Zunehmende Zweifel an „Unteilbarkeit“
Umfrage: Mehrheit der Israelis betrachtet Jerusalem als „geteilte Stadt“
Jerusalem (nex) – Eine Mehrheit der Israelis geht von einer faktischen Teilung der Stadt Jerusalem in einen jüdischen Westen und einen palästinensischen Osten aus. Dies besagen die Ergebnisse einer Umfrage, die ein israelischer Think-Tank Anfang der Woche veröffentlicht hat. Dem Israel Democracy Institute zufolge haben fast zwei Drittel der befragten jüdischen Israelis der Aussage zugestimmt, das Konzept eines „vereinten Jerusalems“ sei gescheitert. Im Jahre 1999 hatten nur 44 Prozent dieser Aussage zugestimmt. Unter den arabischen Einwohnern Jerusalems stimmten 47 Prozent der These zu, Jerusalem sei eine geteilte Stadt.
In den Monaten zuvor hatte der israelische Oppositionsführer Isaac Herzog mehrfach gefordert, Palästinenser und Israelis „physisch und politisch“ voneinander zu trennen. In der „New York Times“ schrieb Herzog am Freitag, dieser Schritt sei erforderlich, da unter den gegebenen Umständen eine Zwei-Staaten-Lösung nicht möglich sei. Im Jahr 1980 hatte Israel seine Doktrin von Jerusalem als „unteilbarer und vereinter Hauptstadt“ verkündet, obwohl eine Mehrheit innerhalb der internationalen Gemeinschaft diesen Schritt nicht anerkannte, sondern Ostjerusalem als „besetztes Gebiet“ betrachtete. Eine Abkehr von dieser Position könnte jedoch als pragmatischer Schritt betrachtet werden, um eine spätere Friedenslösung im Palästinakonflikt zu erleichtern.
Integration durch Sport
DOSB: Wie der Sport Flüchtlingen eine neue Heimat schafft
Frankfurt/Main (ots) – Es ist das Thema dieser Wochen, Monate und wohl auch der kommenden Generationen: Menschen, die nach Deutschland flüchten und Zugang zur Gesellschaft suchen – Migration und Integration. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) möchte mit einer Sonderausgabe von „Sportdeutschland – Das Magazin“ beispielhaft zeigen, welche Rolle der Sport beim Aufeinandertreffen unterschiedlicher Menschen und Kulturen einnehmen kann. Die Grundsatzfrage lautet: Können andere Gesellschaftsbereiche vom Sport lernen?
Das Magazin wird in diesen Tagen verschickt und steht von heute an auch online. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat diese Sonderausgabe ermöglicht. Das BAMF stellt zusammen mit dem Bundesministerium des Innern auch die finanziellen Mittel für das Programm „Integration durch Sport“ (IdS) bereit, das der DOSB (und seine Vorgängerorganisation) seit mehr als 25 Jahren koordiniert und steuert.
Die Magazingeschichten vermitteln ein vielschichtiges Bild davon, wie sich Menschen über und durch den Sport begegnen und wie daraus im besten Fall nachhaltige Beziehungen werden. Den Mittelpunkt bilden drei Reportagen: aus einer Erstaufnahmeeinrichtung bei Potsdam, in der Flüchtlinge durch eine lokale Sportinitiative ihren Lebenskreis erweitern; aus einem Badmintonverein nahe Tübingen, der Shabal Ahmed aus Pakistan die Tür nach Deutschland geöffnet hat; und aus dem niedersächsischen Georgsmarienhütte, in dem ein Fußballtrainer Anfang der 90er-Jahre vier Jungen aus der ehemaligen Sowjetunion auf richtige Lauf- und Lebenswege führte. Es sind Texte, die fast idealtypisch nachbilden, wie Integrationsphasen von der Ankunft in Deutschland über das Angekommen-sein bis zum Heimat-gefunden-haben ablaufen könnten.
Darüber hinaus kommen viele Prominente zum Thema Flucht und ihrem Verständnis von Nationalität zu Wort; darunter: Aydan Özuguz, die Flüchtlingsbeauftragte der Bundesregierung, die Goldene-Kamera-Preisträgerin Dunja Hayali, der Ex-Fußballprofi und Social-Media-Experte Hans Sarpei, Fußball-Weltmeister Per Mertesacker, der Russendisko-Literat Wladimir Kaminer, die Jugendbuchautorin Kirsten Boie und der Physiker, Wissenschaftsjournalist und Moderator Ranga Yogeshwar, dessen luxemburgisch-indisch-deutsche Biografie eine Art Blaupause zum Thema Migration liefert. Das persönliche Schicksal, so sagt er im großen Interview, kann uns „viel eher sensibilisieren“ als der Blick von oben.
Das 68-seitige Magazin, gemeinsam herausgeben von DOSB und der Deutschen Sport Marketing (DSM), erscheint in einer Auflage von 25 000 Exemplaren und wird unter anderem bundesweit in den Lounges der Deutschen Bahn sowie an den Flughafen-Gates von Lufthansa, Air Berlin und Condor ausliegen.
Europäische Werte
„Zanzu“: Steuerfinanzierte BzgA lanciert eigene „Sexualaufklärungs“-Plattform für Flüchtlinge
Berlin (nex) – Die aus Steuermitteln finanzierte „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“ versorgt nicht nur alteingesessene Bürger der Bundesrepublik Deutschland Jahr für Jahr in Plakatkampagnen und Radiospots unaufgefordert mit Tipps rund um das Sexualleben. Nun hat die Einrichtung offenbar auch Flüchtlinge und Asylbewerber als Zielgruppe entdeckt. Wie die rechtskonservative Wochenzeitung „Junge Freiheit“ berichtet, soll künftig die Online-Plattform Zanzu mit Ratschlägen und Handreichungen zur Sexualität zur Seite stehen und auch in Gebärdensprache darüber informieren, wie die „sexuelle Vielfalt“ in der „offenen Gesellschaft“ beschaffen sei oder wo sich denkbarerweise Möglichkeiten für „Kontakt für Gelegenheitssex“ fänden. Für nur der arabischen Sprache Kundige finde sich sogar eine Übersetzungshilfe.
Mit plastischen Bildern untermalt, werden Nutzer der Seite in weiterer Folge in epischer Breite über Details Fachausdrücke aus dem Bereich des Geschlechtslebens unterrichtet. Eine Altersbeschränkung existiert nicht. Stattdessen gibt es sogar eine ganze Ebene für „Beziehungen und Gefühle“ – offenbar hält es die vom deutschen Staat alimentierte BzgA für dringend erforderlich, Flüchtlinge darüber in Kenntnis zu setzen, dass es so etwas in Deutschland gibt. Ärzte und Berater von Asylbewerbern sollen demnach als Multiplikatoren der Seite dienen, auf der man sich bis zu den visualisierten Erklärungen durchklicken kann. Neben den detaillierten Anweisungen und ausführlichen Erklärungen darf natürlich der stete Hinweis auf Verhütung nicht fehlen. Am Ende könnte sich ja noch jemand in der Ansicht befinden, Fortpflanzungsorgane hätten etwas mit Fortpflanzung zu tun.
Antimuslimischer Rassismus
Studie aus Kanada zeigt: „New York Times“ stellt Muslime negativer dar als Krebs und Alkohol
New York (nex) – Nicht nur in Deutschland, wo 2014 eine Studie zeigte, dass in Massenmedien seit Jahrzehnten insgesamt eine deutliche islamfeindliche Tendenz vorherrscht, besteht ein Problem mit gegen den Islam voreingenommenen Journalisten. Auch in den USA lassen sich seit Jahr und Tag ähnliche Tendenzen feststellen.
Die im kanadischen Toronto ansässige Consultingfirma 416Labs hat dies in einer Untersuchung festgestellt, die nicht nur von vornherein als von antimuslimischem Rassismus geprägte Nischenpublikationen, sondern so genannte „Qualitätsmedien“ wie die „New York Times“ und deren Berichterstattung auswertete. Im November 2015 veröffentlichte 416Labs die Ergebnisse ihrer Analyse von Online- und Print-Schlagzeilen aus 25 Jahren und enthüllte, dass die renommierte Tageszeitung den Islam und die Muslime im Vergleich mit anderen als Benchmark gewählten Wörtern als „negativer als Alkohol, Krebs und Kokain“ darstellt.
Die Studie zeigt „starke Beweise“ auf, wonach der Islam und Muslime in NYT-Schlagzeilen systematisch mit negativen Konnotationen genannt werden. Nach der Auswertung von nicht weniger als 2 667 700 Artikeln stand fest, dass 57 Prozent aller NYT-Schlagzeilen, welche die Begriffe Islam/Muslime enthielten, diese in einen negativen Zusammenhang stellten. Nur bei acht Prozent war das Gegenteil der Fall. Verglichen mit allen anderen Benchmark-Begriffen wie republikanisch, demokratisch, Krebs, Yankees, Christentum und Alkohol war das die negativste Bilanz in einem Zeitraum von 25 Jahren. Auch insgesamt, also unter allen ausgewerteten Medien, hat der Grad an negativer Wahrnehmung mit Bezug auf den Islam und Muslime den gewichteten Prozentsatz für alle Schlagzeilen der NYT (29 Prozent) unterschritten. In den meisten Fällen wurden mit dem Islam und dem Begriff „muslimisch“ Begriffe wie „Rebellen“ und „Kämpfer“ verbunden.
Der Co-Autor der Studie, Steven Zhou, erklärte dazu: „Seit 9/11 haben viele Medien vom anti-muslimischen Klima profitiert, und das, obwohl man einen ähnlichen Trend bereits bis zurück zur iranischen Revolution verfolgen kann. Wir sprechen viel über Islamophobie, vernachlässigen aber die Zahlen dazu. Deshalb war es längst überfällig, eine Agenda setzende Zeitung auch quantitativ dahingehend zu untersuchen.“ In Anbetracht der tatsächlichen Macht und des Einflusses solcher Medienorganisationen sei das Ausmaß der erzeugten Eindrücke auf Grund der Schlagzeilen der NYT „mit hoher Wahrscheinlich geeignet, Wahrnehmungen zu verzerren“, sodass „der durchschnittliche Leser der NYT höchstwahrscheinlich dazu neigen wird, den Islam und die Muslime kollektiv für die gewalttätigen Akte einiger weniger Angehöriger haftbar zu machen“.
Zusätzlich kritisierte Zhou, dass in der Medienberichterstattung über den Islam das „Ayaan-Hirsi-Ali-Problem“ zum Tragen komme: So seien sowohl extreme Randstimmen aus dem islamischen Spektrum als auch Nichtmuslime mit extremer antimuslimischer Agenda, die als legitime „Experten“ präsentiert würden, ohne jedoch über irgendeine einschlägige Qualifikation zu verfügen, völlig überrepräsentiert und die radikale Ideen als Mainstream erscheinen ließen, obwohl der tatsächliche Mainstream diese als beleidigend und falsch betrachte. Als einen möglichen Ausweg schlägt Zhou vor, dass einerseits Journalisten sich mehr mit den zahlreichen unterschiedlichen Nuancen des Islam vertraut machen und andererseits die muslimischen Organisationen oder lokal aktive Muslime sich mehr ins öffentliche Leben einbringen sollten.
Weltfrauentag
Erdogan: „Ich stehe für die Frauen auf, wie ich für die Unterdrückten in aller Welt aufstehe“
Ankara (nex) – Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat anlässlich des Weltfrauentages auf einer Gewerkschaftsversammlung für weibliche Beschäftigte deutlich gemacht, dass die Türkei weiterhin entschlossen daran arbeiten werde, den Schutz von Frauenrechten bestmöglich zu gewährleisten und weiter auszubauen. Vor allem das Gefälle in Bereichen wie Beschäftigung und Bildung, das in der Türkei immer noch nicht gänzlich überwunden ist, müsse bekämpft werden, erklärte der Präsident. Erdogan erklärte, er werde für die Anliegen der Frauen aufstehen, wie er in aller Welt für die Rechte der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker aufstehe. „Um ihre Zukunft zu sichern, muss die Menschheit den Frauen den Wert geben, den sie verdienen“, erklärte Erdogan und würdigte die Leistungen der anwesenden Arbeiterinnen als „Beispiele dafür, wie Frauen unabhängig auf eigenen Beinen stehen können und ihre Persönlichkeit, ihren Glauben und ihre Werte erhalten, ohne aufgrund ihres Geschlechts zum Objekt gemacht und ausgebeutet zu werden. In unserem Glauben und unserer Kultur werden Menschen ohne Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts behandelt, weil wir alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht hoch schätzen“.
„Wo waren westliche Frauenrechte in Syrien?“
Erdogan erinnerte an die Fortschritte, die die Türkei bezüglich der Frauenrechte insbesondere in der Arbeitswelt in seiner Zeit als Premierminister gemacht habe und dass es „noch nie zuvor da gewesene“ Gesetze zur Besserstellung von Frauen und zur gleichen Bezahlung gegeben habe. Erdogan erklärte auch, das Land müsse zu einer spezifisch türkischen Variante von Gleichberechtigung der Geschlechter finden, so wie es auch eine spezifisch türkische Variante eines Präsidialsystems geben müsse. „Wir müssen nicht notwendigerweise die Frauenrechte in dem Format und dem Stil ausdrücken, verteidigen und durchsetzen, wie dies der Westen macht“, machte der Präsident deutlich. „Wir können alle gemeinsam Schritte gehen, um die Wahrnehmung von Frauen als Menschen und Individuen im Lichte unserer Geschichte und unseres kulturellen Hintergrundes zu stärken, Fehler zu korrigieren und Mängel zu eliminieren. Glaubt mir, das wird auf diese Weise viel effektiver sein. Würde es der Westen tatsächlich mit den Frauenrechten so genau nehmen, wären sie nicht alle so ruhig geblieben, als hunderttausende Frauen und ihre Kinder in Syrien starben.“ Erdogan drückte seine Genugtuung darüber aus, dass die in der Türkei lange ein besonderes Problem darstellende Schulbildung für Mädchen eine positive Entwicklung verzeichne. Dem offiziellen Statistikamt TurkStat zufolge lag die Beschulungsrate von Mädchen 2007 erst bei 87 Prozent, 2015 besuchten bereits 97 Prozent die Schule. Die Lebenserwartung von Frauen in der Türkei liegt bei durchschnittlich 80,7 Jahren (Männer: 75,3), wobei die osttürkische Stadt Tunceli mit 85,7 Jahren an der Spitze liegt.Regierung will mit offensiven Programmen für Frauen Bildung und Beschäftigung verbessern
Mängel bestehen hingegen in Teilbereichen der Gesundheit, so waren 2014 etwa 24,9 Prozent aller Frauen in der Türkei übergewichtig, ein Zuwachs von fast vier Prozent gegenüber 2012 – die Rate ist dabei um zehn Prozent höher als unter Männern. Und auch in der Bildung leiden insbesondere ländliche Räume darunter, dass trotz einer 2012 eingeführten 12-jährigen Pflichtschulzeit nicht alle Mädchen eine Schulbildung genießen können. In bestimmten Regionen werden eigentlich schulpflichtige Mädchen immer noch als billige Arbeitskräfte ausgebeutet oder von ihren Familien verheiratet. Während nur 1,8 Prozent der Männer in der Türkei des Lesens und Schreibens nicht kundig sind, sind es immer noch 9,2 Prozent der Frauen (Zahlen von 2014). Immerhin erreichen mittlerweile 11,7 Prozent der Frauen in der Türkei einen Universitätsabschluss, wobei Männer mit 16,2 Prozent weiter im Vorteil sind. Die Türkei hat darauf mit Regierungsprogrammen wie der von der First Lady initiierten Aktion „Zweite Chance für Frauen“ reagiert, die immerhin bereits 12 000 Frauen auf dem zweiten Bildungsweg einen Schulabschluss ermöglichte. Auch will man durch spezielle Förderprogramme und verbesserten Mutterschutz die Beschäftigtenquote unter Frauen von derzeit 26,7 Prozent auf mindestens 35 Prozent im Jahr 2023 steigern. Auch hier ist Bildung ein Schlüssel zum Erfolg. Unter Frauen mit höherer Bildung üben 71,3 Prozent einen Beruf aus. Auch in der Politik gab es einen Aufwärtstrend. Waren 1935 nur 4,5 Prozent der Parlamentsabgeordneten weiblich, sind es heute 14,7. Im Kabinett beträgt der Frauenanteil 7,4 Prozent. Auch die Zahl der Bürgermeisterinnen steigerte sich von 0,9 Prozent im Jahr 2009 auf 2,9 im Jahr 2014. Das höchste Maß an Gleichberechtigung ist in der Metropole Istanbul und in der Marmararegion verwirklicht.
Pflege-Report
Pflegende Angehörige nutzen Unterstützungsangebote kaum
Berlin (ots) – Die meisten pflegenden Angehörigen kennen die zusätzlichen Unterstützungsangebote der gesetzlichen Pflegeversicherung. Genutzt werden sie aber häufig nur von einer Minderheit. Das ergibt eine aktuelle Befragung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) unter 1.000 pflegenden Angehörigen im Rahmen des Pflege-Reports 2016. Gleichzeitig sagt jeder vierte Pflegehaushalt, der weder Pflegedienst noch Tagespflege oder Kurz- und Verhinderungspflege in Anspruch nimmt, dass er genau diese Leistungen eigentlich benötige.
Unter den Nutzern der zusätzlichen Entlastungsleistungen ist die Zufriedenheit hoch, und das professionelle Pflegepersonal wird als kompetent eingestuft. Allerdings werden mit Ausnahme des Pflegedienstes (Nutzung durch 64 Prozent) alle anderen Angebote von weniger als jedem fünften Befragten in Anspruch genommen.
Als Gründe werden zum Beispiel Kosten, mangelnde Erreichbarkeit oder schlechte Erfahrungen angegeben. Die am häufigste genannte Ursache ist jedoch: Viele Pflegebedürftige wollen nicht von einer fremden Person gepflegt werden.
Antje Schwinger, Pflegeexpertin des WIdO und Mitherausgeberin des Reports, sieht hier Barrieren. „Wir müssen die Bedürfnisse der Betroffenen noch besser verstehen und gleichzeitig mit guter Beratung und niedrigschwelligen Angeboten überzeugen. Allerdings zeigt sich hier auch ein tief sitzendes Selbstverständnis von familiärer Pflege, in das Pflichtgefühl und Scham mit hineinspielen.“
Angesichts der Umfrageergebnisse unterstreicht der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands, Martin Litsch, die Bedeutung von gezielter Beratung. „Die AOK-Pflegekasse hat rund 700 Pflegeberater im Einsatz. Diese kommen auf Wunsch auch zu den Menschen nach Hause und klären in einem persönlichen Gespräch den konkreten Hilfebedarf. Dann wird gemeinsam ein individueller Versorgungsplan aufgestellt.“ Dass Beratung wichtig ist, auch das geht aus der WIdO-Befragung hervor. Dreiviertel der Nutzer von Beratungsgesprächen geben an, dass ihnen diese geholfen haben.
Gleichzeitig fordert Litsch eine Straffung bei den Regelungen. „Die Pflegeversicherung hat sich bewährt. Aber wir müssen ihre Leistungen noch einfacher und flexibler gestalten.“ Zum Beispiel könne man die beiden Leistungen „Verhinderungspflege“ und „Kurzzeitpflege“ zusammenlegen. „Statt hier zwei verschiedene Regelungen und Budgets vorzusehen, sprechen wir uns für die Bündelung aus. Es geht um 3.224 Euro für 14 Wochen je Kalenderjahr. Pflegende Angehörige wissen selbst am besten, wie sie während einer Auszeit das Geld am sinnvollsten einsetzen können.“
Die Arbeitsleistung von pflegenden Angehörigen veranschaulicht der Chef des AOK-Bundesverbands mit einer einfachen Rechnung. „Wenn man die Stundenzahl, die pflegende Angehörige aufwenden, mit dem heutigen Mindestlohn multipliziert, dann liegt die Wertschöpfung bei sage und schreibe rund 37 Milliarden Euro pro Jahr. Eine gewaltige Summe, wenn man bedenkt, dass die Pflegeversicherung selbst nur ein Einnahmevolumen von rund 26 Milliarden Euro umfasst.“
Der spezifische Versorgungsmix aus familiärer und professioneller Pflege biete zwar gute Voraussetzungen für die Bewältigung des steigenden Pflegebedarfs, so die Mitherausgeberin des Reports, Prof. Adelheid Kuhlmey, aber dazu müssten die vorhandenen Potenziale auch voll ausgeschöpft werden. „Entwicklungsmöglichkeiten für die professionelle Pflege liegen in der gemeinsamen Ausbildung von Gesundheits-, Kranken- und Altenpflege sowie der weiteren Akademisierung.“ Man wisse aus anderen Ländern, dass die Akademisierung der Pflege- und anderer Gesundheitsberufe sich äußerst positiv ausgewirkt habe. „Bildung und Aufwertung, das ist die zentrale Botschaft, die wir dem Report entnehmen können.“
Zugleich betont Kuhlmey, Pflege endlich als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu sehen: „Das Engagement der Städte und Gemeinden ist bisher noch sehr unterschiedlich ausgeprägt.“ Spätestens mit dem Pflegestärkungsgesetz müsse es aber auch auf kommunaler Ebene zu Veränderungen kommen.“ Damit spielt Kuhlmey auf die Förderung von regionalen Quartierskonzepten an, für die pro Kreis oder kreisfreie Stadt seit 2016 jährlich 20.000 Euro zur Verfügung stehen und auch für Pflege eingesetzt werden sollten.
Mehr Unterstützungsmöglichkeiten sieht Kuhlmey noch an anderer Stelle: „Pflege ist überwiegend noch Frauensache. Die Gleichstellungsdebatte sollte auch auf diesen Bereich ausgeweitet werden.“
Türkei setzt Forderungen durch
Türkei-EU-Gipfel: Weitere drei Milliarden und Visaerleichterungen für Türken
Brüssel (nex) – Wird der Entwurf für eine neue Vereinbarung zwischen der EU und der Türkei, wie sie am heutigen Montag im Rahmen eines bilateralen Gipfeltreffens in Brüssel in ihren wesentlichen Eckpunkten fixiert worden ist, umgesetzt, wird die finanzielle Unterstützung der Türkei für die Flüchtlingshilfe auf sechs Milliarden Euro verdoppelt. Auch soll es bereits bis Ende Juni dieses Jahres eine Erleichterung der Visabestimmungen für türkische Staatsangehörige geben, die den Schengen-Raum besuchen wollen. Dies entspricht im Wesentlichen den Vorschlägen, mit denen der türkische Premierminister Ahmet Davutoglu in Absprache mit dem Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in den Gipfel gegangen ist. Das Treffen wird fortgesetzt, um weitere Details zu klären. „Es gibt einen neuen Vorschlag“, erklärte Davutoglu. „Wir werden versuchen, den Weg freizumachen, um diesen Prozess zu klären, deshalb gibt es einen neuen Vorschlag.“
Nähere Details verriet der Premierminister nicht, er machte jedoch Reportern gegenüber deutlich: „Wir sind nicht nur hier, um über Einwanderer zu sprechen. Natürlich ist auch der türkische EU-Beitrittsprozess ein Thema für uns. Unsere Partner haben gute Absichten, wir haben gute Absichten und alles, was wir wollen, ist, dies zu lösen.“ Berichten zufolge soll dem neuen Entwurf zufolge die Türkei weitere drei Milliarden Euro zur Hilfe für Flüchtlinge bekommen und sollen bis Ende Juni noch bestehende Visarestriktionen für türkische Staatsangehörige gelockert werden. Im Gegenzug soll die Türkei illegal nach Griechenland gelangte Flüchtlinge – auch syrische – aufnehmen, während die EU für jeden von der Türkei zurückgenommenen Flüchtling, der von den griechischen Inseln gekommen ist, einen regulär in die Türkei eingereisten syrischen Flüchtling nehmen soll. So soll Ankara auf der einen Seite Abschiebekandidaten zurücknehmen und gleichzeitig den Zustrom von Flüchtlingen in die EU regulieren. Auch sollen neue Kapitel im Zusammenhang mit den EU-Beitrittsgesprächen eröffnet werden. Premierminister Davutoglu hatte bereits im Vorfeld des Gipfels erklärt, eine Lösung der Probleme könne es nur durch ein solidarisches Miteinander zwischen EU und Türkei geben.
Eine komplette Abriegelung der Ägäis, so Davutoglu, sei illusorisch. Die Türkei werde jedoch auch die Finanzmittel nutzen, um die Küstenwache noch besser auszustatten. Auf einer Frauentagsveranstaltung in Ankara wies Präsident Erdogan darauf hin, dass die EU auch vier Monate nach ihrem Versprechen immer noch nicht die bereits im November zugesagten Mittel von drei Millionen Euro komplett überwiesen habe. Es sei nicht die Schuld der Türkei, dass die Flüchtlinge ihre Küsten als Sprungbrett in die EU nutzten. Erdogan wies darauf hin, dass die türkische Küstenwache bereits 100 000 Einwanderer gerettet habe, die auf dem gefährlichen Seeweg, auf dem im Laufe der letzten Jahre bereits tausende Flüchtlinge gestorben waren, versucht hätten, in die EU zu gelangen. Auch Großbritannien hatte sich im Vorfeld dafür ausgesprochen, der Türkei Geldmittel zur Verstärkung der Küstenwache zur Verfügung zu stellen.
Verdacht der Einschleusung von Ausländern
Frankfurt (Oder): Aserbaidschaner will Armenier nach Frankreich schmuggeln – Festnahme
Frankfurt (Oder) (ots/nex) – Sonntagnacht verhinderten Bundespolizisten die Einschleusung einer armenischen Familie auf der Bundesautobahn 12. Der mutmaßliche Schlepper wurde vorläufig festgenommen.
Sonntag, kurz nach Mitternacht kontrollierte auf dem Rastplatz Biegener Hellen eine Streife der Bundespolizei ein französisches Fahrzeug. Neben dem 35-jährigen Fahrer aus Aserbaidschan befand sich darin eine fünfköpfige Familie aus Armenien. Da lediglich der Fahrer einen französischen Aufenthaltstitel vorweisen konnte, erhärtete sich der Verdacht des Einschleusens von Ausländern. Nach eigenen Angaben habe der 30-jährige Vater den Mann aus Armenien zufällig in Polen getroffen. Letzterer habe ihn gebeten, ihn, seine 28-jährige Frau und die drei kleinen Kinder (8 Monate, 3 und 4 Jahre) mit nach Paris zu nehmen.
Nun muss sich der in Frankreich lebende Mann wegen des Verdachts der Einschleusung von Ausländern verantworten.
Terroranschläge in Paris
Algerisch-französischer Schauspieler Dany Boon war während der Pariser Anschläge mit seiner Familie im Stadion
Osnabrück (ots) – Dany Boon: Die Angst meiner Kinder ging mir an die Nieren. Dany Boon hat auch nach vier Monaten noch sehr präsente Erinnerungen an die Pariser Terroranschläge vom 13. November 2015.
„Ich war mit meiner Frau und meinen Kindern im Stade de France, als sich vor dem Stadion die Explosionen ereigneten“, sagte der französische Schauspieler und Regisseur in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung. „Und dann brach kurz vor Ende des Spiels plötzlich diese Panik aus. Zu sehen, dass die Kinder Angst haben, ging mir an die Nieren. Wir kamen ja aus dem Stadion nicht so schnell heraus, und in der Zwischenzeit erfuhr ich auch noch, was alles in der Stadt passiert war. In der Situation musste man sich sehr stark zusammenreißen.“
Von dem Terror lässt sich der 49-Jährige nicht einschüchtern: „Ich versuche, so normal wie möglich weiterzuleben, weil ich diesen Monstern nicht nachgeben will“, sagte Boon. „Man muss aufpassen, dass man nicht in Paranoia verfällt. Die beste Antwort auf diesen Hass und diese Unmenschlichkeit ist es, keine Angst zu zeigen und sich weiterhin menschlich zu verhalten.“
Von seinem algerischen Vater und seiner französischen Mutter habe er viele menschliche Werte mit auf den Weg bekommen, so Boon, der in Nordfrankreich aufwuchs. „Ich habe damals vor allem Toleranz gelernt. Meine Kindheit war kompliziert, aber dennoch glücklich. Meine Eltern waren arm und stammten aus sehr einfachen Verhältnissen.“ Die Großzügigkeit seines Vaters habe ihn stark beeindruckt: „Er hat immer Leute, die noch ärmer waren, zu uns eingeladen und ihnen zu essen gegeben. Den Kindern dieser Leute hat er unser Spielzeug geschenkt, weil er sagte, die hätten noch weniger als wir.“
Heute sorge er sich um die Privatsphäre seiner eigenen Familie, mit der er Paris verlassen habe, sagte der 49-Jährige weiter: „Vielleicht kehren wir ja zurück, wenn meine Kinder älter sind. Zurzeit leben wir in London, in einem Jahr gehen wir wieder nach Los Angeles“, sagte Boon. „In London kann ich die Metro und den Bus nehmen, die Kinder zum Sport bringen, da gibt es keinen Fan-Auflauf, wenn ich mich ganz normal bewege.“ In Frankreich sei das schwieriger: „Hier hatten die Kinder das Gefühl, als würde man ihnen den Papa wegnehmen. Das hat mir nicht gefallen.“
Allerdings habe es mal eine Situation im Ausland gegeben, die ihm ebenfalls nicht gefiel: „Einer meiner Söhne hatte in der Schule Mist gebaut, und ich wurde zum Direktor gebeten“, sagte Boon. „Der stand da mit der Klassenlehrerin, und beide konnten vor Lampenfieber kaum atmen. Sie spielten die Geschichte herunter und baten mich stattdessen um ein Autogramm. Ich sagte: Nein, dafür bin ich doch nicht hier, sondern weil mein Sohn in der Schule ein Problem hat. Ich will doch nicht, dass er machen kann, was er will, nur weil er einen berühmten Vater hat.“
AKW Fessenheim
Französische Atomaufsicht vertuschte schweren Zwischenfall im Atomkraftwerk Fessenheim
Köln (ots) – Im französischen Atomkraftwerk Fessenheim hat es im April 2014 einen schweren Zwischenfall gegeben. Nach Recherchen von WDR und „Süddeutsche Zeitung“ hatte ein Wassereinbruch einen Teil der Leit- und Sicherheitstechnik außer Kraft gesetzt. Rund 3000 Liter Wasser flossen unter anderem in Schaltschränke, in denen die Steuerung der Sicherheitstechnik untergebracht war. Die Steuerstäbe in Reaktorblock 1 waren zeitweise nicht manövrierbar, eines der beiden Systeme zur Reaktorschnellabschaltung fiel durch den Wassereinbruch aus. Ein Krisenstab entschied, den Reaktor durch Einleitung von Bor in das Kühlwasser notfallmäßig herunterzufahren. Die französische Atomaufsichtsbehörde ASN hatte den Vorfall seinerzeit gegenüber der Öffentlichkeit und der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien heruntergespielt und wesentliche Details unterschlagen.
So erwähnte die Behörde in ihrer Meldung an die IAEA weder den Ausfall der Steuerstäbe, noch die eingeleitete „Notborierung“. Das wahre Ausmaß des Unglücks geht aus einem Schreiben hervor, das die französische Atomaufsichtsbehörde ASN wenige Tage nach dem Unfall an den Leiter des AKW Fessenheim geschrieben hatte. Demnach haben sich am 9. April 2014 offenbar dramatische Szenen in dem Kraftwerk abgespielt. Um 17 Uhr hatte das Bedienpersonal festgestellt, dass beim Befüllen eines Kühlwasserbehälters rund 3000 Liter Wasser ausgelaufen waren. Unter anderem durch die Kabelummantelungen drang das Wasser in verschiedene Etagen und Räume sowie in wichtige Schaltschränke ein. Unmittelbar darauf fiel die komplette Bedienung der Steuerstäbe im Reaktorkern aus. Auch einer der beiden Stränge für die Reaktorschnellabschaltung versagte. Ein umgehend eingesetzter Krisenstab entschied, den Reaktor durch Einleitung von Bor in den Hauptkühlkreislauf zwangsweise herunterzufahren. WDR und SZ haben dem Reaktorsicherheitsexperten Manfred Mertins das Schreiben zur fachlichen Einordnung vorgelegt.
Er kommt zu dem Schluss, dass es sich bei dem Vorfall am 9. April 2014 um ein „sehr ernstes Ereignis“ gehandelt hat, bei dem „erhebliche sicherheitstechnische Mängel“ an dem AKW Fessenheim zutage getreten seien. Auch wenn sich der Auslöser des Störfalls, die Überflutung einiger Gebäudeteile, im sogenannten nichtnuklearen Bereich des Kraftwerks ereignet habe, sei durch den Ausfall der Steuerstäbe letztlich vor allem der Reaktorkern betroffen gewesen. Für mehrere Minuten, so der frühere Mitarbeiter der Gesellschaft für Reaktor- und Anlagensicherheit (GRS), sei „die Temperatur im Reaktorkern aus dem Ruder gelaufen“.
„Infolge der Störung der Signalisierung der Steuerstäbe ist die Mannschaft quasi blind gefahren“, so Mertins. Schon der Ursprung des Störfalls offenbare erhebliche Mängel in den Sicherheitsstrukturen des AKW Fessenheim. Alle Atomkraftwerke in der EU sind nach Fukushima im Rahmen des Stresstests angeblich auf den Schutz vor interner Überflutung geprüft worden. In Fessenheim jedoch floss das Wasser – unter anderem durch Kabelummantelungen – in mehrere Räume und in Elektro-Schaltkästen. So etwas dürfe auf keinen Fall passieren, erklärte Mertins.
Auch die Einsetzung eines Krisenstabes während des Zwischenfalls deute darauf hin, dass es sich am 9. April 2014 um eine außergewöhnlich ernste Lage gehandelt habe. Und schließlich sei auch das störfallbedingte Herunterfahren des Reaktors durch Zugabe von Bor („Notborierung“) äußerst ungewöhnlich. Laut Mertins und anderen Reaktorexperten hat es eine vergleichbare Situation in einem westeuropäischen Atomkraftwerk bislang noch nicht gegeben. Auf Anfragen von WDR und Süddeutsche Zeitung haben weder die Betreiberfirma EDF noch die Atomaufsichtsbehörde ASN geantwortet.

