Gastkommentar
Özgür Çelik: Warum Mittelmächte keine neue Weltordnung schaffen werden

Ein Gastbeitrag von Özgür Çelik

Als der kanadische Premierminister Mark Carney im Januar in Davos vor den versammelten Mittelmächten warnte, wer sich vom Verhandlungstisch fernhalte, lande am Ende auf der Speisekarte, klatschten viele.

Der Satz traf einen Nerv, weil er eine reale Angst aussprach, die von Brüssel bis Neu-Delhi, von Tokio bis Brasília zirkuliert: die Angst, in einer Welt der Großmächte zum bloßen Verhandlungsgegenstand zu werden. Die Antwort, die seitdem in jedem zweiten Strategiepapier auftaucht, klingt verführerisch einfach.

Die Mittelmächte müssten sich zusammenschließen, „gleichgesinnte Partner“ finden, einen Gegenpol bilden. Nur wenige Tage nach seiner Rede in Davos saß Carney selbst in Peking und handelte eine Senkung kanadischer Zölle auf chinesische Elektrofahrzeuge gegen Erleichterungen beim Rapsexport aus. Der Prophet der Mittelmächtekooperation widerlegte seine eigene Predigt, noch bevor er sie gehalten hatte. Und er stand damit nicht allein.

Diese kleine Episode ist mehr als eine Anekdote. Sie ist der Schlüssel zu einem viel größeren Irrtum, der die gegenwärtige Debatte über die Weltordnung durchzieht, und der sich an drei Fronten gleichzeitig zeigt: bei den Mittelmächten, die von Koalition träumen, bei den einst „aufstrebenden“ Großmächten, die gar nicht mehr aufsteigen, und bei minilateralen Formaten wie dem QUAD (Quadrilateral Security Dialogue), die als Lösung verkauft werden, obwohl sie selbst nur Symptom sind.

Die Bilanz der Mittelmächtekooperation ist eine Geschichte des Scheiterns

Man muss sich nur die jüngste Vergangenheit ansehen, um zu erkennen, wie brüchig der kooperative Reflex tatsächlich ist. Als Impfstoffe während der Pandemie knapp wurden, hielt die Solidarität kaum ein paar Wochen. Die EU führte Exportkontrollen ein, Indien stoppte als „Apotheke der Welt“ seine Lieferungen, sobald die eigene zweite Welle kam.

Als Donald Trumps „Liberation Day“-Zölle im April 2025 fast alle Handelspartner gleichzeitig trafen – genau jene Art von Schock, die eine koordinierte Antwort provozieren sollte –, suchte am Ende jedes Land seinen eigenen, einsamen Weg nach Washington. Niemand rief in Brüssel, Tokio oder Seoul an. Man rief im Weißen Haus an und verhandelte allein.

Die nüchterne Erklärung dafür liefert eine schlichte Machtarithmetik: Die Welt ist nicht multipolar, sie ist hierarchisch. Oben stehen zwei Supermächte, darunter ein weites Feld kleinerer und mittlerer Akteure. Der Abstand zwischen den beiden Großen und dem Rest ist so enorm, dass selbst die breiteste denkbare Koalition von Mittelmächten keinen eigenen Pol bilden könnte.

Und je größer eine solche Koalition würde, desto schwerer ließe sie sich zusammenhalten – vor allem, weil ihr der eine entscheidende Bestandteil fehlt: ein Anker, der bereit wäre, die Kosten der Führung zu tragen. Selbst jene minilateralen Formate, die tatsächlich funktionieren, funktionieren nicht, weil Mittelmächte plötzlich gelernt hätten, sich selbst zu organisieren, sondern weil eine Großmacht im Hintergrund Halt gibt.

Doch wer daraus schließt, die einzig realistische Alternative sei bedingungslose Anlehnung an einen Schutzherrn, geht seinerseits zu weit. Was zwischen Mittelmächten tatsächlich entsteht, ist weder Koalition noch Lagerbindung, sondern etwas Drittes, viel Nüchterneres: punktuelle Konvergenz. Man betrachte das Verhältnis zwischen Indien und Europa.

Im Januar schlossen beide Seiten ein Freihandelsabkommen und eine Sicherheitspartnerschaft. Europäische Rüstungsgüter verdrängen russische aus Teilen des indischen Auftragsbuchs. Beide Seiten wollen einen freieren Indopazifik und weniger Abhängigkeit von China.

Und doch wird Indien sich niemals von Moskau distanzieren, nur weil Brüssel es sich wünscht, und es betrachtet China als Grenzmacht und militärischen Gegner, während Europa in Peking vor allem ein Handels- und Technologieproblem sieht. Tiefe Zusammenarbeit und ungelöste Gegensätze bestehen im selben politischen Paket – Zeile für Zeile verhandelt, niemals als Block verankert.

Das ist die eigentliche Signatur unserer Zeit: ein Interregnum, in dem die alte Ordnung formal noch gilt, aber längst nicht mehr bindet, während eine neue nirgends in Sicht ist. Solche Übergänge erzeugen tatsächlich Konvergenzen – mehrere Staaten erkennen im selben Chaos gleichzeitig, dass Diversifizierung besser ist als Abhängigkeit. Aber Konvergenz ist kein Bündnis. Sie hält, solange die Umstände halten, und verpflichtet niemanden zu etwas.

Warum niemand mehr aufsteigt

Diese Ernüchterung über die Mittelmächte trifft auf eine noch größere Verschiebung, die selten in ihrer vollen Tragweite erkannt wird: Das Zeitalter der aufstrebenden Großmächte, dass die Weltpolitik seit über zweihundert Jahren geprägt hat, geht zu Ende.

Seit der Industriellen Revolution konnten Staaten Wohlstand, Bevölkerung und militärische Stärke gleichzeitig steigern, eine Dynamik, die es zuvor nie gegeben hatte und die Preußen, das industrielle Amerika, Japan und später China nacheinander in den Kreis der Großmächte katapultierte. Genau diese Dynamik erlahmt nun in einem historisch beispiellosen Ausmaß.

Die Produktivität stagniert weltweit, die technologischen Sprünge der letzten Jahrzehnte verändern das tägliche Leben bei Weitem nicht so radikal wie Eisenbahn, Elektrizität und Kanalisation es einst taten. Selbst von der künstlichen Intelligenz erwarten die meisten seriösen Schätzungen keinen revolutionären Wachstumsschub, sondern allenfalls einen zusätzlichen Prozentpunkt jährlich, zu wenig, um die demografische Talfahrt der großen Volkswirtschaften auszugleichen.

Und diese Talfahrt ist real: Fast zwei Drittel der Menschheit leben inzwischen in Ländern mit Geburtenraten unterhalb des Reproduktionsniveaus. China verliert in den kommenden 25 Jahren rechnerisch mehr Arbeitskräfte, als die gesamte Europäische Union heute beschäftigt. Japan, Russland, Italien, Deutschland, überall schrumpfen die Erwerbsbevölkerungen, während die Zahl der Rentner explodiert.

Selbst der dritte klassische Weg zur Macht, die territoriale Eroberung, ist heute mit Atomwaffen, Präzisionswaffen und Drohnen so risikoreich geworden, dass selbst kleine Milizen ganze Panzerkolonnen lahmlegen können.

China, der letzte große Aufsteiger dieser Ära, erreicht bereits seinen Zenit. Sein Wachstumsmodell beruht auf drei riskanten Wetten: dass Bruttoproduktion wichtiger sei als tatsächlicher Ertrag, dass einzelne Vorzeigebranchen eine ganze Volkswirtschaft tragen könnten, und dass Autokratie mehr Dynamik erzeuge als demokratischer Wettbewerb.

Alle drei Wetten erzeugen beeindruckende Fassaden, und darunter wachsende Lasten: eine implodierte Immobilienbranche, die Millionen Familien ihr Erspartes gekostet hat, eine Jugend, von der ein Drittel keinen Schulabschluss besitzt, ein Rentensystem, das binnen weniger Jahre austrocknet.

Die Sowjetunion baute in den 1970er- und 1980er-Jahren mit ganz ähnlichem Ehrgeiz Raumfahrtprogramme und Rüstungsindustrien auf, und ging trotzdem nicht an fehlenden Prestigeprojekten zugrunde, sondern an der verrottenden Substanz darunter. Die Parallele ist unbequem, aber sie drängt sich auf.

Indien, dem viele die Rolle des nächsten Aufsteigers zuschreiben, hat zwar noch eine wachsende junge Bevölkerung, aber es fehlt an Bildung, an verarbeitender Industrie, an Infrastruktur, um daraus wirklich Staatsmacht zu formen. Die Vereinigten Staaten wiederum profitieren nicht davon, selbst außergewöhnlich stark zu sein, sondern davon, dass praktisch jeder Rivale schneller altert, tiefer verschuldet ist oder strukturell schwächer bleibt. Es ist kein Triumph amerikanischer Erneuerung, sondern das Ergebnis einer Welt, in der die Konkurrenz noch schneller erlahmt.

Was daraus folgt, ist keine multipolare Konzertordnung mehrerer gleichberechtigter Mächte, sondern etwas Nüchterneres und potenziell Gefährlicheres: ein geschlossener Klub alternder Platzhirsche, umgeben von einem Feld aus Mittelmächten, Entwicklungsländern und zerfallenden Staaten.

Die kurzfristigen Risiken dieser Übergangsphase sind erheblich – stagnierende Mächte, die aus Furcht vor dem eigenen Abstieg zu Revisionismus und Aufrüstung greifen, brüchige Staaten, die unter Schuldenlast und Jugendarbeitslosigkeit zusammenbrechen, Demokratien, die von innen erodieren.

Aber die langfristige Aussicht muss nicht zwangsläufig düster sein: Eine Welt ohne Aufsteiger könnte auch von genau jenem Muster verschont bleiben, das in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten die verheerendsten Kriege der Geschichte ausgelöst hat, dem gewaltsamen Zusammenprall einer aufsteigenden mit einer etablierten Macht.

Der QUAD als Symptom, nicht als Lösung

Genau in diesem Zwischenraum – zwischen einer erschöpften alten Ordnung und einer nichtexistierenden neuen – lässt sich am besten erklären, warum minilaterale Formate wie der Quadrilaterale Sicherheitsdialog zwischen den USA, Japan, Australien und Indien seit mehr als fünfzehn Jahren gleichzeitig an Bedeutung gewinnen und strukturell folgenlos bleiben.

Offiziell dient der QUAD dem Klimaschutz, der maritimen Sicherheit, der Gesundheitspolitik. Tatsächlich existiert er, weil vier ungleiche Partner ein einziges gemeinsames Interesse teilen: den Aufstieg Chinas und die damit verbundene Infragestellung amerikanischer Vorherrschaft in der Region einzuhegen. Bezeichnenderweise taucht China in keinem offiziellen Kommuniqué des Formats namentlich auf – ein diplomatisches Schweigen, das die eigentliche Funktion des Bündnisses nur umso deutlicher macht.

Doch selbst dieser kleinste gemeinsame Nenner trägt kaum. Indien, ohne dass der QUAD keinen eigenständigen Wert hätte, verweigert sich seit jeher jeder militärischen Zuspitzung gegen China, verurteilt Russlands Angriffskrieg nicht und verfolgt für den Indopazifik ein deutlich inklusiveres Konzept als seine drei Partner.

Japan und Australien wiederum, seit den 1950er-Jahren fest an die amerikanische Sicherheitsgarantie gekettet, treibt vor allem die Furcht, als schwächerer Bündnispartner allein gelassen zu werden. Der QUAD ist also kein Ausdruck neu gewonnener Handlungsfähigkeit der Mittelmächte, sondern das Eingeständnis Washingtons, seine eigene Vormachtstellung im Indopazifik nicht mehr allein sichern zu können.

Das eigentliche Problem liegt tiefer: Der QUAD bietet keine Antwort auf das strukturelle Problem der rivalisierenden Machtansprüche zwischen den USA und China, er ist lediglich eine institutionelle Reaktion darauf.

Ein Format, das im Kern auf einer Nullsummenlogik beruht – amerikanische Vorherrschaft gegen chinesischen Hegemonialanspruch –, kann per Definition keine Ordnung stiften, die über den engen Kreis seiner Mitglieder hinaus akzeptiert würde. Genau deshalb bleibt der QUAD, was er von Anfang an war: nicht die Lösung für regionale Instabilität, sondern ihr sichtbarstes Symptom.

Die Fassaden, ein Muster

Betrachtet man die Entwicklung der internationalen Politik als Ganzes, zeigt sich immer wieder dasselbe Grundproblem: Die öffentliche Debatte verwechselt kurzfristige Dynamik mit langfristiger Struktur.

Aus zeitweiligen Interessengemeinschaften werden vorschnell dauerhafte Bündnisse konstruiert, aus momentanen Schwächephasen einzelner Mächte eine neue Weltordnung abgeleitet und aus punktuellen Kooperationen eine Stabilität herausgelesen, die der politischen Realität nicht standhält. Was auf den ersten Blick wie eine neue Ordnung erscheint, erweist sich bei näherem Hinsehen häufig als Momentaufnahme – geprägt von wechselnden Interessen statt von dauerhaftem Gleichklang.

Was bleibt, ist eine nüchterne Lehre für jeden, der heute Außenpolitik betreiben will, ob in Berlin, in Ankara oder in Neu-Delhi: Weniger träumen, mehr rechnen. Kooperation so nehmen, wie sie tatsächlich kommt – intensiv, aber punktuell, von Thema zu Thema, ohne Bedauern auslaufend, wenn sich das Blatt wendet.

Die alten Blaupausen einer regelbasierten, multilateral verankerten Weltordnung mögen als Sehnsucht fortbestehen. Als Strategie sind sie am Ende das, was Carneys Reise nach Peking eine Woche nach seiner Rede in Davos bereits vorgeführt hat: Nostalgie, verkleidet als Prinzip.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


 Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland.


AUCH INTERESSANT

Susanne Mattner zu Kindstötungen in Palästina

Digitaler Wandel
Wenn jede Minute zählt: Warum digitale Einsatzplanung heute unverzichtbar ist

0

Von Helene Milde

Wenn irgendwo der Strom ausfällt, eine Glasfaserleitung beschädigt wird oder eine Heizungsanlage streikt, erwarten wir schnelle Hilfe. Was dabei meist verborgen bleibt: Bevor der erste Techniker losfährt, müssen im Hintergrund eine ganze Reihe von Entscheidungen getroffen werden. 

Wer ist in der Nähe? Wer bringt die passende Qualifikation mit? Sind die benötigten Ersatzteile verfügbar? Je schneller diese Fragen beantwortet werden, desto schneller lässt sich ein Problem lösen. 

Der Außendienst ist längst mehr als Reparatur und Wartung. Ob Stromnetz, Glasfaser oder Ladeinfrastruktur, die Technik wird komplexer, die Zahl der Einsätze wächst. Gleichzeitig fehlen vielerorts erfahrene Fachkräfte. Versorger und Netzbetreiber stehen deshalb vor der Aufgabe, mit den vorhandenen Teams mehr zu leisten als noch vor wenigen Jahren.

Dabei wächst die technische Infrastruktur in Deutschland laufend. Stromnetze, Glasfasernetze und die Ladeinfrastruktur für Elektromobilität werden immer weiter ausgebaut und sorgen dafür, dass immer mehr Anlagen gewartet und überwacht werden müssen. Gleichzeitig erwarten Kunden immer schnellere Reaktionszeiten und transparente Informationen über den Stand eines Einsatzes. Ohne die digitale Unterstützung wird diese Aufgabe zunehmend schwieriger.

Wenn Erfahrung allein nicht mehr ausreicht

Lange Zeit wurde die Einsatzplanung mit Telefon, Papier und viel Erfahrung organisiert. Doch die Arbeitswelt hat sich verändert. Täglich müssen zahlreiche Einsätze koordiniert werden, oft verschieben sich Termine kurzfristig, Notfälle haben selbstverständlich Vorrang und die Kunden erwarten eine schnelle Rückmeldungen. Klassische Planungsmethoden geraten dabei zunehmend an ihre Grenzen.

Ein Beispiel aus dem Alltag: Fällt in einem Stadtteil der Strom aus, zählt oft jede Minute. Während früher mehrere Telefonate nötig waren, kann eine digitale Einsatzplanung heute in wenigen Sekunden zeigen, welcher Techniker in der Nähe ist, ob er über die erforderliche Qualifikation verfügt und bereits das passende Material im Fahrzeug hat. So lassen sich Ausfallzeiten verkürzen und Einsätze gezielter koordinieren.

Genau an diesem Punkt zeigt sich der Wert einer digitalen Einsatzplanung. Sie wird im Außendienst für viele Unternehmen zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Welche Möglichkeiten moderne Lösungen bieten, zeigt unter anderem OverIT. Die Plattform unterstützt Unternehmen dabei, Serviceeinsätze übersichtlich zu planen und in Echtzeit zu koordinieren. Die gelieferten Informationen stehen allen Beteiligten sofort zur Verfügung, von der Disposition bis zum Techniker vor Ort. 

Genau an diesem Punkt zeigt sich der Wert einer digitalen Einsatzplanung. Sie wird im Außendienst für viele Unternehmen zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Software für Außendienstmanagement hilft dabei, Serviceeinsätze übersichtlich zu planen und in Echtzeit zu koordinieren. Welche Möglichkeiten moderne Lösungen bieten, zeigt unter anderem OverIT. Die Plattform unterstützt Unternehmen dabei, sämtliche Informationen von der Disposition bis zum Techniker vor Ort in Echtzeit bereitzustellen.

Hinter dem Begriff “Field Service Management“ verbirgt sich weit mehr als eine digitale Terminplanung. Gemeint ist dabei die intelligente Organisation sämtlicher Abläufe im Außendienst. Arbeitsaufträge werden mobil bereitgestellt, anstehende Wartungen direkt vor Ort dokumentiert und die Messergebnisse oder Fotos ohne Zeitverlust an die Zentrale übermittelt. Das spart nicht nur Zeit, sondern reduziert auch Fehlerquellen und erleichtert die Zusammenarbeit.

Digitalisierung unterstützt den Menschen

Auch die Künstliche Intelligenz nimmt zunehmend Einzug in den Außendienst. Sie ersetzt jedoch keine Fachkräfte, sondern sie unterstützt sie. Moderne Systeme analysieren große Datenmengen und können beispielsweise berechnen, welcher Techniker aufgrund seiner Qualifikation, seines Standorts und seiner aktuellen Auslastung einen Auftrag am sinnvollsten übernehmen kann. Die Entscheidung trifft weiterhin der Mensch, allerdings auf einer deutlich besseren Informationsgrundlage.

Von diesen Entwicklungen profitieren letztlich alle Beteiligten. Unternehmen können ihre Einsätze besser planen, Mitarbeitende verlieren weniger Zeit mit Verwaltungsaufgaben und Kunden erhalten verlässliche Terminangaben sowie kürzere Reaktionszeiten. Niemand wird schließlich Techniker, um Formulare auszufüllen. Je weniger Bürokratie den Arbeitsalltag bestimmt, desto mehr Zeit bleibt für die eigentliche Aufgabe, nämlich technische Probleme zu lösen.

Ebenso sieht der Digitalverband Bitkom in der Digitalisierung betrieblicher Prozesse einen entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Der digitale Wandel betrieblicher Abläufe zählt seit Jahren zu den wichtigsten Investitionsfeldern von deutschen Unternehmen. Denn effiziente Prozesse sind ein entscheidender Faktor bei der Wettbewerbsfähigkeit und der Servicequalität.

Es sind die Menschen und nicht nur die moderne Technologie, die jeden Tag im Einsatz sind und hinter einer funktionierenden Struktur stehen. Digitale Werkzeuge können ihnen die Erfahrung nicht abnehmen. Sie helfen jedoch dabei, schneller die richtigen Entscheidungen zu treffen und sorgen dafür, dass Hilfe dort ankommt, wo sie auch gebraucht wird.

Die Digitalisierung des Außendienstes ist deshalb weit mehr als nur ein technischer Trend. Sie hilft, die Fachkräfte gezielter einzusetzen, Abläufe transparenter zu gestalten und auf unerwartete Ereignisse schneller zu reagieren. Am Ende profitieren nicht nur Unternehmen davon, sondern wir alle. Denn meistens merken wir erst, wenn Strom, Internet oder Heizung nicht mehr funktionieren, wie unverzichtbar ein zuverlässiger Außendienst ist. 

AUCH INTERESSANT

Türkisches Unternehmen kauft weltgrößten Tiertransporter

Mode
Unterwäsche: Frauen wollen es schön, bequem und am liebsten schwarz oder weiß

0

Berlin-  „Welche Unterwäsche haben Sie eigentlich gerade an?“ Wer seiner Kollegin oder gar der Sitznachbarin in der Bahn eine solche Frage stellt, kommt schnell in Schwierigkeiten. Um dennoch zu erfahren, was frau am liebsten unter ihrer Kleidung trägt, lohnt sich ein Blick auf die Studie „TW-VerbraucherFokus Bodywear Woman“ aus dem Jahr 2019.

Deutsche Frauen besitzen im Schnitt elf BHs

Die Online-Recherche kann schnell zur Verunsicherung führen. Nicht nur bei Gesundheitsfragen. Auch bei der Suche nach dem perfekten BH. Denn wie dieser aussieht, ist individuell ganz unterschiedlich.

So bevorzugen die meisten Bundesbürgerinnen einen Büstenhalter, der angenehm sitzt und gleichzeitig gut aussieht. Die Bequemlichkeit im Alltag spielt dabei eine besonders wichtige Rolle. Daher verwundert es nicht, dass zahlreiche Frauen bei Marken wie Sloggi Unterwäsche kaufen. 15 Prozent bekommen die Wäsche auch von ihrem Partner geschenkt.

Funktionale und damit praktische Unterwäsche ist am beliebtesten. Jedoch befindet sich auch hübsche Spitzenunterwäsche in vielen Kleiderschränken. 81 Prozent der Unter-30jährigen tragen zumindest gelegentlich Spitzen-BH und -höschen. Bei den Über-50jährigen sind es noch immer 55 Prozent.

Damit insbesondere bei den Büstenhaltern genug Auswahl bereitsteht, besitzt die deutsche Durchschnittsfrau davon elf Stück. Dazu kommen 24 Slips und sechs Unterhemden.

​Schwarz und weiß sind die beliebtesten Unterwäschefarben

Ohne Unterwäsche das Haus zu verlassen? Das ist für viele Bundesbürger ein gewagter Gedanke. Denn noch immer gilt Unterwäsche in Deutschland als schicklich.

Praktisch ist sie außerdem. Schließlich erfüllt sie mehrere Funktionen. So bildet sie eine Barriere zur Alltagsbekleidung und schützt somit vor Reibung und Keimen. Einige Modelle besitzen gar smarte Features. Etwa Unterhosen, die die Anzahl der Flatulenzen im Alltag messen können.

Damit Unterwäsche vor allem ihre Schutzfunktion erfüllen kann, besteht sie vorzugsweise aus weichen, dünnen und atmungsaktiven Materialien. Baumwolle und Viskose belegen auf der Liste der beliebtesten Stoffe die ersten Plätze.

Enthält das Gewebe zudem einen geringen Elastan-Anteil, schmiegt es sich noch besser an den Körper an. Jedoch sollten weder BH noch Unterhose komplett aus synthetischem Material bestehen.

Denn Stoffe wie Polyester lassen kaum Sauerstoff an die darunterliegende Haut. Dadurch erhöht sich das Risiko, dass sich erst Schweiß und schließlich Keime ansammeln.

Welche Farbe die Unterwäsche hat, nimmt auf ihre Funktion keinen Einfluss. Jedoch zeigt die Studie „TW-VerbraucherFokus Bodywear Woman“, dass deutsche Frauen bevorzugt auf klassische Töne setzen. Vor allem auf Schwarz und Weiß.

Weniger beliebt sind dagegen ausgefallenere Designs wie transparente Wäsche. Auch Gelb gehört zu den Unterwäschefarben, die nur wenige Damen begeistern können.

​Die Suche nach dem richtigen BH ist oft schwierig

Nur zwölf Prozent der deutschen Frauen benutzen selten oder nie einen BH. Für den Großteil gehört er selbstverständlich zum Alltagsoutfit. Damit er unter der Kleidung weder kneift noch drückt, ist die richtige Passform entscheidend.

Allerdings empfinden es rund 50 Prozent der befragten Damen als schwierig, überhaupt ein passendes Modell zu finden. Insbesondere das System von Körbchengrößen und Unterbrustweiten sorgt dabei für Verwirrung.

Um dennoch einen BH zu kaufen, der richtig sitzt, hat sich jede zweite Frau in Deutschland schon einmal professionell beraten lassen.

Aufgrund dieses Beratungsbedarfs kauften die Bundesbürgerinnen 2019 ihre Wäsche noch hauptsächlich im stationären Handel. Jedoch ging bereits damals der Trend in Richtung Online-Shopping. So gaben zwei Drittel der Befragten zu, Unterwäsche manchmal auch im Internet zu bestellen. 2026 kaufen bereits mehr als 70 Prozent der Deutschen regelmäßig BH, Slip und Co. online.

AUCH INTERESSANT

Historische Premiere: Adidas launcht erste globale Kollektion aus der Türkei

Fitness
Ernährung für männliche Kraft und Ausdauer

Wenn es um körperliche Leistungsfähigkeit geht, konzentrieren sich die meisten Männer auf das Training selbst: mehr Gewicht, mehr Wiederholungen, längere Laufstrecken. Die Ernährung wird dabei oft als reines Beiwerk betrachtet – etwas, das „irgendwie passen muss“, aber selten strategisch geplant wird. Dabei zeigt die sportmedizinische Forschung durchgehend: Ohne die passende Nährstoffgrundlage stößt selbst das disziplinierteste Training an eine harte Grenze.

Einleitung: Warum Ernährung der unterschätzte Faktor ist

Kraft und Ausdauer sind dabei keine identischen Ziele. Beide stellen unterschiedliche Anforderungen an den Stoffwechsel, an die Energiebereitstellung und an die Regeneration. Ein Ernährungsplan, der für einen Kraftsportler optimal ist, kann für einen Ausdauerathleten suboptimal sein – und umgekehrt.

Hinzu kommt ein Aspekt, der in den meisten Ratgebern getrennt behandelt wird, obwohl er physiologisch eng mit Kraft und Ausdauer verknüpft ist: die männliche Potenz. Durchblutung, Gefäßgesundheit und Hormonhaushalt sind die gemeinsame Schnittstelle zwischen sportlicher Leistungsfähigkeit und sexueller Funktion.

Dieser Artikel ordnet die aktuelle Studienlage zu allen drei Bereichen ein – mit Fokus auf konkrete, belegbare Zusammenhänge statt auf pauschale Ernährungsregeln.

Die physiologische Grundlage: Wie Ernährung Kraft und Ausdauer beeinflusst

Energiebereitstellung: Anaerobe vs. aerobe Stoffwechselwege

Kraftleistungen wie ein einzelner schwerer Hebe- oder Sprintvorgang werden überwiegend anaerob, also ohne Sauerstoffverbrauch, aus gespeicherten Phosphaten und Glykogen bereitgestellt.

Ausdauerleistungen hingegen speisen sich primär aus dem aeroben Stoffwechsel, bei dem Kohlenhydrate und Fette unter Sauerstoffverbrauch zu Energie umgewandelt werden. Diese grundlegende physiologische Weiche entscheidet bereits darüber, welche Makronährstoffe für welches Trainingsziel priorisiert werden sollten.

Muskelproteinsynthese und Regeneration

Sowohl Kraft- als auch Ausdauertraining setzen mikroskopisch kleine Schäden in der Muskulatur, die anschließend repariert und – bei ausreichendem Reiz und passender Ernährung – verstärkt werden. Dieser Prozess der Muskelproteinsynthese ist direkt abhängig von der Verfügbarkeit essenzieller Aminosäuren, insbesondere Leucin, das als zentraler Auslöser dieses Prozesses gilt.

Hormoneller Einfluss von Ernährung

Ernährung beeinflusst den Hormonhaushalt auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Ein chronisches Kaloriendefizit erhöht den Cortisolspiegel und kann den Testosteronspiegel senken, was sich negativ auf Kraftaufbau und Regeneration auswirkt.

Umgekehrt kann eine ausreichende Fettzufuhr – insbesondere aus ungesättigten Fettsäuren – die Testosteronproduktion unterstützen, da Testosteron aus Cholesterin synthetisiert wird. Auch der Insulinhaushalt spielt eine Rolle: Insulin wirkt anabol und unterstützt sowohl die Glykogenspeicherung als auch die Nährstoffaufnahme in die Muskelzelle.

Makronährstoffe im Detail

Protein: Bedarf, Timing und Qualität

Protein ist der am intensivsten erforschte Makronährstoff im Kontext von Kraft und Muskelaufbau. Die Studienlage zeigt konsistent, dass sportlich aktive Männer einen deutlich höheren Proteinbedarf haben als inaktive Personen.

Wie viel Protein braucht man wirklich?

Für kraftsportlich aktive Männer wird in der sportmedizinischen Literatur häufig eine Zufuhr im Bereich von etwa 1,6 bis 2,2 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag angegeben, um die Muskelproteinsynthese zu maximieren.

Höhere Mengen zeigen in Studien meist keinen zusätzlichen Nutzen für den Muskelaufbau, können aber im Rahmen einer Diät zum Erhalt der Muskelmasse sinnvoll sein. Für Ausdauerathleten liegt der Bedarf mit etwa 1,2 bis 1,6 Gramm pro Kilogramm tendenziell niedriger, aber immer noch deutlich über dem allgemeinen Richtwert für inaktive Erwachsene.

Ebenso relevant wie die Gesamtmenge ist die Verteilung über den Tag: Eine gleichmäßige Aufnahme von etwa 0,3 bis 0,4 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht über drei bis vier Mahlzeiten scheint die Muskelproteinsynthese effektiver zu stimulieren als eine einzelne große Proteinmahlzeit am Abend.

Kohlenhydrate: Der Treibstoff für Ausdauerleistung

Für Ausdauerleistungen sind Kohlenhydrate der limitierende Faktor schlechthin. Sie werden in Form von Glykogen in Muskeln und Leber gespeichert und dienen als primäre Energiequelle bei mittlerer bis hoher Belastungsintensität.

Glykogenspeicher und ihre Bedeutung

Sind die Glykogenspeicher erschöpft – ein Zustand, der umgangssprachlich als „Hungerast“ oder im englischen Sprachraum als „Bonking“ bezeichnet wird –, sinkt die Leistungsfähigkeit abrupt und deutlich. Eine ausreichende Kohlenhydratzufuhr vor und während längerer Belastungen ist daher für Ausdauersportler von zentraler Bedeutung, während Kraftsportler mit kürzeren, intensiveren Belastungseinheiten in der Regel mit moderateren Mengen auskommen.

Fette: Hormonelle Funktion und Energiebereitstellung

Fette werden im Kontext von Leistungssport häufig unterschätzt oder sogar unnötig reduziert. Dabei erfüllen sie zentrale Funktionen: Sie liefern Energie bei niedriger bis moderater Belastungsintensität, sind Bausteine für die Hormonproduktion und notwendig für die Aufnahme fettlöslicher Vitamine. Ein zu geringer Fettanteil in der Ernährung – ein Muster, das häufig bei stark kalorienreduzierten Diäten auftritt – wird in Studien wiederholt mit niedrigeren Testosteronwerten in Verbindung gebracht.

Mikronährstoffe mit belegter Relevanz für Kraft und Ausdauer

Eisen und Sauerstofftransport

Eisen ist zentraler Bestandteil des Hämoglobins und damit direkt für den Sauerstofftransport im Blut verantwortlich. Ein Eisenmangel kann die Ausdauerleistung erheblich einschränken, noch bevor eine klinische Anämie diagnostiziert wird. Besonders bei Ausdauersportlern mit hohem Trainingsumfang ist ein gelegentlicher Check der Eisenwerte sinnvoll.

Magnesium und Muskelfunktion

Magnesium ist an mehreren hundert enzymatischen Prozessen beteiligt, darunter die Muskelkontraktion und -entspannung sowie die Energiebereitstellung über ATP. Ein suboptimaler Magnesiumstatus wird mit erhöhter Muskelkrampfneigung und reduzierter Leistungsfähigkeit assoziiert, wobei die Studienlage zur direkten leistungssteigernden Wirkung einer Supplementierung bei bereits ausreichend versorgten Personen uneinheitlich ist.

Vitamin D und Muskelkraft

Vitamin-D-Rezeptoren finden sich auch im Muskelgewebe, was den Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Status und Muskelkraft erklärt, der in mehreren Beobachtungsstudien dokumentiert wurde. Gerade in nördlichen Breitengraden mit geringer Sonneneinstrahlung im Winter ist ein suboptimaler Vitamin-D-Spiegel bei sportlich aktiven Männern keine Seltenheit.

Zink und Hormonhaushalt

Zink spielt eine dokumentierte Rolle bei der Testosteronproduktion. Ein Zinkmangel wird in Studien mit reduzierten Testosteronwerten in Verbindung gebracht, während eine Supplementierung bei bereits ausreichend versorgten Personen in der Regel keinen zusätzlichen hormonellen Vorteil zeigt. Relevant ist Zink daher vor allem für Männer mit einem tatsächlichen Mangel, etwa bedingt durch einseitige Ernährung oder hohen Alkoholkonsum.

Ernährung und männliche Potenz: Der vaskuläre Zusammenhang

Warum Durchblutung der Schlüsselfaktor ist

Eine Erektion ist im Kern ein vaskulärer Vorgang: Sie entsteht durch eine gezielte Erweiterung der Blutgefäße im Schwellkörper und einen entsprechend erhöhten Bluteinstrom. Alles, was die Gefäßfunktion im gesamten Körper beeinträchtigt – etwa Arteriosklerose, Bluthochdruck oder chronische Entzündungsprozesse – wirkt sich daher unmittelbar auch auf die Erektionsfähigkeit aus. Das erklärt, warum erektile Dysfunktion in der Medizin zunehmend als möglicher Frühindikator für kardiovaskuläre Erkrankungen betrachtet wird, nicht nur als isoliertes sexuelles Problem.

Stickoxid (NO) und gefäßerweiternde Nährstoffe

Der zentrale Botenstoff für die Gefäßerweiterung ist Stickstoffmonoxid (NO), das vom Gefäßendothel produziert wird und die glatte Muskulatur der Blutgefäße entspannt. Dieser Mechanismus ist auch der Angriffspunkt von PDE5-Hemmern wie Sildenafil ( Viagra), die den Abbau der NO-vermittelten Signalkette verzögern und dadurch die Wirkung verlängern. Ernährung kann diesen Mechanismus nicht auf pharmakologischem Niveau nachahmen, aber sie kann die körpereigene NO-Produktion und die allgemeine Gefäßfunktion über längere Zeiträume unterstützen.

Nitratreiche Lebensmittel (Rote Bete, Blattgemüse)

Rote Bete, Rucola, Spinat und andere nitratreiche Gemüsesorten liefern anorganisches Nitrat, das im Körper über eine bakterielle Umwandlung im Mundraum und weitere Schritte in Stickstoffmonoxid umgewandelt werden kann. Dieser Stoffwechselweg ist in der Sporternährungsforschung bereits gut untersucht, vor allem im Hinblick auf Ausdauerleistung, wo er die Sauerstoffökonomie verbessern kann – derselbe Mechanismus ist auch für die Gefäßfunktion im Kontext der Erektionsfähigkeit relevant.

Zu den nitratreichsten Lebensmitteln zählen unter anderem:

  • Rote Bete und Rote-Bete-Saft
  • Rucola
  • Spinat
  • Feldsalat
  • Chinakohl
  • Sellerie

Wichtig für die Wirksamkeit: Antibakterielle Mundspülungen können die bakterielle Umwandlung von Nitrat zu Nitrit im Mundraum unterbrechen und damit den beschriebenen Effekt abschwächen.

L-Arginin und L-Citrullin: Wirkmechanismus und Evidenzlage

L-Arginin ist die direkte Vorstufe von Stickstoffmonoxid und wird häufig als Nahrungsergänzung beworben. Die Studienlage zur oralen Supplementierung ist jedoch gemischt: Ein Großteil des aufgenommenen Arginins wird bereits in der Leber und im Darm abgebaut, bevor es die Blutbahn in relevanten Mengen erreicht.

L-Citrullin, das über einen Umweg in der Niere zu Arginin umgewandelt wird, zeigt in einigen Studien eine bessere Bioverfügbarkeit und wurde in Untersuchungen zu leichten bis moderaten Verbesserungen bei erektiler Dysfunktion sowie zu Effekten auf die Ausdauerleistung in Verbindung gebracht. Die Effektgrößen sind in der vorliegenden Literatur jedoch überwiegend moderat, und die Studienqualität ist uneinheitlich, weshalb übertriebene Erwartungen an eine alleinige Supplementierung nicht durch die Evidenz gedeckt sind.

Herzgesunde Ernährung als Grundlage der Erektionsfähigkeit

Da die Erektionsfähigkeit maßgeblich von der Gefäßgesundheit abhängt, zeigt sich in Beobachtungsstudien ein klarer Zusammenhang zwischen einer herzgesunden Ernährung – reich an Gemüse, Vollkornprodukten, ungesättigten Fetten und magerem Protein, arm an stark verarbeiteten Lebensmitteln und Transfetten – und einer geringeren Prävalenz erektiler Dysfunktion. Dieser Zusammenhang ist letztlich eine logische Konsequenz der gemeinsamen zugrunde liegenden Gefäßphysiologie und weniger ein eigenständiger, isolierter Effekt einzelner Lebensmittel.

Omega-3-Fettsäuren und Gefäßgesundheit

Omega-3-Fettsäuren aus fettem Fisch oder Algenöl wirken sich in Studien günstig auf die Endothelfunktion, den Blutdruck und den Entzündungsstatus im Gefäßsystem aus. Da die Endothelfunktion direkt an der NO-Produktion beteiligt ist, ergibt sich hier ein plausibler, wenn auch nicht isoliert für die Erektionsfähigkeit belegter, Wirkmechanismus.

Wo der Zusammenhang zu Testosteron und Zink relevant wird

Wie im vorherigen Abschnitt beschrieben, ist Zink an der Testosteronproduktion beteiligt, und Testosteron wiederum spielt neben der Gefäßfunktion eine eigenständige Rolle für die Libido. Ein tatsächlicher Zinkmangel kann sich daher über zwei parallele Mechanismen – hormonell und indirekt über den allgemeinen Stoffwechsel – auf die sexuelle Funktion auswirken, was diesen Mikronährstoff zu einer der wenigen Schnittstellen zwischen Hormonhaushalt und vaskulärer Gesundheit macht.

Kraft vs. Ausdauer: Unterschiedliche Ernährungsstrategien

Ernährungsschwerpunkte für Krafttraining

Kraftsportler profitieren typischerweise von einem höheren Proteinanteil, einer ausreichenden, aber nicht zwingend sehr hohen Kohlenhydratzufuhr und einer moderaten bis leicht überschüssigen Kalorienbilanz während Aufbauphasen, um die Muskelproteinsynthese zu unterstützen.

Ernährungsschwerpunkte für Ausdauersport

Ausdauerathleten benötigen hingegen einen deutlich höheren Kohlenhydratanteil, insbesondere rund um lange Trainingseinheiten, sowie eine besonders sorgfältige Beachtung der Elektrolyt- und Flüssigkeitszufuhr, während der Proteinbedarf zwar erhöht, aber niedriger als bei reinem Krafttraining ist.

Wo sich beide Strategien überschneiden

Unabhängig von der Sportart profitieren beide Gruppen von einer ausreichenden Mikronährstoffversorgung, einer bedarfsgerechten Fettzufuhr zur hormonellen Unterstützung und einer an das individuelle Trainingsvolumen angepassten Gesamtkalorienzufuhr. Eine chronische Unterversorgung mit Kalorien ist sowohl für Kraft- als auch für Ausdauerleistung gleichermaßen kontraproduktiv.

Orientierungswerte im Vergleich

Zielgröße

Krafttraining

Ausdauersport

Protein (g/kg Körpergewicht/Tag)

ca. 1,6–2,2

ca. 1,2–1,6

Kohlenhydrate

moderat, an Trainingsintensität angepasst

hoch, besonders vor/während langer Belastung

Fettanteil an Gesamtkalorien

moderat, hormonell relevant

moderat, ergänzende Energiequelle

Kalorienbilanz in Aufbauphasen

leicht überschüssig

bedarfsdeckend bis leicht überschüssig

Priorität bei Flüssigkeit/Elektrolyten

gering bis moderat

hoch, besonders bei Belastung > 90 Min.

Die Werte sind Orientierungsgrößen aus der sportmedizinischen Literatur und ersetzen keine individuelle Beratung, da Körpergewicht, Trainingsstand und Zielsetzung erheblichen Einfluss auf den tatsächlichen Bedarf haben.

Timing der Nahrungsaufnahme

Ernährung vor dem Training

Eine kohlenhydratbetonte Mahlzeit zwei bis drei Stunden vor dem Training füllt die Glykogenspeicher auf und stellt ausreichend Energie für die bevorstehende Belastung bereit. Zu fettreiche oder sehr ballaststoffreiche Mahlzeiten kurz vor dem Training können die Verdauung verlangsamen und die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.

Ernährung während längerer Belastung

Bei Belastungen über etwa 60 bis 90 Minuten profitieren Ausdauersportler häufig von einer kontinuierlichen Kohlenhydratzufuhr während der Belastung, um die Glykogenspeicher zu schonen und die Leistungsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Für kürzere Krafttrainingseinheiten ist dies in der Regel nicht notwendig.

Ernährung nach dem Training (anaboles Fenster – Mythos und Fakt)

Die Vorstellung eines extrem kurzen „anabolen Fensters“ von 30 bis 60 Minuten nach dem Training, innerhalb dessen zwingend Protein zugeführt werden muss, gilt nach aktuellerer Forschung als überzeichnet. Relevanter als der exakte Zeitpunkt ist die Gesamtproteinzufuhr über den Tag verteilt. Dennoch spricht nichts dagegen, zeitnah nach dem Training eine proteinreiche Mahlzeit einzunehmen, insbesondere wenn die letzte Mahlzeit bereits einige Stunden zurückliegt.

Flüssigkeitszufuhr und Elektrolythaushalt

Warum Dehydration Kraft und Ausdauer überproportional senkt

Bereits ein Flüssigkeitsverlust von etwa zwei Prozent des Körpergewichts kann die Leistungsfähigkeit messbar beeinträchtigen – bei Ausdauerleistungen häufig stärker als bei kurzen Kraftleistungen, da Dehydration die Herzfrequenz erhöht und die Thermoregulation erschwert.

Elektrolytbedarf bei langer Belastungsdauer

Bei Belastungen über etwa 90 Minuten, insbesondere bei hohen Temperaturen und starkem Schwitzen, wird der Verlust von Natrium und anderen Elektrolyten relevant. Reines Wasser ohne Elektrolytzufuhr kann in solchen Situationen zu einer Verdünnungshyponatriämie beitragen, weshalb bei langer Belastungsdauer elektrolythaltige Getränke sinnvoller sind als reines Wasser.

Was die Studienlage zu Nahrungsergänzung tatsächlich zeigt

Kreatin: Wirkmechanismus und Evidenzgrad

Kreatin gehört zu den am besten erforschten Nahrungsergänzungsmitteln überhaupt. Es erhöht die Phosphokreatinspeicher im Muskel und unterstützt dadurch die schnelle Energiebereitstellung bei kurzen, intensiven Belastungen. Die Evidenz für einen Kraft- und Muskelzuwachs bei regelmäßiger Einnahme in Kombination mit Krafttraining gilt als eine der solidesten im gesamten Bereich der Sporternährung.

Koffein: Nutzen für Kraft und Ausdauer im Vergleich

Koffein zeigt in Studien eine gut belegte leistungssteigernde Wirkung sowohl bei Kraft- als auch bei Ausdauerleistungen, unter anderem über eine reduzierte subjektive Anstrengungswahrnehmung und eine verbesserte Muskelaktivierung. Der Effekt fällt bei Ausdauerleistungen tendenziell noch etwas konsistenter aus als bei reinen Maximalkraftleistungen.

Wo Evidenz fehlt oder uneinheitlich ist

Für viele weitere am Markt beworbene Substanzen – von zahlreichen „Testosteron-Boostern“ bis zu exotischen Pflanzenextrakten – ist die Studienlage deutlich schwächer, oft basierend auf kleinen Stichproben oder Tierstudien ohne direkte Übertragbarkeit auf den Menschen. Eine gesunde Skepsis gegenüber Produkten mit vollmundigen Versprechen, aber dünner Studienbasis, ist hier angebracht.

Häufige Ernährungsfehler

Zu geringe Kalorienzufuhr bei hohem Trainingspensum

Ein häufiger Fehler bei sportlich ambitionierten Männern ist eine zu restriktive Kalorienzufuhr bei gleichzeitig hohem Trainingsvolumen. Dies führt langfristig zu reduzierter Leistungsfähigkeit, erhöhtem Verletzungsrisiko und, wie beschrieben, potenziell auch zu einem ungünstigeren Hormonprofil.

Einseitige Makronährstoffverteilung

Eine übermäßige Fokussierung auf ein einzelnes Makronährstoffziel – etwa extrem hohe Proteinmengen bei gleichzeitig sehr niedriger Fett- oder Kohlenhydratzufuhr – kann die Gesamtenergiebilanz und die Mikronährstoffversorgung negativ beeinflussen, ohne einen zusätzlichen Leistungsvorteil zu bringen.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Verbessert eine bestimmte Ernährung direkt die Erektionsfähigkeit? 

Eine herzgesunde, gefäßfreundliche Ernährung kann die zugrunde liegende Gefäßfunktion langfristig unterstützen, ersetzt jedoch keine ärztliche Abklärung bei anhaltenden Beschwerden.

Braucht man für Kraftaufbau zwingend ein Proteinshake nach dem Training?

 Nein. Entscheidend ist die Gesamtproteinzufuhr über den Tag, nicht ein einzelnes Nahrungsergänzungsmittel zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Ist Kreatin sicher für die langfristige Einnahme? 

Kreatin gilt in der aktuellen Forschung bei gesunden Erwachsenen als eines der am besten untersuchten und sichersten Nahrungsergänzungsmittel, sofern keine relevanten Nierenvorerkrankungen vorliegen.

Kann Ernährung eine medikamentöse Behandlung bei erektiler Dysfunktion ersetzen? 

Nein. Ernährung wirkt unterstützend auf die allgemeine Gefäßgesundheit, kann aber eine ärztlich verordnete Behandlung nicht ersetzen, insbesondere bei diagnostizierten Grunderkrankungen.

Kraft, Ausdauer und männliche Potenz haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam, teilen sich physiologisch jedoch zentrale Schnittstellen: Hormonhaushalt, Gefäßfunktion und eine bedarfsgerechte Nährstoffversorgung. Wer seine Ernährung nicht isoliert auf ein einzelnes Ziel, sondern auf diese gemeinsamen Grundlagen ausrichtet, schafft die Voraussetzung für Fortschritte in allen drei Bereichen gleichzeitig – wissenschaftlich fundiert, ohne auf pauschale Versprechen einzelner Nahrungsergänzungsmittel angewiesen zu sein.

Wenn es um körperliche Leistungsfähigkeit geht, konzentrieren sich die meisten Männer auf das Training selbst: mehr Gewicht, mehr Wiederholungen, längere Laufstrecken. Die Ernährung wird dabei oft als reines Beiwerk betrachtet – etwas, das „irgendwie passen muss“, aber selten strategisch geplant wird. Dabei zeigt die sportmedizinische Forschung durchgehend: Ohne die passende Nährstoffgrundlage stößt selbst das disziplinierteste Training an eine harte Grenze.

Einleitung: Warum Ernährung der unterschätzte Faktor ist

Kraft und Ausdauer sind dabei keine identischen Ziele. Beide stellen unterschiedliche Anforderungen an den Stoffwechsel, an die Energiebereitstellung und an die Regeneration. Ein Ernährungsplan, der für einen Kraftsportler optimal ist, kann für einen Ausdauerathleten suboptimal sein – und umgekehrt.

Hinzu kommt ein Aspekt, der in den meisten Ratgebern getrennt behandelt wird, obwohl er physiologisch eng mit Kraft und Ausdauer verknüpft ist: die männliche Potenz. Durchblutung, Gefäßgesundheit und Hormonhaushalt sind die gemeinsame Schnittstelle zwischen sportlicher Leistungsfähigkeit und sexueller Funktion.

Dieser Artikel ordnet die aktuelle Studienlage zu allen drei Bereichen ein – mit Fokus auf konkrete, belegbare Zusammenhänge statt auf pauschale Ernährungsregeln.

Die physiologische Grundlage: Wie Ernährung Kraft und Ausdauer beeinflusst

Energiebereitstellung: Anaerobe vs. aerobe Stoffwechselwege

Kraftleistungen wie ein einzelner schwerer Hebe- oder Sprintvorgang werden überwiegend anaerob, also ohne Sauerstoffverbrauch, aus gespeicherten Phosphaten und Glykogen bereitgestellt.

Ausdauerleistungen hingegen speisen sich primär aus dem aeroben Stoffwechsel, bei dem Kohlenhydrate und Fette unter Sauerstoffverbrauch zu Energie umgewandelt werden. Diese grundlegende physiologische Weiche entscheidet bereits darüber, welche Makronährstoffe für welches Trainingsziel priorisiert werden sollten.

Muskelproteinsynthese und Regeneration

Sowohl Kraft- als auch Ausdauertraining setzen mikroskopisch kleine Schäden in der Muskulatur, die anschließend repariert und – bei ausreichendem Reiz und passender Ernährung – verstärkt werden. Dieser Prozess der Muskelproteinsynthese ist direkt abhängig von der Verfügbarkeit essenzieller Aminosäuren, insbesondere Leucin, das als zentraler Auslöser dieses Prozesses gilt.

Hormoneller Einfluss von Ernährung

Ernährung beeinflusst den Hormonhaushalt auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Ein chronisches Kaloriendefizit erhöht den Cortisolspiegel und kann den Testosteronspiegel senken, was sich negativ auf Kraftaufbau und Regeneration auswirkt.

Umgekehrt kann eine ausreichende Fettzufuhr – insbesondere aus ungesättigten Fettsäuren – die Testosteronproduktion unterstützen, da Testosteron aus Cholesterin synthetisiert wird. Auch der Insulinhaushalt spielt eine Rolle: Insulin wirkt anabol und unterstützt sowohl die Glykogenspeicherung als auch die Nährstoffaufnahme in die Muskelzelle.

Makronährstoffe im Detail

Protein: Bedarf, Timing und Qualität

Protein ist der am intensivsten erforschte Makronährstoff im Kontext von Kraft und Muskelaufbau. Die Studienlage zeigt konsistent, dass sportlich aktive Männer einen deutlich höheren Proteinbedarf haben als inaktive Personen.

Wie viel Protein braucht man wirklich?

Für kraftsportlich aktive Männer wird in der sportmedizinischen Literatur häufig eine Zufuhr im Bereich von etwa 1,6 bis 2,2 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag angegeben, um die Muskelproteinsynthese zu maximieren.

Höhere Mengen zeigen in Studien meist keinen zusätzlichen Nutzen für den Muskelaufbau, können aber im Rahmen einer Diät zum Erhalt der Muskelmasse sinnvoll sein. Für Ausdauerathleten liegt der Bedarf mit etwa 1,2 bis 1,6 Gramm pro Kilogramm tendenziell niedriger, aber immer noch deutlich über dem allgemeinen Richtwert für inaktive Erwachsene.

Ebenso relevant wie die Gesamtmenge ist die Verteilung über den Tag: Eine gleichmäßige Aufnahme von etwa 0,3 bis 0,4 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht über drei bis vier Mahlzeiten scheint die Muskelproteinsynthese effektiver zu stimulieren als eine einzelne große Proteinmahlzeit am Abend.

Kohlenhydrate: Der Treibstoff für Ausdauerleistung

Für Ausdauerleistungen sind Kohlenhydrate der limitierende Faktor schlechthin. Sie werden in Form von Glykogen in Muskeln und Leber gespeichert und dienen als primäre Energiequelle bei mittlerer bis hoher Belastungsintensität.

Glykogenspeicher und ihre Bedeutung

Sind die Glykogenspeicher erschöpft – ein Zustand, der umgangssprachlich als „Hungerast“ oder im englischen Sprachraum als „Bonking“ bezeichnet wird –, sinkt die Leistungsfähigkeit abrupt und deutlich. Eine ausreichende Kohlenhydratzufuhr vor und während längerer Belastungen ist daher für Ausdauersportler von zentraler Bedeutung, während Kraftsportler mit kürzeren, intensiveren Belastungseinheiten in der Regel mit moderateren Mengen auskommen.

Fette: Hormonelle Funktion und Energiebereitstellung

Fette werden im Kontext von Leistungssport häufig unterschätzt oder sogar unnötig reduziert. Dabei erfüllen sie zentrale Funktionen: Sie liefern Energie bei niedriger bis moderater Belastungsintensität, sind Bausteine für die Hormonproduktion und notwendig für die Aufnahme fettlöslicher Vitamine. Ein zu geringer Fettanteil in der Ernährung – ein Muster, das häufig bei stark kalorienreduzierten Diäten auftritt – wird in Studien wiederholt mit niedrigeren Testosteronwerten in Verbindung gebracht.

Mikronährstoffe mit belegter Relevanz für Kraft und Ausdauer

Eisen und Sauerstofftransport

Eisen ist zentraler Bestandteil des Hämoglobins und damit direkt für den Sauerstofftransport im Blut verantwortlich. Ein Eisenmangel kann die Ausdauerleistung erheblich einschränken, noch bevor eine klinische Anämie diagnostiziert wird. Besonders bei Ausdauersportlern mit hohem Trainingsumfang ist ein gelegentlicher Check der Eisenwerte sinnvoll.

Magnesium und Muskelfunktion

Magnesium ist an mehreren hundert enzymatischen Prozessen beteiligt, darunter die Muskelkontraktion und -entspannung sowie die Energiebereitstellung über ATP. Ein suboptimaler Magnesiumstatus wird mit erhöhter Muskelkrampfneigung und reduzierter Leistungsfähigkeit assoziiert, wobei die Studienlage zur direkten leistungssteigernden Wirkung einer Supplementierung bei bereits ausreichend versorgten Personen uneinheitlich ist.

Vitamin D und Muskelkraft

Vitamin-D-Rezeptoren finden sich auch im Muskelgewebe, was den Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Status und Muskelkraft erklärt, der in mehreren Beobachtungsstudien dokumentiert wurde. Gerade in nördlichen Breitengraden mit geringer Sonneneinstrahlung im Winter ist ein suboptimaler Vitamin-D-Spiegel bei sportlich aktiven Männern keine Seltenheit.

Zink und Hormonhaushalt

Zink spielt eine dokumentierte Rolle bei der Testosteronproduktion. Ein Zinkmangel wird in Studien mit reduzierten Testosteronwerten in Verbindung gebracht, während eine Supplementierung bei bereits ausreichend versorgten Personen in der Regel keinen zusätzlichen hormonellen Vorteil zeigt. Relevant ist Zink daher vor allem für Männer mit einem tatsächlichen Mangel, etwa bedingt durch einseitige Ernährung oder hohen Alkoholkonsum.

Ernährung und männliche Potenz: Der vaskuläre Zusammenhang

Warum Durchblutung der Schlüsselfaktor ist

Eine Erektion ist im Kern ein vaskulärer Vorgang: Sie entsteht durch eine gezielte Erweiterung der Blutgefäße im Schwellkörper und einen entsprechend erhöhten Bluteinstrom. Alles, was die Gefäßfunktion im gesamten Körper beeinträchtigt – etwa Arteriosklerose, Bluthochdruck oder chronische Entzündungsprozesse – wirkt sich daher unmittelbar auch auf die Erektionsfähigkeit aus. Das erklärt, warum erektile Dysfunktion in der Medizin zunehmend als möglicher Frühindikator für kardiovaskuläre Erkrankungen betrachtet wird, nicht nur als isoliertes sexuelles Problem.

Stickoxid (NO) und gefäßerweiternde Nährstoffe

Der zentrale Botenstoff für die Gefäßerweiterung ist Stickstoffmonoxid (NO), das vom Gefäßendothel produziert wird und die glatte Muskulatur der Blutgefäße entspannt. Dieser Mechanismus ist auch der Angriffspunkt von PDE5-Hemmern wie Sildenafil ( Viagra), die den Abbau der NO-vermittelten Signalkette verzögern und dadurch die Wirkung verlängern. Ernährung kann diesen Mechanismus nicht auf pharmakologischem Niveau nachahmen, aber sie kann die körpereigene NO-Produktion und die allgemeine Gefäßfunktion über längere Zeiträume unterstützen.

Nitratreiche Lebensmittel (Rote Bete, Blattgemüse)

Rote Bete, Rucola, Spinat und andere nitratreiche Gemüsesorten liefern anorganisches Nitrat, das im Körper über eine bakterielle Umwandlung im Mundraum und weitere Schritte in Stickstoffmonoxid umgewandelt werden kann. Dieser Stoffwechselweg ist in der Sporternährungsforschung bereits gut untersucht, vor allem im Hinblick auf Ausdauerleistung, wo er die Sauerstoffökonomie verbessern kann – derselbe Mechanismus ist auch für die Gefäßfunktion im Kontext der Erektionsfähigkeit relevant.

Zu den nitratreichsten Lebensmitteln zählen unter anderem:

  • Rote Bete und Rote-Bete-Saft
  • Rucola
  • Spinat
  • Feldsalat
  • Chinakohl
  • Sellerie

Wichtig für die Wirksamkeit: Antibakterielle Mundspülungen können die bakterielle Umwandlung von Nitrat zu Nitrit im Mundraum unterbrechen und damit den beschriebenen Effekt abschwächen.

L-Arginin und L-Citrullin: Wirkmechanismus und Evidenzlage

L-Arginin ist die direkte Vorstufe von Stickstoffmonoxid und wird häufig als Nahrungsergänzung beworben. Die Studienlage zur oralen Supplementierung ist jedoch gemischt: Ein Großteil des aufgenommenen Arginins wird bereits in der Leber und im Darm abgebaut, bevor es die Blutbahn in relevanten Mengen erreicht.

L-Citrullin, das über einen Umweg in der Niere zu Arginin umgewandelt wird, zeigt in einigen Studien eine bessere Bioverfügbarkeit und wurde in Untersuchungen zu leichten bis moderaten Verbesserungen bei erektiler Dysfunktion sowie zu Effekten auf die Ausdauerleistung in Verbindung gebracht. Die Effektgrößen sind in der vorliegenden Literatur jedoch überwiegend moderat, und die Studienqualität ist uneinheitlich, weshalb übertriebene Erwartungen an eine alleinige Supplementierung nicht durch die Evidenz gedeckt sind.

Herzgesunde Ernährung als Grundlage der Erektionsfähigkeit

Da die Erektionsfähigkeit maßgeblich von der Gefäßgesundheit abhängt, zeigt sich in Beobachtungsstudien ein klarer Zusammenhang zwischen einer herzgesunden Ernährung – reich an Gemüse, Vollkornprodukten, ungesättigten Fetten und magerem Protein, arm an stark verarbeiteten Lebensmitteln und Transfetten – und einer geringeren Prävalenz erektiler Dysfunktion. Dieser Zusammenhang ist letztlich eine logische Konsequenz der gemeinsamen zugrunde liegenden Gefäßphysiologie und weniger ein eigenständiger, isolierter Effekt einzelner Lebensmittel.

Omega-3-Fettsäuren und Gefäßgesundheit

Omega-3-Fettsäuren aus fettem Fisch oder Algenöl wirken sich in Studien günstig auf die Endothelfunktion, den Blutdruck und den Entzündungsstatus im Gefäßsystem aus. Da die Endothelfunktion direkt an der NO-Produktion beteiligt ist, ergibt sich hier ein plausibler, wenn auch nicht isoliert für die Erektionsfähigkeit belegter, Wirkmechanismus.

Wo der Zusammenhang zu Testosteron und Zink relevant wird

Wie im vorherigen Abschnitt beschrieben, ist Zink an der Testosteronproduktion beteiligt, und Testosteron wiederum spielt neben der Gefäßfunktion eine eigenständige Rolle für die Libido. Ein tatsächlicher Zinkmangel kann sich daher über zwei parallele Mechanismen – hormonell und indirekt über den allgemeinen Stoffwechsel – auf die sexuelle Funktion auswirken, was diesen Mikronährstoff zu einer der wenigen Schnittstellen zwischen Hormonhaushalt und vaskulärer Gesundheit macht.

Kraft vs. Ausdauer: Unterschiedliche Ernährungsstrategien

Ernährungsschwerpunkte für Krafttraining

Kraftsportler profitieren typischerweise von einem höheren Proteinanteil, einer ausreichenden, aber nicht zwingend sehr hohen Kohlenhydratzufuhr und einer moderaten bis leicht überschüssigen Kalorienbilanz während Aufbauphasen, um die Muskelproteinsynthese zu unterstützen.

Ernährungsschwerpunkte für Ausdauersport

Ausdauerathleten benötigen hingegen einen deutlich höheren Kohlenhydratanteil, insbesondere rund um lange Trainingseinheiten, sowie eine besonders sorgfältige Beachtung der Elektrolyt- und Flüssigkeitszufuhr, während der Proteinbedarf zwar erhöht, aber niedriger als bei reinem Krafttraining ist.

Wo sich beide Strategien überschneiden

Unabhängig von der Sportart profitieren beide Gruppen von einer ausreichenden Mikronährstoffversorgung, einer bedarfsgerechten Fettzufuhr zur hormonellen Unterstützung und einer an das individuelle Trainingsvolumen angepassten Gesamtkalorienzufuhr. Eine chronische Unterversorgung mit Kalorien ist sowohl für Kraft- als auch für Ausdauerleistung gleichermaßen kontraproduktiv.

Orientierungswerte im Vergleich

Zielgröße

Krafttraining

Ausdauersport

Protein (g/kg Körpergewicht/Tag)

ca. 1,6–2,2

ca. 1,2–1,6

Kohlenhydrate

moderat, an Trainingsintensität angepasst

hoch, besonders vor/während langer Belastung

Fettanteil an Gesamtkalorien

moderat, hormonell relevant

moderat, ergänzende Energiequelle

Kalorienbilanz in Aufbauphasen

leicht überschüssig

bedarfsdeckend bis leicht überschüssig

Priorität bei Flüssigkeit/Elektrolyten

gering bis moderat

hoch, besonders bei Belastung > 90 Min.

Die Werte sind Orientierungsgrößen aus der sportmedizinischen Literatur und ersetzen keine individuelle Beratung, da Körpergewicht, Trainingsstand und Zielsetzung erheblichen Einfluss auf den tatsächlichen Bedarf haben.

Timing der Nahrungsaufnahme

Ernährung vor dem Training

Eine kohlenhydratbetonte Mahlzeit zwei bis drei Stunden vor dem Training füllt die Glykogenspeicher auf und stellt ausreichend Energie für die bevorstehende Belastung bereit. Zu fettreiche oder sehr ballaststoffreiche Mahlzeiten kurz vor dem Training können die Verdauung verlangsamen und die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.

Ernährung während längerer Belastung

Bei Belastungen über etwa 60 bis 90 Minuten profitieren Ausdauersportler häufig von einer kontinuierlichen Kohlenhydratzufuhr während der Belastung, um die Glykogenspeicher zu schonen und die Leistungsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Für kürzere Krafttrainingseinheiten ist dies in der Regel nicht notwendig.

Ernährung nach dem Training (anaboles Fenster – Mythos und Fakt)

Die Vorstellung eines extrem kurzen „anabolen Fensters“ von 30 bis 60 Minuten nach dem Training, innerhalb dessen zwingend Protein zugeführt werden muss, gilt nach aktuellerer Forschung als überzeichnet. Relevanter als der exakte Zeitpunkt ist die Gesamtproteinzufuhr über den Tag verteilt. Dennoch spricht nichts dagegen, zeitnah nach dem Training eine proteinreiche Mahlzeit einzunehmen, insbesondere wenn die letzte Mahlzeit bereits einige Stunden zurückliegt.

Flüssigkeitszufuhr und Elektrolythaushalt

Warum Dehydration Kraft und Ausdauer überproportional senkt

Bereits ein Flüssigkeitsverlust von etwa zwei Prozent des Körpergewichts kann die Leistungsfähigkeit messbar beeinträchtigen – bei Ausdauerleistungen häufig stärker als bei kurzen Kraftleistungen, da Dehydration die Herzfrequenz erhöht und die Thermoregulation erschwert.

Elektrolytbedarf bei langer Belastungsdauer

Bei Belastungen über etwa 90 Minuten, insbesondere bei hohen Temperaturen und starkem Schwitzen, wird der Verlust von Natrium und anderen Elektrolyten relevant. Reines Wasser ohne Elektrolytzufuhr kann in solchen Situationen zu einer Verdünnungshyponatriämie beitragen, weshalb bei langer Belastungsdauer elektrolythaltige Getränke sinnvoller sind als reines Wasser.

Was die Studienlage zu Nahrungsergänzung tatsächlich zeigt

Kreatin: Wirkmechanismus und Evidenzgrad

Kreatin gehört zu den am besten erforschten Nahrungsergänzungsmitteln überhaupt. Es erhöht die Phosphokreatinspeicher im Muskel und unterstützt dadurch die schnelle Energiebereitstellung bei kurzen, intensiven Belastungen. Die Evidenz für einen Kraft- und Muskelzuwachs bei regelmäßiger Einnahme in Kombination mit Krafttraining gilt als eine der solidesten im gesamten Bereich der Sporternährung.

Koffein: Nutzen für Kraft und Ausdauer im Vergleich

Koffein zeigt in Studien eine gut belegte leistungssteigernde Wirkung sowohl bei Kraft- als auch bei Ausdauerleistungen, unter anderem über eine reduzierte subjektive Anstrengungswahrnehmung und eine verbesserte Muskelaktivierung. Der Effekt fällt bei Ausdauerleistungen tendenziell noch etwas konsistenter aus als bei reinen Maximalkraftleistungen.

Wo Evidenz fehlt oder uneinheitlich ist

Für viele weitere am Markt beworbene Substanzen – von zahlreichen „Testosteron-Boostern“ bis zu exotischen Pflanzenextrakten – ist die Studienlage deutlich schwächer, oft basierend auf kleinen Stichproben oder Tierstudien ohne direkte Übertragbarkeit auf den Menschen. Eine gesunde Skepsis gegenüber Produkten mit vollmundigen Versprechen, aber dünner Studienbasis, ist hier angebracht.

Häufige Ernährungsfehler

Zu geringe Kalorienzufuhr bei hohem Trainingspensum

Ein häufiger Fehler bei sportlich ambitionierten Männern ist eine zu restriktive Kalorienzufuhr bei gleichzeitig hohem Trainingsvolumen. Dies führt langfristig zu reduzierter Leistungsfähigkeit, erhöhtem Verletzungsrisiko und, wie beschrieben, potenziell auch zu einem ungünstigeren Hormonprofil.

Einseitige Makronährstoffverteilung

Eine übermäßige Fokussierung auf ein einzelnes Makronährstoffziel – etwa extrem hohe Proteinmengen bei gleichzeitig sehr niedriger Fett- oder Kohlenhydratzufuhr – kann die Gesamtenergiebilanz und die Mikronährstoffversorgung negativ beeinflussen, ohne einen zusätzlichen Leistungsvorteil zu bringen.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Verbessert eine bestimmte Ernährung direkt die Erektionsfähigkeit? 

Eine herzgesunde, gefäßfreundliche Ernährung kann die zugrunde liegende Gefäßfunktion langfristig unterstützen, ersetzt jedoch keine ärztliche Abklärung bei anhaltenden Beschwerden.

Braucht man für Kraftaufbau zwingend ein Proteinshake nach dem Training?

 Nein. Entscheidend ist die Gesamtproteinzufuhr über den Tag, nicht ein einzelnes Nahrungsergänzungsmittel zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Ist Kreatin sicher für die langfristige Einnahme? 

Kreatin gilt in der aktuellen Forschung bei gesunden Erwachsenen als eines der am besten untersuchten und sichersten Nahrungsergänzungsmittel, sofern keine relevanten Nierenvorerkrankungen vorliegen.

Kann Ernährung eine medikamentöse Behandlung bei erektiler Dysfunktion ersetzen? 

Nein. Ernährung wirkt unterstützend auf die allgemeine Gefäßgesundheit, kann aber eine ärztlich verordnete Behandlung nicht ersetzen, insbesondere bei diagnostizierten Grunderkrankungen.

Kraft, Ausdauer und männliche Potenz haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam, teilen sich physiologisch jedoch zentrale Schnittstellen: Hormonhaushalt, Gefäßfunktion und eine bedarfsgerechte Nährstoffversorgung. Wer seine Ernährung nicht isoliert auf ein einzelnes Ziel, sondern auf diese gemeinsamen Grundlagen ausrichtet, schafft die Voraussetzung für Fortschritte in allen drei Bereichen gleichzeitig – wissenschaftlich fundiert, ohne auf pauschale Versprechen einzelner Nahrungsergänzungsmittel angewiesen zu sein.

AUCH INTERESSANT

Sylvester Stallone: In Form kommen bringt dich um

 

Judenfeindlichkeit
Thomas: „Antisemitismus wurde nicht importiert, er war immer da“

Ein Gastkommentar von Michael Thomas

Das Phänomen des Judenhasses wird in moderner Zeit meist verzerrt dargestellt und politisch besetzt. Hierbei folgen viele Regierungen und Organisationen der Definition „IHRA“ („International Holocaust Remembrance Alliance“), mit der Judenhass beschrieben werden soll.

Internationale Kritiker werfen dieser Definition vor, direkt und indirekt Kritik am Staat Israel als angeblich „antisemitisch“ diffamieren zu wollen. Im Gegensatz zur „IHRA“ verweist die „JDA“ („Jerusalem Declaration of Antisemitism“), deren Definition zu großen Teilen von Juden stammt, sehr viel direkter auf die tatsächlich und ausgeprägt vorhandenen Ausdrucksformen von Judenhass.

Aber hier liegt bereits der Versuch seitens der Politik vor, die jüdische Religion samt ihrer Anhänger ultimativ und unauflösbar mit dem Staat Israel zu verbinden, als Einheit mit der Wechselwirkung zu verstehen, dass Israel identisch mit „dem Judentum“ sei und umgekehrt alle Juden auf den Staat Israel verpflichtet seien.
Dass dies einerseits unmöglich und andererseits völlig unzulässig ist, erkennen wir im Folgenden.

Historische Mythen und das Muster der Verfolgung

Denn wer sich mit der jüdischen Geschichte und speziell mit deren Verlauf in Europa befasst, kommt um die Feststellung nicht herum, dass es seit nun mindestens tausend Jahren immer wieder, manchmal nur im Abstand weniger Generationen, zu blutigen Verfolgungs- und Vernichtungsjagden gegen Juden kam. Eine vielsagende Zeittafel ist hier verlinkt (1.).

Ohne auf jede einzelne Verfolgung einzugehen, sind doch immer wiederkehrende Muster als Motiv dafür erkennbar; im Wesentlichen findet sich der Kernpunkt der Vorwürfe gegen Juden in der Exegese der Katholischen Kirche, nach welcher Juden den Erlöser Jesus Christus gekreuzigt, also umgebracht haben. Desweiteren legte man ihnen Brunnenvergiftung und die Tötung von Christenkindern zur Last, da sie deren Blut angeblich für dunkle Rituale benötigen würden.

Dieses Vorwurfsmuster muss klar verstanden und analysiert werden, da es ausschließlich nur mit mythischen und magischen Bildern in der Spiritualität arbeitet, für die die Anklagenden selbstverständlich nie Beweise beibringen konnten, sondern sich lediglich auf den Bildungsmangel, die tiefe Religiosität und die Angst vor Magie des Volkes verließen – und verlassen konnten.

Während der Jahre, manchmal Generationen zwischen den Verfolgungen relativierten sich die Vorwürfe und es fand ein mehr oder weniger unauffälliges Leben zwischen Juden und Nichtjuden statt. Was jedoch jeweils übrig und Teil der Überzeugung der Menschen blieb, war die Idee, dass Juden „irgendwie anders“ sind.

Die Geschichte zeigt es klar und deutlich: es war gerade der Adel, Fürsten und Könige, die dieses generelle Verdachtsmoment benutzten. Schrittweise erlegte man Juden spezielle Kleidungs- und Verhaltensvorschriften auf, damit sie sofort als „anders“ erkennbar waren.

Diverse Berufe wurden ihnen verboten, weshalb sie sich unter anderem auf Geldgeschäfte zu reduzieren hatten, was wiederum später zu einem weiteren, neuen Teil des Vorwurfsmusters wurde, Juden seien angeblich „gierige Wucherer“. Quer durch die Jahrhunderte ist zu beobachten, dass sich gerade der Adel des Aberglaubens der Bevölkerung gezielt bediente, um sich am Eigentum der jüdischen Gemeinschaften zu bereichern.

Die Treppe des Hasses: Von Mittelalter bis Holocaust

Die Kreuzzüge im 11. Jahrhundert beispielsweise griffen diese Mythen und Legenden, die Nichtjuden um sie gerankt hatten, für ihre Zwecke auf. Sowohl im Vorfeld, als auch während dieser Kriege in und um Jerusalem fanden diverse Judenverfolgungen statt. Kernpunkt des Hasses war hier vor allem das Bild des „Mörders des Erlösers“. (2.)

Hier muss völlig klar gesehen werden, dass all diese Idee über die vorgebliche Verwerflichkeit, Grausamkeit und Verschlagenheit von Juden grundsätzlich völlig substanzlose Vorwürfe darstellten und gleichzeitig das Wissen um den kulturell enorm wichtigen Beitrag der jüdischen Gesellschaft in ihrer jeweiligen Heimat unterdrückt und vergessen gemacht wurden.

Denn tatsächlich hat die jüdische Scholastik im Verlauf von Jahrhunderten zahllose geistes- und naturwissenschaftliche Errungenschaften erarbeitet und mit ihrer Heimat geteilt. Mit Heinrich Heine, Albert Einstein und Lise Meitner sind nur wenige von vielen genannt, die nicht nur für Deutschland, sondern für die Menschheit Zeichen gesetzt haben.

Und trotzdem ermöglichte es sowohl der bereits genannte Bildungsmangel, als auch eine große Arglosigkeit, Obrigkeitshörigkeit und die Dominanz der Kirche, die Menschen immer wieder aufs Neue soweit aufzustacheln, dass ganze, jüdische Gemeinden samt ihrer Menschen in Flammen aufgingen. Um die Tragweite zu verdeutlichen, muss noch einmal klar gesagt werden, dass es nicht ausschließlich nur den berühmten Holocaust im 20. Jahrhundert, sondern Dutzende zuvor in ganz Europa gegeben hat. 

Die Verdachtsmomente, der Vorwurfssammlungen, die gegen Juden erhoben wurden, vergrößerten, vertieften und verbreiterten sich dabei jedesmal um immer weitere Beiträge. Es hieß bald, sie seien unrein, bösartig, verschlagen, gierig, gemein und ausschließlich nur auf den Verderb allen nichtjüdischen Lebens bedacht. Dabei weiß die gesamte Geschichte nicht um einen einzigen Fall, in welchem Juden sich mit Gewalt gegen ihre Verfolgung zur Wehr gesetzt hätten.

Einen traurigen Gipfel stellte wohl die Verfolgung von Nürnberg im Jahre 1349 dar. Da jüdische Familien im Stadtzentrum, das großzügig saniert werden sollte, einige Häuser und Liegenschaften besaßen, trieb man sie kurzerhand zusammen, prügelte sie zur Stadt hinaus und schlachtete sie dort ab, um an ihre Eigentümer zu gelangen. (3.)

Wer sich im Wissen um die Geschichte vergegenwärtigt, dass tatsächlich von einer „Treppe“ gesprochen werden kann, da sich die Verdachtsmomente und Vorwürfe von Mal zu Mal erhöhten und vermehrten, muss erkennen, dass auch der Holocaust des Dritten Reiches letztlich nur einen Teil dieser Treppe darstellt.

Nicht nur Deutschland, sondern auch alle von ihm unterworfenen Länder ließen ihrem jeweils eigenen Judenhass unter deutscher Herrschaft freie Hand. Die Nazis konnten sich auf Zehntausende von Kollaborateuren verlassen, die nur zu gern Juden in ihrer Heimat enttarnten und zur nächstbesten Vernichtung oder SS-Kommandantur schleppten. Insgesamt zeigte sich überdeutlich, dass Antisemitismus in ganz Europa breit vertreten – und tatsächlich keine deutsche Erfindung war.

Antisemitismus als deutsches Kontinuum

An dieser Stelle benenne ich mich selbst als Zeitzeuge. Knapp sechzehn Jahre nach der Kapitulation geboren, wuchs ich als Kind in einem provinziellen Ort auf, in welchem noch lange hinter vorgehaltener Hand Ressentiments gegen Juden gepflegt und kommuniziert wurden. Da steckte man auf dem Marktplatz noch die Köpfe zusammen, zeigte verstohlen auf jemanden, der vorüberlief und flüsterte abfällig, geradezu empört: „Das ist ein Jude.“. Das habe ich selbst erlebt.

Die Alten lehren nicht nur die Jungen, sie vergiften sie auch. Antisemitische Vorstellungen haben sich im Nachkriegsdeutschland, den Erfahrungen aus der Geschichte folgend, breitflächig gehalten. Wenn Juden auch nur höchst selten offener Hass entgegenschlug, wurden sie noch immer als „etwas anderes“ wahrgenommen – wenn auch nun meist hinter verschlossenen Türen und vorgehaltener Hand.

Somit erkläre ich als Zeitzeuge die Erzählung vom angeblich „importierten Antisemitismus“ zur Lüge. Er wurde nicht importiert, er war immer da.

Das nächste Problem des Antisemitismus, so wie wir ihn heute nach den Erklärungen der Politik definieren sollen, liegt einerseits im Staat Israel, als auch in den Juden selbst. Denn Israel, dessen Bevölkerung zu 25 Prozent gar nicht aus Juden besteht und das somit tatsächlich kein „jüdischer Staat“ ist, verfügt auch nicht über eine Verfassung, die das Land ausschließlich nur jüdischem Glaubensinhalt unterwirft.

Im Wesentlichen ist Israel somit im Grunde ein nahezu säkularer Staat, der in die international verbindliche UN-Charta und somit in alle Völker- und Menschenrechte eingebunden ist. Diese sehen allerdings keine religiöse oder ethnische Differenzierung vor. Das Behauptungsmuster, Israel als „jüdischer Staat“ sei ausschließlich nur als Versammlung von Opfern des Holocaust zu betrachten und zu behandeln, greift nicht nur viel zu kurz, sondern ist vollständig obsolet.

Das moderne Israel muss also staatspolitisch von der Verfolgung im Dritten Reich abgetrennt betrachtet und behandelt werden; es kann aus dieser Geschichte weder Sonderrechte, noch anderweitige, besondere Behandlung einfordern.

Die Verwechslung von Staat und Religion

Hier kommt die „deutsche Staatsräson“ ins Spiel. Was hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer Rede in der Knesset im Jahr 2008 tatsächlich gesagt?

„Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar.“

Sie hat dabei die Existenz Israels als modernem Staat vollständig mit der Judenverfolgung verbunden und schwört dem Staat Israel, der ja weit mehr und etwas anderes ist als „nur“ eine Ansammlung von Verfolgungsopfern, ewige Treue geschworen. Sie hat diesen Schutz nicht etwa auf (überlebende) Juden konzentriert, sondern den deutschen Schutz auf Israel gerichtet.

Damit definierte sie Israel nicht als modernen Staat, sondern gegen jede Realität ausschließlich nur als Wohnstatt von Verfolgungsopfern, die gewissermaßen „neben“ allen internationalen Gesetzen existiert und besondere Rechte in Anspruch nehmen kann.

Alles, was dieser verrenkten Sichtweise zuwiderläuft, wurde von nun an als „antisemitisch“ gebrandmarkt; Kritik am modernen Staat existiert danach nicht, sondern richtet sich grundsätzlich immer nur gegen Juden, beziehungsweise gegen die jüdische Religion.

Im Einklang mit der unverbrüchlichen wie kritiklosen Solidarität durch die USA konnte somit ein extremistisch zionistisches Gebilde in Israel weiter heranwachsen, was durchaus rassistische und imperialistische Vorstellungen hegt.

Die gedankliche Gegenprüfung zeigt, was ich meine: wenn Israel als Staat gleichzusetzen wäre mit dem jüdischen Glauben, so würde daraus zwangsläufig zu folgern sein, dass die extrem grausamen Hinrichtungen und Folterungen, die Israel unternimmt, Teil und Forderung der jüdischen Religion wären. Dass dem natürlich nicht so ist, muss nicht ausführlich belegt werden.

Das Merkelsche Definitions- und Denkmuster hat allerdings in Deutschland weiten Raum gegriffen und wirkt. Es wirkt bis hinein in brutale Übergriffe der Polizei, die israelkritische Demonstrationen als angeblich „antisemitisch“ zusammenprügeln.
Es wirkt allerdings auch bis in die Überzeugungsmuster derer hinein, die diese Definition glauben und unterstellen, dass die Grausamkeiten Israels breitflächig den Juden zu unterstellen seien.

Die Darstellung dessen, was heute der Spitzenpolitik zufolge angeblich Antisemitismus sein soll, zerschellt gerade vor der dramatisch anwachsenden Opposition innerhalb der jüdischen Gemeinschaften selbst, die sich gegen das richtet, was Israel im Namen des jüdischen Glaubens anrichtet. Das setzt gerade die mit Israel „befreundeten“ Nationen deutlich unter Druck.

Während es in Deutschland derzeit noch gelingt, diese Stimmen irrationalerweise ebenfalls als „antisemitisch“ zu brandmarken, wobei ausgerechnet sogenannte „Antisemitismusbeauftragte“ aktiv Schützenhilfe leisten, führt dies in den USA zu einem sich deutlich vertiefenden Riss und lautstarker, wirksamer Kritik am offiziellen Regierungskurs.

Differenzierung statt neuer Stigmatisierung

Entgegen des transportierten Narrativs, das Juden insgesamt als vorgeblich homogene, gleichgeschaltete und gleich empfindende Masse darstellt, ist diese jedoch deutlich differenziert und unterschiedlich.

Dies gilt sowohl für die praktische Ausgestaltung religiösen Lebens, als auch für generelle, spirituelle Auslegung.
Tatsächlich gibt es sowohl orthodoxe, ultraorthodoxe, konservative und liberale Gemeinschaften, die jeweils ihre ganz eigenen Standpunkte zur Existenz Israels allgemein, zur Rekonstruktion des Tempels in Jerusalem und zu Vorstellungen des Zionismus hegen. (3.)

Am besten ist dies in der Diskussion innerhalb des Judentums gerade in der „Tempelfrage“ erkennbar; hier reicht das Spektrum der Auffassungen von der ultimativen Forderung nach einem Neubau bis hin zum strikten Verbot, das Gelände überhaupt betreten zu dürfen. (4.)

Der Vorteil deutscher Regierungspropaganda liegt offensichtlich darin, dass Deutsche nur wenig internationale Medien frequentieren, die seit vielen Jahren bereits ein differenziertes und kritisches Bild liefern. Die extrem einseitig, manipulativ und verfälschende Berichterstattung durch deutsche Medien im Sinne Israels wird allgemein seit langer Zeit beklagt.

Zurückkommend auf den Sinn dieses Artikels bleibt nüchtern festzuhalten, dass sich gerade in Deutschland heute ein neu entstehender, in guten Teilen durch Israel und deutsche Politiker selbst provozierter Judenhass mit dem altbekannt mächtigen vereinigt, der kulturell seit Jahrhunderten verfestigt und immer weiter gesteigert worden ist. Selbst die verzerrende Glorifizierung jüdischen Lebens wirkt am Ende antisemitisch.

Vor Jahren sah ich einen Reisebericht über die Ostsee. Darin wies der Moderator auf einen Souveniershop an der Küste und betonte völlig unnötigerweise, dass der Inhaber Jude sei. Ob der „Davistern“, den wir heute Juden in Deutschland an die Kleidung heften, nur imaginär und pinkfarben ist, spielt keine Rolle – weil er Juden wieder einmal als etwas „Besonderes“ stigmatisiert und ihnen wieder einmal keine Chance dazu gibt, als Isaak neben einem Manfred oder Karl ungesehen als normaler Mitbürger in der Menge untergehen zu dürfen.

Auch das betrachte ich persönlich als antisemitisch.

1. https://de.wikipedia.org/wiki/Pogrom
2. https://de.wikipedia.org/wiki/Judenverfolgungen_zur_Zeit_des_Ersten_Kreuzzugs
3. https://juedisches.bayern.de/leichte-sprache/juedisches-leben-staerken/juedische-gemeinden-in-bayern/nuernberg
4. https://www.gra.ch/bildung/glossar/reformjudentum/
5. https://schlossdebatte.de/die-judische-rekonstruktionsdebatte-um-den-3-tempel/


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


AUCH INTERESSANT

Luxemburgischer Außenminister: Israelkritik ist kein Antisemitismus

VNL 2026
Finalsieg: Erdogan gratuliert Volleyballerinnen

Ankara – Mit emotionalen Worten und einem persönlichen Telefonat hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan der Frauen-Volleyballnationalmannschaft zu ihrem gestrigen Turniersieg gratuliert. Die „Sultane des Netzes“ hatten sich am Sonntag im chinesischen Macau durch ein 3:1 gegen Brasilien die goldene Krone der Nations League aufgesetzt.

Herzliche Worte via Social Media und Telefon

In einer offiziellen Botschaft auf seinen Social-Media-Kanälen drückte Erdogan seinen Stolz über den geschichtsträchtigen Erfolg aus:

„Ich gratuliere unserer Frauen-Volleyball-Nationalmannschaft, den ‚Sultanen des Netzes‘, die uns mit dem Gewinn der Volleyball Nations League alle zutiefst stolz gemacht haben. Ich danke dem gesamten Team im Namen meiner Nation für diesen großartigen Erfolg.“

Kurz nach dem Spiel griff der Präsident zudem zum Hörer. In einem Telefonat mit dem Verbandspräsidenten Mehmet Akif Üstündağ sowie dem Cheftrainer Daniele Santarelli übermittelte er der gesamten Kabine in China direkt seine Glückwünsche.

Krimi in Macau: Die „Sultane des Netzes“ drehen auf

Das Finale in Macau bot den Fans Weltklasse-Volleyball auf absolutem Top-Niveau. Nachdem die Türkinnen den ersten Satz knapp abgeben mussten, bewies die Mannschaft um Ausnahmespielerin Melissa Vargas immense Nervenstärke.

Sie drehten die Partie in einem packenden Schlagabtausch und sicherten sich mit 3:1 Sätzen (23-25, 25-23, 26-24, 25-21) hochverdient die Goldmedaille.Für die türkische Auswahl ist es bereits der zweite VNL-Titel nach ihrem Premierensieg im Jahr 2023. Das Team untermauert damit endgültig seine Vormachtstellung im globalen Frauenvolleyball.

(Foto: TVF)

Die Erfolgsgeschichte der türkischen Volleyballerinnen

Der erneute Triumph in der Nations League ist kein Zufall, sondern reiht sich ein in eine beispiellose Ära des Erfolgs. Die türkische Frauen-Nationalmannschaft gehört seit Jahren zur absoluten Weltspitze im Volleyball.

Zu ihren größten internationalen Meilensteinen zählen unter anderem:

  • Volleyball Nations League (VNL): Zweifache Championessen (2023 und 2026).
  • Europameisterschaft (CEV): Historischer Gold-Gewinn im Jahr 2023 nach einem dramatischen Finale gegen Serbien.
  • Weltmeisterschaft (FIVB): Silbermedaille im Jahr 2025, bei der sich das Team erst im Finale Italien geschlagen geben musste.

.Die Basis für diese Dominanz liegt vor allem in der heimischen Liga (Sultanlar Ligi). Türkische Spitzenklubs wie VakıfBank SK, Eczacıbaşı und Fenerbahçe dominieren regelmäßig die europäischen Klubwettbewerbe und bringen Weltklassespielerinnen hervor. Mit dem aktuellen VNL-Sieg im Rücken blicken die „Sultane des Netzes“ nun hochmotiviert auf die kommenden internationalen Turniere.

 


AUCH INTERESSANT

U20-Volleyball-EM: Türkinnen werden Europameister

Gaza-Konflikt
Holocaust-Forscher Bartov nennt Gaza „Zukunft des Völkermords“

0

New York – Der renommierte israelisch-amerikanische Historiker und Experte für Genozidstudien, Omer Bartov, hat in einem viel beachteten Exklusiv-Interview mit dem US-Nachrichtenmagazin „Democracy Now!“ eine tiefgreifende und alarmierende Prognose über die langfristigen völkerrechtlichen Folgen des Gaza-Konflikts abgegeben.

Basierend auf seinem aktuellen Essay für die „New York Times“ warnt der Professor der Brown University vor dem Anbruch einer erschreckenden neuen Ära in der globalen Geopolitik. Nach Auffassung des Wissenschaftlers liefere das aktuelle Vorgehen im Gazastreifen ein präzedenzloses Modell für die „Zukunft des Völkermords“.

In diesem neuen Szenario würden die Verantwortlichen für schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht nur vollständige Straffreiheit genießen, sondern am Ende sogar wirtschaftlich und politisch von der Zerstörung profitieren.

Applaus für New Yorker Bürgermeister und Kritik an US-Impunität

Eingeleitet wurde das Gespräch durch eine Reaktion Bartovs auf eine Initiative des New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani. Dieser hatte in einem viralen Video, das auf der Plattform X innerhalb kürzester Zeit über 80 Millionen Aufrufe verzeichnete, die US-Bundesbehörden dazu aufgefordert, den Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC) gegen den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu bei dessen geplanter Ankunft zur UN-Generalversammlung im September zu vollstrecken.

Bartov lobte die Haltung des Bürgermeisters ausdrücklich als den einzig richtigen Schritt. Er betonte, dass gegen Netanjahu und dessen ehemaligen Verteidigungsminister Yoav Gallant rechtmäßige internationale Haftbefehle wegen Kriegsverbrechen vorliegen würden.

Gleichzeitig kritisierte der Forscher jedoch, dass die US-Regierung aktiv versuche, den ICC zu untergraben, weshalb eine tatsächliche Festnahme durch die amerikanische Administration nicht zu erwarten sei.

Gaza als zynisches Geschäftsmodell für die Zukunft

Im Kern seiner Analyse skizzierte Bartov ein düsteres Zukunftsszenario für den Gazastreifen, welches als Blaupause für künftige globale Konflikte dienen könnte. Er warnt davor, dass Völkermord von manchen Nationen künftig als legitime und lukrative Erweiterung der Politik mit anderen Mitteln betrachtet werden könnte.

Nach den vorliegenden Plänen und Absichten politischer Akteure drohe eine Zukunft, in der westliche Staaten, arabische Unterstützer und internationale Immobilieninvestoren vom Wiederaufbau einer vermeintlich „idealen Stadt“ in Gaza wirtschaftlich profitieren würden.

Die überlebenden palästinensischen Opfer des Konflikts liefen dabei Gefahr, dauerhaft marginalisiert und als billige Arbeitskräfte instrumentalisiert zu werden, um den Wohlstand der künftigen, wohlhabenden Bewohner zu sichern. Diese Form der wirtschaftlichen Verwertung von Zerstörungsräumen stelle eine völlig neue Qualität völkerrechtlicher Erosion dar.

Taktik des Vergessens und Hoffen auf US-Wahlwende

Auf die Frage der Journalistin Nermeen Shaikhs, warum der wachsende gesellschaftliche Widerstand in den USA bislang kaum Konsequenzen zeige, zeichnete Bartov ein differenziertes Bild.

Der Historiker betonte, dass sich die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten sowohl im linken als auch im rechten politischen Lager bereits spürbar verschiebe. Eine tatsächliche Kehrtwende in der Außenpolitik Washingtons sei jedoch frühestens nach den nächsten US-Präsidentschaftswahlen durch eine neue Administration denkbar.

Bis dahin ortet Bartov eine gezielte Strategie der Verantwortlichen, die Gräueltaten medial zu überspielen. Der Forscher warnte im Interview wortwörtlich:

„Worauf wir jetzt blicken, ist der Versuch, dies zu finalisieren, um die Menschen vergessen zu lassen, was in Gaza geschehen ist, und sie glauben zu machen, dass eine glänzende Zukunft vor uns liegt und wir nicht über die Schrecken nachdenken müssen, die dort geschehen sind und weiterhin geschehen.“

Diese bewusste Ablenkung durch das Versprechen eines wirtschaftlichen Aufschwungs diene laut Bartov dazu, die moralische Verantwortung dauerhaft zu begraben.

Historische Parallelen und das Versagen des Westens

Der Historiker zog zudem eine klare geschichtliche Parallele zu den Genoziden des 20. Jahrhunderts. Er erläuterte, dass Völkermorde historisch entweder durch das Erreichen der Täterziele enden oder durch ein militärisches Eingreifen von außen gestoppt werden.

Als Beispiel für die Straffreiheit der Täter vor 1945 nannte er den deutschen Völkermord an den Herero im heutigen Namibia im Jahr 1904. Dass die heutige israelische Führung agieren könne, ohne Rechenschaft befürchten zu müssen, liege primär am moralischen und rechtlichen Versagen der westlichen Verbündeten.

Die USA sowie zahlreiche europäische Staaten würden Israel nicht nur diplomatische und militärische Immunität gewähren, sondern das Vorgehen durch kontinuierliche Unterstützung absichern. Dadurch werde das internationale Rechtssystem dauerhaft beschädigt, da universelle Menschenrechte und die Genozidkonvention so entweder für alle gelten oder am Ende für niemanden mehr Gültigkeit besäßen.

 


AUCH INTERESSANT

Gaza: Neues Portal archiviert Horroraufnahmen des Krieges

Gesundheit
Ärztechef fordert Ende der freien Facharztwahl

Berlin – Kassenärztechef Andreas Gassen hat mehr Tempo bei der im Koalitionsvertrag vereinbarten Patientensteuerung angemahnt. „Dass die kostbaren ärztlichen und pflegerischen Ressourcen effizienter genutzt werden müssen, wissen wirklich alle Beteiligten seit sehr langer Zeit.

Eine verbindliche Steuerung der Patienten könnte endlich Abhilfe leisten. Aber da sind bisher leider keine durchdachten und mutigen Entscheidungen in Sicht“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) im Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (noz)

Gesundheitsministerin Nina Warken wollte ursprünglich vor der Sommerpause einen Gesetzentwurf für eine Primärversorgung vorlegen. Ein neuer Termin ist nicht bekannt. In Warkens bisherigen Plänen „fehlt jegliche Verbindlichkeit für Patienten“, kritisierte Gassen.

„Aber es muss einfach Schluss sein damit, dass sich Leute mit Kniebeschwerden drei Kernspintomographien pro Halbjahr besorgen können. Alles für jeden zu jeder Zeit, beliebig oft und umsonst geht nicht.“ Seine Diagnose: „Etliche Patienten reisen ohne medizinischen Kompass durchs System, verursachen dabei vermeidbare Kosten und binden Ressourcen ohne letztlich davon zu profitieren.“

Der KBV-Chef plädierte für eine zweigleisige Steuerung über Hausärzte „oder eine telefonische oder digitale Ersteinschätzung zum Beispiel per App“. Werde die Notwendigkeit eines raschen Facharztbesuchs festgestellt, erhalte der Patient einen kurzfristigen Terminvorschlag je nach Verfügbarkeit bei einem Mediziner der Facharztgruppe.

„Eine Termingarantie kann es allenfalls für eine Facharztgruppe geben, nicht für die gerade angesagte Praxis am Kudamm oder auf der Kö. Für Praxen kann das auch eine Chance sein, durch Verfügbarkeit zu punkten“, erläuterte Gassen.

Facharztbesuche ohne Termine müsse man auch in Zukunft nicht verbieten. „Das ließe sich übers Portemonnaie regeln. Die Kassen könnten verschiedene Tarife anbieten: Wer auf die freie Facharztwahl besteht, müsste vielleicht 20 Prozent mehr zahlen, oder eine Gebühr für jeden Facharztbesuch ohne Überweisung“.

Er sei sich sicher, so Gassen, „dass die allermeisten Patienten mit so einer Steuerung einverstanden wären, wenn sie dadurch rascher an einen Termin kommen, ohne zuzahlen zu müssen“.

AUCH INTERESSANT

Änderungsanträge zum Apothekengesetz: Milliardenschwere Einsparpotentiale bleiben auf der Strecke

Finale gegen Brasilien
China: Türkische Volleyballerinnen stehen im Finale

Macao – Die türkische Frauen-Nationalmannschaft hat bei den Finals der Volleyball Nations League (VNL) im chinesischen Macao einen historischen Triumph gefeiert und das Endspiel erreicht.

Im Halbfinale deklassierten die „Sultaninnen des Netzes“ am Samstag den Gastgeber China überraschend deutlich mit 3:0 (25:21, 25:15, 25:20).

Vor rund 5.000 Zuschauern im ausverkauften East Asian Games Dome lieferte das Team von Nationaltrainer Daniele Santarelli eine taktische Meisterleistung ab und ließ der Auswahl der Volksrepublik über die gesamte Spielzeit hinweg nicht den Hauch einer Chance.

Mit diesem glatten Drei-Satz-Sieg revanchierte sich die türkische Auswahl eindrucksvoll für vergangene Niederlagen und greift nun nach der begehrten Goldmedaille des prestigeträchtigen Turniers.

Souveräner Durchmarsch in drei Sätzen

Das Match begann in der Arena zunächst ausgeglichen, da beide Teams in den ersten Ballwechseln ein hohes Risiko im Aufschlag suchten und bis zum Stand von 7:7 gleichauf lagen. Die türkische Mannschaft fand jedoch über eine stark agierende Sinead Jack Kısal am Netz als erste Formation ihren Rhythmus und erspielte sich eine komfortable Führung.

Angeführt von den präzisen Zuspielen von Elif Şahin und den erfolgreichen Angriffen von İlkin Aydın bauten die Türkinnen den Vorsprung kontinuierlich aus und sicherten sich den ersten Satz mit 25:21. Im zweiten Durchgang erhöhte die Santarelli-Auswahl den Druck im Blockspiel drastisch.

Über die Star-Angreiferin Melissa Vargas und Mittelblockerin Zehra Güneş wurden die Angriffsversuche der Chinesinnen im Keim erstickt, was zu einem deutlichen Satzgewinn von 25:15 führte.

Auch im dritten Satz ließen die Türkinnen trotz heftiger Gegenwehr der asiatischen Abwehrreihen nichts mehr anbrennen und machten mit 25:20 den Finaleinzug perfekt.

Stimmen zum Spiel und der Revanche-Kracher im Finale

In den anschließenden Presseinterviews zeigten sich die Beteiligten hochzufrieden, blieben mit Blick auf die nächste Aufgabe jedoch fokussiert. Nationaltrainer Santarelli lobte das hervorragende Spielmanagement seiner Spielerinnen und betonte, wie diszipliniert die taktischen Vorgaben gegen den Weltranglistennachbarn umgesetzt worden seien. Teamkapitän und Libero Gizem Örge hob hervor, dass die Mannschaft auf dem Feld zu jeder Sekunde genau gewusst habe, was zu tun sei, warnte jedoch zeitgleich vor verfrühten Feiern.

Im heutigen großen Finale (Sonntag, 26. Juli 2026) wartet um 13.30 Uhr der absolute Revanche-Kracher gegen die Nationalmannschaft aus Brasilien. Die Südamerikanerinnen hatten sich zuvor in einem dramatischen Fünf-Satz-Krimi gegen Italien mit 3:2 durchgesetzt.

Fortsetzung einer beispiellosen Erfolgsgeschichte

Für den türkischen Volleyballverband bedeutet dieser Finaleinzug die Fortsetzung einer beispiellosen Erfolgsgeschichte auf der globalen Sportbühne.

Es ist bereits das vierteMal, dass die Frauen-Nationalmannschaft das Endspiel der Nations League erreicht. Nach dem historischen ersten Titelgewinn im Jahr 2023 und dem anschließenden Gewinn der Europameisterschaft hat das Team nun die große Gelegenheit, die VNL-Trophäe zum insgesamt zweiten Mal in die Türkei zu holen.

Melissa Vargas betonte nach dem Halbfinalsieg, dass das Endspiel gegen die defensivstarken Brasilianerinnen ein intensiver Kampf um jeden einzelnen Punkt werden dürfte, die Mannschaft jedoch physisch und mental in absoluter Topform antreten werde.

 

 


ZUM THEMA

Volleyball-WM der Frauen: Türkei erneut Weltmeister

 

Siedlergewalt
Israel: Linke Aktivisten demonstrieren gegen Siedlergewalt

0

Tel Aviv – In der israelischen Metropole Tel Aviv sind hunderte linke israelische Aktivisten auf die Straße gegangen, um ein unübersehbares Zeichen gegen die eskalierende Gewalt radikaler Siedler im besetzten Westjordanland zu setzen

Die Kundgebung, die am Samstagabend auf der zentralen Kaplan-Straße stattfand, wurde maßgeblich von der linken Hadash-Partei sowie der Aktivistengruppe „Mothers Against Violence“ organisiert. Die Demonstranten protestierten unter dem Motto „Wir wählen Hoffnung über Furcht“ scharf gegen die militärische Besatzungspolitik und den von Kritikern sogenannten jüdischen Terrorismus in den palästinensischen Gebieten.

Im Verlauf der Kundgebung schritt die israelische Polizei ein und nahm insgesamt neun jüdisch-israelische Demonstranten fest. Die Behörden begründeten die Verhaftungen laut israelischen Medienberichten damit, dass die Versammlung ohne vorherige Genehmigung stattgefunden und die öffentliche Ordnung gestört habe

Direkte Reaktion auf tödliche Eskalation im Dorf Tal

Die Massenproteste in Tel Aviv bildeten die unmittelbare Reaktion auf eine dramatische Zuspitzung der Lage im Westjordanland am Vortag.

In dem palästinensischen Dorf Tal nahe Nablus war es am Freitag zu schweren Konfrontationen gekommen, nachdem rund dreißig bewaffnete jüdische Siedler aus der benachbarten, illegalen Außenstelle Havat Gilad in den Ort eingedrungen waren und versucht hatten, in Wohnhäuser einzubrechen.

Laut Augenzeugenberichten setzten die Anwohner sich zur Wehr, woraufhin die Siedler das Feuer eröffneten. Im Zuge der anschließenden Schießereien und des darauffolgenden Einschreitens der israelischen Armee (IDF) wurden vier Palästinenser und zwei Israelis getötet.

Menschenrechtsaktivisten machten darauf aufmerksam, dass militante Siedler bereits eine Woche zuvor ein Wohnhaus in Tal vorsätzlich in Brand gesteckt hätten, während sich die Familie noch im Gebäude befand.

Militärische Kollektivstrafen und Massenverhaftungen

Als direkte Vergeltungsmaßnahme für die tödlichen Vorfälle in Tal ordnete die Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu eine großangelegte Militäroperation im gesamten Westjordanland an.

Die IDF verhängte eine Blockade über die Region Nablus und führte Razzien in rund 70 palästinensischen Häusern durch. Nach Angaben der Palästinensischen Gefangenengesellschaft wurden dabei innerhalb weniger Stunden mindestens 75 Palästinenser festgenommen, was von Beobachtern als rechtswidrige Kollektivstrafe eingestuft wird.

Politische Analysten wie Ori Goldberg betonten, dass die im Netz zirkulierenden Videos der Angriffe auf das Dorf Tal ein Wegsehen der israelischen Öffentlichkeit unmöglich machen würden. Diese sichtbaren Auswüchse militanter Gewalt könnten die verbleibenden Kräfte des liberalen Zionismus im Kernland reaktivieren.

Die dokumentierte Struktur der Siedler-Offensive

Die aktuelle Gewalteskalation in den Palästinensergebieten deckt sich mit jüngsten investigativen Recherchen des europäischen Kultursenders ARTE.

Die Berichterstattung belegt eine drastische Zunahme koordinierter Angriffe militanter Siedlergruppen, die systematisch landwirtschaftliche Infrastrukturen sabotieren, Olivenhaine anzünden und medizinische Dorfkliniken attackieren.

Die Brisanz dieser Entwicklung wird durch interne Dokumente der israelischen Armeeführung gestützt, welche die eigene Regierung bereits mehrfach schriftlich vor diesen „nationalistischen Straftaten“ warnte, da sie einen unkontrollierbaren Flächenbrand in der Region auslösen könnten.

Diese Dynamik wird auf politischer Ebene gezielt flankiert: Die israelische Regierung treibt kurz vor den Wahlen im Oktober die rückwirkende Legalisierung von 37 illegalen Außenposten wie Esh Kodesh voran, um vollendete territoriale Tatsachen zu schaffen und eine Zweistaatenlösung dauerhaft unmöglich zu machen, obwohl die UN-Sicherheitsratsresolution 446 und der Internationale Gerichtshof (IGH) diese Siedlungsaktivitäten als völkerrechtswidrig einstufen.

 

 


AUCH INTERESSANT

ARTE-Doku: Drastische Zunahme der Siedlergewalt an Palästinensern