Kaukasus
159 Jahre Tsitsekun: Der Völkermord an den Tscherkessen

von Kemal Bölge Nach über 300 Jahren Krieg gegen die autochthonen Völker des Kaukasus, gelang es der Armee des russischen Zarenreiches 1864 den nördlichen Kaukasus unter seine Kontrolle zu bringen. Im Mai 1864 schlug die zahlenmäßig überlegene russische Armee die tscherkessischen Kräfte und stellte diese nach der Kapitulation vor die Wahl, entweder in den Reihen der Zaren-Armee zu kämpfen oder die Exilierung. Für die Expansion des russischen Zarenreiches war die Eroberung dieser Gebiete von strategischer Bedeutung. Mit der Einnahme begann die Vertreibung von 800.000-1.500.000 Tscherkessen und anderer kaukasischer Völker, die gezwungen wurden für immer ihre Heimat zu verlassen. Einheiten der russischen Streitkräfte zerstörten systematisch Ackerflächen, auf denen die Ernte schon begonnen hatte, sowie das Vieh der tscherkessischen Landbevölkerung, um ihnen ihre Lebensgrundlage zu nehmen. Es folgte eine Hungerkatastrophe, die die Menschen zur Flucht zwang. Während der Austreibung und nach der Ankunft in den Aufnahmeländern starben viele Geflüchtete durch Gewalt, Hunger, Erschöpfung, Krankheiten und Armut. Zahlen über die bei der Vertreibung umgekommenen tscherkessischen Zivilisten variieren zwischen einer halben und einer Million vertriebener Tscherkessen, die bei grausamen Fußmärschen und Schiffsüberfahrten im Schwarzen Meer ihr Leben verloren. Die größte Gruppe der vertriebenen Tscherkessen siedelte sich im Osmanischen Reich an und weitere in den damaligen Provinzen des Vielvölkerreiches im heutigen Syrien, Palästina, Jordanien und anderen Ländern. Berechnungen zufolge leben heute etwa drei Millionen Tscherkessen in der Türkei, weitere zwei Millionen in anderen Staaten und 700.000 in ihrer Heimat, in der heutigen autonomen Republik Adygeja. Russische Regierungen weigern sich bis heute das Unrecht an den Tscherkessen anzuerkennen, denn die Vertreibung und Vernichtung des tscherkessischen Volkes passt nicht ins russische Geschichtsbild. Für die Tscherkessen ist der 21. Mai ein Gedenktag, an dem an die Vertreibung des kaukasischen Volkes mit Gedenkveranstaltungen seitens der Diaspora erinnert wird und im Andenken an die Opfer Blumen ins Meer geworfen werden. Das georgische Parlament hat in einem Beschluss die Vertreibung der Tscherkessen 2011 als Völkermord anerkannt. In der türkischen und aserbaidschanischen Geschichtswissenschaft hat sich der Terminus technicus Mezalim für massenhafte Gewaltverbrechen an der muslimischen Zivilbevölkerung etabliert. Erschienen auf Mezalim

Zum Thema

– Völkermord an Tscherkessen – Wie Russland die Tscherkessen verhöhnt und die westeuropäische Öffentlichkeit dabei wegsieht

Jedes Jahr am 21. Mai gedenken Tscherkessen weltweit des Völkermordes, den das zarische Russland an ihrer Volksgruppe im 19. Jahrhundert verübt hat.

Wie Russland die Tscherkessen verhöhnt und die westeuropäische Öffentlichkeit dabei wegsieht

Islamophobie
Australien: Islamgegner Shermon Burgess wird Muslim

Canberra – Shermon Burgess, einer der berüchtigtsten Anti-Islam-Aktivisten Australiens und ehemaliger Leiter der rechtsextremen Gruppe United Patriots Front, ist zum Islam konvertiert.

„Der Islam ist rein [sic] und direkt mit Allah verbunden. Der Westen ist vom Weg abgekommen, die Menschen sind deprimiert und versuchen, alle Probleme des Lebens mit Alkohol, Drogen, Pornos und Sex zu lösen“, schrieb er auf Facebook.

„Der Islam befreit dich von all dem und erlaubt dir, wieder einen Sinn zu haben. Er bringt das Licht zurück in deine Seele und entfacht die Leidenschaft des Lebens wieder in deinem Herzen.“
Burgess wurde in den 2010er Jahren wegen seiner Beteiligung an den inzwischen aufgelösten rechtsextremen nationalistischen Gruppen United Patriots Front (UPF), Reclaim Australia und der Australian Defence League landesweit bekannt. Er spielte auch eine zentrale Rolle bei den Anti-Islam-Protesten 2015, die sich gegen den Bau einer Moschee in Bendigo richteten. Auf dem Höhepunkt der Proteste teilte seine Social-Media-Seite „The Great Aussie Patriot“ rassistische, hetzerische Inhalte mit Zehntausenden von Anhängern. Ein halbes Jahrzehnt später ziert Burgess‘ persönliches Facebook-Konto nun die Schahada verziert ist. Die Schahada ist das arabische Wort für das Glaubensbekenntnis der Musliminnen und Muslime und damit die wichtigste Grundlage ihres Glaubens. Sie gehört zur Aufnahme in den Islam, zum Gebetsruf und zu den täglichen Pflichtgebeten der Gläubigen. Niederländischer Islamgegner wird Muslim Bereits vor drei Jahren wurde ein weiterer Islamgegner Muslim. Ein ehemaliges Mitglied der rechtsextremen niederländischen Partei von Geert Wilders gab damals bekannt, dass er zum Islam konvertiert ist. Joram Van Klaveren sagte, er habe den Wechsel vom Kritiker zum Konvertiten vollzogen, als er ein Buch über den Islam schrieb. „Während des Schreibens stieß ich auf mehr und mehr Dinge, die meine Meinung über den Islam ins Wanken brachten“, sagte er dem niederländischen Rundfunk. Van Klaveren war von 2010 bis 2014 Parlamentsabgeordneter der Partei für die Freiheit (PVV), verließ die Partei jedoch, nachdem Wilders seine Anhänger auf einer Kundgebung im Jahr 2014 gefragt hatte, ob sie mehr oder weniger Marokkaner in den Niederlanden haben wollten, woraufhin die Menge skandierte „Weniger! Weniger! Weniger!“ Van Klaveren war während seiner Zeit als PVV-Politiker ein scharfer Kritiker des Islams und sagte „Der Islam ist eine Lüge“ und „Der Koran ist Gift“. Auf die Frage, ob er sich wegen dieser Äußerungen schuldig fühle, sagte Van Klaveren, er habe sich „einfach geirrt“ und fügte hinzu, es sei „PVV-Politik: alles, was falsch war, musste auf die eine oder andere Weise mit dem Islam in Verbindung gebracht werden“. Arnoud van Doorn, ein weiterer ehemaliger PVV-Funktionär, war früher zum Islam konvertiert. Van Doorn gratulierte Van Klaveren via Twitter zu seiner Entscheidung und schrieb: „[Ich] hätte nie gedacht, dass die PVV zu einer Brutstätte für Konvertiten werden würde.“

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Hilarion Heagy bezeichnete seine Entscheidung als „Umkehr zum Islam“ und sagte, es sei „wie eine Heimkehr“.

Prominenter US-Priester zum Islam konvertiert
     

Umfrage
AfD steigt in Umfrage auf höchsten Stand seit fünf Jahren

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Berlin – Eine neue Umfrage zeigt einen klaren Gewinner. Der Sonntagstrend sieht die AfD weiter im Aufwind. Die AfD hat einer Umfrage zufolge in der Wählergunst den höchsten Stand seit fast fünf Jahren erreicht. Im „Sonntagstrend“, den das Meinungsforschungsinstitut Insa für die Bild am Sonntag erhebt, kommt die Partei bundesweit auf 17 Prozent. Die Grünen verlieren einen Punkt, kommen auf 14 Prozent und fallen damit unter ihr Ergebnis bei der Bundestagswahl (14,8 Prozent). Auch die FDP verliert einen Punkt und kommt auf acht Prozent. Die SPD hingegen steigert sich auf 21 Prozent, das entspricht einem Plus von einem Prozentpunkt. Die Ampel würde damit die parlamentarische Mehrheit deutlich verfehlen. Die Union bleibt mit 28 Prozent weiterhin die stärkste Partei und die Linke kann einen Punkt zulegen. Sie kommt in dieser Woche somit wieder auf fünf Prozent.

Getreidelieferungen
UN-Chef Guterres dankt der Türkei für Getreideabkommen

New York – UN-Generalsekretär Antonio Guterres begrüßte am Mittwoch die Verlängerung des Getreideabkommens mit der Ukraine und dankte dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan für die Zusammenarbeit mit der Weltorganisation. „Wir haben einige positive und wichtige Entwicklungen… Die Bestätigung der Russischen Föderation, ihre Teilnahme an der Schwarzmeer-Initiative um weitere 60 Tage zu verlängern. Ich begrüße diese Entscheidung“, sagte Guterres auf einer Pressekonferenz. „Ich möchte Präsident Erdogan und der türkischen Regierung noch einmal meinen Dank für ihre Bemühungen aussprechen, die sie in ständiger Abstimmung mit den Vereinten Nationen unternehmen“, sagte der UN-Chef. Auch Alexander Kobrakov, der ukrainische Minister für  Infrastrukturentwicklung, dankte der Türkei für ihre Bemühungen „Die Welt wird weiterhin ukrainische Produkte erhalten, dank der Bemühungen unserer Partner in diesem Abkommen – der Türkei und der UNO“, so Kubrakov. Das Exportabkommen wurde von Russland und der Ukraine vereinbart und von der Türkei und den Vereinten Nationen im Juli vermittelt, um die weltweite Hungerkrise zu lindern, die zum Teil durch Moskaus Einmarsch in der Ukraine, einem wichtigen Getreideproduzenten, und eine frühere Blockade der dortigen Häfen verursacht wurde. Die Türkei, die international für ihre Vermittlerrolle gelobt wird, hat sich mit Moskau und Kiew abgestimmt, um einen Korridor von der ukrainischen Hafenstadt Odessa aus zu öffnen, über den die weltweiten Getreidelieferungen wieder aufgenommen wurden. Ein gemeinsames Koordinierungszentrum mit Beamten aus den drei Ländern und der UNO wurde in Istanbul eingerichtet, um die Transporte zu überwachen Lebensmittel aus der Ukraine werden auf dem Weltmarkt dringend benötigt – vor allem in Asien, Afrika und im Nahen Osten. Die Vereinten Nationen warnten kürzlich vor der größten Hungersnot seit Jahrzehnten. Die Krise kam zu einem Zeitpunkt, an dem Klimakatastrophen, Konflikte und die wirtschaftliche Belastung durch die Coronavirus-Pandemie in vielen Ländern, vor allem in Afrika und im Nahen Osten, bereits zu einer Verschärfung des Hungers geführt haben.  

Energie
Die Elektrifizierung der Weltwirtschaft

von  José Lazuen

Das Wirtschaftswachstum war in der Vergangenheit mit steigenden Treibhausgasemissionen verbunden. Dies liegt daran, dass 80 % unseres Energieverbrauchs durch Verbrennungsprozesse aus fossilen Brennstoffen gewonnen werden. Dies verursacht 73 % der weltweiten Treibhausgasemissionen. Diese Emissionen sind die dringlichsten und komplexesten negativen externen Effekte, die von Unternehmen, Regulierungsbehörden und der Gesellschaft noch nicht angemessen bewertet werden. Schlimmer noch, sie treffen die Menschen in den Entwicklungsländern, und ihre Auswirkungen werden auch künftige Generationen zu spüren bekommen.

Die unmittelbarste und kosteneffizienteste Lösung zur Erfüllung der Pariser Klimaverträge liegt wahrscheinlich in der Elektrifizierung. Die Elektrifizierung des Energiesystems, die sowohl die Energieversorgung als auch die Energienachfrage abdeckt, ist in den meisten wissenschaftlich fundierten Klimamodellen, die auf ein Temperaturziel von 1,5 °C ausgerichtet sind, eine notwendige Komponente. Diese Tatsache hat bereits jetzt erhebliche Auswirkungen auf Energieversorger, energieintensive Sektoren auf der Nachfrageseite (z. B. Verkehr, Gebäude, Industrie) und diejenigen, welche den Übergang durch grüne Lösungen ermöglichen.

Ständig sinkende Kosten

Die Elektrifizierung durch erneuerbare Energien ist bereits die kostengünstigste Option für die Energieversorgung. Trotz einer gewissen saisonalen Knappheit ist erneuerbare Energie unbegrenzt verfügbar, weshalb die Nutzung erneuerbarer Energien von Natur aus anti-inflationär ist. So sind beispielsweise die Preise für Wind- und Solarenergie in den letzten zehn Jahren stark gesunken, und die Fotovoltaik ist heute die günstigste Elektrizitätsquelle aller Zeiten. Diese vorteilhaften wirtschaftlichen Bedingungen stellen einen Wendepunkt auf dem Weg zum Netto-Nullenergieverbrauch dar.

Saubere Technologien auf der Nachfrageseite von Energie erreichen auch sozioökonomische Wendepunkte, die dann eintreten, wenn neue Technologien oder Praktiken die etablierten Technologien in Bezug auf Kosten, Funktionalität und Zugang ausstechen können. Im Straßenverkehr und bei der Heizung in Privathaushalten ist der Wendepunkt in vielen Ländern bereits erreicht, und weitere Kostensenkungen bei den Geräten werden dazu führen, dass noch mehr Länder diesen Punkt erreichen.

Massenhafte Einführung von Elektroauto-Batterien

Parallel dazu wird die jüngste Beschleunigung der Verkäufe von Elektroautos (mehr als 10 Millionen weltweit im Jahr 2022, etwa 13 % der gesamten Autoverkäufe) und Mopeds (280 Millionen Elektroautos sind derzeit auf unseren Straßen unterwegs) starke sektorübergreifende Rückkopplungsschleifen entfalten. So ermöglichen beispielsweise die Kostensenkungen bei der Produktion von Elektroauto-Batterien (seit 2010 um 90 % gesunken) die massenhafte Einführung von Batterien in das Stromnetz. Da der Verkauf von Wärmepumpen für Privathaushalte zunimmt, sind die gleichen Rückkopplungseffekte auch bei der Elektrifizierung der industriellen Wärmeversorgung zu erwarten.

Da die Nachfrage nach kohlenstoffintensiven Produkten im Laufe der Zeit zurückgeht, wird sich ein negativer operativer Leverage[1] aufgrund von Mengenverlusten schnell in erhebliche wirtschaftliche Verluste verwandeln. Diese Risiken können sich jedoch noch verstärken, wenn die Internalisierung der Kohlenstoffpreise für Unternehmen in kohlenstoffintensiven Sektoren zu immer größeren Betriebskosten wird. Dies ist für viele Unternehmen bereits Realität, da für 25 % der weltweiten Kohlenstoffemissionen bereits heute ein verbindlicher Preis für Kohlenstoff besteht. Ausgehend von den sinkenden Einnahmen kohlenstoffintensiver Sektoren und den klimapolitischen Maßnahmen der Regierungen könnten weltweit Öl- und Gasanlagen im Wert von mehr als 1 Billion USD Gefahr laufen, zu einem Stranded Asset zu werden, neben anderen Anlagen in den Sektoren Energie, Verkehr und Industrie.

In Anbetracht dieser Trends könnte man argumentieren, dass Verbrennungsmotoren bald keine Rolle mehr für die wirtschaftliche Entwicklung spielen werden. Da sie die Hauptquelle für den Verbrauch fossiler Brennstoffe sind, wird auch die alltägliche Nutzung fossiler Brennstoffe unweigerlich zurückgehen. Investitionen sind ein klarer Indikator für die Richtung, in die sich der Energiesektor bewegt.

Im Jahr 2022 haben die weltweiten Investitionen in kohlenstoffarme Energietechnologien die Marke von 1 Billion USD überschritten on. Außerdem fließt erstmals mehr Kapital in erneuerbare Energien als in die vorgelagerte Öl- und Gasförderung (einschließlich Brownfield und Greenfield, aber ohne Exploration). Dies bedeutet, dass mehr als 80 % der Gesamtinvestitionen im Energiesektor in erneuerbare Energien, Netze und Speicher fließen. Bei einigen Technologien wie Fotovoltaik, Batterien und Elektrofahrzeugen wachsen die Investitionen nun in einem Maße, das mit dem Ziel vereinbar ist, bis 2050 weltweit Netto-Null-Emissionen zu erreichen.

Bis 2030 werden Investitionen in Höhe von 25 Billionen USD ausgelöst, um die Elektrifizierung der Weltwirtschaft voranzutreiben. Diese Chance wird durch verschiedene öffentliche und private Anlageklassen mit unterschiedlichen Risikoprofilen finanziert. Das Risiko-Ertrags-Verhältnis wird über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg variieren, wobei Stromversorger, die in erneuerbare Energien investieren, typischerweise am unteren Ende des Risikospektrums liegen, während innovative Unternehmen die Zukunft ihrer Branche gestalten.

Der Wandel wird nicht in allen Sektoren und Wertschöpfungsketten gleichzeitig stattfinden, wobei einige mehr Zeit brauchen als andere. Die Elektrifizierung ist eine mehrjährige Investitionschance, die jedoch in den Sektoren Strom, Straßenmobilität, Gebäude und industrielle Wärme sowie in den zugrundeliegenden Lieferketten unbestreitbar an Fahrt gewinnt.


José Lazuen, Senior Sustainability Analyst bei Lombard Odier IM        

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„Die Türkei wird nicht länger ein Land sein, das Energieressourcen benötigt, sondern ein Land, das in der Lage ist, Energie zu exportieren“, so Erdoğan

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Türkei-Wahlen 2023
Nach Wahldebakel: Jetzt kommt „Grauer Wolf“ Kemal

ein Gastbeitrag von Nabi Yücel Der Herausforderer von Recep Tayyip Erdoğan, Oppositionschef Kemal Kılıçdaroğlu (CHP), will sich nach dem Wahldebakel ein neues Image verpassen. Offensichtlich hat sein Wahlkampfteam eine neue Idee aufgeschnappt, um den Chef in die Präsidentenresidenz in Beştepe zu katapultieren: ihm das Image eines Grauen Wolfes überstülpen. Nur Tage nach den Wahlen hat Oppositionschef Kemal Kılıçdaroğlu, Präsidentschaftskandidat des Sechser-Bündnisses, wieder in das politische Tagesgeschäft gefunden. Erst weckte er mit einem beherzten Handschlag auf den Tisch die in Tränen aufgelöste und dahinsiechende Kernwählerschaft, um sich sodann ein neues Image zu verpassen. In einem neuerlichen Videobeitrag auf Twitter, versprach Kılıçdaroğlu explizit an junge Wähler gerichtet, das Problem mit „10 Millionen importierte Flüchtlinge“ zu lösen, weil sie die Sicherheit der Türkei gefährden würden. Außerdem versprach Kılıçdaroğlu energisch, die Türkei nicht zur „russischen Einflusszone“ verkümmern zu lassen. Weil neben dem Pakt mit dem politischen Arm der Terrororganisation PKK, ihm die Unterstützung durch die FETÖ im ersten Wahlgang viele Stimmen gekostet hatte und ihm FETÖ-nähe vorgeworfen wurde, erwähnte er erstmals die Putschisten zusammen mit den USA. Das ist schon mal ein Quantensprung für einen Langweiler, der zuvor noch von einem theatralischen Schauspiel des gescheiterten Putschversuchs sinnierte und die FETÖ lange Zeit nicht als Mitglieder einer Verschwörung gegen die türkische Armee beim Namen nannte. Die Terrororganisation PKK erwähnte er jedoch weiterhin nicht, obwohl diese nur aus drei Buchstaben besteht. Damit verfolgt Kılıçdaroğlu nach dem ersten Wahlspektakel eine Strategie, um in der entscheidenden zweiten Wahlrunde gestärkt hervorzugehen. Die erste Strategie verfolgt nun die Absicht, die Stimmung gegen Flüchtlinge aufzuheizen. Die Zweite, die Stimmung gegen Russland zu fördern und die dritte, ohne dabei die FETÖ direkt zu kritisieren, mit einem Gegenvorwurf an die AKP gerichtet, den Fokus von sich abzulenken; nach dem Motto: „Ihr habt doch selber mit der FETÖ zusammengearbeitet.“ In all dieser Neupositionierung kommt die Terrororganisation PKK nach wie vor nicht vor. Ob es ihm zwölf Tage vor der Stichwahl gelingt, wieder ohne ein Funken Kritik an der Terrororganisation PKK, mit nationalistischen Tönen die Stimmen der Nationalisten rund um Sinan Oğan sowie die herumvagabundierende Wählerschaft für sich zu gewinnen? Schließlich fuhr der dritte Präsidentschaftskandidat bis auf das russische Thema dieselbe Strategie. Mit dem einzigen Unterschied, dass Oğan explizit auch die PKK mit einschloss. Die Pleiten, Pech und Pannen wollen aber nicht von Kemal Kılıçdaroğlu ablassen und verfolgen ihn auch nach den Wahlen. Einen Tag nach den Wahlen kamen in Şırnak Bestler-Dereler bei einem Schusswechsel mit PKK-Terroristen drei Gendarmen ums Leben. Die Beisetzung der gefallenen Gendarmen fand am selben Tag wie dem Imagewechsel von Kılıçdaroğlu statt. Der Twitter-Auftritt von Kılıçdaroğlu blieb auch den Hinterbliebenen der getöteten Gendarmen nicht erspart, weshalb sie die Trauerbekundung des örtlichen CHP-Politbüros wie auch deren Trauergesteck harsch zurückwiesen und ein Machtwort sprachen. Ob Kemal Kılıçdaroğlu es schafft, sich den Pelz eines Wolfs überzustülpen, ohne dabei erkannt zu werden? Für die harte Kernwählerschaft ist es jedenfalls uninteressant, was Kılıçdaroğlu sein will. Für diese Fanatiker ist Kılıçdaroğlu der einzige noch verbliebene Präsidentschaftskandidat, der Erdoğan vom Thron stoßen könnte. Alles andere interessiert diesen Kreis nicht. Dieser Glaube wurde nämlich jahrelang eingeimpft. Daher glaubt dieser Kreis daran, denn bekanntlich versetzt der Glaube Berge. Ob man damit die Sicht der wenigen Millionen möglichen Wählerstimmen ändern kann, während im Hintergrund Gendarmen und Soldaten von der PKK getötet, die FETÖ operative Wahlkampf-Manipulationen durchzieht und mitten drin die CHP genannt wird?
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

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Während man in Deutschland eine Niederlage des amtierenden türkischen Präsidenten erhofft, machen sich syrische Flüchtlinge in der Türkei auf eine Flucht Richtung Deutschland bereit.

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Mazedonien
Anschlag auf türkische Buchhandlung in Skopje

Skopje – Unbekannte haben auf eine türkische Buchhandlung in der mazedonischen Hauptstadt Skopje einen Anschlag verübt. Wie das Nachrichtenportal Time Balkan berichtet, hätten unbekannte Täter sich Zugriff in den Buchladen verschafft und den Innenraum des Geschäfts verwüstet. Die einzige Buchhandlung für türkische Literatur befindet sich im historischen Viertel des türkischen Marktes (Türk Çarşısı) von Skopje. Der Inhaber des Buchladens zeigte sich in einer Mitteilung im Kurznachrichtendienst Twitter erschrocken über den feigen Angriff und verurteilte die Tat. Kemal Bölge

Kommentar
Zu der Verhaftung türkischer Journalisten

ein Gastbeitrag von Nabi Yücel Die vorläufige Verhaftung von zwei türkischen Journalisten der Tageszeitung Sabah Avrupa in Hessen, könnte eine Sprengkraft besitzen, die weit darüber hinaus geht, als nur Botschafter herbei zu zitieren. In den frühen Morgenstunden wurden die zwei Journalisten İsmail Erel und Cemil Albay in ihren Wohnungen erst festgehalten, die Wohnungen von Dutzenden Beamten und Polizeihunden durchsucht, PKWs beschlagnahmt und abgeschleppt, elektronische Datenträger mitgenommen. Die Staatsanwaltschaft in Darmstadt wirft den zwei Journalisten im Alter von 46 und 51 Jahren vor, in Verdacht zu stehen, personenbezogene Daten gefährdend verbreitet zu haben. Um welche Personen könnte es sich in dem Fall handeln? Vor einem Jahr hatte die Sabah Avrupa den Aufenthaltsort von Cevheri Güven aufgedeckt und darüber berichtet. Lange Zeit blieben die Journalisten bis auf einige sehr kritische deutsche Medienberichte unbehelligt. Cevheri Güven steht in der Türkei unter dringendem Tatverdacht, Mitglied der Fethullahistischen Terrororganisation (FETÖ) zu stehen. Er lebt nach seiner Flucht aus der Türkei über Griechenland in Deutschland. Erst gestern veröffentlichte die Sabah in der Türkei wie auch Sabah Avrupa in Europa einen weiteren Bericht in Zusammenhang mit Cevheri Güven, bei der es diesmal um den resignierten Präsidentschaftskandidaten Muharrem Ince von der Memleket Partei ging. Worum es da ging? Die Sabah wie auch Sabah Arupa berichteten über Verhaftungen von mehreren Twitter-Usern, darunter dem Gründer des Umfrageinstituts Avrasya, Kemal Özkiraz, der oppositionsnah gilt. Mit ihm wurden 13 weitere Personen verhaftet, die in Zusammenhang mit einer Schmutzkampagne gegen Muharrem Ince stehen. Des Weiteren führt die Spur auch zu Cevheri Güven, aus dessen Umfeld ebenfalls dieselbe Schmutzkampagne geführt wurde. Nach den Verhaftungen dieser Twitter-User in der Türkei, erhöhte sich der Druck auf die Drahtzieher dieser Schmutzkampagne, die mit einem Sex-Skandal angeführt wurde. Auch gegen Cevheri Güven, Oktay Yaşar, Ali Yeşildağ sowie Ethem Gürbaş liegen nach den Ermittlungen der türkischen Staatsanwaltschaft Haftbefehle vor. Hat Deutschland bei der Manipulation des türkischen Wahlkampfs bzw. bei der Wahl des Präsidenten indirekt mitgewirkt? Wollte man den Kontrahenten von Kemal Kılıçdaroğlu, seinen ehemaligen Weggefährten Muharrem Ince aus der Gleichung nehmen, um die Wahl zugunsten des Oppositionsbündnisses zu gestalten. Offensichtlich gerieten in Deutschland deshalb einige in Panik und drückten auf den Knopf. Das Ergebnis: zwei Verhaftungen, eine Behandlung als würde man einen Terroristen erkennungsdienstliche registrieren. Nach mehreren Stunden in der Wohnung und einigen Stunden im Polizeipräsidium in Darmstadt wurden die zwei Journalisten freigelassen. Die beschlagnahmten elektronischen Geräte und Datenträger wurden jedoch einbehalten. Das heißt, der Grund der polizeilichen Razzia muss nicht zwangsläufig mit der Veröffentlichung von Personendaten stehen. Vielmehr erweckt es den Anschein, dass die Spur der Wahlkampf-Manipulation gegen den ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Muharrem Ince nach Deutschland führt. Nicht das erste Mal, dass die deutschen Sicherheitsbehörden in Panik geraten. 2017 berichtete als einzige Susanne Güsten im Tagesspiegel im Klartext, wem die türkische Nachrichtenagentur Anadolu Ajansı nach langer Recherchearbeit in Deutschland auf die Schliche kam: Adil Öksüz, der Blackbox der Gülen-Sekte und des gescheiterten Putschversuchs in der Türkei. Öksüz befand sich demnach in Berlin. Güsten schaffte es auch als einziger, das LKA in Berlin darauf anzusprechen und damit klarzustellen, dass die Bundesregierung den Mann inoffiziell deckt. Denn, kurz vor Eintreffen der Anadolu Ajansı im Wohnort von Adil Öksüz in Berlin, wurde Öksüz von LKA-Beamten rechtzeitig in eine andere nicht bekannte Adresse verlegt.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
 

Khordad-Ereignisse
Iran: Als Aserbaidschaner mit Kakerlaken verglichen wurden

ein Gastbeitrag von Adil Shamiyev Nach der Veröffentlichung einer Karikatur in der staatlichen Tageszeitung Iran am 12. Mai 2006, die viele Angehörige der iranischen aserbaidschanischen Gemeinschaft beleidigte, kam es in Städten im Nordwesten des Irans zu Massendemonstrationen. Der Cartoon beschrieb neun Methoden des Umgangs mit Kakerlaken, indem er ein persischsprachiges Kind und eine Kakerlake darstellt. Bei der ersten Methode, als die Kakerlake ihn nicht versteht, beschließt das Kind, mit der Kakerlake in „Kakerlakensprache“ zu sprechen, aber die Kakerlake versteht nicht einmal ihre „eigene“ Sprache und antwortet mit „Namana?“ („Was?“ in aserbaidschanischer Sprache) wurde die Karikatur von den Menschen als Beleidigung für iranische Aserbaidschaner interpretiert. 1) „Die heißen Sommertage stehen vor der Tür. Wir werden wieder von Kakerlaken umgeben sein. Kakerlaken sind keine Tiere, vor denen man sich fürchten muss. Aber das Problem ist, dass sie frech sind und niemand weiß, was man mit ihnen machen soll. Deshalb muss ich euch ein paar Taktiken beibringen, wie ihr Kakerlaken davon abhalten könnt, auf euch zu scheißen. Das Problem ist, dass Kakerlaken die menschliche Sprache nicht verstehen. Da die Kakerlakensprache schwer zu verstehen ist, sprechen 80 % der Kakerlaken lieber andere Sprachen als ihre eigene. Wie soll man sie verstehen, wenn Kakerlaken nicht einmal ihre eigene Sprache verstehen können! Aus diesem Grund ist es schwierig, mit ihnen verbal zu diskutieren, und süße, gewalttätige Methoden sind unvermeidlich“. 2) Zweite Methode: Da die Hauptnahrungsquelle für Insekten menschliche Exkremente sind, leben sie in Abwasserkanälen und ernähren sich von menschlichen Exkrementen. Befriedigen Sie Ihre natürlichen Bedürfnisse eine Zeit lang nicht in Toiletten, sondern im Garten oder unter Bäumen. Dadurch wachsen sowohl Ihre Bäume als auch die Blumen in Ihren Gärten besser, und die Nahrungsquellen für Insekten werden abgeschnitten und sie werden vor Hunger „sterben“. 3) Die dritte Methode: Insekten fressen unser Produkt (Kot). Einige Tiere fressen auch Insekten, zum Beispiel Hühner, Krähen, Frösche und Eidechsen. Sie können jedes dieser Tiere in Ihren Wohntoiletten halten, um diese Insekten auszulöschen. Nach zwei Monaten werden diese Insekten ausgestorben sein. 4) Die vierte Methode: Eines der Dinge, die in die Albträume von Insekten eindringen, ist ein Pantoffel. Vor Millionen von Jahren nutzten „Primitive“ diese Waffe, um Insekten zu vertreiben. Insekten fallen auf den Rücken und versuchen aufzustehen, nachdem sie von einem Pantoffel getroffen wurden. Kitzeln Sie sie in diesem Fall mit einer Hühnerfeder. Sie lieben es, gekitzelt zu werden und zu lachen. Schlagen Sie ihnen in diesem Moment so heftig auf den Kopf, dass sie sterben. 5) Die fünfte Methode: Um Insekten loszuwerden, können auch Insektizide eingesetzt werden. Es gibt zwei Arten dieser Medikamente: gasförmige und flüssige. Sie können die Flüssigkeit in die Toilette hinunterspülen. Sprühen Sie die gasförmigen Stoffe in Ihre Toilette. Verwenden Sie diejenigen, die in Teigform vorliegen und in einer Form, die sie essen können. 6) Die sechste Methode: Sofern Sie nicht in der Lage sind, von Pantoffeln oder Insektiziden zu profitieren, haben Sie keine andere Wahl, als direkt dagegen anzukämpfen. Sie können sie mithilfe von Ringen-Techniken niederschlagen. Seien Sie nicht überrascht, wenn Sie mit dieser Methode nicht das erwartete Ergebnis erzielen, denn in den letzten Jahren ist unser Ringen zurückgegangen und Insekten haben in diesem Bereich einen Vorteil erlangt. 7) Die siebte Methode: Finden Sie die stärksten (am meisten respektierten) Insekten und demütigen Sie sie vor allen anderen. Geben Sie ihm zum Beispiel einen mit Wasser gefüllten Aftafa und befehlen Sie ihm, alle vier Beine anzuheben – natürlich vier Beine, denn es sind vier Beine (4-beinig wird im Persischen bildlich für ein Tier verwendet) –. Rufen Sie dann die anderen Insekten auf, ihm als Beispiel zu folgen. Am besten schlagen Sie mit der Hausschuhe gegen den Kopf und bringen Sie ihn um, ohne die Arbeit zu verzögern und zur Erleichterung aller. 8) Achte Methode: Insekten heiraten und bringen eine Menge Kinder zur Welt, sobald die Schnurrhaare zu schwitzen beginnen. Aus diesem Grund nimmt ihre Zahl rapide zu. Eine Möglichkeit, Insekten zu bekämpfen, besteht darin, ihnen die Paarungsbedingungen zu erschweren. Wenn Sie die Kaution und die Miete auf das Fünffache des normalen Betrags erhöhen, damit sie auf der Toilette sitzen können, wird niemand seine Tochter diesen verwöhnten Teenager-Lumpensäcken überlassen. Es wäre großartig, wenn die Armee ihnen helfen und sie rekrutieren würde, denn sie sterben, bevor sie ihren Militärdienst (2 Jahre im Iran) beenden. 9) Die neunte Methode: Wenn Ihre Vernichtungsversuche nach dem Ausprobieren aller dieser Methoden immer noch scheitern, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als in friedlicher Form zusammenzuleben. Aber es kann sein, dass sie ihre Gesichter nicht mehr sehen wollen. In diesem Fall können Sie sie zu einem plastischen Chirurgen bringen und sie wie Nachtigallen und Spatzen aussehen lassen. Die in der Geschichte zum Ausdruck gebrachte Anti-Türkismus-Haltung löste eindeutig den Zorn von 10 Millionen ortsansässigen aserbaidschanischen Türken im Iran aus. Die Kontroverse führte im Mai 2006 zu massiven Protesten in den mehrheitlich von Aserbaidschanern bewohnten Städten Täbris, Urmia, Ardabil, Zanjan und Naghadeh (Sulduz) sowie in einer Reihe kleinerer Städte. Die Hauptforderung der Demonstranten war eine Entschuldigung seitens der iranischen Zeitung und des Künstlers. Da es sich bei der iranischen Zeitung um das offizielle Presseorgan der iranischen Regierung selbst handelt, bekam die Entschuldigung eine etwas andere Bedeutung. Als die Entschuldigung schließlich ausgesprochen wurde, war es zu spät. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Protest bereits eine solche Dynamik erreicht, dass nur noch eine Anerkennung, Billigung oder Entschuldigung seitens der Regierung und des Obersten Führers, des „rahbar“ Ayatollah Khamenei, genügen konnte. Am 28. Mai wandte sich schließlich der „rahbar“ Ayatollah Khamenei selbst an die Nation und sprach über die Ereignisse in Aserbaidschan. Er lobte erneut die Aserbaidschaner für ihre Religiosität, ihren Patriotismus und ihre harte Arbeit und beschuldigte ausländische Kräfte, die Unruhen anzuzetteln. Als die Regierung das Ausmaß der Unruhen und die Möglichkeit einer Fortsetzung erkannte, veranlasste ein Teheraner Gericht die rasche Schließung der Zeitung und inhaftierte den Herausgeber und die Künstler (Mehrdad Gasymfar und Man Neiestani[en]) unter dem Vorwurf, iranische Aserbaidschaner zu provozieren, Unruhe im Land zu stiften und das Ausland aufzuwiegeln. Nach Angaben von Amnesty International wurden Hunderte von Aserbaidschanern verhaftet und Dutzende getötet. Der Iran sprach offiziell von 330 Verhafteten und 4 Toten. Nach Angaben der GAMOH (Die Bewegung des Nationalen Erwachens in Südaserbaidschan) wurden mehr als 5000 Demonstranten verhaftet und gefoltert, und 150 Menschen wurden vermisst. Viele wurden vor Gericht gestellt und zu Haftstrafen oder Auspeitschungen verurteilt. Da die iranische Regierung nach Angaben der Organisation Demonstranten verbrannt und bei lebendigem Leib im Urmia-See ertränkt hat, ist die Zahl der Toten unbekannt. Irans Geheimdienste führten in den Monaten nach den Unruhen weiterhin Massenverhaftungen durch. Obwohl die Massenproteste damit begannen, dass die Zeitung „Iran“ sie beleidigte, standen sie in Wirklichkeit im Zusammenhang mit dem jahrelangen Druck des persischen Chauvinismus auf Aserbaidschaner. Den Experten zufolge löste der moralische Druck und die Beleidigungen der Behörden gegen Aserbaidschan seit 100 Jahren schwere Wut in der Bevölkerung aus und das aserbaidschanisch-türkische Volk demonstrierte damit seine gesellschaftspolitische Position: Eine beleidigende Karikatur reichte aus, um die unterdrückte Wut zum Ausbruch zu bringen seit vielen Jahren wie ein Vulkan. Die iranischen Aserbaidschaner, die hauptsächlich im Nordwesten des Irans leben und Aserbaidschanisch-Türkisch sprechen, fordern seit vielen Jahren von den iranischen Behörden, dass sie ihr Recht auf Bildung in ihrer eigenen Sprache respektieren. Artikel 15 der iranischen Verfassung erlaubt „die Verwendung von Regional- und Stammessprachen in der Presse und den Massenmedien sowie den Unterricht ihrer Literatur in den Schulen … zusätzlich zum Persischen“. Während der Staat für die Mehrheitsbevölkerung Unterricht in der/den Amtssprache(n) des Staates anbietet, haben Angehörige von Minderheiten das Recht, Schulen zu gründen und zu unterhalten, in denen Unterricht in ihrer eigenen Sprache erteilt wird, sofern sie den vom Staat festgelegten Mindestbildungsstandards entsprechen. Die Eltern haben ein Vorrecht auf die Wahl der Art der Bildung, die ihren Kindern zuteil werden soll. Dies schließt das Recht ein, für ihre Kinder andere als die von den staatlichen Behörden eingerichteten und unterhaltenen Einrichtungen zu wählen.Nach internationalem Recht haben Angehörige von Minderheiten das Recht, ihre eigene Sprache privat und öffentlich frei und ohne Einmischung oder irgendeine Form der Diskriminierung zu verwenden. Die Staaten können das Recht, die eigene Sprache zu verwenden, nicht verweigern. Es ist der 17. Jahrestag der blutigen Mai-Ereignisse im Iran im Jahr 2006 – Khordad-Ereignisse. Am 20. Mai wird in Berlin (Deutschland) eine Protestaktion dazu stattfinden. Am 20. Mai um 14.00 Uhr wird der Marsch vom Platz vor der Staatsbibliothek (Unter der Linden 8) zum Pariser Platz mit Auftritten auf der vor dem Brandenburger Tor aufgebauten Bühne fortgesetzt. Es wird erwartet, dass südaserbaidschanische politische Aktivisten aus vielen europäischen Ländern an der Aktion teilnehmen, die unter dem Motto „Freiheit, Gerechtigkeit, nationale Regierung“ stattfindet.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

Zum Thema

– Historie – Die sozio-kulturelle Lage der Süd-Aserbaidschaner im Iran seit 1828 bis heute

Seit Mitte September 2022 dauern Proteste im multiethnischen Vielvölkerstaat Iran gegen die autoritäre Regierung. In folgendem Beitrag wird die sozio-kulturelle Lage der größten Minderheit Irans – der Süd-Aserbaidschaner – erläutert.

Die sozio-kulturelle Lage der Süd-Aserbaidschaner im Iran seit 1828 bis heute