12 westliche Staaten
Israel verurteilt Sanktionen aus Europa

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Tel Aviv – Der Druck auf Israel wegen der Siedlungspolitik im besetzten Westjordanland nimmt zu. Zwölf westliche Staaten haben angekündigt, den Handel mit Waren aus israelischen Siedlungen einzuschränken oder entsprechende Maßnahmen zu unterstützen. Israel reagierte scharf und kündigte seinerseits unter anderem diplomatische Schritte gegen Großbritannien an.

Großbritannien, Frankreich und Kanada wollen den Import von Waren aus israelischen Siedlungen im Westjordanland mit nationalen Regelungen untersagen. Weitere neun Staaten – Dänemark, Finnland, Island, Irland, Norwegen, Polen, Portugal, Spanien und Schweden – erklärten, ebenfalls nationale Beschränkungen einzuführen, europäische Maßnahmen zu unterstützen oder entsprechende Schritte zu prüfen.

Die zwölf Regierungen begründen ihren Vorstoß mit der Entwicklung im Westjordanland. In einer gemeinsamen Erklärung heißt es, das Vorgehen der israelischen Regierung untergrabe die Möglichkeit einer Zwei-Staaten-Lösung. Zugleich forderten die Staaten Israel auf, den weiteren Ausbau der Siedlungen und die Gewalt von Siedlern zu stoppen.

Israel reagiert mit Gegenmaßnahmen

Israel wies die Maßnahmen zurück. Außenminister Gideon Sa’ar bezeichnete das Vorgehen unter anderem als Einmischung in die Angelegenheiten Israels. Besonders scharf fiel die Reaktion auf Großbritannien aus.

Israel kündigte an, das britische Konsulat in Ostjerusalem zu schließen. Zudem sollen britische Vertreter aus einem internationalen Unterstützungszentrum für Gaza ausgeschlossen werden. Mehrere britische Politiker wurden mit Einreiseverboten belegt. Auch britische Teams, die palästinensische Sicherheitskräfte im Westjordanland ausbilden, sollen das Land verlassen.

Die Maßnahmen markieren damit nicht nur einen Streit über Handelsfragen, sondern eine weitere Verschärfung der Beziehungen zwischen Israel und mehreren seiner westlichen Partner.

Yedioth Ahronoth sieht diplomatischen Rückschlag

Die israelische Zeitung Yedioth Ahronoth bewertet die Entwicklung als diplomatischen Rückschlag und als erhebliches Versagen der Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu. Besonders problematisch sei aus israelischer Sicht, dass die Staaten nicht auf eine gemeinsame EU-Entscheidung warteten, sondern zunehmend eigene nationale Regelungen verfolgen.

Innerhalb der Europäischen Union war seit Monaten keine Einigung auf gemeinsame Handelsbeschränkungen gegen Produkte aus israelischen Siedlungen zustande gekommen. Deshalb verlagert sich die Auseinandersetzung zunehmend auf die Ebene der einzelnen Staaten.

Einige Länder sind dabei bereits weiter. Die Niederlande haben entsprechende Maßnahmen beschlossen, deren Inkrafttreten laut Yedioth Ahronoth für den 22. September vorgesehen ist. Spanien hat bereits eine entsprechende gesetzliche Grundlage. Auch Luxemburg und Schweden arbeiten dem Bericht zufolge an eigenen Regelungen. Belgien hat entsprechende Pläne angekündigt, aber bislang noch keine Beschränkungen in Kraft gesetzt.

Sorge vor einem breiteren Boykott israelischer Waren

Nach Einschätzung des israelischen Blattes geht es bei den wirtschaftlichen Folgen allerdings um mehr als den vergleichsweise kleinen direkten Handel mit Siedlungsprodukten. In Israel wächst demnach die Sorge, dass europäische Unternehmen aus Angst vor rechtlichen Problemen oder zusätzlichem bürokratischem Aufwand künftig ganz auf den Einkauf israelischer Waren verzichten könnten.

Ein niederländischer Importeur könnte beispielsweise gezwungen sein, genau zu prüfen, ob ein Produkt aus Israel selbst oder aus einer Siedlung im Westjordanland stammt. Wer diese Prüfung vermeiden wolle, könnte stattdessen vollständig auf israelische Waren verzichten. Yedioth Ahronoth warnt deshalb vor einem möglichen „stillen, breiteren Boykott“, der über den eigentlichen Handel mit Siedlungsprodukten hinausgehen könnte.

Die wirtschaftlichen Beschränkungen treffen zunächst vor allem landwirtschaftliche Produkte wie Datteln, Zitrusfrüchte, Kräuter und Wein. Ihr unmittelbares Handelsvolumen ist im Verhältnis zu Israels gesamtem Exportgeschäft gering. Dennoch haben sie eine hohe politische Bedeutung. Reuters bewertet die Maßnahmen ebenfalls überwiegend als symbolisch, sieht darin aber ein weiteres Zeichen für die wachsende diplomatische Distanz zwischen Israel und Teilen seiner bisherigen westlichen Partner.

Als Hintergrund für den zunehmenden Druck werden neben dem Ausbau der Siedlungen auch die zunehmenden Angriffe israelischer Siedler auf Palästinenser genannt. Hinzu kommen umstrittene Äußerungen rechtsextremer Mitglieder der israelischen Regierung, darunter Finanzminister Bezalel Smotrich und der Minister für nationale Sicherheit Itamar Ben-Gvir. Nach Darstellung von Yedioth Ahronoth haben diese Entwicklungen den europäischen Forderungen nach Maßnahmen zusätzlichen politischen Rückenwind gegeben.

 


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Berlin
AfD-Spitzenkandidatin Brinker bekräftigt Punktesystem für Wohnungsvergabe

Berlin – Menschen, die schon länger in Berlin leben und in bestimmten Berufen arbeiten, sollen nach den Vorstellungen der AfD bei der Wohnungsvergabe bevorzugt werden. AfD-Spitzenkandidatin Kristin Brinker bekräftigte im rbb die Forderung nach einem Punktesystem für freie Wohnungen bei den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften.

Damit könne die Wohnungsvergabe gerechter gestaltet werden. Menschen, die für die Stadt arbeiten, kämen bislang „zu selten zum Zuge“, so die AfD-Spitzenkandidatin.

Als Kriterien für die Vergabe nannte Brinker, die Anzahl der Jahre, die jemand bereits in Berlin lebt, bestimmte Berufe, aber auch Sozialkriterien. „Wie genau man das Punktesystem in 100 Punkten gerade bei den Sozialkriterien noch aufstellt, das werden wir noch ausarbeiten“, räumte sie ein.

Das Prinzip sei, wer die meisten Punkte auf sich vereine, habe „am ehesten Anspruch auf eine Wohnung.“ Um die Herkunft der Menschen gehe es dabei nicht, erklärte sie.

Darüber hinaus setze sich die AfD für den Neubau von Wohnungen ein. Als weiteren Baustein der Wohnungsbaupolitik nannte Brinker Privatisierungen. Sie sprach sich dafür aus, Wohnungen aus dem Bestand der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften an Mieter zu verkaufen.

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NAZAS-Film
Rekord in Venedig: 25 Minuten Standing Ovation für Gaza-Dokumentation „NAZA“

Venedig – In Deutschland kaum vorstellbar: Bei den Filmfestspielen von Venedig hat die Gaza-Dokumentation „NAZA“ eine rund 25-minütige Standing Ovation erhalten. Der minutenlange Beifall im Stehen gilt als neuer Rekord in der Geschichte des renommierten Filmfestivals.

24 Militärangehörige sagen aus

Der 80-minütige Dokumentarfilm stammt von dem israelischen Regie-Duo Yuval Abraham und Rachel Szor. Das Werk basiert auf dreijährigen verdeckten Interviews mit 24 israelischen Soldaten und Geheimdienstoffizieren. In den Gesprächen schildern die Befragten die internen Prozesse bei der Zielauswahl sowie die Handhabung ziviler Opferquoten bei Luftangriffen im Gaza-Streifen.

Der Titel „NAZA“ bezieht sich auf ein hebräisches Militär-Akronym für zivile Begleitschäden. Die Aufnahmen entstand überwiegend nachts auf Dächern in Tel Aviv.

Die Informanten berichten detailliert über den Einsatz von KI-gestützten Zielsystemen. Diese Systeme wählen Ziele anhand massenhaft abgefangener Handydaten aus. Zudem wird thematisiert, wie zivile Opfer in Kauf genommen werden, wenn Angriffe bewusst nachts auf Wohnhäuser geflogen werden, während sich die Familien der Zielpersonen darin befinden.

Internationale Kooperation

Entstanden ist das Projekt in Zusammenarbeit mit dem britischen Guardian und dem Produzenten James Wilson. Als Executive Producer wirkte zudem der britische Regisseur Jonathan Glazer (The Zone of Interest) mit.

Mit der etwa 25-minütigen Ovation übertraf die Premiere den bisherigen Festivalrekord aus dem Vorjahr. Dieser lag bei rund 22 Minuten für das Gaza-Drama The Voice of Hind Rajab der tunesischen Regisseurin Kaouther Ben Hania. Der Film verarbeitet die Geschichte des sechsjährigen palästinensischen Mädchens Hind Rajab, das Anfang 2024 in Gaza-Stadt unter Beschuss geriet.

Das israelische Militär (IDF) wies Vorwürfe einer gezielten Tötungspolitik gegenüber Zivilisten im Vorfeld der Veröffentlichung zurück.

Anwältin übt scharfe Kritik an deutscher Haltung

Die Ereignisse in Venedig lösten auch in den sozialen Netzwerken Debatten über den Umgang der deutschen Kultur- und Politiklandschaft mit dem Nahostkonflikt aus. Die Rechtsanwältin Beate Bahnweg ordnete den Vorfall in einem viel beachteten Facebook-Beitrag kritisch ein.

Während weltweit in Politik, Medien und Kunst das Unrecht an den Palästinensern angeprangert werde, seien Szenen wie in Venedig in Deutschland „nicht vorstellbar“, so Bahnweg. Hierzulande träte sofort ein Bündnis aus Politik, Medien und Kultur zusammen, um dem Festival und den Künstlern Antisemitismus vorzuwerfen. Deutschland agiere in diesem Kontext als „Vorposten israelischer Politik in Europa“.

Weiter kritisierte die Juristin, dass die deutsche Politik es versäume, Kriegsverbrechen klar zu benennen, während gleichzeitig weiterhin Rüstungsgüter geliefert würden. Bahnweg verwies zudem auf die Praxis deutscher Gerichte, die Klagen gegen Waffenlieferungen stets als unzulässig abgewiesen hätten, ohne die völkerrechtliche Frage inhaltlich zu prüfen.

Zum Abschluss ihres Beitrags fand die Anwältin deutliche Worte für das internationale Auftreten der Bundesrepublik: „Deutschland hat internationale fertig!“

Ausführlichere Einblicke in die juristischen Argumente bezüglich der Klagen gegen Rüstungsexporte bietet dieser Beitrag: Berliner Arzt mit Eltern in Gaza klagt gegen Waffenlieferungen an Israel. Das Video zeigt Rechtsanwältin Beate Bahnweg im Interview über die rechtlichen Hintergründe und die Verfahren vor deutschen Gerichten.


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Künstliche Intelligenz
KI-Boom auf Pump: Versteckte Tech-Schulden erreichen 2,6 Billionen Dollar

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Hamburg – Der weltweite KI-Boom wird zunehmend durch Schulden und langfristige Verpflichtungen finanziert. Eine neue Studie des weltweit führenden Kreditversicherers Allianz Trade zeigt, dass die acht führenden US-Technologiekonzerne ihre langfristige Verschuldung binnen eines Jahres um 86 Prozent erhöht haben.

Gleichzeitig stiegen ihre außerbilanziellen Verpflichtungen, vor allem für Rechenzentren, Energieversorgung und KI-Infrastruktur, binnen eines Jahres von 573 Milliarden US-Dolar (USD) auf rund 2,6 Billionen USD.

Werden diese bislang nur teilweise sichtbaren Verpflichtungen berücksichtigt, erhöht sich die Schuldenlast der Unternehmen im Durchschnitt um fast 150 Prozent. Die modellierte Kreditqualität verschlechtert sich dadurch um ein bis zwei Ratingstufen.

„Die Tech-Branche hat den Eisberg bislang umfahren, doch die Navigation wird schwieriger“, sagt Alexander Hirt, Head of Public Equity and Credit bei Allianz Research. „Die eigentliche Entwicklung findet allerdings unter der Wasseroberfläche statt: Verpflichtungen, die heute noch nicht in den Bilanzen erscheinen, werden in den kommenden Jahren schrittweise zu tatsächlichen Verbindlichkeiten.“

Risiko liegt weniger im Ausfall der Anleihen als in sinkenden Marktwerten

Die Kreditmärkte haben auf die Entwicklung bereits reagiert: Die Risikoprämien großer Technologieunternehmen haben sich innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. Die Allianz Trade Studie sieht darin jedoch erst eine teilweise Berücksichtigung der steigenden Verpflichtungen, die sogenannten Spreads, also der Abstand zwischen Anleihepreisen und Renditen, können sich noch weiter ausweiten. Steigende Spreads signalisieren eine höhere Risikowahrnehmung der Anleger. Kreditanleger partizipieren nicht an möglichen Gewinnen aus KI sondern tragen das Risiko – bei noch relativ geringen Risikoprämien..

Für die deutsche Wirtschaft sind die Ergebnisse relevant, da viele Unternehmen auf die Infrastruktur der großen US-Technologieanbieter angewiesen sind und selbst milliardenschwere KI-Investitionen planen.

„Neben klassischen Schulden müssen Investoren bei der Risikoanalyse auch langfristige Infrastruktur- und Lieferverträge stärker im Auge behalten“, sagt Hirt. „Trotz der steigenden Belastungen bleibt das unmittelbare Ausfallrisiko der Tech-Unternehmen gering. Das größere Risiko liegt in einer fortgesetzten Spread-Ausweitung und damit einer schrittweisen Neubewertung der Bonität durch die Kapitalmärkte.“

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Geschichte
Historiker Çayır: „Die Türken sind Erben der Skythen“

Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır

Die Geschichte der Türken beginnt nicht erst mit ihrer Ankunft in Anatolien im Mittelalter. Ihre Wurzeln reichen tief in die eurasische Welt zurück. Zu diesem historischen Erbe gehören vor allem die Skythen und Saken, deren Kultur sich von Zentralasien und dem Altai über die großen Steppen bis zum Schwarzen Meer, zum Kaukasus und nach Anatolien erstreckte.

Eine Kultur von Anatolien bis zum Altai

Die Skythen waren Reiter der eurasischen Welt. Pferdezucht, Bogen, bewegliche Lebensweise, Kurgane, Tierstil, Teppichkunst und eine enge Beziehung zur Natur prägten ihre Kultur. Viele dieser Elemente begegnen später auch in den Kulturen türkischer Völker.

Besonders eindrucksvoll zeigt dies der Altai. Die Funde aus den Kurganen von Pazyryk haben Textilien, Pferdegeschirr, Kleidung und Kunstwerke einer alten Steppenkultur bewahrt. Der berühmte Pazyryk-Teppich steht dabei geradezu sinnbildlich für die hohe Kultur dieser Welt. Wer die späteren türkischen Kulturen Zentralasiens und Anatoliens betrachtet, erkennt einen Kulturraum, der nicht an heutigen Staatsgrenzen endet. Die Türken sind Erben dieser Welt.

Die Skythen in Anatolien

Dabei gehört auch Anatolien selbst zur alten Geschichte der eurasischen Reitervölker. Skythische Gruppen überschritten den Kaukasus und gelangten im 7. Jahrhundert v. Chr. nach Vorderasien und Anatolien. Sie standen mit den dortigen Reichen und Völkern in Krieg, Bündnis und kulturellem Austausch. Damit reicht die Verbindung zwischen der eurasischen Steppe und Anatolien weit vor die Seldschuken zurück.

Anatolien war niemals eine von Zentralasien abgeschlossene Welt. Über Kaukasus, Schwarzes Meer und Iran bestanden seit frühester Zeit Verbindungen zu den großen eurasischen Wanderungs- und Kulturräumen.

Skythen, Griechen und Amazonen

Auch die griechischen Überlieferungen bewahrten die Erinnerung an diese Welt. Besonders deutlich wird dies bei den Amazonen, die in den griechischen Erzählungen mit dem Schwarzmeerraum und Anatolien verbunden werden.

Herodot erzählt von der Begegnung der Amazonen mit den Skythen. Die kriegerischen Frauen verbanden sich nach seiner Darstellung mit skythischen Männern und führten ihre Reiter- und Kriegstradition weiter.

Bemerkenswert ist, dass die Archäologie tatsächlich bewaffnete Frauen in Gräbern skythischer und verwandter Steppenkulturen nachgewiesen hat. Hinter dem griechischen Bild der Amazonen stand somit eine reale eurasische Welt, in der Frauen reiten, jagen und Waffen tragen konnten.

Skythen und Griechen waren keine Bewohner zweier vollkommen getrennter Welten. Sie begegneten einander am Schwarzen Meer und in Anatolien. Gerade hier verbanden sich Steppe, Kaukasus, Anatolien und Mittelmeer.

Die türkische Fortsetzung

Jahrhunderte später tragen die Türken viele Grundzüge dieser eurasischen Kultur weiter.

Das Pferd bleibt Mittelpunkt des Lebens. Reiter und Bogenschütze werden zu bestimmenden Gestalten. Tierdarstellungen und geometrische Ornamente ziehen sich durch die Kunst. Teppich- und Textiltraditionen erreichen bei türkischen Völkern eine neue Blüte. Die politische Kultur bleibt über weite Räume beweglich und verbindet unterschiedliche Stämme und Völker unter großen Herrschaftsverbänden.

Mit den Göktürken erhält diese Welt schließlich einen Namen, der bis heute fortlebt: Türk.

Die alttürkischen Inschriften der Mongolei und Sibiriens zeigen eine hochentwickelte politische und geistige Kultur. Himmel, Erde, Mensch, Volk und Herrschaft werden dort als Teile einer großen Ordnung verstanden. Auch darin lebt die eurasische Welt fort, die schon lange vor den Göktürken bestanden hatte.

Die Erben der Skythen

Die Verbindung zwischen Skythen und Türken liegt deshalb nicht in einem einzelnen Gegenstand und nicht in einer einzelnen Quelle. Sie liegt in einem ganzen Kulturraum.

Vom Altai über Zentralasien und das Schwarze Meer bis nach Anatolien begegnen über Jahrhunderte hinweg verwandte Formen eurasischen Lebens. Völker verändern ihre Namen, Reiche entstehen und verschwinden, Bevölkerungen verbinden sich miteinander. Der Kulturraum aber lebt weiter.

Die Türken haben dieses Erbe nicht nur übernommen. Sie haben es weiterentwickelt und über einen noch größeren Raum getragen.

Deshalb gehört Anatolien nicht erst seit dem Mittelalter zur eurasischen Geschichte der Türken. Schon Jahrhunderte zuvor hatten die Skythen als Vertreter jener älteren eurasischen Kultur Anatolien erreicht und dort mit den Völkern der Region gelebt, gekämpft und Spuren hinterlassen.

Skythen und Türken stehen damit in einer langen eurasischen Traditionslinie. Die Türken sind die großen Erben dieser alten Steppenwelt – einer Welt, die vom Altai bis nach Anatolien reichte.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor

Çağıl Çayır hat sich als Kölner Geschichtsstudent auf historisch-vergleichende Kulturwissenschaft und Wissenschaftsgeschichte spezialisiert und studiert aktuell Philosophie im Master an der Universität Wuppertal. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Wissenschaftstheorie und Seinsphilosophie. Seine Arbeiten erscheinen international in renommierten Fach- und Populärmedien.Er engagiert sich wissenschaftlich wie gesellschaftlich für eine intellektuelle Völkerverständigung. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Bonn sowie Gründer der Kultur-Akademie Çayır und der Çayır Kultur Akademisi auf YouTube.Seine größte Weisheit lautet: „Liebe ist die Lektion der Geschichte.“


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Künstliche Intelligenz
Google: Türkischer KI-Experte übernimmt Führung von Gemini

Mountain View – Der türkische KI-Experte Koray Kavukcuoglu übernimmt eine der wichtigsten Führungspositionen bei Google DeepMind.

Als Senior Vice President soll er künftig die Entwicklung der Gemini-Modelle, die KI-Grundlagenforschung sowie die Gemini-App und die Entwicklerteams verantworten. Google-Chef Sundar Pichai bezeichnete Kavukcuoglu als weltweit renommierten KI-Experten.

Kavukcuoglu übernimmt zentrale Verantwortung für Gemini

Die Personalentscheidung ist Teil einer Neuordnung an der Spitze von Google DeepMind. Kavukcuoglu war bislang Chief Technology Officer von Google DeepMind und zugleich Chief AI Architect von Google. In seiner neuen Funktion als SVP berichtet er direkt an Alphabet-Chef Sundar Pichai.

Zu seinen Aufgaben gehören die Entwicklung der Gemini-Modelle, die sogenannte Frontier-AI-Forschung sowie die Führung der Gemini-App- und Entwicklerteams. Google setzt damit auf einen Manager, der die technische Entwicklung von DeepMind seit vielen Jahren mitgeprägt hat.

Kavukcuoglu arbeitet seit 13 Jahren bei DeepMind. Dort gründete er unter anderem das Deep-Learning-Team und war an wichtigen Entwicklungen wie DQN (Deep Q-Network) und WaveNet beteiligt. Pichai erklärte, Google DeepMind sei mit Kavukcuoglu „in guten Händen“.

Die Bedeutung der Aufgabe zeigt sich auch an der aktuellen Nutzung der Google-KI: Die Gemini-App hat laut Google inzwischen mehr als 950 Millionen monatlich aktive Nutzer. Gleichzeitig arbeitet das Unternehmen bereits an der nächsten Modellgeneration, darunter Gemini 4.

Vom türkischen Ingenieur zum KI-Manager bei Google

Kavukcuoglu wurde in der Türkei geboren und studierte zunächst Luft- und Raumfahrttechnik an der Technischen Universität des Nahen Ostens (ODTÜ/METU) in Ankara. Anschließend wechselte er an die New York University, wo er Informatik studierte und promovierte. Während seiner Promotion arbeitete er mit dem renommierten KI-Forscher Yann LeCun zusammen.

2012 wechselte Kavukcuoglu zu DeepMind. Zuvor war er unter anderem bei NEC Laboratories America tätig. Im Laufe seiner Karriere entwickelte er sich zu einem der zentralen technischen Köpfe des Unternehmens. 2025 ernannte Pichai ihn zusätzlich zum ersten Chief AI Architect von Google. In dieser Funktion sollte Kavukcuoglu unter anderem die Integration der Gemini-Modelle in die verschiedenen Google-Produkte vorantreiben.

Hassabis konzentriert sich auf AGI und Forschung

Mit der Neuordnung verändert sich auch die Rolle von Demis Hassabis, einem Mitgründer von DeepMind. Er wird künftig Chairman von Google DeepMind und Chief Scientist von Alphabet. Gleichzeitig bleibt er Chef des Alphabet-Unternehmens Isomorphic Labs. 

Hassabis will sich stärker auf die langfristige Entwicklung der Artificial General Intelligence (AGI) und auf wissenschaftliche Entdeckungen konzentrieren. Die operative Führung von Google DeepMind übergibt er damit an Kavukcuoglu.

Google hatte Google Brain und DeepMind 2023 zu Google DeepMind zusammengeführt. Die Einheit entwickelt unter anderem die Gemini-Modellfamilie, die inzwischen in zahlreiche Google-Angebote integriert ist.

Sachsen-Wahlen
US-Kommentatorin Hernandez – Darf ich vorstellen: Alice Weidel

Ein Gastkommentar von Mariana Hernandez

Am Sonntag holte ihre Partei in einem deutschen Bundesland fast 44 Prozent. Sie führte ihren Wahlkampf mit einer Deportations- und Remigrationsoffensive – ihre Worte: Remigration. So nennt man eine Massenausweisung, wenn es nach einem Reise arrangement klingen soll.

Punkt sieben desselben Hundert-Tage-Plans sieht vor, die Regenbogenflagge aus Schulen zu verbannen. Denn laut Weidel und ihrer Partei geht es dabei gar nicht um die Rechte von Homosexuellen, sondern um die Entwertung der Familie und der traditionellen gesellschaftlichen Normalität. Schulen sollten den Kindern stattdessen das richtige Modell vorleben: Ein Mann, eine Frau und die Kinder, die aus dieser Verbindung hervorgehen.

Der deutsche Verfassungsschutz stuft genau diesen Landesverband als gesichert rechtsextremistisch ein. Es gibt eine Akte darüber. Irgendjemand hat den Job, sie auf dem neuesten Stand zu halten.

Und nun zur Entwertung der Familie.

Die Erfindung der „gesellschaftlichen Normalität“

Alice Weidel ist lesbisch. Seit 2009 lebt sie mit derselben Partnerin zusammen – einer in Sri Lanka geborenen Filmproduzentin, die als Kind von einem Schweizer Ehepaar adoptiert wurde. Sie haben zwei Söhne. Sie ziehen die Kinder in einem Schweizer Dorf groß, während Weidel weiterhin einen Wohnsitz in Deutschland hat – damit sie in dem Land, das sie draußen gerade rettet, wählen und Steuern zahlen kann.

Das ist der Haushalt. Das ist die Flagge. Das ist die Entwertung der traditionellen gesellschaftlichen Normalität – um in den Worten ihrer eigenen Partei zu sprechen –, die draußen vor den Toren Zürichs ihre Wäsche aufhängt.

Ihre Partei hat außerdem dafür gestimmt, die Definition „Vater, Mutter, Kinder“ als offizielle Familienform ins Parteiprogramm aufzunehmen. Weidel sah sich diese Formulierung an, blickte in ihre eigene Küche – und unterschrieb sie trotzdem. Eine bemerkenswerte Fokussierung. Ich muss immer wieder an diese Küche denken. Ich weiß nicht, warum ausgerechnet dieser Teil hängenbleibt.

Wenn genau dieser Haushalt morgen mit einem anderen Nachnamen und ohne Geld an der deutschen Grenze stünde, würde das Parteiprogramm, das sie unterschrieben hat, am Schalter auf sie warten. Wenn sie es tut, ist es privat. Wenn Sie es tun, ist es eine Invasion.

Der Großvater und das Gericht von Warschau

Und dann ist da noch der Großvater.

Hans Weidel trat der NSDAP und der SS bei, noch bevor Hitler an der Macht war – ein Detail, das in der Berichterstattung immer wieder untergeht. Es bedeutet nämlich, dass er nicht eingezogen wurde. Er war früh dabei, als es noch ein Aufnahmeverfahren gab.

Danach verbrachte er vier Jahre als Militärrichter im besetzten Warschau. 1944 unterzeichnete Hitler persönlich das Dokument, das ihn zum Chef richter dieses Gerichts machte. Hitlers eigene Unterschrift bekommt man nicht einfach dafür, dass man pünktlich erscheint und die Stempel ordentlich sortiert.

Nach dem Krieg wurde wegen der Erschießung von zwanzigtausend Menschen gegen ihn ermittelt. Die Ermittlungen wurden eingestellt. Nicht genügend Dokumente. Zwanzigtausend. Und das offizielle Problem war die Aktenführung. Natürlich war es das.

1948 sitzt er dann vor der Spruchkammer zur Entnazifizierung und schwört Stein und Bein, er habe von nichts etwas mitbekommen. Nicht von der SS, nicht von den Juden, nicht von dem Gebäude, in das er vier Jahre lang jeden Morgen hineinspaziert ist. Ein Richter, der auf Unwissenheit plädiert – ausgerechnet die Verteidigung, die er vier Jahre lang aus seinem eigenen Gerichtssaal gefegt hatte. Sie kauften es ihm ab. Natürlich taten sie das.

Und wie landete diese Familie überhaupt erst in Deutschland? Sie flohen. Im Mai 1945 aus Schlesien, mit nichts in den Händen, hinein in ein Land, das in Trümmern lag. Kein Essen, kein Dach über dem Kopf, nichts, was man irgendjemandem hätte geben können. Deutschland nahm sie auf.

Das Wort ihrer Enkelin dafür lautet heute Remigration – und sie ist dagegen. Den Teil mit der Flucht erzählt sie übrigens selbst. Im Fernsehen. Immer und immer wieder. Sie sagt allerdings auch, sie habe den Mann nie gekannt. Sie war sechs, als er starb, es gab Familienstreitigkeiten, niemand sprach darüber.

Schön und gut. Niemand setzt einen Erstklässler hin für das Gespräch über den Nazi-Opa. Aber sie weiß, dass sie aus Schlesien flohen. Sie weiß das Jahr, sie weiß die Richtung. Jemand an diesem Esstisch hat ihr das Jahr 1945 so detailliert geschildert, dass sie es vierzig Jahre später unter dem Studiolicht immer noch aufführen kann. Die Geschichte stoppt nur exakt an dem Punkt, an dem sie aufhört, nützlich zu sein.

Geschichten am Esstisch

Ich habe meine Großmutter auch nie kennengelernt. Das heißt aber nicht, dass ich die Geschichten nicht kenne. Sie kam als kleines Mädchen mit ihren Eltern auf einem Schiff in Brasilien an. Die Version, die wir am Tisch immer zu hören bekamen, war, dass sie sich einmal umsah, zum ersten Mal in ihrem Leben Schwarze Menschen sah und ohnmächtig wurde. Als sie wieder zu sich kam, fragte sie ihren Vater, wo zur Hölle er sie da hingebracht habe.

Früher haben die Leute über die Ohnmacht gelacht. Die Geschichte wurde an jedem Feiertag erzählt. Erzählen Sie mir also nicht, dass die Familie von nichts wusste. Solche Geschichten kommen heraus. Jemand erzählt einem immer, woher man kommt und was die Leute vor einem dachten, als sie dort ankamen. Man entscheidet danach nur selbst, was man daraus macht.

Ich bin den einen Weg gegangen. Sie den anderen.

Und als er es sich erst einmal gemütlich gemacht hatte, eröffnete der Großvater eine Anwaltskanzlei und verbrachte Jahre damit, Anträge zu stellen, um seinen schlesischen Besitz zurückzubekommen. Recht auf Rückkehr. Rückerstattung. Ansprüche, Dokumente, der gesamte Apparat. Der Mechanismus funktioniert also. Er funktioniert sogar wunderbar. Er funktioniert hervorragend, wenn er selbst den Stift in der Hand hält.

Freibier und die Abschaffung der Schuld

Dann Elon Musk. Im Januar 2025 gibt er ihr einen Livestream, und sie erklärt der Weltöffentlichkeit, Hitler sei ein Kommunist gewesen – und niemand in der Schalte verliert auch nur ein Wort darüber. Die gesamte Geschichtswissenschaft entwickelte plötzlich ein spontanes Interesse an der Zimmerdecke.

Zwei Wochen später prangt er auf einer leinwandgroßen Fläche vor 4.500 ihrer Anhänger und erklärt den Deutschen, sie seien zu fixiert auf vergangene Schuld; Kinder sollten nicht das tragen müssen, was ihre Urgroßeltern getan haben. In Halle. Ausgerechnet dort, wo 2019 ein rechtsextremer Attentäter an Jom Kippur die Synagoge überfiel.

Er verkaufte in diesem Raum keine Einwanderungspolitik. Er verteilte Absolutionen, um sich nicht länger schlecht zu fühlen – der reichste Mann der Welt, zugeschaltet aus Texas, der einem gefüllten Saal in dieser Stadt erzählt, dass die Vergangenheit nicht ihre Last sei. Im Namen von Toten, die irgendwie nie die Gelegenheit hatten, über ihren Sprecher abzustimmen. Die Leute standen auf und jubelten ihm zu, als hätte er Freibier und die Abschaffung der Schuld verkündet.

Irgendjemand da drin hatte einen Großvater mit einem verdammt guten Anwalt.

Kein deutsches Einzelfallphänomen

Und das, was mich daran wirklich trifft, ist, dass das kein rein deutsches Phänomen ist. Im Dezember wählt Chile José Antonio Kast mit 58 Prozent – mit dem Versprechen, Hunderte von Tausenden Migranten rauszuwerfen. Journalisten recherchieren und finden die NSDAP-Mitgliedskarte seines in Deutschland geborenen Vaters. Kast sagt, der Mann sei eingezogen worden. Er hatte keine Wahl.

Es ist immer dieser eine Satz. Niemandes Vater hat sich freiwillig gemeldet, niemandes Großvater war dabei, die Uniform fiel einfach so vom Himmel auf einen Mann, der nur seine Ruhe haben wollte. Acht Millionen Parteimitglieder, und anscheinend wollte nicht ein einziger von ihnen dort sein. Ein Wunder der unfreiwilligen Personalbeschaffung.

Aber sehen Sie sich an, was Kasts Vater als Nächstes tut. Er steigt auf ein Schiff. Überquert einen Ozean. Betritt ein Land, dessen Sprache er nicht spricht, in dem ihm niemand viele Fragen stellt, baut sich am Fuße der Anden ein komplettes Leben auf und zieht dort seine Kinder groß. Chile hat ihn reingelassen. Sein Sohn will diese Tür nun zuschweißen – und 58 Prozent des Landes sagten: Klingt gut.

Ihr Großvater kam davon, weil die Dokumente verschwanden. Sie kommt davon, weil es niemand laut ausspricht. Und der reichste Mann des Planeten verteilte den Freifahrtschein per Videoschalte. Ohne Antrag, ohne Gespräch, ohne Warteliste. Erstaunlich, wie schnell der Prozess plötzlich abgewickelt werden kann, wenn die richtigen Leute darum bitten.

Nur Papierkram

Die Familien, die entkommen sind, behielten den Namen, das Haus, die Anwaltskanzlei und die Enkelkinder, die heute ins Fernsehen gehen und die verkürzte Version erzählen. Diejenigen, die nicht entkommen sind, bekamen einfach eine Nummer.

Jetzt zeichnen die Söhne und Enkel derer, die entkommen sind, wieder Listen. Nichts Persönliches, sagen sie. Nur Papierkram.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zur Autorin

Mariana Hernandez ist US-Autorin und veröffentlicht politische Analysen und Kommentare auf ihrer Plattform „Not Saints Not Saviors“.


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Türkologie
300 Jahre Strahlenberg – Der deutschstämmige Vater der Türkologie

Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır

Vor 300 Jahren, im Jahr 1726, veröffentlichte Philipp Johann von Strahlenberg seinen „Vorbericht“ zu einem großen Werk über die nördlichen und östlichen Teile Europas und Asiens. Der aus Stralsund stammende deutschstämmige Offizier und Forschungsreisende in schwedischen Diensten wurde damit zu einem entscheidenden Wegbereiter der modernen Türkologie.

Aufgrund seiner Forschungen zu den türkischen Sprachen, seiner vergleichenden Sprachstudien und seiner frühen Bekanntmachung der alttürkischen Inschriften kann er als „Vater der Türkologie“ bezeichnet werden.

Strahlenberg wurde 1676 als Philipp Johann Tabbert in Stralsund geboren, das damals zu Schwedisch-Pommern gehörte. Nach der schwedischen Niederlage bei Poltawa 1709 geriet er in russische Kriegsgefangenschaft und verbrachte viele Jahre in Sibirien. Was als Folge eines Krieges begann, entwickelte sich zu einer Forschungsreise von bleibender Bedeutung.

Gemeinsam mit dem deutschen Naturforscher Daniel Gottlieb Messerschmidt erforschte Strahlenberg den eurasischen Raum. Messerschmidt kommt bei der wissenschaftlichen Entdeckung der alttürkischen Inschriften am Jenissei eine zentrale Rolle zu. Strahlenberg wiederum brachte die Nachricht von diesen Schriftdenkmälern und ihre Abbildungen nach Europa und machte sie einem größeren gelehrten Publikum bekannt.

Türkische Sprachen im Vergleich mit Europa

Strahlenbergs Bedeutung für die Türkologie reicht jedoch weit über die Inschriften hinaus. Er sammelte und verglich zahlreiche Sprachen Eurasiens. Dabei nahmen die damals häufig als „tatarisch“ bezeichneten türkischen Sprachen eine bedeutende Stellung ein. Er stellte Wörter verschiedener Sprachen nebeneinander und suchte nach sprachlichen und historischen Verwandtschaften zwischen den Völkern Europas und Asiens.

Damit gehörte Strahlenberg zu den frühen Forschern, die die türkischen Sprachen nicht als isolierte Erscheinung betrachteten, sondern in einen weitgespannten eurasischen Vergleich einbezogen. Seine Arbeiten entstanden lange vor der Ausbildung der modernen vergleichenden Sprachwissenschaft und müssen daher aus dem wissenschaftlichen Horizont des frühen 18. Jahrhunderts verstanden werden.

Besonders bemerkenswert sind die historischen Folgerungen, die Strahlenberg aus solchen Vergleichen zog. Er beschäftigte sich mit möglichen alten Verbindungen zwischen europäischen und asiatischen Völkern und vertrat unter anderem die Auffassung, dass Türken und Franken miteinander verwandt seien. Sprachvergleich war für ihn deshalb zugleich ein Mittel zur Rekonstruktion einer sehr viel älteren gemeinsamen Geschichte Eurasiens.

Odin und der eurasische Norden

Auch die Herkunft der nordischen Völker betrachtete Strahlenberg in diesem großen eurasischen Zusammenhang. Dabei griff er ältere Überlieferungen über die asiatische Herkunft Odins auf und verband sie mit seinen eigenen geografischen und historischen Beobachtungen. In seiner Darstellung erscheint Odin als eine aus dem sibirisch-asiatischen Raum nach Europa gekommene Gestalt.

Strahlenberg dachte die Geschichte Europas nicht ausschließlich aus Europa heraus. Er suchte ihre ältesten Zusammenhänge weit im Osten und bezog Sibirien und die türkischen Völker in die Frage nach den Ursprüngen europäischer Geschichte ein.

Die alttürkischen Inschriften

Die Tragweite der von Messerschmidt und Strahlenberg dokumentierten Schriftdenkmäler zeigte sich erst später. Im 19. Jahrhundert wurden in der Mongolei die großen Orchoninschriften bekannt. 1893 gelang Vilhelm Thomsen die Entzifferung der alttürkischen Schrift.

Damit wurde endgültig deutlich, welch bedeutende Schriftkultur hinter jenen Zeichen stand, die bereits im frühen 18. Jahrhundert in Sibirien wissenschaftliche Aufmerksamkeit gefunden hatten.

Strahlenberg selbst betrachtete die außergewöhnlichen Umstände seiner Forschungen als eine Fügung der göttlichen Vorsehung. Aus Kriegsgefangenschaft und jahrelanger Entfernung von seiner Heimat war eine wissenschaftliche Arbeit hervorgegangen, deren Wirkung weit über sein eigenes Leben hinausreichte.

300 Jahre später

Der 300. Jahrestag seines „Vorberichts“ von 1726 bietet Anlass, Strahlenbergs Stellung in der Wissenschaftsgeschichte neu zu betrachten. Die moderne Türkologie entstand nicht an einem einzigen Tag.

Doch Strahlenberg vereinte bereits früh wesentliche Elemente, die sie später prägen sollten: die Erforschung türkischer Sprachen, den Sprachvergleich, die Beschäftigung mit Geschichte und Geografie der Turkvölker sowie die Bekanntmachung ihrer ältesten Schriftdenkmäler.

Zugleich steht sein Werk für einen Blick auf Europa und Asien, der beide Räume nicht grundsätzlich voneinander trennte. Seine Überlegungen zur Verwandtschaft von Türken und Franken und zur Herkunft Odins zeigen wie konsequent Strahlenberg nach gemeinsamen sprachlichen und historischen Wurzeln Eurasiens suchte.

Dreihundert Jahre nach seinem „Vorbericht“ ist es deshalb an der Zeit, Philipp Johann von Strahlenberg wiederzuentdecken: den deutschstämmigen Forscher aus Stralsund und „Vater der Türkologie“.


Zum Autor

Çağıl Çayır hat sich als Kölner Geschichtsstudent auf historisch-vergleichende Kulturwissenschaft und Wissenschaftsgeschichte spezialisiert und studiert aktuell Philosophie im Master an der Universität Wuppertal. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Wissenschaftstheorie und Seinsphilosophie. Seine Arbeiten erscheinen international in renommierten Fach- und Populärmedien.Er engagiert sich wissenschaftlich wie gesellschaftlich für eine intellektuelle Völkerverständigung. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Bonn sowie Gründer der Kultur-Akademie Çayır und der Çayır Kultur Akademisi auf YouTube.Seine größte Weisheit lautet: „Liebe ist die Lektion der Geschichte.“


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Islamische Gemeinde Penzberg
Penzberg: Imam Benjamin Idriz erhält Schreiben mit „NSU 2.0“-Bezug

Penzberg – Nach mehreren islamfeindlichen Schmierereien in Penzberg ist es zu einem weiteren Vorfall gekommen. Imam Benjamin Idriz hat nach eigenen Angaben ein anonymes Schreiben mit antimuslimischer Hetze und dem Schriftzug „NSU 2.0“ erhalten. Am Donnerstag informierte er die Polizei. Nach Angaben des Imams ging das Schreiben nicht nur an ihn, sondern auch an weitere Persönlichkeiten in Penzberg.

Idriz veröffentlichte am Donnerstag ein Video, in dem er den Inhalt des erhaltenen Pakets zeigt. Zu sehen sind mehrere Schreiben mit beleidigenden und gegen Muslime gerichteten Aussagen sowie Abbildungen. Auf einem der Blätter findet sich der Schriftzug „NSU 2.0“.

Der Begriff hat in Deutschland eine besondere Vorgeschichte. Unter dem Kürzel „NSU 2.0“ wurden ab 2018 zahlreiche rechtsextreme Droh- und Hassschreiben verschickt. Betroffen waren unter anderem Politiker, Journalisten, Anwälte und andere Personen des öffentlichen Lebens. 2022 wurde ein Mann wegen einer Serie von mehr als 80 Drohschreiben verurteilt.

Idriz: „Heute haben wir die Polizei informiert“

„Ein anonymer Brief mit falscher Absenderadresse, voller Beleidigungen, Hass und Hetze gegen Muslime, wurde nicht nur mir, sondern auch anderen Persönlichkeiten in Penzberg zugestellt“, erklärte Idriz zu dem Vorfall.

Die Polizei sei inzwischen informiert worden. Wer hinter dem Schreiben steckt und ob es einen Zusammenhang zu den früheren Vorfällen in Penzberg gibt, ist derzeit nicht bekannt.

Idriz warnt zugleich davor, solche Fälle als bloße Randerscheinung abzutun. Der Hass gegen den Islam sowie gegen Musliminnen und Muslime nehme spürbar zu. Die Statistiken zu antimuslimischen Straftaten und Anfeindungen seien alarmierend, so der Imam.

Besonders deutlich kritisierte Idriz das aus seiner Sicht fehlende öffentliche Signal demokratischer Parteien. Wer sich zu Recht gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus und andere Formen der Menschenfeindlichkeit stelle, müsse mit derselben Entschlossenheit auch gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit auftreten.

„Hass darf nicht erst dann ernst genommen werden, wenn aus Worten Taten werden“, schrieb Idriz.

Bereits mehrfach islamfeindliche Vorfälle in Penzberg

Der neue Vorfall folgt auf eine Reihe von Angriffen auf Hinweistafeln in Penzberg. Die Schilder weisen neben christlichen Gottesdiensten auch auf das muslimische Freitagsgebet hin und waren innerhalb weniger Wochen mehrfach mit Farbe beschmiert worden.

Bei einem der Vorfälle war nach Angaben des Bayerischen Rundfunks zudem das Symbol der rechtsextremen Kleinstpartei „Der III. Weg“ auf einem Schild zu sehen. Die Kriminalpolizei ermittelt in den Fällen.

Bereits vor der ersten Schmiererei hatte Idriz nach eigenen Angaben zahlreiche hasserfüllte Beiträge und Drohungen in sozialen Netzwerken registriert. Darunter habe sich auch die Aussage befunden, das muslimische Hinweisschild werde bald „Geschichte“ sein.

Die wiederholten Angriffe lösten in Penzberg eine breite Solidaritätsbewegung aus. Rund 450 Menschen bildeten vor der Moschee eine Menschenkette. Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften, Bürgermeister und Stadträte beteiligten sich an der Aktion.

Idriz hatte sich bereits damals für Besonnenheit ausgesprochen und angekündigt, trotz der Angriffe am Dialog zwischen den Religionsgemeinschaften festzuhalten. Die große Solidarität der Penzberger Bevölkerung bezeichnete er als überwältigend.

Der nun bekannt gewordene Brief gibt dem Thema eine neue Dimension. Während sich die bisherigen Vorfälle vor allem gegen öffentliche Hinweistafeln richteten, wurde Idriz diesmal persönlich mit einem anonymen Schreiben konfrontiert, das nach seinen Angaben gezielt gegen Muslime hetzt und den Schriftzug „NSU 2.0“ trägt.

Idriz fordert deshalb eine klare Haltung gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit. Demokratie brauche eine Stimme gegen Hass – „ohne Ausnahme und ohne doppelten Maßstab“.

 


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Ein Gastkommentar von Çağıl Çayır

Unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier machte in seiner Festaktrede zum 60. Jubiläum des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens am 05. Oktober 2021 in Berlin nicht nur auf die besonderen Leistungen der türkischen „Gastarbeiter“ und deren Nachkommen aufmerksam, sondern verurteilte auch unsere eigene Vernachlässigung, Verachtung und Gewalt gegenüber Türken und anderen Einwanderern in Deutschland.

Dabei sprach er nicht nur von Einzelfällen, sondern von einem Grundproblem – „mitten in Deutschland, mitten in dieser Gesellschaft“:

Die niederträchtigen Morde des NSU, die Toten in Mölln und Solingen und Hanau, sie sind Opfer eines Hasses, der mitten in Deutschland, mitten in dieser Gesellschaft seine Wurzeln hat. Nach wie vor. Und deshalb sind wir alle, im Angesicht dieser Opfer, traurig, betroffen, auch wütend. Aber wir sind nicht ohnmächtig! Es ist die Pflicht des Staates, alle Menschen zu schützen. Fremdenhass ist Menschenhass. Und diesen Hass dürfen und werden wir in Deutschland niemals dulden!

Stimmen wir den mahnenden Worten unseres Bundespräsidenten zu und wollen ihnen folgen und das Problem der Türken- bzw. Fremden-feindlichkeit mitten in Deutschland, mitten in dieser Gesellschaft suchen und aufklären, dann stellt sich zunächst die Frage: Wo ist die „Mitte“ von Deutschland?

Die „Mitte“ dieser Gesellschaft? Dabei geht es nicht um ein fremdes Land oder eine fremde Gesellschaft, sondern um unser Land und unsere Gesellschaft – als Deutsche. Die Frage, die wir uns als Deutsche stellen müssen, lautet also: Wo ist unsere Mitte?

Wo ist unsere Mitte?

Dabei ist der Begriff „unsere“ ebenso doppeldeutig wie der Begriff „Mitte“. Beide Begriffe bedeuten sowohl eine Vielheit wie auch eine Einheit. „Unsere“ bedeutet eine Vielheit von verschiedenen Menschen, die gemeinsam eine Einheit bilden, zu der wir selbst zählen. In unserem Fall geht es um „unsere“ Viel-Einheit als die deutsche Gesellschaft – als das deutsche Volk.

„Mitte“ bedeutet „Punkt eines Ganzen, der von dessen äußerer Begrenzung überall gleich weit entfernt ist“. Zudem bedeutete „Mitte“ auch „Gruppe von Menschen“ – „Kreis“. Des Weiteren gibt es die seltene Verwendung des Wortes für „Taille“. Der Zusammenhang vom Mittelteil zum Ganzem liegt in allen Fällen offensichtlich vor.

Die „Mitte“ ist also etwas, das mit der äußeren Begrenzung des Ganzen zusammenhängt. Das Ganze sind wir – die Deutschen. Doch, wo ist unsere äußere Begrenzung? Diese müssen wir kennen, um unsere Mitte zu ermitteln.

Nun ist das Wort „Begrenzung“ ebenfalls ein mehrdeutiger Begriff. Denn das Wort bedeutet sowohl „Begrenzen“ als auch „Grenze, Eingrenzung“. Im übertragenen Sinn bedeutet es auch „Schranke“. Dabei bedeutet „Grenze“ nicht nur eine einfache Grenzlinie, die isoliert vom Ganzen ist, sondern immer eine Grenzmarkierung – eine Grenzmarke, die das Innere vom Äußeren trennt.

Auch die Wörter „unsere“ und „Mitte“ können eine übertragene Bedeutung haben – wie im „Vater unser“ oder „innere Mitte“, „Herz“, „Seele“, „Wesen“. Unsere Frage trägt also eine doppelte Doppeldeutigkeit in sich, die schon an der Beschreibung unseres Bundespräsidenten deutlich wird, wenn er „mitten in Deutschland“ und „mitten in dieser Gesellschaft“ synonym verwendet.

Denn es geht nicht nur um die politische, juristische und wirtschaftliche, sondern vor allem um die soziale Viel-Einheit von uns „Deutschen“. Doch allein politisch und juristisch lassen sich die Grenzen von Deutschland nicht eindeutig bestimmen. Es gibt Gebiete, wie im Obersee des Bodensees, wo die Bundesgrenze nicht durch Grenzsteine eindeutig markiert ist.

Zudem gibt es deutsche Inseln in der Ost- und Nordsee, die die Berechnung der deutschen Landesgrenze und damit auch der deutschen Landesmitte erschweren. Juristisch sind die Grenzen von Deutschland ebenfalls nicht nur auf unser Hoheitsgebiet beschränkt.

Denn deutsches Recht gilt auch in unseren exterritorialen Gebieten im Ausland, unseren Botschaften und Konsulaten sowie teilweise auch für unsere im Ausland lebenden Staatsbürger. Zugleich gilt das deutsche Recht auch für in Deutschland lebende und arbeitende Ausländer.

Daher sind die deutsche Politik und das deutsche Recht nicht nur auf Deutschland und Deutsche beschränkt. Wie können wir dann eine klare politische und juristische deutsche Grenze ziehen? Zudem sind Ausländer in Deutschland ebenfalls steuerpflichtig.

Das heißt die Steuereinnahmen in der Bundesrepublik, von der unsere öffentliche Hand lebt, stammen nicht nur von deutschen Staatsbürgern, sondern zu einem beträchtlichen Teil auch von Ausländern. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2014 teilt mit, dass Deutschland finanziell stark von Zuwanderung profitiert:

Die 6,6 Millionen Menschen ohne deutschen Pass sorgten 2012 für einen Überschuss von insgesamt 22 Milliarden Euro. Jeder Ausländer zahlt demnach pro Jahr durchschnittlich 3.300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben, als er an staatlichen Leistungen erhält. Das Plus pro Kopf ist in den vergangenen zehn Jahren um über die Hälfte gestiegen. Für einen weiteren Anstieg sind bessere Bildungspolitik und gesteuerte Zuwanderung die wichtigsten Voraussetzungen. (Ulrich Kober, 2014)

Folglich sind Deutschland und das deutsche Volk politisch, juristisch und wirtschaftlich eine offene Viel-Einheit verschiedener Gebiete und Menschen verschiedener Herkunft. Dabei leben die meisten Zuwanderer erst seit den 1960er Jahren in Deutschland – meist kamen sie als sogenannte „Gastarbeiter“.

Dagegen lebt die Mehrheit der Deutschen schon länger in Deutschland. Sie haben eine andere Geschichte als die meisten Zuwanderer, die in historischer Sicht vergleichsweise „neu“ nach Deutschland gekommen sind.

Denn die Zuwanderung ab den 1960er Jahren ist noch keine 100 Jahre her, während die Geschichte der Mehrheit der Deutschen im Wesentlichen schon weit über 1000 Jahre in dem heutigen deutschen Hoheitsgebiet verlief.

Dass heute Menschen mit verschiedenen Herkunftsgeschichten in der deutschen Bundesrepublik und der deutschen Gesellschaft vereint sind, bedeutet historisch gesehen eine Ausweitung – nicht nur der politischen und juristischen, sondern auch der intellektuellen Grenzen von Deutschland und der Deutschen. Es zählen nicht mehr nur diejenigen dazu, die gefühlt „schon immer“ hier gelebt haben, sondern auch diejenigen, die erst später aus anderen Ländern und Gesellschaften hierhergezogen sind.

Bekanntlich war lange Zeit der historische Unterschied zwischen „Einheimischen“ und „Einwanderern“ der Hauptfaktor zur Unterscheidung zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen – und er ist es – „nach wie vor“. Folglich handelt es sich bei der für uns entscheidenden „Grenze“, nicht nur um eine politische und juristische, sondern auch um eine intellektuelle, vor allem historische „Grenze“. Deshalb müssen wir fragen: Wo sind unsere historischen „Grenzen“?

Dabei können wir unsere Geschichte gar nicht getrennt von anderen Geschichten betrachten. Das heißt wir müssen nicht nur wissen, wo unsere Geschichte, sondern auch wo die Geschichte der „Anderen“ beginnt und aufhört. Schließlich bedeutet eine Grenze genau das. Sie markiert Beginn und Ende von innen und außen. Aber ist das historisch überhaupt möglich?

Politisch, juristisch und wirtschaftlich sind unsere Grenzen im Grunde schon international und global. Wenn wir glauben, dass wir jemals oder sogar immer noch vom Rest der Welt isoliert existierten, hätten wir ein Zerrbild von unserer historischen Realität. Politisch, juristisch und wirtschaftlich sind wir aktuell ein global vernetztes Land und eine international verbundene Gesellschaft – vereint im Namen der Deutschen.

Das heißt wir sind inzwischen auch historisch global und international. Wenn wir uns dessen bewusst werden, erkennen wir unsere Mitte. Noch haben wir landläufig ein stark „begrenztes“ Geschichtsbild, das unsere Mitte verzerrt.

Fragen wir nach unseren bisherigen äußeren historischen Grenzen, dann können wir uns an der Geschichte unserer Sprache orientieren, die ja selbst eine Bedeutung des Wortes „Deutsch“ ist und zudem im Grunde die gesamte politische, juristische, wirtschaftliche und darüberhinausgehende, ganze Erfahrungsgeschichte des deutschen Landes und deutschen Volkes widerspiegelt. „

Deutsch“ ist also nicht nur ein Land und dessen Gesellschaft, sondern auch eine Sprache, die wiederum repräsentativ für die deutsche Geschichte ist. So lässt sich auch sprachlich – weder heute noch zu einer früheren Zeit – eine klare historische Grenze zwischen Deutsch und anderen Sprachen ziehen. Denn die deutsche Sprache trägt viele Lehnwörter aus anderen Sprachen in sich.

Selbst althochdeutsche Begriffe haben oft noch ältere Wurzeln, die in den Sprachwissenschaften der vergangenen Jahrhunderte gemeinsam mit vielen anderen Sprachen auf „indo-germanische“ Wurzeln zurückgeführt wurden. Dabei handelt es sich um eine konstruierte Sprache, die wegen der historisch exklusivierenden Implikationen des Germanenbegriffs mittlerweile auch „indo-europäisch“ genannt wird.

Der deutsche Mittelalterhistoriker Jörg Jarnut plädierte sogar für die Abschaffung des Germanen-Begriffs aus der deutschen Mittelalterforschung, weil keiner der deutschen Stämme sich im Frühmittelalter selbst als „Germanen“ bezeichnete und der neuzeitliche Germanen-Begriff irreführende Implikationen mit katastrophale Folgen birgt, wie zum Beispiel die NS-Verbrechen, die von der NS-Germanenideologie geistig vorbereitet, getragen und begleitet wurden.

Doch wurde Jarnuts Warnung noch nicht ernstgenommen oder gar umgesetzt. Das Forschungsfach zur deutschen Sprache heißt immer noch „Germanistik“ und auf Englisch heißt Deutschland immer noch „Germany“ sowie die Deutschen immer noch „Germans“.

Dadurch werden nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland historisch exklusivierende Stereotype impliziert, die hier wie dort spaltend wirken und immer wieder die Grundlage für Fremdenfeindlichkeit bilden. Dabei ist inzwischen klar, dass wir im Grunde niemanden aus unserem Land, unserer Gesellschaft und unserer Sprache und Geschichte völlig ausgrenzen können. Es sei denn zu Unrecht – um den Preis sich und die anderen zu verkennen.

Fragen wir nach den äußersten historischen Selbst-Vorstellungen der Deutschen, müssen wir auch nach den ältesten Herkunftslegenden fragen. Hier ist vor allem die fränkische Herkunftslegende aus dem 7. Jahrhundert zu beachten. Das ist die älteste erhaltene Herkunftslegende eines deutschen Stammes.

Der sogenannten Fredegar-Chronik zufolge sind die Franken gemeinsam mit den Türken aus Troja nach Europa eingewandert. Die Türken seien an der Donau geblieben und die Franken wären weiter nordwärts ins Rheinland gezogen. Eine ähnliche Legende findet sich aus Island. In der Edda des Snorri Sturluson aus dem 13. Jahrhundert wird Odin aus Türkland in Asien hergeleitet. Die eigenen und fremden Grenzen waren offenfließend.

Erst nach der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 durch Mehmet II. grenzte die römische Kirche die Türken mit dem Rückgriff auf antike Quellen aus der europäischen und deutschen Geschichte aus. Mithilfe des Buchdrucks (Karoline Döring) wurde innerhalb nur weniger Jahre eine neue die gesamte europäische Christenheit umfassende geschlossene Öffentlichkeit im Zeichen eines neuen Kreuzzugs gegen die Türken geschaffen.

In diesem Kontext und zu diesem Zweck wurden die Idee von „Europa“ als Festung der Christenheit sowie die Gleichsetzung der Deutschen mit den antiken „Germanen“ als Kampfbegriffe in Europa und Deutschland eingeführt: Es war ja Enea, der Italiener, der zum ersten Mal überhaupt deutschen Zuhörern zuruft: „Vos Germani / Ihr Germanen!“

Im 15. Jahrhundert wurden die äußersten historischen Grenzvorstellungen der „Deutschen“ also von Rom aus politisch „begrenzt“. Das hatte auch die Verschiebung der Vorstellung von der historischen „Mitte“ von Deutschland und dem deutschen Volk zur Folge. Anstelle von Vorstellungen von langen und gemeinsamen Wanderungen – vor allem mit den Türken – traten Vorstellungen von Abgrenzung und Isolation – vor allem gegen die „Türken“.

Das betrifft nicht nur „Deutsche“, sondern alle „Europäer“, deren Selbst- und Fremdbild nach 1453 maßgeblich anti-türkisch geprägt wurde. Der Mittelalterhistoriker Johannes Helmrath scheibt: „Die Türken wurden zum traumatischen Auslöser und Wetzstein europäischer Identität.“

Wenn wir also festgestellt haben, dass die heutigen äußersten historischen Grenzvorstellungen der „Europäer“ und „Germanen“ maßgeblich zur Aus- und Abgrenzung von Türken konstruiert wurden, dann verstehen wir auch, warum Türken- und Fremdenfeindlichkeit nicht nur einen Teil von Deutschland und der deutschen Gesellschaft betrifft, sondern alles, was „Deutsch“ ist.

Was ist Deutsch?

Deutsch ist nicht nur der Name eines Landes, eines Volkes und einer Sprache, sondern auch ein Geschichtsbild. Vor allem die historische Vorstellung von Deutschland und den Deutschen ist entscheidend für die intellektuelle Inklusion oder Exklusiven von anderen Menschen.

Wenn wir die äußersten historischen Grenzen der „Deutschen“ dort denken, wo sie einst der Papst und Hitler gesetzt haben, finden wir unsere Mitte dort, wo Angst, Hass und Gewalt zugrundeliegen. Wenn wir die äußersten historischen Grenzen als Maßstab nehmen, die uns die ältesten erhaltenen Sagen der Franken und Isländer vorgeben, dann finden wir unsere Mitte innerhalb eines eurasischen Netzwerks, in dem die Türken und Türkvölker uns als Verwandte erscheinen.

Wollen wir uns über die bisherigen Geschichtsbilder hinaus an den neuesten geschichtswissenschaftlichen Studien orientieren. Dann kommen wir zu demselben Schluss. Denn auch die neuesten umfassenden globalgeschichtlichen Studien zeigen, dass Deutschland schon immer Einwanderer aus Anatolien und Zentralasien aufnahm. Daran müssen wir unsere Mitte messen.

Darauf wies schon der Autor, Kabarettist, Schauspieler und Regisseur Wolfgang Neuss hin:

Was Die Berliner Immer Vergessen

« Was die Berliner immer vergessen,
abgesehen davon, daß sie völlig vergessen,
dass es nicht die Türken sind,
die uns hier aufsuchen, ansuchen, heimsuchen,
die hier aufgenommen werden wollen,
sondern, dass es unsere Verwandten
von früher sind, die wir selber mal waren!

Wir sind da mal hingezogen,
ich mach noch darauf aufmerksam,
Ernst Reuter ist selbst in die Türkei gezogen, ja?,
als – irgendwas, als CIA-Agent,
im Krieg konnte man ja nur als CIA-Agent,
So war der in der Türkei —
Und der alleine hat schon das ganze Volk
Nach sich gezogen hier, ja?

Man darf doch nicht vergessen:
dass wir da zwar Fremde sehen, und dass das auch das schöne Spiel der Erde ist, dass es immer Fremde sind, die da kommen, aber: wir sind es doch selbst. Wir sind es doch selbst, die vor sechshundert Jahren da mal hingezogen sind, oder vor achthundert Jahren. – Ganz klar!

Warum hilft uns die Wissenschaft bei diesem Ausländer- problem nicht, frage doch mal provokativ natürlich, warum: Die können längst belegen, die Leute, dass es wir selber sind, also dass wir zu denen ein ganz anderes Verhältnis entwickeln könnten als zu Tante Emma im Osten oder zu Onkel Paul in Zehlendorf, dass wir erfreut sein könnten,

»Guten Tag, Emil, wir werden schon zurechtkommen hier in der Stadt, aber dass ihr wieder da seid! « – so müsste doch erstmal die Parole lauten:
»Dass ihr wieder da seid! ! Das hätten wir ja nie gedacht, dass wir uns nochmal wiedersehen! «

(Wolfgang Neuss, Was Die Berliner Immer Vergessen, in: Verstehste? Üben, Üben, Üben! 60
Minuten Rauschmodulation, Kassette, 1983.)

 


Zum Autor

Çağıl Çayır hat sich als Kölner Geschichtsstudent auf historisch-vergleichende Kulturwissenschaft und Wissenschaftsgeschichte spezialisiert und studiert aktuell Philosophie im Master an der Universität Wuppertal. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Wissenschaftstheorie und Seinsphilosophie. Seine Arbeiten erscheinen international in renommierten Fach- und Populärmedien.Er engagiert sich wissenschaftlich wie gesellschaftlich für eine intellektuelle Völkerverständigung. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Bonn sowie Gründer der Kultur-Akademie Çayır und der Çayır Kultur Akademisi auf YouTube.Seine größte Weisheit lautet: „Liebe ist die Lektion der Geschichte.“


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