USA
US-Senats-Kandidat El Sayed: Trump ist ein Idiot

0

Detroit – Der demokratische Senatskandidat Abdul El-Sayed aus Michigan hat US-Präsident Donald Trump in einem Podcast als „Idioten“ bezeichnet. Auch Vizepräsident JD Vance und Verteidigungsminister Pete Hegseth kritisierte er scharf. El-Sayed könnte der erste muslimische Senator in der Geschichte der USA werden. Die Aussagen fallen wenige Tage nach einem Auftritt Trumps in Michigan, bei dem dieser ihn einen „Dschihadisten“ genannt hatte.

El-Sayed sprach am Mittwoch im Podcast des Komikers Hasan Minhaj. Amerika werde „aktiv von den dümmsten Leuten im Raum gemobbt“, sagte er. Seine längste Attacke galt Trump. „Donald Trump ist ein Idiot“, so El-Sayed zu Minhaj. „Was immer man von ihm hält, er hat ein Genie: das Genie, Aufmerksamkeit zu bekommen, weil, wissen Sie, sein Vater ihm nie genug gegeben hat.“

Trump habe als „Nepo-Baby“ Ressourcen gehabt und schnell gemerkt, dass er nach Aufmerksamkeit verlange. Dann habe er die Mobbing-Taktiken eingesetzt, die er heute anwende. „Aber der Mann ist ein Idiot. Ich meine, wenn es darauf ankommt, einfach ein Narr.“

Vance und Hegseth

Über Vance sagte El-Sayed, der Vizepräsident sei klug, aber das mache dessen Unterwürfigkeit gegenüber Trump nur problematischer. „JD Vance ist ein kluger Mensch, aber er hat keine echte Seele und kein echtes Charisma. Sein Ding ist, sich beim Stärksten im Raum einzuschmeicheln, um dessen Wünsche zu erfüllen.“

Hegseth zählte er zu den „kleinen Mobber-Narren“ um Trump. Das Land werde von einer „ganzen Clique der Dümmsten oder der Feigsten“ geführt, so El-Sayed.

„Wenn man einmal einem Mobber die Stirn geboten hat“

Die Amerikaner hätten laut El-Sayed die Verantwortung, sich Einschüchterung zu widersetzen, statt es mächtigen Amtsträgern zu überlassen, ihr Verhalten zu bestimmen. „Wenn man schon einmal einem Mobber die Stirn geboten hat, weiß man, dass sie sehr zerbrechlich sind“, sagte er. Sobald man die unmittelbare Schikane und die Angst überwunden habe, die sie auslösten, schwinde ihre Macht.

Er wolle niemanden mobben, sagte El-Sayed. „Aber wenn du herumläufst, Leute mobbst und ihnen dadurch Schaden zufügst, tauche ich auf und tue genau das, was du allen anderen antust.“

Trumps Auftritt in Port Huron

Auslöser war ein Wahlkampfauftritt Trumps am Sonntag in Port Huron. Trump nannte  El-Sayed dort einen „Dschihadisten“ und sagte, er sei „der einzige Senator, der durch einen Metalldetektor gehen müsste, bevor er in den Senat darf“. Trump sagte auch: „Ich bin hier, um ein Mitglied der Muslimbruderschaft daran zu hindern, US-Senator zu werden.“ Al Jazeera schreibt, es gebe keine Belege dafür, dass El-Sayed je Mitglied der Muslimbruderschaft oder einer ausländischen Organisation war.

Gewinnt El-Sayed am 3. November, wäre er der erste muslimische Senator der US-Geschichte. Trump versucht, ihn als Extremisten darzustellen, und berief sich dabei laut South China Morning Post auch auf den 11. September.

Der Streit um den Namen

Trump nannte El-Sayed wiederholt „Mohammed“. Als man ihm sagte, der Vorname sei Abdul, antwortete er: „Für mich ist es Mohammed.“ Er könne ihn nennen, „wie zum Teufel ich will“. El-Sayed entgegnete, Trump „weiß, dass mein Name Abdul ist“. Der Angriff gelte nicht nur ihm: „Er greift uns alle an.“

Bei einem eigenen Auftritt in Michigan sagte El-Sayed am Sonntag: „Ich verstehe, dass der Präsident an meinem Vornamen persönlich Anstoß nimmt. Er scheint nur Probleme zu haben, ihn auszusprechen, wenn es mein Name ist.“ Es störe Trump offenbar weniger, „wenn es die Katarer sind, die ihm einen privaten Jet im Wert von 400 Millionen Dollar schenken“, und auch nicht, „wenn es die Saudis sind, die das Private-Equity-Geschäft seines Schwiegersohns finanzieren“. Auf Trumps Metalldetektor-Bemerkung sagte er laut mehreren Medien: „Ich werde Senator Mohammed für dich sein, Bro.“

El-Sayed spielt damit auf den Jet an, den Katar Trump 2025 schenkte und der inzwischen als Air Force One dient. Sein Wert wird auf mehr als 400 Millionen Dollar beziffert. Mit den Saudis meint er die zwei Milliarden Dollar, die Jared Kushners Beteiligungsfirma Affinity Partners von einem Fonds unter Leitung des saudischen Kronprinzen erhielt.

Das Rennen um den Senatssitz

El-Sayed ist Arzt und früherer Gesundheitsbeamter. Er bewirbt sich um den frei werdenden Senatssitz des Demokraten Gary Peters. Sein Gegner ist der Republikaner Mike Rogers, ein früherer Abgeordneter, der bei Trumps Auftritt auf der Bühne stand. Gewählt wird am 3. November. Das Rennen gilt als eines von etwa sieben offenen Senatsrennen. Laut einer im Oktober zitierten Umfrage der Marketing Resource Group sehen nur 35 Prozent der Wähler in Michigan Trump positiv.

AUCH INTERESSANT

El-Sayed könnte erster Muslim im US-Senat werden – Obama unterstützt ihn

Anleihemarkt
EZB-Zinspolitik: Anleger sollten europäische Staatsanleihen im Blick haben

0
Von Silvio Vergallo
 
Der europäische Anleihemarkt hat sich grundlegend verändert. Nach der langen Niedrigzinsphase im Anschluss an die globale Finanzkrise sind die Renditen europäischer Staatsanleihen seit 2022 deutlich gestiegen. Aus unserer Sicht bewegen sie sich damit wieder auf einem Niveau, das stärker den wirtschaftlichen Wachstums- und Inflationserwartungen entspricht.
 
Im Vergleich zum vergangenen Jahrzehnt erscheinen die heutigen Renditen hoch, langfristig betrachtet sind sie jedoch keineswegs ungewöhnlich. Für Anleger ist vor allem die höhere Ausgangsrendite entscheidend: Europäische Staatsanleihen bieten inzwischen wieder attraktive laufende Erträge, die einen gewissen Puffer gegenüber moderat steigenden Renditen schaffen. Sollte sich das Wachstum abschwächen oder sollten sich die geldpolitischen Erwartungen verändern, besteht darüber hinaus Potenzial für Kursgewinne.

EZB: Begrenzter Spielraum für weitere Zinserhöhungen

Für die kommenden Monate sind mehrere Faktoren ausschlaggebend. An erster Stelle steht die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Inflations- und Energierisiken erfordern weiterhin Vorsicht, und weitere Leitzinserhöhungen bleiben möglich. Allerdings sehen wir nur begrenzten Spielraum für einen länger anhaltenden Straffungszyklus, da höhere Renditen und restriktivere Finanzierungsbedingungen die Wirtschaft zunehmend belasten.
 
Unsere konstruktive Einschätzung europäischer Staatsanleihen setzt keine unmittelbar bevorstehenden Zinssenkungen voraus: Auch ein weniger restriktiver geldpolitischer Kurs, als die Märkte derzeit erwarten, könnte die Anleiherenditen positiv beeinflussen.
 
Die europäische Wirtschaft hat sich bislang als widerstandsfähig erwiesen, auch wenn die Wachstumsdynamik inzwischen nachlässt. Zugleich beginnen sich die Auswirkungen der geldpolitischen Straffung zunehmend bemerkbar zu machen. Dies begrenzt aus unserer Sicht den Spielraum für einen lang anhaltenden Zinserhöhungszyklus.
 
Hinzu kommen die Fiskalpolitik und das Angebot an Staatsanleihen. Deutschland erhöht seine Emissionen zur Finanzierung von Investitionen und Verteidigungsausgaben, während Frankreich einen höheren fiskalischen Risikoaufschlag aufweist. Italien hat sich dagegen bislang widerstandsfähiger gezeigt. Diese Unterschiede schaffen Möglichkeiten für ein aktives Management, insbesondere bei der relativen Bewertung einzelner Staatsanleihemärkte.
 

Europäische Staatsanleihen: Größeres Potenzial am langen Ende

 
In diesem Umfeld bietet Duration nicht nur die Möglichkeit, laufende Erträge zu vereinnahmen, sondern auch Potenzial für Kursgewinne. Insbesondere längere Laufzeiten können bei schwächerem Wachstum, sinkender Risikobereitschaft oder einem weniger restriktiven geldpolitischen Kurs profitieren und zur Diversifikation beitragen. Steigen dagegen Inflations- und Fiskalrisiken gleichzeitig, ist dieser Diversifikationseffekt weniger zuverlässig.
 
Vor diesem Hintergrund beurteilen wir europäische Staatsanleihen und insbesondere längere Laufzeiten inzwischen konstruktiver. Wir bevorzugen eine taktische Long-Duration-Positionierung, behalten dabei jedoch die Flexibilität, auf veränderte Wirtschaftsdaten und Marktbedingungen zu reagieren.
 
Neben der Duration selbst spielt die Positionierung entlang der Zinskurve eine wichtige Rolle. Einzelne Laufzeitsegmente bieten derzeit attraktive laufende Erträge und Roll-down-Potenzial. Selektive Positionierungen auf eine Versteilerung oder Verflachung der Zinskurve ermöglichen es, Ertragschancen zu nutzen, ohne das Durationsrisiko entsprechend stark erhöhen zu müssen. Dies ist gerade angesichts der hohen Volatilität und der Unsicherheit über den weiteren geldpolitischen Kurs von Bedeutung.

Italien bietet Chancen, Frankreich erfordert Vorsicht

Auch die Länderauswahl gewinnt wieder an Bedeutung. In Frankreich haben sich durch die Ausweitung der Risikoaufschläge zwar attraktivere Bewertungen ergeben. Angesichts der anhaltenden politischen und fiskalischen Unsicherheiten bleiben wir jedoch vorsichtig. Eine ausgeprägte direktionale Positionierung erscheint uns unter diesen Bedingungen derzeit schwierig.
 
In Italien sehen wir dagegen attraktive Möglichkeiten. Die Binnennachfrage hat die Wirtschaft gestützt, und das zusätzliche Staatsanleiheangebot wurde vom Markt gut aufgenommen. Besonders am langen Ende der BTP-Zinskurve erscheinen die laufenden Erträge interessant. Gleichzeitig gilt es, Konzentrationsrisiken zu begrenzen, da Italien möglichen Ansteckungseffekten aus Frankreich ausgesetzt bleibt.
 
Insgesamt bevorzugen wir eine taktische Long-Duration-Positionierung, kombiniert mit unterschiedlichen Zinskurvenpositionierungen, einer selektiven Länderauswahl und Relative-Value-Ansätzen zu kombinieren. Auch Spread-Strategien und inflationsindexierte Anleihen können dazu beitragen, die Ertragsquellen zu diversifizieren und die Abhängigkeit von einzelnen Risikofaktoren zu reduzieren.

Laufende Erträge und Kurspotenzial

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie anspruchsvoll das Umfeld für Anleiheinvestoren sein kann. Energieschocks, veränderte Erwartungen an die EZB, fiskalpolitische Entwicklungen und steigende globale Renditen haben die Märkte wiederholt belastet. Auch künftig bleibt der US-Treasury-Markt ein wesentlicher externer Risikofaktor.
 
Wir sehen inzwischen überzeugendere Argumente für europäische Staatsanleihen – sowohl als Quelle laufender Erträge als auch wegen ihres Potenzials für Kursgewinne. Die höheren Ausgangsrenditen und die zunehmenden Auswirkungen restriktiver Finanzierungsbedingungen stützen unsere konstruktivere Haltung gegenüber Duration.
 
Der Weg dürfte jedoch nicht geradlinig verlaufen. Energiepreise, fiskalpolitische Entwicklungen, das Angebot an Staatsanleihen und die Renditen von US-Treasuries bleiben wichtige Risikofaktoren. Sie erfordern ein aktives Management und eine sorgfältige Bemessung der Positionen, sprechen aber nicht grundsätzlich gegen längere Duration. Wir bevorzugen deshalb eine taktische Long-Duration-Positionierung in Verbindung mit einer selektiven Länderauswahl, Zinskurvenstrategien und Relative-Value-Chancen.

 


Silvio Vergallo, Head of Euro Government and Inflation Linked Bonds bei Eurizon


Tech-Trends
Technologie-Revolution: Wie wiederaufladbare Papier-Akkus den Energiemarkt umkrempeln

0

Singapur – Die Energiewende steckt seit Jahren in einem klassischen Dilemma: Während Solarparks und Windkraftanlagen im Eiltempo ausgebaut werden, hinkt die Speichertechnologie hinterher. Klassische Lithium-Ionen-Akkus sind zwar leistungsstark, basieren jedoch auf endlichen Rohstoffen wie Kobalt und Lithium, bergen erhebliche Brandrisiken und hinterlassen einen verheerenden ökologischen Fußabdruck.

Nun schickt sich ein tiefgreifender Durchbruch aus der Materialforschung an, dieses Fundament komplett zu erschüttern: Kompostierbare, biegsame und absolut brandsichere Papier-Akkus haben den Sprung aus dem Labor in die kommerzielle Produktion geschafft. Hinter der Innovation steht das Deep-Tech-Unternehmen Flint Labs.

Nach Jahren der Grundlagenforschung gelang es den Ingenieuren, eine völlig neuartige, wasserbasierte und wiederaufladbare Akkugeneration zu entwickeln, deren strukturelles Rückgrat aus biologischen Zellulosefasern besteht. Was auf den ersten Blick wie eine radikale Spielerei klingt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als industrieller Meilenstein, der globale Elektronikkonzerne und Batteriehersteller gleichermaßen unter Zugzwang setzt.

Das Prinzip: Natur trifft auf Hochleistung

Der Kern des Konzepts liegt in der Nachahmung biologischer Prozesse. Während herkömmliche Batterien auf starre Metallgehäuse, flüssige und oft giftige Elektrolyte sowie komplexe thermische Managementsysteme angewiesen sind, nutzen die neuen Papier-Zellen pflanzliche Zellulose.

Diese natürlichen Fasern dienen als flexible Matrix, die Ionen extrem effizient transportieren und speichern kann – ähnlich wie es Nährstoffe in Pflanzen tun. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die wiederaufladbaren Zellen liefern stabile 4,2 Volt und stehen damit leistungsmäßig konventionellen Lithium-Ionen- oder Alkali-Mangan-Batterien in nichts nach.

Gleichzeitig arbeiten sie in einem thermischen Bereich, der doppelt so breit ist wie bei Standard-Akkus, und zeigen sich selbst unter extremen Umweltbedingungen völlig unbeeindruckt. Das Ende der Brandgefahr und des Elektroschrott-BergsEiner der gravierendsten Nachteile herkömmlicher Energiespeicher ist ihre inhärente Instabilität.

Werden Lithium-Akkus beschädigt, überhitzt oder feucht, drohen Kurzschlüsse, unkontrollierbare Brände (Thermal Runaway) oder die Freisetzung giftiger Dämpfe. Der Papier-Akku bricht mit diesem Dogma. Da die Technologie auf ungiftige, wasserbasierte Inhaltsstoffe setzt und komplett auf entflammbare organische Lösungsmittel oder PFAS („Ewigkeitschemikalien“) verzichtet, führt selbst eine mechanische Beschädigung oder das Eindringen von Wasser zu keinerlei Sicherheitsrisiken.

Geraten die Zellen in Kontakt mit Feuchtigkeit oder werden sie stark beschädigt, entladen sie sich kontrolliert, ohne zu funken oder zu explodieren. Hinzu kommt der ökologische Aspekt am Ende des Lebenszyklus. Herkömmlicher Elektroschrott ist weltweit zu einem der am schnellsten wachsenden Umweltprobleme geworden.

Die neuen Zellulose-Akkus sind so konzipiert, dass sie nach der Entnahme unbedenklicher Komponenten in industriellen Anlagen vollständig kompostierbar sind. Sie hinterlassen keine giftigen Rückstände im Ökosystem und kehren quasi in den natürlichen Kreislauf zurück.

Kommerzielle Skalierung und globale Partner

Der Übergang von der wissenschaftlichen Theorie zur industriellen Realität vollzog sich rasant. Nach ersten Vorstellungen auf internationalen Innovationsmessen hat das produzierende Gewerbe reagiert: Mittlerweile läuft die Serienfertigung hochskaliert an, und namhafte Technologiegiganten wie Amazon oder Logitech binden die neuen Akku-Formate (darunter klassische Bauformen wie AA und AAA) im Rahmen von Enterprise-Projekten in ihre Lieferketten ein.

Besonders attraktiv macht die Technologie die Kostenstruktur. Da die verwendeten Rohstoffe im Vergleich zu kritischen Minenmetallen wie Kobalt nahezu unbegrenzt und ohne geopolitische Abhängigkeiten verfügbar sind, liegen die Produktionskosten – gemessen an der Kilowattstunde – deutlich unter denen klassischer Akkutechnologien.

Experten schätzen, dass durch Skalierungseffekte in den kommenden Jahren ein Preisniveau erreicht werden kann, das die traditionelle Konkurrenz massiv unterbietet.

Ausblick: Vom Smartphone bis zur Medizintechnik

Die Anwendungsbereiche für die biegsamen Energiespeicher sind nahezu unerschöpflich. Neben dem Consumer-Markt – wie Fernbedienungen, Tastaturen, Taschenlampen und tragbaren Gadgets (Wearables) – drängt die Technologie vor allem in sensible Bereiche vor.

Dazu gehört die Medizintechnik, wo auslaufsichere und körperverträgliche Stromquellen für Implantate oder Einweg-Diagnosegeräte gesucht werden, sowie die Raumfahrt und das Internet der Dinge (IoT), wo Sensoren oft jahrelang in unzugänglichen Regionen wartungsfrei arbeiten müssen.

Mit diesem Schritt wandelt sich das Konzept der Energiespeicherung grundlegend: Weg von schwerem, umweltschädlichem Sondermüll, hin zu einer leichten, sicheren und kreislauffähigen Technologie, die zeigt, dass Fortschritt und Umweltschutz Hand in Hand gehen können.

Israel-Wahlen
Rekordwahl in Israel: Weder Netanjahu noch Eisenkot kommt auf eine Regierungsmehrheit

0

Tel Aviv – Die Knesset-Wahl in Israel hat nach ersten Exit-Polls und einer historisch hohen Wahlbeteiligung kein eindeutiges Ergebnis geliefert. Weder Premierminister Benjamin Netanjahu noch sein Hauptherausforderer Gadi Eisenkot haben einen klaren Weg zur Regierungsbildung.

Nach Angaben der Zentralen Wahlkommission lag die Wahlbeteiligung um 20:00 Uhr bei beachtlichen 74,3 Prozent (gegenüber 70,63 Prozent im Jahr 2022) – dem höchsten Wert seit Jahrzehnten für diese Uhrzeit. Ein Antrag des Likud-Lagers, die Wahlzeiten angesichts des großen Andrangs zu verlängern, wurde von der Wahlkommission mit Verweis auf den ordnungsgemäßen Verlauf weitgehend abgelehnt.

Block-Patt und ungewisser Ausgang

Ersten Prognosen zufolge verfehlen sowohl das Lager um Ministerpräsident Benjamin Netanjahu als auch der von Gadi Eisenkot angeführte Block eine klare Mehrheit der 120 Knesset-Sitze. Während das Oppositionslager in den Umfragen leicht vorne liegt, wird im Umfeld von Netanjahu Berichten zufolge bereits erwogen, unabhängig von der Gesamtgröße des Blocks den Regierungsauftrag einzufordern, sofern der Likud stärkste Einzelpartei bleibt.

Die Entscheidung liegt am Ende bei Staatspräsident Isaac Herzog, der nach Vorliegen der offiziellen Ergebnisse Gespräche mit den Parteien führen wird. Angesichts der fragmentierten politischen Landschaft zeichnet sich einmal mehr eine zähe Phase der Koalitionsbildung ab.

AUCH INTERESSANT

– Vorwürfe gegen Israel –
UN-Bericht: Schwere Vorwürfe gegen Israel wegen Völkermords und Kriegsverbrechen

Ein neuer UN-Bericht erhebt schwerste Vorwürfe gegen Israel wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

UN-Bericht: Schwere Vorwürfe gegen Israel wegen Völkermords und Kriegsverbrechen

Israel-Wahlen
Wahlen in Israel: Wer darf mitmachen, wer muss draußen bleiben und wer darf weiterbomben?

Ein Gastkommentar von Susanne Mattner
 
Rund 7,3 Millionen Wahlberechtigte, 120 Sitze in der Knesset und eine entscheidende Personalfrage: Bleibt Benjamin Netanjahu am Ruder oder übernimmt sein Herausforderer? Wer bekommt den Chefsessel – und wer darf künftig entscheiden, wann und wo die nächsten Bomben auf palästinensische Gebiete, in Syrien, im Libanon oder auch im Iran fallen?
 
Zunächst gab es allerdings Ärger mit der Gästeliste. Die Wahlkommission wollte die arabischen Parteien Ra’am und die Gemeinsame Liste von der Wahl ausschließen. Das Oberste Gericht machte einen Strich durch die Rechnung. Die Parteien dürfen antreten.
 
Wie ärgerlich! Da möchte man beim politischen Fußball die gegnerische Mannschaft vorsorglich aus dem Stadion werfen, und dann besteht der Schiedsrichter darauf, dass beide Mannschaften mitspielen dürfen. Wo kommen wir denn hin, wenn plötzlich auch noch die falschen Leute im Parlament sitzen?
 
Nun muss man damit rechnen, dass arabische Abgeordnete Fragen stellen könnten, die man lieber vermeiden würde. Etwa, ob man tatsächlich immer weiterbomben muss, um irgendwann Sicherheit zu erreichen. Unangenehm, wenn plötzlich jemand darauf besteht, dass auch palästinensisches Leben einen politischen Stellenwert hat.
Und dann wäre da noch die Briefwahl.
 
Wer als gewöhnlicher israelischer Staatsbürger am Wahltag im Ausland ist, kann grundsätzlich nicht einfach per Briefwahl abstimmen. Ob dauerhaft im Ausland oder gerade im Urlaub: Wer wählen will, muss in der Regel persönlich nach Israel zurückkehren.
Andere Länder verschicken Wahlunterlagen. Hier heißt es offenbar: Deine Stimme zählt – sofern du dir das Flugticket leisten kannst und dein Urlaub lang genug ist.
Demokratie als Fernreise. Vielleicht gibt es beim nächsten Mal Bonusmeilen für besonders engagierte Wähler.
 
Aber kommen wir zur wirklich spannenden Frage: Wer darf künftig die Bomben abwerfen?
 
Netanjahu oder sein Herausforderer? Wer bekommt das Kommando und wer darf anschließend der Welt erklären, warum die nächste militärische Eskalation leider alternativlos war?
 
Und ich bin auch gespannt auf die Wahlsieg-Party-Ästhetik: Werden wir dort Galgen für Palästinenser an den Anzügen von Politikern entdecken? Gibt es womöglich sogar Torten mit Galgenmotiven auf den Partys zur Feier des Wahlergebnisses?
Andere feiern Wahlerfolge mit Champagner und Konfetti.
 
In dieser politischen Patisserie muss man auch mit einer etwas spezielleren Motivwahl rechnen. Vielleicht gibt es irgendwann sogar eine Torte mit der Aufschrift Frieden. Wobei das vermutlich schon als revolutionäre Neuerung durchgehen würde.
 
Am meisten freue ich mich allerdings auf die Erklärungen unserer deutsch-israelischen Bubble.
 
Wie wird man uns diesmal erklären, dass die nächste faschistische Regierung in Israel quasi über Nacht vom Himmel gefallen ist? Einfach so. Plumps. Mit Kabinett und Ministerpräsident. Ganz ohne menschliches Zutun.
 
So ähnlich wie bei uns die AfD. Die stand ja auch eines Morgens plötzlich vor der Tür. Niemand hat sie gerufen, niemand hat sie gewählt. Ein politisches Naturereignis! Vermutlich eine Art Starkregen mit Rechtsruck.
 
Netanjahu oder sein Herausforderer? Das ist die spannende Frage dieser Nacht. Wer bekommt den Chefsessel – und wer bekommt die Bomben?
Und wenn die nächste Regierung steht, warten wir einfach auf die nächste Erklärung, warum sie niemand gewollt hat.
 

Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

Zum Autor

Susanne Mattner wurde im Ruhrgebiet geboren und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowohl in den USA als auch an der Universität Dortmund. Nach ihren Studienstationen verbrachte sie in den 1990er-Jahren auch einige Zeit im Nahen Osten. Nach ihren längeren Auslandsaufenthalten lebt sie heute verheiratet in Hamburg. In ihren Beiträgen verfolgt sie aufmerksam das internationale Zeitgeschehen mit einem geschulten Blick für mediale Narrative. Ihre Schwerpunkte liegen auf geopolitischen Entwicklungen im Nahen Osten, gesellschaftlichen Debatten sowie der kritischen Analyse doppelter Standards in der Berichterstattung.


AUCH INTERESSANT

UN-Bericht: Schwere Vorwürfe gegen Israel wegen Völkermords und Kriegsverbrechen

Zinspause im Visier
Fed und EZB vor Zinspause: Zinsangst, KI-Hype und Bitcoin

0

Von Dominic Weibel

Die Fed und die EZB dürften diese Woche den Schraubenschlüssel liegen lassen. Beide stehen weiterhin im Tauziehen zwischen Inflationsdruck und Wachstumssorgen. Vor allem die Energiepreise sorgen beidseits des Atlantiks für Kopfschmerzen. In den USA reicht der Preisdruck auf Produzentenebene zudem deutlich über Energie hinaus. Im Euroraum bleibt die zugrunde liegende Inflation bislang ruhiger, während schwaches Wachstum und fiskalische Spannungen den Spielraum zusätzlich begrenzen.

Die Märkte halten eine weitere Zinserhöhung bis Dezember dennoch für wahrscheinlich, was uns jedoch zu ambitioniert erscheint. Der US-Arbeitsmarkt kühlt bereits ab, der preistreibende KI-Boom steht zunehmend auf dem Prüfstand und geopolitische Angebotsengpässe müssen nicht zwingend von Dauer sein. Eine weitere Zinserhöhung wird somit weder Ölfelder erschließen noch Handelsrouten öffnen und deshalb eher Gefahr laufen, einen temporären Angebotsschock mit dauerhafter Nachfrageschwäche zu bekämpfen.

Auch die hohen Anleiherenditen sprechen aus unserer Sicht dafür, vorerst abzuwarten. Sie übernehmen bereits einen Teil der Straffung. Das passt auch zu Warshs zurückhaltendem Einsatz von Forward Guidance. Attraktive Kupons haben zugleich bereits Zuflüsse in Anleihe-ETFs und eine stärkere Nachfrage bei Treasury-Auktionen ausgelöst. Risikoanlagen spüren diesen Druck natürlich von zwei Seiten: durch teurere Finanzierungen und attraktivere Anlagealternativen.

Auch weiterhin gilt: Alle Augen auf KI. Geld ist zu großen Teilen wegen des Kapitalwettbewerbs zwischen Staaten und des KI-Booms so teuer. Sein Bedarf an Strom, Rohstoffen und Infrastruktur verstärkt zugleich aber auch den Inflationsdruck. Die Quartalszahlen müssen jetzt zeigen, ob die Erträge mit den Investitionen Schritt halten.

Eisenbahn und Internet haben vorgemacht, wie eine technologische Revolution in Überinvestitionen münden kann. Kritisch wird es, wenn die Rechnung fällig wird, bevor die erwarteten Erträge eintreffen. Enttäuschen die Zahlen, könnte damit eine zentrale Stütze der Risikobereitschaft ins Wanken geraten. Kühlt der Investitionsboom stärker ab, dürfte auch der Druck auf Kapital und Energie nachlassen und mehr Raum für eine weniger restriktive Geldpolitik entstehen.

Für Bitcoin rollt dieses Umfeld kurzfristig keinen roten Teppich aus. Hohe Finanzierungskosten und attraktive Anleiherenditen erschweren derzeit den Zufluss frischen Kapitals. Gleichzeitig stärkt die Kombination aus fiskalischer Überdehnung und begrenzter geldpolitischer Handlungsfähigkeit jedoch langfristig die These knapper, nichtstaatlicher Vermögenswerte. Bitcoin und Co. leben genau in diesem Spannungsfeld.


Dominic Weibel, Head of Research bei Bitcoin Suisse


AUCH INTERESSANT

Putin-Rede beim Gipfeltreffen: Europa schadet sich selbst

Syrien
Damaskus: Al-Scharaa warnt vor Krieg gegen Israel

0

Damaskus – Die syrische Führung soll Washingtoner Kreisen zufolge unmissverständlich klar gemacht haben, dass der Wille zur Vermeidung eines erneuten Krieges keineswegs mit mangelnder Entschlossenheit zur Selbstverteidigung gegenüber Israel verwechselt werden dürfe. Hintergrund sind die anhaltenden und sich zuspitzenden israelischen Angriffe sowie Vorstöße auf syrisches Staatsgebiet.

Berichten des in London ansässigen Magazins Al Majalla zufolge erklärten syrische Regierungsvertreter gegenüber dem US-Sondergesandten Tom Barrack, dass Damaskus zwar weiterhin an einer verhandelten politischen Lösung festhält, im Ernstfall jedoch auf eine langwierige Konfrontation eingestellt ist.

Ungenannten Quellen des Magazins zufolge stellten syrische Vertreter zudem die Frage, inwiefern das Vorgehen Israels überhaupt ein echtes Bekenntnis zu einer politischen Einigung oder einem Sicherheitsabkommen erkennen lasse. Das Treffen, in dessen Rahmen dieser Schlagabtausch stattfunden haben soll, ging am 21. Oktober über die Bühne und umfasste Gespräche Barracks mit Präsident Ahmed al-Scharaa und Außenminister Asaad al-Schaibani.

Schweres Erbe und militärisches Ungleichgewicht

Diese Warnung kommt aus einem Staat, dessen Bevölkerung nach jahrzehntelanger, erbarmungsloser Diktatur, Massenmorden, Folter und Vertreibung bereits einen verheerenden Krieg durchlebt hat. Nach dem lang ersehnten Sturz von Machthaber Assad sehnen sich die Syrer verzweifelt nach Frieden, Wiederaufbau und einer echten Perspektive für die Zukunft.

Große Teile Syriens liegen nach wie vor in Trümmern. Die militärische Infrastruktur des Landes wurde unmittelbar nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 durch israelische Luftangriffe weiter massiv zerschlagen. Flugplätze, Luftabwehrsysteme, Waffenlager und Marineeinheiten gerieten ins Visier – Berichten zufolge unter Einsatz von Koordinaten, die von hochrangigen Funktionären des alten Regimes geliefert worden waren, um das Land bewusst wehrlos zurückzulassen.

Israel beanspruchte für sich, 70 bis 80 Prozent der strategischen Militärkapazitäten des Vorgängerregimes vernichtet zu haben, wenngleich diese Angaben nicht unabhängig verifiziert werden konnten. Jede neue bewaffnete Auseinandersetzung ginge folglich mit einem extremen militärischen Ungleichgewicht einher und würde einen ohnehin schwer gezeichneten Staat weiterer Zerstörung aussetzen.

Anhaltende Provokationen und akute Eskalationsgefahr

Trotz permanenter und schwerwiegender Provokationen setzt die Regierung in Damaskus weiter konsequent auf Verhandlungen, um einen neuen verheerenden Flächenbrand abzuwenden. Knapp zwei Jahre nach dem Sturz Assads dringen israelische Besatzungstruppen jedoch fortwährend in syrische Dörfer vor, errichten Checkpoints und verhaften Einwohner. Jüngste Proteste gegen diese Verletzungen der Souveränität machten nur einen Bruchteil des angestauten öffentlichen Zorns deutlich, während das Land gleichzeitig mühsam um seine Erholung ringt.

Wie Al Majalla zudem berichtet, konnte am 20. Oktober eine unmittelbare Eskalation im Süden Syriens nur durch dringende Vermittlungsbemühungen in letzter Sekunde abgewendet werden. Der Bericht bringt die akute Gefahr mit angeblichen Vorbereitungen von Gruppierungen um Scheich Hikmat al-Hijri in Suwayda in Verbindung, die demnach Angriffe auf Regierungspositionen geplant hatten, um eine staatliche Reaktion zu provozieren – die wiederum als willkommener Vorwand für ein offenes israelisches Eingreifen dienen sollte.

Geopolitische Risiken und europäische Dimension

Die Gefahrenmomente reichen weit über eine direkte militärische Konfrontation hinaus. Ein ausgeweiteter Krieg könnte radikalen Banden und anderen externen Akteuren neue Einfallstore öffnen, um die erneute Destabilisierung auszunutzen. Jede Welle neuer Zerstörungen droht zudem eine neue, gigantische Flüchtlings- und Vertreibungswelle auszulösen.

Ein solches Szenario würde unweigerlich auch spürbare politische Erdbeben in Europa auslösen. In einem ohnehin hochgradig angespannten politischen Klima erhielten rechtsextreme Kräfte neue Munition, um anti-islamische Stimmungen und Migrationsängste auszuschlachten. Dies wiederum würde vor allem Wladimir Putin in die Karten spielen, indem die Spaltungen innerhalb der europäischen Gesellschaften vertieft und deren Handlungsfähigkeit gegenüber Aggressionen massiv geschwächt wird.

Die übermittelte Botschaft aus Damaskus markiert demnach unmissverständlich die Grenzen der Geduld und Zurückhaltung. Eine kriegsgeplagte Bevölkerung darf nicht vor die Wahl gestellt werden, entweder permanent die Verletzung der eigenen Souveränität hinzunehmen oder in den nächsten katastrophalen Konflikt gestürzt zu werden. Die Verhinderung dieses Altszenarios erfordert wirksamen Druck auf Israel, die militärische Eskalation einzustellen und den Syrern jenen Frieden zu gewähren, den sie für den dringend notwendigen Wiederaufbau benötigen.

AUCH INTERESSANT

Bericht: Israel soll Türkei Aufteilung Syriens angeboten haben

Erdgas-Gipfeltreffen
Putin-Rede beim Gipfeltreffen: Europa schadet sich selbst

Moskau – Auf dem 8. Gipfeltreffen des Forums der Erdgas exportierenden Länder (GECF) – an dem unter anderem auch der iranische Präsident Massud Peseschkian teilnahm –, hat der russische Präsident Wladimir Putin eine scharfe Abrechnung mit der europäischen Energiepolitik vorgenommen.

Vor den Delegierten betonte Putin in Moskau, dass Russland als unangefochtener Schlüsselakteur auf dem globalen Gasmarkt über die weltweit größten Erdgasreserven verfügt. Er warf den europäischen Staaten vor, ihrer eigenen Wirtschaft und dem sozialen Sektor massiven Schaden zuzufügen, indem sie sich systematisch von verlässlichen russischen Energielieferungen ausschließen.

Nord-Stream-Sabotage und Warnung vor Marktausschluss

Im Zentrum seiner Ausführungen stand die anhaltende geopolitische Konfrontation rund um den globalen Gashandel. Putin bezeichnete die Sabotage an den Nord-Stream-Erdgasleitungen unmissverständlich als einen direkten Terrorakt. Jeder Versuch, Russland politisch oder wirtschaftlich vom globalen Gasmarkt auszuschließen, werde unweigerlich schwerwiegende Folgen nach sich ziehen – insbesondere drastisch steigende Energiekosten für andere Länder, die den weltweiten Wettbewerb belasten.

Der russische Staatschef ging zudem auf die strukturellen Veränderungen des Marktes ein. Auch wenn jedes Land seinen Energiemix selbst bestimme, mache Erdgas nach wie vor ein Viertel des globalen Energiegleichgewichts aus.

Die Rolle des Erdgases als Eckpfeiler des globalen Energiesektors und des internationalen Handels werde in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen. Als Hauptproblem, mit dem der internationale Gasmarkt aktuell konfrontiert ist, identifizierte Putin akute Versorgungsengpässe, die durch den politischen Abzug erheblicher Gasmengen aus dem etablierten Markt entstehen.

Mögliche Arktis-Kooperation mit den USA und Kritik am EU-Kurs

Flüssigerdgas (LNG) nimmt inzwischen eine dominierende Rolle ein und macht etwa die Hälfte des globalen Gashandels aus. Vor diesem Hintergrund schlug Putin auch überraschende Töne bezüglich internationaler Kooperationen an: Moskau prüfe derzeit die Möglichkeit einer wirtschaftlichen und technologischen Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten in der Arktis, ungeachtet der ansonsten tiefen geopolitischen Zerwürfnisse.

Die aktuellen Aussagen knüpfen nahtlos an die langjährige Kritik des Kremls an. Bereits in der Vergangenheit hatte Putin der EU vorgeworfen, mit der Abkehr von langfristigen Lieferverträgen hin zu börsenbasierten Spotmärkten und LNG-Importen ein „strategisches Eigentor“ geschossen zu haben.

Während Europa versucht, seine Unabhängigkeit von russischen Pipeline-Lieferungen zu wahren, zeigt die anhaltende Marktkonfrontation, wie sensibel und anfällig das europäische Energiesystem für globale Krisen, veränderte Handelsströme und Preisschwankungen bleibt.

ZUM THEMA

Putin an Europa: „Ihr habt bekommen, was ihr wolltet“

Vorwürfe gegen Israel
UN-Bericht: Schwere Vorwürfe gegen Israel wegen Völkermords und Kriegsverbrechen

0

New York – Die Unabhängige Internationale Untersuchungskommission der Vereinten Nationen hat ihren neuesten, umfassenden Bericht zu den palästinensischen Gebieten vorgelegt. Darin erhebt das Gremium schwerste rechtliche Vorwürfe gegen Israel und wirft den israelischen Sicherheitskräften gezielte Angriffe auf die Zivilbevölkerung vor. Die Kommission kommt zu dem Schluss, dass im besetzten Westjordanland sowie im Gazastreifen internationalrechtliche Grenzen massiv überschritten wurden.

Systematische Angriffe und schwere Vorwürfe im Westjordanland

Im Zentrum des Berichts stehen gravierende Anschuldigungen, die weit über konventionelle Konflikte hinausgehen. Die Kommission hält fest, dass Israel im Gazastreifen Handlungen begeht, die den Tatbestand des Völkermords erfüllen, und verweist dabei auf die systematische Zerstörung der Lebensgrundlagen sowie den massiven Einsatz schwerer, ungelenkter Munition in dicht besiedelten Gebieten.

Für das Westjordanland dokumentieren die Ermittler zudem, dass israelische Operationen und Handlungen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft werden müssen. Dazu zählen laut dem Bericht insbesondere Ausrottung, Folter, Vergewaltigung und andere Formen sexualisierter Gewalt sowie gezielte Verfolgung aus ethnischen und nationalen Gründen.

Frühere Berichte und der Einsatz Künstlicher Intelligenz

Der Bericht schließt damit an frühere Untersuchungen und Warnungen an, die das UN-Gremium in den vergangenen Jahren geäußert hatte. Bereits in früheren Berichten hatte die Kommission wiederholt festgestellt, dass israelische Militäroperationen in Gaza und im Westjordanland sowie die anhaltende Siedlungspolitik und die damit verbundene Siedlergewalt auf eine systematische Verdrängung der palästinensischen Bevölkerung abzielen.

Kritisiert wird zudem der kontinuierliche Einsatz Künstlicher Intelligenz und automatisierter Zielerfassungssysteme wie „Gospel“ oder „Lavender“, deren Vereinbarkeit mit dem humanitären Völkerrecht von Anfang an international heftig umstritten war.

Auch auf die veränderten und deutlich ausgeweiteten Einsatzregeln der israelischen Streitkräfte wird im aktuellen Dokument eingegangen. Demnach hat sich die Schwelle für den Einsatz tödlicher Gewalt im Westjordanland seit Oktober 2023 massiv gesenkt. Die Kommission dokumentierte zahlreiche Fälle, in denen unbewaffnete Zivilisten – darunter viele Minderjährige und Kleinkinder – ohne Vorwarnung oder erkennbare Bedrohung durch Scharfschützen oder Luftangriffe getötet wurden.

Zusätzliche Kritik richtet sich gegen den Mangel an juristischer Aufarbeitung: Israelische Behörden hätten in den allermeisten untersuchten Fällen keine effektiven Untersuchungen eingeleitet, Täter nicht zur Rechenschaft gezogen und Opfern beziehungsweise deren Angehörigen jegliche Wiedergutmachung verweigert.

Auch Kritik an palästinensischen Sicherheitskräften

Neben den primär gegen israelische Stellen gerichteten Vorwürfen nimmt der UN-Bericht auch das Verhalten der palästinensischen Sicherheitskräfte im Westjordanland in den Blick. Die Kommission wirft diesen vor, im Rahmen politischer Unterdrückung exzessive Gewalt gegen die eigene Zivilbevölkerung eingesetzt, regierungskritische Journalisten, Aktivisten sowie friedliche Demonstranten eingeschüchtert und willkürlich festgenommen zu haben.

Die Vereinten Nationen fordern in ihren Empfehlungen ein sofortiges Ende der völkerrechtswidrigen Handlungen, die strikte Einhaltung der internationalen Menschenrechtsstandards sowie eine lückenlose und unabhängige Aufarbeitung aller Verbrechen. Mitgliedstaaten werden aufgefordert, alle verfügbaren diplomatischen und rechtlichen Mittel zu nutzen, um die Straffreiheit zu beenden und die Einhaltung des Völkerrechts durchzusetzen.

AUCH INTERESSANT

Nobelpreisträgerin Navi Pillay: „Israel begeht einen Völkermord“

Balkankrieg
UN-Blauhelme im Bosnienkrieg: Als Skandinavier zurückschossen

Während das kollektive Gedächtnis des Bosnienkrieges von passiven Blauhelmen geprägt ist, die Massakern tatenlos zusahen, schuf das nordische Bataillon Nordbat 2 einen radikalen Gegenentwurf. Ausgestattet mit schwerer Panzerung und einer Kultur der Auftragstaktik traten schwedische und dänische Soldaten starren UN-Vorgaben entgegen – und schossen im Ernstfall kompromisslos zurück.

Während des Höhepunktes des Bosnienkrieges im Jahr 1993 waren UN-Friedenstruppen in der Region durch extrem restriktive Einsatzregeln gefesselt, die sie in kritischen Momenten zu strikter Neutralität und Passivität verdammten. Doch das skandinavische UN-Bataillon Nordbat 2 – bestehend aus schwedischen, dänischen und norwegischen Soldaten im umkämpften Raum um Tuzla – weigerte sich, diese Rolle zu akzeptieren.

Bereits bei der Aufstellung bewies der schwedische Kommandeur, Oberst Ulf Henricsson, Weitsicht: Gegen den Willen der pazifistischen Heimatpolitik, die eine rein symbolische Präsenz wünschte, bestand er auf schwerer militärischer Ausrüstung. Die Truppen wurden mit schwedischen Schützenpanzern (Pbv 302) mit 20-mm-Maschinenkanonen, finnischen Sisu-Radpanzern und einer dänischen Kompanie modernisierter Leopard-1-Kampfpanzer bestückt.

Henricsson ließ der heimischen Presse damals unmissverständlich ausrichten, er habe Leichensäcke eingepackt und seine Männer angewiesen, den Schutz von Zivilisten über jede bürokratische Vorgabe zu stellen.

Auftragstaktik und das Prinzip Eigeninitiative

Die operative Stärke der Einheit wurzelte in einer jahrzehntelang trainierten Doktrin der schwedischen Streitkräfte: der sogenannten Auftragstaktik. Soldaten und Offiziere waren darauf gedrillt, dass Zögern die einzige Todsünde ist und Befehle im Ernstfall ignoriert werden dürfen, wenn es dem Erfolg der Mission dient.

Als ein schwedischer Zug unter Captain Stewe Simson kurz nach der Verlegung einen verlassenen Krankenhauskomplex sicherte, riegelten kroatische Milizen die einzige Zufahrtsstraße ab und forderten per Ultimatum die Übergabe dreier muslimischer Krankenschwestern. Simson lehnte ab, lehnte sich gegen die feindliche Übermacht auf, bereitete seine Männer auf den Kampf vor und hielt die Stellung durch eine angespannte Nacht hindurch, bis die Milizen unverrichteter Dinge abzogen.

Wenn feindliche Kräfte unschuldige Flüchtlinge bedrohten oder Hilfskonvois blockierten, bog Nordbat 2 die Befehlskette regelmäßig um. Befehle aus der UN-Zentrale wurden bei Bedarf schlicht ignoriert – historisch verbürgt sind Fälle, in denen Funker den Kontakt zum Hauptquartier so lange als gestört meldeten, bis eine kritische Situation eigenverantwortlich gelöst war.

Kommandeur Henricsson ging sogar so weit, feindliche Posten an Panzersperren eigenhändig mit einem schweren Maschinengewehr im Anschlag zum Öffnen der Schranken zu zwingen. Wegen ihrer Entschlossenheit, auf Angriffe nicht mit Rückzug, sondern mit sofortigem Gegenschlag zu reagieren, erarbeitete sich die Truppe in UN-Kreisen rasch den treffenden Spitznamen „Shootbat“. (frei übersetzt: „Baller-Bataillon“)

Feldwebel Magnus Ernström von Nordbat 2 Ende Oktober 1993, zur Zeit des Massakers von Stupni Do in Bosnien. (Unbekanntes Gruppenmitglied in der 2. Wachmannschaft, Begleitgruppe BA01/Försvarsmakten)

Operation Bøllebank: 72 Granaten im Geschützturm

Der Höhepunkt dieser kompromisslosen Haltung markierte die sogenannte Operation Bøllebank der dänischen Panzerkompanie. Nachdem bosnisch-serbische Einheiten einen finnischen Beobachtungsposten unter Beschuss genommen hatten, wurden die dänischen Leopard-1-Panzer in einen gezielten Hinterhalt gelockt.

Die Reaktion der Einheiten war unerbittlich: Die Besatzungen erhielten den Befehl, die serbischen Panzerabwehr- und Artilleriestellungen zu neutralisieren. Die Leopard-Panzer eröffneten ein so präzises und heftiges Gegenfeuer, dass im Verlauf des Gefechts exakt 72 Hauptgeschütze abgefeuert wurden.

Auf die späte Frage des NATO-Kommandeurs für Südeuropa, Admiral Leighton Smith, warum man in diesem Gefecht exakt diese Menge verschossen habe, folgte die legendäre Antwort einer dänischen Kanonierin: „Weil wir nicht mehr Munition hatten.“ Ein serbisches Munitionslager wurde getroffen, was eine gewaltige Sekundärexpression auslöste.

Der Kontrast: Einheitskultur statt Srebrenica-Desaster

Der bemerkenswerte Weg von Nordbat 2 verdeutlicht im Nachhinein den dramatischen Kontrast zu anderen Blauhelm-Kontingenten, die starr an den Anweisungen festhielten.

Während beispielsweise das hochprofessionelle niederländische Bataillon im selben regionalen Verantwortungsbereich in Srebrenica durch strikte Mikromanagement-Vorgaben aus der Heimat und die Weigerung, Konfrontationen einzugehen, letztlich handlungsunfähig blieb, bewies das skandinavische Kontingent das genaue Gegenteil.

Die schwedischen und dänischen Einheiten zeigten, dass das UN-Mandat sehr wohl Raum für effektiven Schutz bot – vorausgesetzt, es gab Befehlshaber und Soldaten, die den moralischen Mut besaßen, die Fesseln des bürokratischen Apparats abzuschütteln und den Opfern echten Schutz zu garantieren.

Späte Anerkennung und offizielle Auszeichnungen

Obwohl das eigenmächtige und harte Vorgehen der Skandinavier während des Einsatzes für heftigen Ärger und scharfe Rügen in der reglementierten UN-Bürokratie sorgte, folgte später die verdiente offizielle Anerkennung. Oberst Ulf Henricsson wurde für seine kompromisslose Haltung und seinen unermüdlichen Einsatz unter anderem mit der schwedischen Verdienstmedaille des Oberbefehlshabers ausgezeichnet.

Auch Schlüsselpersonen der dänischen Panzereinheit – wie Oberstleutnant Lars R. Møller und Eskadronchef Carsten Rasmussen – erhielten für ihren Mut bei Operation Bøllebank hohe Ehrenmedaillen, unter anderem vom dänischen Königshaus überreicht.

AUCH INTERESSANT

– Balkankriege –
Srebrenica: Albrights und Soros‘ Kampf für die Muslime

Wenn die Weltöffentlichkeit am heutigen Jahrestag des Massakers von Srebrenica der Opfer gedenkt, blickt sie auf eine Geschichte zurück, die bis heute polarisiert.

Srebrenica: Albrights und Soros‘ Kampf für die Muslime