Islamforum Penzberg
Benjamin Idriz erhält deutsche Staatsbürgerschaft: „Ein Auftrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt“

München – Der weit über Bayern hinaus bekannte Penzberger Imam und Buchautor Benjamin Idriz ist nun offiziell deutscher Staatsbürger. Nach drei Jahrzehnten gesellschaftlichen und interreligiösen Engagements blickt er auf seinen Weg zurück – und setzt ein deutliches Zeichen für Dialog, gegenseitigen Respekt und Demokratie.

Er gilt seit Jahrzehnten als eine der prägendsten Stimmen für ein europäisches Islamverständnis, ist als promovierter islamischer Theologe wie auch als Seelsorger ein geschätzter Ansprechpartner und genießt im interreligiösen Dialog breite Beliebtheit: Benjamin Idriz.

Der Initiator des Münchner Forums für Islam und Autor mehrerer Fach- und Sachbücher (Wie verstehen Sie den Koran, Herr Imam?: Grundgedanken für einen Islam heute und hier) setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, ein authentisches Islamverständnis zuvermitteln, das tief in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verankert ist und die gemeinsamen Werte der Gesellschaft aus den islamischen Quellen ableitet.

Nun hat der Penzberger Imam nach 30 Jahren in Deutschland seine Einbürgerungsurkunde entgegengenommen.

„Deutschland ist längst meine Heimat“

In einer persönlichen Stellungnahme bezeichnete Idriz diesen Schritt als weit mehr als nur einen bürokratischen Akt:

„Nach 30 Jahren unermüdlichen Einsatzes für dieses Land durfte ich heute die deutsche Staatsbürgerschaft entgegennehmen. Heute ist für mich ein besonderer Tag. Deutschland ist längst meine Heimat. Mit der Einbürgerung darf ich nun auch staatsbürgerlich Verantwortung für dieses Land übernehmen.“

Der Weg bis zu diesem Moment sei nicht immer leicht gewesen, betont der Geistliche. Über die Jahre hinweg sah er sich immer wieder mit Verleumdungen und öffentlichen Angriffen konfrontiert:

„Dieser Weg war nicht immer einfach. Bis zuletzt gab es Einwendungen, Verleumdungen und öffentliche Angriffe. Es gab und gibt Versuche, meine Person und meine Arbeit zu diskreditieren. Ich weiß, dass dies auch künftig nicht ganz aufhören wird. Doch ich lasse mich davon nicht entmutigen. Ich glaube an den Rechtsstaat, an unsere Demokratie und an das Gute im Menschen.“

Muslime als fester Bestandteil der Gesellschaft

Idriz, der in Veröffentlichungen und Beiträgen immer wieder dazu aufruft, Muslime nicht als Fremde, sondern als selbstverständlichen Teil der deutschen Gesellschaft wahrzunehmen, unterstreicht, dass die Zukunftsgestaltung des Landes nur gemeinsam gelingen könne. Muslime stünden nicht am Rand, sondern arbeiteten täglich in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Schulen, Unternehmen, in der Forschung wie auch in der Kultur und Politik.

Deutschsein definiere sich für ihn nicht über Namen oder Herkunft, sondern über die Zugehörigkeit und die gemeinsame Verantwortung für die Zukunft des Landes. Ein friedliches Zusammenleben gelinge daher nicht durch Angst oder Ausgrenzung, sondern durch Begegnung und Vertrauen.

Dank an die bayerischen Behörden

Für die Unterstützung während des Einbürgerungsverfahrens richtete der Imam seinen Dank an die zuständigen Stellen und die Politik in Bayern:

„Mein herzlicher Dank gilt Karl Straub, dem Integrationsbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung, für seine Unterstützung und Ermutigung. Ebenso danke ich dem Landrat sowie allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Landratsamtes Weilheim-Schongau für die freundliche und professionelle Begleitung meines Einbürgerungsverfahrens.“

Die deutsche Staatsbürgerschaft verstehe er als Verpflichtung und Ansporn zugleich, seinen Einsatz für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Werte der Demokratie auch in Zukunft mit voller Überzeugung fortzusetzen.

AUCH INTERESSANT

Benjamin Idriz: „Muslime gestalten Deutschland mit“

CSD-Anschlag
Anschläge vor Wahlen: SPD-Innenexperte Sebastian Fiedler verweist auf auffälliges Muster

Berlin – Der Bundestagsabgeordnete und frühere BDK-Chef fordert eine vertiefte Analyse zeitlicher Zusammenhänge bei Sicherheitsrisiken und schlägt damit neue Töne in der Sicherheitsdebatte an.

In der laufenden Debatte um die innere Sicherheit in Deutschland rückt ein bisher wenig beachteter Aspekt in den Fokus der politischen Diskussion. Der Bundestagsabgeordnete Sebastian Fiedler (SPD), Mitglied im Innenausschuss des Deutschen Bundestages und ehemaliger Bundesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), hat auf eine auffällige zeitliche Häufung von Gewalttaten und mutmaßlichen Anschlägen im unmittelbaren Vorfeld politischer Wahlen aufmerksam gemacht.

Seine Äußerungen im Anschluss an den Anschlag am Rande des Christopher Street Day (CSD) in Berlin lösten in der Politik eine grundlegende Debatte über die Wahrnehmung und Ursachen solcher Ereignisse aus.

Anschläge vor Wahlen

Im Rahmen eines Interviews im Nachrichtensender phoenix hob Fiedler hervor, dass die Muster schwerer Straftaten in der jüngeren Vergangenheit genauer analysiert werden müssten.

Nach seiner Beobachtung traten dramatische Vorfälle wie jene in Mannheim, Solingen, München oder Berlin auffällig oft in Phasen auf, in denen das Land vor wichtigen Wahlen stand oder sich in intensiven Wahlkampfzeiten befand.

Fiedler verdeutlichte, dass dieser zeitliche Zusammenhang in den bisherigen öffentlichen und parlamentarischen Auseinandersetzungen zu wenig Beachtung gefunden habe. Die Debatte verenge sich nach Taten zu oft auf reflexartige Forderungen nach Gesetzesverschärfungen oder einzelnen Schutzmaßnahmen, anstatt übergeordnete Muster und Strategien der Täter zu beleuchten.

Kriminalistische Perspektive und Sicherheitsanalyse

Als langjähriger Kriminalbeamter plädiert Fiedler dafür, den Blickwinkel bei der Bewertung von Gefahrenlagen zu erweitern.

Es gelte im Rahmen polizeilicher und nachrichtendienstlicher Auswertungen zu prüfen, ob Extremisten, terroristische Gruppierungen oder gar ausländische Akteure gezielt gesellschaftlich sensible Zeiträume nutzen, um Spaltungen in der Bevölkerung zu vertiefen und das politische Klima im Vorfeld von Abstimmungen zu beeinflussen.

Ein solches Vorgehen entspräche Methoden der hybriden Einflussnahme, bei denen die Verunsicherung in der Bevölkerung kurz vor Urnengängen gezielt maximiert werden soll.

Fiedler forderte daher, dass die zuständigen Sicherheitsbehörden diese zeitlichen Auffälligkeiten systematisch in ihre Risiko- und Bedrohungsanalysen einbeziehen.

Reaktionen und Einordnung im politischen Diskurs

Fiedlers Anstoß hat im politischen Berlin unmittelbare Reaktionen hervorgerufen. Während Parteikollegen wie Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach die These aufgriffen und eine eingehende Untersuchung dieses Verdachts forderten, unterstreichen Fachleute die Vielschichtigkeit der Materie.

Kritiker und Beobachter weisen darauf hin, dass Ursachen von Radikalisierung und Einzeltaten stets individuell ausgewertet werden müssen. Dennoch verdeutlicht die Diskussion die Gratwanderung zwischen analytischer Früherkennung und der systematischen Einordnung von Straftaten im zeitlichen Kontext des politischen Geschehens.

Ausblick auf die Sicherheitsdebatte

Die Äußerungen des SPD-Politikers verdeutlichen, dass die Diskussion über innere Sicherheit über rein operative Schutzmaßnahmen hinausreicht.

Die Frage, inwieweit politische Terminkalender und anstehende Wahlen Einfluss auf die Dynamik extremistischer Taten haben, dürfte die Sicherheitsbehörden sowie die parlamentarische Aufarbeitung auch in den kommenden Monaten weiter intensiv beschäftigen.

 


AUCH INTERSSANT

München-Anschlag: Todesopfer waren Muslime

Hormuz-Krise
Türkei: Irak will 1 Million Barrel Öl pro Tag liefern

Ankara – Angesichts der anhaltenden Seblockade der Straße von Hormuz und der regionalen Spannungen suchen die Türkei und der Irak den Schulterschluss im Energiebereich.

Bei seinem Antrittsbesuch in Ankara bot der irakische Premierminister Ali Zeydi dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan die Lieferung von täglich bis zu einer Million Barrel Rohöl an.

Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz im Präsidialkomplex in Ankara unterstrich Staatspräsident Erdoğan die strategische Bedeutung des Angebots: „Unser Nachbar ist direkt hier. Unser Ziel ist es nun, so schnell wie möglich ein umfassendes Energiekooperationsabkommen zu unterzeichnen, das beiden Seiten nützt. Sobald wir 1 Million Barrel Öl aus dem Irak beziehen, ist unser Bedarf gedeckt.“ Zeydi bestätigte diese Zahl ausdrücklich vor den Medien.

Historischer Schritt beim Ölfeld Kirkuk

Ein bindender Vertrag über die genauen Liefermengen und Zeitpläne steht zwar noch aus, dennoch erzielten beide Seiten bereits einen konkreten Durchbruch: Die staatliche türkische Erdölgesellschaft Turkish Petroleum übernimmt einen 15-prozentigen Anteil an den Operationen von BP im Ölfeld Kirkuk. Erdoğan bezeichnete diesen Schritt als „historischen Meilenstein“.

Die Türkei deckt knapp 90 Prozent ihres Ölbedarfs über Importe. Der anhaltende Iran-Konflikt und die Schließung der Straße von Hormuz haben die globalen Energiepreise stark steigen lassen und Ankara unter Zugzwang gesetzt, alternative Versorgungsrouten abseits des Persischen Golfs zu sichern.

Neuer Schwung für die „Entwicklungsstraße“

Ein weiteres zentrales Thema der Gespräche war das 17 Milliarden US-Dollar schwere Infrastrukturprojekt der sogenannten „Entwicklungsstraße“. Das Megaprojekt – ein 1.200 Kilometer langes Netz aus Autobahnen, Eisenbahnstrecken und Pipelines – soll den irakischen Hafen Basra direkt mit der türkischen Grenze und weiter mit Europa verbinden.

Nach Angaben des türkischen Transportministers Abdülkadir Uraloğlu stehen die Verhandlungen kurz vor dem Abschluss. Der Baubeginn sei noch vor Ende 2026 geplant, um den Irak unabhängig von den unsicheren Seewegen im Golf an europäische Märkte anzubinden.

Parallel dazu verhandeln beide Staaten über ein Nachfolgeabkommen für die im Juli 2026 ausgelaufene Kirkuk-Ceyhan-Pipeline. Energieminister Alparslan Bayraktar betonte, dass ein neuer Vertrag die volle Kapazität der Pipeline von bis zu 1,5 Millionen Barrel pro Tag garantieren müsse. Zudem prüfe die Türkei Möglichkeiten, den Irak zur Behebung lokaler Engpässe mit Erdgas für dessen Kraftwerke zu versorgen.

 


AUCH INTERESSANT

Freihandelsabkommen zwischen der Türkei und Ukraine

 

F-35-Verkauf
Trump zu F-35 für die Türkei: „Niemand schreibt mir vor, was wir verkaufen“

0

Washington – Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu lehnt einen möglichen Verkauf von F-35-Kampfjets an die Türkei seit Langem öffentlich ab. US-Präsident Donald Trump machte nun deutlich, dass er sich davon nicht beeinflussen lassen will. Auf die entsprechende Frage eines Reporters antwortete Trump: „Niemand schreibt mir vor, was wir verkaufen.“

Trump bezeichnete die Türkei zugleich als „großartigen Verbündeten“ und machte deutlich, dass er die strategische Bedeutung Ankaras innerhalb der NATO hoch einschätzt. Seine Äußerungen gelten als weiteres Signal, dass die Trump-Regierung eine Wiederannäherung an die Türkei vorantreiben will.

Der Streit um die F-35-Kampfjets gehört seit Monaten zu den größten außenpolitischen Konfliktthemen zwischen Washington, Ankara und Jerusalem. Während Trump eine Lösung anstrebt, lehnt Netanjahu eine Lieferung der Tarnkappenjets an die Türkei weiterhin entschieden ab. Der israelische Regierungschef argumentiert, moderne F-35-Jets könnten das militärische Kräftegleichgewicht in der Region zulasten Israels verändern.

Widerstand auch im US-Kongress

Nicht nur Israel stellt sich gegen eine mögliche Lieferung. Auch im US-Kongress formiert sich seit Monaten parteiübergreifend Widerstand gegen Trumps Pläne. Mehrere republikanische und demokratische Abgeordnete warnten das Weiße Haus vor einem Verkauf und verwiesen dabei unter anderem auf die angespannten Beziehungen zwischen Ankara und Jerusalem sowie auf die türkische Außenpolitik der vergangenen Jahre.

Zusätzlichen Druck üben einflussreiche Interessengruppen in Washington aus. Neben pro-israelischen Organisationen sprechen sich auch griechisch-amerikanische und armenisch-amerikanische Verbände gegen eine Rückkehr der Türkei in das F-35-Programm aus. Sie argumentieren, ein Verkauf könne die Stabilität im östlichen Mittelmeer und im Nahen Osten gefährden.

Warum die Türkei aus dem Programm ausgeschlossen wurde

Nach der Lieferung des russischen S-400-Luftabwehrsystems schlossen die USA die Türkei 2019 aus dem F-35-Programm aus und verhängten Ende 2020 zusätzlich Sanktionen nach dem „Countering America’s Adversaries Through Sanctions Act“ (CAATSA). Diese gelten bis heute als eine der größten Hürden für eine mögliche Wiederaufnahme Ankaras in das Programm.

Washington begründete diesen Schritt mit Sicherheitsbedenken und der Sorge, dass sensible Technologien des Tarnkappenjets durch das russische System ausspioniert werden könnten.

Ankara weist diese Vorwürfe bis heute zurück. Die türkische Regierung argumentiert, sie habe sich erst für das russische System entschieden, nachdem die USA eine Lieferung von Patriot-Luftabwehrsystemen verweigert beziehungsweise keine aus türkischer Sicht akzeptablen Bedingungen angeboten hätten.

Präsident Recep Tayyip Erdoğan fordert seit Jahren die Rückkehr der Türkei in das F-35-Programm und verweist darauf, dass Ankara als langjähriger NATO-Partner Milliarden US-Dollar in das Gemeinschaftsprojekt investiert habe.

Ob Trump seine Pläne letztlich gegen den Widerstand des Kongresses und wichtiger Verbündeter durchsetzen kann, bleibt offen. Seine jüngsten Äußerungen machen jedoch deutlich, dass er sich bei der Entscheidung über mögliche Waffenverkäufe nicht von der Haltung anderer Staaten leiten lassen will.

 


AUCH INTERESSANT

Trump an Netanjahu: „Niemand will euch dort“

New York
Nach Mamdanis Wahlsieg: Befürchtete Millionärsflucht bleibt aus

0

New York – Vor dem Wahlsieg des demokratischen Sozialisten Zohran Mamdani warnten konservative Politiker, Unternehmer und Kommentatoren vor dramatischen wirtschaftlichen Folgen für New York City.

Insbesondere die von Mamdani vorgeschlagene Erhöhung des Einkommensteuerzuschlags für Spitzenverdiener wurde von Kritikern als Auslöser einer drohenden „Millionärsflucht“ bezeichnet. Vermögende Einwohner würden die Metropole verlassen und in steuerlich günstigere Bundesstaaten wie Florida oder Texas ziehen, lautete die Prognose.

Mehrere Monate nach Mamdanis Amtsantritt zeichnet sich bislang jedoch ein anderes Bild ab. Weder aktuelle Marktanalysen noch führende Vertreter der Immobilienbranche sehen Anzeichen für die vielfach angekündigte Abwanderung wohlhabender New Yorker.

Luxusimmobilienmarkt zeigt sich robust

Statt eines Einbruchs berichten mehrere Immobilienunternehmen von einer weiterhin hohen Nachfrage im Luxussegment Manhattans. Marktanalysen zufolge blieb der Verkauf hochpreisiger Immobilien auch nach Mamdanis Wahlsieg stabil. Teilweise wurden sogar steigende Vertragsabschlüsse im Luxussegment registriert.

Immobilienmakler erklärten gegenüber US-Medien, einige Kaufinteressenten hätten ihre Entscheidungen unmittelbar nach der Wahl zwar zunächst verschoben. Bereits kurze Zeit später seien jedoch viele dieser Käufer auf den Markt zurückgekehrt und hätten ihre geplanten Immobilienkäufe abgeschlossen.

Auch die vielfach prognostizierte Abwanderung wohlhabender Einwohner nach Florida oder Connecticut lasse sich nach Einschätzung mehrerer Branchenvertreter bislang nicht beobachten.

Wissenschaftler sehen Steuerflucht skeptisch

Unterstützung erhält diese Einschätzung auch aus der Forschung. Der US-Soziologe und Steuerexperte Cristobal Young beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, ob höhere Steuern tatsächlich zu einer Abwanderung vermögender Menschen führen.

Auf Grundlage umfangreicher Steuer- und Bevölkerungsdaten kommt Young zu dem Schluss, dass Millionäre deutlich seltener umziehen als häufig angenommen. Selbst bei Steuererhöhungen blieben viele an ihren Wohnorten, weil familiäre Bindungen, Unternehmen, berufliche Netzwerke und persönliche Lebensumstände für die Entscheidung meist wichtiger seien als steuerliche Unterschiede.

Vor diesem Hintergrund bewertet Young die im Zusammenhang mit Mamdanis Wahl geäußerten Warnungen vor einer Massenabwanderung mit Skepsis.

Weitere Entwicklungen unter Mamdani

Die Debatte reiht sich in eine Serie kommunalpolitischer Maßnahmen der neuen Stadtregierung ein. Seit seinem Amtsantritt brachte Mamdani unter anderem kostenlose Abendbetreuung für Familien auf den Weg und kündigte den Aufbau städtischer Lebensmittelmärkte an, in denen Grundnahrungsmittel wie Obst, Gemüse, Fleisch, Milch oder Brot rund 30 Prozent günstiger angeboten werden sollen.

Nach Angaben der Stadtverwaltung konnte zudem ein von der Vorgängerregierung übernommenes Haushaltsdefizit von mehr als zwölf Milliarden US-Dollar ausgeglichen werden. Gleichzeitig meldete das New York Police Department (NYPD) für das erste Halbjahr 2026 einen historischen Tiefstand der Gesamtkriminalität sowie einen deutlichen Rückgang der Tötungsdelikte.

Ob sich diese Entwicklungen langfristig fortsetzen, bleibt abzuwarten. Nach den bislang verfügbaren Marktdaten und den Einschätzungen von Immobilienexperten haben sich die vor Mamdanis Wahlsieg geäußerten Prognosen einer Millionärsflucht bislang jedoch nicht bestätigt.

 


AUCH INTERESSANT

„Parents‘ Night Out“: Mamdani führt kostenlose Abend-Kinderbetreuung ein

Sánchez-Wandbild
Kinder in Gaza malen Pedro Sánchez – Spaniens Premier reagiert mit bewegender Botschaft

0

Madrid – Zwischen den Trümmern des Gazastreifens haben lokale Künstler gemeinsam mit Kindern ein großes Porträt des spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez gemalt. Mit dem Wandbild wollten sie sich nach eigenen Angaben für dessen anhaltende Unterstützung der palästinensischen Bevölkerung bedanken.

Im ersten Video stellt sich das Mädchen Layan aus Gaza vor und erklärt den Hintergrund der Aktion.

„Ich bin Layan aus Gaza. Heute haben wir den Ministerpräsidenten Spaniens gemalt. Ich hoffe, dass dieses Bild ihn erreicht – und auch das spanische Volk, das wir sehr lieben“, sagt sie. Die Botschaft erreichte tatsächlich den spanischen Regierungschef.

Sánchez reagierte mit einer persönlichen Videobotschaft und richtete sich direkt an die Menschen im Gazastreifen.

„Die spanische Gesellschaft als Ganzes hört euch, sieht euch, liebt euch und vergisst euch nicht“, erklärte der Ministerpräsident. Zugleich äußerte er die Hoffnung, dass die Kinder in Gaza bald wieder ohne Angst zur Schule gehen, malen und in Frieden leben könnten.

Dank für Spaniens Haltung im Gaza-Krieg

Dass die Künstler ausgerechnet Pedro Sánchez porträtierten, kommt nicht von ungefähr. Der spanische Ministerpräsident zählt seit Monaten zu den schärfsten europäischen Kritikern der israelischen Regierung.

Spanien erkannte 2024 gemeinsam mit Irland und Norwegen den Staat Palästina an und setzt sich seither wiederholt für einen Waffenstillstand sowie eine Ausweitung der humanitären Hilfe für den Gazastreifen ein.

Sánchez sprach sich zudem mehrfach für Sanktionen gegen die israelische Regierung aus und bezeichnete Israel zuletzt als „völkermordenden Staat“. Israel weist diese Vorwürfe entschieden zurück.

Der „Sánchez-Effekt“ zeigte sich bereits bei der Weltmeisterschaft

Wie groß die Sympathien für den spanischen Regierungschef inzwischen in Teilen der arabischen und muslimischen Welt sind, zeigte sich bereits nach dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 2026.

Nach dem Finalsieg Spaniens gegen Argentinien wurde der Triumph in zahlreichen arabischen und muslimisch geprägten Ländern gefeiert. Auch im Gazastreifen versammelten sich trotz der schwierigen humanitären Lage viele Menschen, um den WM-Sieg Spaniens zu verfolgen und anschließend zu feiern.

Auf der Plattform X sprachen zahlreiche Nutzer vom sogenannten „Sánchez-Effekt“. Viele Kommentatoren führten die außergewöhnliche Unterstützung für Spanien nicht nur auf den Fußball zurück, sondern auch auf die Haltung der Regierung von Pedro Sánchez gegenüber den Palästinensern.

Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt die spanische Nationalmannschaft durch den Ausnahmespieler Lamine Yamal. Nachdem dieser bei früheren Feierlichkeiten palästinensische Flaggen gezeigt hatte und dafür teilweise scharf kritisiert worden war, stellte sich Sánchez öffentlich hinter den Nationalspieler und verteidigte dessen Meinungsfreiheit.

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Kinder und Künstler im Gazastreifen nun ausgerechnet Pedro Sánchez mit einem Wandbild würdigten.

Ein zweites Video berührt viele Menschen

Nachdem Sánchez auf das Wandbild reagiert hatte, veröffentlichte Layan ein weiteres Video. Darin zeigt sie sich sichtlich überrascht, dass ihre Botschaft den spanischen Ministerpräsidenten tatsächlich erreicht hat.

„Ich kann es nicht glauben. Der Ministerpräsident Spaniens hat auf unser Video geantwortet“, sagt das Mädchen.

Besonders ein Satz aus ihrer Botschaft wurde in den sozialen Netzwerken vielfach geteilt:

„Auch wenn wir nicht dieselbe Sprache sprechen, haben wir dieselben mitfühlenden Herzen.“

Die bewegende Szene verbreitete sich innerhalb kurzer Zeit auf zahlreichen Plattformen und wurde von vielen Nutzern als Zeichen dafür gewertet, dass politische Entscheidungen und öffentliche Worte selbst Menschen in einem Kriegsgebiet erreichen können.

Für Layan und die beteiligten Künstler war das Wandbild vor allem ein Zeichen des Dankes. Die Antwort des spanischen Regierungschefs machte daraus eine Geschichte, die weit über die Grenzen des Gazastreifens hinaus Beachtung fand.

 


AUCH INTERESSANT

Der „Sánchez-Effekt“: Muslime weltweit feiern Spanien-Sieg

USA
New York: Bürgermeister Mamdani will Grundnahrungsmittel dauerhaft günstiger verkaufen

0

New York – Mit kostenlosen abendlichen Betreuungsangeboten für Familien und dem Ausbau der Kinderbetreuung hat New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani bereits mehrere Entlastungsmaßnahmen angekündigt beziehungsweise auf den Weg gebracht.

Nun kündigte der erste muslimische Bürgermeister der Metropole einen weiteren Schritt an: In den geplanten städtischen Lebensmittelgeschäften sollen ausgewählte Grundnahrungsmittel dauerhaft rund 30 Prozent günstiger verkauft werden als im regulären Einzelhandel.

Nach Angaben der Stadtverwaltung soll der vergünstigte Warenkorb sämtliches frisches Obst und Gemüse, Fleisch sowie Meeresfrüchte umfassen. Hinzu kommen rund 20 weitere Grundnahrungsmittel wie Brot, Milch und Käse.

Preise sollen einen Monat lang stabil bleiben

Wie Mamdani erklärte, sollen die Preise für diese Produktgruppe jeweils einmal im Monat festgelegt und anschließend für den gesamten Monat beibehalten werden. Dadurch sollen wöchentliche Preisschwankungen vermieden und Familien eine bessere Planbarkeit ihrer Lebensmittelausgaben ermöglicht werden.

Die Stadtverwaltung geht davon aus, dass Haushalte dadurch durchschnittlich rund 90 US-Dollar pro Monat beziehungsweise etwa 1.000 US-Dollar pro Jahr einsparen könnten. Ziel sei es, die Kosten für Lebensmittel spürbar zu senken und gleichzeitig für verlässliche Preise zu sorgen.

„Kein Elternteil und kein Senior mit festem Einkommen sollte sich jede Woche fragen müssen, ob die Preise an der Supermarktkasse erneut gestiegen sind“, erklärte Mamdani. Mit den monatlich festgelegten Preisen wolle die Stadt mehr Planungssicherheit für Familien schaffen.

Fünf kommunale Supermärkte geplant

Die Preisnachlässe sollen in fünf geplanten städtischen Lebensmittelgeschäften gelten – jeweils eines in jedem der fünf New Yorker Stadtbezirke. Nach Angaben der Stadt soll der erste Markt bis Ende 2027 im Stadtteil Hunts Point in der Bronx eröffnen. Die weiteren Standorte sollen schrittweise folgen.

Den täglichen Betrieb der Geschäfte sollen private Betreiber übernehmen, während die Stadt unter anderem die Standorte bereitstellt und die Rahmenbedingungen vorgibt. Mit dem Projekt will die Stadtverwaltung nach eigenen Angaben insbesondere Familien sowie Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen entlasten.

Kritik an den Plänen hält an

Bereits während des Wahlkampfs und nach seinem Amtsantritt warfen konservative Kritiker Mamdani vor, seine sozialpolitischen Vorhaben seien finanziell nicht tragbar. US-Präsident Donald Trump und weitere republikanische Politiker bezeichneten den demokratischen Sozialisten wiederholt als „Kommunisten“ und warnten davor, dass seine Pläne die Finanzen der Millionenmetropole überfordern könnten.

Die bisherige Entwicklung zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild. Nach Angaben der Stadtverwaltung konnte die neue Administration ein von der Vorgängerregierung übernommenes Haushaltsdefizit von mehr als 12 Milliarden US-Dollar inzwischen ausgleichen – nach Angaben der Stadt vor allem durch Effizienzsteigerungen und eine höhere Besteuerung von Spitzenverdienern, ohne die Grundsteuer anzuheben.

Auch im Bereich der öffentlichen Sicherheit verweist die Stadt auf positive Entwicklungen. Das NYPD meldete für das erste Halbjahr 2026 einen historischen Tiefstand der Gesamtkriminalität sowie einen Rückgang der Mordrate um mehr als 25 Prozent.

Mit den nun angekündigten Preisnachlässen für Grundnahrungsmittel setzt die Stadtverwaltung ihren Kurs fort, die Lebenshaltungskosten insbesondere für Familien sowie Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen durch kommunale Angebote zu senken.

Äußerungne zu Israel

Mamdani steht derzeit auch wegen seiner Äußerungen zum Gaza-Krieg im internationalen Fokus. Der Bürgermeister gehört zu den schärfsten Kritikern der israelischen Regierung und erklärte, den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu im Falle eines Besuchs in New York auf Grundlage des Haftbefehls des Internationalen Strafgerichtshofs festnehmen lassen zu wollen.

Seine Haltung begründet Mamdani unter anderem mit den von UN-Experten, Menschenrechtsorganisationen und zahlreichen Völkerrechtlern erhobenen Vorwürfen, Israel begehe im Gazastreifen einen Völkermord.

 


ZUM THEMA

„Parents‘ Night Out“: Mamdani führt kostenlose Abend-Kinderbetreuung ein

Gastkommentar
Özgür Çelik: Warum Mittelmächte keine neue Weltordnung schaffen werden

Ein Gastbeitrag von Özgür Çelik

Als der kanadische Premierminister Mark Carney im Januar in Davos vor den versammelten Mittelmächten warnte, wer sich vom Verhandlungstisch fernhalte, lande am Ende auf der Speisekarte, klatschten viele.

Der Satz traf einen Nerv, weil er eine reale Angst aussprach, die von Brüssel bis Neu-Delhi, von Tokio bis Brasília zirkuliert: die Angst, in einer Welt der Großmächte zum bloßen Verhandlungsgegenstand zu werden. Die Antwort, die seitdem in jedem zweiten Strategiepapier auftaucht, klingt verführerisch einfach.

Die Mittelmächte müssten sich zusammenschließen, „gleichgesinnte Partner“ finden, einen Gegenpol bilden. Nur wenige Tage nach seiner Rede in Davos saß Carney selbst in Peking und handelte eine Senkung kanadischer Zölle auf chinesische Elektrofahrzeuge gegen Erleichterungen beim Rapsexport aus. Der Prophet der Mittelmächtekooperation widerlegte seine eigene Predigt, noch bevor er sie gehalten hatte. Und er stand damit nicht allein.

Diese kleine Episode ist mehr als eine Anekdote. Sie ist der Schlüssel zu einem viel größeren Irrtum, der die gegenwärtige Debatte über die Weltordnung durchzieht, und der sich an drei Fronten gleichzeitig zeigt: bei den Mittelmächten, die von Koalition träumen, bei den einst „aufstrebenden“ Großmächten, die gar nicht mehr aufsteigen, und bei minilateralen Formaten wie dem QUAD (Quadrilateral Security Dialogue), die als Lösung verkauft werden, obwohl sie selbst nur Symptom sind.

Die Bilanz der Mittelmächtekooperation ist eine Geschichte des Scheiterns

Man muss sich nur die jüngste Vergangenheit ansehen, um zu erkennen, wie brüchig der kooperative Reflex tatsächlich ist. Als Impfstoffe während der Pandemie knapp wurden, hielt die Solidarität kaum ein paar Wochen. Die EU führte Exportkontrollen ein, Indien stoppte als „Apotheke der Welt“ seine Lieferungen, sobald die eigene zweite Welle kam.

Als Donald Trumps „Liberation Day“-Zölle im April 2025 fast alle Handelspartner gleichzeitig trafen – genau jene Art von Schock, die eine koordinierte Antwort provozieren sollte –, suchte am Ende jedes Land seinen eigenen, einsamen Weg nach Washington. Niemand rief in Brüssel, Tokio oder Seoul an. Man rief im Weißen Haus an und verhandelte allein.

Die nüchterne Erklärung dafür liefert eine schlichte Machtarithmetik: Die Welt ist nicht multipolar, sie ist hierarchisch. Oben stehen zwei Supermächte, darunter ein weites Feld kleinerer und mittlerer Akteure. Der Abstand zwischen den beiden Großen und dem Rest ist so enorm, dass selbst die breiteste denkbare Koalition von Mittelmächten keinen eigenen Pol bilden könnte.

Und je größer eine solche Koalition würde, desto schwerer ließe sie sich zusammenhalten – vor allem, weil ihr der eine entscheidende Bestandteil fehlt: ein Anker, der bereit wäre, die Kosten der Führung zu tragen. Selbst jene minilateralen Formate, die tatsächlich funktionieren, funktionieren nicht, weil Mittelmächte plötzlich gelernt hätten, sich selbst zu organisieren, sondern weil eine Großmacht im Hintergrund Halt gibt.

Doch wer daraus schließt, die einzig realistische Alternative sei bedingungslose Anlehnung an einen Schutzherrn, geht seinerseits zu weit. Was zwischen Mittelmächten tatsächlich entsteht, ist weder Koalition noch Lagerbindung, sondern etwas Drittes, viel Nüchterneres: punktuelle Konvergenz. Man betrachte das Verhältnis zwischen Indien und Europa.

Im Januar schlossen beide Seiten ein Freihandelsabkommen und eine Sicherheitspartnerschaft. Europäische Rüstungsgüter verdrängen russische aus Teilen des indischen Auftragsbuchs. Beide Seiten wollen einen freieren Indopazifik und weniger Abhängigkeit von China.

Und doch wird Indien sich niemals von Moskau distanzieren, nur weil Brüssel es sich wünscht, und es betrachtet China als Grenzmacht und militärischen Gegner, während Europa in Peking vor allem ein Handels- und Technologieproblem sieht. Tiefe Zusammenarbeit und ungelöste Gegensätze bestehen im selben politischen Paket – Zeile für Zeile verhandelt, niemals als Block verankert.

Das ist die eigentliche Signatur unserer Zeit: ein Interregnum, in dem die alte Ordnung formal noch gilt, aber längst nicht mehr bindet, während eine neue nirgends in Sicht ist. Solche Übergänge erzeugen tatsächlich Konvergenzen – mehrere Staaten erkennen im selben Chaos gleichzeitig, dass Diversifizierung besser ist als Abhängigkeit. Aber Konvergenz ist kein Bündnis. Sie hält, solange die Umstände halten, und verpflichtet niemanden zu etwas.

Warum niemand mehr aufsteigt

Diese Ernüchterung über die Mittelmächte trifft auf eine noch größere Verschiebung, die selten in ihrer vollen Tragweite erkannt wird: Das Zeitalter der aufstrebenden Großmächte, dass die Weltpolitik seit über zweihundert Jahren geprägt hat, geht zu Ende.

Seit der Industriellen Revolution konnten Staaten Wohlstand, Bevölkerung und militärische Stärke gleichzeitig steigern, eine Dynamik, die es zuvor nie gegeben hatte und die Preußen, das industrielle Amerika, Japan und später China nacheinander in den Kreis der Großmächte katapultierte. Genau diese Dynamik erlahmt nun in einem historisch beispiellosen Ausmaß.

Die Produktivität stagniert weltweit, die technologischen Sprünge der letzten Jahrzehnte verändern das tägliche Leben bei Weitem nicht so radikal wie Eisenbahn, Elektrizität und Kanalisation es einst taten. Selbst von der künstlichen Intelligenz erwarten die meisten seriösen Schätzungen keinen revolutionären Wachstumsschub, sondern allenfalls einen zusätzlichen Prozentpunkt jährlich, zu wenig, um die demografische Talfahrt der großen Volkswirtschaften auszugleichen.

Und diese Talfahrt ist real: Fast zwei Drittel der Menschheit leben inzwischen in Ländern mit Geburtenraten unterhalb des Reproduktionsniveaus. China verliert in den kommenden 25 Jahren rechnerisch mehr Arbeitskräfte, als die gesamte Europäische Union heute beschäftigt. Japan, Russland, Italien, Deutschland, überall schrumpfen die Erwerbsbevölkerungen, während die Zahl der Rentner explodiert.

Selbst der dritte klassische Weg zur Macht, die territoriale Eroberung, ist heute mit Atomwaffen, Präzisionswaffen und Drohnen so risikoreich geworden, dass selbst kleine Milizen ganze Panzerkolonnen lahmlegen können.

China, der letzte große Aufsteiger dieser Ära, erreicht bereits seinen Zenit. Sein Wachstumsmodell beruht auf drei riskanten Wetten: dass Bruttoproduktion wichtiger sei als tatsächlicher Ertrag, dass einzelne Vorzeigebranchen eine ganze Volkswirtschaft tragen könnten, und dass Autokratie mehr Dynamik erzeuge als demokratischer Wettbewerb.

Alle drei Wetten erzeugen beeindruckende Fassaden, und darunter wachsende Lasten: eine implodierte Immobilienbranche, die Millionen Familien ihr Erspartes gekostet hat, eine Jugend, von der ein Drittel keinen Schulabschluss besitzt, ein Rentensystem, das binnen weniger Jahre austrocknet.

Die Sowjetunion baute in den 1970er- und 1980er-Jahren mit ganz ähnlichem Ehrgeiz Raumfahrtprogramme und Rüstungsindustrien auf, und ging trotzdem nicht an fehlenden Prestigeprojekten zugrunde, sondern an der verrottenden Substanz darunter. Die Parallele ist unbequem, aber sie drängt sich auf.

Indien, dem viele die Rolle des nächsten Aufsteigers zuschreiben, hat zwar noch eine wachsende junge Bevölkerung, aber es fehlt an Bildung, an verarbeitender Industrie, an Infrastruktur, um daraus wirklich Staatsmacht zu formen. Die Vereinigten Staaten wiederum profitieren nicht davon, selbst außergewöhnlich stark zu sein, sondern davon, dass praktisch jeder Rivale schneller altert, tiefer verschuldet ist oder strukturell schwächer bleibt. Es ist kein Triumph amerikanischer Erneuerung, sondern das Ergebnis einer Welt, in der die Konkurrenz noch schneller erlahmt.

Was daraus folgt, ist keine multipolare Konzertordnung mehrerer gleichberechtigter Mächte, sondern etwas Nüchterneres und potenziell Gefährlicheres: ein geschlossener Klub alternder Platzhirsche, umgeben von einem Feld aus Mittelmächten, Entwicklungsländern und zerfallenden Staaten.

Die kurzfristigen Risiken dieser Übergangsphase sind erheblich – stagnierende Mächte, die aus Furcht vor dem eigenen Abstieg zu Revisionismus und Aufrüstung greifen, brüchige Staaten, die unter Schuldenlast und Jugendarbeitslosigkeit zusammenbrechen, Demokratien, die von innen erodieren.

Aber die langfristige Aussicht muss nicht zwangsläufig düster sein: Eine Welt ohne Aufsteiger könnte auch von genau jenem Muster verschont bleiben, das in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten die verheerendsten Kriege der Geschichte ausgelöst hat, dem gewaltsamen Zusammenprall einer aufsteigenden mit einer etablierten Macht.

Der QUAD als Symptom, nicht als Lösung

Genau in diesem Zwischenraum – zwischen einer erschöpften alten Ordnung und einer nichtexistierenden neuen – lässt sich am besten erklären, warum minilaterale Formate wie der Quadrilaterale Sicherheitsdialog zwischen den USA, Japan, Australien und Indien seit mehr als fünfzehn Jahren gleichzeitig an Bedeutung gewinnen und strukturell folgenlos bleiben.

Offiziell dient der QUAD dem Klimaschutz, der maritimen Sicherheit, der Gesundheitspolitik. Tatsächlich existiert er, weil vier ungleiche Partner ein einziges gemeinsames Interesse teilen: den Aufstieg Chinas und die damit verbundene Infragestellung amerikanischer Vorherrschaft in der Region einzuhegen. Bezeichnenderweise taucht China in keinem offiziellen Kommuniqué des Formats namentlich auf – ein diplomatisches Schweigen, das die eigentliche Funktion des Bündnisses nur umso deutlicher macht.

Doch selbst dieser kleinste gemeinsame Nenner trägt kaum. Indien, ohne dass der QUAD keinen eigenständigen Wert hätte, verweigert sich seit jeher jeder militärischen Zuspitzung gegen China, verurteilt Russlands Angriffskrieg nicht und verfolgt für den Indopazifik ein deutlich inklusiveres Konzept als seine drei Partner.

Japan und Australien wiederum, seit den 1950er-Jahren fest an die amerikanische Sicherheitsgarantie gekettet, treibt vor allem die Furcht, als schwächerer Bündnispartner allein gelassen zu werden. Der QUAD ist also kein Ausdruck neu gewonnener Handlungsfähigkeit der Mittelmächte, sondern das Eingeständnis Washingtons, seine eigene Vormachtstellung im Indopazifik nicht mehr allein sichern zu können.

Das eigentliche Problem liegt tiefer: Der QUAD bietet keine Antwort auf das strukturelle Problem der rivalisierenden Machtansprüche zwischen den USA und China, er ist lediglich eine institutionelle Reaktion darauf.

Ein Format, das im Kern auf einer Nullsummenlogik beruht – amerikanische Vorherrschaft gegen chinesischen Hegemonialanspruch –, kann per Definition keine Ordnung stiften, die über den engen Kreis seiner Mitglieder hinaus akzeptiert würde. Genau deshalb bleibt der QUAD, was er von Anfang an war: nicht die Lösung für regionale Instabilität, sondern ihr sichtbarstes Symptom.

Die Fassaden, ein Muster

Betrachtet man die Entwicklung der internationalen Politik als Ganzes, zeigt sich immer wieder dasselbe Grundproblem: Die öffentliche Debatte verwechselt kurzfristige Dynamik mit langfristiger Struktur.

Aus zeitweiligen Interessengemeinschaften werden vorschnell dauerhafte Bündnisse konstruiert, aus momentanen Schwächephasen einzelner Mächte eine neue Weltordnung abgeleitet und aus punktuellen Kooperationen eine Stabilität herausgelesen, die der politischen Realität nicht standhält. Was auf den ersten Blick wie eine neue Ordnung erscheint, erweist sich bei näherem Hinsehen häufig als Momentaufnahme – geprägt von wechselnden Interessen statt von dauerhaftem Gleichklang.

Was bleibt, ist eine nüchterne Lehre für jeden, der heute Außenpolitik betreiben will, ob in Berlin, in Ankara oder in Neu-Delhi: Weniger träumen, mehr rechnen. Kooperation so nehmen, wie sie tatsächlich kommt – intensiv, aber punktuell, von Thema zu Thema, ohne Bedauern auslaufend, wenn sich das Blatt wendet.

Die alten Blaupausen einer regelbasierten, multilateral verankerten Weltordnung mögen als Sehnsucht fortbestehen. Als Strategie sind sie am Ende das, was Carneys Reise nach Peking eine Woche nach seiner Rede in Davos bereits vorgeführt hat: Nostalgie, verkleidet als Prinzip.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


 Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland.


AUCH INTERESSANT

Susanne Mattner zu Kindstötungen in Palästina

Digitaler Wandel
Wenn jede Minute zählt: Warum digitale Einsatzplanung heute unverzichtbar ist

0

Von Helene Milde

Wenn irgendwo der Strom ausfällt, eine Glasfaserleitung beschädigt wird oder eine Heizungsanlage streikt, erwarten wir schnelle Hilfe. Was dabei meist verborgen bleibt: Bevor der erste Techniker losfährt, müssen im Hintergrund eine ganze Reihe von Entscheidungen getroffen werden. 

Wer ist in der Nähe? Wer bringt die passende Qualifikation mit? Sind die benötigten Ersatzteile verfügbar? Je schneller diese Fragen beantwortet werden, desto schneller lässt sich ein Problem lösen. 

Der Außendienst ist längst mehr als Reparatur und Wartung. Ob Stromnetz, Glasfaser oder Ladeinfrastruktur, die Technik wird komplexer, die Zahl der Einsätze wächst. Gleichzeitig fehlen vielerorts erfahrene Fachkräfte. Versorger und Netzbetreiber stehen deshalb vor der Aufgabe, mit den vorhandenen Teams mehr zu leisten als noch vor wenigen Jahren.

Dabei wächst die technische Infrastruktur in Deutschland laufend. Stromnetze, Glasfasernetze und die Ladeinfrastruktur für Elektromobilität werden immer weiter ausgebaut und sorgen dafür, dass immer mehr Anlagen gewartet und überwacht werden müssen. Gleichzeitig erwarten Kunden immer schnellere Reaktionszeiten und transparente Informationen über den Stand eines Einsatzes. Ohne die digitale Unterstützung wird diese Aufgabe zunehmend schwieriger.

Wenn Erfahrung allein nicht mehr ausreicht

Lange Zeit wurde die Einsatzplanung mit Telefon, Papier und viel Erfahrung organisiert. Doch die Arbeitswelt hat sich verändert. Täglich müssen zahlreiche Einsätze koordiniert werden, oft verschieben sich Termine kurzfristig, Notfälle haben selbstverständlich Vorrang und die Kunden erwarten eine schnelle Rückmeldungen. Klassische Planungsmethoden geraten dabei zunehmend an ihre Grenzen.

Ein Beispiel aus dem Alltag: Fällt in einem Stadtteil der Strom aus, zählt oft jede Minute. Während früher mehrere Telefonate nötig waren, kann eine digitale Einsatzplanung heute in wenigen Sekunden zeigen, welcher Techniker in der Nähe ist, ob er über die erforderliche Qualifikation verfügt und bereits das passende Material im Fahrzeug hat. So lassen sich Ausfallzeiten verkürzen und Einsätze gezielter koordinieren.

Genau an diesem Punkt zeigt sich der Wert einer digitalen Einsatzplanung. Sie wird im Außendienst für viele Unternehmen zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Welche Möglichkeiten moderne Lösungen bieten, zeigt unter anderem OverIT. Die Plattform unterstützt Unternehmen dabei, Serviceeinsätze übersichtlich zu planen und in Echtzeit zu koordinieren. Die gelieferten Informationen stehen allen Beteiligten sofort zur Verfügung, von der Disposition bis zum Techniker vor Ort. 

Genau an diesem Punkt zeigt sich der Wert einer digitalen Einsatzplanung. Sie wird im Außendienst für viele Unternehmen zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Software für Außendienstmanagement hilft dabei, Serviceeinsätze übersichtlich zu planen und in Echtzeit zu koordinieren. Welche Möglichkeiten moderne Lösungen bieten, zeigt unter anderem OverIT. Die Plattform unterstützt Unternehmen dabei, sämtliche Informationen von der Disposition bis zum Techniker vor Ort in Echtzeit bereitzustellen.

Hinter dem Begriff “Field Service Management“ verbirgt sich weit mehr als eine digitale Terminplanung. Gemeint ist dabei die intelligente Organisation sämtlicher Abläufe im Außendienst. Arbeitsaufträge werden mobil bereitgestellt, anstehende Wartungen direkt vor Ort dokumentiert und die Messergebnisse oder Fotos ohne Zeitverlust an die Zentrale übermittelt. Das spart nicht nur Zeit, sondern reduziert auch Fehlerquellen und erleichtert die Zusammenarbeit.

Digitalisierung unterstützt den Menschen

Auch die Künstliche Intelligenz nimmt zunehmend Einzug in den Außendienst. Sie ersetzt jedoch keine Fachkräfte, sondern sie unterstützt sie. Moderne Systeme analysieren große Datenmengen und können beispielsweise berechnen, welcher Techniker aufgrund seiner Qualifikation, seines Standorts und seiner aktuellen Auslastung einen Auftrag am sinnvollsten übernehmen kann. Die Entscheidung trifft weiterhin der Mensch, allerdings auf einer deutlich besseren Informationsgrundlage.

Von diesen Entwicklungen profitieren letztlich alle Beteiligten. Unternehmen können ihre Einsätze besser planen, Mitarbeitende verlieren weniger Zeit mit Verwaltungsaufgaben und Kunden erhalten verlässliche Terminangaben sowie kürzere Reaktionszeiten. Niemand wird schließlich Techniker, um Formulare auszufüllen. Je weniger Bürokratie den Arbeitsalltag bestimmt, desto mehr Zeit bleibt für die eigentliche Aufgabe, nämlich technische Probleme zu lösen.

Ebenso sieht der Digitalverband Bitkom in der Digitalisierung betrieblicher Prozesse einen entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Der digitale Wandel betrieblicher Abläufe zählt seit Jahren zu den wichtigsten Investitionsfeldern von deutschen Unternehmen. Denn effiziente Prozesse sind ein entscheidender Faktor bei der Wettbewerbsfähigkeit und der Servicequalität.

Es sind die Menschen und nicht nur die moderne Technologie, die jeden Tag im Einsatz sind und hinter einer funktionierenden Struktur stehen. Digitale Werkzeuge können ihnen die Erfahrung nicht abnehmen. Sie helfen jedoch dabei, schneller die richtigen Entscheidungen zu treffen und sorgen dafür, dass Hilfe dort ankommt, wo sie auch gebraucht wird.

Die Digitalisierung des Außendienstes ist deshalb weit mehr als nur ein technischer Trend. Sie hilft, die Fachkräfte gezielter einzusetzen, Abläufe transparenter zu gestalten und auf unerwartete Ereignisse schneller zu reagieren. Am Ende profitieren nicht nur Unternehmen davon, sondern wir alle. Denn meistens merken wir erst, wenn Strom, Internet oder Heizung nicht mehr funktionieren, wie unverzichtbar ein zuverlässiger Außendienst ist. 

AUCH INTERESSANT

Türkisches Unternehmen kauft weltgrößten Tiertransporter

Mode
Unterwäsche: Frauen wollen es schön, bequem und am liebsten schwarz oder weiß

0

Berlin-  „Welche Unterwäsche haben Sie eigentlich gerade an?“ Wer seiner Kollegin oder gar der Sitznachbarin in der Bahn eine solche Frage stellt, kommt schnell in Schwierigkeiten. Um dennoch zu erfahren, was frau am liebsten unter ihrer Kleidung trägt, lohnt sich ein Blick auf die Studie „TW-VerbraucherFokus Bodywear Woman“ aus dem Jahr 2019.

Deutsche Frauen besitzen im Schnitt elf BHs

Die Online-Recherche kann schnell zur Verunsicherung führen. Nicht nur bei Gesundheitsfragen. Auch bei der Suche nach dem perfekten BH. Denn wie dieser aussieht, ist individuell ganz unterschiedlich.

So bevorzugen die meisten Bundesbürgerinnen einen Büstenhalter, der angenehm sitzt und gleichzeitig gut aussieht. Die Bequemlichkeit im Alltag spielt dabei eine besonders wichtige Rolle. Daher verwundert es nicht, dass zahlreiche Frauen bei Marken wie Sloggi Unterwäsche kaufen. 15 Prozent bekommen die Wäsche auch von ihrem Partner geschenkt.

Funktionale und damit praktische Unterwäsche ist am beliebtesten. Jedoch befindet sich auch hübsche Spitzenunterwäsche in vielen Kleiderschränken. 81 Prozent der Unter-30jährigen tragen zumindest gelegentlich Spitzen-BH und -höschen. Bei den Über-50jährigen sind es noch immer 55 Prozent.

Damit insbesondere bei den Büstenhaltern genug Auswahl bereitsteht, besitzt die deutsche Durchschnittsfrau davon elf Stück. Dazu kommen 24 Slips und sechs Unterhemden.

​Schwarz und weiß sind die beliebtesten Unterwäschefarben

Ohne Unterwäsche das Haus zu verlassen? Das ist für viele Bundesbürger ein gewagter Gedanke. Denn noch immer gilt Unterwäsche in Deutschland als schicklich.

Praktisch ist sie außerdem. Schließlich erfüllt sie mehrere Funktionen. So bildet sie eine Barriere zur Alltagsbekleidung und schützt somit vor Reibung und Keimen. Einige Modelle besitzen gar smarte Features. Etwa Unterhosen, die die Anzahl der Flatulenzen im Alltag messen können.

Damit Unterwäsche vor allem ihre Schutzfunktion erfüllen kann, besteht sie vorzugsweise aus weichen, dünnen und atmungsaktiven Materialien. Baumwolle und Viskose belegen auf der Liste der beliebtesten Stoffe die ersten Plätze.

Enthält das Gewebe zudem einen geringen Elastan-Anteil, schmiegt es sich noch besser an den Körper an. Jedoch sollten weder BH noch Unterhose komplett aus synthetischem Material bestehen.

Denn Stoffe wie Polyester lassen kaum Sauerstoff an die darunterliegende Haut. Dadurch erhöht sich das Risiko, dass sich erst Schweiß und schließlich Keime ansammeln.

Welche Farbe die Unterwäsche hat, nimmt auf ihre Funktion keinen Einfluss. Jedoch zeigt die Studie „TW-VerbraucherFokus Bodywear Woman“, dass deutsche Frauen bevorzugt auf klassische Töne setzen. Vor allem auf Schwarz und Weiß.

Weniger beliebt sind dagegen ausgefallenere Designs wie transparente Wäsche. Auch Gelb gehört zu den Unterwäschefarben, die nur wenige Damen begeistern können.

​Die Suche nach dem richtigen BH ist oft schwierig

Nur zwölf Prozent der deutschen Frauen benutzen selten oder nie einen BH. Für den Großteil gehört er selbstverständlich zum Alltagsoutfit. Damit er unter der Kleidung weder kneift noch drückt, ist die richtige Passform entscheidend.

Allerdings empfinden es rund 50 Prozent der befragten Damen als schwierig, überhaupt ein passendes Modell zu finden. Insbesondere das System von Körbchengrößen und Unterbrustweiten sorgt dabei für Verwirrung.

Um dennoch einen BH zu kaufen, der richtig sitzt, hat sich jede zweite Frau in Deutschland schon einmal professionell beraten lassen.

Aufgrund dieses Beratungsbedarfs kauften die Bundesbürgerinnen 2019 ihre Wäsche noch hauptsächlich im stationären Handel. Jedoch ging bereits damals der Trend in Richtung Online-Shopping. So gaben zwei Drittel der Befragten zu, Unterwäsche manchmal auch im Internet zu bestellen. 2026 kaufen bereits mehr als 70 Prozent der Deutschen regelmäßig BH, Slip und Co. online.

AUCH INTERESSANT

Historische Premiere: Adidas launcht erste globale Kollektion aus der Türkei