Geschichte
Griechische Besetzung Westanatoliens (1919–1922): Krieg, Flucht und Zerstörung

Ein Gastbeitrag von Kemal Bölge

Am 15. Mai 1919 landeten unter dem Schutz alliierter Kriegsschiffe etwa 12.000 Soldaten der griechischen Okkupationsarmee im Hafen von Izmir. Die Besetzung erfolgte nach der Niederlage des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg und dem Waffenstillstandsabkommen von Mudros vom 30. Oktober 1918.

Während griechischstämmige Einwohner der Stadt die Landung begrüßten, löste sie unter der türkisch-muslimischen Bevölkerung große Angst und Unsicherheit aus. Der griechisch-orthodoxe Erzbischof Chrysostomos Kalafatis bezeichnete die Landung als historische Erfüllung griechischer Ansprüche auf Anatolien.

Die Besetzung Izmirs entwickelte sich zum Ausgangspunkt der griechischen Invasion Westanatoliens. In türkischen Quellen wird die Zeit häufig mit dem Begriff „Yunan bzw. Rum Mezalimi“ („Griechische Gräueltaten“) beschrieben. Gemeint sind Massaker, Vertreibungen und andere massenhafte Gewaltverbrechen gegen die muslimische Zivilbevölkerung.

Politische Interessen und umstrittene Bevölkerungszahlen

Die griechische Besetzung wurde insbesondere vom britischen Premierminister David Lloyd George unterstützt, aber auch von den USA. Um die Besetzung Izmirs zu rechtfertigen, präsentierte der griechische Ministerpräsident Eleftherios Venizelos den Alliierten auf der Pariser Friedenskonferenz stark überhöhte Angaben zur Zahl der griechischstämmigen Bevölkerung in Izmir. Dabei berief sich die griechische Delegation auf Statistiken des griechisch-orthodoxen Patriarchats in Istanbul.

Auch dem italienischen Journalisten Ernesto Vassalo fielen Widersprüche in den Bevölkerungszahlen Izmirs auf. Er hielt sich ab April 1919 in der Stadt auf und veröffentlichte seine Beobachtungen in der italienischen Tageszeitung Il Tempo.

Der Historiker Mevlüt Çelebi verweist in seinem Aufsatz „Die Besetzung Izmirs aus der Feder eines italienischen Journalisten“ (türkischer Originaltitel: „Bir İtalyan Gazetecinin Kaleminden İzmir’in İşgali“), erschienen im Journal of Modern Turkish History Studies, ebenfalls auf die Unstimmigkeiten in den griechischen Bevölkerungsstatistiken.

Die Bevölkerungszahlen waren jedoch umstritten. Unterschiedliche griechische, osmanische, amerikanische und europäische Quellen kamen zu stark voneinander abweichenden Ergebnissen. Während griechische Statistiken Griechen teilweise als Bevölkerungsmehrheit auswiesen, zeigten osmanische und andere Angaben überwiegend eine muslimisch-türkische Mehrheit.

Auch politische Interessen der europäischen Mächte spielte eine wichtige Rolle. Italien hatte selbst Ansprüche auf Izmir und Westanatolien erhoben, konnte diese nach der Zustimmung Großbritanniens, Frankreichs und der USA zur griechischen Besetzung jedoch nicht durchsetzen.

Hinter der griechischen Expansion stand die Ideologie der „Megali Idea“, eines irredentistischen Konzepts des griechischen Nationalismus. Ziel war die Vereinigung aller von Griechen besiedelten Gebiete und die Ausdehnung Griechenlands auf Teile Anatoliens. Nach dem Ersten Weltkrieg sah die Regierung Venizelos die Gelegenheit gekommen, diesen Plan umzusetzen.

Die griechische Verwaltung versuchte nach der Besetzung Westanatoliens die demografischen Strukturen zugunsten der griechischen Bevölkerung zu verändern. Griechen, die während der Balkankriege und des Ersten Weltkriegs Anatolien verlassen hatten, kehrten zurück. Zusätzlich förderte die griechische Regierung die Ansiedlung weiterer Griechen durch finanzielle Hilfen, Kredite und die Aussicht auf Landbesitz.

Der Einmarsch in Izmir und erste Gewaltakte

Nach einem Bericht des Gendarmerie-Regimentskommandos von Izmir sollen am 15. Mai 1919 in Izmir sowie in den Dörfern der Halbinsel Urla mehr als 2.000 türkische Zivilisten durch griechische Truppen ums Leben gekommen sein.

In einem an die Generalkommandantur in Istanbul übermittelten Lagebericht schilderte das Regimentskommando die dramatischen Ereignisse während und nach der Besetzung der Stadt und dokumentierte die Gewaltakte gegen die türkisch-muslimische Bevölkerung. Der Bericht zeichnet das Bild einer Stadt, die innerhalb weniger Stunden von Chaos, Angst und massiver Gewalt erfasst wurde. Ein Auszug aus dem Gendarmeriebericht lautet:

„Während der Besetzung der Stadt Izmir durch griechische Soldaten am 15. Mai wurden beispiellose Morde an der türkisch-islamischen [muslimischen] Bevölkerung begangen. Hunderte von Einwohnern, Offiziere, Polizisten, Frauen und Kinder wurden getötet. Zudem wurde das Eigentum der meisten geplündert und zerstört.

Die Regierungsgebäude und Kasernen wurden belagert. Sie lagen stundenlang unter Gewehr- und Maschinengewehrfeuer. Nach Einstellung des Feuers wurden alle Regierungsbeamten und Gendarmerie-Delegationen mit aufgepflanztem Bajonett heruntergebracht.

Diese hatten sich zuvor in Anwesenheit des Gouverneurs versammelt. Sie wurden von den grausamen griechischen Soldaten sowie der einheimischen griechischen Bevölkerung gezwungen, ʻZito Venizelosʼ [ʻLang lebe Venizelosʼ] zu rufen. Bei der einheimischen Bevölkerung waren sogar die Kinder bewaffnet. Dies geschah unter Beleidigungen, Drohungen, Schlägen und Flüchen.

Die griechischen Soldaten und bewaffnete Milizen zwangen die Menschen der Reihe nach, sich zu entkleiden. Sie raubten ihnen das Bargeld und sogar die schmutzigen Taschentücher. Vielen wurden die Jacken und Schuhe abgenommen […].“

Die Ausweitung der Invasion und Vertreibungen

Zeitgleich kam es in vielen Regionen Westanatoliens zu schweren Gewaltverbrechen gegen die türkisch-muslimische Bevölkerung. Nach der Einnahme Izmirs wurden auch Städte wie Manisa, Aydın, Nazilli, Turgutlu und Ayvalık besetzt. Berichte türkischer Behörden und Zeitzeugen schildern Plünderungen, Erschießungen, Brandschatzungen und Misshandlungen durch griechische Soldaten und lokale Milizen.

Bereits am Tag nach der Besetzung Izmirs entstanden in verschiedenen Orten griechische Milizverbände. Die Gewalt führte zur Flucht zahlreicher Bewohner. Türkische Berichte sprechen von Tausenden getöteten Zivilisten allein während der ersten Tage der Besetzung. Besonders schwer betroffen war die Stadt Aydın. Zeitzeugen berichteten von systematischen Brandlegungen, Artilleriebeschuss und Angriffen auf fliehende Einwohner. Häuser und Geschäfte wurden zerstört, zahlreiche Menschen kamen ums Leben oder flohen in umliegende Städte und Dörfer.

Nach Angaben verschiedener Historiker wurden während der Besatzungszeit hunderttausende Menschen vertrieben. Viele türkisch-muslimische Zivilisten wurden interniert oder nach Griechenland verschleppt. Ziel dieser Maßnahmen sei unter anderem gewesen, die demografischen Verhältnisse in Westanatolien zugunsten der griechischen Bevölkerung zu verändern und möglichen Widerstand gegen die Besatzung zu schwächen.

Auch in anderen Regionen Westanatoliens kam es zu Massakern, Plünderungen und Zwangsmaßnahmen. In Dörfern entlang der Eisenbahnlinie Manisa–Akhisar wurden zahlreiche Bewohner getötet. Berichte schildern zudem Zwangsarbeit, schlechte Haftbedingungen und den Tod vieler Gefangener durch Hunger oder Misshandlungen.

Der Rückzug und die Taktik der verbrannten Erde

Mit der Schlacht von Sakarya (23. August bis 13. September 1921) gelang es der türkischen Armee unter Mustafa Kemal Pascha, den Vormarsch der griechischen Streitkräfte aufzuhalten. Beim anschließenden Rückzug setzte die griechische Armee auf die Taktik der verbrannten Erde. Zahlreiche Städte, Dörfer und landwirtschaftliche Flächen wurden niedergebrannt.

Auch die westanatolische Stadt Afyonkarahisar blieb von der Zerstörung nicht verschont und wurde nahezu vollständig in Schutt und Asche gelegt. Während der Evakuierung von Eskişehir setzten Soldaten der griechischen Invasionsarmee gezielt Brände in der Stadt.

Ein Aufklärungsflieger berichtete von mehreren Feuern: drei am Bahnhof, eines auf dem Markt und ein weiteres im Süden der Stadt. Zunächst wurde geplündert, bevor die am Porsuk-Fluss gelegene Stadt systematisch in Brand gesteckt wurde. Menschen, die versuchten, den Flammen zu entkommen, wurden erschossen. Rund 250 Zivilisten verloren dabei ihr Leben.

Die verheerenden Brände verschlangen ganze Stadtviertel, Wohnhäuser, Kaufhäuser, Geschäfte, Schulen, Hamams und Moscheen. Auch während der Dumlupınar-Kämpfe hinterließen griechische Armeeeinheiten eine Spur der Verwüstung und zerstörten die Dörfer Hamurköy und Çal.

Besonders schwer traf es zudem die Stadt Uşak, die nahezu vollständig niederbrannte. Noch bevor die türkische Armee einrückte, legten griechische Soldaten in der Stadt und ihrer Umgebung Feuer und verübten schwere Übergriffe auf die Bevölkerung. Allein durch die Brände kamen dort 322 muslimische Einwohner ums Leben.

Demografische Folgen und historisches Erbe

Um die demografischen Strukturen Westanatoliens zu verändern, führten die griechischen Streitkräfte einen rücksichtslosen Feldzug gegen die muslimische Zivilbevölkerung.

Der US-amerikanische Historiker Justin McCarthy beziffert in seinem Buch „Death and Exile“ die Zahl der während der Besatzung Westanatoliens durch die griechische Armee getöteten Muslime auf 640.000. Zudem spricht er von 860.000 Flüchtlingen sowie 1,2 Millionen vertriebenen türkisch-muslimischen Menschen.

Hinter der Landung alliierter Kriegsschiffe und der anschließenden Besetzung Izmirs am 15. Mai 1919 sowie weiterer Städte und Ortschaften Westanatoliens stand nach dieser Darstellung ein konkreter Plan der Siegermächte des Ersten Weltkriegs zur Aufteilung Anatoliens.

Die Ereignisse zwischen 1919 und 1922 hinterließen tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der türkischen Gesellschaft. Insbesondere die Erinnerungen an Vertreibungen, Internierungen, Gewaltakte und Zerstörung prägen das historische Bewusstsein bis heute.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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Wie nachhaltiges Ressourcenmanagement ESG-Ziele sichert

Die Industrie steht unter zunehmendem Druck, ihre betriebliche Effizienz zu verbessern und gleichzeitig die Erwartungen in Bezug auf Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG) zu erfüllen. Stakeholder beobachten genau, wie verantwortungsbewusst Unternehmen mit Rohstoffen, Energie und Produktionsmitteln umgehen.

Klare Ziele in Bezug auf Abfallreduzierung, Energieoptimierung und ethisches Handeln leiten diese Erwartungen. Viele Organisationen bewerten mittlerweile langfristige Risiken im Zusammenhang mit Ineffizienz und Ressourcenknappheit, was zu einer Verlagerung hin zu strukturierten, messbaren Strategien führt.

Wie kann nachhaltiges Ressourcenmanagement die industrielle Effizienz verbessern und Teams dabei helfen, die Umweltbelastung zu reduzieren und die Produktivität zu steigern? Es stärkt messbare ESG-Fortschritte, indem es die Nutzung von Wasser, Energie, Ausrüstung und Materialflüssen in den Betrieben verbessert. Lassen Sie uns verstehen, wie dieser Ansatz zu besseren ESG-Ergebnissen beiträgt.

5 Wege, wie nachhaltiges Ressourcenmanagement ESG-Ziele unterstützt

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Die Industrie reduziert die Belastung der natürlichen Systeme, indem sie Energie, Wasser und Materialien effizienter verfolgt und verwaltet. Nachhaltiges Ressourcenmanagement verbessert die Prognosen und hilft den Anlagen, Abfälle aus Überproduktion, unnötigem Energieverbrauch oder ineffizienten Arbeitsabläufen zu reduzieren.

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2. Verbessert die betriebliche Effizienz und senkt die langfristigen Kosten

Industrielle Betriebe sind in hohem Maße auf Maschinen, elektrische Geräte und energieintensive Anlagen angewiesen. Eine ineffiziente Nutzung führt zu höheren Kosten und einer erhöhten Umweltbelastung. Durch nachhaltiges Ressourcenmanagement bewerten Teams Verbrauchsmuster und setzen Strategien um, die die elektrische Belastung optimieren, die Anlagenplanung verbessern und die Lebensdauer der Anlagen verlängern.

Vorausschauende Wartung und Echtzeitüberwachung verhindern unnötige Ausfallzeiten und reduzieren die mit reaktiven Reparaturen verbundene Ressourcenverschwendung. Diese Maßnahmen verbessern die Gesamteffizienz, unterstützen die ESG-Ziele und stärken gleichzeitig die langfristige finanzielle Widerstandsfähigkeit.

3. Fördert verantwortungsbewusste Praktiken in der Lieferkette und im Materialumgang

ESG-Bewertungen berücksichtigen zunehmend vor- und nachgelagerte Auswirkungen. Unternehmen müssen nachweisen, wie verantwortungsbewusst sie Materialien beschaffen, transportieren und entsorgen. Nachhaltiges Ressourcenmanagement ermöglicht eine bessere Nachverfolgung von Rohstoffen und ermutigt Lieferanten zu verantwortungsbewusster Gewinnung, ethischen Arbeitspraktiken und saubereren Produktionsmethoden.

Die Industrie verbessert auch die Materialrückgewinnungs- und Recyclingprozesse und sorgt dafür, dass Geräte, Komponenten und elektrische Instrumente länger im Umlauf bleiben. Dieser strukturierte Ansatz schafft eine transparentere, verantwortungsvollere Lieferkette und unterstützt gleichzeitig in erhemlichem Maße die Governance-Verpflichtungen.

4. Unterstützt Initiativen für Arbeitssicherheit und soziale Verantwortung

ESG-Rahmenwerke legen den Schwerpunkt auf das Wohlergehen der Mitarbeiter, der lokalen Gemeinschaften und der internen Stakeholder. Durch die Anwendung eines nachhaltigen Ressourcenmanagements sorgen Unternehmen für sicherere Arbeitsumgebungen durch einen besseren Umgang mit Geräten, einen kontrollierten Energieverbrauch und eine geringere Gefährdung durch gefährliche Leckagen oder Abfälle.

Die Werke führen Schulungsprogramme ein, die einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen fördern und eine Kultur der Sicherheit und des Bewusstseins stärken. Diese sozial ausgerichteten Verbesserungen helfen Unternehmen, ihr langfristiges Engagement für das Wohlergehen der Arbeitnehmer und der Gemeinschaft unter Beweis zu stellen, unterstützt durch intelligente Messsysteme und die Überwachung der Stromqualität, die den Ressourceneinsatz transparenter machen.

5. Aufbau von Governance-Disziplin durch messbare und überprüfbare Praktiken

Eine starke Governance hängt von einer transparenten Berichterstattung und einer genauen Leistungsüberwachung ab. Nachhaltiges Ressourcenmanagement führt eine strukturierte Datenerfassung ein und hilft Teams dabei, Fortschritte in den Bereichen Energieverbrauch, Abfallreduzierung und Materialeffizienz zu messen.

Diese Erkenntnisse fließen in eine genaue ESG-Berichterstattung ein und stärken die Einhaltung globaler Standards wie der Global Reporting Initiative (GRI), des Carbon Disclosure Project (CDP) und integrierter Nachhaltigkeitsangaben. Klare, überprüfbare Kennzahlen ermöglichen es der Unternehmensleitung, ehrgeizigere Ziele zu setzen und die Rechenschaftspflicht auf allen Ebenen aufrechtzuerhalten.

Langfristige Wirkung durch besseres Ressourcenmanagement

Nachhaltiges Ressourcenmanagement hilft Branchen dabei, ESG-Ziele zu erreichen, indem es die Effizienz verbessert, einen verantwortungsvollen Betrieb unterstützt und strengere Governance-Rahmenbedingungen schafft.

Außerdem bereitet es Unternehmen auf strengere regulatorische Anforderungen und sich ändernde Marktanforderungen vor. Durch einen sorgfältigen Umgang mit Ressourcen schützen Branchen natürliche Ressourcen, stärken die Betriebsstabilität und festigen das Vertrauen der Stakeholder.

Ein letzter Schritt besteht darin, die richtigen Partner auszuwählen. Die Zusammenarbeit mit einer renommierten Elektromarke gewährleistet den Zugang zu zuverlässigen Geräten, fortschrittlicher Ausrüstung und leistungsstarken Lösungen, die langfristige Nachhaltigkeitsziele unterstützen. Zuverlässige Technologie hilft Unternehmen dabei, intelligentere Überwachungssysteme einzusetzen, Abfall zu reduzieren und die betriebliche Effizienz in allen Einrichtungen zu steigern.

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Duisburg
Türkisches Bogenschießen: Neuer Verein für Duisburg geplant

Von Yasin Baş

Der 45-jährige Mustafa Çığır, gebürtiger Duisburger mit familiären Wurzeln in der Türkei, ist weit mehr als ein erfahrener Automobilingenieur.

Neben seiner 20-jährigen Karriere als Führungskraft in der Automobilbranche engagiert er sich mit großer Leidenschaft für traditionelle türkische Sportarten – insbesondere das traditionelle Bogenschießen. Zudem pflegt er die Imkerei, ein von seinem Großvater erlerntes Handwerk, unter der Marke „Yavan Bal“ (reiner Honig).

In seiner Freizeit widmet sich Çığır der Bewahrung und Weitergabe kultureller Werte an die junge Generation. Seit der Gründung des „Osmanischen Bogensportvereins Oberhausen e.V.“ im Jahr 2019 ist er aktives Mitglied und trainiert Jugendliche im Bogenschießen. Vor drei Jahren erhielt er die Lehrbefugnis (Idschaza) und bereitet sich nun darauf vor, in Duisburg einen eigenen Verein für traditionelles türkisches Bogenschießen zu gründen.

 

Vielfältige Projekte und Workshops

Çığırs Engagement umfasst ein breites Spektrum an Aktivitäten. Dazu gehören Workshops für Grundschulkinder, Schießtrainings für Jugendliche in zivilgesellschaftlichen Organisationen sowie spezielle Kurse im Pferdebogenschießen für Fortgeschrittene.

Darüber hinaus bietet er Seminare zu Themen wie „Bogenschießen im Lichte von Koranversen und Hadithen – über Sa’d bin Ebi Vaqqas“ sowie über die „spirituelle Reise des Bogenschießens aus mystisch-sufischer Perspektive“ an.

Der gelernte Industrieingenieur hält zudem Vorträge an Universitäten und Hochschulen. Ein besonderes Anliegen ist ihm die Verbindung von traditionellem Bogenschießen und wissenschaftlicher Forschung. An der Technischen Hochschule (TH) Köln übertrug er in einem Gastvortrag für internationale Doktoranden und Dozenten die Philosophie des „Weges von Pfeil und Bogen“ auf die Disziplin des wissenschaftlichen Arbeitens.

Unter dem Leitsatz „Traditionelles Bogenschießen ist mehr als nur Schießen“ zeigte er Parallelen zwischen der mentalen Präzision des Schützen und der Prozesssteuerung in komplexen Projekten auf. Sein Fokus lag dabei auf der Bedeutung von Haltung, Spannung und dem gezielten Loslassen innerhalb der Forschung.

Ziele für die Zukunft

Zu Çığırs Zukunftsprojekten gehört der Aufbau eines neuen Bogensport-Vereins in und um Duisburg, in die er auch andere traditionelle türkische Sportarten wie Ringen, Schwert- und Schildkampf integrieren möchte. Ein weiteres Herzensprojekt ist die therapeutische Arbeit mit behinderten Kindern durch Bogenschießen. Darüber hinaus möchte er neue Lehrkräfte und Meister ausbilden, um die Tradition weiterzutragen.

Ingenieur, Imker, Bogenschütze – Ein Leben zwischen Moderne und Tradition

Mustafa Çığır verbindet auf eindrucksvolle Weise moderne deutsche Ingenieursdisziplin mit traditionellen türkischen Werten. Neben seiner erfolgreichen Karriere in der Automobilindustrie ist er durch die Imkerei – ein Erbe seines Großvaters – und seine Leidenschaft für das Bogenschießen zu einem bekannten Gesicht der türkischen Gemeinschaft im Ruhrgebiet geworden.

Mit der geplanten Gründung seines eigenen Bogensportvereins möchte er diese Tradition noch breiteren Kreisen zugänglich machen – ein Angebot für jeden Menschen, unabhängig von Herkunft oder Alter. Sein erklärtes Ziel ist es, junge Menschen und Menschen mit Behinderung für den Sport zu begeistern und von dessen positiven Wirkungen profitieren zu lassen.

 


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Folter in Israel
Bericht: Israel setzt bei Vergewaltigungen Hunde ein

New York – Nicholas Kristof, zweifacher Pulitzer-Preisträger und Kolumnist der New York Times, hat am 11. Mai einen Bericht veröffentlicht, der unter dem Titel „The Silence That Meets the Rape of Palestinians“ auf Grundlage von Interviews mit  palästinensischen Männern und Frauen systematische sexuelle Gewalt durch israelische Soldaten, Gefängnispersonal, Siedler und Verhörspezialisten dokumentiert. Hierzu zählten auch der Einsatz von Hunden. 

Die Berichte sind erschütternd — und sie kommen nicht aus dem Nichts. Die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem hatte im August 2024 in ihrem Bericht „Welcome to Hell“ das israelische Gefängnissystem als „Netzwerk von Folterlagern“ bezeichnet und im Januar 2026 einen konkreten Fall von sexuellem Missbrauch durch Hunde detailliert dokumentiert.

Kristof sprach unter anderem mit dem 46-jährigen palästinensischen Journalisten Sami al-Sai, der beschrieb, wie er von israelischen Soldaten nackt ausgezogen, geblendet und gefesselt wurde — bevor ein Hund auf ihn losgelassen wurde. Ein Hundeführer, der auf Hebräisch sprach, habe das Tier dabei angeleitet. „Sie haben Kameras benutzt, um Fotos zu machen, und ich hörte ihr Lachen“, sagte al-Sai gegenüber Kristof.

Er gab an, versucht zu haben, das Tier wegzuschieben — vergeblich. Nach seiner Freilassung warnte ihn ein israelischer Beamter: „Wenn du am Leben bleiben willst, wenn du zurückkommst, sprich nicht mit den Medien.“

Eine Frau berichtete, täglich mehrmals ausgezogen und geschlagen worden zu sein.

„Es war, als würden sie mich jedem vorstellen, der dort arbeitete. Zu Beginn jeder Schicht brachten sie die Männer, um mich auszuziehen.“

Kristof sprach auch mit drei inhaftierten Jungen, von denen jeder sexuellen Missbrauch beschrieb. „Niemand ist sexuellen Übergriffen entkommen“, zitierte er einen Journalisten aus Gaza.

Kristof betonte ausdrücklich, es gebe „keine Beweise dafür, dass israelische Führungskräfte Vergewaltigungen anordnen“ — aber israelische Behörden hätten einen „Sicherheitsapparat aufgebaut, in dem sexuelle Gewalt zu einem Standardverfahren geworden ist“, wie er unter Berufung auf einen UN-Bericht schrieb.

B’Tselem und weitere Organisationen bestätigen die Vorwürfe

Die Berichte Kristofs sind keine Einzelfallschilderungen. B’Tselem, eine der renommiertesten israelischen Menschenrechtsorganisationen, dokumentierte im August 2024 systematischen Missbrauch, Folter und sexuelle Gewalt gegen palästinensische Gefangene — und im Januar 2026 konkret den Fall von Tamer Qarmut, einem 41-jährigen Mann, der während einer israelischen Razzia festgenommen und sexuell durch einen Militärhund missbraucht wurde.

Auch Euro-Med Human Rights Monitor, Save the Children, das Committee to Protect Journalists sowie das UN-Menschenrechtsbüro, das im März 2025 von „systematischer“ sexueller Gewalt als „Standardverfahren“ sprach, haben ähnliche Muster dokumentiert. Al Jazeera berichtete in der vergangenen Woche über sieben dokumentierte Formen sexueller Gewalt in israelischen Hafteinrichtungen.

Das West Bank Protection Consortium, ein Zusammenschluss internationaler Hilfsorganisationen unter Leitung des Norwegischen Flüchtlingsrats, dokumentierte mindestens 16 Fälle sexueller Übergriffe durch israelische Siedler und Soldaten im Westjordanland.

Kristof zitierte auch den israelischen Whistleblower Shaiel Ben-Ephraim, der erklärte:

„Viele im Gefängnisdienst und IDF-Offiziere wissen vollkommen über den Einsatz von Hunden Bescheid.“

Israels Reaktion: „Blutlüge“

Das israelische Außenministerium bezeichnete den Artikel umgehend als „eine der schlimmsten Blutlügen, die je in der modernen Presse erschienen sind“. Der Israelische Gefängnisdienst erklärte, die Vorwürfe seien „falsch und vollständig unbegründet“. Pro-israelische Gruppen riefen zu Protesten vor der NYT-Zentrale in Manhattan auf.

Der Begriff „Blutlüge“ hat eine spezifische historische Bedeutung: Er bezeichnet das mittelalterliche antisemitische Märchen, Juden würden christliche Kinder für religiöse Rituale ermorden. Kritiker des israelischen Außenministeriums wenden ein, der Begriff werde im vorliegenden Fall missbräuchlich verwendet, da die vorliegenden Berichte auf Zeugenaussagen, unabhängigen Untersuchungen und Berichten israelischer Menschenrechtsorganisationen selbst beruhen.

NYT verteidigt Kristof

Berichte, wonach die New York Times erwäge, den Artikel zurückzuziehen, wies das Blatt klar zurück. „Daran ist absolut nichts wahr“, erklärte NYT-Sprecher Charlie Stadtlander.

„Nicholas Kristof ist ein zweifacher Pulitzer-Preisträger, der seit Jahrzehnten über sexuelle Gewalt berichtet, und gilt weithin als einer der besten investigativen Reporter der Welt in der Dokumentation von sexuellem Missbrauch in Kriegs- und Konfliktzonen.“

Kristof habe die Region bereist und Betroffene persönlich interviewt. Der Artikel erschien in der Meinungsrubrik der New York Times — was redaktionell anderen Richtlinien unterliegt als Nachrichtenstücke, jedoch laut Kristof auf eigener Recherche beruht. „Ich reise und berichte für meine Kolumnen“, schrieb er auf X. „In diesem Fall habe ich eine Geschichte gesehen und verfolgt.“

Kristof forderte abschließend, der US-Botschafter solle Überlebende besuchen, Waffenlieferungen an ein Ende sexueller Gewalt knüpfen und sicherstellen, dass jene Palästinenser, die für seinen Artikel gesprochen hätten, nicht erneut misshandelt würden.

 


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Israel-Kritik
US-Gericht hebt Sanktionen gegen UN-Expertin Albanese auf

Washington/Genf – Francesca Albanese gehört zu den schärfsten internationalen Kritikerinnen Israels.

Die italienische Rechtswissenschaftlerin und UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete hat Israels Militäroperationen in Gaza öffentlich als Genozid bezeichnet und die internationale Gemeinschaft für ihr Versagen kritisiert, diesen zu verhindern.

Genau das wurde ihr zum Verhängnis: Im Juli 2025 setzte US-Außenminister Marco Rubio sie auf die Specially Designated Nationals-Liste des US-Finanzministeriums — eine Sanktionsliste, die ursprünglich für Terroristen und Diktatoren konzipiert wurde. Nun hat ein US-Bundesgericht diese Sanktionen vorläufig gestoppt.

„Sie hat nichts anderes getan als gesprochen“

US-Bezirksrichter Richard Leon in Washington urteilte am Mittwoch, die Trump-Administration habe Albaneses Redefreiheit verletzt — geschützt durch den Ersten Zusatzartikel der US-Verfassung. „Albanese hat nichts anderes getan als gesprochen!“, schrieb Leon in seiner 26-seitigen Entscheidung.

„Es ist unbestritten, dass ihre Empfehlungen keine bindende Wirkung auf die Handlungen des IStGH haben — sie sind nichts weiter als ihre Meinung.“
Rubio hatte die Sanktionen mit dem Vorwurf begründet, Albanese habe „hemmungslosen Antisemitismus verbreitet“.

Sie weist das zurück und erklärt, Antisemitismusvorwürfe würden gezielt eingesetzt, um Kriegsverbrechen zu rechtfertigen. Israel bestreitet Kriegsverbrechen begangen zu haben und bezeichnet den IStGH-Prozess als grundlegend befangen.

Auslöser der Sanktionen waren Albaneses Berichte über die sogenannte „Genocide Economy“ sowie ihre Forderung an den Internationalen Strafgerichtshof, amerikanische und israelische Unternehmen und Einzelpersonen wegen mutmaßlicher Beihilfe zu schweren Menschenrechtsverletzungen zu untersuchen. Trump hatte per Dekret Sanktionen gegen Personen autorisiert, die „direkt in“ den IStGH-Ermittlungen zu Gaza tätig sind.

Finanzielle Isolation und Alltag ohne Bankkonto

Die Folgen der Sanktionen für Albaneses Alltag waren gravierend. Weltweit konnte sie keine Bankkonten führen — auch nicht in ihrer Heimat Italien. Europäische Banken, darunter die Banca Etica, verweigerten ihr die Kontoführung aus Angst vor US-Sekundärsanktionen, die Strafen von bis zu 20 Millionen Dollar und bis zu 30 Jahren Gefängnis vorsehen.

Sie erklärte öffentlich, weder ihr Gehalt empfangen noch Dienstleistungen bezahlen oder Kreditkarten nutzen zu können. Sie fühle sich behandelt wie „Bin Laden“, sagte sie.

Auch ihre Krankenversicherung verweigerte Zahlungen für medizinische Leistungen. Die Einreise in die USA war ihr untersagt. Im Februar 2026 reichten ihr Ehemann, der Weltbank-Ökonom Massimiliano Calì, und ihre in den USA geborene Tochter Klage gegen die Trump-Administration ein — mit dem Argument, die Sanktionen verletzten Grundrechte.

Richter Leon stellte fest, dass Albaneses enge Verbindungen zu den USA — darunter eine in Washington geborene Tochter und ein Familienwohnsitz in der Hauptstadt — ihr den Schutz des Ersten Verfassungszusatzes garantierten, obwohl sie als italienische Staatsbürgerin außerhalb der USA lebt.

Das Justizministerium hatte argumentiert, als ausländische Staatsbürgerin im Ausland könne sie keinen Anspruch auf Redefreiheitsschutz geltend machen — Leon wies das zurück.

Spanien ehrte sie trotz Sanktionen

Albaneses Fall hat international für Aufmerksamkeit gesorgt. Spaniens Premierminister Pedro Sánchez verlieh ihr trotz der US-Sanktionen eine staatliche Auszeichnung — ein Signal, das international als Kritik an der Kriminalisierung von UN-Mandatsträgern gewertet wurde.

In Deutschland stand Albanese zeitweise vor der Möglichkeit einer Festnahme wegen ihrer Verwendung des Begriffs „Genozid“ im Zusammenhang mit Israels Operationen in Gaza.

Albanese selbst erklärte nach dem Urteil, sie sei der Entscheidung des amerikanischen Justizsystems dankbar. „Das Urteil, dass die Sanktionen anscheinend in Verfassungsrechte eingreifen, gibt mir recht“, sagte sie. „Ich bin so dankbar meiner kleinen Tochter und ihrem wunderbaren Vater dafür, dass sie das Risiko auf sich genommen haben.“

Albanese ist seit 2022 UN-Sonderberichterstatterin für die Menschenrechtslage in den seit 1967 besetzten palästinensischen Gebieten und hat sich zu einer der prominentesten internationalen Stimmen entwickelt, die Israels Vorgehen in Gaza öffentlich als Genozid bezeichnet.

 


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Sachsen-Anhalt
AfD plant Austausch von bis zu 200 Spitzenbeamten

Halle – Im Fall einer Regierungsübernahme der AfD in Sachsen-Anhalt müssten Teile der Beamtenschaft in der Landesverwaltung um ihre Jobs bangen.

Das berichtet die in Halle erscheinende Mitteldeutsche Zeitung (Freitagausgabe). Demnach gibt es in der rechtsextremen Partei bereits Pläne, nach einem Sieg bei der Landtagswahl im September eine dreistellige Zahl von Stellen im Land neu zu besetzen.

„Hier scheint eine Zahl von 150 bis 200 Stellen realistisch“, sagte AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund dem Blatt. Es geht demnach nicht nur um Posten für mögliche Minister, Staatssekretäre und deren Stäbe – sondern auch um die Ebene darunter, also Leitungsposten auf der Arbeitsebene der Ministerien oder Chefposten in anderen Behörden im Land.

Der Gedanke dahinter: Die AfD will im Fall eines Wahlsiegs sichergehen, dass ihre Regierungspolitik nicht innerhalb des Beamtenapparates aufgehalten wird. Siegmund betonte zwar, dass seiner Erfahrung nach „auf viele Abteilungs- und Referatsleiter“ in den Ministerien gesetzt werden könne.

„Wenn jedoch versucht werden sollte, unsere Arbeit aktiv zu blockieren, müssen wir natürlich Maßnahmen ergreifen“, sagte er der MZ. Siegmund erklärte zudem: „Große Teile der mittleren Ebene sind nicht politisch besetzt. Grundsätzlich reichen wir jedem die Hand, egal welcher politischen Couleur.“

Die Pläne der AfD betreffen nicht allein die Ministerien. „Unser Blick richtet sich natürlich nicht nur auf die Landesverwaltung, sondern auch auf landeseigene Gesellschaften“, sagte Siegmund. Abschaffen wolle er beispielsweise die Landesenergieagentur.

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Israel
Israels Armee droht zu kollabieren: Generalstab fordert sofort Soldaten

Jerusalem – Es sind ungewöhnlich offene Worte für einen amtierenden Generalstabschef. Generalleutnant Eyal Zamir erschien am 10. Mai vor dem Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten und Verteidigung der Knesset und richtete eine unmissverständliche Botschaft an die Parlamentarier:

„Ich beschäftige mich nicht mit politischen oder gesetzgeberischen Prozessen — ich führe einen Mehrfrontenkrieg und besiege den Feind. Um das weiter tun zu können, braucht die israelische Armee sofort mehr Soldaten.“

Die Sitzung fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, doch die Kernaussagen gelangten umgehend in die israelische Presse.

Warnung seit Monaten ignoriert

Es war nicht das erste Mal, dass Zamir diesen Alarm schlug. Bereits im März hatte er dem Sicherheitskabinett unter Premier Benjamin Netanyahu mitgeteilt, die Armee werde „in sich zusammenbrechen“, wenn keine gesetzlichen Regelungen zur Einberufung und Reservedienstpflicht geschaffen würden.

„Ich hebe zehn rote Flaggen vor euch“, sagte er damals laut einem Bericht von Channel 13. „Derzeit braucht die Armee ein Einberufungsgesetz, ein Reservegesetz und ein Gesetz zur Verlängerung des Wehrdienstes. In nicht allzu langer Zeit wird die Armee nicht mehr für ihre Routineaufgaben bereit sein, und das Reservesystem wird nicht standhalten.“

Im Januar 2026 hatte Zamir bereits einen persönlichen Brief an Netanyahu und Verteidigungsminister Israel Katz geschrieben — der Brief wurde später von Katz öffentlich gemacht — und darin vor einer ernsthaften Gefährdung der militärischen Einsatzbereitschaft noch im Laufe des Jahres 2026 gewarnt.
15.000 Soldaten fehlen

Armeesprecher Brigadegeneral Efi Defrin bezifferte den Bedarf konkret: Die israelischen Streitkräfte benötigten rund 15.000 zusätzliche Soldaten, darunter 7.000 bis 8.000 Kampftruppen. „Es ist unbedingt erforderlich, ein Einberufungsgesetz zu verabschieden“, sagte Defrin. Zamir selbst ergänzte, dass die Rekrutierung von Haredim keine Frage der Lastenteilung sei, sondern „eine Existenzfrage für die Armee“.

Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Die Pflichtdienstzeit wurde im August 2024 von 32 auf 30 Monate verkürzt. Zamir fordert eine Rückkehr zu 36 Monaten. Im Januar 2027 wird der erste Einberufungsjahrgang unter der verkürzten Dienstzeit entlassen — was die Personallage ohne gesetzliche Änderungen weiter verschärfen wird.

Der Haredi-Konflikt

Im Zentrum der Krise steht eine jahrzehntealte politische Auseinandersetzung: die Wehrpflicht für ultraorthodoxe Juden, die Haredim. Sie machen rund 13 Prozent der israelischen Bevölkerung aus — etwa 1,3 Millionen Menschen — und sind bisher vom Militärdienst befreit, mit Verweis auf religiöses Torastudium.

Israelisches Recht schreibt für alle Staatsbürger über 18 Jahren den Wehrdienst vor, doch die Ausnahmeregelung für Haredim gilt seit Jahrzehnten.

Netanyahus Koalition ist auf die ultraorthodoxen Parteien Schas und Vereintes Tora-Judentum angewiesen. Nach Angaben israelischer Medien bat Netanyahu führende Haredi-Politiker zuletzt in einem privaten Treffen darum, ein Gesetz zur Befreiung von Jeschiwastudenten vom Wehrdienst bis nach den Wahlen 2026 zurückzustellen — offenbar weil die Koalition keine Mehrheit dafür hat. Kritiker werfen der Regierung vor, politisches Überleben über nationale Sicherheit zu stellen.

Scharfe Reaktionen im Parlament

Die Warnungen Zamirs lösten heftige politische Reaktionen aus. Der frühere Generalstabschef und Oppositionspolitiker Gadi Eisenkot erklärte:

„Die politische Führung, die uns zum 7. Oktober geführt hat, erhält eine weitere Warnung. Eine Regierung, die während einer entscheidenden Phase für Israel die allgemeine Wehrpflicht verweigert, verdient es nicht, einen weiteren Tag im Amt zu bleiben.“

Aus den Reihen der regierenden Likud-Partei kamen gemischte Signale. MK Dan Illouz, der gegen das Haredi-Befreiungsgesetz ist, schrieb: „Man kann nicht Annexion, Siedlungsbau und totalen Sieg fordern und gleichzeitig die Armee wegen Soldatenmangels kollabieren lassen.“

Unterstützer des Koalitionskurses hingegen bezeichneten Zamirs Aussagen als „unverantwortlich“ und „beispiellos“.

Zamir selbst schloss seine Aussage vor dem Ausschuss mit einer unmissverständlichen Linie: „Ich werde nicht zulassen, dass die Armee zerschlagen wird.“

 


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Palästina
Westjordanland: Noch immer ein getötetes Kind pro Woche

Jerusalem – Während die Welt auf Gaza schaut, sterben Kinder im Westjordanland still und weitgehend unbemerkt.

Seit dem 7. Oktober 2023 wurden im Gazastreifen nach UN-Angaben mindestens 21.289 Kinder getötet — eine Zahl, die das Ausmaß des Leids kaum fassbar macht. Doch auch abseits von Gaza sterben palästinensische Kinder. Seit Januar 2025 wurde im besetzten Westjordanland und Ostjerusalem im Durchschnitt jede Woche mindestens ein Kind getötet.

Das teilte UNICEF-Sprecher James Elder am 12. Mai bei einer Pressekonferenz im Palais des Nations in Genf mit. Insgesamt 70 Kinder wurden in diesem Zeitraum getötet, 93 Prozent davon durch israelische Streitkräfte. Weitere 850 Kinder wurden verletzt — die meisten durch scharfe Munition.

UNICEF-Sprecher James Elder (Foto: Un News)

„Das sind keine Einzelfälle“

UNICEF-Sprecher Elder betonte, hinter den Zahlen stecke kein zufälliges Muster. „Das sind keine Einzelfälle — sie verweisen auf ein anhaltendes Muster schlimmster Verletzungen der Kinderrechte“, sagte er.

Dokumentierte Vorfälle umfassen Kinder, die erschossen, erstochen, geschlagen und mit Pfefferspray attackiert wurden. Siedlerangriffe hätten dabei ein historisches Ausmaß erreicht:

Laut dem UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten OCHA verzeichnete der März 2026 die höchste Zahl durch Siedler verletzter Palästinenser in den vergangenen 20 Jahren — und die Angriffe würden zunehmend koordinierter.

Häuser, Schulen, Wasser

Was sich im Westjordanland abspielt, geht über direkte Gewalt hinaus. Elder schilderte einen systematischen Abbau der Lebensbedingungen von Kindern. Häuser werden abgerissen — allein in den ersten vier Monaten 2026 wurden mehr als 2.500 Palästinenser vertrieben, darunter 1.100 Kinder.

Damit wurde die Gesamtzahl der Vertriebenen aus dem gesamten Jahr 2025 bereits übertroffen.

Elder berichtete von Ezzaldin, acht Jahre alt: Als Siedler sein Dorf angriffen, schlief der Junge draußen — das Haus seiner Familie war zwei Monate zuvor abgerissen worden. Er wurde mit einem Holzstück geschlagen und musste wegen Kopfverletzungen ins Krankenhaus. Seine Mutter brach sich beide Arme, als sie versuchte, ihr vier Monate altes Baby zu schützen, indem sie ihre Arme zwischen das Kind und den Knüppel des Angreifers hielt.

Auch Schulen stehen unter anhaltendem Druck. 2026 wurden bereits 99 bildungsbezogene Vorfälle dokumentiert — darunter die Tötung, Verletzung und Inhaftierung von Schülern, der Abriss von Schulgebäuden und die Verweigerung des Zugangs.

Elder begleitete die zwölfjährige Roa’a durch ihre von Siedlern und israelischen Streitkräften zerstörte Schule — ein Ort, an dem sie in wenigen Monaten ihre Grundschulabschlussfeier hätte begehen sollen. Inmitten der Trümmer stellte das Mädchen eine Frage, die Elder nicht loslässt: „Als ich sah, wie meine Schule zerstört wurde, überwältigte mich ein schweres Gefühl, und ich fragte mich: Warum wurde unsere Schule abgerissen?“

347 Kinder in Militärhaft

Parallel zur physischen Gewalt steigt die Zahl inhaftierter Kinder. Aktuell befinden sich 347 palästinensische Kinder aus dem Westjordanland in israelischer Militärhaft — der höchste Stand seit acht Jahren. Mehr als die Hälfte davon, 180 Kinder, werden in Administrativhaft gehalten — ohne die erforderlichen Verfahrensgarantien, ohne regelmäßigen Zugang zu einem Rechtsbeistand und ohne das Recht, die Inhaftierung anzufechten.

In 2026 wurden zudem mehr als 60 Wasser- und Sanitäranlagen beschädigt oder zerstört, darunter Pipelines, Bewässerungssysteme und Wassertanks. Der Zugang zu sauberem Wasser, ohnehin fragil, wird damit weiter eingeschränkt.

UNICEF fordert sofortiges Handeln

UNICEF rief die israelischen Behörden auf, „sofortige und entschlossene Maßnahmen“ zu ergreifen, um weitere Tötungen und Verletzungen palästinensischer Kinder zu verhindern und deren Häuser, Schulen und den Zugang zu Wasser zu schützen — in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht.

Israel als Besatzungsmacht trage rechtliche Verpflichtungen gegenüber der Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten, betonte die Organisation. Zudem appellierte UNICEF an Mitgliedstaaten mit Einfluss, ihren Hebel zu nutzen, um die Einhaltung des Völkerrechts sicherzustellen.

 

 


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Lang ersehnter Traum wird endlich wahr: DITİB Hacı-Bayram-Moschee in Herten feierlich eröffnet

Herten – Im nordrhein-westfälischen Herten wurde die DITİB Hacı-Bayram-Moschee mit einer feierlichen Zeremonie offiziell eröffnet. Zahlreiche Gäste aus Politik, Religionsgemeinschaften und der Zivilgesellschaft nahmen an dem festlichen Akt teil.

Zur Eröffnungsfeier in der Ewaldstraße kamen unter anderem der türkische Generalkonsul aus Münster, Mehmet Özgün Arman, der NRW-Landtagsabgeordnete Carsten Löcker (SPD), die stellvertretende Landrätin Martina Eißing (CDU), Hertens Bürgermeister Fred Toplak (parteilos), der stellvertretende türkische Religionsattaché Turgut Şen sowie der stellvertretende DİTİB-Bundesvorsitzende Muhammet Çatmak.

Ebenfalls anwesend waren der Vorsitzende des DİTİB-Regionalverbandes Münster, Can Kara, Vertreter von Polizei, Kirchen und zahlreichen DİTİB-Vereinen aus der Umgebung sowie viele eingeladene Gäste.

Die Moderation des Programms übernahmen Hasan Altun und Bekir Uzunoğlu. Der feierliche Auftakt mit einer Koranrezitation wurde von Mustafa Kurumahmut, einem früheren Religionsbeauftragten der Moschee, gestaltet.

„Dieses Werk wurde durch Opferbereitschaft, Geduld und die Gebete unserer Gemeinde vollbracht“

Der derzeitige Religionsbeauftragte Ali Gürsoy sowie die ehemaligen Religionsbediensteten Mustafa Kurumahmut und Kenan Aydın erinnerten in ihren Reden an die bescheidenen Anfänge des Vereins.

Sie betonten, dass die Gemeinde seit ihrer Gründung in einfachen Räumlichkeiten betete. Durch die Opferbereitschaft, Geduld und die Gebete der Gläubigen sei dieses Werk nun zu einem noch bedeutungsvolleren Ort geworden – der lang gehegte Traum von einem repräsentativen Kuppelbau sei endlich Wirklichkeit geworden. Sie dankten allen, die ihren Beitrag dazu geleistet haben.

Vorsitzender Demir: „Seit 1978 unser Traum“

Der Vorsitzende der Hacı-Bayram-Moschee, Ziya Demir, erinnerte daran, dass der Verein seit seiner Gründung im Jahr 1978 von dem Wunsch nach einem eigenen Gebets- und Gotteshaus getragen wurde. „Dieser Traum ist heute Wirklichkeit geworden“, sagte Demir. „Ich danke allen Beteiligten von Herzen. Möge Allah mit ihnen zufrieden sein.“

Aufruf zu Einheit und Zusammenhalt

Can Kara, Vorsitzender des DİTİB-Regionalverbandes Münster, betonte, dass der Zusammenhalt in der Region durch solche Werke weiter gestärkt werde. Er dankte besonders dem Vereinsvorstand und allen, die zur Vollendung dieses Projekts beigetragen haben.

Der NRW-Landtagsabgeordnete Carsten Löcker würdigte die neue Moschee als wichtigen Gewinn für die Stadt Herten. Bürgermeister Fred Toplak unterstrich die kulturelle und religiöse Vielfalt der Stadt und hob den Beitrag der Moschee zum gesellschaftlichen Zusammenhalt hervor.

Çatmak: „Moscheen sind mehr als Gebetsstätten“

Der stellvertretende DİTİB-Bundesvorsitzende Muhammet Çatmak betonte in seiner Rede, dass Moscheen weit mehr seien als reine Gebetsstätten. „Unsere Moscheen sind Zentren, in denen die Hingabe Geborgenheit findet, unsere Kinder den Koran lernen, Jugendliche Identität gewinnen und familiäre wie nachbarschaftliche Bande geknüpft werden“, sagte Çatmak. Sie seien der sichtbarste Ausdruck der Zugehörigkeit der Muslime zu dieser Gesellschaft.

Yasin Baş

 


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Vatican
Pope Leo awards Iran’s ambassador highest papal order

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Vatican – It is a gesture of profound symbolic weight: amid his open conflict with US President Donald Trump, Pope Leo XIV has awarded the Papal Order of Pius IX — the Vatican’s highest diplomatic honor — to Iran’s Ambassador to the Holy See, Ayatollah Mohammad Hossein Mokhtari. According to available reports, the certificate bears the signature of Vatican Secretary of State Cardinal Pietro Parolin, naming Mokhtari a Knight of the Grand Cross of the Order.

A Pope at odds with the US President

Leo XIV — born Robert Prevost, the first pope of North American origin in the Catholic Church’s two-thousand-year history — has been on an unmistakable collision course with the Trump administration since his election in May 2025. The conflict has centered on three core issues: migration, the US-Israeli military campaign against Iran, and nuclear rhetoric.

As early as October 2025, Leo condemned the Trump administration’s migration policies as „inhumane“ — the first public rupture. In spring 2026, he sharply denounced the joint US-Israeli military operation against Iran, conducted under the codename „Operation Epic Fury,“ and spoke of the „delusion of omnipotence“ among those in power. „God does not bless war,“ he declared. Trump’s threat to eradicate Iranian civilization, Leo called „truly unacceptable.“

Trump hit back. On May 4, he accused the pope during a radio interview of being sympathetic to Iran acquiring nuclear weapons. „I think he’s endangering a lot of Catholics and a lot of people,“ Trump said. Leo responded without hesitation: „The mission of the Church is to proclaim the Gospel and preach peace. If someone wants to criticize me for that, let them do so truthfully.“

The conflict reached a new low when Trump shared an AI-generated image of himself in a Christ-like pose on his social media channels. The image triggered widespread accusations of blasphemy and was removed shortly afterward. Vice President JD Vance, meanwhile, demanded that the Vatican „stick to moral questions“ and stay out of geopolitics.

Italian Prime Minister Giorgia Meloni — normally a close Trump ally — stepped in to defend the pope. On May 7, Secretary of State Marco Rubio flew to Rome for a meeting that lasted more than two hours with Leo and Cardinal Parolin in the Apostolic Palace. The Vatican described the conversation as „cordial,“ while stressing the need to „work tirelessly for peace.“ Leo declined Trump’s invitation to visit the United States. Instead, he traveled to Lampedusa — the Mediterranean island where refugees arrive daily.

Leo left no doubt about his position. While traveling, he stated that he had „no fear of the Trump administration“ and would continue to proclaim the Gospel’s message of peace.

The Order and its significance

The Order of Pius IX — in Italian, „Ordine Piano“ — was established in 1847 by Pope Pius IX and ranks among the Vatican’s highest orders of knighthood. It is typically conferred upon ambassadors and distinguished figures who have contributed to strengthening diplomatic ties and to the cause of peace and dialogue. The honor is usually reserved for heads of state and senior diplomats.

Iran’s ambassador had already written to Leo in July 2025

The award to Mokhtari is the result of a sustained diplomatic rapprochement. As far back as July 2025, the ambassador had written directly to Pope Leo, appealing to him as a global moral authority to speak out against what Iran described as threats by the United States and Israel directed at Supreme Leader Ali Khamenei.

Mokhtari wrote at the time that such statements were not only legally questionable under international law but carried deep religious consequences. „Such affronts transcend politics. They injure the soul of a global religious community,“ he wrote, according to the Catholic news service Zenit.

Iranian state media have framed the award in direct connection with Leo’s public criticism of the military operations against Iran and with the Iranian embassy’s efforts to promote messages of peace and dialogue. An official statement from the Vatican regarding the reasons behind the honor had not been issued at the time of publication.

 

 


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