler besteht darin, Erdoğan mit der gesamten türkischen Staatsräson gleichzusetzen. Fast jede außenpolitische Entscheidung wird personalisiert – als hätte Ankara vor 2002 keine geopolitischen Interessen gehabt und würde nach Erdoğan plötzlich völlig andere verfolgen.

Dabei existieren fundamentale Konstanten, die jede türkische Regierung geprägt haben: die Kontrolle der Meerengen, die Verhinderung einer als Bedrohung empfundenen kurdischen Staatsbildung an der Südgrenze, Einfluss im Schwarzen Meer, Stabilität im Kaukasus und die Absicherung zentraler Energie- und Handelsrouten. Diese strategischen Ziele verschwinden nicht mit einem Regierungswechsel.

Historischer Gedächtnisverlust und neue Realitäten

Noch gravierender ist der historische Gedächtnisverlust. Der Artikel beschreibt das türkische Streben nach strategischer Unabhängigkeit beinahe als Charakterfehler. Er blendet jedoch weitgehend aus, warum dieses Streben entstanden ist: Waffenembargos, Rüstungsbeschränkungen, Spannungen innerhalb der Allianz und der Ausschluss aus dem F-35-Programm haben in Ankara die Überzeugung gestärkt, sicherheitspolitisch autarker werden zu müssen. Ohne diesen Hintergrund wirkt die türkische Politik sprunghaft – mit ihm erscheint sie als nachvollziehbare Reaktion auf frühere Erfahrungen.

Auch geostrategisch bleibt der Blick erstaunlich eng. Die Welt des Jahres 2026 besteht längst nicht mehr ausschließlich aus der NATO und Russland. Der eigentliche globale Wettbewerb verläuft zwischen den USA und China. Die Türkei versucht, ihre Lage zwischen Europa, Asien, dem Nahen Osten und dem Schwarzen Meer zu nutzen, um sich als eigenständiger Knotenpunkt für Energie, Handel und Logistik zu etablieren. Der Mittlere Korridor, Zentralasien, Afrika oder die Organisation der Turkstaaten spielen dabei eine wachsende Rolle. All das bleibt im Artikel erstaunlich blass.

Das angebliche Russland-Paradox

Besonders widersprüchlich wird die Argumentation beim Thema Russland. Einerseits wird Erdoğan eine problematische Nähe zu Moskau vorgeworfen. Andererseits zählt derselbe Artikel auf, dass die Türkei die Ukraine militärisch unterstützt, die Meerengen nach der Montreux-Konvention verwaltet, Finnlands NATO-Beitritt ermöglicht hat und russische Ambitionen im Schwarzen Meer begrenzt. Die Frage drängt sich auf: Ist das tatsächlich das Verhalten eines russischen Verbündeten – oder eher das eines Staates, der versucht, mit beiden Seiten handlungsfähig zu bleiben?

Am Ende bleibt das eigentliche Paradox nicht die Türkei. Es besteht vielmehr darin, dass viele westliche Analysen weiterhin in den Kategorien des Kalten Krieges denken. Dort gab es Loyalität oder Illoyalität, Freund oder Gegner, Schwarz oder Weiß.

Die Geopolitik einer multipolaren Welt

Die heutige Welt funktioniert anders. Mittlere Mächte wie die Türkei, Indien, Saudi-Arabien oder Brasilien versuchen, zwischen den großen Machtzentren zu navigieren, statt sich dauerhaft einem einzigen Lager unterzuordnen. Diese Strategie mag für traditionelle Bündnisse unbequem sein, sie ist aber weder irrational noch außergewöhnlich.

Wer jede unabhängige Außenpolitik automatisch als „Vertrauensproblem“ interpretiert, analysiert am Ende nicht die Türkei – sondern offenbart vor allem die Grenzen des eigenen geopolitischen Denkens.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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Berlin – Der Kreditzugang der mittelständischen Unternehmen in Deutschland hat sich weiter verschlechtert. Im zweiten Quartal 2026 berichteten 40,5 Prozent der kreditinteressierten Mittelständler, dass sich ihre Banken bei der Kreditvergabe restriktiv verhalten.

Dieser Wert, der im Vergleich zum Vorquartal um 6,5 Prozentpunkte zulegte, markiert einen neuen Rekordwert seit Beginn der Umfrageaufzeichnung im Jahr 2017. Für die KfW-ifo-Kredithürde wertet die KfW jedes Quartal Daten der Konjunkturumfragen des ifo-Instituts aus, differenziert nach Größenklassen und Wirtschaftsbereichen.

Unter den Großunternehmen, die in den vorangegangenen drei Monaten Kreditgespräche geführt hatten, beklagten 32,9 Prozent strenge Maßstäbe der Banken. Das waren 3,8 Prozentpunkte mehr als im Vorquartal. Dies ist unter den großen Unternehmen der zweithöchste je dokumentierte Anteil seit Beginn der Datenerfassung.

„Immer mehr Unternehmen spüren restriktive Kreditvergabestandards der Banken. Die schwache Konjunktur hinterlässt Spuren in den Bilanzen der Unternehmen. Die Eigenkapitalquoten und die Ratings haben sich zuletzt verschlechtert. Darauf reagieren die Banken mit höheren Risikoaufschlägen und härteren Finanzierungskonditionen“, sagt Dr. Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der KfW.

Ein besonders drastischer Anstieg der Kredithemmnisse war im Einzelhandel zu verzeichnen. Mehr als die Hälfte der Unternehmen in beiden Größenklassen sah sich Restriktionen beim Kreditzugang ausgesetzt. Damit wurden in dieser Branche neue Höchstwerte erreicht. „Grund für diese Entwicklung dürfte die inflationsbedingte Konsumflaute sein, unter welcher der Einzelhandel derzeit in besonderem Maße leidet“, sagt Dr. Dirk Schumacher.

Auch unter den Mittelständlern des Verarbeitenden Gewerbes und der Dienstleistungsbranche beklagte ein historisch hoher Anteil von 40,8 Prozent beziehungsweise 42,4 Prozent Zugangsbeschränkungen bei Krediten.

Gleichzeitig nahm im zweiten Quartal aber auch die Kreditnachfrage der Unternehmen spürbar ab. Der Anteil der kleinen und mittleren Unternehmen, die mit Banken in Finanzierungsverhandlungen standen, sank um 1,7 Prozentpunkte auf 19,3 Prozent. Damit fiel das Kreditinteresse auf den tiefsten Stand seit dem vierten Quartal 2023, als die straffe Geldpolitik die Finanzierungsnachfrage im Mittelstand dämpfte.

Auch das Interesse der Großunternehmen fiel erneut unterdurchschnittlich schwach aus. Nur 27,5 Prozent von ihnen führten in den vorangegangenen drei Monaten ein Kreditgespräch mit ihrer Bank, ein Minus von 1,1 Prozentpunkten zum Vorquartal. „Der Rückgang der Kreditnachfrage dürfte vor allem darauf zurückzuführen sein, dass der Iran-Krieg mit seinen Auswirkungen auf Energiepreise und Lieferketten die Stimmung in den deutschen Unternehmen stark gedämpft hat“, sagt Dr. Dirk Schumacher.

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